
Yardbirds – Five Live Yardbirds (1964)
Das erste Album der Yardbirds ist ein reines Livealbum. Zu dieser Zeit bestand die Band aus Keith Relf (Gesang und Mundharmonika), Eric Clapton (Gitarre), Jim McCarty (Schlagzeug), Chris Dreja (Rhythmusgitarre) und Paul Samwell-Smith (Bass). Sie spielten Rhythm & Blues und bewegten sich damit musikalisch eher in Richtung der Rolling Stones als der langsam immer populärer werdenden Beatles.
Die Aufnahmen aus dem berühmten Marquee Club beginnen mit „Too Much Monkey Business“ (Chuck Berry), einem handgemachten elektrischen Rock’n’Roll. Mehr Blues-Rock folgt mit „I Got Love If You Want It“ (Slim Harpo). Der E-Gitarren-Sound ist bemerkenswert kraftvoll. Der Blues-Zug fährt weiter mit „Smokestack Lightning“ (Howlin’ Wolf), und hier wird deutlich, dass ohne Blues kein Rock entstanden wäre – Rock entsteht nämlich aus dem Blues und genau aus solchen Nummern, gespielt wie hier.
Wieder wird eine Mischung aus Rock’n’Roll und Blues geboten: „Good Morning Little Schoolgirl“. In ähnlicher Spielweise geht es weiter mit „Respectable“ (Isley Brothers). Der Song hat etwas Besonderes – das liegt am mehrstimmigen Gesang und dem mitreißenden Rhythmus, der durchaus den Schwung einer guten Beatles-Nummer hat. Also doch nicht ganz so weit entfernt vom Stil der Pilzköpfe, wie zunächst gedacht.
„Five Long Years“ (Eddy Boyd) ist ein richtiger Standard-Blues. Die Aufnahmequalität schwankt ziemlich, was zunächst vermuten lässt, dass die Aufnahmen bei verschiedenen Auftritten entstanden sind – tatsächlich stammen aber alle vom 20. März 1964. Bo Diddley’s „Pretty Girl“ ist echter Rhythm & Blues. „Louise“ stammt im Original von John Lee Hooker und setzt die Blues-Tradition fort.
Blues-Rock ohne Ende: „I’m a Man“. So rockt und funktioniert Blues-Rock seit vielen Jahrzehnten sehr gut. Am Ende wird noch einmal etwas Beat-Schwung aufgenommen, und das Publikum verabschiedet die Band stürmisch mit „Here ‘This“ – auch eine richtig fetzige Nummer, die super mitreißt.
Ein sehr schönes Live-Album. So gefällt mir die Mischung aus Blues, Rock’n’Roll und Beat der frühen 60er Jahre richtig gut. Drei Songs bleiben dabei besonders im Gedächtnis: „Smokestack Lightning“, „Respectable“ und „Here ‘This“. Danach musste jeder Besucher des Marquee Clubs verschwitzt, aber glücklich gewesen sein. (591)

Gabriel Yared – Betty Blue 37°2 Le Matin (1986)
Bei den meisten Soundtracks liegt der Kaufgrund darin, dass einem ein Teil der Filmmusik, der meist mehrfach verwendet wird, noch lange nach dem Film im Gedächtnis bleibt und man das Stück beim Hören besonders mag. Bei vielen Soundtrack-Käufen würde daher eigentlich eine Single mit genau dieser Melodie (Theme) vollkommen ausreichen. Die Musikindustrie ist jedoch keineswegs dumm und weiß genau, was der Hörer möchte. Will man ein bestimmtes Stück, war es vor der Einführung von Downloads, die den Einzelkauf ermöglichen, notwendig, den gesamten Soundtrack zu erwerben. So habe ich das auch öfter gemacht.
Auch beim Soundtrack zu „Betty Blue 37,2 Grad am Morgen“ gibt es ein Thema, das häufig verwendet wird und das im Film sogar von den Hauptakteuren selbst gespielt wird. Dieses Thema mag ich sehr.
Die Filmmusik zu dem Film stammt von Gabriel Yared und ist überwiegend an Jazz angelehnt. Zu Beginn des Soundtracks fängt das Stück „Betty et Zorg“ mit einem sanften Saxophon ein. Anschließend entwickelt sich das Stück sanft und akustisch weiter. „Des orages pour la nuit“, bei dem elektronische Synthesizer-Streicher eingesetzt werden, erzeugt Spannung und gefällt mir ebenfalls gut.
Der Film handelt übrigens von einem lebenshungrigen Paar: Einem Alleskönner, der eigentlich Autor werden möchte, und seiner jungen Geliebten, die immer wieder von heftigen emotionalen Ausbrüchen geprägt ist. Heute würde man dies vermutlich als „Borderline“ bezeichnen, doch zum Zeitpunkt des Filmstarts war dieser Begriff noch nicht üblich.
Das Musikthema, das mich nach dem Film nicht mehr losgelassen hat, ist bei „Cargo Voyage“ erstmals kurz zu hören. Es vermittelt verspielte Sommerfreude.
Das Akkordeon und die Jahrmarktklänge in „La poubelle Cuisine“ folgen einem ähnlichen Stil, ebenso wie „Humecter La Monture“, das jedoch etwas poppiger klingt. Diese Teile der Filmmusik gefallen mir weniger, zumal sie recht kurz sind.
Klassische Klaviermusik findet sich in „Le Petit Nicolas“. Dagegen wirkt „Gyneco Zebre“, das an den Dschungel erinnert, ganz anders. Den Jazzrock von „Comme les deux doigts de la Main“ finde ich besser. Auch hier ist mein Lieblingsthema wieder eingearbeitet, auch wenn das Stück wiederum recht kurz ist.
Das Saxophon vom Anfang kehrt in „Zorg et Betty“ zurück. „Chile con Carne“ präsentiert sanften Bossa-Nova-Jazz. In „C'est le Vent“ wird mein Lieblingsthema als Klavierstück gespielt – wunderschön – und wechselt anschließend in eine Pop-/Rock-Version, die mir glücklicherweise ebenfalls gefällt. Dieses Stück macht den Kauf des gesamten Soundtracks für mich vollkommen wert.
Verträumter Jazz erklingt in „Un Coucher De Soleil Accroché Dans Les Arbres“. „Lisa Rock“ steht für Rock’n’Roll, während „Le Coeur En Skai Mauve“ eine unheilvolle Atmosphäre schafft. „Bungalow Zen“ wiederholt das Hauptthema ein weiteres Mal, erneut natürlich sehr schön. Eigentlich ist es eine ganz einfache Melodie, in die ich mich verliebt habe – doch gerade diese Einfachheit macht sie so reizvoll.
Das Titelstück „37°2 Le Matin“ präsentiert sich im atmosphärischen Jazzgewand. Am Ende erklingt nochmals die Jahrmarktmusik, die auch direkt zu Beginn des Films zu hören ist. Sie legt den Ton für die verschwitzte, sommerliche, aber zugleich melancholische Liebesgeschichte fest.
(511)

Yellow Magic Orchestra – Yellow Magic Orchestra (1978)
Die erste Seite beginnt und endet mit dem Sound alter Computerspiele. Der zweite Song, „Firecracker“, ist perfekte elektronische Musik mit typischen japanischen Melodieelementen. Er zeigt den Trend dieses Albums, Musikstile aus früheren Zeiten aufzugreifen und daraus moderne elektronische Discomusik zu schaffen. „Simoon“ könnte aus einem Trickfilm stammen, dessen Handlung in den 1920er Jahren spielt. „Cosmic Surfin“ ist eine Disco-Nummer, die stärker von Giorgio Moroder als von Kraftwerk geprägt ist.
Das erste Stück der zweiten Seite, „Tong Poo“, ist wie „Firecracker“ ein weiterer früher Glanzpunkt der Band. „La Femme Chinoise“ verbindet eine chinesische Melodie mit moderner Discomusik.
Trotz dieser Verspieltheit bleiben die Melodien von YMO sofort im Ohr und hinterlassen einen bleibenden Eindruck.
„Mad Pierrot“ ist reich an Soundfolgen und Eindrücken und webt daraus eine wilde Mischung.
Obwohl sie nur zu dritt sind, erschaffen Haruomi Hosono, Yukihiro Takahashi und Ryuichi Sakamoto – mit Hilfe ihres Programmierers Hideki Matsutake, der als „Logic System“ selbst bekannt wurde – Musik, die so symphonisch klingt wie ein Orchester. Daher passt der Bandname sehr gut. Das Album ist typisch japanisch und verspielt, teilweise bis ins Verrückte, doch die Melodien lassen einen oft nicht mehr los. Es macht Spaß, und auf dem Gebiet der elektronischen Musik leisteten sie Pionierarbeit, weshalb sie neben deutschen und britischen Vertretern nicht übersehen werden dürfen. (60)

Yellow Magic Orchestra – Solid State Survivor (1979)
„Technopolis“ ist eine Mischung aus Discofunk und Synthesizer-Musik. Flott gespielt, könnte der Titel gut als Musik für eine SF-Zeichentrickserie oder einen Anime aus den späten 70ern funktionieren. Irgendwie hat das Stück ein tolles „Helden-Thema“ in sich. Wirklich schon eine frühe kleine Techno-Melodie ist „Absolute Ego Dance“. Die drei Musiker verleihen der Nummer jedoch einen orchestralen Klang. Synthesizer-Big-Band-Disco-Pop. Ausgereiften Elektro-Sound für 1979 bietet die Nummer „Rydeem“ – eine tolle Komposition. Nicht ganz so flott wie die zuvor genannten Nummern, dafür mit mehr Atmosphäre, ist „Castalia“.
Die Seite zwei beginnt mit dem erfolgreichsten Song der Band: „Behind the Mask“. Rückblickend ist es eine schöne Pop-Nummer mit Vocodergesang und einer prägnanten Melodie, die aber ihre Zeit zeigt. Mit „Day Tripper“ folgt ein Beatles-Cover im aktualisierten Synth-Rock-’n’-Roll-Gewand. Man würde den Song jetzt nicht unbedingt als Beatles-Stück erkennen (ich jedenfalls nicht). Auffällig auf diesem Album ist das ungewöhnliche E-Gitarrensolo bei diesem Song. Ansonsten wirkt die Nummer etwas anarchistisch.
Erheblich ruhiger wird es mit „Insomnia“. Die fast instrumentale Synthesizer-Nummer ist gut gelungen und etwas für Kraftwerk-Fans. Wenn es auf dem Album Texte gibt, die nicht von den Beatles stammen, zeichnete dafür Chris Mosdell verantwortlich.
Das Titelstück „Solid State Survivor“ ist wieder poppiger und etwas überdreht, bietet aber interessante Soundideen und Effekte für diese Zeit.
Das Album enthält souveräne Instrumentalstücke. Für den heutigen Hörer wirken einige der Pop-Songs vielleicht etwas überdreht, doch es zeigt eine konsequente Weiterentwicklung im Sound und bei den neuen Möglichkeiten in der elektronischen Musik im Vergleich zum ersten Album. Und es werden noch weitere Platten folgen. (231)

Yes – Yes (1969)
Eine Liveband betritt das Studio und steht vor einem Problem, denn mit Studiotechnik kennt sie sich nicht aus, und ihr Produzent hat bislang nur Filmmusiken aufgenommen. Deshalb waren die ersten Studioaufnahmen für die Band mit den Gründungsmitgliedern Chris Squire, Peter Banks und Jon Anderson sicherlich keine schöne Erfahrung. Das Ergebnis ist jedoch besser, als man angesichts dieser Ausgangssituation erwarten würde. Das Album enthält zwei Coverversionen: „I See You“ (The Byrds) und „Every Little Thing“ (Beatles).
„Beyond and Before“ ist ein Song, der noch aus der Zeit von Chris Squires Vorgängerband „Mabel Greer’s Toyshop“ stammt. Es ist ein guter Rocksong mit eindrucksvoller Rockgitarrenarbeit und einem Gesang, der an die Beatles erinnert. „I See You“ ist in dieser Fassung ein wirklich gelungener Song und zeigt die Stärken der Band. Der improvisierte, an Jazz erinnernde Teil ist besonders stark. Leider übertreiben sie es meiner Meinung nach auf späteren Platten häufig mit diesem Improvisationstalent, was jedoch für Prog-Rock-Bands typisch ist und sich daher auch auf andere Gruppen übertragen lässt, die zu wenige gute Songs liefern. Aber das ist nur meine persönliche Meinung.
Das sanft von Jon Anderson vorgetragene „Yesterday and Today“ gefällt ebenfalls sehr gut. „Looking Around“ erinnert dank der Keyboardarbeit von Tony Kay direkt an „Emerson, Lake & Palmer“ und ist eine typische, klassische Prog-Rock-Nummer, die trotzdem ordentlich rockt. Dieses Album gefällt mir wirklich gut.
Auch richtig gut ist „Harold Land“. „Every Little Thing“ hingegen überzeugt nicht wirklich und will nicht funktionieren. Passend dazu heißt der nächste Song „Sweetness“. Dieser Titel war auch die erste Single der Band, mit dem Stück „Something’s Coming“ als B-Seite. Letzteres ist ebenfalls als Bonusstück auf der CD enthalten, neben einigen frühen Aufnahmen anderer Songs. „Something’s Coming“ stammt ursprünglich aus der „West Side Story“.
Das ursprüngliche Endstück der Platte, „Survival“, beginnt mit einem kraftvollen rockigen Anfang, wird dann plötzlich ruhig, was meiner Meinung nach nicht nötig gewesen wäre, und klingt lieblich, ähnlich wie bei einer Mike Oldfield-Platte. Mit zunehmender Lauflänge gewinnt der Song etwas an Kraft, findet aber leider nicht zum starken Anfang zurück. (140)

Yo La Tengo – New Wave Hot Dogs (1987)
Indie-Alternative-Rock aus der zweiten Hälfte der 1980er Jahre und das zweite Album der Band. Zu Beginn ist der Stil eher ruhig und erinnert an R.E.M. sowie an das Songwriting von Lloyd Cole. Mit „House Fall Down“ wird es lauter und eigenwilliger, bevor es mit „Lewis“ schön folkig wird. „Lost in Bressemer“ ist eine kurze akustische Instrumentalnummer. Es folgen zwei weitere angenehme ruhige Stücke, danach zieht das Tempo erneut an. Das Album ist insgesamt sehr abwechslungsreich und bietet viele gute Songs, die gefallen. Es bewegt sich irgendwo zwischen den genannten Lloyd Cole, Buffalo Tom und The Velvet Underground, hat jedoch seinen ganz eigenen Stil. Ich habe diese Band für mich wirklich viel zu spät entdeckt.(95)

Yo La Tengo – This stupid World (2022)
Die Alternative-Rock-Helden beginnen ihr neuestes Album mit verzerrtem Gitarrensound. Fans von Sonic Youth und Dinosaur Jr. werden mit „Sinatra Drive Breakdown“ bereits zufrieden gestellt. „Fallout“ ist ein kraftvoller Song mit sanftem Gesang – eine sehr schöne Nummer.
Während bei „Tonight's Episode“ verzerrte Hintergrundgeräusche präsent bleiben, übernimmt ein treibender Bass die Tempoarbeit. Bei „Aselestine“ singt Georgia Hubley, und wir hören einen sanften Song, der stark an Velvet Underground und die 60er Jahre erinnert – ebenfalls sehr gelungen. Der Stil ändert sich bei „Until it Happens“ nur leicht, hier übernimmt Ira Kaplan wieder den Gesangspart. „Apology Letter“ bleibt sanft und nahezu akustisch. „Brain Capers“ zieht das Tempo wieder an, allerdings ist die Sologitarre für meinen Geschmack etwas zu stark verzerrt. Sehr dröhnend (drone) präsentiert sich das Titelstück „This Stupid World“. Der verzerrte Gitarrensound bleibt bis zum Ende des Liedes konstant, ein ruhiger Gesang bringt etwas Harmonie in die Disharmonie. Abschließend rundet „Miles Away“ den Alternative-Indie-Rock-Charakter mit Shoegazing ab. Auch der zweite Einsatz von Georgia Hubley am Mikrophon passt sehr gut dazu.
Ein gutes Album für alle Alternative-Rock-Fans der alten Schule sowie für diejenigen, die den Stil neu entdecken wollen. Lohnt sich. (72)

Yin Yin – The Rabbit that hunts the Tiger (2019)
Yin Yin verbinden südostasiatische und lateinamerikanische Einflüsse mit westlichem Pop und Rock. Diese Mischung ist zum Teil gelungen und weckt Interesse. Ein Song wie „Pingxang“ funktioniert recht gut und vermittelt einen guten Eindruck davon, wie die restliche Musik von Yin Yin klingt. Noch mehr Schwung und Disco-Rhythmus verleihen „One Inch Punch“ sogar eine noch bessere Wirkung.
Der etwas romantisierte Sound, der an Asien erinnert, wie bei „Lotus“, wirkt dagegen schon ziemlich kitschig. Besser gelingt der Worldmusik-Rock-Pop-Mix bei „Thom Ki Ki“. Trotzdem empfinde ich die Musik von Yin Yin als zu gefällig – sie eignet sich eher als Hintergrundmusik als für den Vordergrund. Es fehlt etwas Fesselndes. Hat man einmal gehört, wie Yin Yin klingt, bietet ihre Musik leider keine großen Überraschungen mehr: Sie variiert zwar, aber zu wenig für wirkliche Abwechslung. Wieder einmal handelt es sich um ein Album, dessen Songs einzeln durchaus gut funktionieren, wie etwa „Alpaca Mountain“. Doch sobald der Schwung verloren geht, geht auch meine Lust am Zuhören zurück, weil mich die Musik emotional kaum anspricht. Dann hat es die Musik wirklich schwer bei mir. Yin Yin sollten sich für ihre nächsten Platten ruhig ein paar Ecken und Kanten zulegen – dann könnte es besser zwischen mir und der Band klappen.
Mit „Kroy Wren“ schaffen es Yin Yin dann doch noch einmal, mich von ihren Qualitäten zu überzeugen. Sie finden eine andere Art, ihren Ethno-Mix zu präsentieren, und der Song hat eine schöne Leichtigkeit, die sehr gut funktioniert.
Der Disco-Sound in Kombination mit asiatischen Klängen ist bei „Sue Yé“ leider wieder abschreckend wirkungslos – einfach zu kitschig. Wegen solcher Songs bin ich während ihres Auftritts beim Traumzeit-Festival vor ein paar Jahren irgendwann zur nächsten Bühne weitergezogen.
Mal sehen, ob das Titelstück „The Rabbit that Hunts the Tiger“ noch etwas Besseres bietet. Auf jeden Fall ist der Basseinsatz gelungen, und die Discoelemente verschwunden. Stattdessen baut der Song eine Atmosphäre auf, die an Italowestern-Musik erinnert.
Ein kurzes, angenehmes Zwischenspiel bietet „A Ballad for Chong Wang“. Bei „The Sacred Valley of Cusco“ gefällt mir der Rockbass, und bei „Dis Ko Dis Ko“ geht es erneut in Richtung Disco.
Insgesamt bietet Yin Yin einen netten Mix aus Ethno-Weltmusik mit Pop-, Disco- und Rockelementen. Allerdings fehlt etwas, das das Hören über längere Zeit interessant macht. Man hat sich zu schnell sattgehört, und manchmal ist das, was Yin Yin über eine ganze Platte anbieten, einfach zu kitschig. Trotzdem finde ich es eine Leistung der Band, dass sie der Weltmusik wieder ein Stück weit neue Türen öffnet. Die Welt ist so riesig, und auch die Musik dort draußen ist vielfältig. (540)

Neil Young – Homegrown (2020)
Das zweiundvierzigste Studioalbum von Neil Young besteht aus Songmaterial, das er in den Jahren 1974 und 1975 aufgenommen hat. Während der Corona-Zeit hatte Young offenbar Gelegenheit, sein Archiv erneut durchzuhören. Die Fans freuen sich trotzdem, denn wenn das Material überzeugt, kann eine Veröffentlichung sinnvoll sein. Andernfalls erlebt der Künstler eine solche Plünderung seiner unveröffentlichten Schätze nach seinem Tod ohnehin nicht mehr selbst mit.
Bei zwölf Stücken und einer Laufzeit von 35 Minuten ist das Anhören des Albums auch keine zeitraubende Angelegenheit. Schon nach den ersten beiden Stücken erkennt man, was man von Neil Young erwarten kann: solides Singer/Songwriter-Material von jemandem, der sein Handwerk versteht. Ähnlich wie Bob Dylan bemüht er sich dabei nicht unbedingt, besonders zu überraschen oder etwas Überwältigendes zu liefern, sondern liefert verlässlich gute Arbeit ab. Allerdings klingen die Stücke häufig recht ähnlich. Bei ihm und Bob Dylan empfinde ich es etwas schade, dass sie dabei so selbstzufrieden wirken. Beide sind zwar zu Legenden der Musik geworden, doch von beiden erwartet man meist nur, dass sie das tun, was sie immer tun. Daher besitze ich von den zweiundvierzig Neil Young-Alben bisher nur drei Stücke in meiner Sammlung, bei Bob Dylan, der nicht wesentlich weniger produziert hat, ebenfalls nur drei. Von vielen unbekannteren Musikern, die ohne Heiligenschein unterwegs sind, habe ich deutlich mehr.
Meine gelassene Gleichgültigkeit gegenüber Youngs solidem Songwriting bleibt auch nach den ersten beiden Stücken erhalten. „Separate Ways“ und „Try“ sind solides Material, fallen aber nicht weiter auf. Beim fast melancholischen „Mexico“ spüre ich hingegen etwas Besonderes, eine beeindruckend traurige Note, die das kurze Stück prägt. Den Folk-Song „Love Is a Rose“ mag ich besonders gerne. Beim Titelstück „Homegrown“ könnte man sogar meinen, Ry Cooder habe die Gitarrenarbeit übernommen – ein großartiger Rocksong. Hier schafft es Neil Young tatsächlich, mich zu überraschen. Vielleicht merkt man dabei auch das Mitwirken von Leon Helm und Robbie Robertson von The Band, die bei den Aufnahmen unter anderem mitwirkten. Der Song selbst stammt allerdings aus den Aufnahmen mit Crazy Horse und wurde bereits auf dem Album „American Stars and Bars“ veröffentlicht.
Wer Beat-Poetry mag, kommt bei Young mit „Florida“ auf seine Kosten. Schönes Americana bietet „Kansas – 6/12/75“. „We Don’t Smoke It Anymore“ ist ein instrumentaler Blues. Mit „White Line“ folgt tatsächlich eine Zusammenarbeit mit Robbie Robertson – ebenfalls ein gelungener Americana-Song. Insgesamt mag ich die Musik auf diesem Album wohl mehr als auf anderen Young-Platten, da hier auf besondere Weise ein Mix aus The Band und Crosby, Stills, Nash & Young entsteht, was die Songs für mich interessant macht. „Vacancy“ ist beispielsweise ein toller Rocksong, das sanfte „Little Wing“ äußerst gelungen. Den Abschluss bildet die traurige Country-Ballade „Star of Bethlehem“.
Insgesamt ein schönes, vergessenes Album, dessen Hören Spaß gemacht hat. Dabei bin ich Neil Young als Hörer wieder etwas nähergekommen und habe erkannt, dass nicht alles, was er macht, gleich klingt. Nach Ende des Albums spielt mir der Streamingdienst „California“ von Joni Mitchell vor – einen Song, den ich erst vor Kurzem für mich entdeckt habe. Auch bei den US-amerikanischen Singer/Songwriterinnen der frühen 1970er Jahre habe ich oft das Vorurteil, dass sie alle mit hoher Stimme nur schöne Folksongs singen. Doch das ist natürlich großer Quatsch. Darauf folgen dann die Allman Brothers...(395)