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Terry Hall – Home (1994)

Terry Hall war Teil von „The Specials“, „Fun Boy Three“ und weiteren Projekten. Das erste Stück der Platte klingt allerdings eher wie eine Nummer von Dirk Darmstaedter (The Jeremy Days), was ich sehr mag. Das Stück heißt „Forever J“.

Damon Albarn, Andy Partridge und Nick Heyward haben alle in unterschiedlichem Umfang zum Album beigetragen. So klingt der Anfang von „You“ für mich schon sehr nach Damon Albarn, doch eigentlich ist es eine Power-Ballade mit einem Britpop-Einschlag.

Ich bin überrascht, dass das Album so anders klingt als der Reggae-Pop von The Specials. Es erinnert eher an Aztec Camera und Lightning Seeds, was nicht verwundert, da Musiker dieser Bands am Album mitgewirkt haben. Tatsächlich hat Ian Broudie, der Gitarrist von Aztec Camera, an den meisten Songs mitgeschrieben. Broudie hatte bereits bei The Colourfield mit Terry Hall zusammengearbeitet.

Dieser Stil setzt sich auch bei „I Drew a Lemo“ fort. Der Song klingt wie eine Mischung aus Lightning Seeds und Jeremy Days. Geschrieben hat Terry Hall den Titel aber gemeinsam mit Andy Partridge (XTC). Das gilt auch für das etwas kraftvollere „Moon on Your Dress“ – melancholischer Pop bleibt es jedoch.

Auch „No, No, No“ strahlt diesen Aztec-Camera-Vibe aus, den sicherlich auch Fans von Crowded House mögen können. Der Song wirkt allerdings etwas theatralisch.

Etwas druckvoller wird es bei „What’s Wrong with Me“. Hier war Nick Heyward Co-Autor. Doch allmählich wird das Album mit seiner verträumten Melancholie etwas einseitig. Etwas Fröhliches, Freundliches, Rockiges, Instrumentales oder einfach mehr Abwechslung würde der Platte guttun. Bisher war alles zwar sehr nett, aber es fehlt ein richtig herausragendes Stück.

„Grief Disguised as Joy“ erinnert an a-ha – auch ein netter Song, wenn auch nicht mehr. Am Bass hört man Les Pattinson von Echo & the Bunnymen.

„First Attack of Love“ ist dann etwas mehr als Rocksong angelegt, wird aber zum Refrain hin etwas kitschig.

Fast schon Schlager-Pop klingt „I Don’t Get You“. Offenbar muss Terry Hall zu dieser Zeit traurig verliebt gewesen sein – warum sonst klingt die gesamte Platte so?

Erst beim Bonustrack „Chasing a Rainbow“ hat Damon Albarn tatsächlich seine Hände mit im Spiel. Doch selbst er schafft es nicht, dem Album am Ende noch eine Überraschung zu verleihen. Der Song klingt wie „Forever J“, nur mit ein paar mehr Effektsounds und Synth-Klängen unterlegt.

Ich mag, was ich auf dem Album höre, doch es fehlt mindestens ein Lied mit einem eigenen Charakter, das nicht einfach wie ein Song von hier oder dort klingt, sondern wirklich nach Terry Hall. Das ist das Einzige, was ich nach dem Hören des Albums nicht weiß – vielleicht wusste es Terry Hall selbst damals nicht. Aber ehrlich gesagt: Wer britische Pop- und Rockmusik der 80er und 90er Jahre mag, kommt allein schon wegen des Personals an dieser Platte kaum vorbei. Es ist ein Album für melancholische Romantiker. (561)

Laurel Halo – Quarantine (2012)

Neue elektronische Musik entdecke ich gerade gerne für mich. Dabei wurde ich durch eine Rezension auf die Musikerin und DJ Laurel Halo aufmerksam, deren Debütalbum von 2012 ich nun höre. Das Magazin The Wire kürte es zum Album des Jahres.

„Airsick“ ist eine beeindruckende Mischung aus Elektrosounds und Gesang, die sich nur schwer einem bestimmten Genre zuordnen lässt. Der Wikipedia-Eintrag beschreibt die Musik als Avant-Pop, Elektronic und Ambient-Pop. Der zweite Song „Years“ überzeugt besonders durch den gut arrangierten Gesang und ist eher dem Art-Ambient-Pop zuzuordnen. Bei „Thaw“ passen die Bezeichnungen Ambient-Pop oder Art-Pop sehr gut, und mir gefällt der Song durch seine Beats und seine leicht verschrobene Art wirklich gut. Laurel Halo traut sich einiges: Sie spielt Töne und Glitches gegen die Melodie, und es funktioniert trotzdem hervorragend. Das experimentelle „Joy“ ist im Ambient- und Drone-Bereich angesiedelt. Die von mir sehr geschätzte Abwechslung auf elektronischen Alben ist bei diesem Werk definitiv gegeben.

Im Art-Pop-Modus präsentiert sich „MK Ultra“. Ein kurzes Zwischenspiel ist „Wow“. Mit den Sounds des Songs „Carcass“ erzeugt sie eine starke Wirkung – ein echtes Musikkunststück. Ein weiteres Zwischenspiel bildet „Holoday“. Den Anspruch von Kunst in der Musik von Laurel Halo finde ich sehr beeindruckend, weil die Songs dabei hörbar bleiben und nicht zu reinen Kunstobjekten werden. Viele Künstlerinnen und Künstler verheben sich daran, indem sie das Konzept über die Hörbarkeit eines einzelnen Songs oder der ganzen Platte stellen, was für mich manche Alben ruiniert hat.

Bei Laurel Halo funktioniert das auch bei „Morcom“. „Nerve“ gefällt durch die Klangkombination, ist aber eher ein weiterer Lückenfüller.

„Light + Space“ beendet das Album noch einmal mit außergewöhnlichem Ambient-Pop, der mich so sehr begeistert, dass ich auf jeden Fall mehr von Laurel Halo hören möchte. Schon wieder habe ich eine tolle Neuentdeckung gemacht – zum Glück endet es damit nie. (426)

Herbie Hanckock - River: the joni letters (2007)

Album 45 (!) des Jazz-Pianisten besteht aus Songs von Joni Mitchell. Einige Mitglieder seiner Begleitband haben, ebenso wie er selbst, bereits mit Joni Mitchell im Studio zusammengearbeitet. Diese Band setzt sich aus Wayne Shorter, Dave Holland, Vinnie Colaiuta und Lionel Loueke zusammen. Hinzu kommen die Gastsänger:innen Norah Jones, Tina Turner, Corinne Bailey Rae, Luciana Souza und Leonard Cohen. Bei einem Song ist auch Joni Mitchell selbst am Mikrofon zu hören. Das Album gewann 2008 den Grammy für das beste Album des Jahres.

„Court and Spark“ beginnt als Klavierstück, zu dem Bass und Schlagzeug einsetzen, und Norah Jones beginnt zu singen. Ab und zu fügt Wayne Shorter am Saxophon einen Ton ein. Alles zusammen ist meisterhaft gespielt und kombiniert, und der Instrumentalpart bietet hervorragenden Jazz. Die Produktion von Hancock und Joni Mitchells Ex-Ehemann Larry Klein lässt keine Wünsche offen. Zugegeben muss ich, dass mir das Wissen über die Originalsongs von Joni Mitchell, bis auf „River“ vom Album „Blue“, fehlt. Bei „Edith and the Kingpin“ überrascht der Gesang von Tina Turner – so habe ich sie bisher nicht gehört, und das ist durch und durch positiv gemeint. Auch hier ist der Instrumentalmittelteil wieder großartig arrangiert. Ohne Gesangsteil ist „Both Sides Now“ – spätestens jetzt wird deutlich, dass hier nicht einfach Jazzmusiker Joni Mitchells Songs neu einspielen. Die Songs werden zu Jazzstandards – und zwar nicht einmal Fusion, sondern reiner klassischer Jazz, der hervorragend funktioniert. Mit mehr Leichtigkeit singt Corinne Bailey Rae „River“ gekonnt und mit viel Zärtlichkeit in der Stimme. Von der zweimaligen Grammy-Gewinnerin muss ich auf jeden Fall noch mehr hören – das könnte eine Entdeckung sein. Ein weiteres Instrumentalstück ist „Sweet Bird“.

Joni Mitchell singt selbst bei „Tea Leaf Prophecy“ und beweist, dass ihre Stimme nichts an Kraft verloren hat. (Ich muss unbedingt mal in ihr Comeback-Live-Album „At Newport“ von diesem Jahr (2023) hineinhören.) Im Jahr 2007 veröffentlichte Joni Mitchell außerdem das Album „Shine“, auf dem sie zu ihren musikalischen Wurzeln zurückkehrte. Dies blieb bis jetzt ihr letztes Studioalbum. Ende März 2014 erlitt sie einen Schlaganfall, von dem sie sich nur langsam erholte.

Weiter im Album: „Solitude“ stammt nicht von Joni Mitchell, sondern von Edgar De Lange, Duke Ellington und Irving Mills. Welche Bedeutung das Stück für Mitchell hat, bleibt ungeklärt. Es wird jedoch nicht ohne Grund gespielt worden sein – vielleicht ist es ein Lieblingslied oder eine Inspirationsquelle. Mitte der 70er Jahre verstärkte sich der Jazzanteil in Joni Mitchells Musik immer mehr, und sie löste sich von ihren Singer-Songwriter-Anfängen.

Wieder mit Gesang, diesmal von Luciana Souza (auch ihr Gesang sollte öfter gehört werden), folgt „Amelia“. „Nefertiti“ ist die zweite Überraschung, da das Stück von Wayne Shorter stammt (vielleicht huldigt er hier einer Freundin). Mir fällt auf, dass mir die Stücke mit Gesang doch etwas besser gefallen. Das liegt sicherlich nicht an der Qualität der Aufnahme oder der Musiker, sondern wahrscheinlich daran, dass mir mein harmonisches Grundbedürfnis fehlt. Ich gebe zu, dass mir harmonischer, melodischer und weniger frei gespielter Jazz wie der von „Tingvall Trio“, „Go Go Penguins“ und „Mammal Hands“ mehr zusagt. Ebenfalls Kanadier wie Joni Mitchell ist Leonard Cohen, der hier über die gespielte Musik spricht und nicht singt – ein eher außergewöhnliches Ende. (128)

Lisa Hannigan – Sea Sew (2008)

Debütalbum. Das könnte meine kürzeste Plattenbesprechung aller Zeiten werden. Die Irin Lisa Hannigan war Mitglied in der Band von Damien Rice, startete mit „Sea Sew“ ihre Solokarriere und veröffentlichte anschließend noch zwei weitere CDs. Bei der dritten CD ließ sie sich von Aaron Dessner produzieren und arbeitete danach auch an Alben von The National sowie an anderen Projekten von Dessner mit.

Dieses wunderbare Debüt besteht aus akustischem Singer-Songwriter-Folk, der jedoch nicht traditionell, sondern meist poppig klingt. Wer die Musik von Feist und Dear Reader mag, wird diese Platte lieben. Ich tue es auf jeden Fall.(338)

Glen Hansard – Between Two Shores (2018)

Glen Hansard kenne ich und mag ihn sehr, seit er im Film „Once“ mitgespielt und musiziert hat. Danach habe ich auch den Soundtrack sowie die ersten Platten gekauft, die er mit The Swell Season und The Frames aufgenommen hat. Tatsächlich kannte ich ihn aber schon vorher, da er ja auch im Kultfilm „The Commitments“ (1991) als Gitarrist der Band mitspielte und zu hören war. Seit „Once“ schätze ich ihn als Musiker, der wunderbare Folk-Rock-Musik macht, die mal mehr Singer-Songwriter-Songs beinhaltet, aber auch schön rockig sein kann. Dabei fühlt sich das, was er macht, immer geerdet und ehrlich an, was man sowohl auf den Platten als auch bei seinen Konzerten spürt.

Erdige Rockmusik, die einnehmend und mitnehmend ist, einen schönen Drive hat und einfach gut klingt: „Roll on Slow“. Dieser Song ist auch herausragend produziert, alles passt zusammen, und die einzelnen Instrumente bekommen genügend Raum, um sich zu präsentieren. Außerdem hat es sehr viel Seele. Richtig gut und schon auch recht fett – ein toller Einstieg ins Album. Danach wird es ruhiger, der Soul nimmt mehr Raum ein, und im Refrain könnte der Song fast ein ganz ruhiger Klassiker der Rolling Stones sein. Sehr, sehr schön. Glen Hansard bedient sich aus dem klassischen Repertoire der Rock-, Soul- und Blues-Musik und verleiht diesem seinen eigenen Stempel. Produzent Dave Odlum war Gründungsmitglied der The Frames, verließ die Band jedoch nach dem ersten Album, um mit anderen Bands zu arbeiten. Später produzierte er erneut ein Album von The Frames und scheint mit Glen Hansard verbunden geblieben zu sein.

Es wechselt wieder mehr zum Rock bei „Wheels on Fire“ und wird wunderschön sanft bei „Wreckless Heart“ – einfach bezaubernd. Americana und Roots kann der brillante Glen Hansard ebenfalls sehr gut: „Movin' On“. Der atmosphärische Rocksong – das beherrscht Hansard perfekt, und ihm gelingen immer wieder außergewöhnliche Songs wie „Setting Forth“. Mir macht außerdem der Bläsereinsatz im gesamten Albumverlauf viel Freude; diese sind genau richtig gesetzt und tragen dazu bei, dass die Songs noch ein wenig zeitloser wirken, als sie es ohnehin schon sind. „Lucky Man“ ist schon ein kleines Meisterwerk.

Mit Melancholie gepaarter Rock findet sich in „One of Us Must Lose“, Singer-Songwriter-Folk in „Your Heart’s Not in It“ und sanfte, gefühlvolle Klänge in „Time Will Be the Healer“.

Eine Platte, die man eigentlich immer hören kann. Vielleicht geht gegen Ende etwas das Tempo zurück, doch die Kunst, zeitlosen Singer-Songwriter-Rock zu schaffen, kann man Glen Hansard nach dem Genuss dieses Albums auf keinen Fall absprechen.(469)

Harmonia – Musik von Harmonia (1974)

Eigentlich wollte Michael Rother Hans-Joachim Roedelius und Dieter Moebius (beide „Cluster“) davon überzeugen, ihn bei Livekonzerten seines Projekts „Neu!“ zu unterstützen. Doch bei den gemeinsamen Jamsessions der drei Musiker entstand eigene Musik, die die Welten von Cluster und Neu! auf wunderbare Weise miteinander verbindet. Das Stück „Watussi“ ist ein großartiges Beispiel für Elektronika, das mich sofort begeistert hat.

„Sehr komisch“ beginnt ruhig – mit einem gleichbleibenden Trommelrhythmus und einigen elektronischen Klängen. Nach zweieinhalb Minuten ändert sich die Klangfarbe, bleibt aber zunächst bei eher atmosphärischen Sounds. Während das erste Stück noch klare Electronica war, erinnert dieses mehr an Schulze und Tangerine Dream.

Danach wird es, zum Glück, wieder schneller, melodischer und rhythmischer: „Sonnenschein“. Zwar entwickelt sich die Melodie in den knapp vier Minuten nicht stark weiter, doch das ist hier nicht weiter störend. Fasziniert hat mich vor allem der treibende, etwas ungewöhnliche Percussion-Rhythmus, der fast maschinell wirkt.

Eine weitere typische Electronica-Nummer ist „Dino“, die mir ebenfalls sehr gut gefällt. Wer „Autobahn“ von Kraftwerk mag, wird daran seine Freude haben.

Verspielt und ungewöhnlich wirkt „Ohrwurm“, ist dabei aber zu experimentell, um richtig zu überzeugen. Sehr sanft und schön wiederum präsentiert sich „Ahoi“.

Mit einer tollen Sequenzermelodie sticht „Veterano“ als ein weiteres herausragendes Stück elektronischer Musik hervor. Sobald Sequenzer in die elektronische Musik einfließen, wird daraus mehr als nur eine atmosphärische Klanginstallation – es entsteht wieder Musik mit Rhythmus.

„Hausmusik“ vereint schließlich noch einmal die atmosphärische elektronische Musik und den Electronica-Sound der Band.

Das Album ist, ähnlich wie „Zuckerzeit“ von Cluster, eine schöne Neuentdeckung. Und auch an Rother, Roedelius und Moebius werde ich mich wohl weiterhin intensiv hören müssen. (652)

PJ Harvey – Stories from the City, Stories from the Sea (2000)

Album Nummer fünf von PJ Harvey hat sie zusammen mit ihren beiden Produzenten Rob Ellis und Mick Harvey eingespielt und produziert. Bei vier Stücken ist auch Thom Yorke mit dabei, unter anderem als Sänger beim Lied „This Mess we´re in“. Das finde ich einen amüsanten Zufall, da ich mich gerade durch die Radiohead-Discographie höre. Harvey selbst meinte, das Album sollte weniger extrem ausfallen als die Vorgänger und sieht es als ihr „Pop-Album“, auch wenn es von den meisten wohl nicht als solches eingeordnet wird. Mal sehen, wie viel Pop tatsächlich in dem Album steckt.

Den Rock mit Gitarren beherrscht PJ Harvey sehr gut. Schon bei „No Exit“ rockt sie richtig los, diesmal sogar eher klassisch und nicht ganz im Stil der frühen Patti Smith, obwohl sich die beiden Musikerinnen trotz des Altersunterschieds nicht ganz voneinander trennen lassen. Das Raue und die starke Orientierung am Punk haben beide einfach gemeinsam. Und so klingt PJ Harvey dann doch wieder ein Stück weit nach Patti, etwa bei „Good Fortune“, was auch gut so ist – denn dieser Song ist wirklich gelungen. Er besitzt sogar ein gewisses Pop-Feeling.

„A Place called Home“ ist ebenfalls ein richtig guter, anspruchsvoller Rocksong, der toll produziert wurde. Auch „One Line“ ist ein atmosphärischer Song, der die Rockgitarren etwas zurückhaltender einsetzt. Bisher bin ich von der Platte vollauf begeistert.

Bei „Beautiful Feeling“ hört man den Einfluss von Thom Yorke direkt heraus, was spannend und gleichzeitig gut ist. Im folgenden Song „The Mess we´re in“ verstärkt sich dieser Eindruck noch. Ein musikalisches Traumpaar, würde ich sagen – was für ein großartiger Song das ist!

Akustische Singer/Songwriter-Folk-Nummer: „You said Something“. Flotter Rock: „Kamikaze“. Noch härterer Rock: „This is Love“. Rock mit einer Mischung aus Zartheit und Bitterkeit: „Horses in my Dreams“.

Bei „We Float“ stimmen wieder die Mischung aus rauer, düsterer Stimmung und anspruchsvoller Songgestaltung. Das klingt etwas nach Nick Cave. Und plötzlich, beim Stimmungswechsel des Songs, singt Polly Jean Harvey fast euphorisch und liebevoll. Auch das kann sie, wenn sie möchte. Vielschichtiger wird es dann noch auf den späteren Alben. (492)


 

PJ Harvey – B-Sides, Demos & Rarities (2022) CD-1 von 3 (1991-1996)

Eine Werkschau, die einen Zeitraum von 30 Jahren umfasst, bietet dieser Set anhand von B-Sides, Demos und Raritäten. Nach den Demo-Versionen ihrer Platten setzt diese Sammlung der bisher unveröffentlichten Stücke nun wohl ein Ende. Es ist schlau, so etwas noch vor dem eigenen Tod zu veröffentlichen, denn dann hat man selbst noch etwas davon und nicht nur die Erben und Rechteinhaber. Insgesamt sind es 56 Songs, die man hören kann. Das CD-Set ist zudem ansprechend gestaltet und schön anzusehen.

Da stellt sich die Frage: Muss man wirklich alles auf CD pressen, was zuvor nicht dafür vorgesehen war? Ich muss dazu sagen, dass ich bei weitem nicht alle Veröffentlichungen von PJ Harvey gehört habe, aber ich fand es gut, einen etwas gebündelten Überblick über ihr Schaffen zu bekommen.

„Dry“ zaubert eine Antwort voller zeitloser Gitarrenklänge hervor, die genauso gut von einer frischen Band stammen könnten. Besser könnte es nicht losgehen. „Man Size“ hätte Patti Smith nicht besser darbieten können. (Und ja, man könnte auch einfach solo mit E-Gitarre ein Konzert bestreiten – was meine Lust, Bob Mould mal als OneMan-Band zu sehen, noch verstärkt. So tourt er Jahr für Jahr durch die USA, kommt damit aber nicht nach Deutschland. Seufz.) „Missed“ macht stark weiter (nach drei Songs bin ich schon total begeistert).

„Highway '61 Revisited“ ist das, was ich als typischen PJ Harvey-Song bezeichne.

„Me Jane“: Wenn man bedenkt, dass sie da noch ganz am Anfang ihres Schaffens stand und wie ausgereift das Material schon klingt, ist das einfach sehr beachtlich. Tom Waits hat sie auch schon drauf: „Daddy“. „Lying in the Sun“ ist bluesiger Rock, und hier lässt sich schon die Gemeinsamkeit zu Nick Cave entdecken.

„Somebody's Down, Somebody's Name“ – wenn man solche Songs als B-Seite raushauen kann, hat man wirklich keine Probleme als Songschreiberin.

„Darling Be There“ ist einfach unglaublich, obwohl ich das Album „To Bring Me My Love“ eigentlich nur in Teilen gut fand.

„Maniac“ könnte fast ein Bruder- bzw. Schwester-Song von „C’Mon Billy“ sein und passt als B-Seite sehr gut dazu. „One Time Too Many“ – och Mann, das ist einfach schon fast zu gut.

„Harder“, „Naked Cousin“ – und es geht so weiter.  

Wer es auch mal zornig und aggressiv, aber eher rockig als punkig mag, wird hier einfach super bedient. Man muss vielleicht in der richtigen Stimmung dafür sein, aber die geschickte Songauswahl lässt einen immer tiefer in das kraftvolle Songuniversum von PJ Harvey eintauchen. Einmal darin gefangen, gibt es einfach kein Zurück.

„Who Will Love Me Now“ zeigt eine ruhige Seite – fast schon verträumt und dramatisch.

Abgeschlossen wird mit Rock’n’Roll-Drive: „Why D'Ya Go to Cleveland“.  

Und das war nur die erste CD!(44)

Ren Harvieu – Through the Night (2012)

Durch auf MySpace hochgeladene Demotracks kam Ren Harvieu mit einem Produzenten in Kontakt und begann 2011, an ihrem ersten Album zu arbeiten. Bevor dieses erschien, erlitt sie einen schweren Unfall, bei dem ihr Rücken gebrochen wurde. Nach einer mehrmonatigen Reha wurde das Album 2012 veröffentlicht und erreichte Platz 5 der UK-Albumcharts.

Die ersten beiden Songs sind Pop-Bigband-Arrangements mit Streichern und Bläsern und bieten eine Mischung aus Amy Winehouse und Adele. Sanfter gestaltet sich das soulige „Do Right by Me“. Wenn sie als Singer/Songwriterin mit großem Orchester im Hintergrund auftritt, klingt das für mich sehr gelungen.  
„Walking in the Rain“ wirkt recht retro und erinnert an Jazzpop der 50er und 60er Jahre. Souliger und für mich wieder überzeugender ist das Titelstück „Through the Night“.  
Bei der Jazzballade „Forever in Blue“ fällt mir auf, dass auch Fans von Katie Melua bei Ren Harvieu auf ihre Kosten kommen sollten, da sie stimmlich und musikalisch nicht weit voneinander entfernt zu sein scheinen (wobei ich von Katie Melua hauptsächlich ihre Radiohits kenne). Das poppige „Twist the Knife“, das ebenfalls an eine vergangene Zeit erinnert, begeistert mich geradezu. Es ist einfach ein wundervoller und großer Song. Im Pop-Modus ist auch „Dancing on Her Own“ sehr gelungen. Ohne den Orchestersound mag ich die Musik von Ren Harvieu sogar lieber, da sie dann weniger nach bereits tausendfach gehörten Songs klingt, sondern frischer und lebendiger wirkt. Popmusik kann gut sein, wenn die Songs gut sind, und „Dancing on Her Own“ ist richtig gelungen. Es wird spannend sein zu hören, wie sich Ren Harvieu künstlerisch weiterentwickelt.  
Bei „Holding On“ klingt sie wie Feist, wenn diese einen poppigen Singer/Songwriter-Song macht – auch sehr schön.  
Wenn sie bei „Summer Romance“ wieder großen Entertainer-Pop mit Orchester bietet, entspricht das weniger meinem Geschmack. Auch „Love Is Like a Melody“ finde ich zu kitschig geraten.

Wenn Ren Harvieu sich an echten modernen Pop sowie an klassischen Soul und Jazz versucht, gelingt ihr das gut. Den Entertainer-Pop mit großem Orchester mag ich bei ihr hingegen nicht so, zumal ich Ähnliches schon zu oft gehört habe.(428)

Hecq – A dried Youth (2003)

Unter dem Namen Hecq veröffentlichte der Musiker Ben Lukas Boysen bis 2017 zahlreiche Alben. Mittlerweile veröffentlicht er weitere Platten unter seinem eigenen Namen. Schon die ersten beiden Stücke – wobei ich bei elektronischer Musik, die sich weitgehend von herkömmlichen Songstrukturen löst, lieber von „Stücken“ als von „Songs“ spreche – lassen eine bemerkenswerte Vielfalt in Art und Stil erkennen. Zwar sind immer wieder sehr rhythmische Passagen eingearbeitet, was ich als Hörer sehr schätze, doch es gibt auch einfach aneinandergereihte Töne und Soundeffekte zu hören. Die Stile, in denen sich Boysen bewegt, werden auf Wikipedia als Glitch, Ambient, Breakcore, Abstract IDM und Dubstep beschrieben. Den Mix aus Ambient und Dubstep kann ich bestätigen, diese Bezeichnungen sind mir auch geläufig. Wenn Glitch den Umgang mit Geräuschen als Effekt beschreibt, beherrscht Boysen dieses Element unter seinem Künstlernamen Hecq ebenfalls sehr gut.

Besonders schätze ich, dass die Stücke nicht zu lang sind – dadurch wird es nicht so schnell langweilig. Sein Umgang mit elektronischen oder aus Samples erzeugten Drumsounds ist sehr beachtlich. Ein Stück wie „Holo“ besitzt sogar echte Soundtrackqualität.

Mit echten Techno-Beats kann der in Berlin lebende Musiker ebenfalls aufwarten, beispielsweise bei „Numb Woods“. Dabei gelingt es ihm, durch die Hintergrundklänge seinen Ambient-Touch beizubehalten. Zugleich könnte man das Stück durchaus zum Tanzen im Club nutzen. Im Verlauf des Stücks lässt der Musiker den Ambient-Part kurzzeitig außen vor und überlässt den Hörer guten Beats.

Bei „Sake Falls“ wird der Sound-Mix eher zur Kunst – genau das hält mich beim Hören der Platte wach, denn es wird nie langweilig, den Sounds, Klängen und Rhythmen zuzuhören. Auch etwas Trip-Hop ist im Stück „Tahoe“ zu hören. Hecq erfindet die elektronische Musik zwar nicht neu, setzt aber die unterschiedlichen Stile und Spielarten sehr gut zusammen. Dabei ist er ein fesselnder Unterhalter, der das Interesse am Hörer hochhält – und das bei einer beachtlichen Gesamtspielzeit von 20 Stücken und 71 Minuten. (386)

Heldon – Electronique Guerilla (Heldon I) (1974)

Im Musikprojekt Heldon vermischt der Musiker Richard Pinhas elektronische Musik im Stil von Tangerine Dream mit Einflüssen des Gitarristen Robert Fripp und des Ambientmusikers Brian Eno. Pinhas spielt selbst elektrische Gitarre, Keyboard, Mellotron, Bass und Vocoder. Das Projekt hat er zusammen mit Georges Grunblatt gegründet.

„Zind“ besteht zunächst aus einem elektrischen Klang, der sich in einer leiseren Version verdoppelt, dabei erst ansteigt und dann wieder abfällt. Diese Entwicklung wiederholt sich mehrmals über einen Zeitraum von zwei Minuten und zwanzig Sekunden. Mehr passiert nicht.

„Back to Heldon“ erinnert durchaus an das, was Jean Michel Jarre auf seinen Platten macht: langsame Synthesizer-Melodien, die von Sequenzern getragen werden. Betrachtet man das Entstehungsdatum dieser Platte, haben Heldon dies allerdings schon zwei Jahre vor „Oxygène“ umgesetzt. Natürlich erinnert die Musik auch an frühe deutsche Elektronikbands und -projekte wie Cluster, Tangerine Dream oder Harmonia. Ich höre gerade sehr interessiert zu, aber für ein schnelles Wiederhören bietet mir diese Musik zu wenig Ansatzpunkte. Das musste ich ja schon beim Hören der Jean Michel Jarre-Platten zugeben: Dort reichen mir meist nur die bekannten „Parts“ einer Platte.

Doch „Back to Heldon“ bietet nach einer Lauflänge von fünf Minuten doch noch etwas mehr Substanz, wenn auch recht verspielt.

Mit Gitarrenmusik eröffnet das nächste Stück „Northerland Lady“. Es ist eher Ambientmusik, könnte man aber auch als frühe Post-Rock-Nummer bezeichnen, und das gefällt mir richtig gut – obwohl ich eigentlich nach früher Synthesizermusik gesucht hatte, inspiriert durch die bereits erwähnten frühen Jean Michel Jarre-Alben. Dennoch tragen auch Synthesizer ein wenig zur Musik bei.

Offenbar ist die Musik von Heldon eher etwas für geduldige Hörer, die nicht zu viel Abwechslung erwarten, sondern sich lieber lange von ein und derselben Melodie tragen lassen. Zwar passiert gelegentlich etwas, doch verändert sich dadurch der entspannte Grundton nicht.

Der E-Gitarre bleiben wir auch beim Stück „Ouais, Marchais, Mieux Qu'en 68 (Ex : Le Voyageur)“ treu. Hier wird sie Teil eines Bandgefüges, und der Song entwickelt sich zum psychedelischen Prog-Rock.

Ein Mix aus elektronischen Ambientklängen und darüber gespielter E-Gitarre prägt „Circulus Vitiosus“. Ich finde das nicht schlecht, aber es ist wieder alles viel zu einsilbig. Mir passiert zu wenig. Sicherlich ist das für Fans der frühen Phase der elektronischen Musik interessant, und es gibt bestimmt auch Personen, die daran mehr Freude haben. Für lange Songlängen benötige ich allerdings auch entsprechend abwechslungsreiche Musikideen, was bei solchen Liedern nicht die Regel ist. Manche lange Stücke, bei denen nicht viel passiert, mag ich zwar auch, doch das ist bei mir eher die Ausnahme.

Der Song „Ballade pour Puig Antich, Révolutionnaire assassiné en Espagne“ mit seinem langen Titel ist am Ende des Albums sogar fast zu kurz geraten. Von seiner Art her ist er eigentlich einer, der mir besser gefallen hat.

Wer Ambientmusik mag, wird daran vielleicht Freude finden. Für gute elektronische Musik ist mir das allerdings etwas zu wenig.(574)

John Hiatt – The Tiki Bar is open (2001)

Ich erinnere mich nicht mehr genau, ob es allein der Song „Have a little Faith in Me“ oder das Album „Stolen Moments“ war, das mich zum John Hiatt-Fan gemacht hat. Auf jeden Fall mag ich ihn seit Ende der 80er beziehungsweise Anfang der 90er Jahre und höre seine Songs immer wieder gerne. Mit den Platten vor „Slow Turning“ habe ich mich noch nicht so intensiv beschäftigt, und auch seit ich ihn kenne, habe ich im Laufe der Jahre immer wieder eine seiner aktuellen CDs gekauft.

Meine liebsten und meistgehörten Alben von ihm sind „Stolen Moments“, „Perfectly Good Guitar“ sowie das Album, das er mit Ry Cooder, Jim Keltner und Nick Lowe als Band unter dem Namen „Little Village“ aufgenommen hat. Mit denselben Musikern hatte er 1987 auch sein Album „Bring the Family“ eingespielt.

Was ich an Hiatt besonders mag, ist seine außergewöhnliche Stimme und seine Songs, die Singer/Songwriter-, Roots-, Americana-, Blues- und Heartlandrock-Elemente vereinen. Seine Lieder klingen sehr typisch amerikanisch, aber bei Hiatt machen sie besonders viel Spaß und sind stets voller Herzblut gespielt, wie etwa „Everybody Went Low“ gleich zu Beginn des Albums. Das ist ein flotter Rocksong.

„Hangin’ Around Here“ erinnert mit seiner Melodie und Atmosphäre an einen Song von „The Band“ – einfach großartig. Das Tempo zieht bei „All the Lilacs in Ohio“ wieder an. John Hiatt kann einfach gute Rocksongs schreiben, die stets mehr zum Feiern einladen. Zwar sind sie flott, doch niemals aggressiv oder hart. Wieder etwas sanfter wird es bei „My Old Friend“.

Ich wiederhole mich gerne: Das ist amerikanischer Rock mit Roots- und Americana-Einschlag, der immer Herz, Hirn und Emotionen beim Hörer berührt. Unaufdringlich und einfach genießbar. Und bei John Hiatt klingt das alles authentischer als bei manch bekannterem Kollegen, die zwar härter sind, aber nicht unbedingt besser. Wenn es mal härter wird, steckt zugleich Blues im Rock – und auch das beherrscht Hiatt, wie zum Beispiel in „I Know a Place“.

Die folkige Ballade „Something Broken“ sowie das Americana/Roots-Stück „Rock of Your Love“ sind ebenfalls sehr schöne Musikstücke. Auch die Rock-Ballade „I’ll Never Get Over You“ beeindruckt. Der Titeltrack „The Tiki Bar Is Open“ ist ein etwas ungewöhnlicher Rocksong, der stark an die Musik von Ry Cooder und Dr. John erinnert. Der Sound der Südstaaten gehört bei John Hiatt einfach dazu.

Die Roots-Ballade „Come Home to You“ überzeugt ebenso. Bei „Father’s Stars“ glaubt man zunächst, die Schallplatte gewechselt zu haben, denn zu hören sind elektronische Klänge, die man bei Hiatt sonst kaum findet. In diesem letzten, längeren Stück probiert er sich sogar am Psychrock – eine großartige Abwechslung, die ihm wirklich gut gelingt und eine positive Überraschung am Ende darstellt.

Hier zeigen sich auch die Qualitäten seiner exzellenten Begleitband, der „Goners“. Alles in allem ist dieses John Hiatt-Album eines, das man bedenkenlos im Hintergrund laufen lassen kann, um viel Freude und Spaß daran zu haben. (320)

Julia Holter – Loud City Song (2013)

Nach zwei in Heimarbeit entstandenen und selbst produzierten Alben arbeitet Julia Holter bei ihrem dritten Werk mit einem Produzenten und Sessionmusikern zusammen. Das Album ist von einem Filmmusical aus den 1950er Jahren inspiriert. Julia Holter bewegt sich im Bereich des Art-Pop und der Avantgarde – sie macht Musik eher für Kunstfreunde als für ein großes Publikum. Den Kritikern gefällt das sehr – die Platte war seinerzeit in vielen Jahresbestenlisten vertreten. Gefällt mir das auch? Oder bin ich dem Lob der Kritiker auf den Leim gegangen?

Das Eingangsstück „World“ klingt wie eine todtraurige Jazzballade mit großem Orchester im Hintergrund. Mit „Maxim’s 1“ geht es gemächlich weiter. Der Song beginnt still, wird zur verhallten Ballsaalnummer, unterbrochen von einem Tempowechsel, um dann wieder in den Ballsaal zurückzukehren. Der Song geht jedoch im eigenen Hall zu sehr unter. Einen Klangteppich aus Bläsern legt „Horns Surround Me“ (der Name passt also gut) über das Stück. Außerdem nimmt der Song Tempo auf und klingt fast wie die Musik des Brandt Brauer Frick Ensembles. Er könnte auch in den Tanzsaal von Berlin Babylon passen. Der treibende Bass von „In the Green Wild“ ist spannend – ihre Art, Jazz mit Pop-Elementen zu verbinden, hat etwas, wirkt aber schon etwas sperrig. Trotzdem ist der Song dem Indie-Pop-Genre am nächsten. Etwas hallige Synthesizersounds und ein wenig Gesang füllen Julias Holters über sechs Minuten langes „Hello Stranger“. Bei „Maxim’s 2“ klingt es am Anfang ein wenig wie bei Feist. Nach einem guten Beginn wird es jedoch plötzlich recht still. Es folgen spärliche Bläser, etwas Gesang, bevor es langsam wieder kräftiger und wuchtiger wird. Es folgt ein Jazzpart mit Saxophon – das ist kein Song, sondern ein Minimusical. Ein kurzes Stück am Klavier: „He’s Running Through My Eyes“.

Zum Schluss dann doch noch mal ein gefälliger Song: „This Is a True Heart“.

Am Ende ist das doch nur ein etwas zu verkopftes und zu wenig mitreißendes Konzeptalbum, das den klassischen Bigband-Jazz mit aktuellen Synthesizersounds verbindet. Man merkt, dass Julia Holter durchaus ein Talent zum Komponieren hat, doch leider verliert sie sich dabei in ihrer Konzeptkunst. Für mich bleiben am Ende drei Songs hörenswert – das ist ein bisschen wenig. (199)

Jesca Hoop - Hunting my Dress (2009)

Wenn ich schon dem Werk von Sean Beam meine verstärkte Aufmerksamkeit schenke (davon wird hier erst später die Rede sein), dann widme ich mich auch gleich Jesca Hoop.

Anders als auf dem gemeinsamen Album mit Sean Beam klingt Jesca Hoop im ersten Song nicht einfach nach Lagerfeuer-Folk oder gewöhnlichem Singer/Songwriter-Lied. „Whispering Light“ lässt sich gut mit dem Art-Pop-Folk von Kate Bush vergleichen. Verspielt und klug, aber nicht zu kopflastig, wie es bei anderen Art-Pop-Musikerinnen und -Musikern oft der Fall ist.

Es fällt daher nicht schwer zu glauben, dass sie ihre ersten beruflichen Erfahrungen und musikalischen Tipps als Kindermädchen im Haushalt von Tom Waits gesammelt hat. Und auch der erste Song „Summertime“ ihres Debütalbums „Kismet“ klingt bereits wie ein sehr verspielter Kate Bush-Country-Folk-Hybrid.

Zurück zum Album und zum zweiten Song: „Kingdom“ ist ein feines, sanftes Singer-Songwriter-Folk-Stück, das ebenfalls von Kate Bush inspiriert scheint, besonders wenn die Drums einsetzen. Wer Kate Bush mag, sollte unbedingt einmal bei Jesca Hoop vorbeihören.

Power-Indie-Pop bietet „Feast of the Heart“. Artrock-Singer-Songwriter-Song ist „Angel Mom“. Auch „Four Dreams“ verbindet Kate Bush mit verspieltem, überdrehtem Folk, was viel Freude bereitet. Da Kate Bush mittlerweile für verspielte und überdrehte Stücke zu alt ist, ist es schön, dass eine Musikerin der nächsten Generation diese Lücke füllt. Mit „Murder of Birds“ gelingt ihr erneut ein wundervoller Indie-Folk-Song.

Wunderbaren Indie-Pop, der auch Fans von Leslie Feist gefallen dürfte, bietet „Bed across the Sea“. Dasselbe gilt für „Tulip“, ein einfach hinreißender Power-Indie-Folk-Pop-Song. Das Titelstück ganz zum Schluss, „Hunting my Dress“, ist pure Schönheit.

Ein tolles Album von einer großartigen Musikerin. (360)

Bruce Hornsby and the Range – The Way it is (1986)

Die Musik von Bruce Hornsby ist eingängiger Softrock, der Elemente des Südstaaten- und L.A.-Rock aufgreift. Viele der Songs wurden zu bekannten Singles mit starker Radiopräsenz. Die Stücke besitzen die Eleganz von Musikern wie Jackson Browne oder Michael McDonald, verbinden dies jedoch mit dem Charme und Tempo des damals sehr populären Huey Lewis, der auch bei der Entstehung von zwei Songs des Albums mitgewirkt hat.  
„Every Little Kiss“, „Mandolin Rain“ und die sehr erfolgreiche Debütsingle „The Way It Is“ sind Hits und gut gelungene Songs, die man immer wieder hören kann. Das gilt ebenso für die übrigen Titel des Albums. Ich schätze Musik, die mich zwar in die Zeit zurückversetzt, in der ich sie zum ersten Mal gehört habe, die aber auch heute noch funktioniert, nicht retro, sondern zeitlos ist. Dieses Album gehört definitiv dazu. (145)

Horsegirl – Versions of modern Performances (2022)

Die CD beginnt mit Shoegazing: „Electrolocation 2“. Danach tauchen wir in den Indiesound und Alternative Rock der späten 80er und 90er Jahre ein. „Anti-Glory“ könnte sowohl von den Pixies als auch von den Breeders stammen. Die drei Musikerinnen aus Chicago huldigen also dem Sound, den ich so liebe. Wie auch andere jüngere Formationen wie „A Void“ oder „Momma“ machen die Mädels das richtig gut, und ihr Sound klingt sogar noch etwas rauer – damit kommen auch Sonic-Youth-Freunde auf ihre Kosten. Manchmal geht mir der Gesang im Geschrammel ein wenig unter, doch auch „Beautiful Song“ macht mit seiner Schlichtheit den Grunge- und Alternative-Rock-Fans viel Freude.

Wie eines ihrer Vorbilder, Yo La Tengo, können sie auch mit Sixties-Harmonien umgehen und diese gesanglich zum Schrammelsound verbinden: „Live and Ski“. Mit „Bog Bog 2“ kommen Shoegaze-Fans noch einmal voll auf ihre Kosten. „Dirtbag Transformation“ knüpft wieder an den Sound von „Live and Ski“ an, der schon stark an die Pixies erinnert. Wirklich Neues gibt es auf der Platte nicht zu hören, dafür Bekanntes, das durch neue Stücke gut ergänzt wird.

Das gilt auch für die zweite Hälfte: „The Fall of Horsegirl“ und „Option 8“ sind mit einer überraschenden Sicherheit gespielt, so dass man den Mädels ihren Musikraub verzeiht, weil sie es einfach verblüffend gut machen. „Option 8“ bringt sogar noch eine Portion Punk-Rock-Attitüde auf die Platte. Wenn die Zukunft so düster erscheint, können wir uns wenigstens am optimistisch verzerrten Sound der 80er und 90er Jahre erfreuen und neue Kraft für die Gegenwart schöpfen.

„World of Pots and Pans“ ist noch einmal ein sanft verzerrtes, schönes Musikstück. „Homage to Birdnoculars“ und „Billy“ – noch einmal richtig, richtig gut – schließen das Album ab. Gut gemacht. Manche von Horsegirls Vorbildern haben nicht einmal so ein durchgehend stimmiges Album hinbekommen. (182)

Hothouse Flowers – People (1988)

Die Irren sind musikalisch ein besonderes Volk. Sie haben einfach die beste Volksmusik der Welt, und wenn sie dann auch noch rocken, dann mit ganz viel Seele, Blues und unwiderstehlichem Charme. So ist es auf jeden Fall bei den Hothouse Flowers, die seit dem Moment, als ich ihren Song „Don’t Go“ gehört habe, ein beständiger Teil meines Musikgeschmacks sind. Ihr Debütalbum „People“ gehört zu ihren besten Werken. Wer sie live erlebt hat, wird von ihrer Spielfreude einfach mitgerissen. Leider treten sie nur noch selten in Deutschland auf.

Mit „I’m Sorry“ und „Don’t Go“ beginnt die Platte direkt mit viel Schwung und Seele – dieser Soul steckt einfach in der Stimme von Liam Ó Maonlai. Durch die überwiegend akustische Instrumentierung sowie die Einbindung von Soul und Blues funktionieren die Stücke zeitlos. Die emotional aufgeladenen Balladen wie „Forgiven“ und „It’ll Be Easier in the Morning“ sind großartige Songs, und auch das herrliche „Hallelujah Jordan“ begeistert mich jedes Mal. Das ist der Arbeiter-Soul der Commitments, aber mit neuen, eigenen Liedern, die genauso gut funktionieren wie die Soul-Classic-Covernummern der Commitments. Das gilt für alle weiteren Songs des Albums.

Um es kurz zu machen: ein Lieblingsalbum. Ganz ehrlich, Songs wie „If You Go“ schüttelt man nicht einfach aus dem Songwriter-Ärmel. Das sind alles so gute Lieder, die sich auch als Standards auf Alben und Konzerten anderer Musiker gut machen würden. Liam Ó Maonlai ist einfach ein starker Sänger. (183)

The Housemartins – Now that´s what i call quite good (1988)

Warum ich mir dieses Album gekauft habe – von dem ich angenommen hatte, es sei ein normales Studioalbum (ich hatte es mit dem zweiten Album der Band, „The People who grinned themself to death“, verwechselt) –, das sich jedoch als Werkschau erwies, ist ganz einfach. Ich hatte ein Album von „The Beautiful South“ gehört, fand es sehr gut und wollte mich daher auch nochmals mit der Band beschäftigen, die aus „The Beautiful South“ hervorgegangen ist. Dieses Album bietet mit dreiundzwanzig Liedern dafür eine gute Gelegenheit, und ich freue mich darauf, Songs wie „Build“ nach langer Zeit wieder zu hören. Ich weiß aber auch, dass ich irgendwann einmal ein anderes Album der Housemartins besaß und es abgegeben habe – wohl weil ich als Jugendlicher enttäuscht war, dass keine weiteren A-cappella-Stücke wie „Caravan of Love“ darauf zu finden waren.

Eigentlich müssten auf dem Album fast alle Lieder der beiden Veröffentlichungen der Band als „Best Of“ zu finden sein. Das ist wohl auch der Kürze der einzelnen Titel geschuldet.

The Housemartins bestanden aus Paul Heaton (Gesang, Gitarre, Mundharmonika, Trompete), Stan Cullimore (Gesang, Gitarre), Norman Cook (Gesang, Bass), Hugh Whitaker und Dave Hemingway (Schlagzeug, Gesang). Norman Cook wurde später als Fatboy Slim sehr bekannt, und Paul Heaton sowie Dave Hemingway gründeten The Beautiful South. Nun aber zu den Songs der Housemartins.

„I Smell Winter“ ist eine schöne, flotte Pop-Rock-Rock’n’Roll-Nummer. Sie erinnert sowohl an den Sixties-Pop als auch an den Charme von Bands wie Crowded House. Ein toller Einstieg, denn der Song macht viel Spaß.

Genau das ist es auch, was später die Musik von The Beautiful South ausmacht: Schlauer Pop mit viel Sixties-Einfluss, charmant, gut gespielt und gut gelaunt. Damit ähneln sie dem Stil von „The Smiths“ – allerdings deutlich optimistischer –, und auch Fans von Belle & Sebastian dürften Gefallen finden. So ist über den Stil der Band wohl schon fast alles gesagt. „Bow Down“ ähnelt am Ende sogar sehr dem Sound der Smiths.

Die akustisch gehaltene Ballade „Think for a Minute“ ist schön. Heute kann ich der Musik der Housemartins auch viel mehr abgewinnen, als es noch als Jugendlicher der Fall war. Mittlerweile schätze ich das Songwriting und die „schöne Musik“ einfach viel mehr.

Einfache Musik, die Spaß macht: „There Is Always Something There to Remind Me“. Natürlich klingt das alles, als würden sehr nette junge Männer spielen, weshalb es für echten Indie-Pop vielleicht nicht cool genug ist. Trotzdem sind das einfach gut funktionierende Songs.

Etwas mehr gerockt, aber auf eine nette Rock’n’Roll-Art, mit Flöte und instrumental: „The Mighty Ship“. Das grenzt fast schon an Folk-Rock.

Songs wie „Sheep“ erwartet man von den Housemartins. Sixties-Pop, in die Gegenwart getragen, und das mit viel Hit-Potenzial.

Die Soul-Gospel-Pop-Ballade „I’ll Be Your Shelter (Just Like a Shelter)“ ist im Original von Luther Ingram.

Die Songs erkenne ich meistens nicht am Titel, sondern an der Musik. So auch einen weiteren Hit der Band: „Five Get Over Excited“. Eine super Nummer!

Auch flott und gut: „Every Day Is the Same“. Eine wunderschöne und sehr gelungene Nummer. Neben „Caravan of Love“ ist „Build“ wohl der Song, der mir von der Band am längsten im Gedächtnis geblieben ist.

Bei den Songs auf dieser Werkschau handelt es sich nicht nur um Stücke von den beiden offiziellen Alben der Band, sondern teils auch um B-Seiten, Outtakes und Aufnahmen von der Peel-Session. Daher ist es wirklich mehr eine Werkschau als ein reines Best-of-Album.

„Step Outside“ war, wie das wunderbare „I Smell Winter“, eine B-Seiten-Nummer einer Single. Eine ganz sanfte Ballade.

Ebenfalls keine Up-Tempo-Nummer ist „Flag Day“. Gerade diese sanften Stücke sind etwas ganz Besonderes und laden zum Genießen ein. Ganz sanft bleibt es dabei allerdings nicht, denn der Refrain verleiht dem Lied eine dramatische Wucht.

Eine flotte, moderne Rock’n’Roll-Nummer oder vielleicht auch Beat: „Happy Hour“.

„You’ve Got a Friend“, im Original von Carole King, ist leider viel zu kitschig geraten. Der Gesang wirkt überbemüht. Es handelt sich um ein bisher unveröffentlichtes Demo. Auch das a-cappella vorgetragene „He Ain’t Heavy, He’s My Brother“ kommt nicht an das Original der Isley Brothers heran. Früher, als „Caravan of Love“ gerade neu war, hätte ich das allerdings sehr geliebt.

„Freedom“ – ein Ausflug zum Blues – funktioniert dagegen wieder sehr gut.

Bei „The People Who Grinned Themselves to Death“ stellt sich dann doch etwas Langeweile ein. Solche Songs gab es nun genug, und dieses fällt daher etwas ab. Trotzdem erinnert es an Elvis Costello, Joe Jackson und Paul Weller.

Deshalb gilt die Band vielleicht zu Unrecht als One-Hit-Wonder mit „Caravan of Love“. Dieser Song geht einem nie wieder aus dem Kopf. Das Gleiche gilt für die Flying Pickets und ihre Version von „Only You“ – unvergessliche A-cappella-Nummern.

Auch etwas Sanftes ist „The Light Is Always Green“ – eine sehr schöne Ballade. Ein Beat-Song ist „We’re Not Deep“.

Ein weiteres bekanntes Stück der Band ist „Me and the Farmer“ – es hat Schwung, eignet sich für Partys und Tanzflächen und ist trotzdem schön Retro-Rock’n’Roll.

Die Soul-Ballade „Lean on Me“ ist jedoch etwas zu lang geraten.

Das live eingespielte Stück „Drop Down Dead“ (John Peel-Session) ist nochmals richtig nett. Von diesen netten Stücken gibt es allerdings ein wenig zu viele, da sie eigentlich alle ähnlich funktionieren. Als Einzelstücke in einer Playlist machen sie allerdings Spaß.

Für das letzte Stück, „Hopelessly Devoted to Them“, gilt dasselbe. Kennen Sie einen Retro-Rock’n’Roll-Song der Housemartins, wissen Sie, wie all diese klingen. Trotzdem machen die meisten davon, wie bereits erwähnt, viel Spaß.

Insgesamt ist es eine gute Werkschau, die noch mehr Lust macht, sich mit The Beautiful South und Paul Heaton zu beschäftigen. 715

Ben Howard – Every Kingdom (2011)

Ehrlich gesagt hätte ich nicht gedacht, dass dieses Album schon wieder so alt ist. Es kommt mir gar nicht so vor, was wohl auch daran liegt, dass ich die Nachfolgealben des Künstlers nie ganz durchgehört habe und die Songs von „Every Kingdom“ meist nur als Einzelstücke in meiner iTunes-Playlist gespielt habe. Die Lieder dieses Albums und der Vorgänger-EP „The Old Pine“ hatten trotzdem einen bleibenden Eindruck hinterlassen, weil sie mir allesamt sehr gut gefallen haben. Mal schauen, ob das auch jetzt beim Durchhören der ganzen Platte so ist.

„The Old Pine“ beginnt schon mal sehr schön. Indie-Folk, der an Bon Iver und Musik aus dem erweiterten Umfeld von Aaron Dessner erinnert, bietet Ben Howard auf unglaublich gekonnte Weise. Die Songs sind zugleich anspruchsvoll produziert und dennoch sehr zugänglich, sodass sie auch für ein größeres Mainstream-Publikum geeignet sind. Ein wenig mehr Americana-Sound bietet „Diamonds“ am Anfang, entwickelt sich dann aber zu einem temporeichen Indie-Folk-Song. Single-Material bietet das Album mehr als genug, dazu gehört auch „The Wolves“. „Everything“ hat, wie viele Songs von Ben Howard, einen schönen Aufbau: Die Musik entfaltet sich nach und nach in neuen Richtungen und steigert sich bis zum Ende mal im Tempo, mal einfach in der Intensität. Sofort einnehmend und mitreißend sind „Only Love“ und „The Fear“. Und es wird danach noch besser mit „Keep Your Head Up“, dem wohl erfolgreichsten Song von Ben Howard, der zugleich auch richtig gut ist. Da kommt er an den Song „Someone I Used to Know“ von Gotye heran, der bei mir immer wieder große Begeisterung auslöst, wenn ich ihn höre. Ruhiger ist „Black Flies“, das aber ebenfalls zunehmend an Intensität gewinnt. „Gracious“ ist zärtlicher Singer/Songwriter-Folk mit einem sehr schönen Refrain – da passt der Titel gut. Bis „Promise“ beginnt, muss man etwa 20 Sekunden warten. Der Rausschmeißer ist noch einmal ein ruhigeres Stück – und natürlich auch sehr gelungen.

Schon ein überragendes Debüt, das Ben Howard da hingelegt hat. Für den Hörer ein immer wieder schönes Erlebnis, für den Künstler selbst eine ziemliche Herausforderung, wenn er die Qualität dieses Albums noch einmal überbieten möchte. Volle Punktzahl. (152)

Steve Howe – Love is (2020)

Der langjährige Yes-Gitarrist erfreut mich gleich zu Beginn mit dem sanft-lieblichen Instrumentalstück „Fulcrum“, das eine gelungene Mischung aus Jazz, Folk und Rock bietet. Es berührt fast den Kitsch, bleibt dabei aber ausgesprochen schön. „See Me Through“ rockt etwas kräftiger, und hier wird auch gesungen. Dabei erinnert Howe an den Gesang von Jon Anderson. Der Song wirkt schön gradlinig und ansprechend, ein schnörkelloser Yes-Song, der das klassische Rockfeeling gekonnt in die Gegenwart überträgt. Nach einem kurzen, fast klassisch anmutenden Anfang entwickelt sich „Beyond the Call“ rasch zu einem weiteren sanften Rocksong. Steve Howes Gitarrenspiel und Klang erinnern mich an Mike Oldfield, als dieser noch vor allem mit Gitarre Musik machte und stärker im akustischen Folkrock unterwegs war – das ist lange her. Howe ist sich und seiner Musik seit 55 Jahren treu geblieben. Neben Prog-Rock ist er auch offen für Einflüsse aus Folk und Country. „Beyond the Call“ ist auf jeden Fall ein wunderschöner Song, der mich an die gute alte Zeit erinnert – an die Zeit, als ich noch dachte, das Album „QE2“ von Oldfield sei ein Meisterwerk und diese Musik würde ewig zeitlos bleiben. Bei Steve Howe hat sich das definitiv bewährt. Seine Art zu spielen, hat die Zeit überdauert. Das ist einfach wunderschön. Zwar muss man mit seiner Musik groß geworden sein, um sie richtig zu würdigen, doch das sind alles Songs, die mein junges Ich sehr gerne hört, während mein älteres Ich dabei eine Gänsehaut bekommt – auch beim Song „Love Is a River“.

Mit klassischen Prog-Strukturen beginnt „Sound Picture“, bevor es zu einer gemächlichen und eigentlich sehr gefälligen Instrumentalnummer wird. Howe, der das Album auch selbst produziert hat, sorgt für eine ausgezeichnet klingende Platte, die zwar ein wenig aus der Zeit gefallen wirkt, aber durch ihr musikalisches Können begeistert. Das gilt auch für den Pop-Rock mit Country-Einschlag bei „It Ain’t Easy“.

„Pause for Through“ macht mir besonders viel Freude. Was Steve Howe hier an instrumentalen Rock abliefert, wird von manchen Hörern vielleicht als zu eingängig oder zu mainstream wahrgenommen, doch für mich ist es stimmig. Die Gründe dafür wurden schon genannt. Wirklich ein Album für mein „altes“ Ich.

Da mir viele klassische oder klassisch angehauchte Prog-Rock-Nummern mit ihrer Kunstfertigkeit eher schwerfallen, finde ich diese weniger verkopfte Version von Rockmusik sehr hörenswert. Sie bereitet mir mehr Freude als so manches Album hochgeschätzter alter und neuer Prog-Rock-Bands.

Auch Steve Howes Stimme, die ihm sicherlich zu Recht nur den dritten Platz beim Gesang in Yes sicherte, passt gut zu den Songs und zur Gesamtstimmung des Albums. Bei „The Headlands“ stellt sich langsam ein Sättigungsgefühl ein, denn obwohl nicht alles gleich klingt, was Howe spielt, ähnelt sich die Stimmung doch stark. Das bisher Gehörte reicht für mich aus, um als Hörer glücklich zu sein. Danach folgt nur noch „On the Balcony“. Bei diesem Titel fragt man sich, was auf Steve Howes Balkon wohl so alles passiert, denn der Song rockt anfangs recht hart, bevor er sich zu einem Folk-Rock-Stück entwickelt, bei dem der Inhalt für mich allerdings nicht mehr ganz so stimmig wirkt wie bei den vorherigen Songs. Doch wie gesagt: Ich war bereits mit den ersten acht Songs glücklich gemacht worden, sodass die Platte im Gesamteindruck sehr gut bleibt. Ich werde sie einigen Menschen besonders ans Herz legen, weil ich weiß, wie sehr sie diese Musik mögen werden.

Mein altes Ich ist begeistert. (430)

The Howling Hex – All Night-Fox (2005)

The Howling Hex ist die Band um den Gitarristen Neil Hagerty, der zuvor in den Bands „Pussy Galore“ und „Royal Trux“ spielte. Die Mischung der ersten beiden Songs „Now, we gonna sing“ und „Instilled with Mem´ry“ ist bereits sehr faszinierend. Hier treffen Garagenrock und Psychrock aufeinander, wobei viele Gefühle der 60er- und 70er-Jahre beim Hörer geweckt werden. Das Ganze klingt rau, ungeschliffen, experimentell und zugleich verspielt. Da man so etwas nicht jeden Tag zu hören bekommt, bin ich zunächst sehr interessiert und gespannt beim Zuhören.

Der experimentelle, verspielte Rock bei „Pair back Mass with“ funktioniert ebenfalls sehr gut, mit viel Rhythmus und Spaß – es rockt einfach.

„Activity Risk“ setzt dies als spaßiger Rocksong fort, der schön vom Bass getragen wird. Schrulliger, lockerer Blues-Rock findet sich bei „To his own Frontdoor“. „What, Man? Who are you“ überrascht auf dem Album durch ungewöhnliche Sounds und Melodien bei jedem Song. Das ist wirklich etwas anderes und liegt weit entfernt vom Klang der Mainstreammusik, sodass ich hier einfach begeistert den Hut ziehen muss. Ich lasse mich gern überraschen und bin immer wieder erstaunt, wie frisch und unverbraucht Musik klingen kann. Dass Rockmusik so gespielt und gesungen wird, ist etwas ganz Besonderes.

Der kleine Retro-Pop-Rock-Psych-Song „Cast aside the False“ und zum Abschluss das Retro-Rock-Geschrammel „Soft enfolding Spreads“ runden das Album ab.

Ein Album, das fasziniert und viel Spaß macht. Allerdings sollte man Psychrock und Musik der 70er Jahre lieben. (432)

Hozier – Wasteland, Baby! (2019)

Der Ire Andrew Hozier-Byrne hatte großes Glück. Sein Song „Take me to Church“ wurde ein großer Hit, und von seinem ersten Album „Hozier“ verkaufte er 4,5 Millionen Exemplare. Auf Spotify zählt er immer noch 56 Millionen monatliche Hörer. Sechs Jahre nach dem Debüt erschien das zweite Album. Für „Nina Cried Power“ holte er die stimmgewaltige Mavis Staples zur Eröffnung des Albums dazu. Deren Beitrag geht im Song jedoch etwas unter, sodass man fast fragen könnte, ob der Bekanntheitsgrad der prominenten Gästin wichtiger war als ihr tatsächlicher Beitrag zum Stück.

Doch sofort funktioniert sein Rock-Pop-Folk-Soul-Mix wirklich gut, auch beim zweiten Stück „Almost (Sweet Music)“. Der Song funktioniert als Mainstream-Folk-Pop-Nummer hervorragend und erfreut zugleich auch anspruchsvollere Hörer. Das gelingt so gut wie einem Hit von Ed Sheeran. Sanft beginnt „Movement“ und bleibt bis zum Schluss soulig.

Wenn Folkmusiker erst Folk machen und dann versuchen, radiotaugliche Alben zu produzieren, stoße ich meist auf eine ablehnende Haltung. Wenn aber jemand wie Hozier sich von Anfang an zwischen den Welten bewegt, kann ich solche Musik viel eher akzeptieren und freue mich, wenn ein Song richtig akustisch klingt (man nehme nur die zwei Corona-Pop-Folkalben von Taylor Swift als Beispiel). Umgekehrt erscheint es mir oft irgendwie falsch.

Um ein gutes Mainstreamalbum zu produzieren, muss es abwechslungsreich bleiben, gerade wenn es wie „Wasteland, Baby!“ mit 14 Songs gefüllt ist. Aber Hozier schafft das gut. „No Plan“ ist Pop-Rock. Dabei wirkt es sicherlich vorteilhaft, dass seine Stimme auch für Genre-Wechsel bestens geeignet ist – egal, ob Folk, Rock, Soul oder Blues, alles passt.

Kraftvoller Indie-Pop-Folk zeigt sich in „No Plan“, schwungvoller Folk-Pop in „Nobody“. Richtig gut ist „To Noise Making (Sing)“. Mal ohne allzu starken Mainstream-Charakter punktet „As It Was“ mit seiner düsteren Atmosphäre. „Shrike“ ist folkig, akustisch, ein ganz feiner Song. Ein wirklich guter Pop-Rock-Radiosong, den man nicht so schnell vergisst, ist „Talk“ – er könnte der Titelsong einer Neo-Western-Serie sein. Kraftvoller Pop-Rock prägt „Be“, während „Dinner & Diatribes“ mit Country-Rock-Gitarre aufwartet. „Would That I“ erinnert an den frühen Stil von Bon Iver.

Beim vorletzten Song „Sunlight“ freut man sich dann langsam auf das Ende der CD, denn zwölf Songs hätten auch gereicht und ich fühle mich als Hörer bereits gut gesättigt. Zudem ist „Sunlight“ einfach ein wenig zu schlicht geraten. Der zärtliche Abschluss gelingt mit „Wasteland, Baby!“.

Wer Power-Folk-Pop und guten Mainstream-Rock mag, dem wird das Album gefallen. Es muss ja nicht immer alles Sub-Genre-Musik sein, was man hört. Ich mag das gern. (310)

RM Hubbert - Breaks & Bone (2013)

Der Schotte Robert McArthur Hubbert, auch Hubby genannt, ist Gitarrist, Sänger und Mitglied der Post-Rock-Band „El Hombre Trajeo“. Seine erste Platte mit ihm an der Sologitarre war ursprünglich nur dazu gedacht, den Tod seiner Eltern zu verarbeiten, entwickelte sich jedoch zu einer Trilogie, die mit „Breaks & Bone“ ihren Abschluss fand.

„Son of Princess, Brother of Rambo“ ist ein Stück für Akustiksologitarre und vielleicht schon ein im Jazz verwurzeltes Folk-Stück. Das zweite Stück lässt sich als kleine Indie-Folk-Nummer mit Gesang und Rhythmuscomputer beschreiben. „Couch Crofting“ ist ein weiteres ruhiges Instrumentalstück – sehr zurückhaltend, das den Hörer zur Ruhe und Entspannung einlädt. Wieder mit Gesang folgt „Tounge tied & tone deaf“, auch hier bleibt der ruhige Grundton erhalten. Insgesamt ist das alles Musik zum Zurücklehnen, Genießen und einfach mal Zuhören. Lagerfeuermusik mit Anspruch. Wer möchte schon immer die gleichen Lagerfeuer-Songs hören? Ich nicht.

„Go slowly“ – was für eine schöne Gitarrenmusik. Der nächste Song, „Feedback Loops“, enthält wieder Gesang. Dennoch behält die Gitarre auch in den gesungenen Stücken die Oberhand.

„For Helen“ ist eine weitere wunderschöne Instrumentalnummer, voll Sanftmut und Schönheit. Wieder mit Gesang und etwas treibender folgt „Dec 11“.

Es sind jedoch eindeutig die Instrumentalstücke wie „Buckstacy“, die diese Platte besonders machen. Umso bedauerlicher ist es, dass nach „Slights“ – obwohl auch hier sanft gesungen wird – bereits Schluss ist. Musik zum Anhalten der Zeit kann man nicht genug haben. (358)

The Human League – Reproduction (1979)

Elektro-Industrial-Pop. Wäre Gary Numan mit Tubeway Army nicht so schnell erfolgreich geworden, hätten The Human League mit dem Sound und Stil ihrer ersten Platte vielleicht als britische Pioniere des Industrial-Elektro-Sounds gegolten.

Die Platte besteht aus Songs, die zwar meist nicht wirklich mitreißen, dafür aber den Weg für das Kommende ebnen. Live könnten die Lieder durchaus überzeugen, auch heute noch. Auf Platte springt der Funke jedoch nur bei der Single „Empire State Human“ und der Coverversion von „You Lost That Lovin' Feelin'“ über.

Sänger Philip Oakley verließ die Band nach der ersten Platte und noch vor der ersten Tour. Er wurde von seinen Songschreibern und den eigentlichen Gründern der Band, Ian Craig Marsh und Martyn Ware, verlassen, die „Heaven 17“ gründeten. So suchte er sich neue Gefährtinnen. (56)

The Human League – Dare! (1981)

Philip Oakey stand plötzlich allein da. Seine Mitmusiker hatten ihn verlassen, um ein anderes Projekt aufzubauen: Heaven 17. Gemeinsam mit Adrian Wright versuchte er sich an neuen Musikstücken, doch für die Umsetzung einer charttauglichen Platte und die Durchführung der nächsten Tournee brauchte er Unterstützung. Diese fand er in Ian Burden sowie den beiden Schülerinnen Susanne Sulley und Joeanne Catherall, die den Backgroundgesang übernahmen. Von den Neubesetzungen ist bei den ersten Stücken von „Dare“ noch nicht viel zu spüren. „The Things That Dreams Are Made Of“ ist sehr simpel, doch „Open Your Heart“ ist immerhin ganz ordentlich. „The Sound of the Crowd“ fügt sich gut ein – das eher etwas düstere Grundgefühl der Songs passt gut zur einfachen Instrumentierung und zu Philip Oakeys Stimme. „Darkness“ hingegen funktioniert für mich gar nicht, das ist schon Düsterkitsch. Auch „Do or Die“ ist nicht wesentlich besser, gewinnt aber durch den recht langen Instrumentalteil, der an Yellow Magic Orchestra erinnert, etwas an Reiz. Das ist typischer 80er-Synthie-Pop, hebt sich jedoch nicht besonders hervor. Das behält die Platte für die zweite Seite auf.  

Wie gut es gelingt, mit einfachen elektronischen Sounds gute Songs zu schaffen, zeigt die zweite Seite. „Get Carter/I Am the Law“ ist fast schon ein ikonisches Stück, das man nach einmaligem Hören nicht vergisst – und Ähnliches gilt für die übrigen Songs der zweiten Seite. „Seconds“ fesselt schon mit den ersten Takten, das gilt auch für „Love Action (I Believe in Love)“ und das Glanzstück „Don’t You Want Me“ (die Cocktailbar-Kellnerin bekommt man so schnell nicht mehr aus dem Kopf). Die zweite Seite ist wirklich für die Ewigkeit gemacht. (180)

Humpe & Humpe – Humpe & Humpe (1985)

Auch wenn das Album mittlerweile vierzig Jahre alt ist und vor Kurzem mit einiger Presseaufmerksamkeit neu aufgelegt wurde, besitze ich noch das Original von 1985. Ich muss zugeben, dass ich es lange Zeit nicht gehört habe, aber ich habe es eigentlich positiv in Erinnerung. Anete (die sich für das Album nicht Annette, sondern Anete nannte) und Inga Humpe singen bis auf einen Titel durchgehend auf Englisch. Produziert wurde das Album unter anderem von niemand Geringerem als Conny Plank und Roma Baran (bekannt durch ihre Zusammenarbeit mit Laurie Anderson). Beim selbst produzierten Teil half Gareth Jones. Dabei konnte Anete schon viele Eindrücke für ihre spätere Karriere als Produzentin sammeln. Für Depeche Mode-Fans ist außerdem interessant, dass Martin Gore an den Keyboards mitwirkte.

Unter dem Bandnamen „Swimming with Sharks“ wurde versucht, das Album auch im englischsprachigen Raum zu vertreiben.

Ein Stück wie „3 of Us“ würde man heute wohl als Dancepunk bezeichnen. Allerdings ist es kein besonders gelungenes Stück und damit kein guter Einstieg ins Album. Die Schwestern wollten wohl ein „mitreißendes“ Stück an den Anfang setzen. So richtig schlecht ist eigentlich nur der Refrain, der mich auch sonst gar nicht anspricht.

„Happiness Is Hard to Take“ besitzt schon etwas mehr Charme und klingt ziemlich entspannt. Doch auch hier stört mich wieder der Refrain, der trotz der englischen Sprache an einen eher schlechten Song der Neuen Deutschen Welle erinnert. An diesem Stück hat übrigens auch Martin Gore mitgewirkt.

Der Song „Memories“ ist im Stil von Propaganda gehalten, jedoch nur bis zum Refrain gelungen. Dort geraten die Schwestern wieder ins Straucheln und verderben den Song. So kann man es wirklich sagen. Da ich die Platte schon lange besitze, möchte ich eigentlich lieber Positives berichten, was bisher aber nicht möglich ist.

Auch „Can’t Leave the Pool“ kann mich nicht begeistern. Hier ist der Refrain zwar mit das Beste am Song, ansonsten bleibt er aber ein ziemlich harmloser Pop-Titel der Achtziger.

Dagegen ist „Don’t Know Where I Belong“ fast schon ein kleiner Hit der Platte. Der Duogesang ist schön und der Song ist im A-cappella-Stil gehalten.

Mit einer Aneinanderreihung japanischer Firmennamen lässt sich tatsächlich ein Songtext gestalten, der sogar ganz nett klingt und etwas mehr gelungen ist. Eine kleine Elektro-Japan-Hommage, die ich akzeptiere, auch wenn man das mögen muss. Der Titel lautet „Yama-Ha“.

„Geschrien im Schlaf“ erinnert stark an die Neue Deutsche Welle. Auch dieser Song leidet jedoch unter dem gewollten Understatement, das die Schwestern fast allen ihren Liedern aufdrücken. Diese Art von Selbstironie erreicht bei mir als Hörer keine Wirkung.

Der Titel „Yo No Bailo“ ist, wenn ich mich nicht irre, auf Portugiesisch gesungen und ergibt einen ganz netten Sommersong.

„Belle Jar“ ist ein etwas aggressiverer Elektro-Pop-Song und funktioniert noch ganz gut, gehört aber nicht zu meinen Favoriten.

Insgesamt bin ich von diesem Hörerlebnis recht enttäuscht, und daran ändert auch „You Didn’t Want Me When You Had Me“ nichts. Dieses Vinyl enttäuscht wirklich und fliegt daher aus meiner Sammlung. (583)

Hurray for the Riff Raff – Hurray for the Riff Raff (2011)

Was „Hurray for the Riff Raff“, die Band um Frontfrau Alynda Segarra, machen, wollte ich schon lange wissen und hören. Jetzt tue ich es.

Musikalisch könnte „Meet Me in the Morning“ die Grundlage für einen Song von Tom Waits sein. Klavierklänge, verträumt, mit leicht verzerrtem Sound. Ist das nur ein Intro?

Lagerfeuer-Folk mit Banjo und Akkordeon, der dann etwas schwungvoller wird und dabei sehr angenehm klingt – dank der Ehrlichkeit und Authentizität: „Is that you?“ Eine schöne Alternative-Folk-Nummer. Wenn das Album so bleibt, werde ich es sehr mögen und müsste mir dann doch die Platte kaufen (ich höre gerade über einen Musikstreamingdienst).

Es scheint so zu bleiben. Alternative Roots Country Folk: „Slow Walk“. Das mag ich sehr, auch wenn HiFi-Puristen es vielleicht als Low-Fi empfinden könnten. Aber das ist so schön! Hier hört man nur das sanfte „Daniella“.

Wer seinen Roots-Folk unplugged, ehrlich und ohne Schnickschnack hören möchte, der sollte Titel wie „Take Me“ wählen. Musik kann so schön und simpel sein – und trotzdem unendlich begeistern.

Die Band schafft es sogar, mit der reduzierten Instrumentierung einen sehr schönen Folk-Rock zu spielen – denn „Little Things“ wirkt noch intensiver als das vorherige Stück.

Bei der Musik klingt das Banjo überhaupt nicht kitschig, sondern als wichtiger Bestandteil – als Element eines Songs, egal ob ruhig wie bei „I Know You“ oder bei den schnelleren Stücken. Gleiches gilt für das Akkordeon (Walter McClemens) und das Schlagzeug (Yosi Perlstein). Manchmal braucht es auch nur ein oder zwei Instrumente, wie bei diesem und dem folgenden Stück „Too Much of a Good Thing“. Mich erinnert das an das sehr folkige und ruhige letzte Album von Leslie Feist und an die CD der Schauspielerin Julie Delpy (ja, die macht auch Musik). Bei „Too Much of a Good Thing“ setzt dann doch noch einmal die ganze Band ein, sogar eine Trompete ist zu hören – natürlich sehr schön. Was für ein herrlicher Song, der noch mehr an Feist erinnert.

Der schöne Folk setzt sich mit „Junebug Walz“ fort und zieht sich bis zum Schluss durch „Sali’s Song“. Selbst „Young Blood Blues“ am Ende der Platte ist reiner Folk und kein Blues.

Tolle Entdeckung. Für meine Begeisterung für akustische und handgemachte Folk- und Rootsmusik ist das genau das Richtige. Schön, dass die Band um Alynda Segarra noch viel mehr gemacht hat. (563)

Hüsker Dü – Warehouse: Songs and Stories (1987)

Ich muss zugeben, dass ich Bob Mould erst durch seine erste Solo-Platte entdeckt habe und erst später in die Alben von Hüsker Dü sowie in die Soloarbeiten von Grant Hart hineingehört habe. Mittlerweile bin ich Fan von Bob Moulds gesamtem Werk. „Warehouse: Songs and Stories“ war das letzte Album des Trios, erschienen beim Major-Label Warner Records, und ein Doppelalbum. Das bedeutet bei Hüsker Dü, die eher für kurze, prägnante Songs bekannt sind, dass eine ganze Menge Stücke darauf zu finden sind.

„These Important Years“ ist ein typischer Bob-Mould-Rocksong. Solche Songs gibt es von ihm viele, und die meisten davon sind richtig gut – er kann es einfach. „Charity, Chastity, Prudence and Hope“, der zweite Song, stammt von Grant Hart. Das Album teilt sich fast gleichmäßig zwischen den Liedern der beiden Songwriter auf, wobei Mould allerdings einige Stücke mehr beigesteuert hat. Wie bereits das Vorgängeralbum „Candy Apple Green“ gezeigt hat, sind Mould und Hart als Songwriter einfach besser und melodiöser geworden, vielleicht auch etwas zugänglicher für ein breiteres Publikum. So funktioniert „Standing in the Rain“ richtig gut. Das von Grant gesungene „Back from Somewhere“ ist ebenfalls überzeugend.

Natürlich lastet durch den Wechsel zu einem Major-Label auch mehr Erfolgsdruck auf den Songwritern, doch statt den Punk weichzuklopfen, entwickeln sie ihn konsequent weiter. So wird aus „Ice Cold Ice“ fast schon ein Punk-Folk-Song. Auch auf Seite zwei geht es direkt mit „You’re a Soldier“ weiter. Ein wirklich guter Rocksong von Mould ist „Could You Be the One?“. Die Songs von Grant Hart erinnern mich oft ein wenig an die Ramones, vermutlich wegen seiner Gesangsweise. Auch „Too Much Spice“ ist ein richtig guter Song. Beide liefern auf diesem Album großartige Stücke ab – so muss Alternativ-Rock oder Punk-Rock für mich klingen. Lieder wie „Friend, You’ve Got to Fall“, „Visionary“ von Mould sowie „She Floated Away“ von Hart, der ein wenig klingt, als hätte er einige Songs der Pogues gehört, sind alle gelungen, und das war erst das erste Vinyl der Doppel-LP.

Seite drei beginnt mit „Bed of Nails“, einem Song, der etwas vom Alternativ-Rock von R.E.M. hat und sehr atmosphärisch ist, was ich besonders schätze. Auch „Tell You Why Tomorrow“ ist eher eine Alternativ-Rock-Nummer als ein Punkrocksong. Die gewachsene Qualität als Songwriter zeigt sich auch bei „It’s Not Peculiar“, das stark an die Stücke erinnert, die man schon auf Bob Moulds erstem Soloalbum findet. Rock ’n’ Roll gemixt mit Punkrock gibt es bei Hüsker Dü auch in „Actual Condition“.

Auch „No Reservation“ ist kein hektischer Punkrock, sondern eher Singer/Songwriter-Rock. „Turn It Around“ ist einfach gut. „She’s a Woman (and Now He Is a Man)“, „Up in the Air“ und „You Can Live at Home“ – jeder Song funktioniert für sich, und das Album ist insgesamt ein richtig gutes Rockalbum. Wirklich ein sehr gutes sogar! Ich wünschte mir nur, dass Bob Mould einige der großartigen Hüsker-Dü-Songs noch einmal neu aufnehmen würde, da viele Stücke mit einer besseren Produktion noch mehr glänzen könnten. Aber das bleibt wohl ein Wunsch. (309)

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