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Ocean Colour Scene – Moseley Shoals (1996)

Da wird direkt mit dem ersten Stück richtig gut losgerockt, und das so, als befänden wir uns in den 70ern. „Riverboat Song“ ist wirklich ein sehr guter Rocksong. Britpop gibt es ebenfalls, und auch der klingt so, als hätte er schon in den 70ern gespielt werden können. Paul Weller macht das ja auch nicht anders, nur bedient er sich mehr beim Soulrock. Aber egal aus welchem Jahrzehnt ein Stück stammt, „The Day We Caught the Train“ ist ein richtig guter Song. Konventioneller klassischer Pop-Rock klingt bei „The Circle“. Die Rockballade können sie ebenfalls: „Lining Your Pockets“. Der klassischen Rock bleibt die Band aber auch einfach verbunden. Ein schöner, sanfter Rocksong ist „Fleeting Mind“ und übertrumpft damit teilweise so manchen Song ihrer Vorbilder. Bei „40 Past Midnight“ machen sie es sich jedoch etwas zu einfach, denn der Titel klingt zu sehr nach „Let’s Spend the Night Together“. Könnte eine Nummer von den Stones sein: „One for the Road“. Paul Weller hat übrigens kräftig an dem Album mitgearbeitet. Balladen à la Paul McCartney sind für sie auch kein Problem, etwa „It’s My Shadow“. Mal nicht ganz auf der Retro-Rock-Schiene, aber voller Retro-Rock-Zitate, bewegt sich „Policemen & Pirates“ und sorgt so für noch mehr Abwechslung. Die Singer-Songwriter-Ballade „The Downstream“ zeigt, warum ich von dem Album sehr begeistert bin – hier wird dem Klassik-Rock-Genre gekonnt neues Leben eingehaucht. Auf die Platte und die Band hätte ich früher aufmerksam werden können – den Bandnamen kenne ich auch schon ewig, hatte damit aber eher tanzbaren Britpop verbunden. Falsch gedacht. Richtig flott und fast schon Indie-Rock klingt „You’ve Got It Bad“. Zum Abschluss gibt es noch das riesige Rockmonster „Get Away“. Tolles Album. (288)

Ocean Colour Scene – One from the Modern (1999)

Vom Album „Moseley Shales“ war ich sehr begeistert, deshalb habe ich mir noch eine weitere CD der Band aus Birmingham besorgt. Sie spielen gerne englischen Rock, der an ihren Förderer Paul Weller erinnert – was ja nicht negativ sein kann.

„Profit in Peace“ ist vielleicht ein Titel, der gerade heute mit seinem modern klingenden Classic Rock die Massen begeistern sollte. Peace and Rock! Und schon haben sie mich wieder – trotz vielleicht naiver, aber immer gültiger Songaussage. Natürlich trägt auch dieser Song wieder den für die Band so typischen Weller-Touch, was ich großartig finde, weil ich diesen Stil sehr schätze.

Ich mag die gradlinige Art dieses Britrocks ebenfalls sehr. „So Low“ klingt wie eine dynamische Ballade von Travis – ganz charmant.

Mit „I am the News“ wird dann ordentlich gerockt. Dass es nicht ganz wie von The Who klingt, liegt an der Produktion von Brendan Lynch, der den Song mit moderneren Effekten aufpeppt und den Sound sehr klar hält. Die Platte klingt insgesamt einfach sehr gut.

Die Balladen sind gelungen. Ich fand ja schon immer, dass es aus England weit mehr gibt als nur „Blur“, „Pulp“ und die Band namens „Oasis“. Songs im Paul Weller-Stil, die aber richtig gut gespielt sind und von Anfang bis Ende mitnehmen – so wie „No one at All“ – und dabei durchaus massentauglich sind, ohne sich aufzudrängen, begeistern mich einfach. Punkt.

So macht mir die Musik dieser Band insgesamt viel Spaß. Ehrlich gesagt spielt es für mich keine Rolle, ob die Texte nun „sinnvoll oder sinnlos“ sind – im Hintergrund steht bei englischsprachiger Musik für mich einfach die Musik im Vordergrund, und ich glaube, da geht es nicht nur mir so. Wer sich mit den Texten näher beschäftigen möchte, muss sich an anderer Stelle informieren.

Auch die Rockballade „Families“ gefällt mir sehr. Besonders begeistert mich die rockige Nummer „July“ – eine richtig tolle Sache. Ich glaube, das ist keine Musik für ernsthafte Kulturkritiker, sondern für alle, die einfach großen Spaß an „guter“ Musik haben.

Die nächste Rockballade lautet „Jane she got excavated“. Die Balladen dominieren zwar auf dem Album, sind aber alle sehr gut gelungen. „Emily Chambers“ ist ebenfalls gelungen, und „Soul Driver“ ist sogar Paul Weller gewidmet. Mit diesem Song bedankt sich die Band bei ihrem Mentor, und der Hörer kann sich über einen weiteren Knaller freuen.

„The Waves“ ist eine Ballade, die in anspruchsvoller Soundumgebung präsentiert und auf eine Länge von sechs Minuten ausgedehnt wird. Das Album schließt mit einer weiteren Ballade „I won´t get grazed“ ab.

Ehrlich gesagt klingt das alles zwar sehr gradlinig und stark nach Paul Weller, und zu viele Balladen sind es auch. Dennoch hat mir das Durchhören großen Spaß gemacht. Also macht ruhig weiter so, und bitte viele Nachahmer. Und wenn das „altmodisch“ klingen soll, dann bin ich gerne mal altmodisch. (585)

George Ogilvie – White Out (2020)

Moderne Singer-Songwriter-Musik, die zugleich leicht im Rock verwurzelt und schön zeitlos klingt, aber weniger nach Folk. So könnte man das Einstiegsstück „A delicate Kind“ und auch die Musik von George Ogilvie beschreiben. Der Song hat genug Ecken und Kanten, um nachhaltig beim Hörer zu wirken, und das ist ein großer Vorteil, denn solche Musik, wie sie George Ogilvie macht, gibt es nicht gerade selten. Deshalb ist es gut, wenn man mit dem ersten Stück gleich einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Das Interesse ist geweckt – da kann man mit dem zweiten Stück „Grave“ etwas sanfter weitermachen. Auch hier finde ich, dass die vom Produzenten Peter Gabriel im Studio entstandene Musik eher klassisch rockig klingt und nicht nach dem glattgebügelten Singer-Songwriter-Folk, der durch Bon Iver und Nachahmer gerade so angesagt ist. Hier erinnert sie eher an das erste Album von Ben Howard, doch Ogilvie – vielleicht weil er seiner Heimat Canterbury verpflichtet ist – klingt noch etwas mehr nach dem Sound der 70er Jahre.

Auch diese Entdeckung gefällt mir jetzt schon sehr, ähnlich wie zuvor Nap Eyes. Ich schätze solche Kritiken in Musikzeitschriften, denn ich höre mir diese Texte oft per Streamingdienst an. Das dauert zwar schon mal ein Jahr, bis ich alle Kritiken einer Ausgabe durchgehört habe, aber es lohnt sich, denn selbst hören bringt viel mehr als kurze Rezensionen, die meist nicht einmal erklären, wie die Musik überhaupt klingt. Das noch ruhigere Stück „IIWWII“ ist einfach wunderbar. Auch diese Musik muss ich meiner Playlist hinzufügen, und damit habe ich das Album so gut wie gekauft.

„Mood Painting“ ist ebenfalls sehr ruhig gehalten, doch mit „In Only a Day“ bekommt die Musik von George Ogilvie wieder etwas mehr Tempo. Wenn es rockt und dabei trotzdem emotional und atmosphärisch bleibt, macht das wirklich viel Spaß beim Hören. Die Musik von George Ogilvie erinnert nicht nur ein wenig an Jeff Buckley, wofür „Mid-Air“ ein sehr gutes Beispiel ist.

Da Ogilvie seine Songs nicht kurz fasst und der Albumtext statt auf einer Seite auf vier Seiten verteilt ist, verlieren die Songs gegen Ende etwas an Energie. Das trifft besonders auf das ruhige Stück „White Out“ zu, das zwar absolut schön gespielt ist, aber eben auch schon Bekanntes wieder aufgreift. Das etwas temporeichere „Die Down“ ist da deutlich besser. Bei den ruhigen Singer-Songwriter-Stücken, die er tatsächlich sehr gut beherrscht, stellt sich zwar etwas Langeweile ein, doch würde ich das Stück „Tremosine“ als Einzelstück hören, würde ich es lieben. Meine Begeisterung für Ogilvies Können zu Beginn des Albums war einfach zu groß, um bis zum Ende durchzuhalten. Auch die Recherche zum physischen Musikträger war etwas ernüchternd, denn der Künstler vertreibt seine Kunst wohl ausschließlich im Eigenvertrieb, weswegen ich die Platte direkt aus England bestellen muss. Dennoch hat der Künstler überraschend viele monatliche Hörer bei dem bekannten Streamingdienst erreicht.

Anspruchsvoller Singer-Songwriter-Song ist „Perfect Timing“ – genau richtig für Fans von Jeff Buckley und Rufus Wainwright. „Exiting“ ist ebenfalls ruhig gehalten, aber leider gibt es auf diesem Album davon etwas zu viel. Der Song gewinnt jedoch an Fahrt und entwickelt sich fast zu einer Ballade mit etwas Radiohead-Charme. Melancholisch und sanft endet das Album mit „A Certain Way“.

Eine schöne Platte und eine sehr gute Neuentdeckung. Zum Durchhören gibt es schon viele Songs, die für sich genommen glänzen, zusammen aber etwas langweilen können. Jeder einzelne Song wird sich in einer Playlist jedoch sehr gut machen. (519)

Mike Oldfield – Opus One (Demo von 1971 – wiederveröffentlicht 2023/Vinyl)

Das Demotape, das bei Virgin Records landete und später zu „Tubular Bells“ wurde, wurde in seiner kleinen Wohnung sowie im Schlafzimmer im Haus seiner Eltern aufgenommen. Es erschien erstmals 2009 in der Box zum 35. Geburtstag von „Tubular Bells“ und wurde zum Record Store Day 2023 passend zum 50. Jubiläum nochmals auf Vinyl veröffentlicht.  

Mit nur vier Instrumenten sowie unter Einsatz eines Schraubenziehers und einiger „Karten“ eingespielt, lässt sich bereits viel von dem erkennen, was später „Tubular Bells“ werden sollte. Das macht das Zuhören besonders spannend, denn schon in dieser einfachen Form zeigt sich die Qualität der Musik – für einen damals vermutlich 18-jährigen jungen Musiker sehr beachtlich. (101)

Mike Oldfield – Five Miles Out (1982)

Ich war lange Zeit in meiner Jugend ein großer Fan von Mike Oldfield. Schon früh, mit etwa neun oder zehn Jahren, bekam ich die „Tubular Bells“ gebraucht von einem meiner älteren Brüder geschenkt. So kamen auch andere Alben wie „Magic Fly“ von Space, „Illegal“ von Grobschnitt, „Welcome Back my Friends to the Show that never Ends“ von Emerson, Lake and Palmer sowie „Drama“ von Yes in meinen Besitz – als erste Musikvinyls. Hörspiele von Europa und Co. auf Vinyl hatten wir auch recht viele. Sicherlich haben all diese Alben noch heute Einfluss auf meinen Musikgeschmack.

Doch die „Tubular Bells“ war zweifellos mein Lieblingsalbum. Daher kaufte ich mir anschließend auch „QE 2“ und „Platinum“. Als schließlich „Five Miles Out“ erschien, erwarb ich auch dieses Album und schaffte es sogar, zur „Five Miles Out“-Tour in die Grugahalle zu gehen – mein erstes Konzert.

Dieses Album hat also eine große Bedeutung für mich. Trotzdem habe ich das Wiederhören nach vielen Jahren sogar etwas hinausgezögert, weil ich das Vorgängeralbum „QE 2“ beim letzten Hören recht schwach fand. Ich mag es, wenn Oldfield monumentalen instrumentalen Folk-Rock macht oder – wie auf „Platinum“ – mal richtig rockt. Aber die Musik auf „QE 2“, ein Album, das ich früher sehr geliebt hatte, empfand ich als harmlos. Der zunehmende Einfluss von Synthesizern und Pop-Elementen gefiel mir einfach nicht. Daher mein Zögern.

Jetzt höre ich nach langer Zeit mal wieder „Taurus 2“. Und „Taurus 2“ beginnt überraschend rockig, mit dominanten Gitarren. Auch die folgenden Abschnitte, meist in hohem Tempo gespielt, machen Spaß. Die Instrumentierung wechselt oft, dabei klingt alles wie aus einem Guss. So mag ich Mike Oldfield. Da ich zuletzt noch „Amarok“ gehört hatte, wundert es mich gerade, wie ähnlich die Musik dieser beiden Stücke ist. Ich frage mich, warum Mike Oldfield meines Wissens nach nach „Amarok“ kaum noch gleichwertige Musik gemacht hat. Die Mischung aus Rock und Folk, mal mit Band, mal fast orchestraler Begleitung, ist genau der Grund, warum ich diese Musik so schätze. Außerdem sind Stücke wie „Taurus 2“ nicht wirklich einzelne Musiktitel, sondern vielmehr eine Sammlung musikalischer Ideen und Melodien – ein Musikpuzzle, das abwechslungsreich den Hörer über die Lauflänge von fünfundzwanzig Minuten unterhält. In der zweiten Hälfte wird es zwar stellenweise etwas kitschig, fast im Stil von „QE 2“. Doch das schmälert den Gesamteindruck nur teilweise.

Eindeutig ist „Taurus 2“ also ein Stück, das mich auch heute noch in weiten Teilen begeistert.

Die zweite Plattenseite besteht aus vier einzelnen Liedern, darunter mit „Family Man“ und „Five Miles Out“ auch zwei Songs mit eindeutigem Popsong-Charakter. Dieses Schema – ein langes Instrumentalstück und einige Songs, die man als Singles vermarkten kann – wird Mike Oldfield auf den Folgealben vorerst beibehalten.

„Family Man“, gesungen von Maggie Reilly, hat ein gutes Rock-Feeling und funktioniert deshalb überraschend gut. Das amerikanische Duo Hall & Oates machten daraus einen respektablen Charterfolg.

Darauf folgt das sanfter angelegte Instrumentalstück „Orabidoo“. Es wirkt mit Vocoder-Gesang und ausgedehntem Percussionspiel leider eher kitschig. Nur das später einsetzende Gitarrenspiel kann ich noch etwas genießen. Viel zu spät wird das Stück kurz noch etwas rockig und verbindet dort klassische Elemente mit Rock – doch leider rettet das die Nummer nicht mehr. Am Ende des Stücks, als ich es schon für beendet hielt, folgt noch eine sehr sanfte Folk-Ballade, die ein wenig an die frühe Kate Bush erinnert. „Mount Teide“ ist zwar ebenfalls etwas kitschig geraten, funktioniert für mich aber noch.

Das Titelstück und der Singlehit „Five Miles Out“ hat noch Folk-Rock-Charme. Ganz ernst nehmen kann ich den Song heute jedoch nicht mehr. Eher ein Stück, das man in Bierlaune noch feiern kann, das aber die Zeit nicht ganz unbeschadet überstanden hat. Der kurze Einsatz von Heavy-Metal-Gesang ist dabei sehr amüsant.

Am Ende ist es also ein Album, das eher nostalgische Begeisterung weckt. Denn nur etwas mehr als die Hälfte der Gesamtlänge hat die Zeit wirklich gut überstanden. (675)

Mike Oldfield – Amarok (1990)

Mike Oldfield war zum Zeitpunkt der Entstehung von „Amarok“ nicht mehr zufrieden mit seiner jahrzehntelangen Zusammenarbeit mit Virgin und wollte sich mit „Amarok“ einfach mal wieder frei fühlen. Deshalb produzierte er, anders als auf dem Vorgängeralbum, keine Reihe singletauglicher Popsongs, sondern ein einstündiges instrumentales Einzelstück, das er in monatelanger Arbeit gemeinsam mit seinem Produzenten Tom Newman aus vielen Einzelteilen zusammensetzte. Für mich ist dies das bisher letzte wirklich gute Album von Mike Oldfield. Spätestens nach „Tubular Bells 2“ hatte ich das Interesse an Oldfield verloren, und ich werde wohl doch bald einmal „richtig“ hören, was er danach noch gemacht hat. Hineingehört hatte ich zwar schon in viele dieser Alben, aber eben nicht richtig zugehört.  

Wahrscheinlich liegt das daran, dass „Amarok“ an frühere Alben erinnert, aber zugleich teils sehr rockbetont und „frisch“ klingt. Außerdem ist es über weite Strecken gut produziert und musiziert und langweilt trotz der monumentalen Lauflänge des Stücks nicht. Auch klingt das Album weniger elektronisch – wer mich kennt, weiß zwar, dass ich eigentlich Synthesizer-Musik mag, doch für mich gehört ein Mike Oldfield einfach an akustische Instrumente oder an E-Gitarre und E-Bass.  

Typisch nach Mike Oldfield klingt das Album von Anfang an, nur rockt er diesmal endlich mal wieder. Natürlich fehlt auch die Elektronik in der Musik nicht vollkommen, aber sie ist ausgewogener zusammen mit den akustischen Instrumenten eingesetzt.  

Jeder Oldfield-Fan wird sich allerdings darüber ärgern, dass einige der musikalischen Passagen, die wirklich sehr gelungen erscheinen, nur ganz kurz einsetzt werden. Oft folgt auf ein „Wow – super“ dann ein „Oh – schon vorbei“. Aber genau diese Highlights innerhalb des Stücks begeistern und beweisen, dass Oldfield eigentlich viel mehr könnte als mittelmäßiges, erfolgreiches Singlematerial oder die endlose Fortsetzung seiner alten Meisterwerke.  

Ich genieße daher die musikalische Reise durch die vielen Einzelstücke von „Amarok“ gerne wieder, denn vieles gefällt mir immer noch. Mit der „QE2“ komme ich nicht mehr richtig zurecht – dort sind es vor allem die Synthesizer, die mir den Hörspaß mittlerweile verderben. Früher habe ich das Album sehr geliebt. Die „Platinum“ mag ich dagegen immer noch sehr. Mein meistgehörtes Oldfield-Album wird aber wohl „Tubular Bells“ bleiben. Dieses Album war für mich eine Einstiegsdroge in Sachen Musik, da ich es mit etwa neun Jahren von einem meiner älteren Geschwister bekam.  

„Amarok“ ist einfach ein vielfältiges, unterhaltsames, etwas experimentelles Instrumental-Rock-Album und gehört für mich zu den sehr guten Werken dieser Art. (651)

Once and Future Band – Once and Future Band (2017)

Die Platte beginnt mit dem ersten Stück „How Does It Make You Feel“ und einem Retro-Rock-Sound, der förmlich über den Hörer hereinbricht. Man muss die Beatles, Queen sowie die Mischung aus Glam- und Prog-Rock mögen, um von der „Once and Future Band“ nicht sofort abgeschreckt zu werden. Wer dem Rocksound der 70er wenig abgewinnen kann, wird hier überrumpelt und möglicherweise auch etwas irritiert. Technisch ist das gut gemacht, doch wie bei Retro-Sound häufig der Fall, klingt es auch bereits oft gehört.

Ich habe mittlerweile Schwierigkeiten, Lenny Kravitz noch so zu schätzen wie früher, und der zweite Song „I’ll Be Fine“ erinnert tatsächlich an ihn – oder ebenso an die Beatles und Hendrix. Die Stücke sind zu nah am Original, es ist kaum Eigenständiges zu erkennen. Obwohl die Musik gut gemacht ist, vielleicht sogar zu gut, bleibt es doch eine Kopie, eher eine Coverband mit eigenen Songs.  

Blues und Prog, mal weniger pompös, gefallen mir hingegen bei „Hide & Seek“ besser, weil dieser Song deutlich eigenständiger klingt als die beiden vorherigen Stücke. Eine Platte sollte man nicht nach nur zwei Songs abschreiben. Allerdings übertreibt die „Once and Future Band“ mit der Länge ihrer Songs etwas, das verlangt ihren Hörern viel ab. Die Produktion ist jedoch sehr gelungen.

„Rolando“ klingt nach Soul und erinnert zu Beginn an Stevie Wonder, bleibt zudem stark im Sound der 70er verwurzelt. Doch auch mit „Tell Me Those Are Tears of Joy“ kann die Platte leider nicht das Gefühl loswerden, dass ich all das schon gehört habe. Lieber höre ich dann gleich die Originalmusik aus den 70ern.

„Magnetic Memory“ wirkt etwas mehr nach Beach Boys und L.A.-Sound, ist gekonnt gemacht, aber ebenfalls schon bekannt. Wie „Hide & Seek“ zählt es dennoch zu den kleinen Highlights, einfach weil es gut umgesetzt ist. „Standing in the Wake of Violence“ verbindet Retro- und Neo-Rock mit Soul zu einem durchaus interessanten Mix, der allerdings etwas anstrengend zu hören ist.

Die „Once and Future Band“ konnte mich mit ihrem Debüt nicht vollständig überzeugen. Es ist zweifellos sehr gut musiziert und produziert, doch es bietet kaum etwas wirklich Neues. Wenn ich neue Bands entdecke, suche ich nach etwas, das mich begeistert oder Neues bietet – beides habe ich hier nicht gefunden. (528)

The Orb – Abolition of the Royal Familia (2020)

Entspannt, mit einem schönen Groove – so beginnt das Album mit „Daze“. Tanzbarer und mit mehr Rhythmen sowie treibenden Elementen, aber immer noch sehr entspannt präsentiert sich „House of Narcotics“. Den Rhythmus, den Groove und den Sound mag ich einfach. Gute elektronische Musik. The Orb sind schließlich auch alte Meister der elektronischen Tanzmusik und Mitbegründer der britischen Raveszene. 

Auch „Hawk“ wirkt lässig und gekonnt. Wer gute elektronische Musik zum Chillen und Tanzen sucht, wird von The Orb sehr gut bedient. 

Das setzt sich im weiteren Verlauf fort: „Honey Moonies“ ist ebenfalls sehr gelungen. Alles wirkt zurückhaltend, aber zugleich mit viel Gefühl für den richtigen Sound ausgestattet. Harte Dancebeats gibt es hier nicht. „Pervitin“ ist eher ein kunstvolles Zwischenspiel als ein richtiger Song. An dieser Stelle lege ich zunächst eine Pause ein, so wird das Album nicht zu schnell langweilig. 

„Afros, Afghans and Angles“ ist im Ambient-Modus gehalten. „Shapeshifters (In two Parts)“ ist Ambient Jazz und plätschert angenehm vor sich hin. Doch langsam könnte die Platte wieder etwas an Fahrt aufnehmen, denn sonst droht das Album nach dem tanzbaren Beginn einzuschläfern. Tatsächlich wechselt das Stück im zweiten Teil, nach sechs Minuten, in einen guten Reggae- und Dub-Stil. Nun erinnert mich das Album stark an die Songs des Albums „Smokers Delight“ von Nightmares on Wax. Mit „Say Cheese“ bleiben wir dem Dub-Style-Reggae treu, doch hier beginnt das Album mich tatsächlich zu langweilen. Ähnlich geht es mir mit „Smokers Delight“, wenn ich es zu häufig höre.

„Ital Orb“ folgt einem ähnlichen Muster, doch hier gefallen mir die den Rhythmus tragenden Sounds besser. Allerdings wird es mit über sieben Minuten Länge auch hier recht schnell wieder eintönig. 

Bei „The Queen of Hearts“ springt der Funke erneut über. Ambient-Ruhe trifft auf die lässige Atmosphäre des Plattenanfangs. Das Stück ist zwar nicht mehr so tanzbar wie die ersten, versetzt einen aber in einen schönen Schwebezustand. „The Weekend it rained forever“ bietet Atmosphäre und einen musikalischen Hintergrund, jedoch keinen richtigen Song. Mit einer Länge von über zwölf Minuten erfordert es schon sehr viel Geduld, um aufmerksam zu bleiben. Am Ende setzt „Slave till U die no matter what you buy“ die entspannende Stimmung und das langsame Ausklingen konsequent fort. 

So verliert das Werk, das zunächst so schön begann und mich mitnahm, leider zu schnell an Tempo und verliert sich in Ambient- und Dub/Reggae-Ausflügen. Dafür muss man schon ein großer Fan sein. Für mich bietet das Album auf über siebzig Minuten betrachtet dann doch zu wenig. Schade. (529)

Orbital – Thirty-Something (2022)

Aus alt wird neu – auch bei Orbital. Zum 35-jährigen Bestehen haben die beiden Künstler einige ihrer bekanntesten Songs neu auf CD und Schallplatte gepresst. Außerdem wurden mit „Smiley“ und „Acid Horse“ zwei neue Titel an den Anfang der ersten CD gesetzt. Auf der zweiten CD finden sich Remixe ihrer Songs, erstellt von anderen DJs und Künstlern. Das verspricht eine umfassende Sammlung von Orbital-Stücken.

Die erste CD beginnt mit einem klassischen Electro-Beat-Acid-House-Song, der fast an die Anfänge von Electro-Dance- und Technomusik erinnert. „Smiley“ ist allerdings komplett neu und bleibt über die gesamte Dauer schön abwechslungsreich – eine Qualität, die ich bei Club-Elektro-Titeln schon immer sehr geschätzt habe. „Acid Horse“ erscheint mir zu Beginn allerdings zu sehr auf Party und Spaß ausgerichtet. Das mag in einer erfolgreichen Clubnacht sicher passen, auf CD wirkt es mir jedoch zu oberflächlich.

Mit gesprochenen Worten von Stephen Hawking gefällt mir der Track „Where is it going“ schon besser – aber ganz mitreißen kann er mich auch nicht. „Impact“ ist mit über elf Minuten der längste Titel der CD. Ab hier liegen alle Songs im „30 Years Later Mix“ vor. „Impact“ bleibt abwechslungsreich, doch der stark vom Acid-House beeinflusste Sound zieht mich nicht ganz in seinen Bann. Ich wurde damals durch den Sound und die Songs des Albums „In Side“ auf Orbital aufmerksam, von dem auch noch zwei weitere Tracks folgen. Die Beats und Grooves sind zwar nett, und Orbital können sich mit anderen Electro-Acts wie den Chemical Brothers und Underworld durchaus messen. Dennoch wirkt das bisher Gehörte für mich etwas zu simpel auf „Tanzbarkeit“ ausgelegt und nicht genug zum auch konzentrierten Zuhören. Der Part des Songs ab Minute 8:30 ist allerdings definitiv hörenswert. Im Club oder bei Live-Auftritten funktioniert „Impact“ sicher sehr gut.

„Satan“ ist im Original ein Live-Track, der erstmals 1996 auf CD erschien. Er ist ein hervorragender Song für einen Action-Thriller-Soundtrack, da der Sound und das hektische Tempo Spannung erzeugen. Ein großartiger Titel, der eine wunderbar entspannte Atmosphäre schafft, ganz ohne harte Beats auszukommen. Anschließend folgt „Chime“. Jetzt macht mir die CD richtig Spaß. „Halcyon“ könnte von einem „Strange Days“-Soundtrack stammen, denn als entspannter Elektro-Track mit leichtem Ethno-Einschlag ist er wirklich gelungen. Ähnlich sanft gelingt das Frühwerk „Belfast“ im neuen Gewand. Es handelt sich um gute Elektronikmusik, die auch im Radio gut funktioniert. Allerdings hätte der klassische Gesangspart etwas sparsamer eingesetzt werden können, und der Song dürfte durchaus kürzer sein.

„The Box“ wurde auf etwas mehr als vier Minuten gekürzt und funktioniert hervorragend. Hier spüre ich, dass Orbital genau die Musik machen, die mir gefällt. „Are we here?“ im Dusky Remix: Alles, was Orbital ohne den typischen Acid-Sound machen, ist wirklich hörenswert und gut. Auch „The Girl with the Sun in her Head“ wurde halbiert und überzeugt völlig bei mir. Beide Titel stammen übrigens vom erwähnten „In Side“-Album. Den Abschluss der ersten CD bildet „Halcyon & On“ im Logic 1000 Mix – ein House-Track der alten Schule, der mit einfachen Mitteln die Massen zum Tanzen bringt.

Die zweite CD enthält keine neuen Songs, sondern Mixfassungen der Stücke von der ersten CD, teilweise sogar mehrfach – was ich etwas schade finde. „Impact“ ist gleich in drei Variationen vertreten, „Belfast“ und „Chime“ jeweils zweimal. Das macht das Durchhören nicht gerade einfach, weshalb ich es in zwei Teile aufgeteilt habe.

Den Anfang macht „Belfast“ im Techno-Remix von ANNA. Der dumpfe Techno-Beat gefällt mir nicht so sehr. Die Fassung ist zwar zurückhaltend, doch die Monotonie des Beats ist nicht mein Ding. Der „Impact“-Remix von John Tejada hingegen überzeugt und lädt wirklich zum Tanzen ein. Er gefällt mir besser als die Version auf der ersten CD. „Chime“ im Octave One Remix verliert etwas von seiner Leichtigkeit und erhält mehr Techno-Acid-Rhythmen, wobei es mir dort aber an Abwechslung fehlt.

Jon Hopkins hat sich „Halcyon & On“ vorgenommen, und diese Version gefällt mir in ihrer ruhigen, atmosphärischen Art sehr gut. Viel mit Atmosphäre und sanften Effekten gearbeitet. Ganz anders wirkt „Are we Here?“ im Shanti Celeste Remix, der mit Techno- und House-Beats druckvoller daherkommt und den Hörer zurück auf die Tanzfläche zieht – sehr spaßig.

„Belfast“ erklingt zum dritten Mal, diesmal mit weniger stumpfen Technobeats im Remix von Yotto, der dadurch gut funktioniert. Auch der Remix von „The Box“ durch Joris Voorn macht das Stück sehr tanzbar – ein hervorragendes Beispiel dafür, wie gut ein Dance-Track sein kann. Die Remix-Version von „The Girl with the Sun in her Head“ funktioniert ebenfalls durchweg, sodass die zweite CD mit ihren Remixen keine reine Zugabe ist, sondern den Kauf der Doppel-CD deutlich bereichert.

„Impact“ zeigt sich als kraftvoller Club-Electronic-Track im Rich NxT Remix, eingehüllt in ein modernes Techno-Gewand. „Chime“ ist mit den typischen Techno-Stampf-Beats allerdings etwas zu aufdringlich, weshalb mir die Originalversion von Orbital einfach am besten gefällt – daran ändert auch Eli Brown nichts. Danach folgt noch einmal „Belfast“, diesmal im Remix von David Holmes, der selbst aus Belfast stammt und dem Stück möglicherweise etwas hinzugefügt hat. Er nimmt sich dafür zwölf Minuten Zeit. Das Ergebnis kann sich definitiv hören lassen. David Holmes, der auch Soundtracks für Steven Soderberghs Filme komponiert hat, ist mehr als nur ein Remixer und Produzent. So ist dieser Remix ein schöner Abschluss, und der Song hört sich wohl nie besser an. (314)

Orchestral Manoeuvres in the Dark – Orchestral Manouvres in the Dark (1980)

Mit ihrem nicht zu düsteren Minimal-Elektronik-Sound und den schönen Melodien gelingt Andy McCluskey und Paul Humphreys ein sehr gutes Debütalbum. Ihren eigenen Sound fanden die beiden schnell. Trotz dieses eigenen Stils klingen die Songs nicht alle gleich, und ausreichend Single-Material ist ebenfalls enthalten. Das Album ist herausragend. (62)

OMD – Dazzle Ships (1983)

Das Album beginnt mit einem Radio-Intro, „Radio Prague“, gefolgt von einem ersten Hit, „Genetic Engineering“. Dabei kann ich sofort wieder ins Schwärmen geraten und mich nur wundern, wie gut die beiden Musiker damals noch waren. Dieser Elektro-Synth-Pop ist wirklich überzeugend. Man muss ja nicht nur düstere, ausgefallene oder zu kunstfertige Synthesizer-Musik machen und mögen – guter Pop funktioniert damit ebenfalls, und so sollte er bei diesem Song klingen. Wie ein Kinderreim beginnt „ABC Auto-Industry“ und wird zu einer ganz süßen elektronischen Nummer. Der Song erinnert mich sofort an die Musik von Sam Vance-Law, obwohl dieser „nur“ Indie-Pop macht. Der zweite Hit der Platte ist „Telegraph“. Nicht ganz mein Geschmack ist „This is Helena“. „International“ ist ganz hübsch geraten. So bietet die erste Plattenseite eigentlich nur drei richtige Songs, ein Radio-Intro und zwei Zwischenspiele.

Mit dem Titelstück „Dazzle Ships“ beginnt die zweite Seite, die mit einem Stück experimenteller Elektronikmusik eröffnet wird. OMD wollte damals offensichtlich nicht nur Pop machen. Vielleicht lag es gerade am Spiel mit den kunstfertigen Zwischenspielen und ein paar Spielereien, dass die Platte kein großer Erfolg wurde. Im Nachhinein zählt sie aber nun zu ihren besten Werken. Sicherlich sind viele Songs der Platte kein Single-Material, doch es sind gute Stücke. „The Romance of the Telescope“ und „Silent Running“ sind beide gelungene Synth-Pop-Stücke. Bei der Platte spürt man die Liebe zum Krautrock und zur Elektronik von Kraftwerk und Neu! sowie die Verspieltheit von YMO an jeder Ecke. Bei „Radio Waves“ mischen sich diese Einflüsse zu einer fröhlichen Rock-’n’-Roll-Post-Punk-Nummer (herrlich!). „Time Zones“ hätte auch auf der „Computerwelt“ von Kraftwerk gepasst – ist aber wieder nur ein kleines Zwischenspiel. Einen richtig guten Abschluss bildet „Of all the Things we’ve made“. Ein wirklich gutes Album! (265)

Orchestral Manoeuvres in the Dark – Crush (1985)

Vom Synth-Pop der Anfangsjahre geht’s es mit dem Album weiter in Richtung Pop – und dies schön schmalzig – fast schon mit Rock´n´Roll Leichtigkeit – so beginnt die Platte mit „So in Love“ sehr nett, aber auch sehr beliebig. „Secret“ lässt noch ein bisschen von den elektronischen Sounds erahnen – die die Band um Paul Humphreys und Andrew McCluskey mal ausgemacht hat. So auf seine naive aber als Song doch ziemlich überraschende Art sehr feiner Song „Bloc Bloc Bloc“. 

Zurück im sehr beliebigen Popmodus: „Woman III“. Der Song ist ja noch nicht einmal richtig schlecht – aber halt auch nichts besonderes oder etwas, dass man unbedingt in der Playlist bräuchte. Titelstück „Crush“ mag ich immer noch auf seine fast schon kindische Art total gerne – ist für mich ein ganz toller Song, weil da stimmt, wie bei anderen „späten“ Lieblingssongs von OMD wie „Talking Loud and Clear“ einfach alles und es ist so „laid back“ und einfach ganz großartig gemacht. 

Um es ihren alten Fans etwas recht zu machen, klingt „88 Seconds in Greensboro“ dann sogar wirklich wie die alten OMD – ein New Wave-Stück. Sehr gut. „The Native Daughters of the Golden West“ fängt mit Streichern recht dramatisch an – will düster sein – aber irgendwie will da der Funke nicht über springen. Aber schön dass das Albummaterial sich dann doch etwas vom sauberen Pop abwendet und auch andere Spielarten bietet. Und manchmal gefällt es mir, wenn sie schon fast zu süßen Pop machen, dann doch sehr gut – denn „La Femme Accident“ mag ich immer noch – ganz feine Nummer. Und bei „Hold You“ haben Bands wie „Vampire Weekend“ ganz genau hingehört. So unwiderstehlich ist das. Der Abschluss mit „The Lights are going Out“ geht auch noch – ist wirklich schön leicht experimentell und trotzdem anspruchsvoll geraten.. 

Sagen wir mal vielleicht dann doch das letzte wirklich noch „gute“ Album von Orchestral Manoeuvers in the Dark, denn Songs wie „Crush“, Le Femme Accident“ und „Hold you“ können mich immer noch richtig begeistern. Und „Bloc Bloc Bloc“ und „88 Seconds in Greensborro“ können einen beim Wiederhören noch richtig überraschen. (530)

Orchestral Manoeuvres in the Dark – Souvenir: The Singles 1979 – 2019 (2019)

40 Jahre OMD – bewusst habe ich nur die ersten 19 Jahre mitbekommen. Danach verlor ich das Interesse oder wusste gar nicht, dass die Band noch aktiv war. Die erste CD mit 20 Songs aus den Jahren 1978 bis 1988 ist daher ein Wiederhören, während die zweite CD mit 20 Songs aus den Jahren 1989 bis 2019 meist ein Neuentdecken bedeutet. 40 Songs sind eine Menge Material. Deshalb höre ich die Stücke in Päckchen zu jeweils zehn Songs pro Tag, um keinen OMD-Overkill zu erleben.

Die Sammlung des ersten Päckchens beginnt mit „Electricity“. Die frühen Stücke von OMD zeichnen sich dadurch aus, dass die Band nie lange nach ihrem eigenen Sound suchen musste. Von Anfang an klangen sie wie OMD – poppig-leichte Synthesizermusik als Markenzeichen. Obwohl es auf den Platten anfangs durchaus auch längere instrumentale Abschnitte und eine gewisse Experimentierfreude gab, hört man das noch in „Red Frame/White Light“. Richtig düster oder punkig wollten sie aber nie sein. Schon ausgereifter klingt „Messages“. Sowohl die Musik als auch der Gesang von Andy McCluskey erinnern mit dem Charme eines Rock’n’Roll-Sängers an das, was er später so prägen sollte. Die Musik wird hier schon durch Gitarren unterstützt und entfernt sich langsam vom reinen Elektroniksound. „Enola Gay“ dagegen ist eine Synth-Pop-Nummer, wie sie besser kaum sein könnte. Gleiches gilt für „Souvenir“ und „Maid of Orleans“. Damit hatten sie eigentlich fast ihren Höhepunkt erreicht. Dabei fällt mir erst auf, wie viele wirklich gute Songs sie damals gemacht haben. Es folgen weitere Stücke von fast gleicher Qualität wie „Jean of Arc“, „Genetic Engineering“ und „Telegraph“. Mit „Locomotion“ leiten OMD den zweiten Akt ihrer Karriere ein, indem sie zu einer reinen Pop-Band werden. Auch dort gibt es einige Karriere-Highlights zu verzeichnen.

Das zweite Päckchen beginnt mit meinem absoluten Lieblingsstück der Band: „Talking Loud and Clear“. Die Synth- und Sequenzer-Sounds sind so gut ausgewählt, dass sie wie akustische Instrumente klingen und den Song sowie seine Stimmung kongenial unterstützen – einfach der beste Synth-Pop-Song. „Tesla Girl“ ist zwar noch eine reine Synth-Pop-Nummer, aber hier wird mit aller Macht der Weg zum Mainstream-Chart-Pop eingeschlagen. Ab hier geht es mit meiner Begeisterung für die Songs der Band bergab – es folgen noch 28 Stück. „Never Turn Away“ erinnert allerdings noch einmal an die Anfänge der Band und gefällt mir ganz gut. „So in Love“ ist ein harmloses Pop-Stückchen. Auch „Secrets“, den ich früher ganz gut fand, erstickt inzwischen in seiner Zuckersüße. Bei „La Femme Accident“ lasse ich mich dagegen noch einmal verzaubern – der Song ist einfach zu schön geraten. „If You Leave“ lässt mich hingegen wieder zaudern, ist als Chart-Single aber nicht allzu schlimm. „(Forever) Live and Die“ kann ich mir noch anhören, auch wenn der Song sehr weichgespült ist und deshalb nicht unbedingt in meine Playlist gehört. „We Love You“ geht gar nicht: aufdringlicher Power-Pop. Und das letzte Stück meines zweiten Päckchens, „Shame“, ist wirklich eine Schande – Schlagerpop.

Nun folgt CD 2 mit den Singles ab 1988, und ich fürchte, was kommt. Mal sehen, ob diese Furcht berechtigt ist. Der Anfang macht „Dreaming“, und wir bleiben beim Schlagerpop. Harmloser Pop, nicht wirklich schlecht, aber auch weit davon entfernt, gut zu sein. „Sailing on the Seven Seas“ versucht, etwas düsterer zu sein, verliert aber im Refrain sein Potenzial. Zurück zum Pop-Schlager mit „Pandora’s Box“ („It’s a long, long way“). Ein Song zum Nebenbei-Hören, der nicht allzu weh tut, ist „Then You Turn Away“. Bei „Call My Name“ klingt es nach Pet Shop Boys, allerdings nach deren weniger beliebten Songs. „Stand Above Me“ ist ebenfalls kein Gewinn. „Dream of Me (Based on Love’s Theme)“ ist dagegen wieder etwas für den Hintergrund – nicht wirklich schlecht. „Everyday“ ist für mich vollkommen bedeutungslos – OMD verläuft sich hier im Retropop. Ihre Bekanntheit halten sie nur noch aufrecht, indem sie sich bei RTL in der „Ultimativen Chartshow“ bloßstellen (anders kann ich ihren Auftritt nicht beurteilen). Ausnahmen bestätigen die Regel, deshalb ist „Walking on the Milky Way“ noch ein Song, an dem man nicht wirklich vorbeikommt. Das Stück bewegt sich zwischen Gut und Böse, wobei das Gute gewinnt – so sehr man das als ernsthafter Musikhörer auch nicht mögen möchte. „Universal“ ist dann wirklich zu simpel geraten, aber zumindest nicht so schlimm wie anderes zuvor.

Jetzt die letzten zehn Stücke: „If You Want It“ ist eine akzeptable Power-Pop-Nummer. Damit sind wir im Jahr 2010 angekommen. Im schlechten Pet Shop Boys-Modus geht „Sister Marie Says“ gar nicht. Mit „History of Modern (Part I)“ wird es noch schlimmer – willkommen zurück beim Schlagerpop, und zwar ganz, ganz schlimm. „Metroland“ hält danach das schlechte Niveau, und auch „Dresden“ verbessert nichts. „Night Cafe“ ist hingegen etwas gelungener. Bei „Isotype“ gelingt es ihnen fast richtig, ihren Stil aus den Anfängen zu kopieren, allerdings nur am Anfang des Stücks, da sie sich beim Gesang für eine „Tral-lal-la“-Melodie entschieden haben, die die Retro-Stärke des Stücks leider untergräbt. Schade. Auch „The Punishment of Luxury“ beginnt mit Kraftwerk-Charme, wird aber erneut zu süßlich. Bei „What We Have Done“ könnte sich die Band fragen, was sie früher richtig gemacht hat und warum sie es nicht bis heute beibehalten konnte. Allerdings ist es kaum einer Synth-Band aus den späten 70er- und frühen 80er-Jahren gelungen, die Endachtziger zu überdauern. Bis auf Depeche Mode und New Order fällt mir kaum jemand ein, und auch bei diesen Bands gibt es Stücke, die zu sehr auf Mainstream und Chart-Erfolg ausgerichtet sind. Schlagerpop zu produzieren, kann allerdings keine echte Alternative sein. Das letzte Stück „Don’t Go“ ist denn auch ein Appell: „Don’t go to the Schlagerpop-Factory of OMD.“

Mir reichen nach wie vor die ersten fünf gelungenen Alben der Band. Die Single-Kollektion hat mir einige zusätzliche Songs geliefert, die manchmal von fragwürdiger Qualität sind. Nicht wenige Stücke habe ich nach dem halben Hören direkt wieder aus der Playlist entfernt. (229)

DJ-Kicks: Erlend Øye (2004)

Das Mix-Album von Erlend Øye enthält vereinzelt Eigenkompositionen und Kollaborationen. Die A-cappella-Gesangsteile, die ebenfalls von Erlend Øye stammen, hat er in den als „Vs“ gekennzeichneten Tracks über die Musik anderer Künstler gelegt.

Ich mag kuratierte Mix-Platten und Compilations, weil ich darin immer auf Neuentdeckungen hoffe. Aus diesem Grund waren mir Musikzeitschriften mit umfangreichen Beilagen-CDs stets sehr lieb – leider sind solche Beigaben heute, vermutlich auch wegen des Streaming, nur noch eine Seltenheit.

Das Album umfasst 17 Stücke mit einer Gesamtlänge von knapp 53 Minuten. Der Mix wird von „So weit wie noch nie“ von Jürgen Paape eröffnet, das mit leichten Elektronikklängen und knappen deutschsprachigen Gesang überzeugt. Eine eindrucksvolle Nummer, die nahtlos in „Sheltered Life“ übergeht, über dem Erlend Øye seinen Gesang zu „Fine Day“ gelegt hat.

„Drop“ im Mix der Kings of Convenience von Cornelius erinnert mich daran, dass ich vom japanischen Künstler noch mehr Musik besorgen wollte. Insgesamt präsentiert sich die CD entspannt und zugleich elegant in der typisch vertrauten Art von Erlend Øye und Kings of Convenience. Dabei handelt es sich nicht um Techno oder House, sondern eher um einen Mix zum Entspannen und Wohlfühlen. Tanzbar ist die Platte jedoch durchaus, was etwa „If I Ever Feel Better“ von Phoenix beweist. Wenn sie wollen, können Phoenix wirklich tolle Ohrwürmer kreieren – allerdings ist leider auch viel Ausschussmusik dabei.

Funk wird in diesem Mix durch „Radio Jolly/Prego Amore“ von Jolly Music vs. Erlend Øye vertreten. Elektro-Pop folgt mit „Rubicon“ von Alan Braxe & Fred Falke, das an die 80er Jahre erinnert. House-Musik ist ebenfalls vertreten: „2d2f“ von Avenue D klingt für mich ein wenig nach Salt’n’Pepa. Mit Dance-Vibes geht es weiter mit „I Need Your Love“ von The Rapture. Ein kurzes Zwischenspiel bildet „Lattialla Taas/Venus (Acapella)“ von Uusi Fantasia vs. Erlend Øye.

Ein Stück, das an Kraftwerk angelehnt ist, folgt mit „2 After 909/Intergalactic Autobahn“ von Justus Köhncke vs. Erlend Øye. „The Black Keys Work (Phonique Remix)“ stammt von Øye selbst, der sich in seinem Mix stark einbringt. Etwas härter und stampfender wird es mit „Airraid“ von Jackmate. Dieser Track geht ohne Unterbrechung in „Poor Leno (Silikom Soul Remix)/Erlend Øye – There Is a Light That Never Goes Out (Acapella)“ über, das von Röyksopp vs. Erlend Øye zusammengestellt wurde. Dabei stelle ich mir erneut die Frage, ob man Stücke von Morrissey heute noch hören sollte. Ausnahmsweise bin ich der Meinung, man könne das Werk vom Künstler trennen. Zwar fällt mir das schwer, aber an den Songs der Smiths war Morrissey ja nicht allein beteiligt, und Johnny Marr gilt, soweit ich weiß, nicht als Hetzer wie sein ehemaliger Gesangs-Kollege.

Auch bei „Metal Chix/Always On My Mind (Acapella)“ singt Øye über einen Song von Skateboard. Eine sehr schöne Elektronummer ist „Dexter“ von Ricardo Villalobos. Ebenfalls gelungen ist „Winning a Battle, Losing the War“ von Minizza. Der Mix endet mit „A Place in My Heart (Acapella)/Ada – Luckycharm/Erlend Øye – Intuition (Acapella)“ von Morgen Geist vs. Erlend Øye.

Vor zu langgezogenen Elektronummern braucht man bei dieser CD keine Angst zu haben, denn das längste Stück dauert 4:55 Minuten, die meisten sind knapp unter oder leicht über drei Minuten lang. Insgesamt ist der Mix entspannt, groovy und typisch im Stil von Erlend Øye. -172

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