
Talking Heads – Fear of Music (1979)
„I Zimbra“ beginnt kraftvoll und schwungvoll mit einem ungewöhnlichen Funk- und New-Wave-Rhythmus. Mit dem Vorgängeralbum „More Songs About Buildings and Food“ konnte ich hingegen nur wenig anfangen, daher ist dies ein sehr gelungener Start. „Mind“ klingt für eine New Yorker Gruppe überraschend britisch, was wahrscheinlich auf den verstärkten Einfluss des Produzenten Brian Eno zurückzuführen ist. „Paper“ ist typisch Talking Heads: Es klingt wie eine ihrer Songs und ist es auch. Die weiteren Stücke zeigen, dass die Band ihren eigenen Sound gefunden hat. Hier trifft großartiger New Wave- und Funk-Rock auf die unverwechselbare Stimme von David Byrne und sein herausragendes Rhythmusgefühl.
Mit „Life During Wartime“, „Memories Can’t Wait“ und „Heaven“ enthält das Album einige echte Klassiker der Band. Es folgen zwei sehr gute Liveaufnahmen sowie drei weitere erfolgreiche Plattenveröffentlichungen. Für mich sind Talking Heads allein wegen „Naive Melody – This Must Be the Place“ unvergessene Musikhelden. (77)

Talking Heads – Little Creatures (1985)
Das kommerziell erfolgreichste Album der Talking Heads ist wohl auch das poppigste und eingängigste der Band. Vor allem bekannt wurde es durch den großen Hit „Road to Nowhere“. Der alternative Stilmix aus verschiedenen Musikrichtungen der vorherigen Alben wird hier durch einen Pop-Rock-Folk-Mix ersetzt. Dadurch klingt das Album zwar wie Pop-Rock, aber weil es David Byrne und die Talking Heads sind, klingt es immer noch auf besondere Weise anders, mit diesem gewissen außergewöhnlichen Etwas, das es einzigartig macht. Selbst eingefleischte Fans der Band waren mit dem Album zufrieden, und die Talking Heads wurden Teil des Pop-Mainstreams.
Mit „And She Was“ beginnt das Album sehr gut. Der Pop-Rock-Song zeigt, dass die Band einen anderen Sound hat als auf dem Vorgängeralbum „Speaking in Tongues“. Die Band hat den Stil eher vom Konzertalbum „Stop Making Sense“ auf diese neue Platte übertragen und dabei noch zugänglicher gestaltet. Der neue Sound begeistert, rockt und macht Spaß – was will man mehr von einem guten Song?
Ein wenig vom alten Sound der Band bleibt in Stücken wie „Give Me Back My Name“ erhalten. Der Song verbindet den Sound der alten Talking Heads mit ihrem neuen Stil.
Darauf folgt ein Song mit Country-Einschlag: „Creatures of Love“. Vielleicht möchte die Band und der Songwriter sowie Sänger David Byrne einfach beweisen, dass sie nun absolut furchtlos sind und machen können, was sie wollen. Der Stil dieses Songs findet sich auf dem nächsten Album „True Stories“ häufiger wieder.
Ganz stark finde ich auch von Anfang an „The Lady Don’t Mind“. In diesem Song steckt so etwas wie die Quintessenz all dessen, was ich an den Talking Heads schätze. Besonders die Percussion- und Schlagzeugarbeit machen ihn noch besser, als er ohnehin schon ist. Ein großartiger Song.
Locker und entspannt präsentiert sich „Perfect World“. Es macht einfach Spaß zuzuhören.
Bemerkenswert ist, dass das Album trotz unterschiedlicher Stilrichtungen immer einen durchgehenden Sound hat. Außerdem bekommen die Songs innerhalb ihres jeweiligen Arrangements oft eine überraschende Wendung, zum Beispiel bei „Stay Up Late“.
„Walking Down“ erinnert noch an den Sound von „Speaking in Tongues“, schlägt dann aber wieder in den neuen Stil der Talking Heads um. In diesem Song vereinen sich die verschiedenen Phasen der Bandgeschichte sehr gut. Über allem thront natürlich die Gesangsleistung von David Byrne auf diesem Album.
Großes Kino ist „Television Man“, neben „The Lady Don’t Mind“ das absolute Highlight der Platte. Zwar erreicht es nicht ganz die Wirkung von „Road to Nowhere“ am Ende des Albums, doch dieser Song ist dafür der große Hit der Platte.
Auch nach vierzig Jahren klingt das Album noch frisch und keineswegs altmodisch. Die Talking Heads haben mit dieser Platte zweifellos einen Meilenstein der 1980er Jahre geschaffen. Unverwüstlich, schwer einzuordnen und trotzdem großartiger Pop-Rock mit vielen besonderen Zutaten. Musikalische Feinkost für alle. (567)

Talk Talk – The Party´s over (1982)
Das Debütalbum wurde vom damaligen Duran-Duran-Produzenten Colin Thurston produziert. Der Klang des Albums erinnert stark an den Synthpop der 80er Jahre, eine Mischung aus Duran Duran und Japan mit einem Hauch von Bronski Beat und OMD.
Ähnlich wie bei der ebenfalls erwähnten Band „Japan“ braucht manches seine Zeit, um jene Reife zu erreichen, die man am Ende wahrnimmt. David Sylvian und Talk-Talk-Sänger Mark Hollis haben sich in vergleichbarer Weise weiterentwickelt. Allerdings hielt sich Sylvian länger in der Musikbranche als Hollis.
So ist das Album ein verträgliches Stück der 80er Jahre, das die späteren Glanzleistungen der Band nur erahnen lässt. Das vielleicht Ungewöhnlichste ist hier bereits die Stimme von Mark Hollis, die immer noch große Ähnlichkeit mit der des Sängers von „Fury in the Slaughterhouse“ hat. Allerdings verlief das damals umgekehrt: „Der Sänger klingt aber wie der von Talk Talk. Findest du das nicht auch?“ (28)

Talk Talk – Spirit of Eden“ (1988)
Meisterwerk und das Stück „The Rainbow“ sind einfach göttlich. Mit diesem Album spielen sich Talk Talk in eine Liga mit David Sylvian und anderen anspruchsvollen Art-Rock- und Avantgarde-Musikern, und es ist seiner Zeit um viele Jahre voraus. Vielleicht haben Ähnliches Radiohead mit dem Album „OK Computer“ geschafft, doch eine so zeitlose, komplexe und dabei raffiniert mit Indie-, Alternative- und Rock-Elementen spielende Musik ist etwas ganz Besonderes.
Ein so eigenwilliges Meisterwerk kann auch nur eine Band schaffen, die sich diese Freiheit durch erfolgreiche Hits erarbeitet hat. Andernfalls würde ein Plattenlabel eine Gruppe nicht monatelang im Studio arbeiten lassen, ohne Einfluss auf deren Arbeit nehmen zu dürfen.
Ähnliche Platten gibt es nicht allzu viele, und bei den Alben von Beth Gibbons waren auch Mitglieder von Talk Talk beteiligt. Natürlich ist auch das leider einzige Soloalbum von Mark Hollis sowie das auf diesem Album folgende Talk Talk-Album „Laughing Stock“ in einem ähnlichen Stil gehalten. Ebenso zählen dazu die Arbeiten des bereits erwähnten David Sylvian und seiner ehemaligen Japan-Kollegen. So schließt sich ein Kreis, denn das erste Talk Talk-Album erinnert ja am ehesten an den New Romance-Stil von Japan.
Die Songs von „Spirit of Eden“ – besonders die Suite auf Seite eins, bestehend aus „The Rainbow“, „Eden“ und „Desire“ – bezeichne ich als Musik, die für mich Natürlichkeit, Naturverbundenheit und Meditation mit etwas Verträumtem verbindet, ohne dabei auch nur einen Hauch von Kitsch aufkommen zu lassen. Das ist ganz besondere Musik, die mich immer wieder mit sich zieht und auf eine verblüffend spannende und atemberaubende Reise mitnimmt. Diese Einzigartigkeit erstaunt mich, und ich frage mich, wie ich erst durch das Lesen über die Entstehung des Albums in einer Musikzeitschrift und den Kauf der Vinylausgabe nach langer Zeit wieder zu dieser Musik gefunden habe – von nun an werde ich sie auf jeden Fall wieder öfter hören.
Auch „Inheritance“ hat diese ganz eigene und absolut unglaubliche Qualität und Intensität, wie man sie vielleicht nur noch bei einzelnen Stücken von Radiohead findet. Das ist Art-Rock in einer ganz eigenen Liga: Chamber-Psych-Avantgarde. Vor allem aber ist es verdammt gute Musik.
Da das Album sehr akustisch und teils sogar leicht orchestral klingt, besitzt diese unglaubliche Musik einen sehr natürlichen Klang, obwohl viele Sounds miteinander verschmolzen wurden. Das erzeugt Spannung und wirkt gleichzeitig unglaublich harmonisch – wie zum Beispiel im Stück „I Believe in You“.
Dieses Album sollten sich manche Shoegaze-Bands und Musiker, die mit Dronemusik experimentieren, unbedingt anhören, um zu lernen, wie man Musik macht, ohne den Hörer zu langweilen oder mit minimalistischen Klangvariationen und Dissonanzen zu quälen. Auch hier kann das Hören von „Spirit of Eden“ die Ohren öffnen.
Und auch mit „Wealth“ macht die Band nichts falsch.
Ein unglaubliches Album, ein Hörgenuss, eine Wohltat – vielleicht eines der besten Musikalben aller Zeiten und auf jeden Fall für mich ein Album für die Ewigkeit.(697)
Tangerine Dream – Phaedra (1974)
Das erste Album von Tangerine Dream, das bei Virgin erschienen ist und in England aufgenommen wurde, trägt den Namen „Phaedra“. Das titelgebende Stück, das die gesamte Plattenseite füllt, nimmt den Hörer mit seinen kosmischen Klangexperimenten mit auf eine Reise durch einen ganzen Kosmos. Wie meist bei den Alben von Schulze und Tangerine Dream regt es dazu an, beim Hören einfach das Kopfkino laufen zu lassen. Dank der teilweise spannenden Sequenzer-Parts wurde dieses Album zu einem Meilenstein der frühen elektronischen Musik. Als es in England erschien, wurde es durch Mundpropaganda schnell zu einem Verkaufsschlager, während es sich in der Heimat von Edgar Froese, Peter Baumann und Christopher Franke nur schleppend verkaufte – dort fanden gerade einmal 6000 Exemplare einen Abnehmer.
Das Album ist nicht leicht zugänglich. Wären da nicht die wenigen Sequenzer-Parts, würde es eher wie ein vorbeiziehendes Ambient- beziehungsweise Drone-Album mit experimentellen Klängen wirken. Deshalb werde ich es in Zukunft auch nicht sehr häufig hören. Doch als jemand, der sich aktuell verstärkt für die Anfänge der elektronischen Musik interessiert, sollte man es wenigstens einmal im Leben gehört haben – wie es auch im Buch „Alben, die Du einmal gehört haben solltest, bevor Du stirbst“ empfohlen wird.
Die zweite Seite beginnt mit dem Stück „Mysterious Semblance at the Strand of Nightmares“. Dieses klingt anfänglich gar nicht nach einem Alptraum, sondern eher wie ein Spaziergang am Strand einer fremden Welt. Die Orgel gibt dem Stück einen fast sakralen Charakter und erinnert an wärmende Kirchenmusik. Alptraumhaft ist an diesem Stück wenig, es wirkt sogar zugänglicher als das lange Titelstück und klingt verwandt mit den Alben „Oxygene“ und „Equinoxe“ von Jean-Michel Jarre.
Beim Hören dieser Musik wird klar, weshalb sie „kosmische Musik“ genannt wird. Sich dabei im Planetarium die vorbeiziehenden Sterne anzuschauen, passt bestens dazu.
Für die Aufnahmen wurden folgende Instrumente eingesetzt: Mellotron, Gitarre, Bass, VCS 3 Synthesizer, Orgel, Moog Synthesizer und ein Recorder.
Die anfänglichen Klänge des Stücks „Movements of a Visionary“ wirken im Vergleich zum „Strand of Nightmares“ viel alptraumhafter. Ein Rhythmus ist erst nach zwei Minuten zu hören. Aus diesem Abschnitt entwickelt sich das stärkste Stück der Platte in Sachen Synthesizermusik. Für mich klingt hier Tangerine Dream endgültig so, wie ich sie kenne. Das Trio hat seinen charakteristischen Sound gefunden – das ist wahrhaft visionär.
Am Ende der Platte folgt mit „Sequent ‘C’“ ein kurzes Ambient-Stück.
Ob „Phaedra“ ein Meilenstein der elektronischen Musik ist, lässt sich sicher diskutieren. Mich beeindruckt davon am meisten „Movements of a Visionary“, das allein schon eine Aufnahme in die Playlist verdient. Die übrigen Stücke habe ich nun gehört, das reicht für mich. So war es bei mir auch mit den frühen Alben von Klaus Schulze.(663)


Tangerine Dream – Logos Live (1982)
Die Platte enthält drei Auszüge aus dem Konzert von Tangerine Dream im Dominion London. Das komplette Konzert wurde 2020 im Boxset „Pilots of the Purple Twilight“ veröffentlicht. Zu diesem Zeitpunkt bestand Tangerine Dream aus Edgar Froese, Christopher Franke und Johannes Schmoelling.
Die Aufnahmen auf der CD umfassen „Logos Pt. 1“ und „Logos Pt. 2“ sowie das kurze Stück „Dominion“.
„Logos Part One“ beginnt – wenn man es als Filmmusik betrachten würde – mit einer spannungserzeugenden Sequenz, die sowohl zu einem John-Carpenter-Film passen würde (auch wenn dieser seine Musik meist selbst komponiert), als auch zu einem Science-Fiction-Thriller. Nach etwa fünf Minuten entwickelt sich die Musik zu einer Klangwelt, die eine Atmosphäre erzeugt, die einem Erwachen oder einem langsamen Beginn von etwas Neuem ähnelt. Darauf folgt eine schöne Synthesizer-Melodie, die wie ein Heldenthema klingt – nun ist der Held da, nun wird alles gut. Instrumentale Musik, die mir gefällt, löst stets Stimmungen in meinem Kopf aus, und ich stelle mir dazu passende Szenerien vor. Vielleicht fehlt anderen dafür die bildliche Vorstellung, aber bei mir funktioniert das sehr gut. Natürlich trifft das weniger auf elektronische Tanzmusik zu, die mich einfach zum Tanzen anregt.
Nach dem Heldenthema wird es wieder ruhig. Innerhalb des ersten Parts von „Logos“ gibt es verschiedene Abschnitte, die man auch als eigenständige Stücke hervorheben könnte. Auf jeden Fall steigt die Spannung erneut, und der Hörer betritt eine ihm unbekannte Welt, die offenbar nicht ohne Gefahren ist. Vielleicht taucht am Horizont auch ein Feind auf – wer weiß (wie gesagt: Alles spielt sich nur in meinem Kopf ab). Laut Wikipedia wurden die einzelnen Teile der beiden Abschnitte auch farblich markiert. Part 1 besteht aus Intro, Cyan, Velvet, Red und Blue.
Part 2 umfasst die Titel Black, Green, Yellow und Coda. Dieser zweite Teil beginnt ruhig mit einer langsam und sanft gespielten Synthesizer-Orgel, die eine sehr sakrale und andächtige Stimmung erzeugt. Anschließend wird die Musik krautrockig, und die Sequenzer beschleunigen das Tempo. Das Schöne an dieser Art von Elektronikmusik ist, dass sie einen gewissen Prog- und Krautrock-Charme hat und sich nicht in ruhigem Ambient-Sound oder endlosen Schleifen verliert. Nach etwa zehn Minuten startet der zweite Part erneut durch, und es entsteht eine weitere kleine Synthesizer-Helden-Symphonie. Diese Heldenmelodien sind klar, hell und etwas kraftvoller und vermitteln ein gutes, positives Gefühl in einer ansonsten eher spannungsgeladenen und mysteriösen Musik. Das Thema hält jedoch nicht lange an, danach werden wieder Klänge präsentiert, die ein Mysterium vertonen. Genau hier bemerkte ich, dass ich in meiner Playlist das falsche Stück gewählt hatte, denn ich hörte den zweiten Part von „Tangram“ (hi, hi). Das hätte ich fast nicht bemerkt. Dieses Beispiel zeigt, dass es bei Tangerine Dream keinen großen Unterschied zwischen Live- und Studioaufnahmen gibt. Soll ich diesen Teil jetzt löschen? Nein, denn ich habe hier gut erklärt, was ich unter einem Helden-Thema verstehe. Der erläuternde Abschnitt bleibt deshalb im Text, und ich beginne an dieser Stelle noch einmal neu. Ähnlich war es schon bei meinem „Logic System - Venus“-Text, wo ich die Umdrehungsgeschwindigkeit verwechselt hatte und nicht die Stückauswahl.
Also beginnt „Logos Teil Zwei“ ebenfalls sehr ruhig, jedoch weniger sakral, eher mit einem mysteriösen Spannungsaufbau, den sie sich etwas in die Länge ziehen. Erst nach etwa fünf Minuten kommen erste Sequenzer-Melodien hinzu, die uns in eine andere Welt im Kopf führen. Dabei denke ich sofort an ungewöhnlich bewegte Insekten, die in kleiner Anzahl zusammen hin und her schwirren. Komisch, was Musik einem manchmal vor Augen führt. Vielleicht habe ich einfach zu viele Dokumentationen gesehen, in denen solche Melodien mit Insektenbildern verbunden wurden. Wie dem auch sei, jetzt passiert etwas in der Musik, und das finde ich sehr gut. Ruhige Sequenzer-Musik kann, wie hier gespielt, sehr angenehm sein. Der dritte Teil wird dann etwas schneller – man könnte sagen, Regentropfen prasseln auf die Insektenwelt herab. Die Landschaft in meinem Kopfkino verändert sich, und genau hier erklingt wieder ein – ja genau – „Helden-Thema“ (Sie wissen jetzt, was ich meine). Solch ein Thema kommt oft am Ende einer Folge von Serien vor, die in und außerhalb von Raumschiffen spielen. Man sieht die Crew des Schiffs, glücklich, das letzte Abenteuer bestanden zu haben, und anschließend das Raumschiff, das zu neuen Abenteuern aufbricht. Danach folgt eine eher ruhigere Melodie mit positiver Energie – ein Abspann. Schließlich ist es auch New-Age-Musik, warum sollte man beim Schreiben da nicht ins Fantasieren geraten?
„Dominion“ ist ebenfalls eine kleine „Heldensymphonie“. Ende. (236)
Tangerine Dream – Underwater Sunlight (1986)
Dies ist das erste Tangerine Dream-Album mit der Besetzung Edgar Froese, Christoph Franke und Paul Haslinger. Das Album habe ich lange nicht mehr gehört und könnte es jetzt fast als Neuentdeckung bezeichnen, da ich mich an die Musik überhaupt nicht mehr erinnere.
„Song of the Whale“ ist in die beiden Teile „From Dawn“ und „To Dusk“ unterteilt, die zusammen eine Plattenseite einnehmen. Vom Titel her würde es mich nicht wundern, wenn diese Teile eher aus dahinplätschernden elektronischen Klängen bestehen als aus melodiösen und teils spannungserzeugenden Sequenzerpassagen. Dies könnte aber ein Vorurteil sein, weil ich Jean-Michel Jarres „Waiting for Cousteau“ so in Erinnerung habe.
Direkt zu Beginn startet „Song of the Whale“ jedoch nicht allzu langsam. Es klingt eher nach der Art instrumentaler Synthesizer-Musik, die ich mag, und nach kurzer Zeit hätte das Stück (wenn es mit einem Sänger aufgenommen wäre) sogar gut als Progressive-Rock-Nummer funktionieren können. Es hat also auch einen Rock-Einschlag, wofür unter anderem die E-Gitarre sorgt. Das ist wirklich schon eine anders klingende Band, als die, die ich in den späten Siebzigern mit dem Album „Tangram“ kennengelernt habe. Gleichzeitig erinnert es stark an die zahlreichen Soundtrack-Nummern, die Tangerine Dream in den 80ern gemacht haben, und ein wenig an die britische Formation Art of Noise. So passt sich Tangerine Dream etwas dem Zeitgeschmack an. Auf jeden Fall finde ich diesen Anfangsteil überraschend gut gelungen.
Der zweite Part des Stücks wird von sanftem Klavierspiel eingeleitet, und das Stück bleibt auch weiterhin ruhig, ist dabei aber erfreulich melodiös. Sobald das Schlagzeug einsetzt, erweitert sich der Sound des Stücks nochmals. Schon jetzt freue ich mich, diese Musik wiederentdeckt zu haben. Gegen Ende bekommt das Stück einen Rocksong-Charakter, bei dem mich die E-Gitarre nicht stört – auch wenn sich die Musik dadurch von reiner Elektronik hin zu anderen Genres öffnet.
Dennoch ist das für mich in weiten Teilen immer noch wirklich elektronische Musik, die Spaß macht zu hören. „Dolphin Dance“ wirkt wenig verkopft, dafür aber als gut gemachter instrumentaler Pop-Rock. Durch den Gitarreneinsatz – oder Synthesizer, die wie Gitarren klingen – könnte man das Stück auch als Mainstream-Postrock bezeichnen. Auch „Ride on the Ray“ hat eher ein modernes Prog-Rock-Feeling, als dass es sich noch im sphärischen Sound der Berliner Schule bewegen würde.
„Scuba Scuba“ spielt geschickt mit Spannung und Atmosphäre sowie einer klugen Kombination von Sounds. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Song aus einer reinen Improvisation entstanden ist. Er ist auf jeden Fall das Stück der CD, das am wenigsten nach instrumentaler Mainstreammusik klingt. Das Titelstück „Underwater Sunlight“ ist eine sehr harmonische Nummer, die jedoch wieder zu einem mitreißenden instrumentalen Pop-Rock-Stück wird.
Ich mag es, wenn eine Platte, die ich viel zu lange nicht gehört habe, mich erneut einfängt und sich als viel besser herausstellt, als ich sie in Erinnerung hatte. Genau das ist bei dieser CD der Fall. Den Weg, den Tangerine Dream mit diesem Album weitergeht, finde ich sehr interessant, denn er öffnet viele Optionen für die Zukunft und gelingt hier in besonderer Weise. 716


Matthew Tavares and Leland Whitty – Visions (2020)
Die beiden Kanadier gehören zur Hip-Hop-Jazz-Formation „BadBadNotGood“. Whitty spielt Alt-Saxophon, Tavares ist am Piano zu hören, und bei einigen Stücken der Platte erhalten sie Unterstützung durch Julian Anderson-Bowes am Bass sowie Mathew Chalmers am Schlagzeug. So auch beim ersten Stück „Through the Lookingglas“, das ich als ein sehr schönes Beispiel klassischen Jazz empfinde, jedoch mit neuem Schwung und dem Sound einer jungen Musiker-Generation – ähnlich beeindruckend, wie ich es von Alabaster Deplume kenne und schätze. Dieser erste Song ist eine großartige Klangwand, bestehend aus vier gut gespielten Instrumenten. Dabei wirkt das Stück nicht einschmeichelnd, sondern breitet sich frei aus und besitzt die Intensität eines guten Jazz-Songs.
Das zweite Stück „Woah“ bewegt sich auf klassischen Jazzpfaden und zeigt ein freies Duell zwischen Klavier und Saxophon. Nach anfänglicher wilder Unbeherrschtheit kommt es zu einem Stillstand im Spiel. Das Klavier wird leiser, später setzt das Saxophon mit zarteren Klängen wieder ein. Mir gefällt diese ruhigere Passage deutlich besser als der wilde Anfang – wildes Improvisieren ist nicht ganz mein Geschmack. Die Noten dürfen ruhig geordnet fließen, ich brauche Melodien oder wenigstens einen etwas gleichbleibenden Rhythmus, um mit der Musik gut zurechtzukommen.
Stilvielfalt ist den beiden Musikern wichtig, denn „Blue“ hat nichts Wildes an sich. Es ist ein gemächliches, ruhiges Stück, in dem sich – wie bereits im ersten Titel – etwas Gesang dazugesellt, jedoch nur in Form eines verträumten Chors, ohne erkennbare Worte. Das Stück bleibt nicht dauerhaft so gemächlich wie zu Beginn, sondern gewinnt im Verlauf an Intensität und Vielseitigkeit.
Mir gefällt das folgende Stück „Symbols of Transformation, Part 1“ besser, weil es wieder klare Melodien und schöne Passagen anbietet. Ein sehr guter Song. Darauf folgt mit elf Minuten Länge „Visions of You“, das als ruhige Jazzballade beginnt. Hier hört man deutlich, dass Leland Whitty nicht nur Saxophon, sondern auch die Flöte gut beherrscht. Der Song wechselt in der Intensität sanft hin und her, schafft eine dichte Atmosphäre, ohne dabei zu verträumt zu wirken, und bietet über seine lange Laufzeit viel Abwechslung. Mit zunehmender Länge bekommt das Stück außerdem eine Bossanova-Note.
Sanftes Klavierspiel eröffnet „Eyes“, und bei dem kurzen Stück bleibt es auch dabei. Sehr gut gefällt mir „Awakenings“ mit seiner Grundmelodie, die vom Saxophon und Schlagzeug abwechslungsreich gestaltet wird.
Bei „Heat of the Moon“ dominiert von Anfang an das Saxophon, jedoch recht entspannt und ruhig, ohne wie bei manchen Stücken der Platte zu freiem Spiel zu verleiten. Eine schöne Downtempo-Nummer. Ich stehe im Jazz besonders auf harmonische Klänge – glänzendes Instrumentenspiel verwandelt in Schönheit. Dieses Prinzip erfüllt auch „Black Magic“.
„Symbols of Transformations“ erhält noch einen zweiten Teil, der eher für Fans freieren Jazz' geeignet ist, aber dennoch recht klassisch gespielt wird. Man merkt die Könnerschaft an den Instrumenten deutlich, und im weiteren Verlauf gewinnt das Stück an Atmosphäre, bevor es kurz darauf endet.
Das letzte Stück „Living Water Assembly“ ist wieder sehr ruhig gehalten. Saxophon und Klavier klingen zärtlich und zurückhaltend, es entsteht eine eher melancholische Stimmung. Zur Mitte hin wird das Stück richtig schwermütig, am Ende etwas lauter, aber stets auf gemäßigte Weise.
Ich habe das Album nicht in einem Rutsch durchgehört, sondern mehrmals pausiert, um nicht überfordert zu werden. Da ich Jazz lieber harmonisch mag, finde ich Passagen mit wilden Improvisationen und freiem Spiel der Instrumente oft anstrengend. Dennoch schätze ich sehr, wie gut die Jazzer ihre Instrumente beherrschen, das hört man deutlich. Und es gibt immer genug Teile auf der Platte, die mir gefallen, sodass ich einiges für mich daraus mitnehmen konnte. Klassischer Jazz, besonders wenn Saxophon und Trompete wild und frei gespielt werden, ist nicht immer mein Ding. Wie es Alabaster Deplume macht, finde ich es bei den aktuelleren Jazzern wirklich famos umgesetzt. Die vier Musiker auf diesem Album zeigen dabei durchaus ihre Qualität. (554)

Team Dresch – Personal Best (1995)
Melodiösen Punkrock mit einem Hauch von Grunge bietet die Queer-Core-Band um Teamleiterin Donna Dresch. Zeitlos guten Punkrock liefern die Eingangsstücke „Fagatarian and Dyke“ und „Hate the Christian Right“. Mit Pop-Appeal wird es bei „She’s Crushing My Mind“ etwas sanfter – eine ganz starke Nummer. Beim Hören von „Freewheel“ hat man sofort das Gefühl, dass Dresch auch einmal live bei Dinosaur Jr. ausgeholfen hat – schöner Singer-Songwriter-Folkcore. Wieder ein Album, das von Anfang an Freude macht und zum Glück nicht nachlässt. Ein richtig schöner Song ist „She’s Amazing“. Genau so möchte ich meinen Punkrock haben und nicht anders, wie bei „Fake Fight“. Auch „#1 Chance Pirate TV“ überzeugt einfach. Kein schlechter Song ist zu finden; ebenso kracht „D. A. Don’t Care“ richtig gut, ebenso wie „Growing Up in Springfield“. Team Dresch reiht sich damit direkt zwischen meinen Lieblings-Alternative-Rock-Bands ein. Leider hat Team Dresch nur zwei Platten aufgenommen. Das ist wirklich schade. Deshalb freut man sich heute über neue Bands wie „A Void“, die klingen, als wäre 1995 erst gestern gewesen. Gute Musik wird niemals alt. Ein echter Hammer ist „Screwing Your Courage“. Wow! (291)

The Teardrop Explodes – Kilimanjaro (1980/CD-Neuauflage 2010 mit Bonusmaterial)
Im Jahr 1976 betrat Julian Cope die Liverpooler Musikszene. Zunächst war er bei einigen recht kurzlebigen Bandprojekten aktiv, bevor sich 1978 „The Teardrop Explodes“ gründete. 1980 erschien nach einigen veröffentlichten Singles das Debütalbum „Kilimanjaro“.
„Ha, Ha, I’m Drowning“ überrascht zu Beginn durch den Einsatz von Bläsern und den kraftvollen Klang dieses Songs. Eine klare Einordnung fällt schwer – ein Mix aus Power Pop und Post-Punk. „Sleeping Gas“ klingt deutlich nach Post-Punk, und ich finde Julians Stimme ziemlich einnehmend. Wieder einmal ein guter Bass spielender Sänger-Typ. „Treason“ nähert sich eher dem Pop-Punk an. Solche Songs machen viel Spaß, hier erinnern sie an Stücke von „The Clash“. Mit schönem Reggae-Drive folgt „Second Head“. Besonders beeindruckt mich der gute Sound der CD (sie ist als HD-CD gekennzeichnet, was möglicherweise tatsächlich spürbar ist). Es handelt sich nicht um heruntergeschrammelte Aufnahmen, sondern die hochwertige Produktion sorgt klanglich für großen Hörgenuss. Eine solche Aufnahmequalität hätte ich mir zum Beispiel bei manchen „Hüsker Dü“-Songs gewünscht (ich weiß, manche Punk-Fans schätzen gerade die rauen und ungeschliffenen Aufnahmen – ich hingegen nicht).
Dieses Album bereitet mit jedem Song immer mehr Freude, unter anderem mit „Poppies Field“, „Went Crazy“ und „Brave Boys Keep Their Promises“. Das Material ist gut und abwechslungsreich, und die Platte sollte eigentlich einen deutlich höheren Stellenwert haben. Dann hätte ich sie wahrscheinlich auch viel früher gehört. Lange Zeit sagte mir nur der Name Julian Cope etwas, von seinen Solosachen kenne ich selbst kaum etwas richtig – da bleibt für mich noch einiges zu entdecken. Zurück zum Album: Es ist schlichtweg ein zeitloses Alternative-Rock-Album mit Post-Punk-Elementen. Ich glaube, Fans von „Maximo Park“ werden das Material, falls sie es noch nicht entdeckt haben, lieben. Das Stück „Books“ wurde auch von „Echo and the Bunnymen“ veröffentlicht. Ian McCulloch von Echo and the Bunnymen und Julian Cope waren gemeinsam bei „The Crucial Three“ aktiv und teilen sich die Songwriter-Rechte an diesem Stück. Bei „When I Dream“ höre ich schließlich heraus, warum die Band dem Neo-Psychedelic-Genre zugeordnet wird – das wird im Bonus-Material noch deutlicher.
Das Bonus-Material beginnt mit dem größten Erfolg der Band: „Reward“. Der Song klingt ein wenig wie „The Doors“, die versuchen, einen Punk-Song zu spielen – die Orgel trägt viel dazu bei. „Kilimanjaro“ ist etwas verschroben und größtenteils instrumental – eine verträumte Post-Punk-Fantasie von Afrika. Das Bonus-Material vermittelt einen anderen Eindruck als die Stücke der Original-Veröffentlichung. „Strange House in the Snow“ ist bereits Art-Rock. Punks lehnten Prog-Rock und Pink Floyd meist ab, viele Post-Punker hatten jedoch eine Vorliebe für Krautrock. „Use Me“ ist eine schöne Rock-Ballade. Auch auf Französisch ist „Traison“ einfach eine hervorragende Nummer. Den Abschluss eines meiner neuen Lieblingsalben bildet die Live-Fassung von „Sleeping Gas“. (136)
The Teardrops Explodes – Wilder (1981)
Die für mich sehr späte Entdeckung des Albums „Kilimanjaro“ von The Teardrops Explodes hat mich sehr begeistert. Die Mischung aus New Wave, Punk und Rock, die die Band um Julian Cope an den Tag legte, nahm mich mit und das über die gesamte Lauflänge des Albums. Da freut man sich natürlich umso mehr darauf, das zweite und vorerst letzte Album der Band zu hören – da sich die Band bei den Aufnahmesessions zum dritten Album zerstritt und Julian Cope daraufhin lieber solo weitermachte. Angeblich konnten er und David Balfe sich nicht auf eine gemeinsame musikalische Richtung einigen.
Aber immerhin gibt es noch dieses zweite Album, und 1990 erschien noch verspätet ein Album mit unveröffentlichtem Material aus den Aufnahmesessions zwischen 1980 und 1982 („Everybody Wants to Shag....“).
Zunächst haben wir aber noch ein gut gefülltes Album namens „Wilder“ vor uns. Das Originalalbum enthielt elf Titel, später kamen auf CD-Veröffentlichungen zahlreiche weitere Songs hinzu, darunter auch Live-Aufnahmen. Diese werde ich mir bei anderer Gelegenheit anhören, wenn ich die sechs CDs der Werkschau „Culture Bunker – 1978–82“ durchhöre.
Der gute Sound von „Kilimanjaro“ wird bereits im ersten Stück „Bent out of Shape“ wieder aufgenommen – allerdings ist der Gesangspart hier softer, eher im Singer-/Songwriter-Stil vorgetragen. Trotz seiner Eingängigkeit ist das Stück weniger auf Coolness ausgelegt. New Wave in einer sanfteren Form.
Beim Stück „Colour Fly Away“ geben satte Bläser dem Song ordentlich Schub, doch auch hier wirkt der Gesang etwas zurückhaltend und verleiht dem Stück eine sanfte Note. Es ist alles da, was alternative britische Musik ausmacht – doch Julian Cope verleiht sowohl den Ska-Bläsern als auch dem New-Wave-Bass etwas, das man eher mit Musikern wie Elvis Costello oder Joe Jackson verbindet. Das Ergebnis ist durchaus außergewöhnlich.
Das ist Art-Pop mit überzeugenden Soundideen aus Keyboards und Schlagrhythmen, einfach großartig und macht Spaß: „Seven Views of Jerusalem“. Ich glaube, Sting oder The Police haben sich das Gesamte davon abgeguckt – es klingt sowohl nach Songs der „Ghost in the Machine“ als auch der „Synchronicity“, und ich bin schon wieder ganz begeistert von diesem Album.
Tatsächlich scheint Cope sich mit jedem Song weiter vom New-Wave-Sound des Vorgängeralbums zu entfernen. Bei „Pure Joy“ klingt es zwar noch nach XTC und Fun Boy Three, doch die Synthesizer treten immer mehr in den Hintergrund, ebenso bei dem ebenfalls an diese beiden Gruppen erinnernden „Falling Down Around Me“.
Eine Mischung aus New Wave und New Romantics: „The Culture Bunker“. Ich mag einfach die Stimme von Julian Cope, die etwas hat von all den Indie-Rock-Gruppen der 2000er Jahre.
So etwas wie die Mischung aus Men at Work und Fischer-Z: „Passionate Friend“. Alles stimmt auf dieser Platte – schade, dass ich sie wie das Vorgängeralbum nicht schon vor vierzig Jahren entdeckt habe. Aber vielleicht braucht jedes Album auch seine richtige Zeit.
Synthesizer-Wiegenlied: „Tiny Children“ – sehr, sehr süß. Indie-Rocksong: „Like Leila Khaled Said“. Ich bin schon verzaubert von den ersten Klängen von „...and the Fighting Takes Over“. Und man will kaum glauben, welch äußerst verrückter, mit Drogen experimentierender und im Beziehungsstress lebender Charakter Julian Cope zu der Zeit dieser herausragenden Platten von The Teardrops Explodes war. Aber vielleicht ist das auch genau der Grund, weshalb er so ein guter Musiker ist – diese Wesensbeschreibung ist, wenn man sie oberflächlich betrachtet, fast schon die Voraussetzung für einen Rockmusiker oder Frontmann bzw. Frontfrau.
Der Abschluss ist das eher sanfte Psychpop-Stück „The Great Dominions“. Ich muss wohl auch noch die Zeit finden, mich durch die Diskografie von Julian Cope als Solokünstler zu hören. Es gibt immer etwas zu entdecken – solange es gut ist und Spaß macht. (579)


Tears for Fears – The Hurting (1983)
Die Texte von Roland Orzabal thematisieren schwierige Kindheitserfahrungen. Die Musik schöpft aus verschiedenen damals aktuellen Stilrichtungen wie New Wave, Synthpop, Art Rock und Pop. Da nicht nur Synthesizer, sondern auch Akustikgitarren, Schlagzeug, Saxophon und Bass zum Einsatz kommen, besitzen die Songs eine größere Klangvielfalt und heben sich von den üblichen Hitparadenstücken ab. Die Peter-Gabriel-Alben aus dieser Zeit klingen ähnlich, und einen solchen Vergleich muss man erst beim Debüt schaffen. Mit den Songs „Mad World“, „Pale Shelter“ und „Change“ haben Tears for Fears gleich starke Hits präsentiert. Auch weniger bekannte Stücke wie „Memories Fade“ und „Watch Me Bleed“ hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Den Gesang teilen sich Orzabal und sein langjähriger Freund sowie Mit-Frontmann Curt Smith. Ein beeindruckendes Debüt. (139)

Tears for Fears – Songs from the Big Chair (1985)
Unterschiedlicher hätten die zwei bekanntesten Songs des Albums kaum aufgenommen werden können. Während an „Shout“ einen Monat lang gefeilt wurde, entstand „Everybody wants to rule the World“ innerhalb einer Woche und wurde als letztes Stück dem Album hinzugefügt. Zwei Songs für die Ewigkeit. Das zweite Album von Roland Orzabal und Curt Smith ist poppiger – kein reines Synthesizer- oder düsteres Post-Punk-Werk, sondern eher ein Bandalbum mit Gitarren, Schlagzeug und Bass. Dabei lebt gerade „Shout“ zu Beginn vom beeindruckenden Synthesizer-Sound. Welch ein großartiger Song für die Ewigkeit.
Die ausgefeilte Produktion von Chris Hughes macht selbst aus zunächst einfach wirkenden Stücken wie „The Working Hour“ etwas Besonderes. Den Vergleich mit Peter Gabriel werden sie bei mir daher nicht mehr los, da sich unter anderem die Schlagzeugarrangements sehr ähneln. Das ist jedoch kein Vorwurf, sondern eher ein Kompliment, weil die Produktion dadurch an Wertigkeit gewinnt. Das Album ist mehr Art-Pop als reiner Pop, auch wenn der Hit „Everybody wants to rule the World“ selbstverständlich ein Song für den Mainstream-Hithimmel ist – aber einer, der außerordentlich gut gelungen ist.
„Mother Talk“ war die Vorabsingle und wirkt zwar sehr kraftvoll, hat mich aber nie richtig packen können. Irgendwie ist der Song für mich zu überfrachtet mit Sounds und Ideen und klingt mehr als die anderen Stücke heute noch sehr nach 80er-Jahre-Musik.
„I Believe“ ist ein Singer-/Songwriter-Stück mit einem Hauch von Barjazz. Es könnte sich gut für einen Soundtrack eignen. „Broken“ hebt wiederum den Synthesizer-Post-Punk- bzw. New-Wave-Anteil des Albums hervor. Das funktioniert eigentlich ganz gut, ist mir aber zuvor nie so richtig im Gedächtnis geblieben. Im Nachhinein stelle ich mir vor, dass „Broken“ ungefähr so hätte klingen können, wenn New Order den Post-Punk-Ansatz ihrer Joy-Division-Vergangenheit stärker weiterverfolgt hätten.
Mit mehr Pop-Song-Qualität und einer Verbindung zu „Everybody wants to rule the World“ ist „Head over Heels“ noch einmal ein wunderschöner, kraftvoller Popsong, der gleichzeitig einen Ausblick bietet, wie es soundmäßig mit der Band weitergeht. Am Ende des Albums folgt „Listen“, das wieder viele Gemeinsamkeiten mit einem Peter-Gabriel-Song aus den 80ern oder sogar von 2023 aufweist.
Ein gutes Album mit zwei herausragenden Stücken, das allerdings nicht ganz so ein Volltreffer ist wie das erste Werk. Dafür merkt man deutlich, dass sich Orzabal und Smith musikalisch weiterentwickelt haben. (235)
Tears for Fears – The Seeds of Love (1989)
Das dritte Album des Duos Roland Orzebal und Curt Smith wurde sowohl musikalisch als auch für das Bandgefüge zur Zerreißprobe. Die Aufnahmen wurden mehrmals begonnen und wieder abgebrochen, Produzenten wurden gewechselt, und Studiomusiker kamen und gingen. Am Ende beliefen sich die Produktionskosten auf eine Million Pfund.
Musikalisch änderte sich der Stil von elektronisch geprägter Musik zu einem Genre-Mix aus Pop, Art-Rock, Soul und vielem mehr. Letztendlich hat sich die Arbeit gelohnt, denn das Album und viele seiner Songs wurden zu Hits. Doch am Ende der Welttournee zum Album zerbrach auch der Zusammenhalt des Duos endgültig, und Curt Smith wurde erst in den 2000er Jahren wieder Teil von Tears for Fears.
Mir persönlich hat das Album trotz des Stilwechsels immer sehr gut gefallen. Als es herauskam, habe ich es häufig gehört, besonders Songs wie „Seeds of Love“ und „Woman in Chains“, der der Musikerin Oleta Adams zum Durchbruch verhalf. Doch nachdem bekannt wurde, dass Orzebal und Smith sich getrennt hatten, verlor ich mit der Zeit das Interesse an der Band, die zu einem Soloprojekt wurde. Allerdings habe ich später das letzte Comeback-Album gekauft und vor Kurzem auch „Raoul and the Kings of Spain“ nachgekauft, sodass mein Interesse an den anderen Alben wieder gewachsen ist.
Schon zu Beginn von „Woman in Chains“ hört man, dass sich das intensive Arbeiten an den acht Songs des Albums gelohnt hat. Musikalisch ist der Song einfach ein Genuss und viel mehr als nur ein Radiohit. Über Kopfhörer gehört, beeindruckt mich der Titel wirklich. Er erinnert an die besten Songs von Peter Gabriel und Thomas Dolby, beides Musiker, bei denen produktionstechnisch alles aus einem Song herausgeholt wird.
Diese Qualität spürt man auch in den anderen Stücken. „Woman in Chains“ bleibt Feinkost unter den Pop-Rock-Balladen. Mit Soul- und Jazz-Elementen sowie dem typischen L.A.-Sound präsentiert sich „Badman‘s Song“, in dem ebenfalls Oleta Adams mitsingt. Ihre Einladung zu den Aufnahmen war somit eine richtige Entscheidung.
Curt Smith war als Songschreiber nur am dritten Song beteiligt, dem größten Hit der Platte: „Sowing the Seeds of Love“. Man hört immer wieder Beatles-Anklänge heraus, doch der Song bleibt eigenständig ein sehr guter Titel und ebnet den Weg für den aufkommenden Britpop.
Etwas überraschend folgt darauf „Advice for the Young at Heart“. Der Titel weist keine außergewöhnlichen Merkmale auf, erfährt jedoch durch die elegante und intelligente Produktion eine qualitative Aufwertung. Ein lässiges Stück auf technisch hohem Niveau.
„Standing on the Corner of the World“ ist wiederum ein Song, der stark an Thomas Dolby erinnert – Art-Pop und musikalisch ein Genuss. Das Album ist insgesamt eine Sammlung eleganter Art-Pop-Stücke, wozu auch „Swords and Knives“ gehört, das mit beeindruckend klingendem Schlagzeug beginnt.
„Year of the Knife“ startet mit Live-Atmosphäre und gehört für mich neben „Woman in Chains“ und „Sowing the Seeds of Love“ zu den Highlights des Albums. Außerdem zeigt der Song, dass Musik auch dazu da ist, Spaß zu machen und einfach mal die Sau rauszulassen – auch wenn dies hier noch auf einem eher zurückhaltenden Niveau geschieht. Es ist ein Stück, das einfach Freude bereitet.
Als besinnlichen Abschluss fand ich „Famous Last Words“ am Ende der Platte immer sehr schön und finde das auch heute noch so. Ein ganz feiner Song mit tollen Streicherarrangements.
Das Album bleibt ein zeitlos gutes Werk – ein Meisterwerk, eine Platte für die Ewigkeit. Es ist aber auch ein Album, das von seinen Machern nur schwer zu übertreffen sein wird. 712


Sébastian Tellier – Domesticated (2020)
French-Pop-Meister und Soundtrack-Lieferant – als solcher ist Sébastian Tellier bekannt. Anscheinend mag er Billie Eilish ganz gern, denn deren Bedroom-Pop verbindet er bei „A Ballet“ gekonnt mit dem Vocoder-Sound von Daft Punk. Der Kritiker der Zeitschrift „Uncut“ nannte es „es klingt wie eine verloren gegangene Komposition von George Michael und Brian Eno“ – das klingt für mich nach einem Lob.
„Stuck in a Summer Love“ mag ich wegen des leichten, aber spannenden Rhythmus der elektronischen Beats ganz gern, nur das Vocoder-Gesangs-Geseusel stört mich auf Dauer. Die Erfindung des Auto-Tunings hat eigentlich nichts Gutes bewirkt, und mich nervt, dass ich authentische Stimmen hören möchte – auch beim Elektronik-Pop. Trotzdem ist der Song wirklich nicht schlecht.
Schon ziemlich sehr in die 80er versetzend ist „Venezia“, doch auch hier kann der Refrain den Song über die Ziellinie retten. Ich höre ihn mir beim Streamingdienst meiner Wahl ganz gern an, brauche ihn aber nicht in meiner Sammlung, denn so gut ist er bisher auch nicht. Laidback Pop bekomme ich aber auch zur Genüge, wenn ich das Radio einschalte. Vielleicht würde mich das auch bei einem Sommerfestival, live gespielt, überzeugen. Wenn die Show dann noch gut wäre, würde ich vielleicht über den Kauf des Albums nachdenken.
„Domenestic Task“ ist etwas düster gehalten, leider wieder mit Vocoder-Stimme versehen, aber die Beats funktionieren sehr gut. Ein Highlight.
Weiterer Schlafzimmer-Pop ist „Oui“, und nur mit etwas stärkeren Drumsounds versehen „Atomic Smile“. Das ist auch ein Album, das etwas mehr Tempowechsel vertragen könnte. Auch sanfter Pop kann sehr langweilig werden.
French-Disco-Style findet sich in „Hazy Feelings“. Daft-Punk-Fans kommen bei diesem Album auf ihre Kosten, weil Sébastian Tellier den Sound von Daft Punk eins zu eins übernimmt. Nur fehlen seinen Songs etwas mehr die Hitqualität. Auch das letzte Stück „Won“ macht da keine Ausnahme.
Der Song „Domenestic Task“ hat es in meine Playlist geschafft. Das Album nicht. Dafür müsste man dem französischen Disco-Pop schon sehr zugeneigt sein und einfach nicht genug davon bekommen. (549)
Temple of the Dog – Temple of the Dog (1991)
Noch ein Lieblingsalbum und eines der besten Rock-Alben aller Zeiten. Der Grund für die Gründung von Temple of the Dog war ein trauriger. Andrew Wood, Frontmann der Band „Mother Love Bone“, war an einer Überdosis Heroin gestorben. Sein Mitbewohner Chris Cornell (Soundgarden) schrieb daraufhin zwei Songs, die er nicht auf einem Soundgarden-Album veröffentlichen wollte. Zusammen mit seinem Schlagzeuger Matt Cameron und den beiden ehemaligen Mother Love Bone-Mitgliedern Jeff Ament, Stone Gossard sowie Gitarrist Mike McCready, die zur gleichen Zeit im selben Studio an den Aufnahmen für das erste Pearl Jam-Album arbeiteten, begann er, diese Songs und weitere Stücke aufzunehmen. Bei dem Song „Hunger Strike“ war auch Pearl-Jam-Sänger Eddie Vedder als Gastsänger beteiligt, und man hört ihn im Hintergrund einiger Songs. Live wurde das Album nur einmal gespielt. Einige Songs wurden allerdings zum 20-jährigen Bandjubiläum von Pearl Jam noch einmal live präsentiert. Neben den Pearl Jam-Alben „Ten“ und „Vs“, Nirvanas „Nevermind“ und dem Soundtrack zum Film „Singles“ gehört diese Platte zu meinen Lieblings-Grunge-Alben (ok, das Soundgarden-Album „Badmotorfinger“ zählt auch irgendwie dazu).
„Say Hello 2 Heaven“ erinnert ein wenig an einen Alice-in-Chains-Song, doch mit dem unglaublichen Gesang von Chris Cornell – für mich wirklich der beste Rocksänger aller Zeiten – , denn er ist eine Rockröhre mit ganz viel Seele. Ansonsten definiert dieser Song sehr gut den Sound des Grunge oder, wie jemand mal sagte, „den Blues des weißen Mannes“.
Ein absoluter Rocksong-Knaller. Besser geht es nicht: „Reach Down“. Darauf folgt das unvergleichliche beste Zusammenspiel von Chris Cornell und Eddie Vedder: „Hunger Strike“. Schon von der ersten gespielten Note an bin ich sofort im Song drin und fühle mich selig, glücklich und begeistert. Eine Rockhymne für Grunge-Fans oder einfach ein verdammt guter Song.
Gefolgt von dem nächsten sehr guten Rocksong: „Pushing Forward Back“. Einfach nur mitreißend.
Bluesrock bringt „Call Me a Dog“, der für eine kleine Atempause sorgt. „Times of Trouble“ nimmt mich ebenfalls von der ersten Sekunde an mit. Ich habe mir nie den Titel gemerkt, aber jedes Mal, wenn ich ihn höre, bin ich begeistert – fast schon eine Rockballade, aber was für eine!
Darauf folgen mit „Wooden Jesus“ und „Your Savior“ zwei weitere unglaublich gute Songs. Deshalb ist dieses Album einfach eines für die Ewigkeit und eine Insel für sich. Danach müsste man eigentlich noch „Badmotorfinger“ und „Ten“ direkt hinterherschieben. Seit diesen Alben sowie Nirvanas „Nevermind“ höre ich viel mehr laute Rockmusik als in den Jahren zuvor.
Mit ganz viel Blues und Seele: „Four Walled World“. Gleiches gilt auch für „All Night Thing“.
Allein wegen „Reach Down“, „Hunger Strike“, „Pushing Forward Back“, „Times of Trouble“, „Wooden Jesus“ und „Your Savior“ verdient dieses Album von mir höchste Verehrung. (646)


The Temper Trap – Conditions (2009)
Die australische Indieband, bestehend aus Sänger Dougy Mandagie (Gesang), Lorenzo Sillitto (Gitarre – Bandmitglied bis 2013), Toby Dundas (Schlagzeug), Johnathon Aheme (Bass) und Joseph Greer (Keyboards), zog von Melbourne nach London, um dort ihr Debütalbum aufzunehmen. Produzent bei den Aufnahmen war Jim Abbiss, der zuvor bereits am Album „The Black Room“ der Editors mitgearbeitet hatte.
Die Platte wird getragen vom außergewöhnlich hohen Gesang Dougy Mandagies und dem eingängigen, aber dennoch anspruchsvollen Indie-Rock-Pop der Band. So gute Melodien wie The Temper Trap bereits mit dem ersten Song „Love Lost“ bieten, finden sich auf diesem Album noch viele weitere. Das ist irgendwie zu gut, um nur Pop zu sein, und hat trotzdem alles, um charttauglich zu sein. Die Melodien auf dem Album sind packend, mitreißend und kraftvoll – „Rest“ ist dafür ein gutes Beispiel.
Bei den zwei Nachfolgealben sind die Songs zwar „nur“ noch charttauglich, klingen jedoch wie viele andere Songs, und irgendwie fehlt immer dieses gewisse Etwas, das aus einem Radiosong einen wirklich guten Song macht. Auf diesem Album hingegen stimmt ganz viel, und live konnten The Temper Trap das ebenso gekonnt auf der Bühne präsentieren. Vielleicht machen die Songs der beiden anderen Platten der Band live sogar noch mehr Spaß.
Ihr größter Hit bleibt jedoch „Sweet Disposition“, der einen echten Pop-Drive hat und auf große Gefühle setzt. Dies versuchen The Temper Trap auf den Alben zwei und drei immer wieder zu wiederholen – und das ist mir dann doch zu wenig. Beim zweiten Album haben sie zudem die elektronischen Klänge deutlich verstärkt eingesetzt.
Genug über die Alben zwei und drei gesprochen. Wenn ein Song mit den ersten Tönen schon mitreißt, weiß man, dass es gute Musik ist – das hymnische „Down River“ ist eher Folkrock als Indie-Rock, aber richtig gut. Auch das sanfte Gitarrenspiel am Anfang von „Soldier On“ nimmt einen mit, und der Stimmungswechsel trägt dazu bei, dass das Album beim Durchhören nicht langweilig wird.
„Fader“ ist immer noch mein Lieblingssong der Platte. Riesig, macht Spaß, Party und ist einfach ein klasse Indie-Pop-Rock-Stück zum Abfeiern. Macht immer wieder totalen Spaß. „Fools“ nimmt wieder etwas Tempo raus und ist ein gefühlvoller Pop-Song. Die Stimmung wechselt, wird bei „Resurrection“ etwas angespannter, bleibt aber eher im Pop-Modus als im Rockstil. Der Song hält die Spannung gekonnt lange aufrecht und rockt am Ende doch noch richtig los. Eine gute Indie-Rock-Nummer ist „Science of Fear“. Den Abschluss bildet der „Drum Song“ – ein kraftvoller, instrumentaler Rock-Song. (540)
Temple Fang – Lifted from the Wind (2025)
Ich habe einfach mal spontan eine aktuelle Platte einer mir unbekannten Band vom Stickman-Records-Label geholt. Nach der Länge der einzelnen Songs zu urteilen, könnten das wieder alles Prog-, Psych- und Post-Rock-Stücke sein. Ich bin gespannt, in welche Richtung Temple Fang dann wirklich oder meistens geht. Die Band stammt aus Amsterdam und macht Rock, der nach den 70ern klingt, aber mit härteren Tönen gemischt ist.
Der Anfang des Stücks „The River“ klingt eher nach Post-Rock – erinnert an Explosions in the Sky und Elder – rockt aber auch ziemlich kraftvoll. Über die Produktion und die Fähigkeiten der vier Musiker der Band gibt es nichts auszusetzen. Als der Gesang einsetzt und die Stimme von Dennis Duijnhouwer mich an die Hard- und Progrocker von „Rush“ erinnert, wird der Song zunehmend rockiger. Die Beschreibung „Prog mit der Wucht von Monster Magnet“, die ich irgendwo gelesen habe, trifft hier wirklich gut zu. Das plattenseitige Stück wechselt nach acht Minuten den Stil, und dann folgt ein Part, der an Pink Floyd erinnert und mir sehr gut gefällt. Fans guter klassischer, vom Progrock beeinflusster, aber auch härterer Rockmusik sind bei Temple Fang genau richtig. Kurz vor Schluss bekommt der Song noch einen atmosphärisch starken Epilog verpasst. Mit diesem Stück haben mich Temple Fang schon mal auf ihre Seite gezogen.
„Once“, mit über einundzwanzig Minuten noch etwas länger als der erste Song, beginnt mit kräftigem Trommelspiel. Dann setzen ebenso kraftvoll die Gitarren von Jevin de Groot und Ivy van der Veer ein. Dies geschieht in einem gemächlichen, aber wirkungsvollen Stil. Was mir schon mal am Progrock von Temple Fang gefällt, ist das Melodiöse und eher Gradlinige in der Musik. Progrock beginnt mich immer dann zu nerven, wenn er zu experimentell wird und Rockmusik versucht, mit Jazz und Klassik zu konkurrieren. Solche Versuche finde ich oft zu anstrengend. Rockmusik soll mich mitnehmen, und das Stück „Once“ schafft dies auf großartige Weise. Besonders das Schlagzeug von Daan Wopereis, aber auch der Rest der Band, begeistern mich noch während des Hörens des zweiten Songs endgültig. „Once“ ist eher starker Post-Rock als Progrock. Doch bei Bands wie Elder, Motorpsycho und eben Temple Fang (und anderen Künstlern vom Stickman-Records-Label) verschmelzen Psycho-, Prog- und Post-Rock oft zu einer Einheit. Für mich ist das einfach gute Rockmusik. In der zweiten Hälfte rockt das Stück dann richtig los und wird zu einer mitreißenden Nummer.
Da es alles sehr lange Stücke sind, höre ich die CD auch nicht vollständig am Stück, sondern in einzelnen Abschnitten mit jeweils etwas Pause dazwischen. So wird das Hören nicht langweilig – was aber vermutlich auch beim Durchhören nicht der Fall wäre, da der Rock von Temple Fang einfach atmosphärisch dicht ist und die Rhythmen sowie die Musik einen gut mitnehmen. Das funktioniert auch beim Stück „Harvest Angel“ sehr gut.
Ein schnellerer Schlagzeugrhythmus eröffnet das etwas kürzere Stück „The Radiant“ (7:25 Minuten), das dann noch mehr an Tempo zulegt und richtig gut rockt. Gute klassische Rockmusik.
Zum Abschluss folgt ein fünfzehnminütiges Stück: „Josephine“. Es beginnt als Rockballade und gewinnt dann, wie zu erwarten, wieder beträchtlich an Kraft und Tempo. Klassischer Rock, wunderbar in die Gegenwart katapultiert, denn der Sound von Temple Fang reißt einfach mit.
Eine sehr gute Entdeckung. Klassische Rockmusik zwischen Kraut-, Post- und Progrock. Dabei immer unterhaltsam, nie verkopft oder kompliziert – alles richtig gemacht. (622)

Thinking Fellers Union Local 282 – I hope it lands (1996)
Das Musikerkollektiv veröffentlicht gerne Alben, die aus kleinen musikalischen Mosaiksteinchen bestehen und zwischen Ambient und Art-Psychedelic-Rock angesiedelt sind. Das 1996 erschienene Album gilt als eines der zugänglichsten der Band, da sich neben den klanglichen Experimenten auch echte Songs finden, etwa der schöne Indiepop-Song „Empty Cub“. Nach Pere Ubu hat es vielleicht wieder einmal eine Band gebraucht, die alles irgendwie auf den Kopf stellt. „Lizard’s Dream“ klingt wie eine Mischung aus dEUS und Lambchop. Das Gleiche gilt für „Elgin Millers“. Dabei merke ich, dass diese Beschreibung gut passt und die Mischung mir wirklich Spaß macht. Verdammt, ich mag einfach zu viel Musik aus sehr vielen Genres. Es gelingt mir nicht, mich mit dem zufrieden zu geben, was ich bisher an guter Musik entdeckt habe – ich brauche immer neuen Input. Aus Kostengründen ist es praktisch, dass man viel Musik bei Spotify und Bandcamp hören kann. Aber das Sammlerherz möchte die Platten auch besitzen – verdammt! Am besten wäre es, ich lese einfach keine alten und neuen Musikzeitschriften mehr. Dann könnte ich nur noch durch Zufall oder bei einem Liveerlebnis etwas Neues entdecken. Nein – das mache ich nicht.
„Brains“ verbindet Post-Punk mit Psychedelic-Rock und etwas New Wave – schon verrückt. Die Miniaturen neben den längeren Stücken sind für mich dagegen von geringem Wert. Bei Interludes ist das oft so, dass ich sie meist für überflüssig halte. Aber die, wenn auch wenigen, guten Songs machen das Album und die Band zu einem Erlebnis. „Tripple X“ ist ebenfalls richtig gut – hier singt Bassistin Anne Eickelberg, wie bereits bei „Empty Cub“, erneut, und der psychedelisch-indieartige Sound, der etwas an Yo La Tengo erinnert, macht richtig Spaß.
Fazit: Zum Glück gibt es für die Welt immer etwas zu entdecken – man darf nur nie damit aufhören. Das gilt für Künstler genauso wie für ihre Hörer und Liebhaber. -293


This is the Kit – Moonshine Freeze (2017)
This is the Kid ist die Band der Musikerin Kate Staples. Sie machen Indie-Folk. Nachdem das dritte Album von Aaron Dessner produziert worden war und sie auch als Support für The National aufgetreten sind, wurde das vierte Album wieder von John Parish produziert, der bereits dem Debüt der Band den letzten Schliff verliehen hat und durch seine Zusammenarbeit mit PJ Harvey bekannt ist.
Die CD beginnt mit dem sanften „Bullet Proof“. Mit Banjo, Schlagzeug, ein wenig Orgel sowie später mit Gitarren- und Streichereinsatz entsteht ein wunderschöner Klang. So klingt moderne Folkmusik, wenn sie authentisch und fragil ist und Herz und Verstand des Hörers erreicht. Es geht aber auch etwas rockiger, wie Kate Staples mit „Hotter Cooler“ beweist. Dieser Song ist großartig produziert, und auch Bläser kommen zum Einsatz. Bereits die Anfangstakte des Titelstücks „Moonshine Freeze“ reichen aus, damit ich mit dem dritten Stück ein echter Fan bin. Super. Ohne dass ihre Stimme an Sanftheit verliert, schafft Kate Staples es, ihren Songs eine tolle Dynamik und Spannung zu verleihen. Jeder Instrumenteneinsatz ist dabei geschickt und stimmig gesetzt. Hier trifft der Begriff „Indie-Folk“ wirklich zu, doch die CD macht auch Rockfreundinnen und -freunden Freude. „Easy on the Thieves“ ist wieder so eine Folk-Perle. Ein wenig Psychedelic Rock kann ebenfalls nicht schaden, wie bei „All Written Out in Numbers“. Für den Rest der Songs gilt einfach: richtig gut arrangierte Folk-/Rock-Nummern – zeitlos, mitreißend, begeisternd.
Eine grandiose Platte! (197)

This is the Kit – Careful of your Keepers (2023)
Kate Stables ließ ihr sechstes Studioalbum von Gruff Rhys (Super Furry Animals) produzieren. Bisher kenne ich nur ihr Album „Moonshine Freeze“, das mich sehr beeindruckt hat und das mich schließlich zum Kauf dieses neuen Albums veranlasst hat.
Schon der Eröffnungssong „Goodbye Bite“ zeigt eindrucksvoll das Können von This Is the Kit, der Folkmusik eine besondere Note zu verleihen. Sie schaffen es, aus einem Song mehr zu machen und dabei trotzdem authentisch zu bleiben. Wie sich der anfänglich großartig gespielte Song im Verlauf immer weiter entfaltet, ist wirklich großes Kino – und das auf eine sehr zärtliche Art und Weise. Wieder Musik, die mir tief unter die Haut geht. Es kann also kaum noch schlechter werden, und ich bin nun noch mehr Fan.
Auch „Inside Outside“ ist außergewöhnlich gut gespielt – ich bin von der Musik überwältigt. Es ist so gelungen, dass mir die passenden Worte fehlen.
Ansatzweise lassen sich Vergleiche mit Feist, Mina Tindle oder Sophie Auster ziehen, doch der nächste Song „Take You to Sleep“ bewegt sich auf einem Niveau, das man selten hört. Sonst würde mich jedes Album so umhauen, insbesondere im Bereich der Folkmusik. Doch hier überragt es vieles. Der Einsatz der Bläser ist so beeindruckend, dass Sie es selbst hören müssen.
Der scheinbar einfache Song „More Change“ bildet keine Ausnahme, denn auch er wird mit viel Feingefühl gespielt und gesungen. Nur großer Beifall. Ich habe This Is the Kit einmal im Vorprogramm von The National gesehen – deshalb habe ich damals auch „Moonshine Freeze“ gekauft. Doch dieses aktuelle Album stellt alles bisher Bekannte in den Schatten. Wenn die Band das nächste Mal in der Nähe spielt, wird das ein Pflichttermin für mich.
Alternative-Indie-Folk: „This is When the Sky Gets Big“. Schönheit in Musik verwandelt: „Scabby Head and Legs“. Das Titelstück „Careful of Your Keepers“ begeistert ebenfalls – es zeigt, wie unkompliziert und zugleich anspruchsvoll Musik sein kann. Diese musikalisch großartig arrangierten Stücke stechen auf überraschend einfach wirkende Weise hervor und verdienen die vielleicht etwas übereiligen Lobesworte voll und ganz.
Denn alles, was ich auf dieser CD höre, begeistert mich einfach. Einen Folksong wie „Doomed or More Doomed“ so formvollendet hinzubekommen, ist total faszinierend, weil er vieles an anderer Musik übertrifft. Und Sie wissen ja, ich höre viel Musik.
Zum Schwelgen empfehle ich „Stuck in a Room“. Als sanfter Rausschmeißer folgt „Dibs“.
Von vorne bis hinten beeindruckt mich diese Platte zutiefst. Kaum zu glauben, wie sehr mich diese Musik begeistert. Ein Meisterstück, an dem sich die moderne Folkmusik künftig messen muss – es wird schwer sein, das zu übertreffen.(566)

Thompson Twins – Into the Gap (1984)
Während das Trio, bestehend aus Tom Bailey, Joe Leeway und Alannah Currie, mit dem Vorgängeralbum „Quick Step & Side Kick“ bereits in ihrer Heimat großen Erfolg feierte und auch eine erfolgreiche US-Tour absolvierte, gelang ihnen der große Durchbruch mit dem Album „Into the Gap“ und den zahlreichen erfolgreichen Single-Auskopplungen.
Schon seitdem ich die CD zum Hören bereitgelegt habe, sind die Hits wieder ganz präsent in meinem Kopf, obwohl ich die CD und die Songs wirklich lange nicht mehr gehört hatte. Die Vorfreude ist deshalb umso größer. Mal sehen, ob die Platte und die Songs wirklich so gut sind, wie ich sie in Erinnerung habe.
Bereits bei den ersten Klängen von „Doctor! Doctor!“ habe ich großen Spaß. Perfekter 80er-Pop, der die Zeit hervorragend überstanden hat. Das liegt wohl daran, dass, obwohl viel mit Synthesizern gearbeitet wurde und die Band anfangs einen New-Wave-Ruf hatte, die Songs auf „Into the Gap“ vor allem einfach gute Popsongs sind. Ich mag auch die Stimme von Sänger Tom Bailey sehr gerne. Im Anschluss folgt direkt ein Lieblingssong der Band: „You Take Me Up“. „Day After Day“ klingt wie eine Nummer von „Talking Heads“ und verleiht der Platte ein abwechslungsreiches New-Wave-Gefühl. „Sister of Mercy“ ist, genau wie die ersten beiden Stücke, wieder Singlematerial.
Obwohl man die Thompson Twins an jedem Song sofort erkennt, sind sie stilistisch recht vielfältig. Man versteht auch, warum sie in den USA erfolgreich waren, denn ihre Musik passte gut in die dortigen Pop-Charts. Der Song „No Peace for the Wicked“ ist ein typischer 80er-Pop-Song, bei dem man vielleicht heraushört, dass die drei Musiker auch mit Thomas Dolby zusammengearbeitet haben – der Song klingt nämlich wie eine typische Dolby-Nummer.
Dass die Thompson Twins auch zum Ethno-Pop gezählt werden, liegt am arabisch-orientalischen Sound von „The Gap“. Damit waren sie ihrer Zeit ziemlich voraus. Neben „You Take Me Up“ war natürlich auch „Hold Me Now“ immer einer meiner liebsten Songs der Thompson Twins. Ein sanfter Gute-Laune-Pop, genau wie ich ihn mag. „Storm on the Sea“ erinnert mich an Howard Jones – ebenfalls einer der wirklich guten Pop-Musiker der 80er, den ich heute allerdings nur noch selten höre. Am Ende der Platte findet sich noch eine weitere Single: „Who Can Stop the Rain“.
So klang 80er-Pop, der auch heute noch gut zu hören ist – nicht Musik, für die man sich schämen müsste, sie gehört zu haben, sondern Musik zum Erinnern und Genießen. Ab und zu eine Dosis 80er-Pop ist keineswegs schlimm. Man muss ja nicht gleich zum nächsten 80er-Revival-Event gehen, man kann das auch schön zu Hause genießen. (328)
Tin Machine – Tin Machine (1989)
David Bowie war es müde, als Solo-Künstler unterwegs zu sein. Zusammen mit dem Tour- und Studiogitarristen Reeves Gabrels sowie den Brüdern Tony und Hunt Sales stellte er eine Band zusammen, in der jeder gleichberechtigt sein sollte – David Bowie wurde Frontmann einer Band. Er beschloss jedoch, dass der Sound der Band rockiger sein sollte – eine Mischung aus der Musik, die er gerade gerne hörte, nämlich eine Kombination aus Led Zeppelin und den Pixies.
Der Song, der mir von Tin Machine immer am besten gefallen hat und auch der einzige ist, der mir durchgehend im Gedächtnis geblieben ist, ist direkt der erste Titel des Albums: „Heaven’s in Here“. Das ist ein fantastischer Blues-Rocksong mit tollen Gitarren, einer großartigen Melodie und der nötigen Härte. Ein Song für die Ewigkeit.
Ansonsten verbinde ich mit Tin Machine, dass ich David Bowie durch diese Band auch einmal live in einer kleinen Location erleben durfte, da er im „E-Werk“ in Köln zu Gast war. Ich erinnere mich noch daran, dass er Saxophon spielte – vom Konzert selbst ist mir nicht viel mehr im Gedächtnis geblieben.
Das Stück, das der Band ihren Namen gab, „Tin Machine“, ist eine verschrobene Punk-Rock-’n’-Roll-Nummer. Allerdings ist es irgendwie nicht ganz mein Geschmack – das wirkt schon zu gewollt. Bowie klingt, als wolle er Iggy Pop bei den Stooges ersetzen.
Und genau wie eine Solo-Nummer von Iggy Pop klingt auch „Prisoner of Love“. Dieser Song funktioniert aber ganz gut.
Eine moderne New-Wave-Nummer ist „Crack City“, die den Schwung einer frühen Pretenders-Platte hat.
„I Can’t Read“ ist ein guter, melancholischer Rocksong und eine typische David-Bowie-Nummer aus seiner Schaffensphase gegen Ende der Achtziger und ab den 90er Jahren. Ich mag ihn sehr. Vielleicht hat er Musiker wie Thom Yorke zu vielen Songs inspiriert, denn der Song hat etwas vom späteren Radiohead-Sound. Ein Highlight der Platte.
Zurück zum ungestümen Rock’n’Roll mit Punkrock-Feeling: „Under the God“ funktioniert sehr gut und erinnert dabei wieder stark an Iggy Pop – Bowie und Pop sind einfach untrennbar miteinander verbunden.
Eine sanftere Rocknummer ist „Amazing“, auch ein feiner Song, der für Abwechslung sorgt. Das ist wichtig, denn das Album ist mit vierzehn Stücken gut gefüllt.
Das John-Lennon-Cover „Working Class Hero“ wird bei Tin Machine zur Stadionrock-Hymne.
Kevin Armstrong (Rhythmus Gitarre und Hammond Orgel, der beim Album noch als Gastmusiker mitwirkte und die Band live unterstützte, wurde beim zweiten und letzten Tin Machine-Album festes Mitglied der Band.
Eine kurze Haudrauf-Nummer, aber nicht zu wild, mit viel Understatement, ist „Bus Stop“.
Bei „Pretty Things“ wird versucht, ein wenig Pixies und Sonic Youth zu verbinden – am Ende will das aber kein wirklich guter Song sein, sondern wirkt eher anstrengend als gelungen.
„Video Crime“ ist wieder experimenteller und etwas außergewöhnlicher, was den Song zeitlos klingen lässt.
Etwas zugänglicher und melodiöser, aber durchaus keine Mainstream-Nummer, ist „Run“.
Ein Punk-Rock-/Alternative-Rock-Mix ist „Sacrifice Yourself“. Der Song ist mir wieder etwas zu rotzig – das mag für Punk zwar üblich sein, doch für mich passt das einfach nicht zu Bowie.
Das Album endet mit einer eher typisch für Bowie gehaltenen Nummer: „Baby Can Dance“.
Mit „Low“ hat Bowie dem Post-Punk die Richtung gewiesen, und mit Tin Machine war er vielleicht einfach zu früh dran, um die Musik mit zwei außergewöhnlichen Alternative-Rock-Alben zu bereichern – ähnlich erging es Bob Mould mit seinen ersten Soloalben. Einige Jahre später hätte dieses Album vielleicht ein Hit werden können. Für mich war das ein sehr positives Wiederentdecken. Bis auf die ein paar recht einfachen Punk-Rock-Versuche hat das Album einiges zu bieten, und „Heaven’s in Here“ sowie „I Can’t Read“ sind ganz tolle Nummern. 705


Tired Pony – The Ghost of the Mountain (2013)
Dies ist das zweite Album der Band um Snow Patrol-Kopf Gary Lightbody, der mit dieser Formation, zu der auch Peter Buck (R.E.M.) und Richard Colburn (Belle & Sebastian) gehören, eigentlich so etwas wie Country-Musik machen wollte. Im Gegensatz zum eher Indie-Power-Pop von Snow Patrol lässt sich die Musik von Tired Pony am besten als Singer/Songwriter-Folk mit Indietouch beschreiben. So klingt auch „I don’t want you as a ghost“. „I’m begging you not to go“ ist schöner, etwas angekitschter Indie-Folk – ganz groß. „Blood“ könnte ebenso eine Snow Patrol-Nummer sein, und eine von den richtig guten. Gary Lightbody ist ein ausgezeichneter Songschreiber, denn bei ihm funktionieren die Songs, weil sie gut sind, einen gewissen Anspruch erfüllen und sich mit ganz großen Songwritern wie Jackson Browne messen können – Songs, die Seele haben, mit den Emotionen des Hörers spielen, ins Herz gehen und im Kopf bleiben.
Wenn man eine Platte wie diese hört, weiß man, dass man einen Freund fürs Leben gefunden hat – diese Musik bleibt. Das gilt auch für „The Creak in the Floorboards“ und „All Things all at Once“ (eine großartige Nummer). Selbst wenn der Grundton der Platte eher ruhig und gefühlvoll ist, wird sie niemals langweilig. „Wreckage and Bone“ ist wieder schöner, ruhiger Singer/Songwriter-Folk, während „The Beginning of the End“ etwas Popiges hat und erneut wie eine Snow Patrol-Nummer wirkt. Danach geht es zurück zum Indie-Folk mit „Carve our Names“. „Ravens and Wolves“ ist im Refrain etwas kraftvoller und hat eine treibende Melodie (ebenfalls ganz toll).
Dann folgt eine echte Power-Pop-Nummer: „Punishment“. Das Titelstück „The Ghost of the Mountain“ ist wieder eher ruhig, zeichnet sich aber durch eine sehr schöne Atmosphäre und hervorragendes Songwriting aus. Mit „Your Way is the Way Home“ endet die CD, und das war es dann auch. Nach zwei Alben ist bisher nichts Neues mehr von Tired Pony erschienen, und leider ließen auch die zwei darauf folgenden Snow Patrol-Alben die Qualität der drei Vorgänger-Alben vermissen. Zurzeit reicht es Gary Lightbody, auf jahrelanger Akustiktour zu gehen. Schade, so ein guter Songschreiber – aber wir haben ja genug Material, das wir immer wieder hören können, und dieses Album gehört auf jeden Fall dazu. (259)
Tocotronic – Kapitulation (2007)
Ich starte einen neuen Versuch, mich mehr mit Tocotronic anzufreunden. Bisher mochte ich zwar die frühen Hits „Let there be Rock“ und „Die Welt kann mich nicht mehr verstehen“, aber ansonsten konnte mich weder die Band noch ein von mir besuchter Liveauftritt wirklich überzeugen. Doch letzten Endes gefiel mir auch der Song „Hier ist der Beweis“ vom Album „Tocotronic“ und die letztes Jahr erschienene Single „Bleib am Leben“ höre ich im Radio immer gerne, wenn sie dort läuft. Also habe ich diese CD gekauft, und vielleicht wächst meine Begeisterung für die Band ja noch.
Guter Indie-Rock ist das eher melancholische „Mein Ruin“, das ähnlich klingt wie „Hier ist der Beweis“, und deshalb mag ich es. Als ruhige Indie-Rocker der Hamburger Schule gefallen mir Tocotronic dann doch ganz gut.
Indie trifft auf Rock ’n’ Roll – das ergibt einen interessanten Mix, und „Kapitulation“ mag ich wirklich sehr. Ich werde wohl tatsächlich noch Tocotronic-Fan.
Alternative-Rock im Tocotronic-Stil bietet „Aus meiner Festung“ – musikalisch schön mit Schrammelgitarre, doch den Gesang von Dirk von Lowtzow finde ich hier nicht so gelungen.
Der schwungvolle Indierock „Verschwor dich gegen dich“ trifft wieder eher meinen Geschmack. Das atmosphärische Geschrammel in „Wir sind viele“ erinnert fast schon an Post-Punk.
Bei „Harmonie ist eine Strategie“ gehen Musik und Textpoesie bei Tocotronic eng ineinander über. Lowtzow könnte auch als Poetry-Slammer Karriere machen, doch seine Texte sind zum Glück keine verklärte Liebesprosa wie beim Kollegen Jochen Distelmeyer, sondern eher Rocksong-Poesie.
Auch das schöne Indie-Rock-Stück „Imitationen“ und das melancholische, rockige Liebeslied „Wehrlos“ gefallen mir sehr.
Der Rocksong „Dein geheimer Name“ ist in der Art des Gesangs etwas gewöhnungsbedürftig, dafür ist das Instrumentenspiel richtig gut.
Punkrock versuchen Tocotronic mit „Sag alles ab“, jedoch ist das für mich bereits der zweite Song auf dem Album, der nicht so recht funktioniert.
„Luft“ ist schön schräg gespielt und wieder sanfter gesungen, und so gefallen mir Tocotronic dann wieder richtig gut.
Zum Schluss steht „Explosion“.
Das ist ein gutes Album, und damit bin ich jetzt erst einmal Fan von Tocotronic. Es hat etwas gedauert mit mir und der Band, doch letztlich ist daraus doch noch Fanliebe geworden. Natürlich mag ich nicht alles von der Band, aber von welcher gefällt mir schon alles? (662)


Tolyqyn – Tolyqyn (2019/Vinyl)
Tolyqyn sind ein selbsternanntes „Prog-Blues-Power-Trio“, dessen Besonderheit darin besteht, dass der Sänger Roland Satterwhite eine Bratsche als E-Bass verwendet. Auffallend ist auch der abwechslungsreiche Stimmungswechsel innerhalb eines Songs, der auf die Fähigkeiten des Trios hinweist, sich ständig auf das Spiel der anderen einzulassen und darauf mit dem eigenen Instrument zu reagieren. Dabei entwickelt sich bei keinem der Stücke ein ungestümes Spiel wie bei einem Freejazz-Trio, sondern es entstehen spannende Wechsel innerhalb eines Songs. Einfacher ausgedrückt könnte man sagen, dass Tolyqyn ein großartiges Rocktrio mit durchweg guten Songs sind und live ein beeindruckendes Erlebnis bieten. Eine von vielen Entdeckungen der „Traumzeit“.(6)

Tolyqyn – Silver Seed (2023)
Die Band um Bratsche-als-Bass-Spieler Roland Satterwhite eröffnet das neue Album mit einem großartigen progressiven Popstück: „Bella Coola“ begeistert mich sofort. Man erkennt den typischen Sound der Band, den ich bereits bei ihrem ersten Liveauftritt und dem Debütalbum erlebt habe. Gleichzeitig überzeugt der Song durch gehobene Prog-Rock-Qualität. Sehr stark. Schon jetzt hat mich die Band wieder für sich eingenommen.
Den verspielten Sound, der abseits des Prog eher dem Jazz zuzuordnen ist, zeigt das Album mit dem Stück „Puppetman“. Hier wird sofort deutlich, warum ich diese Rhythmus-Sektion des Trios so schätze und weshalb die Band so einzigartig ist. Das ist Musik, die mitreißt, auch im Bereich Weltmusik funktioniert und die Ohren mehr öffnet als viele andere Bands und Musikerinnen und Musiker. Tolyqyn präsentiert sich in dem, was sie bieten, tollkühn und wird von mir dafür nur gelobt.
Solche Musik höre ich viel zu selten. Besonders beeindruckend ist „Goldmine“, das mit afrikanisch klingenden Klängen gefüllt ist – sicherlich nicht unbedacht ausgewählt. Auch dieser Song ist sehr stark.
Das Titelstück „Silver Seed“ ist in zwei Teilen angelegt und verbindet das zuvor Gehörte. Was Bands wie Bukahara meist eher im Partymodus bieten, vermittelt Tolyqyn mit ähnlichen, an Reggae erinnernden Rhythmen, aber deutlich mit stärkeren Einflüssen aus Rock und Jazz. Gerade bei „Silver Seed“ merkt man ihre ganze Meisterschaft.
„Given the Chance“ macht einfach Spaß, sobald der Song seine Grundmelodie beziehungsweise den großartigen Rhythmus gefunden hat. Ich gebe zu, ich liebe Songs, bei denen Schlagzeug und Bass nicht im Hintergrund bleiben, sondern im Vordergrund stehen. Auch die Arbeit von Gitarrist Tai Arditi sei gelobt, und die Percussion- und Schlagzeuger Rafat Mohamad sowie Peter Somos runden das Trio perfekt ab.
Etwas sanfter zeigt sich „Tell me“. „Inside your Head“ bringt dann wieder mehr Schwung ins Spiel. Zum Schluss feiern wir mit der Band den „Celebration Day“. Trotz des Titels handelt es sich nicht um ein Partylied, sondern um einen anspruchsvollen Rocksong.
Mit Können und durch ihre unverwechselbare Klangfarbe hat sich Tolyqyn bei mir sehr schnell einen festen Platz unter meinen zahlreichen Musikfavoriten gesichert. Ich hoffe, die Band bald wieder einmal live abseits des Berliner Umfelds zu erleben, denn das war ein Ereignis, das ich gerne wiederholen möchte. (565)

Tool – Fear Inoculum (2019)
Mit diesem Album zeigen „Tool“, dass sie etwas ganz Besonderes sind und mehr als nur eine Metal-Band aus Los Angeles. Die Komplexität der meist über zehn Minuten langen Stücke, die Dynamik im Sound und der mitreißende harte Rock sind etwas Außergewöhnliches. Dagegen wirkt so manches Prog-Rock-Ensemble vergleichsweise schwach.
Das Ganze ist zudem hervorragend produziert, sodass es kaum etwas gibt, das man den Musikern vorwerfen könnte. Im Gegenteil: Sie klingen vielleicht nicht mehr ganz so ungestüm wie zu Beginn ihrer Karriere, doch ein Song wie „Pneuma“ hat noch immer die gleiche Wucht wie damals „Sober“.
Wer außergewöhnlichen, harten Rock mit komplexen Songstrukturen mag, kommt an diesem Album kaum vorbei.
Leider, und das sei mir hier erlaubt zu sagen, kann ich das nicht „live“ erleben, da mir die Ticketpreise für ein „Tool“-Konzert im Jahr 2024 einfach viel zu hoch erscheinen. Für eine Karte im Innenraum 246 Euro zu verlangen, finde ich wirklich unverschämt. Ich zahle meist nicht mehr als 60 Euro für ein Konzertticket – kein Konzert kann für mich mehr wert sein. Doch solange Leute bereit sind, diese hohen Preise für ein „VIP“-Ticket zu zahlen, warum sollten Konzertveranstalter und Bands „Nein“ sagen? Mit kaum etwas anderem lässt sich als Musiker heutzutage noch Geld verdienen. Aber ehrlich: 246 Euro – das kann doch wohl nicht wahr sein. (189)
Tortoise – Millions now living will never die (1996)
Instrumentaler Postrock mit etwas ungewöhnlicher Instrumentierung – zu Anfang bestand diese aus zwei Bassspielern und drei Schlagzeugern.
Dies ist das zweite Album der Band. Zu dieser Zeit bestand die Gruppe aus John Herndon und Douglas McCombs, den Gründungsmitgliedern, sowie John McEntire, Dan Bitney und David Pajo.
Mit dem plattenseitenfüllenden Stück „Djed“ beginnt das Album. Der Sound ist zwar vom Alternativ-, Slowcore- und Postrock geprägt, weist aber auch experimentelle Soundeffekte auf, die an anspruchsvolle zeitgenössische Musik erinnern. Ich finde sehr angenehm, was ich hier höre, und da ich zurzeit viel frühe elektronische Musik und Krautrock höre, erinnert mich das auch stark daran. Die Musik passt gerade sehr gut zu mir. Im weiteren Verlauf erinnert sie stark an Werke von Neu! und Cluster. Wer manchen Postrock als zu schwermütig oder laut empfindet, bekommt von Tortoise zunächst Leichtigkeit und eher positiv gestimmte Klänge zu hören. Gegen Ende des Stücks ändert sich die Stimmung etwas, der Sound wird elektronischer und zugleich rockiger, ohne dabei aggressiv zu werden. Es entsteht die Atmosphäre eines Folktronica-Stücks. Ich bin schon jetzt sehr begeistert von dem, was ich höre (noch eine Band, von der ich künftig mehr hören möchte – es hört einfach nicht auf). Plötzlich wird das Folktronica-Stück abgebrochen, ein neuer Rhythmus erklingt – leicht experimentell, aber auch dieses klingt trotz der ungewöhnlichen Töne warm und einladend. Die Beschreibung Krautrock trifft auf Folktronica passt hervorragend zu diesem ersten Stück. Ein langsam sehr in den Hintergrund tretender, tiefer Bass bringt den Song zum Ende.
„Glass Museum“ ist eine sehr elegante, melodische Postrock-Nummer, die zur zweiten Hälfte tatsächlich rockiger wird. Vermutlich hat sich nach diesem Stück auch das belgische Duo namens „Glass Museum“ benannt (zwar nur eine Vermutung, aber naheliegend).
Ich mag diese basslastige Musik einfach zu sehr, und die Songs des Albums sind sehr abwechslungsreich. So ist „A Survey“ zum Beispiel schon experimenteller Jazz.
Tatsächlich lässt sich auch „The Taut and Tame“ als Jazzrock bezeichnen – Fusion im besten Sinne.
„Dear Grandma and Grandpa“ ist experimentell und verträumt. Dieses Stück geht nahtlos in das abschließende „Along the Banks of the River“ über, das für mich eher eleganter Jazz als Indie- oder Postrock ist. Tortoise lassen sich schwer einordnen und gefallen mir dabei sehr gut. Diese Band bleibt fest in meinem Repertoire.


Pete Townsend – White City: A Novel (1985)
Ein weiteres Lieblingsalbum von mir. Für mich ist das Pete Townshend, wie ich ihn nie besser gehört habe. Ich finde die Platte sogar besser als sämtliches The-Who-Material, das ich kenne (zugegeben, ich kenne nur wenig davon). Durchgängig finden sich tolle Songs zwischen Rock, Pop-Rock und Art-Rock. Pete Townshend erzählt von seinem Erwachsenwerden im Stadtteil White City in London.
Es gibt einfach Alben, die scheinen wie für mich gemacht zu sein, und dieses gehört definitiv dazu. Der Rocksong „Give Blood“ ist ein sehr guter Einstieg ins Album. Schon bei diesem Song klingt alles nach mehr als nur Pop und Rock. Das kennt man aus dieser Zeit beispielsweise von Tears for Fears, Peter Gabriel, Kate Bush und einigen anderen – Pop-Rock, der nach mehr klingt. Dabei gehen Produktion, Musik und Gesangsstimme(n) eine unglaubliche Symbiose ein, die einen, wenn sie dich mitnimmt, niemals – und ich meine wirklich niemals – wieder loslässt.
Das Album beginnt mit „Give Blood“, einem perfekten Rocksong, geht weiter mit dem sanfteren und gefühlvollen „Brilliant Blues“ und führt zu „Face to Face“, einer wilden Mischung aus Rock, Soul und Gospel. Darauf folgt „Hiding Out“, das von der Melodie her gut von Brian Eno oder David Byrne stammen könnte und einfach wunderschön ist. Auf Sanftes folgt wieder Wuchtiges – und wie wuchtig und genial ist die Melodie von „Secondhand Love“ – ganz großartig. Mit weniger Wut, vielmehr mit Liebe, gespielt ist „Crashing by Design“. Bei „I Am Secure“ kommt der Art-Rock am stärksten zum Ausdruck. Es folgt die Symphonie beziehungsweise Hymne auf Pete Townshends Heimatort: „White City Fighting“. Wie ein Abspann, der am Anfang kaum auffällt, dann aber zur Fanfare wird: „Come to Mama“.
Ein Songschmied auf der Höhe seines Schaffens – mehr ist dazu nicht zu sagen. Ein Album für die Ewigkeit. (237)

Pete Townsend – Psychoderelict (1993)
„Psychodeerelict“ ist ein Konzeptalbum, das eher in Form eines Hörspiels als einer Rockoper gestaltet ist. Die Geschichte handelt von dem Rockmusiker Ray High, dem sowohl das Material als auch die Lust am Musikmachen ausgegangen sind. Sein Manager ist besorgt und setzt eine Radiomoderatorin ein, die kein großer Fan des Musikers ist. Sie schreibt ihm Briefe, in denen sie sich als fünfzehnjährige Fanin ausgibt, die eine eigene Karriere starten möchte. Von hier aus entwickeln sich die Ereignisse.
Die Songs der CD werden durch Dialogpassagen unterbrochen, die teilweise sogar während des Songs eingesetzt werden, was das Hörerlebnis deutlich beeinträchtigt. Das Label hat jedoch auch eine Version ohne Dialoge unter dem Titel „Music Only“ veröffentlicht, die allerdings schwer zu bekommen ist. Nachdem ich die ersten Songs gehört habe, würde ich diese Version vorziehen, da die Dialoge einfach nicht zu den Songs passen und den Hörfluss stören. Musikalisch ist eigentlich nur „British Boy“ nicht gelungen, da er mir zu gekünstelt erscheint. In guten Passagen erinnert die Musik aber durchaus an Werke von „The Who“. Immer wieder beeinträchtigen jedoch die Dialoge – die natürlich die Handlung vorantreiben sollen – die Musik erheblich.
Instrumentalstücke wie „Meher Baba M3“ sind wirklich gelungen und erinnern an den Sound des Albums „Who’s Next“. Das liegt auch daran, dass Townshend Demoaufnahmen von „Who’s Next“ als Ausgangspunkt für dieses Album verwendet hat. „Let’s Get Pretentious“ ist ebenfalls ein guter Song, aber wie gesagt: die Dialoge stören auch hier. Daher der nochmals der Hinweis auf die „Music Only“-Version. Ab hier konzentriere ich mich nur noch auf die Musik. „Meher Baba M4“ klingt wirklich wie ein fehlender Teil beziehungsweise eine Weiterentwicklung von „Won’t Get Fooled Again“. „Early Morning Dream“ ist eine schöne klassische Rock-Hymne, wird aber wieder häufig durch Dialoge unterbrochen – es stört mich sehr, dass Townshend dieses Format gewählt hat und dadurch seine eigenen Songs beeinträchtigt. Roger Waters hat das bei „Radio Chaos“ besser gelöst. Allerdings habe ich dessen Album schon lange nicht mehr gehört, was vielleicht auch daran liegt, dass ich Roger Waters nicht mehr so sehr mag.
Townshend hat auch den Rock’n’Roller noch drauf, zum Beispiel in „I Want That Thing“. Die Songs sind eigentlich alle wirklich gut, ebenso „Outlive the Dinosaur“. Das Material ist zudem sehr abwechslungsreich. „Now and Then“, „I Am Afraid“, „Don’t Try to Make Me Real“, „Predictable“ und „Fake It“ sind durchweg gute Songs. Es ist wirklich schade, dass dies bis heute Townshends letzte Soloarbeit geblieben ist.
Die gewählte Form arbeitet hier leider gegen die Songs. Ja, vielleicht hat Townshend mit diesem Album auch ein kleines Denkmal für sich selbst gesetzt, und dies auch mit dem Versuch einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Musikgeschäft verbunden. Nur die Wiederholungen von „Now and Then“ und „English Boy“ am Ende waren meiner Meinung nach überflüssig. Vermutlich wollte er damit den Kreis der Geschichte schließen. Das sei ihm erlaubt, denn er gehört eben zu den ganz Großen des Rock-Pantheons. Meine Empfehlung lautet daher: „Music Only“.(191)

The Tragically Hip – Trouble in the Henhouse (1996)
Auf die kanadische Band The Tragically Hip bin ich aufmerksam geworden, weil mir der Titelsong der Serie „Anne with an E“ so gut gefiel und ich die CD mit diesem Lied unbedingt haben wollte. Der Song heißt „Ahead by a Century“ und ist schon allein den Kauf der CD wert. The Tragically Hip sind in ihrer Heimat sehr populär, gaben jedoch 2017 aufgrund des Todes ihres Leadsängers Gord Downie ihre Auflösung bekannt.
Das Album beginnt mit dem Song „Gift Shop“, einem guten Rocksong. „Springtime in Vienna“ startet ruhiger mit zurückhaltendem Gesang, steigert sich dann aber zu einer mitreißenden Rocknummer. Während die Band auf den ersten beiden Alben noch stark dem Blues-Rock verbunden war, entwickelte sie sich mit den folgenden Alben allmählich zu einer anspruchsvollen Rockband. Es folgt das bereits erwähnte „Ahead by a Century“. Das folkige Stück berührt mich emotional sehr, was vor allem an den Gesangspassagen liegt und daran, wie der Song stetig an Intensität gewinnt. Irgendwie hat die Band einen eigenen Klang; verglichen mit anderen Gruppen, die Mitte der 90er aktiv waren, könnte man sie als eine Mischung aus Counting Crows und R.E.M. bezeichnen. Gleichzeitig klingt sie stellenweise auch wie eine klassische Rockband aus den 70er Jahren.
„Don’t Wake Daddy“ besticht wie die anderen Songs durch eine gelungene Songstruktur. Nach den ersten Takten ist nicht sofort klar, wohin der Song führen wird, was das Album sehr spannend macht. „Flamenco“ erinnert sofort an „Ahead by a Century“, unterscheidet sich aber nach einigen Takten deutlich, ist jedoch ähnlich schön und ruhiger als die eher rockigen Nummern der Band. Mit „700 ft. Ceiling“ sind sie direkt wieder sehr rockig unterwegs. „Butts Wigglin“ hätte auch eine Lou-Reed-Nummer sein können. Nach mittlerweile gut der Hälfte der Songs bin ich sehr angetan. Der Abwechslungsreichtum gefällt mir sehr und macht das Durchhören des Albums zu einem echten Vergnügen. Die Band spielt wirklich Rock, wie ich ihn mag: nicht aufdringlich, um Songs zu haben, die auf Partys funktionieren, sondern mit Songs, die durch Können und gute Komposition überzeugen.
„Apartment Song“ ist ruhiger, jedoch mit der Intensität des Alternative Rock. Richtig Rock kommt wieder bei „Coconut Cream“ auf. Mit „Let’s Stay Engaged“ zeigen The Tragically Hip, dass sie auch mit kraftvollem Gitarrensound überzeugen können. Mit „Sherpa“ wird es dann noch einmal ruhiger. Intensität gibt es zum Abschluss noch einmal bei „Put It Off“.
Das Album gefällt mir sehr. Es ist abwechslungsreich und besteht aus den Zutaten, die ich an handgemachter Rockmusik besonders schätze. (195)

The Tragically Hip – Phantom Power (1998)
(und die Alben davor...)
Ich hatte beschlossen, als ich diese CD als Nächstes hören wollte, mich etwas intensiver mit „The Tragically Hip“ zu beschäftigen. Seit ihrem Debütalbum sind sie Kanadas Nationalhelden und erzielen nationale Rekorde bei Plattenverkäufen sowie Auszeichnungen für ihre Songs und Alben. Die Geschichte der Band endet frühzeitig mit der Diagnose eines Hirntumors beim Frontmann Gord Downie. Nach der Diagnose wurde zwar noch die Tour zum dreizehnten Album der Band beendet und das letzte Konzert weltweit auf allen möglichen Plattformen übertragen, doch mit dem Tod des Kopfes der Band endete auch nahezu die Geschichte von „The Tragically Hip“.
Mir war The Tragically Hip durch den Song „Ahead by a Century“ aufgefallen – der Titelmusik zur Serie „Anne with an E“ – diesen Song mochte ich sehr. Da wollte ich mehr von der Band hören, und so hatte ich mir das fünfte Album der Band gekauft, gehört und auch schon besprochen, weil „Ahead by a Century“ darauf enthalten ist. Wer mehr über die Band erfahren möchte, dem empfehle ich die Dokuserie „The Tragically Hip: No Dress Rehearsal“, die auf Amazon Prime zu finden ist (ohne deutschen Ton). Bevor ich mir „Phantom Power“ anhörte, wollte ich aber auch mal die Anfänge der Band kennenlernen.
Die Anfänge der Band bestehen aus ausgedehnten Touren durch Kanada, der Suche nach einem Manager, der Geld für eine EP und ein Video investiert, der ersten Tour durch die USA und schließlich dem Plattenvertrag mit einem US-amerikanischen Major-Label. Die EP von 1987 heißt „The Tragically Hip“ und enthält acht Songs. Das erste Stück der EP, „Small Town Bringdown“, erinnert an R.E.M. und an den Heartland-Rock von Bruce Springsteen. In dieser Mischung geht es auch bei „Last American Exit“ weiter. Atmosphärisch beginnt „Killing Time“, wird dann aber rockiger, jedoch nicht mehr im Heartland-Rock-Stil, sondern eher fast klassisch mit 70er-Jahre-Rock, gepaart mit etwas 80er-Alternative-Rock. Diese Nummer mag ich sehr.
Gradliniger Rock findet sich bei „Evelyn“. Die Musik von The Tragically Hip wirkt auf der EP ein wenig aus der Zeit gefallen – dafür klingt sie keineswegs nach amerikanischem 80er-Rock, sondern eher nach 70er-Jahre-Sound und dem aufkommenden Alternativsound der frühen 80er Jahre. Das setzt sich auch bei „Cemetery Sideroad“ fort. „I’m a Werewolf, Baby“ war zu Beginn ein Live-Standard der Band, bei dem sie so richtig aufdrehen konnten. Wenn man Sänger Gord Downie so hört, fällt es nicht schwer zu verstehen, warum er mit Jim Morrison verglichen wurde – nicht nur wegen seines Aussehens, obwohl seine Stimmlage deutlich höher ist als die von Morrison.
Mit einem Hauch von Rock’n’Roll, aber dennoch rockig: „Highway Girl“. Hier wird klar, warum sie sowohl von Rockern als auch von Studenten geschätzt wurden. Die Platte hat wirklich etwas von Rockbands, die bei Leuten mit Motorrädern und Lederjacken beliebt sind. Den Abschluss der EP bildet „All Canadian Surf Club“.
Zwei Jahre später, 1989, erschien das erste „richtige“ Studioalbum: „Up to Here“. Bemerkenswert ist, dass Don Smith die Produktion übernahm, der zuvor mit Tom Petty, den Rolling Stones und anderen bekannten Musikern gearbeitet hatte. Er empfand die Arbeit mit der jungen Band als sehr angenehm, da sie bereits gut eingespielt waren und wussten, was sie wollten. Eigentlich musste er sie nur machen lassen.
Das erste Stück, „Blow at High Dough“, beginnt fast wie ein Americana-Stück, wechselt dann aber zum bekannten Rocksound der EP. „I’ll Believe in You (Or I’m Leaving Tonight)“ ist reiner Rock – zwischen zeitlos und außerhalb der Zeit, was den Songs zugutekommt. Sie haben eine gewisse roh-einfache Qualität, ohne von der Produktion auf Hochglanz poliert zu sein – einfach gute Garagen-Rockmusik, ohne Schnörkel, wie Wolf Maahn sagen würde: direkt ins Blut gehend.
„New Orleans Is Sinking“ ist ein weiteres frühes Highlight der Band – einfach ein sehr guter Rocksong. Etwas gefühlvoller gespielt ist „38 Years Old“, hier zeigen sich zum ersten Mal deutlich die Qualitäten als Songwriter.
Es wird weiter gerockt bei „She Didn’t Know“. Schön ist der zweistimmige Gesang im Refrain. Obwohl die Band alle Elemente einer klassischen Rockband besitzt, hat ihr Sound immer auch mal einen leicht ausgeprägten Indie- oder Alternative-Rock-Stil. „She Didn’t Know“ könnte musikalisch durchaus auch von Pearl Jam stammen (mit dieser Band werde ich sie im weiteren Text noch öfter vergleichen).
„Boots or Hearts“ bringt einen deutlichen Country- und Roots-Vibe mit. Ich mag es, wenn ein Album auch etwas Abwechslung bietet. Ähnlich klingt „Everytime You Go“, das mich an Neil Young erinnert, wenn The Tragically Hip rocken. Weitere Rocksongs sind „When the Weight Comes Down“ und „Trickle Down“. Bei diesen Songs fällt allerdings auf, dass sie mitunter recht Durchschnittliches abliefern und etwas zu sehr bekannter Kost ähneln. Wirklich starke Stücke sind auf diesem Debütalbum noch selten.
Wird das Tempo etwas gesenkt und mehr Gefühl in die Songs gepackt, wie bei „Another Midnight“, entsteht wiederum ein richtig guter Song. Vielleicht hätte das Album mit einem Entstehungsjahr zwei Jahre später einen stärkeren Alternativ-Touch erhalten, die Band war vielleicht schlicht zwei Jahre zu früh für ihre Erfolge. Vielleicht gibt ihnen aber schon der Erfolg mit dem Album Recht.
Der letzte Song, „Opiated“, ist ein schöner Wüstenrock-Song, der gut gefällt.
Das zweite Album „Road Apples“ (1991) weckte bei mir die Frage, ob es nun mehr nach typischem 90er-Jahre-Rock klingt oder ob sie ihren zeitlosen Garagen-Rock mit leichter Alternative-Rock-Note fortsetzen. Produziert wurde es wieder von Don Smith, diesmal im Studio von Daniel Lanois.
„Little Bones“ macht sofort klar, dass sich der Sound und Stil der Band kaum verändert haben – auch Don Smith hat am Klang nichts wesentlich verändert. „Little Bones“ klingt nach handgemachtem, etwas härterem Rock. Die Gitarrenarbeit bei „Twist My Arm“ rockt gut. „Cordelia“ gefällt mir besonders gut, der Rock passt und auch die Stimmung ist etwas düsterer. Noch atmosphärischer und mit einem Blues-Rock-Touch versehen, aber trotzdem gut gemacht, ist „The Luxury“. Ab dem Refrain wird es zwar wieder eine typische Rocknummer, aber das Album gefällt mir zunehmend besser.
Im Countryrock-Stil folgt „Born in the Water“. Solche Nummern habe ich jetzt langsam etwas überhört, weshalb meine Begeisterung etwas nachlässt.
„Long Time Running“ ist solider, sanfter Roots-Rock, der mir mit der Spielzeit immer besser gefällt. „Bring It All Back“ ist eine zeitlose Rocknummer, die auch zwanzig Jahre zuvor hätte aufgenommen werden können. „Three Pistols“ hat wirklich den Drive einer Pearl Jam-Nummer – ich hätte Eddie Vedder gern mal mit der Band auf der Bühne gesehen, das hätte gut gepasst. Das Album hat mich jetzt wirklich überzeugt. Es ist gut gerockt und definitiv keine Durchschnittsware mehr. Nein, es ist richtig guter, ehrlich gespielter Rock.
Mit „Fight“ liefern sie einen echten Knaller, der sofort mit seinem Rhythmus mitreißt. „On the Verge“ rockt wieder etwas routinierter und folgt dem bekannten Muster, besitzt aber einen guten nach vorne gehenden Drive.
Im Folk-Roots-Bereich findet sich „Fiddler’s Green“, ein Song, der sich mit dem Tod innerhalb der Familie auseinandersetzt.
Sanft endet das Album mit dem etwas kürzeren „The Last of the Unplucked Gems“.
Das Album „Fully Completely“ folgte schon ein Jahr später, 1992, wurde diesmal in England aufgenommen und von Chris Tsangarides produziert. Dieses Mal nahm die Band die Songs nicht gemeinsam auf, sondern jedes Instrument und den Gesang einzeln. Außerdem beschloss Gord Downie, nur noch eigene Texte zu singen.
„Courage (For Hugh McLennan)“ ist ein atmosphärischer Rocksong mit stärkerem Alternative-Rock-Einschlag und ein Hit des Albums. Der Song zeigt auch, dass Gord Downie nicht nur kanadische Themen verarbeitet, sondern versucht, kanadische Autoren näherzubringen. Dass Produzent Tsangarides zuvor mit Concrete Blonde und schon früher mit Größen der Heavy-Metal-Szene gearbeitet hatte, schlägt sich nicht in mehr Härte der Band nieder, sondern in einem besseren, weniger nach Garagenrock klingenden Sound. Nun klingt der Rock von The Tragically Hip mehr nach dem Sound der frühen 90er.
So ist auch „Looking for a Place to Happen“ ein guter Rocksong, der mich an den Sound von Live und ihrem Album „Throwing Copper“ erinnert. Die Platte zeichnet sich durch qualitätsvolle Rocksongs aus; auch „At the Hundredth Meridian“ ist einer davon. Die Songs funktionieren alle sehr gut und machen Spaß beim Zuhören. „Pigeon Camera“ ist ein wunderbarer, etwas sanfterer Song, ganz nach meinem Geschmack.
„Lionized“ klingt flotter und könnte als anspruchsvoller Garagenrock bezeichnet werden. Mit diesem Album hat die Band wirklich die Gegenwart erreicht und löst sich vom klassischen Rocksound der 70er.
Der langsame Aufbau im Intro von „Locked in a Tank of a Car“ besticht durch die Atmosphäre. Trotz des Heavy-Metal-Produzenten wird auf diesem Album zurückhaltender gerockt als zuvor, was jedoch nicht nachteilig ist, da die Songs auch im mittleren Tempo gut funktionieren, etwa „We’ll Go Too“. Das Songmaterial bleibt stark, auch das Titelstück „Fully Completely“ ist großartig.
Abwechslung bietet „Wheat Kings“, eine wunderschöne Akustikballade, die das Schicksal eines unschuldig eingesperrten Gefängnisinsassen erzählt. Danach wird der Rocksound mit „The Wherewithal“ etwas aggressiver. Einen emotional ruhigeren Rocksong hat die Platte am Ende mit „Eldorado“ zu bieten.
Mit dem Album „Day for Night“ (1994) kehrt die Band ins Studio von Daniel Lanois zurück, nimmt die Songs wieder als Einheit auf und arbeitet diesmal mit Produzent Mark Howard zusammen. Außerdem wollten „The Tragically Hip“ mit dem Album etwas Neues wagen.
Das Eröffnungsstück „Grace, Too“ überrascht mit einem erdigen Sound, bewahrt aber die Emotionalität des Vorgängeralbums. Mir gefällt es sehr gut. Die Band zeigt sich gereift und beweist, dass sie mehr kann als reinen Rock’n’Roll. Ich kann nicht sagen, dass es weniger eingängig ist als die vorigen Alben – es klingt einfach nur reifer und mehr als nur Standard-Rock-Nummern und Singlematerial. (Was die Chefetagen der Plattenlabels sicher ganz anders sahen und in der Aussage „Zwei gute Songs, der Rest ist Mist“ ausdrückten.) Aber Stücke wie „Greasy Jungle“ klingen keineswegs nach „Mist“, sondern sind meiner Meinung nach sehr gute Rocksongs. „Yawning or Snarling“ erinnert sehr an den Sound des Vorgängeralbums. Ich finde es gut, dass das Album nicht klingt wie ein typischer 90er-Jahre-Rock-Tonträger, sondern zeitlos gut. Die Band wird mit jedem Album besser, ihr Höhepunkt scheint noch nicht überschritten.
Rauer und aggressiver rocken sie immer noch, wie „Fire in the Hole“ beweist, das sich thematisch mit einem Grubenunglück beschäftigt. Auch „So Hard Done By“ ist intelligent gerockt. „Nautical Disaster“ ist ein weiterer starker Song, bei dem sie mich wieder an Live („Throwing Copper“) erinnern. Es sind alles gute Rocksongs – mal aggressiver, mal im mittleren Tempo, aber immer rockig. Stilistisch verändert hat sich nicht viel; das Songwriting wird von Album zu Album ausgefeilter.
„Thugs“ ist erneut ein guter Song, der aber etwas düsterer klingt als die früheren, offensiver nach vorne rockenden Titel. Noch etwas aggressiver ist „Inevitability of Death“. Hier zeigt sich vielleicht der Einfluss früher englischer Punkbands, deren Songs sie zu Beginn s spielten und coverten. Wenn sie düsterer rocken, erinnern sie auch wieder an Pearl Jam.
Was die Band von Live und Pearl Jam unterscheidet, ist Gord Downies Gesang – denn er klingt tatsächlich anders als Eddie Vedder oder Ed Kowalczyk. Wer The Tragically Hip noch nicht kennt, muss sich womöglich an seine Stimme gewöhnen.
Wunderschön ist die Akustikballade „Scared“. Danach folgt wieder ein vorwärtstreibendes Rockstück: „An Inch an Hour“. Wieder emotional und düster: „Emergency“.
Zwischenmeldung: Zu diesem Zeitpunkt hatte ich auch die vierteilige Banddoku „The Tragically Hip: No Dress Rehearsal“ zu Ende geschaut. Die letzte Folge, die sich vor allem mit der Hirntumor-Diagnose bei Gord Downie und deren Folgen beschäftigt, hat mich emotional tief berührt. An dieser Stelle bin ich schon ein Fan auf Lebenszeit von „The Hip“. Auch wenn in der Doku die Alben nach „Phantom Power“ nicht mehr so wohlwollend bewertet werden wie die ersten sechs (auch von der Band selbst, da die Plattenverkäufe zurückgingen und sich die Hallen bei Liveauftritten nicht mehr so schnell füllten), werde ich auch die weiteren Alben gerne hören und mir meine eigene Meinung bilden. Verkaufszahlen haben für mich noch nie darüber entschieden, ob eine Platte gut oder schlecht ist.
Auch das Bandgefüge war nach „Phantom Power“ aus dem Gleichgewicht geraten: Die anderen gleichberechtigten Mitglieder – Rob Baker (Gitarre), Gord Sinclair (Bass, Hintergrundgesang), Johnny Fay (Schlagzeug) und Paul Langlois (Gitarre, Hintergrundgesang) – mussten zunehmend ihre Kämpfe mit ihrem dominanten Frontmann austragen. Diese Konflikte kamen jedoch mit der Hirntumor-Diagnose zum Stillstand. Danach brachte The Tragically Hip ihre Bandgeschichte fulminant und emotional zu Ende. Doch soweit sind wir jetzt noch nicht – noch lange nicht. Es fehlen sogar noch zwei Songs von „Day for Night“, die ich noch nicht gehört habe.
„Titanic Terrarium“ ist ein sanfter Song. Am Ende wird nochmals gut gerockt mit „Impossibilium“.
Zwei Jahre später folgte „Trouble in the Henhouse“ (1996), aufgenommen in New Orleans und im eigenen Studio der Band in ihrer Heimatstadt Kingston.
Das Ziel der Band war es, mit dem Album eine größere Vielfalt zu bieten, um sowohl neue Hörer zu gewinnen als auch die alten nicht zu verschrecken – ohne dabei mit dem Rocken aufzuhören. Und direkt mit dem Eröffnungsstück „Gift Shop“ gelingt das – emotionaler Rock. Das ist die Kunst der Band: Ihre Alben bieten stets etwas für ihre frühen Fans, während sie sich weiterentwickeln, immer wieder Neues ausprobieren und das Material damit sehr spannend halten. Die Entwicklung im Sound der Band von der ersten Platte bis hierher ist beachtlich und macht das Hören dieser Alben spannend – selbst in kurzer Abfolge langweilt es nicht.
Im Alternative-Rock-Stil rocken sie auch mit „Springtime in Vienna“ noch immer. Danach folgt ihr Übersong „Ahead by a Century“, der zur inoffiziellen zweiten Nationalhymne Kanadas wurde. Das ist ein großer Song für die Ewigkeit – sanfter Folkrock, wunderschön, mit großartigem mehrstimmigem Gesang, der emotional mitreißt. Ein Lieblingsstück.
Auch mit „Don’t Wake Daddy“ und „Flamenco“ zeigen sie ihre Fähigkeit zu sanftem Rock, was großen Hörspaß bereitet. Besonders „Flamenco“ gefällt mir sehr.
Rocken können sie ebenfalls noch immer: „700 Foot Ceiling“. „Butts Wigglin“ erinnert fast an eine Indie-Rock-Nummer, was für die Band ungewöhnlich ist. Ruhiger rockt „Apartment Song“. Von Gord Downie hatte ich immer angenommen, dass er viel älter sei, als er es damals tatsächlich war – seine Stimme klingt immer, als habe jemand viel erlebt.
„Coconut Cream“ wiederum ist ein gut gerockter, alternativ orientierter Song. Das Album ist tatsächlich noch abwechslungsreicher als die Vorgängeralben.
Ruhiger, aber nicht weniger gut sind „Let’s Stay Engaged“ und „Sherpa“. Mit „Put It Off“ bietet der Abschluss des Albums eine gelungene Alternative-Rock-Nummer.
Und nun komme ich zum Ausgangspunkt und damit zunächst zum Endpunkt dieser längeren und für mich sehr bereichernden Beschäftigung mit der Musik von The Tragically Hip – dem Album „Phantom Power“ (1998).
Schon zuvor habe ich The Tragically Hip in ihren Rocksongs mit Pearl Jam verglichen, und diese Ähnlichkeit ist auf diesem Album noch stärker ausgeprägt. Einfach guter Rock – mit der Klasse einer seit langem gut eingespielten Band. Rock, der nicht mehr in der Vergangenheit verankert ist, sondern in der Gegenwart lebt, so klingt „Poets“. Da ich Pearl Jam ebenfalls sehr mag, ist das für mich kein Problem – eher im Gegenteil. Ein Song wie „Something On“ macht einfach nur Freude. Und so geht es weiter: sehr guter, treibender hausgemachter Rock, etwa bei „Save the Planet“. Der etwas ruhigere, aber ebenfalls sehr gute Song „Bobcaygeon“ folgt – wunderschön und großartig. Obwohl ich das etwas ambitioniertere Vorgängeralbum ebenfalls sehr mag, finde ich die geerdete Musik von „The Hip“ wirklich fantastisch. Und erneut bin ich überrascht: Jedes Album bietet bis hierhin etwas Neues – so wird es mit der Band nie langweilig.
Ganz großartig ist „Thompson Girl“ – formvollendeter Akustikrock. Der klassische Rocksong „Membership“ erinnert mit einem Hauch von Alternative-Rock an Neil Young and Crazy Horse. So geht es weiter mit „Fireworks“, das erneut stark an den Sound von Pearl Jam erinnert, ebenso wie „Vapour Trails“. Ruhiger wird es bei „The Rules“ und bei „Chagrin Falls“, das an Songs von „Trouble in the Henhouse“ erinnert. Alle Songs auf dem Album sind gut – darunter „Escape Is at Hand for the Travellin’ Man“. „Emperor Penguin“ beendet das Album, klingt wieder ähnlich, aber das ist völlig egal, denn es funktioniert einfach großartig und macht riesigen Spaß. Ein tolles Album. Ich freue mich auf die weiteren sechs Alben der Band. Fan bin ich auf jeden Fall. (515)

The Tragically Hip - Music@Work (2000)
Nach dem Album „Phantom Power“ veränderte sich das Bandgefüge von The Tragically Hip. Frontmann Gord Downie zog in die Großstadt, während die anderen Mitglieder ihrer Heimatstadt Kingston treu blieben. Zum Arbeiten im Studio traf die Band sich gemeinsam, und Gord Downie nahm zwei Musiker mit auf Tour, die ihm bei den Aufnahmen der Platte im Studio geholfen hatten. Dies wurde von den anderen Bandmitgliedern zwar toleriert, stieß jedoch nicht auf Begeisterung.
Das Album wurde erneut ein Charterfolg in Kanada und gewann den Juno Award für die beste Platte.
Ein starker Rocksong gleich zu Beginn ist „My Music at Work“. Härter und im Alternative-Rock angesiedelt präsentiert sich „Tiger the Lion“, ein Song, der mir persönlich weniger zusagt. „Lake Fever“ hingegen gefällt mir besser – er klingt eher klassisch rockig und schafft eine schöne Atmosphäre. Produktionstechnisch sind die Aufnahmen durch Produzent Steven Berlin wieder eher reduziert gehalten.
The Tragically Hip beherrschen das Rocken außergewöhnlich gut. Songs wie „Putting Down“ machen trotz einer gewissen Wiederholung großen Spaß. Besonders schön ist es, wenn sie auch mal sanftere Töne anschlagen – wie bei dem ruhigen „Stay“. Diese Art von sanftem Rock beherrschen sie ebenfalls hervorragend.
Rock liegt ihnen im Blut, was man zum Beispiel beim Song „The Bastard“ deutlich hört. Tatsächlich sind die meisten ihrer Stücke pure Rocksongs, die in ihrer Produktionsweise dem Alternative-Rock zuzuordnen sind. Für mich klingt Pearl Jam auf den meisten Alben ebenfalls wie eine Mischung aus Rock und Punkrock, weniger wie reiner Grunge. Dennoch erinnert dieses Album an ein spätes Grunge-Album, weil viele Grungebands sich um das Jahr 2000 ähnlich anhörten. Für mich ist Grunge eher etwas wie die Musik von Smashing Pumpkins, Nirvana, Pixies oder Breeders – auch Soundgarden sehe ich eher als eine echte Rockgruppe.
Nochmals sanft und sehr gelungen klingt „The Completist“, das mich an „Daughter“ von Pearl Jam erinnert – ein wirklich toller Song.
Ein weiterer klassischer Rocksong ist „Freak Turbulance“.
Mit viel Atmosphäre durchdrungen ist „Sharks“. Musikalisch erinnert das Album an „Road Apples“ (wegen des klassischen Rocksounds) und „Fully Completely“ (durch die Öffnung zum Alternative-Rock).
Ein überraschender und gelungener Stilwechsel gelingt mit „Toronto 4“, das eher nach Singer/Songwriter-Folkrock klingt. Siebziger-Jahre-Rock beherrschen sie ebenfalls: „Wild Mountain Honey“ klingt musikalisch stark nach Pearl Jam, einen ähnlichen Sound setzen sie bei „Train Overnight“ fort.
„The Bear“ ist wieder atmosphärisch dichter und etwas anspruchsvoller gestaltet und ebenfalls sehr gut gelungen. Durch die insgesamt 14 Songs wirkt das Album abwechslungsreicher, als es zunächst und in der Mitte vermuten ließ. Ein weiteres wirklich starkes Album mit vielen guten Songs. Ich liebe diese Band gerade sehr – schade, dass ich sie erst so spät entdeckt habe, aber dafür mag ich sie jetzt umso mehr.
Der letzte Song des siebten Albums ist „As I Wind Down the Pines“, der wieder sanft und akustisch ist. Dieses Album, glaube ich, wird jeden Fan von The Hip mitnehmen, weil es sowohl viele Elemente aus den frühen Jahren als auch Anklänge an die zuletzt veröffentlichten Alben enthält. Und es gibt wieder genug großartige Songs. (525)

The Tragically Hip – In Violet Light (2002)
Von Hugh Padgham produziert. Nach Aussagen der Bandmitglieder in der Banddoku-Miniserie „no dress rehearsal“ fand die Band es zunächst großartig, mit einer Produzentenlegende zusammenzuarbeiten, war mit dem Endergebnis jedoch nicht vollständig zufrieden. Hugh Padgham wollte sich offensichtlich nur mit „einem“ Bandmitglied intensiv befassen – das sei er von seiner Zusammenarbeit mit Sting so gewohnt gewesen. Dass eine ganze Band Mitspracherecht hat, war ihm irgendwie suspekt. Im Nachhinein gibt die Band zu, dass einige der Songs mit der Zeit noch gewachsen sind. Der Song „It´s a good life if you don´t weaken“ ist außerdem ihr bisher letzter Song, den sie nach Gord Downies Tod gemeinsam mit Leslie Feist live gespielt haben.
Bei „Are you ready“ wirkt das Gitarrenspiel etwas verstimmt. Absichtlich schräg gespielt ist das für eine Nummer, die im Refrain das Potenzial zur Stadionhymne hat, schon etwas merkwürdig. Das verwirrt mich ein wenig. „Use it Up“ beginnt vielversprechend als sanfte, ruhige Nummer, wird dann aber plötzlich zu Rock ’n’ Roll. So wechselt der Song ständig zwischen Rock ’n’ Roll und Rock hin und her – auch hier ist die Mischung etwas verquer geraten. Die Band schien wirklich nicht zu wissen, wohin sie wollte, oder sie hatte zu viele Ideen für ein Album auf einmal oder wurde von Padgham verleitet, etwas zu experimentieren.
Vielversprechend startet auch „The Darkest One“; der Song scheint zunächst einfach ein Midtempo-Rocksong zu sein – genau das, was ich von The Hip erwarte. Er entwickelt sich dann so, wie man es gewohnt ist. Die Erleichterung stellt sich ein.
Bei „It´s a good life if you don´t weaken“ hingegen stimmt wirklich alles. Ein ganz hervorragender Song. „Silver Jet“ erinnert an die frühen Garage-Rock-Songs der Band und versteht es durch den eingängigen Refrain, den Hörer vollständig in seinen Bann zu ziehen. Der Sound des Albums erinnert mich an die Platten der Dave Matthews Band – und besonders an „Throwing Copper“. Dichte Atmosphäre und Musik, die mit viel Anspruch und Geschick gemacht ist. Das klingt so einfach, doch Perfektion findet man selten. „All tore Up“ ist gut gerockt, schön ruhig gespielt, aber trotzdem mit Schwung: „Leave“. So hat das Album tatsächlich wieder einige Highlights zu bieten.
Ein ganz wundervolles Singer/Songwriter-Stück gibt es ebenfalls von der Band: „A Beautiful Thing“. Das ist ein sehr starkes Musikstück. „The Dire Wolf“ erinnert an die Musik von Daniel Lanois und mischt sich mit dem Sound des zweiten Pearl-Jam-Albums, was natürlich sehr gut passt und mir sehr zusagt. The Tragically Hip machen wirklich Musik für mich.
Auch wenn die ersten beiden Stücke wirklich Murks sind, gefällt mir der Rest wirklich gut – ebenso der letzte Song der Platte, „The Dark Canuck“. (531)

The Tragically Hip - In Between Evolution (2004)
Das neunte Album der Kanadier wurde von Adam Kasper produziert, der bereits mit vielen Größen der Grunge- und Alternative-Rock-Szene zusammengearbeitet hat. Es müsste gut zum Sound von The Tragically Hip passen. Thematisch reicht das Album von der Verarbeitung des Todes eines bekannten Eishockeyspielers bis zur Auseinandersetzung mit dem Irakkrieg, der 2003 ausbrach.
Einfach runtergerockt – dafür ist die Band ja bekannt: „Heaven is a better Place today“. Auch „Summer's Killing Us“ bietet schnörkellosen Rock, und hier klingen sie wieder sehr nach Pearl Jam. Den ständigen Vergleich kann ich bei jedem Album von „The Hip“ ziehen, da er einfach sehr gut passt. Aufhorchen lässt „Gus: The Polar Bear from Central Park“, denn die Gitarrenarbeit ist beeindruckend – der erste wirklich herausragende Song der Platte. Ich verstehe, warum es gleich zwei „Best Of“-Platten dieser Band gibt, die jeweils fast die Länge von Doppelalben erreichen. Herausragende Songs findet man auf ihren Alben immer in großer Zahl. Rocksongs können sie einfach, wie auch „Vaccination Scar“ beweist.
Ein guter, etwas lockerer Rocksong ist „It can't be Nashville every Night“. „New Orleans is beat“ klingt sanft und zeigt bereits einen Countryrock-Einschlag. Der nächste richtige Kracher ist „You're Everywhere“ – dieser Song ist einfach stark. Es ist Rock und es ist The Tragically Hip, wie ich sie liebe: kraftvoll und mitreißend.
Das Album ist insgesamt eher Low-Fi geraten. „Makeshift as we are“ präsentiert flotten, aber zugleich freundlichen Garagenrock, der komplett live eingespielt wirken könnte. Vom Sound her ist der Titel sehr authentisch.
Etwas ungewöhnlich klingt „Mean Streak“, was für den Song allerdings nicht ganz von Vorteil ist – ein anderer Mix wäre deutlich besser gewesen. Härter gerockt wird bei „The Heart of the Melt“.
Wenn ein Song der Tragically Hip richtig funktioniert, merkt man das meist schon in den ersten Takten, wie bei „One Night in Copenhagen“. „Are We Family“ ist gut gerockt, und „Goodnight Josephine“ funktioniert ebenfalls sehr gut.
Das Album erreicht vielleicht nicht ganz die Klasse der Vorgänger, erinnert aber wieder etwas mehr an die einfach runtergerockten Alben der Anfangszeit – und das können The Tragically Hip nun einmal sehr gut. Vom Sound her ist es mir allerdings etwas zu schlicht gehalten. (535)

The Tragically Hip - World Container (2006)
Nachdem die Band mit dem Wunschsong-Best-Of-Album „Yer Favorites“ und der dazugehörigen Tour alte Fans zurückgewonnen und neue dazugewonnen hatte, gingen sie mit dem eher im Heavy-Metal-Bereich aktiven Bob Rock ins Studio. Bob Rock zählt zu den bekanntesten Produzenten Kanadas, und seine wohl bekannteste Arbeit ist das „schwarze“ Album von Metallica.
Wie schon bei der Zusammenarbeit mit Hugh Padgham wurde die Arbeit an dem Album erneut dadurch erschwert, dass Frontmann Gord Downie und Bob Rock viel gemeinsam besprachen, während der Rest der Band dabei wieder etwas außen vor blieb. Tatsächlich blieb das Verhältnis in der Band bis zu Gord Downies Krebsdiagnose durch diese Art von Alleingängen des Frontmanns gestört. Erst als es darauf ankam, wurde die Band wieder zu einer Einheit.
Mit dem Album erreichten The Tragically Hip erneut Platin-Status in Kanada, allerdings kam die Platte nur auf Platz zwei der heimischen Charts.
Stadion-Rock, aber gekonnt: „Yer not the Ocean“. Kraftvoller, guter Rock, und weiterhin passt die Beschreibung „R.E.M. trifft auf Pearl Jam“ sehr gut zum Sound der Band – hört euch nur „The lonely End of the Rink“ an. Der Song ist wieder ein echtes Highlight und damit eines von vielen. Innerhalb kurzer Zeit ist die Band für mich – nachdem ich mich intensiver mit ihr beschäftigt habe – zu einer meiner absoluten Lieblingsbands geworden. Leider aber erst nach dem Tod von Gord Downie und der damit verbundenen Auflösung der Band. Die Musik der Band werde ich jedoch immer wieder hören – das nimmt mir ja niemand mehr.
Sehr schön und etwas sanfter gerockt, aber trotzdem mit sehr gutem Drive nach vorne: „In View“. Die Produktion von Bob Rock ist soundtechnisch sehr gelungen, nimmt der Band jedoch etwas von ihrem alternativen Touch. Es fehlt etwas Rauheit, aber das ist bei einem Song wie „In View“ völlig nebensächlich, weil er einfach so, wie er ist, gut funktioniert.
„Fly“ bewegt sich fast schon im Heartland-Rock-Stil, den die Band bereits zuvor beackert hat. Mit seiner leichten Lockerheit funktioniert der Song aber auch wieder sehr gut. Dieses Album bereitet mir beim Hören wieder viel Freude.
Ein richtiger Song, der den Stil der Band von Anfang bis Ende gut repräsentiert – die sich seit nun zehn Alben stets treu geblieben ist: „Luv (Sic)“.
Tatsächlich ist jeder Song richtiges „Single-Material“ und es rockt durchgehend und unermüdlich, so auch bei „The Kids don’t get it“.
Und dann kommt sie doch, die Ballade, sogar mit Klavier: „Pretend“.
Danach wird wieder gradlinig und gut gerockt: „Last Night I dreamed you didn’t love me“.
„The Drop-Off“ ist ein weiterer unverwechselbarer Song, eindeutig „The Tragically Hip“ – energiegeladen und für einen Rocksong etwas ganz Besonderes.
Mal im etwas veränderten Grundton, aber dennoch ein guter Song, der für Abwechslung sorgt unter all den zuvor gehörten gradlinigen Rocksongs. Trotzdem rockt „Family Band“ eigentlich wie verrückt. Und einzeln gehört ist der Song sicherlich eine Riesennummer.
Bei der abschließenden Rockballade „World Container“ könnte man glauben, dass Musiker wie Glen Hansard und Eddie Vedder sich gedacht haben: Diesen Song variieren wir unendlich oft und machen daraus zahlreiche eigene Versionen. Und wie großartig das ist – einfach ganz großartig.
Eine tolle Platte. Vielleicht mit ein wenig zu wenig Abwechslung, dafür aber gefüllt mit guten bis hin zu überragend gut funktionierenden Songs. Da freut man sich, Fan zu sein. (599)
The Tragically Hip – We are the same (2009)
Wie das Vorgängeralbum wurde „We Are the Same“ von Bob Rock produziert, mit dem sich Frontmann Gord Downie sehr angefreundet hatte.
Sehr, sehr schön, und es fängt mich direkt wieder ein: „Morning Moon“ – eine sanft gerockte Singer/Songwriter-Nummer. Wieder bin ich einfach nur Fan der Band. Scheinbar wollten „The Tragically Hip“ ein gutes, melodisches und eher sanftes Rockalbum schaffen, denn auch „Honey, Please“ ist ein guter, eher sanfter Rocksong, der gut funktioniert und einen mitnimmt. Dieses Album könnte vielleicht für ein breiteres Publikum gedacht sein.
Auch ganz fein und einfach: „The Last Recluse“. Warum ich „The Tragically Hip“ und „BLØF“ in den letzten zwei Jahren so ins Herz geschlossen habe, liegt sicherlich daran, dass ich all diese sanften Singer/Songwriter-Rocknummern sehr gerne mag und für gut befinde. Sie nehmen mich emotional mit und tun meiner Seele gut. Musik als Batterie für mein Leben, und ich brauche davon wirklich sehr oft eine Dosis. Musik-Junkie – diese Droge schadet zwar der Gesundheit höchstens den Ohren, aber dafür umso mehr dem eigenen Geldbeutel.
Auf dem Album scheint wirklich alles richtig gemacht worden zu sein, um mich wieder zu begeistern. „Coffee Girl“ – einfach gut. Und Gord Downie versucht, glaube ich, auf dem Album auch ab und an, seine Stimme vielseitiger einzusetzen, was mir sehr gut gefällt und etwas Abwechslung bringt.
Der Singer/Songwriter-Rock bleibt und wird noch etwas sanfter – dabei erinnert mich die Musik an Glen Hansard: „Now the Struggle Has a Name“.
„The Depression Suite“ vermittelt gleich zu Beginn ein Pop-Rock-Feeling. Doch wie sich der Song langsam weiterentwickelt, ist sehr gut gemacht. Hält der Song dies über seine Länge von knapp über neun Minuten durch? Für mich funktioniert es gut. Vielleicht auch, weil ich die Band so mag. Ich möchte gar nicht, dass ein guter Song endet. Außerdem bietet er genug Abwechslung, um nicht langweilig zu werden. Dennoch hätte er ein oder zwei Minuten kürzer sein können.
Typisch für The Hip ist „The Exact Feeling“. Der Song rockt etwas mehr als die vorherigen, sehr radiofreundlichen Nummern. Allerdings bietet er nur ein Stück, wie es die Band schon oft gemacht hat.
Akustisch und mit einem Folk-Rock-Feeling: „Queen of the Furrows“. Auch toll. Zwar fehlt dem Album in großen Teilen Alternative-Rock, doch überraschenderweise wird genau dieser Stil im Song angeboten.
„Speed River“ – da wiederhole ich mich gerne – hier höre ich genau das, warum ich die Band oft mit „Pearl Jam“ in einen Topf werfe: eine Stadion-Rock-Hymne.
Mit „Frozen in My Tracks“ gibt es dann doch eine echte Alternative-Rock-Nummer. Im ungestümen Refrain läuft für mich aber etwas schief. Es wirkt etwas gewollt, als wolle die Band mit Gewalt noch einmal „krachig“ auf dem Album klingen. Dafür ist ja eigentlich auch Bob Rock als Produzent der Richtige.
Auch „Love Is a Frist“ ist ein richtiger Rocksong und schon eine Nummer härter als die meisten der zehn zuvor gehörten Stücke.
Der letzte Song ist „Country Day“. Damit schließt sich der Kreis wieder mit einem Singer/Songwriter-Rocksong, der von der Produktion auf Stadion-Rock-Niveau getrimmt wird. Vielleicht ist die Produktion bei „Country Day“ doch etwas übertrieben, und die Botschaft des Songs erscheint einfach.
Ich werfe der Band allerdings nicht vor, dass sie mit Bob Rock einen Produzenten gefunden haben, der versteht, ihre Musik bestmöglich auf Platte zu pressen. Als „zu glatt“ produziert bezeichne ich ganz andere Platten. Die meisten Songs dieses Albums von The Tragically Hip finde ich einfach sehr gut. (688)


Travis – Good Feeling (1997)
Wie klang Travis vor ihrem Durchbruch mit dem Album „The Man Who“ (1997)? Produziert wurde es vom Altmeister Steve Lillywhite.
Mit „All I Want to Do Is Rock“ beginnt das Album mit einer Britpop-Nummer im Hymnenformat. Hätte ich den Song gehört, ohne zu wissen, dass er von Travis stammt, hätte ich ihn niemals dieser Band zugeschrieben, denn er klingt ganz anders als der Singer-Songwriter- beziehungsweise Indie-Sound der zweiten Platte. Das ist nicht schlecht, klingt aber einfach nicht nach Travis. So fühlt sich auch „U16 Girls“ an, als ob hier eine andere Band namens Travis spielt, die eher auf den Spuren von Oasis daherrockt. Der Gesang von Fran Healy klingt sogar stellenweise richtig rotzig, doch auch dieser Song ist sehr guter Britpop. Offenbar wollte Produzent Steve Lillywhite einfach versuchen, dem Sound der neu aufkommenden Britpop- und Indie-Pop-Rock-Welle näherzukommen oder ihn zu imitieren. „The Line Is Fire“ klingt auf jeden Fall wie das perfekte Hybrid aus Oasis und Blur – auch das ist schon eine Kunst.
Besonders auffällig, weil es dem mir vertrauten Travis-Sound näherkommt, ist „Good Day to Die“. Man fragt sich, wo der Rocksound geblieben ist, denn auf dem zweiten Album ist er kaum noch in dieser Wucht zu hören. Die Produzenten des zweiten Albums hatten wohl ihre ganz eigene Vorstellung vom Sound der Band. Aber mal ehrlich: Die rockigen Travis machen ebenfalls Spaß.
Das Titelstück „Good Feeling“ klingt etwas sanfter und akustischer. Sehr krachige Gitarren gibt es beim nächsten Stück „Midsummer Night Dreamin’“. Eine schöne Partyhymne ist „Tied to the 90’s“. Danach folgt mit „I Love You Anyways“ eine Ballade.
„Happy“ ist der erste Durchhänger, weil die Band es sich hier mit dem Runterrocken etwas zu einfach macht – der Song bietet nichts Besonderes. Auch die etwas melancholischere Nummer „More Than Us“ kann an die zuvor gehörten guten Songs nicht ganz heranreichen. Die Balladen und ruhigeren Stücke, die später die große Stärke der Band werden, sind noch qualitativ ausbaufähig. Oder mir hat der Party-Britpop vom Anfang bis zur Mitte des Albums einfach so viel Spaß gemacht, dass mich die ruhigeren Stücke im weiteren Verlauf nicht mehr fesseln können.
„Funny Things“ findet sich am Ende des Albums und klingt dann wirklich so, wie man es von den späteren Platten kennt. Hier funktioniert die Ballade also tatsächlich. Aber ehrlich gesagt hat mir der Party-Britpop der Band auch sehr gut gefallen. (478)
Travis – The invisible Band (2001)
Das dritte Album der schottischen Band brachte ihnen weltweiten, noch größeren Erfolg. Man könnte dieses Werk, das überwiegend aus Singer-Songwriter-Songs besteht, als Alternative-Pop bezeichnen. Für den leicht sphärischen musikalischen Klangteppich ist wohl Produzent Nigel Godrich verantwortlich, der zuvor mit Radiohead zusammengearbeitet hatte.
Während „Sing“ ein schöner Singer-Songwriter-Popsong ist, folgt darauf das atmosphärische und eher melancholische „Dear Diary“, das tatsächlich nach Radiohead klingt. Danach kommt das Meisterwerk der Platte: „Side“, einnehmend, mitreißend und einfach großartig.
Auf dem Album finden sich zahlreiche gelungene Songs, wie zum Beispiel das folkige „Pipe Dreams“. Mit dem Banjo wird es dann beherzt folkloristisch bei „Flowers in the Window“, ein Stück, das ich immer wieder sehr gern höre. Es folgt das sehr sanfte „Cage“.
Akustikrock gibt es bei „Safe“. Ein weiterer wirklich gern gehörter Song ist „Follow the Light“, schwungvoll und schön. Traurig klingt „Last Train“. Auch „Afterglow“ ist wieder ein sehr feiner Song.
Der Lagerfeuersong „Indefinitely“ rundet das Werk ab, ebenso wie „The Humpty Dumpty Love Song“. Nach wie vor ist dieses Album sehr gelungen, und ich kann kaum glauben, dass seit seiner Veröffentlichung schon über 20 Jahre vergangen sind. (281)


Tubeway Army – Replicas (1979)
Ich weiß nicht genau warum, aber Gary Numan hat mich bisher nie besonders interessiert. Tja. „Are ‘Friends’ Electric“ ist wirklich ein starkes Stück und vereint vieles von dem, was ich an Elektro, New Wave und Post Punk schätze. Die besten Stücke von Fad Gadget klingen auch nicht viel anders. Also, Asche auf mein Haupt.
Der Rest des Albums legt weitere Grundsteine für Industrial-Musik, Post Punk und New Wave. Irgendjemand muss ja der Erste gewesen sein. Den Einfluss von David Bowies „Low“ sollte man dabei ebenfalls nicht übersehen.

Tuung - …..and then we saw land (2010)
Mit „Hustle“ beginnt dieses Album grandios und schön. Folk-Pop in seiner besten Form: schlau, verspielt und zeitlos.
Tuung kannte ich bisher nur von ihrem Album „This is Tuung – Live from the BBC“, das perfekte Livesongs enthält, die auch als Studioaufnahmen durchgehen könnten. Auch dort ist „Hustle“ zu finden. Mit „It Breaks“ geht es weiter, und der Hörer erkennt, über welch vielfältige Instrumentensammlung diese Band verfügt. Außerdem wird der Sänger hier durch eine Sängerin ersetzt. Folkig und ruhig geht es dann mit „Don’t Look Down or Back“ weiter, das im Refrain etwas rockiger und lauter wird.
Abwechslungsreich und schön, sich langsam steigernd, folgt „The Roadside“. „October“ ist eine Akustikballade, und „Sashimi“ ein gelungener, positiver Indiesong. Besonders wunderschön ist „With Whiskey“.
Warum Tuung auch dem Folktronica-Genre zugeordnet wird, wird zu Beginn der instrumentalen Nummer „By Dusk They Were in the City“ deutlich. Acapella können sie ebenfalls: „This Winds“.
Mit „Santigo“ folgt ein weiterer zuckersüßer Track, bei dem es dem Hörer sehr schwerfallen wird, nicht zu lächeln oder zu schmunzeln. Das über acht Minuten lange Abschlussstück „Weekend Away“ fasst die Stimmung und Schönheit der Musik von Tuung noch einmal eindrucksvoll zusammen.
Wer die Musik von „Einar Stray“ und „Efterklang“ mag, wird auch „Tuung“ gefallen. Kein Party-Kneipen-Folk, sondern moderner Folk für einen entspannten Tagesausklang. Live möchte ich diese Band unbedingt erleben – das muss wunderschön sein. (34)

Tunng – this is tunng – Live from the BBC (2011)
Das, was Tunng auf diesem Album bieten, ist beinahe zu perfekt. Einige Lieder, die ich bereits vom Album „…and than we saw land“ kenne, gefallen mir in den Live-Versionen auf dieser CD sogar noch besser.
Tunng gelten als Folkband, doch ihre Musik wird auch als Folktronica beschrieben. Ich bezeichne sie als anspruchsvollen Indie-Pop.
Das erste Stück „Take“ nenne ich gut gespielten und interpretieren Indie-Folk-Pop. Der Song stammt im Original vom dritten Album „Good Arrows“. Das atmosphärische „Bullets“ entwickelt sich zu einem Lied im Stil der Beatles, ebenfalls von „Good Arrows“. Vom zweiten Album stammt der Song „Jenny again“ – eine schöne Singer/Songwriter-Nummer. „Tamatant Tiley“ wurde zuvor nicht veröffentlicht und ist der Versuch, arabischen Wüstenrock (Tuareg-Rock) mit Tunng-Musik zu verbinden, was sehr gut gelingt. „Beautiful & Lights“ stammt vom Debütalbum „Mother’s Daughter and other Songs“ und ist eine gelungene Folk-Elektronika-Nummer.
Die Band würde ich gerne live auf einem Festival gemeinsam mit Efterklang erleben. Das würde sehr gut zusammenpassen. Anschließend folgt mein bisheriger Lieblingssong der Band, „Hustle“ – die Livefassung finde ich noch besser als die Albumversion von „…and than we saw land“. Vom selben Album wie „Hustle“ stammt auch „With Whiskey“ – ein sanftes Stück im Chamber-Folk-Stil. „Jay Down“ erinnert mich an Canterbury Folk – sehr atmosphärisch, dabei leicht zugänglich und verträumt.
Auch „Pioneers“ ist sehr schön, folkig, aber mit stampfendem Schlagzeug und deshalb gut tanzbar. Der Titel stammt vom zweiten Album „Comments of the Inner Chorus“. Ich muss mir wirklich auch die frühen Alben der Band zulegen, denn die hier live gespielten Songs daraus gefallen mir sehr gut. Eine weitere Lieblingsnummer ist „Naked in the Rain“ – eine großartige akustische Indie-Nummer, die ich vielleicht sogar noch ein wenig besser finde als „Hustle“. Dieses Stück war zuvor ebenfalls nicht auf einem Album veröffentlicht worden. Am Ende folgt „Surprise Me“, eine weitere schöne Kombination aus Elektronika und Folk, die ebenfalls vorher nicht auf einer Platte erschien.
Tunng lieferten 2011 für die BBC eine wunderbar ausgewählte Werkschau live ab. Herausgekommen ist dabei ein ganz wundervolles Album. (506)

TV Priest - My other People (2022)
TV Priest wurden nach nur einem einzigen Live-Auftritt vom Label Sub Pop unter Vertrag genommen. Das Debüt „Uppers“ überzeugte mit kraftvollem Gitarrensound, eingängigen Rockmelodien und dem kräftigen, teils rotzigen Gesang von Charlie Drinkwater. Genau daran knüpft das Folgealbum an, erweitert das Spektrum jedoch um ruhigere Töne, etwa mit dem Song „Limehouse Cut“. Drinkwaters ehrlich und direkt vorgetragenen Texte erinnern an „Sleafords Mods“. Das Besondere an „TV Priest“ ist ihre Wucht, ohne dabei in reine Aggression zu verfallen. So klingt guter Rockkrach, zu dem man hervorragend feiern und tanzen kann. (73)

Twelve Drummers Drumming – Twelve Drummers Drumming (1983)
In Mönchengladbach entstand aus Musikern, die bereits bei der Band „Wallenstein“ ausgeholfen hatten, die neue Formation namens Twelve Drummers Drumming. Die Mitglieder waren Rudi Edgar (Gesang), Kurt Schmidt (Bass), Ralf Aussem (Gitarre), Sibi Sibert (Schlagzeug) und Colin Drummond (Keyboard). Ihr Sound ist eine Mischung aus New Wave und Rock und erinnert stark an britische Bands wie Simple Minds, Big Country und U2 – aber irgendwie eben auch nicht. Die Band hatte etwas Eigenes und wurde sogar von einem großen Label unter Vertrag genommen, das das Debütalbum für den internationalen Markt in London neu aufnehmen wollte. Dazu kam es jedoch aufgrund einer plötzlich auftretenden schweren Krankheit des Sängers Rudi Edgar nicht. Der Rest der Band beschloss, den Sänger zu unterstützen, und so vergingen viele Jahre, bis sie sich an ein neues Album wagten.
Doch was macht dieses Debütalbum aus, das damals Musikjournalisten und ein internationales Plattenlabel aufhorchen ließ? Heute ist der Name der Band wohl nur noch Fans der ersten Stunde und Zeitzeugen bekannt, die sich, wie ich glücklicherweise, an die Band erinnern und sie jetzt neu entdecken – inklusive aller Nebenprojekte, die aus der Band hervorgegangen sind. Das zweite Album „Where the Buffalo Wild Roams“ hatte ich bereits gehört und war davon sehr begeistert. Gleiches gilt für die CD „Shelter“ einer der Nachfolgebands namens Dead Guitars (2015). Also höre ich mir nun das Debütalbum an.
Die Platte beginnt mit „Time for Emotion“. Der Song vereint New Romantic, New Wave und ein wenig Post Punk. Die alternativen Spielarten der späten 1970er und frühen 1980er Jahre werden hier aufgegriffen, und im Refrain entwickelt sich der Song fast schon zu Popmusik. Die Mischung aus New Wave und Pop bleibt auch bei „Out on the Streets“ erhalten, allerdings ist mir dieser Song zu sehr als Mitgröhlnummer ausgelegt. Ähnlich verhält es sich mit „Have You Heard It“, ebenfalls eine Kombination aus Pop und New Wave. „Lonely“ setzt viele für die 1980er Jahre typische musikalische Elemente ein. „Wasting Time“ ist etwas experimenteller, mit gesprochenem Text und Post-Punk-Sound. Man muss den Pop und Rock der 1980er Jahre schon mögen, um an den bisher gehörten Stücken Freude zu haben. Ich bin sicher, live hat die Band viel Spaß gemacht. Eine Neuaufnahme der Songs für den internationalen Markt hätte wahrscheinlich nichts verbessert – dann hätten sie wahrscheinlich noch mehr wie Duran Duran geklungen.
Der Song „Your Voice“ ist zwar ebenfalls ein recht typischer 80er-Pop-Rock-Titel und noch ganz ordentlich, jedoch wird der Refrain leider zu kitschig. Dann folgt mit „We´ll Be the First Ones“ doch noch ein echter Hit: Hier passt alles sehr gut zusammen, und der Song macht richtig Spaß. Da versteht man auch, warum man die Band mit U2 und Simple Minds verglichen hat. Bei „Money to Burn“ klingt alles sehr nach einem Lied von „Spliff“, fast so, als könnte es aus der Spliff-Radioshow stammen – und ich finde den Song richtig schlecht. Auch „The Vision“ ist wieder New Wave-Pop, funktioniert aber nicht wirklich. „Heaven and Hell“ ist dann leider eine weitere musikalische Enttäuschung, obwohl der Song gute Ansätze besitzt – wie sie generell auf dem gesamten Album zu hören sind. Leider bleiben die meisten Songs am Ende jedoch nicht mehr als Durchschnitt oder sind sogar schlechter. Ausnahmen sind „Time for Emotion“ und das immer noch sehr gute „We´ll Be the First Ones“. Diesen Song werde ich mir als Single zulegen und das Album dann wieder weitergeben. Gebt Twelve Drummers Drumming aber ruhig eine weitere Chance mit ihrem nächsten Album. Dort sind sie zwar noch ein Stück poppiger, doch haben sie den Sound von Simple Minds und Big Country gut verinnerlicht und fügen ihm eine eigene Note hinzu. (463)

Twelve Drummers Drumming - Where the Wild Buffalo roam (1988)
Ich habe nur die günstige CD-Neuauflage von 1992 mit einem schlecht gestalteten Cover. Man sollte auf jeden Fall das Original holen, allein schon wegen des Covermotivs. Das alte Cover habe ich schließlich ausgedruckt und über das schlechte Motiv gelegt.
Was für eine schöne Überraschung dieses Album ist! Vor gar nicht langer Zeit, als ich meine Singles mal wieder durchgehört habe, ist mir der sehr eingängige und spaßige Song „I’ll be there“ von Twelve Drummers Drumming aufgefallen. Diese Gruppe hatte meine Schwester, die ihr erstes Album besaß. Die Band stammt aus Mönchengladbach und setzte sich teilweise aus Mitgliedern der Band Wallenstein zusammen, die mit dem Song „Charlene“ einen respektablen Radiohit hatten.
Mit dem eben erwähnten „I’ll be there“ beginnt die Platte sehr schwungvoll. Um es vorwegzunehmen: Das von Gareth Jones produzierte Album – er ist sonst eher für seine Arbeit mit Depeche Mode bekannt – ist nach wie vor ein sehr gut hörbares Wave-Rock-Pop-Album. Es wird mit den Folk-Rock-Songs Fans von Big Country und Simple Minds begeistern sowie auch Wave- und New-Romantic-Pop-Fans von Duran Duran und Japan. Insgesamt sind es durchweg sehr gute Songs. Ein fast epischer Rocksong mit Prog-Rock-Charme ist „Too Much to Soon“. Der dritte Song, „Rivers“, ist ein schönes Folk-Rock-Stück. Einen guten New Wave zeigen Twelve Drummers Drumming bei „Where the wild Buffalo roams“.
„Russian Sun“ besitzt das Feeling eines emotionalen (Folk-)Rock-Songs und muss den Vergleich mit Bands wie Big Country und Simple Minds keinesfalls scheuen. Diese Qualität hat auch „The Love“. Das ist ein wirklich beeindruckendes Album, da jeder Song für sich eine besondere Qualität hat. Das beginnt bei dem Gesang von Rudi Edgar, und die anderen Musiker leisten ebenfalls sehr gute Arbeit. Leider hat Rudi Edgar das Singen nach dem Ende der Band im Jahr 1996 aufgegeben, während die anderen Musiker bis heute – teils gemeinsam – bei Bands wie Sun, Dead Guitars, The Wide und Electric aktiv sind.
„Treasure“ besticht durch eine gute Songidee, die gelungen umgesetzt wurde. Bei „Just Good Friends“ klingt Rudis Gesang fast wie der von David Sylvian, und es entsteht ein leichter Retro-New-Romantic-Charme. Dieser Retro-Charme setzt sich im New-Romantic-Art-Rock-Stück „It takes a lot“ fort. Am Ende dieser mehr als gelungenen musikalischen Wiederentdeckung steht der Song „Don’t stop“, der deutlich an Duran Duran erinnert. (257)