
Joe Jackson – Look Sharp (1979)
Man muss immer bedenken, dass Joe Jackson bei den Aufnahmen gerade einmal 23 Jahre alt war. Für sein Alter ist es ein beeindruckendes Album, denn mindestens „Fools in Love“ und „Is She Really Going Out with Him“ sind zwei Songs, die man getrost als „Songs für die Ewigkeit“ bezeichnen kann. „Sunday Papers“, „One More Time“ und „Baby Stick Around“ sind Lieder, die man immer wieder gerne hört. Klanglich ist das Album ebenfalls etwas Besonderes – eine Mischung aus Jazzrock, Ska-Punk, New Wave, Singer/Songwriter, Soul und noch mehr. Eine Kombination, die man sonst eher von reiferen Künstlern erwartet. Genau diese Mischung aus Pep, Können und mitreißender Energie verbindet mich seit mindestens 44 Jahren mit dieser Musik und mit Joe Jackson. Mit „Steppin’ Out“ wurde ich zu seinem Fan, und damals war ich gerade einmal 12 oder 13 Jahre alt.
Das Album beginnt mit dem sehr flotten „One More Time“. Der Song verbindet den New Wave von Blondie mit Rock und funktioniert richtig gut. „Sunday Papers“ macht mit seinem Reggae-Ska-Rhythmus und seinem poppigen Sound einfach immer großen Spaß.
Wenn man gerade in der Situation steckt, dass das „richtige Mädchen“ mit dem „falschen Kerl“ weggegangen ist, dann ist „Is She Really Going Out with Him?“ der passende Song. Es ist zudem ein absolut gelungenes frühes Meisterwerk von Joe Jackson. Danke für diesen Song.
„Happy Loving Couples“ ist ebenfalls ganz nett. Er hat ein leichtes Rock-’n’-Roll-Feeling, kombiniert mit einem New-Wave-Bass. Graham Maby, langjähriger Basspartner von Joe Jackson, spielt hier großartig. Der Sound des Albums erinnert auch an die frühen Alben der Police, aber Songs wie „Throw It Away“ unterscheiden sich wieder deutlich davon. Dieser verknüpft Rockmusik mit Rock ’n’ Roll auf seine eigene Art.
Mit der Musik von Police, Fischer Z, Joe Jackson und etwas Punk von The Clash kann man viele Nächte mit guter Musik füllen.
„Baby Stick Around“ macht immer Spaß und perfektioniert die Mischung aus New Wave und Rock ’n’ Roll, sodass einem schnell klar wird, was für ein fantastisches Debütalbum hier entstanden ist.
Ein wenig „West-Side-Story“-Feeling findet sich im Titelstück „Look Sharp“ wieder, ansonsten bleibt es eher im „leichten“ Ska-Punk-Stil.
Der Klassiker „Fools in Love“ zeigt, dass Joe Jackson auch für anspruchsvolle Balladen mit dem gewissen Etwas steht – ein ganz großer Song.
„Do the Instant Mash“ ist nicht schlecht, fällt bei mir aber immer etwas ab. Dabei ist auch hier der Bassrhythmus stark ausgeprägt, doch unter so vielen guten Songs wirkt dieser Song etwas schwächer. Ich glaube, der Refrain ist einfach nicht ganz mein Geschmack.
„Pretty Girls“ springt den Hörer sofort an – und das ist gut so. Ein toller, zeitloser New-Wave-Rock-’n’-Roll-Mix. Joe Jackson beweist, dass nicht nur Punks wie die Ramones dem Rock ’n’ Roll einen eigenen Stil geben konnten.
Das Bassspiel ist auch hier ganz stark, und die Musik geht schon in Richtung Punkrock, ohne sich ganz darauf festzulegen – oder vielleicht doch? Egal, auf jeden Fall ist „Got the Time“ ein guter Abschluss.
Das Album funktioniert immer, weil der Mix einfach stimmt. Es ist viel mehr als nur „New Wave“ und enthält viele Songs, die auch heute noch sehr gut funktionieren. Ein echter Klassiker. (596)

Joe Jackson – Body & Soul (1984)
Die Aufnahmen sollten so nah wie möglich an eine Liveeinspielung herankommen, weshalb sich Joe Jackson gemeinsam mit seinem Produzenten David Kershenbaum für eine alte Freimaurerloge, den Brooklyn Masonic Temple, als Aufnahmenort entschied. Musikalisch wächst die Anzahl der vielfältigen, anspruchsvollen Kompositionen, und nur wenige Stücke sind noch typische Pop-Songs. „The Verdict“ legt dabei die Messlatte direkt sehr hoch. „Cha Cha Loco“, dessen Titel und eingängiger Cha-Cha-Rhythmus es wie eine einfache Nummer erscheinen lassen, wird zum Glanzstück, weil Joe Jackson den Cha-Cha-Sound für sich vereinnahmt und ihm seinen Stempel aufdrückt. „Not Here, Not Now“ ist ein langsamer und einfühlsamer Song. „You Can’t Get What You Want (Till You Know What You Want)“ ist eines meiner Lieblingsstücke. Dieser Song nimmt einen sofort mit und lässt einen bis zum Schluss nicht mehr los. In der Studiofassung überzeugt er durch das ausgezeichnete Bassspiel von Graham Maby, das dem Stück einen echten Discodrive verleiht – obwohl die Discozeit bei der Aufnahme schon vorbei war – und überrascht mit einem sehr jazzigen Instrumentalpart. Eine flotte Soul-Nummer darf ebenfalls nicht fehlen: „Go for It“.
„Loisaida“ eröffnet die zweite Seite instrumental und ist recht vielschichtig – eine Mischung aus Großstadtsoundtrack und Jazz. Joe Jackson versucht als Arrangeur und Komponist ernst genommen zu werden. „Happy Endings“ klingt typisch nach Joe Jackson, so wie man ihn von den Vorgängeralben kennt. Sechziger-Jahre-Pop wird in die Mitte der Achtziger Jahre transformiert. Den Gesang teilt er sich bei diesem Stück mit Elaine Caswell. Danach folgt ein weiteres meiner Lieblingsstücke des Musikers – das wunderschöne „Be My Number Two“ (schöner geht es kaum). Der komplexere, fast instrumentale Song „Heart of Ice“ beendet das Album.
Auf seinem siebten Album zeigt sich Joe Jackson als Musiker, der es mit Songwritern anspruchsvoller Popmusik aufnehmen kann, und beweist auch als Jazz- und Instrumentalkomponist sein Können. Dabei vergisst er jedoch seine Fanbasis nicht, da sich das Album immer noch wie ein echtes Joe-Jackson-Album anhört. (149)
Mick Jagger – She´s the Boss (1985)
Zu der Zeit, als das Album herauskam, war ich noch kein großer Kenner oder Fan von The Rolling Stones. Am meisten mochte ich die Songs „Undercover of the Night“, „Waiting for a Friend“ und einige der älteren Hits der Band. Ein Album besaß ich damals jedoch nicht. Irgendwie sprach mich die Single „Just another Night“ aber sehr an, sodass ich mir schließlich dieses Album kaufte, das ich schon lange nicht mehr gehört habe.
Wenn ich heute „Lonely at the Top“ höre, bin ich erstaunt, wie sehr der Song nach einer Nummer von Bruce Springsteen klingt. Da weiß man sofort, welche Platte damals ganz weit oben in den Charts und bei den Hörern beliebt war. Der Song stammt aus der Feder von Keith Richards.
Eine Pop-Rock-Nummer mit für die Zeit typischem Sound ist „1/2 a Loaf“. Die Gitarren erinnern an „Money for Nothing“ von den Dire Straits. Auch dieser Song ist gelungen, vor allem der Refrain klingt sehr gut. Insgesamt erinnert er allerdings an viele Singles mit amerikanischem Touch aus dieser Zeit.
Etwas zu vernachlässigen ist der Track „Running out of Luck“. Der Funkrock-Mix will nicht so recht gelingen, und ähnliche Songs gibt es einfach besser von anderen Künstlern.
Bei „Turn the Girl Loose“ bin ich mir etwas unschlüssig. Den Sound des Stücks mag ich, doch irgendwie passt das Ganze für mich nicht so recht zu Mick Jagger. Ich bin etwas ratlos, was ich mit dem Song anfangen soll – vielleicht hilft ein mehrmaliges Hören.
„Hard Woman“ ist zwar nah am Kitsch, doch bei dieser Ballade kann Jagger sein Talent als Sänger zeigen. Nach den beiden kraftvollen Rockstücken ist dieses Lied eine willkommene Abwechslung.
Ein Song, der auch heute noch gut funktioniert, ist „Just another Night“. Er bleibt ein Hit. Bei diesem Stück hat die Produktion ebenfalls voll überzeugt.
An der Produktion des Albums waren einige prominente Gäste beteiligt: Jeff Beck, Pete Townshend, Herbie Hancock, Sly & Robbie.
„Lucky in Love“ funktioniert ebenfalls noch sehr gut. Den Song mochte ich auch schon immer. Er ist, wie „Just another Night“, Hochglanz-Rock mit Hitpotenzial. Dabei muss ich sagen, dass die von Nile Rodgers produzierten Songs bisher noch besser funktionieren als die von Bill Laswell. Und Jeff Beck an der Gitarre ist einfach der Knaller.
„Secrets“ ist wieder eingängiger Pop-Blues-Rock, der dem Zeitgeschmack bei seiner Entstehung voll entsprach. Gegen die großen Hits der Platte wirkt er allerdings eher mittelmäßig. Auf einem Album eines weniger etablierten Künstlers hätte der Song sicherlich mehr Aufmerksamkeit erzielt.
Wegen seiner etwas ungestümen Art und der effektvollen Produktion macht „She’s the Boss“ auch heute noch Spaß beim Hören. Jagger versucht hier fast zu rappen – was er, glaube ich, eher selten oder vielleicht gar nicht gemacht hat.
Das Album macht auch heute noch Freude beim Hören. Einige Songs sind einfach tolle Hits, und selbst die Tracks, die mich nicht ganz so begeistern, tun dem Gesamteindruck keinen Abbruch. Dank der Produktion von Rodgers und Laswell klingt die Platte zudem richtig gut. (689)


Japan – Quiet Life (1979)
Nach zwei Anläufen als Pop-Band finden Japan mit „Quiet Life“ ihren Stil. Der Gesang von David Sylvian hat sich verändert, und zwar zum Guten. Er verleiht der Musik dadurch einen ganz eigenen Ausdruck und eine besondere Stimmung. Außerdem sind nun elektronische Klänge sowie das Spiel von Bassist Mick Karn deutlicher in die Songs eingebunden. So entsteht mit dem Titelstück „Quiet Life“ eine Kultband, und David Sylvian wird zum Liebling der anspruchsvollen Pop- und Rockmusik. Diese Musik spricht sowohl New-Romantic-Fans als auch Anhänger der düsteren Pop-Musik an.
„Fall in Love“ ist noch einmal ein etwas zurückhaltender Schritt, funktioniert aber als New-Wave-Song hervorragend. Er verbindet den Sound von The Cure und Duran Duran zu einer gelungenen Mischung. „Despair“ ist ein eindrucksvoller Song, der im Wesentlichen auf einer einfachen Klaviermelodie basiert. Der Gesang ist nur spärlich eingearbeitet. Auf der Bassmelodie von Mick Karn baut „In Vogue“ auf. Mit seinen plötzlichen Tempowechseln und seinem melancholischen Touch ist der Song ein gutes Beispiel dafür, wie ein typischer David-Sylvian-Song aus dieser Phase klingt. Gleichzeitig erinnert er stark an Duran Duran – ich würde sogar fast behaupten, dass sich Duran Duran bei Japan für diesen Song etwas abgeschaut hat, denn „In Vogue“ klingt fast wie „A View to a Kill“.
Nicht ganz mein Geschmack ist „Halloween“, das mir etwas zu schlicht geraten ist. Dafür überzeugt der Sound bei „Alien“ umso mehr. Natürlich klingt dieser Song auch nach David Bowie. Da Japan den Produzenten von Roxy Music unbedingt engagieren wollte, der sich stark in die Musik eingebracht hat, erinnert die Platte auch ein wenig an Roxy Music – wogegen allerdings nichts einzuwenden ist. Brian Eno hat natürlich ebenfalls seine Spuren hinterlassen. Warum der Gitarrist der Band ausgestiegen ist, wird auf diesem Album ebenfalls hörbar – die Gitarre tritt nämlich kaum noch in den Vordergrund und wird nur vereinzelt eingesetzt.
Auch „The Other Side“ kann mich überzeugen. Die Atmosphäre, die Japan mit ihrer Musik schafft, empfinde ich als etwas Besonderes. Diese Songs erzählen Geschichten oder regen die Fantasie an – meist Gothic-Fantasien, die zur Literatur von Poe und Gaiman passen. Das ist Musik, die mehr kann, als nur zum Tanzen oder Weinen zu bewegen.
Abschließend darf die Coverversion von „All Tomorrow's Parties“ natürlich nicht vergessen werden. Ich möchte sie als nett, aber etwas zu brav gespielt bezeichnen.
Daran gibt es kein Wenn und Aber: Japan und ganz besonders David Sylvian haben hier ihre eigene Stimme gefunden. Es ist ein Album, das weit mehr als nur gut ist. (174)

Japan – Gentlemen take Polaroids (1980)
Nach „Quiet Life“, mit dem sich Japan und David Sylvian neu erfunden hatten, bin ich sehr gespannt auf das Album, das ich allerdings bisher nur teilweise kenne.
Das Titelstück „Gentleman Take Polaroids“ nimmt mich sofort mit. Auch bei diesem Stück fällt auf, wie stark die Musik der Band Ähnlichkeiten mit Duran Duran aufweist. Wer hier von wem abgeschaut hat oder ob sich die New-Romantic-Szene aufgrund der gemeinsamen Produzenten einfach ähnlich klingt, muss anderswo geklärt werden. Auffällig ist bei dem Stück auch, wie gut es der Band bereits gelingt, Synthesizer in ihre Musik einzubauen, ohne dabei zu einer reinen Elektro-Band zu werden. Die elektronischen Klänge sind sehr gut gewählt und ergänzen die analogen Instrumente auf gelungene Weise.
Neben Duran Duran kann Japan ihre musikalische Verbundenheit zu Roxy Music ebenfalls nicht verleugnen. Trotzdem funktioniert ein Song wie „Swing“ für mich sehr gut. Anders als bei Roxy Music und Duran Duran sind die Stücke hier eher ambitionierter New-Romantic-Pop, nicht bloß Versuche, Hit für Hit zu landen und ständig in den Charts zu klettern.
Das rein elektronische und fast instrumentale „Burning Bridges“ empfinde ich eher als ein zu lang geratenes Interlude. „My New Career“ ist zwar ganz nett, zeigt aber zu viele Ähnlichkeiten mit dem später erschienenen „Nightporter“. Bei diesem kann ich dafür die Verbindung zu Ryuichi Sakamoto zum ersten Mal deutlich wahrnehmen, die später in der Zusammenarbeit der beiden Musiker bei „Taking Islands in Africa“ ihren Höhepunkt erreicht.
Dem Album fehlt etwas die Abwechslung. Zwar hat Japan ihren ganz eigenen Stil, doch wenn sich jedes Stück stark ähnelt, kann das auf Dauer etwas eintönig werden. So entsteht bei mir bei „Methods of Dance“ einerseits Begeisterung für den rhythmischen Aufbau des Songs, gleichzeitig aber auch leichte Langeweile. Danach folgt das Marvin-Gaye-Cover „Ain’t That Peculiar“, das Japan auf sehr schöne Weise neu interpretieren. Es ist sicherlich der eingängigste Song auf der Platte.
„Nightporter“ weist bereits darauf hin, was aus David Sylvian noch werden würde und welches Potenzial abseits des New-Romantic-Genres in ihm steckt. Bei diesem Song lösen sich Japan von den Einflüssen anderer Bands und präsentieren einen atmosphärischen Singer-Songwriter-Song.
Bei „Taking Islands in Africa“ erhält Ryuichi Sakamoto neben Sylvian den Status als Coautor. Hier zeigt sich erneut, dass sich Sylvian und Japan problemlos von den anderen New Romantics lösen können, wenn sie möchten.
Als Bonusstücke der 2003 erschienenen Remaster-Version sind noch das instrumentale „The Experience of Swimming“ von Richard Barbieri sowie „The Width of the Room“ von Rob Dean enthalten. Beide Stücke empfinde ich eher als Interludes, da sie als komplette Songs kaum funktionieren. Als drittes und letztes Bonusstück findet sich zudem ein Remix von „Taking Islands in Africa“ auf der CD. (238)

Japan - Tin Drum (1981)
Das fünfte und letzte Studioalbum der Band zeigt sofort bei „The Art of Parties“, wie sehr sie ihren Sound perfektioniert hat. Durch den Wegfall der Leadgitarre übernehmen die Rhythmusinstrumente die Oberhand, und der geschickte Einsatz synthetischer Klänge ergänzt die Stimme von David Sylvian zu einem einzigartigen Japansound. Auch der neue Produzent Steve Nye trug wesentlich zur Klangperfektion der Platte bei. David Sylvian überließ ihm diese Aufgabe auch bei seinen ersten Solowerken.
Genremäßig lässt sich das Album dem Art-Pop-Rock zuordnen und ist am besten mit den zeitgleich erschienenen Alben von Peter Gabriel und Kate Bush vergleichbar. Der New-Romantic-Einfluss ist verschwunden, ebenso die Ähnlichkeit mit Bands wie Duran Duran und Co.
Bei „Ghost“ höre ich deutlich den Einfluss von Ryuichi Sakamoto heraus. Aber nicht nur „Canton“ erinnert an den asiatischen Kontinent. Es klingt fast so, als hätten Brian Eno und Ryuichi Sakamoto zusammengearbeitet: „Still Life in Mobile Homes“ begleitet die Stimme Sylvians, als würde er beim Yellow Magic Orchestra mitsingen. Hier trifft der Bandname und das asiatische Grundthema der Platte hervorragend zusammen, wobei die Rhythmusarbeit besonders beeindruckt.
Tears for Fears haben zugegeben, dass sie sich für ihr erstes Album einiges von diesem Sound abgeguckt haben. Kaum zu glauben, dass der Klang dieser Platte nicht viel öfter kopiert wurde. Das gilt übrigens auch für die dritten und vierten Alben von Peter Gabriel. Man merkt daran, dass der Sound mancher Alben einfach nicht zu kopieren oder zu wiederholen ist. Gerade das macht solche Werke zu etwas ganz Besonderem.
Die Rhythmusgruppe mit Steve Jansen an den Drums und dem einzigartigen Mick Karn am Bass leistet ebenso Großes wie Sänger und Hauptverantwortlicher der Band, David Sylvian. Ein wahres Meisterwerk.(344)

Jean Michel-Jarre – Les Chants Magnétique/Magnetic Fields (1981)
….und die Alben davor
Als Nächstes liegt „Les Chants Magnétiques“ von Jean-Michel Jarre auf meinem Stapel. Nachdem ich die Alben „Oxygéne“ und „Équinoxe“ beim letzten Hören leider nicht mehr so schätzte wie früher, möchte ich diesem Werk vor „Les Chants Magnétiques“ eine zweite Chance geben. Ich beginne deshalb ganz vorne mit dem ersten Album „Deserted Palace“, das mir bis vor Kurzem völlig unbekannt war und von dessen Existenz ich nicht einmal wusste. Das Album in voller Länge ist auf YouTube zu finden. Für das Entstehungsjahr 1972 bin ich erstaunt, welche elektronischen Klänge Jarre bereits hervorgezaubert hatte. Da die Stücke alle relativ kurz sind, bietet das Album jede Menge Abwechslung.
Teilweise orchestrale Musik bringt Jarre in elektronischer Form hervor, teils barocke Klänge, aber auch elektronische Chansons. Besonders gefällt mir „Bridge of Promises“, das auch gut als Filmmusik durchgehen könnte. Experimentelle Klänge gibt es ebenfalls, zum Beispiel in „Exasperated Frog“. Das Abwechslungsreichtum und die Verspieltheit erinnern mich an das Frühwerk von Yellow Magic Orchestra (YMO). Ich muss nicht zwangsläufig alle Stücke in meiner Sammlung behalten, doch das Album ist auf jeden Fall wichtig, um die Entwicklung elektronischer Musik zu betrachten. Mir fehlt bei späteren Alben ein wenig genau dieser Einfallsreichtum, den ich hauptsächlich auf „Zoolook“ entdecke und weshalb ich dieses Album sehr schätze.
Sehr süß ist „Pogo Rock“, leider recht kurz. „Windswept Canyon“ ist das längste Stück auf dem Album und kann als das Hauptwerk („Magnus Opus“) bezeichnet werden. Hier bewegt sich Jarre fast schon in Richtung sanfter Ambient-Elektronik, mit einem Klang, der an frühe Versuche erinnert, wie sie dann auf „Oxygéne“ und „Équinoxe“ in ausgereifter Form zu finden sind. Der elektronische Beat, der teilweise auftaucht, wirkt für diese Zeit geradezu unglaublich, als hätte er die Zukunft der elektronischen Musik Jahre im Voraus erspürt. Das Album begeistert durch seine visionäre Art und zeigt, was 1972 bereits möglich war, wenn man sich auf reine elektronische Musik konzentrierte. Wieder etwas dazugelernt. „Iraqi Hitch-Hiker“ klingt wie der Sound früher Videospiele – möglicherweise haben viele Japaner das Album schon lange vor mir entdeckt.
Ich bin schwer beeindruckt und muss mich definitiv intensiver mit den Anfängen der elektronischen Musik beschäftigen. Stücke wie „Synthetic Jungle“ sind für 1972 schlicht überwältigend.
Das zweite, eher unbekannte Frühwerk von Jarre ist die Filmmusik „Les Granges Brûlées“ aus dem Jahr 1973. Dieses Album enthält sechzehn Titel, von denen bis auf einen keiner länger als drei Minuten ist. Ich bin gespannt, was mich erwartet.
Ich möchte „Le Chanson des Granges Brûlées“ als das Titelstück bezeichnen. Es verbindet die elektronischen Klänge, die man vom Vorgängeralbum kennt, mit einer wortlosen Stimme, die darüber singt. Auch hier finde ich die Taktgeräusche wieder sehr zukunftsweisend.
Experimenteller zeigt sich „Le Pays de Rose/Rosebud“. Bei „L´Hélicoptère“ klingt es eher nach einer ruhigen Melodie, die mit einigen Effekten versehen wurde. Auch hier gefallen mir die elektronischen Percussion- und Drum-Klänge besonders.
„Une Morte dans la Neige“ besteht aus experimentellen Klängen und ist kein klassisches Lied. Es würde mich interessieren, wie diese Stücke in einen französischen Film der 1970er Jahre passen. „Zig Zag“ scheint mir die französische Antwort auf einen der ersten elektronischen Pop-Hits namens „Pop Corn“ zu sein – elektronische Jahrmarktmusik. Ernst und fast sakral klingt „Le Juge“. Der Film heißt auf Deutsch „Die Löwin und der Jäger“ und ist mit Alain Delon in der Hauptrolle besetzt.
„Le Car/Le Chasse Neige“ ist langsame Musik, begleitet von Orgelklängen. „Thème de l’Agent“ ist ebenfalls kurz. Aufgrund der Kürze der Stücke vergehen sie schnell. Aber „Rose“, eine noch kürzere, ganz instrumentale Version des Titelthemas, hat etwas sehr Ernsthaftes an sich und ist für mich von bleibendem Wert. Spannung erzeugt „Hésitation“.
„La Perquisition et les Payans“ ist ein weiteres ernsthaft angelegtes Stück. Dennoch gelingt es den meisten Stücken bisher nicht, bei mir wirklich ernst genommen zu werden, weil sie oft wie eine minimale Orchesterversion klingen und als Filmmusik scheitern. Kurz und prägnant ist „Reconstitution“.
„Les Granges Brûlées/Burt Barns“ wiederholt erneut das Titelthema. „Descente au Village“ ist leider zu kurz, aber mir gefällt es dennoch.
Ähnliches wie die Melodie in „La Vérité“ habe ich schon oft gehört. Gleiches gilt für die Abspannmusik „Générique“, die das Titelthema erneut aufnimmt. Zum Glück war das Hörerlebnis insgesamt eher kurz.
Drei Jahre später, im Jahr 1976, erschien „Oxygéne“. Nun bin ich auf das Wiederhören wirklich gespannt. Die Platte ist in sechs Teile gegliedert. Schon bei Part 1 merkt man, dass sich die elektronische Musik seit Jarres Frühwerk technisch und klanglich weiterentwickelt hat. Die Klänge wirken nun viel natürlicher, obwohl der tragende Synthesizer, der die Melodie einleitet, nach einer singenden Säge klingt.
Ich weiß jetzt auch wieder, warum mich das letzte Hören nicht mehr so begeisterte. Es passiert zu wenig, die Musik fließt sanft dahin. Es fehlen die Bilder von Weltraumszenarien, die beim Hören an einem vorbeiziehen sollten. Ich warte ständig darauf, dass das Tempo und der Rhythmus zunehmen, doch das geschieht nicht, und Jarres meisterhafte Verteilung von Effektklängen über die langsame Melodie kann das nicht ganz kompensieren.
Dann folgt Part 2, der meinen Wunsch nach mehr Tempo und etwas Spannung erfüllt. Dennoch lässt Jarre sich ein wenig zu viel Zeit, um diese Spannung zum ersten Höhepunkt zu führen, der dann aber tatsächlich kommt. Dieses Stück wurde zu einem Klassiker der elektronischen Musik, den damals alle Synthesizer-Fans liebten. Neben den Arbeiten von Tangerine Dream kannte ich damals kaum andere Künstler. „Oxygéne Part 2“ ist daher eindeutig ein Meisterstück des Franzosen.
Part 3 ist wieder langsamer, aber aufgrund seiner Kürze und der gut gewählten Klänge gefällt er mir. Vielleicht war nur Part 1 etwas zu langatmig und störte mich beim letzten Mal. Doch es folgt ja noch die zweite Hälfte des Albums.
Mit Part 4 folgt die zweite herausragende Komposition des Albums.
Part 5 beginnt wieder langsam und benötigt beinahe fünfeinhalb Minuten, bis ein echter Beat einsetzt, der den Hörer mit Stereoeffekten wachrüttelt. Was dann folgt, lasse ich mir gefallen, reißt mich aber weniger mit als die zwei bekannten Stücke, weil nicht allzu viel passiert. Ich bin kein Fan von Ambient-Musik, die entspannt und verzückt gehört wird, als wäre eine einzige Klangidee in die Länge gezogen. Das trifft auch für Part 5 zu, wodurch mir zumindest die zweite Hälfte des Stücks einigermaßen gefällt.
Der abschließende Part 6 ist genauso langatmig wie Part 1. Zusammengefasst bleibt für mich die Quintessenz dieses Albums: Part 2 und 4 sind Klassiker, der Rest eignet sich vor allem für Ambient-Freunde und absolute Jarre-Fans. Daher scheint der Kauf einer Best-of-Kompilation des Künstlers eine gute Lösung zu sein, da dort nur die wichtigsten Stücke der alten Alben enthalten sind (auch wenn diese durch „Fade out/Fade in“ natürlich editiert wurden). Das ganze Album brauche ich tatsächlich nicht mehr in voller Länge.
Zwei Jahre später, 1978, erschien „Équinoxe“. Das Album setzt den Stil und die Art des Vorgängeralbums fort und ist in acht Teile gegliedert.
Part 1 dient sicherlich als einstimmendes Intro, wird diesmal aber direkt etwas melodiöser und euphorischer. Es sind nicht nur Wabbern, Schwingungen und Effekte zu hören. Dadurch steigt die Erwartung, doch Part 2 hält diese nicht ganz, da es sich eher nach den langsameren Teilen von „Oxygéne“ anhört. Gemächliche Musik im Ambient-Stil, wie man sie auch von Tangerine Dream kennt. Deshalb langweilt mich dieser Part schnell; für solche Stücke fehlt mir offensichtlich Geduld und Lebenszeit.
Part 3 ist schon besser. Es nimmt ein wenig mehr Tempo auf und klingt melodiöser. Diese Musik ist wirklich hörbar und nicht nur Hintergrundrauschen. Vielleicht stimmt sie auf einen Höhepunkt am Ende der Plattenseite ein – vielleicht löst sie dort das Versprechen vom Beginn des Albums ein.
Tatsächlich begrüßt Part 4 den Zuhörer direkt mit einem Beat und einer großartigen Synthesizer-Melodie. Hier haben wir den dritten Klassiker des Musikers gefunden.
Ich bin gespannt, ob die zweite Plattenseite mehr bietet oder ob das Album damit bereits abgearbeitet ist.
Mit dem Gewitter, mit dem Part 5 beginnt, wird die Erinnerung an diesen Titel sofort wachgerufen. Damit haben wir auch den vierten klassischen Song von Jarre gefunden. Euphorisch und mit schnelleren Sequenzern schrammt er schon ein wenig an den Disco-Bereich. Part 6 ist eigentlich noch besser, allerdings kurz, und erinnert an eine Kraftwerk-Nummer. Die Sequenzer tanzen im richtigen Schritt und klingen nicht so altmodisch wie die anderen Klassiker des Meisters. Für mich das beste Stück des französischen Elektro-Pioniers bisher.
Part 7 ist ebenfalls gut gelungen, benutzt aber zu viele Effekte, die in vorhergehenden Stücken bereits zu hören waren. Dennoch wird die zweite Seite zum tatsächlichen Meisterstück. Ehrlich gesagt hat die vergangene Zeit dem Album seit seiner Veröffentlichung allerdings nicht ganz gutgetan. Die Art, wie Jarre die Musik zum Teil spielt, gerät manchmal ins Kitschige. Es gibt heute einfach zu viel gute Electronica-Musik, die frischer und besser klingt. Da muss man konstatieren, dass die alten Werke von Kraftwerk viel besser gealtert sind – nicht alle, aber doch einige – ebenso wie die elektronischen Alben von Tangerine Dream, die vielleicht etwas abwechslungsreicher sind, aber nie kitschig klingen.
Part 8 ist ein langsamer Epilog und nicht besonders bemerkenswert.
Damit ist für mich ziemlich klar, dass ich die Alben „Oxygéne“ und „Équinoxe“ wohl tatsächlich zum letzten Mal vollständig gehört habe. Die Idee, eine Best-of-Kompilation zu kaufen, ist damit erfüllt.
Dann kommen wir zum Ausgangspunkt dieser Reise in die frühen Alben von Jean-Michel Jarre: „Les Chants Magnétiques“ (1981).
Auch dieses Album ist in fünf Teile gegliedert.
Part 1 nimmt die gesamte erste Seite des Albums ein. Klanglich bleibt Jarre dem Stil der beiden Vorgängeralben treu, bietet jedoch etwas mehr Tempo. Dennoch hat es nicht den Anschein, als hätte er viele neue Soundideen entdeckt. Wenn man die Alben in schneller Folge hört, fragt man sich, ob man tatsächlich Neues hört. Nach etwa fünfeinhalb Minuten nimmt Jarre das Tempo heraus und baut eine ruhige Atmosphäre auf, was mir gefällt, da kurzzeitig die bekannten Klänge verschwinden. Danach kommt fast alles zum Erliegen und es baut sich langsam etwas Neues auf, das leicht symphonisch klingt. Synth-Bläser und Streicher werden eingesetzt, über die Sequenzer-Passagen laufen. Danach bewegen sich Düsenjäger durch den Kopfhörer, und ab 11:40 folgt eine wirklich gute Passage mit angenehmen und schwungvollen Sequenzer- und Synthesizer-Klängen. Eigentlich hätte das schon Part 3 sein können, denn dieser lange Part 1 könnte durchaus in drei Teile gegliedert sein.
Part 2 beginnt mit einer flotten Nummer, die im Disco-Pop-Modus gut funktioniert und an einen Hit aus den Alben „Oxygéne“ und „Équinoxe“ erinnert. Heute klingt es, wie die anderen bekannten Hits, etwas kitschig und aus der Zeit gefallen.
Der Anfang von Part 3 erinnert an eine Zugfahrt, taucht dann aber in eine Ambient- und Electronica-Atmosphäre ein, die ich mag, und die einen asiatischen Touch besitzt. Früher wurde diese musikalische Richtung oft als New Age bezeichnet.
Part 4 bietet wieder eingängigen Synth-Pop und ist diesmal besser gelungen. Die Vocoderstimme erinnert sogar ein wenig an Mike Oldfields Werk auf dem Album „QE-2“ (das ich leider ebenfalls nicht mehr so schätze wie früher). Das Album endet humorvoll mit Calypso-Klängen, was allerdings auch ein echter Downer ist. Die zweite Seite überzeugt mich insgesamt mehr als die vorhergehenden beiden Alben, da sie ab Minute elf der CD gut durchlaufen kann.
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Jellyfish – Best (2006)
Best-of-Album mit Demo- und Liveaufnahmen. Zwei Alben lang gab es Jellyfish. Auf „Joining a Fan Club“ hört man die Vorliebe für britischen Power-Pop-Rock, der hymnisch klingt wie ein Song von „Queen“. Eine starke Nummer. Ein 70er-Rock-Feeling versprühen auch weitere Songs. Egal, ob sie wie L.A.-Rock oder die Beatles klingen, sie machen es gekonnt und klingen niemals nach billigem Neuaufguss. Wer ein Best-of der 70er-Musik haben will, kann einfach dieses Album auflegen.
Da ihre Alben zu einer Zeit erschienen, als Alternative Rock, Grunge und Crossover-Musik „in“ waren, fiel Jellyfish mit ihrer Musik durchs Hörerraster. Schade eigentlich. Sie klingen oft genauso gut oder sogar besser als ihre Vorbilder.
Ich muss aber auch zugeben, dass ich sie damals ebenfalls „verpasst“ hatte – sie fielen auch durch mein vom Grunge geprägtes Hörerraster.
Gut, dass es viele Gelegenheiten zum Nachholen und Neuentdecken gibt. Ach, und covern können Jellyfish auch perfekt, wie der Livetrack „Let ’Em in/That is Why“ zeigt. (38)

Jim – Love Makes Magic (2023)
Ich weiß nicht, ob „Jim“ ein wirklich guter Künstlername ist, da „Jim“ als Suchbegriff zu zahlreichen Ergebnissen führt, aber kaum direkt zum Musiker selbst. Wenn man den Namen jedoch zusammen mit dem Titel dieser ersten CD eingibt, findet man schnell seine Bandcamp-Seite und erfährt, dass Jim der Künstlername von DJ James Baron ist, der schon seit 2000 aktiv ist. Gut, so viel zu Jim.
Nun zu seiner Musik: „Across the Street“ klingt, als wären Crosby, Stills and Nash wieder aktiv geworden – daran dachte ich schon beim ersten Hören des Songs, und auch auf seiner Bandcamp-Seite wird dies als Selbstbeschreibung erwähnt. Ein schöner und guter Song – der Folk-Rock lebt! Der Sound von Los Angeles und Kalifornien aus den späten 60er und 70er Jahren durchdringt auch „A Life Between“. Jim versteht es, diesen Sound in die heutige Zeit zu transportieren, ohne im Retrosumpf zu versinken. Sehr zart und wundervoll ist „Where the Leaves are Falling“. Das könnte von der Band America stammen. Damit keine Langeweile aufkommt, setzt mit „Oxygen“ plötzlich ein Disco-Beat Akzente – Funk-Rock. „Still River Flow“ hat einen schönen Pop-Drive mit toller Tastenspielerei. Ruhig und atmosphärisch beginnt „The Ballad of San Marino“. Plötzlich folgt ein Break im Song, und daraus wird Jazz-Rock. Spätestens bei diesem Stück wird klar, wie geschickt James Baron elektronisch erzeugte Details einsetzt, um den Sound seiner Songs zu veredeln. „Phönix“ fügt dem Songkosmos eine düstere Atmosphäre hinzu – was nicht überrascht, da das Original von The Cult stammt. Die Saiten des Disco-Bass werden noch einmal zu Beginn von „Sea of Unbelonging“ angeschlagen und treiben den Groove bis zum Ende. „The We Do It Again“ könnte tatsächlich von Paul McCartney sein, ist es aber nicht. Der Titelsong „Love Makes Magic“ schließt das Album ab.
Ein absolut gelungenes Album, das den amerikanischen Folk-Rock zu neuer alter Stärke führt. Ein toller Einstand von „Jim“. (121)

Jimmy eat World – Invented (2010)
Die sanften Gottväter des Emocores werden von Platte zu Platte immer zugänglicher. Das macht ihr Frühwerk zwar zu etwas Besonderem, ihre aktuelle Musik wird dadurch aber keineswegs schlechter, sondern öffnet sich vielmehr einer größeren Zielgruppe.
„Heart is Hard to Find“ ist eine sanfte Pop-Rock-Ballade und zugleich ein guter Song.
Poppiger Rock zeigt sich bei „My Best Theory“. Auch bei einem Konzert vor sehr kurzer Zeit wurde deutlich, dass sie als sanfte Green-Day-Variante hervorragend funktionieren und die Menge zum Mitsingen und Tanzen animieren können. Dazu ist es ihnen gelungen, mit ihrer Musik neue Hörer zu gewinnen. Ihr Publikum ist im Vergleich zu anderen Bands, die in den 90er-Jahren gegründet wurden, relativ jung. Bei anderen Konzerten, die ich besuche, fühle ich mich mit Mitte fünfzig dagegen noch sehr jung.
Der sanfte Punkrock ist ihre wahre Stärke: schöne Musik mit frischem Drive, die einfach großartig funktioniert, zum Beispiel auch bei „Evidence“.
„Higher Devotion“ und „Movielike“ stehen für guten Pop-Rock. Auf so viele Songs mit Singlequalität muss man es erst einmal bringen. Zugegeben, das ist wahrscheinlich alles recht nah am Mainstream und hat mit Alternativ-, Hard- oder Emocore herzlich wenig zu tun. Diese Entwicklung zeichnete sich allerdings schon auf den vorherigen Alben ab. Sie setzen lieber auf Stadionhymnen, die gut sind, als für immer ein Genreliebling zu bleiben. Und mal ehrlich: Wäre der Mainstream bei Bands wie Snow Patrol oder Coldplay aus aktuellen Gründen so rockig und gut, würde ich heute auch nicht so viel über sie lästern. Es gibt eben nicht den guten oder bösen Mainstream oder Pop, aber durchaus guten oder schlechten Mainstream beziehungsweise Pop.
Ich mag jedenfalls, was ich hier höre. Die Musik nimmt mit und unterhält mit sehr guten Songs. Eine „Clarity“ ist das nicht mehr, aber an einem solchen Meisterwerk arbeitet man ein Musikerleben lang. Da die Band immer wieder mit ihren Alben auf Tour geht, wissen sie das auch.
Wenn die Gitarren bei „Coffee and Cigarettes“ mal härter klingen, ist das gleich viel besser als bei manch populärem Punkrocker, weil der Song bei Jimmy Eat World im Mittelpunkt steht und nicht so sehr das Punkrock-Gehabe.
Sanfter Poprocker ist „Stop“. Vielleicht hätte mein altes Ich das Album in den späten 90er-Jahren als „zu mainstreamig“ bezeichnet, aber mal ehrlich: Ein Stück wie „The Middle“ gilt heute ebenfalls als sehr mainstreamig – was soll's? Es funktioniert, und darauf kommt es an. Da das Album mit vierzehn Stücken etwas überladen wirkt, lege ich hier eine Pause beim Hören ein. Den ebenfalls sanfteren und fast schon singer/songwriterhaften Song „Littlething“ nehme ich aber noch mit, weil er mich fast in Feiertagsstimmung versetzt, so erhaben klingt er. Früher konnten Snow Patrol auch noch solche Songs machen; früher, nicht heute.
So, da war nun eine längere Pause, aber ich habe das Album nicht vergessen. Jetzt wird weitergehört.
Auch „Cut“ beginnt eher ruhig und ist eine schöne Nummer. Man kann durchaus Härte mit Emotion und Gefühl verbinden – dafür steht diese Band. „Action Needs an Audience“ klingt wieder schön im poppigen Punkrock-Modus, bei dem das Publikum freudig mitsingt und tanzt. Danach folgt eine Rockballade mit Akustikgitarre, das titelgebende „Invented“. Dieses wird am Ende noch einmal richtig laut und hymnisch.
Sie verführen den Hörer bei jedem Song dieses Albums, besonders aber mit „Mixtape“, einem sehr schönen Stück.
Flotter und gerockter klingt „Anais“. Der letzte Song im singer/songwriterhaften Modus heißt „You and I“.
Ein sehr schönes, eingängiges und mitreißendes Album – so mag ich Punkrock.
Auf der Deluxe-Ausgabe des Albums finden sich noch „Coffee and Cigarettes“ in einer Akustikversion, die Punkrock-Nummer „Precision Auto“, „Anais“ als Demofassung sowie „Mixtape“ in der Akustikversion. (439)

Joan as a Policewoman – Damned Devotion (2018)
Es ist ein wundervoller Crossover aus Rock, Pop, Soul, Funk und Jazz, den Joan Wasser als Joan as a Policewoman auf dieser Platte entfaltet. Ein wenig möchte ich diese Musik als eine Mischung aus Feist trifft Prince bezeichnen – auch wenn das der Musik nicht ganz gerecht wird, passt es doch irgendwie. Weniger als Feist ist sie sicherlich einem Singer-Songwriter-Indie-Sound zuzuordnen, zudem ist sie weniger verspielt. Mit Prince teilt sie auf jeden Fall die Fähigkeit, Rock und Pop mit Soul auf einzigartige Weise zu verbinden. Genau so funktionieren die Songs dieser Platte, und sie funktionieren richtig gut. Zuerst das ruhige „Wonderful“, dann die Single „Warning Bell“, gefolgt von dem eher an Feist erinnernden „Tell me“ – diesen Song mag ich sehr gern.
Im Disco-Funk-Style-Rock folgt „Steed (for Jean Genet)“. Was die doch unterschiedlichsten Songs dieser Platte zum Glück zusammenhält, ist die Art der Produktion und die Instrumentierung – alles klingt wie aus einem Guss. Das Titelstück „Damned Devotion“ ist etwas sanfter, aber gleichzeitig sehr verführerisch, soulig und einnehmend.
Ein weiteres Lieblingsstück ist das Jazz-Rock-Stück „The Silence“. Es ist so gut gespielt, konstruiert und spannend mitreißend, dass ich es sehr schätze. So intelligent, schlau und einzigartig kann sich Rockmusik anfühlen und gleichzeitig richtig mitreißend sein. Viele Künstler verheben sich daran, dann wird es oft Kunst, aber selten zu einem guten Song – bei Joan Wasser klappt das perfekt.
Selbst die ruhige Ballade „Valid Jagger“ klingt bei Joan as a Policewoman nach viel mehr. Das liegt an der Rhythmusinstrumentierung und daran, dass auch dieses Stück einfach toll gespielt und produziert ist. Das ist wirklich überdurchschnittlich gut.
Warum ich sie dann doch immer mit Feist zusammenbringe, höre ich bei „Rely on“ heraus. Obwohl es bei Joan Wasser nicht ganz so leicht wirkt, ist es doch die Liebe aus Pop und Rock, etwas Neues zu schaffen und dem Ganzen den eigenen Stempel aufzudrücken.
Ein ganz starker Song, den ich immer und immer wieder hören kann, ist auch „What was it like“ – so großartig. Warum hört man ständig den Standard-Pop à la Taylor Swift im Radio und nicht mehr Songs mit dieser Klasse? Wer bildet eigentlich Musikredakteure aus? Warum teilt die Welt nicht meinen Geschmack? Ach egal, dann höre ich eben diese tolle Musik immer und immer wieder allein. Meisterinnenwerk!
Es ist auch die Meisterschaft dieses Albums, dass Joan Wasser es schafft, sich einen ganz eigenen Sound anzueignen. Es gibt so viele Songs auf dem Album, die dafür sorgen, dass du sie jederzeit klar als ein Joan as a Policewoman-Stück erkennst. Auf den Songs der Platte liegt einfach eine ganz eigene Qualität und ein eigener Klang, der gerade bei „Talk about it later“ besonders prägend ist. Die Platte hat über die gesamte Länge ein ganz eigenes Klanggewand, und das macht die Musik darauf so faszinierend. Selbst der Neo-Soul bei „Silly me“ erhält eine ganz eigene Note. Sanfte Power, so wie bei „I don’t Mind“, steht vielleicht am besten für dieses großartige Album. Ganz, ganz großartig. (467)

Joan as Policewoman - Joanthology (2019)
Joan Wasser hat mit dieser CD einen Querschnitt ihres Schaffens als Solokünstlerin der letzten 15 Jahre präsentiert. Zwei CDs enthalten Studioaufnahmen mit insgesamt 31 Stücken, auf der dritten CD ist ein „Live at the BBC“-Mitschnitt mit 12 Titeln zu hören. So erhält man einen sehr guten Eindruck von der Musik von Joan as Policewoman. Die ausgebildete Sängerin und Violinistin spielt außerdem Gitarre, Klavier und Orgel.
„Gurl“ beginnt mit Gesang am E-Piano und entwickelt sich später zu einer Rockband-Besetzung. Das Stück ist eine schöne Einführung und klingt nach 70er Soul und Rock – eine treffende Beschreibung für die Musik von Joan as Policewoman, denn diese beiden Stile sind zentrale Bestandteile ihres Schaffens. Der dritte wesentliche Aspekt wird beim zweiten Titel „The Ride“ deutlich: ihr großes Talent für Singer-Songwriter-Nummern. „Real Life“ zeigt sie als Sängerin am Klavier. Joan Wasser ist mir seit einigen Jahren zusammen mit Leslie Feist eine der liebsten englischsprachigen Musikerinnen. Bisher habe ich die Songs der beiden meist als Teil von Playlists gehört. Deshalb ist das Hören der frühen Stücke von Joan as Policewoman für mich auch von vielen Neuentdeckungen geprägt. Die alten Songs wirken oft herzlicher und weicher als der Indie-Soul-Rock, den ich von den Alben „Damned Devotion“ und „The Classic“ kenne und liebe. Von beiden Alben finden sich Stücke auf der zweiten CD.
Vieles klingt zeitlos, obwohl es in den späten 60er- und 70er-Jahren verwurzelt ist. Bei „I Defy“ ergänzt die Transmusikerin Anohni von Antony and the Johnsons die Musik, was ausgezeichnet passt. „We don’t own“ ist eine großartige Nummer mit ruhigen Beats und einer schönen Melodie. „Christobel“ ist eine schöne Indie-Rock-Nummer und das letzte Stück des Debütalbums „Real Life“.
Die Songs aus dem zweiten Album „To Survive“ beginnen mit „Honor Wishes“. Das Klavier erinnert sehr an einen Song von Japan, was gut passt, denn David Sylvian ist daran beteiligt. „Hard White Wall“ ist eine soulige Rock-Pop-Nummer, wie man sie von Joan as Policewoman kennt. Eine schöne Soulballade ist „Start of my Heart“. „To America“ ist ein Singer-Songwriter-Song am Klavier, den sie zusammen mit Rufus Wainwright spielt und der sehr nach ihm klingt. „To be lonely“ bringt nochmals ruhige Klänge.
Weiter geht es auf der ersten CD mit „The Magic“ vom Album „The Deep Field“, von dem auch die übrigen Lieder der CD stammen. „The Magic“ steht für einen typischen Joan as Policewoman-Song: Soul-Rock, zeitlos, mit viel Groove und Seele. Bei „Human Condition“ klingt die Musik fast poppig, doch ihr Gesang bringt den Soul zurück. „Run for Love“ ist etwas kraftvoller und ungestümer, der ruhigere Abschluss ist „Forever and a Year“.
Die zweite CD beginnt mit einem weiteren Stück aus „The Deep Field“: „Flash“, ein ruhiger Rocksong. Mit „Whatever You Like“ (ursprünglich von T.I.) ist auch ein Titelsong aus ihrem ersten Cover-Album dabei. Im Original eine Rap-Nummer, funktioniert das Stück hier gut als Pop-Rock.
Von „The Classic“ startet die Songauswahl schwungvoll mit „Holy City“. „Get Direct“ ist eines meiner Lieblingsstücke von ihr, eine wunderbar soulige Nummer, bei der zwar nicht viel passiert, die aber dennoch sehr gut funktioniert. Auch bei „Get Together“ bleibt die Musik im Indie-Soul-Bereich. Von „The Classic“ wurden nur drei Songs ausgewählt. Danach folgen zwei unveröffentlichte oder seltene Stücke: „Your Song“ – ein ruhiges Klavierstück – und die Talk Talk-Nummer „Myrrhman“.
Vom 2016 erschienenen Album „Let it Be You“, das sie gemeinsam mit Benjamin Lazar-Davis aufgenommen hat, ist nur ein Stück auf der CD vertreten: „Broke Me in Two“ – eine sehr schöne Indie-Pop-Nummer. Dieses Album möchte ich auf jeden Fall noch ausführlicher hören.
Anschließend folgen fünf Stücke vom Album „Damned Devotion“. Bei „Valid Jagger“ wird mir deutlich, warum ich Joan Wasser so gerne mit Leslie Feist vergleiche: Der Song klingt sowohl nach Feist als auch nach Joan as Policewoman und ist wunderschön. „Steed (For Jean Genet)“ ist eine Soulnummer. Eine der besten Soulnummern ist „Tell Me“, die ihre ganz eigene Art, Soul zu präsentieren, zeigt und die sie mit diesem Album perfektioniert hat. Mit „Silly Me“ setzt sich dieser Stil fort. „Warning Bell“ ist ein weiterer großartiger Song, der ihr Talent als Songautorin unter Beweis stellt. Den Abschluss der zweiten CD bildet „Kiss“, was ich passend finde, da die Musik von Joan as Policewoman immer auch etwas vom Altmeister Prince in sich trägt.
CD 3 enthält den „Live at the BBC“-Mitschnitt. „To Be Loved“ beginnt mit Gesang an der Orgel. Ein Soloauftritt bleibt auch „Human Condition“. Dadurch entsteht eine sehr intime Stimmung, und die Songs kommen auf das Wesentliche reduziert zur Geltung. Bei den rockigeren Stücken ergänzen Schlagzeug, Gitarre und zusätzlicher Gesang das Klangbild. Die hinzugewonnene Energie kommt zur richtigen Zeit, sodass die Musik deutlich mitnimmt, obwohl sie weiterhin reduziert bleibt und leicht an The White Stripes erinnert. Auch bei „Sacred Trickster“ (Sonic Youth) bleibt der reduzierte Sound mit erhaltenem Schwung erhalten, hier musiziert sie schön mit Benjamin Lazar Davis zusammen. „Holy City“ kommt der Studioaufnahme sehr nahe. „The Classic“ wird in einer A-cappella-Variante gespielt. Besonders schön sind „Magic Lamp“ und „Let It Be You“ – wie bereits erwähnt stammen sie vom Album mit Benjamin Lazar Davis. Mit „The Silence“ befindet sich ein weiteres meiner Lieblingsstücke von Joan as Policewoman auf der CD, das einmal mehr für ihren einzigartigen Soulrock steht, der auch „Damned Devotion“ prägt. Den Abschluss macht „Steed (For Jean Genet)“.
Ich muss allerdings zugeben, dass mich die Live-CD nicht ganz so überzeugt hat. Vielleicht liegt das daran, dass bei der Aufnahme wohl keine Zuhörer anwesend waren und es auf der Bühne an Stimmung fehlte. Irgendetwas fehlte auf jeden Fall bei CD 3. Trotzdem bekommt man für wenig Geld mit diesem Set eine große Menge Musik von Joan as Policewoman – und das bedeutet vor allem eines: eine Menge guter Musik. (207)

Joan as Police Woman, Tony Allen, Dave Okumu – The Solution is Restless (2021)
Joan Wasser verleiht der Platte, ohne zu viel vorwegzunehmen, mit ihrem Gesang den typischen „Joan as a Police Woman“-Sound, der sich durch Indie-Pop-Rock mit viel Soul auszeichnet. Für dieses Album hat sie sich mit Afrobeat-Legende Tony Allen (bekannt durch Fela Kuti) und Dave Okumu, Frontmann von „The Invisible“, zusammengeschlossen. Gemeinsam entstand ein Album, das dank treibender Drums, rhythmischem Bassspiel und ihrem Gesang zu einer Mischung aus Jazz, Soul und Rock wird. Der Sound und die Atmosphäre halten die Platte von Anfang bis Ende zusammen, sodass es nicht nötig ist, jeden einzelnen Song separat zu betrachten.
Wer „Joan as a Police Woman“ kennt, wird keine Schwierigkeiten haben, da dieses Album gut zu ihrem bisherigen Schaffen passt. Ich würde den Stil als Soul-Rock bezeichnen. Tony Allen, der leider vor der Veröffentlichung der Platte verstarb, wurde Joan Wasser durch Damon Albarn nahegebracht. Da Albarn bei einem Song mit Gesang aushilft, spricht der Sound der Platte auch Fans von Damon Albarn an.
Außerdem erinnert „The Solution is Restless“ an den Trip-Hop-Sound von Portishead. (50)

Jon & Vangelis – The Friends of Mister Cairo (1981/CD Remaster von 2017)
Ich bin Fan von Jon Anderson als Sänger von Yes und von Vangelis als Komponist der Filmmusiken zu „Chariots of Fire“ und „Blade Runner“. Schon seit Ewigkeiten besitze ich die Single „I Find My Way Home“ der beiden Musiker. Nun war es an der Zeit, mir auch das dazugehörige Album anzuhören, obwohl die Single auf dem ursprünglichen Album noch gar nicht enthalten war. Erst ein Jahr später wurde sie hinzugefügt, um die bis dahin wenig erfolgreiche Platte zu pushen. Es handelt sich um das zweite gemeinsame Album der beiden Künstler.
Wenn man in den 80er Jahren freundliche Rockmusik mochte – damit meine ich Songs ohne jede Aggressivität, fast etwas kindlich-süß, aber dennoch sehr sympathisch – war ein Song wie „I Find My Way Home“ genau das Richtige. Wer diese Musik schätzte, hörte auch „Live Is for Living“ von Barclay James Harvest. Die Musik wirkt anti-aggressiv und verspricht irgendwie eine schöne Welt, wenn auch nur in Form eines schönen Songs. Außerdem klingt der Song deutlich nach der frühen 80er-Jahre-Musik, was insbesondere die Keyboards und synthetischen Klänge betrifft. Doch wie das mit beliebten Singles so ist: Man wird sie einfach nicht los.
Mit „State of Independence“ wechselt der Sound von kindlich-naivem Stil zu Pop, denn der Song ist ein echter Synth-Pop-Titel. Da Jon Anderson jedoch nicht anders kann, als „nett“ und „positiv“ zu klingen, bleibt der Grundton freundlich. Der Song hat etwas, vor allem die Instrumentalpassage ist wirklich gelungen. Hier zeigt sich deutlich das Talent von Vangelis. Mit diesem Stück hat mich das Album bereits positiv überrascht. „Beside“ ist dagegen wieder eher eine Jon Anderson-Nummer: ein sensibler, ruhiger, schön folky klingender Song. Ebenfalls sehr ruhig und atmosphärisch ist „Mayflower“. Das über zwölfminütige Titelstück „The Friends of Mr. Cairo“ ist eine eher düstere Elektro-Nummer, bei der Jon Andersons Stimme durch einen Vocoder verändert wird. Bei diesem Song wird mit Samples gearbeitet, was zeigt, dass Vangelis immer auf dem neuesten Stand der technischen Möglichkeiten war. Trotzdem kann ich mit diesem Stück wenig anfangen. Boogie Woogie können die beiden auch: „Back to School“ ist ein Beispiel dafür, allerdings überzeugt mich auch dieser Song nicht. Mit „Outside of This (Inside of That)“ gibt es schließlich einen ruhigen und soliden Abschluss. Allerdings kann auch dieser Titel die Platte nicht mehr retten.
Am Ende dürfte das Album nur noch für echte Hardcore-Fans der beiden Musiker interessant sein. Dennoch ist „State of Independence“ eine schöne Entdeckung. Allerdings reicht ein einzelner Song natürlich nicht aus, um ein ganzes Album wirklich gut zu finden. (258)

Norah Jones – Feels like Home – Deluxe Edition (2004)
Das zweite Album von Norah Jones beginnt mit „Sunrise“, und wie sehr ich diesen Song doch mag. Es ist, als würde man an einem Sonntagmorgen den Tag begrüßen und spüren, dass alles gut ist. Wunderschön. Norah Jones ist eine Grenzgängerin, nicht nur bei diesem Song. Obwohl sie dem Jazz zugeordnet wird, ist „Sunrise“ einfach ein schöner Folk-/Americana-Song, der auch als Popstück wunderbar funktioniert. Da versteht man, warum sich das Album so gut verkauft hat – dieser Song allein ist schon ein wirklich guter Grund.
Als elegant lässig leichter Soul-Rock erhält „What am I to you?“ das gute Gefühl, das „Sunrise“ vermittelt hat. So macht Musikhören Spaß.
„Those Sweet Words“ lässt mich fast verzweifeln, weil ich gar nicht weiß, welches Lob ich noch hinzufügen könnte. Musik für mich. Musik, die mich auffängt, einfach genießen und schwelgen lässt. Das Unheimliche dabei ist, wie scheinbar einfach es gelingt. Ein Wohlfühlgefühl in Musik verpackt.
Dann wird es richtig Jazz, aber mit viel Soul und weiterhin total unaufgeregt aufregend: „Carnival Town“. Einfach elegant.
„In the Morning“ ist wieder mehr im Americana-/Roots-Modus, und durch den Stilwechsel, ohne die Instrumentierung zu verändern, hält das Album die Stimmung aufrecht, ohne dabei langweilig zu werden – ein weiterer Pluspunkt. Würde ich diese Musik live in der Klasse hören, wäre ich begeistert.
„Be Here to Love Me“ ist eine Downtempo-Ballade. Okay, sie hat vielleicht nicht die Klasse der vorherigen Songs, doch das hohe Niveau der vorangegangenen Stücke bei dreizehn Titeln konstant zu halten, ist auch schwierig.
Mit Country-Ikone Dolly Parton singt Norah Jones anschließend „Creepin´in“. Das ist zwar nur Country-Standard, hat aber seinen Charme.
Wieder im guten Modus der ersten Stücke: „Toes“. Sanfter Singer-/Songwriter-Folk folgt mit „Humble Me“.
„Above Ground“ erinnert an einen Chris-Whitley-Song und ist deshalb schon gut. Wer Chris Whitley nicht kennt, sollte das nachholen – ich könnte auch sagen, dieser Song ist ein guter Rocksong mit großem Bluesanteil. Mit „The Long Way Home“ gibt es noch einmal etwas im Country-/Roots-Stil.
Wieder mehr im Jazz angesiedelt ist „The Prettiest Thing“. Norah Jones hat einer Duke-Ellington-Nummer einen Text verpasst: „Don’t Miss You At All“.
Die Deluxe-CD enthält drei Bonusstücke. Ganz zurückgenommen und verträumt ist der Roots-Song „Sleepless Nights“. Sehr schön finde ich das Folk-Stück „Moon Song“. So mag ich die Musik von Norah Jones besonders – wegen solcher Songs, die entspannt und eigentlich recht simpel erscheinen, aber mit großer Könnerschaft gespielt und produziert sind. Der Kauf dieser Platte lohnt sich, weil die Musik einfach eine gute Zeit bereitet.
Ganz intim klingt „I Turned Your Picture to the Wall“. Und Schluss. Wäre da nicht noch die DVD mit vier Live-Stücken, zwei Musikvideos und einem Interview. (516)

Joy Division – Unknown Pleasures (1979/2007 Neuveröffentlichung mit Live-CD)
Joy Division habe ich in den letzten Jahren relativ häufig und intensiv gehört – ebenso wie die ersten drei Alben von New Order. In dieser Zeit passt diese Musik besonders gut zu mir – sie packt mich, nimmt mich mit und macht mir Freude. Dadurch habe ich auch den anderen Bands der Factory Records und dem Post-Punk allgemein mehr Interesse geschenkt. Die Geschichte der Band ist dabei natürlich eng mit der ihres Sängers verbunden. Ian Curtis war, so viel lässt sich aus Dokumentationen über die Band, dem Film „Control“ und zahlreichen schriftlichen Veröffentlichungen erkennen, kein einfacher Mensch. Doch viele zu früh verstorbene Frontmänner von Bands waren es nicht. Jim Morrison, Kurt Cobain, Chris Cornell, Chester Bennington – die Liste ließe sich fortsetzen. Was von ihnen jedoch bleibt, ist ihre Musik. Und die Musik von Joy Division beeinflusst bis heute den Rock und vor allem den Post-Punk.
Die Neuveröffentlichung des Albums von 2007 auf CD enthält ein Remaster der Originalaufnahme sowie eine zusätzliche CD mit einem Liveauftritt der Band in der Factory in Manchester vom 13. Juli 1979, also nur wenige Monate nach Erscheinen des ersten Albums. Dort spielen sie auch bereits viel anderes Material.
Ein Schlagzeug, eine etwas schräg und unharmonisch klingende Basslinie, dazu der zwar einfache, aber prägnante Einsatz der Gitarre – und der Gesang von Ian Curtis machen „Disorder“ zu einem großartigen Einstiegslied. Das ist echter Rock, allerdings mit einem kräftigen Schuss Punkanarchie. Danach wird es direkt düsterer und melancholischer mit den ersten Tönen von „Day of the Lords“. Die Musik erinnert mich nicht nur ein wenig an die Doors. Die Verbindung der beiden Frontmänner trägt dazu bei, doch ich höre in dem Stück auch eine Spur von „The End“. Würde Glenn Danzig es singen, wäre es sicherlich auch ein gutes Danzig-Stück. Die Stimmung bleibt auch bei „Candidate“ eher gedrückt, doch die Musik bleibt spannend. Dabei liegt das auch an der Produktion und den kleinen Soundeffekten, die zur besonderen Atmosphäre der Platte beitragen. Diese Mischung aus Verzweiflung und Hoffnung, verpackt in düstere, dennoch treibende Musik, bleibt immer etwas ganz Besonderes, etwa im Stück „Insight“. Martin Hannett, der Produzent, hat Soundideen eingebracht, die von den Bandmitgliedern zunächst mit viel Skepsis betrachtet wurden, doch sie machen das Album zu dem, was es ist. Sie verstärken die Musik und werten sie auf, sodass es mehr als ruhiger, atmosphärischer Punk wird. Auch ohne den besonderen Effekt funktioniert ein Lied wie „New Dawn Fades“ sehr gut.
Die Rhythmusgruppe der Band überzeugt einfach. Peter Hook ist für mich einer der liebsten Bassspieler, und was Schlagzeuger Stephen Morris in jungen Jahren leistet, ist mehr als beeindruckend. Bernard Sumner trägt mit seinem Gitarrenspiel ebenfalls zum Erfolg der Band bei. Die Jungs waren damals alle noch sehr jung, weshalb das Album eine überragende Leistung darstellt. Besonders wenn man bedenkt, welche Langzeitwirkung es bis heute entfaltet.
Mittlerweile zählt „Shadowplay“ zu meinen Lieblingsstücken. Ich finde, es ist eine echte Blaupause für den Post-Punk. „Wilderness“ hinterlässt bei mir gemischte Gefühle. Anfangs wirkt der Song etwas simpel, doch mit zunehmender Stimmung und durch Melodiewechsel überzeugt er. Der Song ist einfach runtergerockt, weshalb er vielleicht nicht so lange im Kopf bleibt wie andere Stücke des Albums, etwa „Interzone“. Am Ende wird es noch einmal richtig düster und melancholisch (genau das schätzen wir ja): „I Remember Nothing“. Der Gesang bei diesem Stück ist besonders ausdrucksstark, und die Atmosphäre, in die man versetzt wird, ist einfach großartig. Wer nun sagt, die Musik von Nick Drake sei ihm zu depressiv, gleichzeitig aber Joy Division liebt, den kann ich wirklich nicht verstehen. Wer depressive Musik nicht erträgt oder vielleicht sogar selbst in einer Depression steckt, sollte das Hören von Joy Division besser vermeiden. Allen anderen, die dieser Stimmung etwas abgewinnen können, bietet sich nach wie vor kaum etwas Besseres. Ein Meilenstein.
Bei der Live-Aufnahme sollte man bedenken, dass es sich um einen Mitschnitt handelt, der nicht für eine Veröffentlichung gedacht war, sondern nur als Bonus zur Neuveröffentlichung beigefügt wurde. Dafür ist die Qualität jedoch ausreichend. Das Konzert beginnt mit „Dead Souls“, das auf der B-Seite der „Atmosphere“-Single zu finden war, die erst nach dem Konzert erschien. „Dead Souls“ eignet sich als Einstieg und zieht einen in dieser Live-Fassung schnell mit. Der zweite Song „The Only Mistake“ wurde später auf der Compilation „Still“ veröffentlicht. Doch egal, ob es an der Aufnahme liegt oder am Spiel der Band – mir erscheint der Song einfach zu schroff und roh, er klingt schrammelig, ohne wirklich gut zu sein. Nun folgen Stücke vom Debütalbum. Bei „Insight“ und auch bei „Dead Souls“ am Anfang zeigt sich, dass die Aufnahmequalität leider nicht optimal ist. Man könnte dies als schön ungeschliffen und punkig bewerten, aber mir tut das teilweise in den Ohren weh. „Candidate“ ist live um eine Minute gekürzt. Es folgt „Wilderness“ – und sobald die Musik zu laut wird, nehmen auch die Rückkopplungen schnell zu. Trotzdem bringt der Song live durch seine Wildheit einiges. Besonders gefallen mir bei dem Konzert Sumners Gitarrenspiel und Morris’ Schlagzeug. Das gilt auch für „She Lost Control“, bei dem die Aufnahmequalität wieder verbessert ist. Zum Glück stimmen bei „Shadowplay“ Song und Aufnahmequalität überein. Dieser Livemitschnitt macht wirklich Spaß und zeigt erneut, welche Qualität diese Songs haben. „Disorder“ folgt, funktioniert für mich in dieser rohen Fassung jedoch nicht so gut. „Intermission“ wirkt ebenfalls schroff (Punks könnten das allerdings mögen). „Atrocity Exhibition“ wird später das erste Stück des zweiten Joy-Division-Albums. Hier bietet sich auch ein Blick auf Ian Curtis’ Gesang, der live mehr Aggressivität und Ausdruck zeigt. Er war ein echter Performer, der vielleicht all seine Kraft zu schnell verbrauchte. Das sehr punkrockig dargebotene „Novelty“ war die B-Seite der ersten Bandsingle „Transmission“. „Transmission“ schließt die Liveaufnahme mit einem weiteren Höhepunkt ab.
Die Studioaufnahme ist ohne Zweifel ein Meilenstein und ein großartiges Album. Die Liveaufnahme dient als Zugabe und rundet diese Veröffentlichung sinnvoll ab. Die Aufnahmen von Joy Division gehören in jede gute Sammlung. (250)

Judas Priest – Rocka Rolla (1974)
Angeblich ist dieses Album eher als Blues-Rock-Album einzuordnen und nicht als Heavy Metal. Dabei startet es mit „One for the Road“ direkt richtig kraftvoll. Es erinnert mich an den Rock von ZZ Top und macht viel Spaß, weil hinter der Musik eine enorme Power steckt. Toll! Es war also ein weiterer Fehler von mir, die klassischen Heavy Metal-Bands bisher zu ignorieren. Diese Erkenntnis kam mir eigentlich schon früher. Bei der Serie „SAS: Rogue Heroes“ verwendeten die Macher klassische Heavy Metal-Songs als Soundtrack, die richtig viel Freude bereiteten. Darunter waren Bands wie AC/DC, Black Sabbath, Saxon, aber auch Killing Joke, The Cure, The Damned, The Fall, The Stooges und eben Judas Priest. Also gut – wenn Judas Priest so gut funktionieren, hole ich irgendwann auch noch Black Sabbath und Saxon nach, versprochen. Vielleicht mag ich aber auch nur dieses eine Album, das noch kein „echter“ Heavy Metal sein soll. Im Garagen-Rock-Stil geht es mit „Rocka Rolla“ weiter.
Darauf folgen zwei kurze Stücke: „Winter“ und „Deep Freeze“, die vielleicht zusammen mit „Winter Retreat“ eine Art Trilogie bilden. Den Sound von Bass und Gitarre finde ich richtig „fett“. Wenn das nächste Album der Band so viel besser sein soll als dieses, bin ich wirklich gespannt darauf, was dann kommt und ob ich das dann auch noch toll finde. Denn was ich jetzt auf diesem Album höre, gefällt mir schon richtig gut. Im Verlauf von „Winter Retreat“ entwickeln sich Judas Priest fast zu einer Prog-Rock-Band. Den Garagen-Rock-Sound der Platte finde ich grandios, ähnlich auch in „Cheater“. Hardrock gibt es mit „Never Satisfied“. Ein langes, eher sanftes Stück, das hervorragend gespielt ist und tatsächlich ein Feeling ähnlich dem von Pink Floyd erzeugt: „Run of the Mill“. Dann gibt es doch noch so etwas wie Blues-Rock: „Dying to Meet You“. Wieder überzeugt mich der Bass- und Gitarrensound, der mich jedes Mal ganz schnell einfängt.
Der Song verwandelt sich schließlich in eine verspielte Heavy-Metal-Nummer: „Hero, Hero“. Fast am Ende folgt „Caviar and Meth“, eine atmosphärische Instrumentalnummer. Ganz zum Schluss gibt es „Diamond and Rust“. Judas Priest spielen hier einen sehr typischen Vertreter des, ich sage mal, massentauglichen Heavy Metal, allerdings handelt es sich dabei um ein Cover einer Joan-Baez-Nummer. So klingen die Heavy-Metal-Stücke, die mich vom Heavy Metal immer eher abgeschreckt haben, weil viele Songs so funktionieren. Wenn sie auf dem nächsten Album so weitermachen würden, wäre ich wohl nur ein Kurzzeitfan. Aber erst hören, dann meckern. Dieses Debütalbum finde ich jedoch großartig – nur den letzten Song brauche ich nicht (der war wohl eher ein Bonusstück und nicht auf dem Originalalbum enthalten). (465)

Damien Jurado – Reggae Film Star (2022)
Erlebnisse beim Filmdreh in Musik verpackt. Kleine, feine Klangbilder mit wunderschönen Melodien, feinem Gesang und guter Musik. Das Gehörte hat nichts mit Reggae zu tun. Ein Soundtrack für jeden Tag, ideal für Fans von Sufjan Stevens und Kings of Convenience, mit einem Hauch von David Sylvian. (11)