
A Certain Ratio – The Graveyard and the Ballroom (1980)
ACR mischen Funk mit Post-Punk und klingen für mich mit ihrem ersten Song „Do the Du (Casse)“ nach Heaven 17.
Das zweite Stück „Faceless“ ist eine tanzbare Funk-New-Wave-Nummer. Dagegen erinnert „Cripped Child“ an Joy Division.
Bei ACR fällt auf, dass sie kaum Keyboards benutzen, sondern viel mit verzerrten Gitarren, Post-Punk-Funk-Bass und Schlagzeug arbeiten.
„Choir“ ist Minimal-Post-Punk. „Flight“ komplettiert die Mischung aus Talking Heads und Joy Division, und bei „I Fail“ wird besonders deutlich, wie sehr Sänger Simon Topping wie Ian Curtis klingt. Im Jahr 1979 sind ACR auch als Vorband von Talking Heads aufgetreten. Der Hauptunterschied zu Joy Division ist der Einsatz von Funk bei ACR. Ansonsten ist es Post-Punk, wie ein Stück wie „I Fail“ sehr gut demonstriert.
Ursprünglich war das Album nur als Kassette erschienen. Von einem Textteil des Songs „The True Wheel“ von Brian Eno hat die Band auch ihren Namen – das passt ebenfalls.
Die zweite Seite des Albums ist etwas anders als die erste und gewinnt dabei noch ein wenig mehr Substanz. Die Songs „All Night Party“ und „Ocean“ verbreiten zudem einen Hauch von Krautrock-Funk à la Pere Ubu.
„Choir“ taucht auf der zweiten Seite auch noch einmal in einer etwas schnelleren Version auf. Die beiden Kassetten-Seiten unterscheiden sich dadurch, dass sie an verschiedenen Orten („The Graveyard“ und „The Ballroom“) aufgenommen wurden. Das Debüt besteht also aus zwei Sessions. Bei den Aufnahmen im Ballroom klingt der Sound wie bei einer Liveaufnahme und gewinnt dadurch an Atmosphäre – außerdem wird die Schlagzeugarbeit spannend, und Sänger Simon Topping greift hier auch mal zur Trompete.
„The Fox“ und „Suspect“ erinnern klanglich an CAN. Mit der zweiten Fassung von „Flight“ und dem abschließenden „Genotype – Phenotype“ wird klar, dass alle, die Pere Ubu und Joy Division schätzen, mit diesem Debüt keine Schwierigkeiten haben, sondern es sehr mögen werden.

Ryan Adams – Wednesdays (2021)
Okay, wir wissen mittlerweile, dass Ryan Adams kein einfacher Typ ist – egal, ob im Umgang mit anderen Musikern, Fans oder wegen seines Fehlverhaltens gegenüber Frauen, mit denen er zusammen war oder zusammenkommen wollte. Dennoch ist er einer, der sich entschuldigt hat, behauptet, keinen Alkohol mehr zu trinken, und sich wie eigentlich sonst auch in den letzten 25 Jahren in seine Arbeit als Musiker, Produzent und Solokünstler vergräbt.
Vor allem ist Ryan Adams für mich ein herausragender Singer/Songwriter, der im Bereich Americana und Rockmusik einfach richtig gute Songs schreibt. Mittlerweile sind es über 20 Alben, und ich wüsste keine davon, die ich nicht irgendwie gut fände.
„Wednesday“ ist das erste von drei (!) Alben, die er innerhalb eines Jahres schnell hintereinander gemacht hat, nachdem sein Fehlverhalten öffentlich geworden war. Viele seiner aktuellen Alben sind nur digital erschienen oder waren exklusiv als Vinyl in seinem Onlinestore erhältlich. Einige davon findet man inzwischen auch in Plattenläden, zumindest in Holland. Im normalen Handel war danach nur noch das Album „Big Colors“ aus dem Jahr 2021 erhältlich.
Das Album beginnt mit dem wohl mehr als nur zufällig ausgewählten Song „I’m Sorry and I Love You“. Der Song ist die Vertonung einer verlorenen Liebe und zugleich eine Entschuldigung. Hier versucht der Musiker Ryan Adams, den Menschen Ryan Adams zu verteidigen.
Auch „Who is going to love me now, if not you“ handelt von der Verlassenheit in der Liebe. Bei diesen Songs tritt der rockige Ryan Adams ganz zugunsten des sanften Singer/Songwriters in ihm in den Hintergrund. Seine Stimme hat man kaum zuvor so sanft gehört.
Tempo will das Album auch nicht mit „When You Cross Over“ aufnehmen, doch das ist eine wunderschöne Ballade, die man auch als Countryblues bezeichnen könnte. Adams ist eben einer dieser uramerikanischen Songautoren, bei denen Singer/Songwriter, Folk, Roots, Americana, Country, Rock und Blues zusammenfließen und zu schöner Musik verwischen.
„Walk in the Dark“ ist eine ganz ruhige Americana-Nummer. Er schätzt ja das Album „Nebraska“ von Springsteen sehr und hat es komplett nachgespielt. So klingen auch viele seiner eigenen Songs. Das ist nicht nur Stimme und Gitarre, das ist gekonnt.
In „Poison & Pain“ besingt er poetisch sein Alkoholproblem. Auch „Wednesdays“ berichtet vom Verlassenwerden und den Problemen mit Alkohol und anderen Drogen.
Dass dies ein sehr persönliches Album ist, war ja schon mit dem ersten Song klar. Offenbar musste er aber ein ganzes Album daraus machen. Geht es bei Countrymusik und Heartland-Rock nicht meistens um Liebesdramen, Tod und den Verlust des Jobs? Vielleicht hatte Adams auf den letzten 20 Alben kein anderes Thema, und ich habe einfach nicht auf die Texte geachtet, weil mir die Musik wichtiger war als die persönlichen Probleme des Autors. Wer weiß.
„Birmingham“ nimmt etwas mehr Fahrt auf, und nach all den ruhigen Nummern ist es schön zu hören, dass sich Ryan Adams seines Talents für schnellere Americana-Songs erinnert hat.
Mit „So, Anyways“ wird es wieder ruhiger. Die Balladen dominieren das Album. Bei „Mamma“ bin ich mir nicht so sicher, wohin er damit will. Erklärt er seiner Mutter, dass er die Frauen nicht versteht, oder macht er seine Mutter für sein Leid verantwortlich? Vielleicht schreibt er den Song aber auch aus der Sicht einer fiktiven Person. Wer weiß.
Die Bewältigung einer persönlichen Krise widmet er „Lost in Time“. Am Ende träumt der Sänger von besseren Zeiten, so wie er sie früher erlebt hat: „Dreaming you Backwards“. Der Song ist nach „Birmingham“ auch musikalisch sehr gut gelungen. Die ruhigen Stücke sind zwar nett, gefallen mir aber mit ein wenig mehr Tempo doch besser.
Letztlich ist das Album sehr persönlich und Ausdruck eines Künstlers, der von Selbstzweifeln und seinen Fehlern geplagt wird. Es ist nicht sein bestes Werk, aber eins, das ich verstehen kann.(195)

Adele - 30 (2021)
Popmusik Mitte der 2010er Jahre war geprägt von zwei Künstlern beziehungsweise Künstlerinnen, das muss man einfach zugeben: Ed Sheeran, der Singer/Songwriter, der seine Songs genial zu Mainstream-Hits aufpeppte, und Adele, deren beeindruckende Stimme direkt aus jedem Radio ins Gehirn der Hörer drang. Beide fanden mit den Alben „24“ (Adele) und „÷“ (Sheeran) Einzug in meine Playlist, und auf beiden sind wirklich viele großartige Songs zu finden. Daher fiel es mir auch nicht schwer, bei stark gesunkenen Preisen einfach Adeles Nachfolgealbum „30“ zu kaufen. Dass ich es gerade jetzt höre, wo sie in München auftritt, ist reiner Zufall — die CD lag einfach oben auf dem Stapel. Mal sehen, ob die Hitfabrik noch funktioniert oder langsam schwächelt.
Ich höre seit zwei Jahren kaum noch Radio mit Mainstream-Playlists, in denen Sheeran und Adele eigentlich immer in Heavyrotation liefen. Deshalb behaupte ich, keinen einzigen Song der CD vorab zu kennen, auch wenn sich der eine oder andere Ohrwurm vielleicht doch unbemerkt in mein Gedächtnis eingeschlichen hat.
Fast schon Jazz klingt „Strangers by Nature“, oder es könnte auch ein Wiegenlied sein — beides ist möglich, allerdings etwas übertrieben, denn damit wird der Status von Adele als Pop-Diva erneut stark untermauert. Von der Songlänge her haben auf dem Album eigentlich nur drei Songs das Potenzial, in Heavyrotation zu laufen. „Easy on Me“ ist einer davon, und das ist wirklich ein schönes Stück. Natürlich habe ich diesen Song schon gehört — das muss während meiner Urlaubsreisen passiert sein, wenn im Auto immer Sky-Radio läuft. Es ist aber auch eine typische, schöne Adele-Nummer. Ebenfalls schöner Jazz-Pop ist „My Little Love“. Hier hört man eine gereifte Sängerin und Frau. Leider wird das Stück durch Dialogpassagen ab und zu unterbrochen, was den Rhythmus stört und zu der Länge von 6:29 Minuten beiträgt. Nach dieser melancholischen „Therapiesitzung“ tut der Soul von „Cry My Heart Out“ und „Oh My God“ richtig gut, und so mag ich Adele einfach. Sie kann zwar auch ruhige, emotionale Balladen sehr gut, aber ihre Stimme eignet sich natürlich auch hervorragend für Soul. „Can I Get It“ ist dann ein wenig Power-Pop im Stil von Ed Sheeran — auch ein gelungenes Stück.
Damit sind die potenziellen Singles der CD allerdings bereits durchgespielt. Songs wie „I Drink Wine“ sind auf jeden Fall in der Albumfassung zu lang geraten. Die Zielgruppe wird mit dem Titel aber gut angesprochen: Frauen ab 30, die gerne Wein trinken, und davon soll es ja einige geben. Der Song besticht durch einen lockeren Pianosoul und hat seine Qualität. Es folgt ein „Interlude“, mit dem sie musikalisch an den bereits 1977 verstorbenen Pianisten Erroll Garner erinnert: „All Night Parking“. Billie-Holiday-Qualität bietet „Woman Like Me“ sowohl im Gesang als auch im Jazz-/Soul-Flair. Der ruhige und sanfte Grundton bleibt bei „Hold On“ erhalten, doch das Stück ist bei aller Liebe zur Gesangsdarbietung etwas zu lang. Da viele der ruhigen Stücke, darunter auch „To Be Loved“, recht lang sind, wird das Durchhören insgesamt etwas eintönig. Auf der CD gefallen mir die Up-Tempo-Stücke insgesamt deutlich besser.
Allerdings hatte eine Frau wie Adele in der Lebensphase vor dieser Platte sicher nicht viel Einfaches zu bewältigen. Deshalb scheint sie ihren persönlichen Blues in Balladen von der Seele zu singen. Der Abschluss des Albums, „Love Is a Game“, ist theatralisch und im Big-Band-Gewand einer längst vergangenen Zeit vorgetragen — durchaus beeindruckend. Wären Balladen und Pop-Hits besser gemischt, wäre das Album insgesamt zugänglicher. Trotzdem ist es ein gutes Adele-Album, denn Adele ist eben Adele. Allerdings erreicht es nicht ganz die Qualität der Hits von „25“, denn „Hello“ und „Water Under the Bridge“ waren einfach zu stark. (362)

Admiral Fallow -
The Idea of you (2021)
Die Schotten überzeugen mit Indie-Folk-Pop auf hohem Niveau. Immer wieder funkeln kleine Songperlen auf ihren Alben, so auch auf „The Idea of You“. Im Vergleich zu den früheren Alben fällt auf, dass sich die Gesangsart von Frontmann Louis Abbott verändert hat. Seine Stimme ist deutlich sanfter geworden. Auch der Folk ist, zumindest was die traditionelle Instrumentierung betrifft, etwas zurückgegangen. Die Songs bestechen jedoch durch schöne Melodien und raffinierte Gesangsharmonien. Wer die Musik heimischer Künstler wie Stefan Honig oder Tim Neuhaus schätzt, wird Admiral Fallow sehr mögen. (80)

African Head Charge - A Trip to Bolgatanga (2023)
Produzent Adrian Sherwood habe ich erst vor kurzer Zeit mit seinem Debütalbum als „The New Age Stepper“ entdeckt. Dort mixt er zusammen mit seinen Mitstreitern Dub-Reggae mit Post-Punk-Klängen. Bei „African Head Charge“ arbeitet er als Sideman für Bonjo Iyabhinghi Noah, der als Meister-Percussionist und Rastamann auf Spotify beschrieben wird. Auch diese Zusammenarbeit begann bereits in den 1980er Jahren.
Das erste Stück „A Bad Attitude“ klingt nach traditioneller afrikanischer Musik. Mit „Accra Elektronica“ entwickelt sich die Musik jedoch zu Clubmusik mit einem Worldmusic-Touch, was ich sehr mitreißend finde. Der Dub-Reggae-Sound tritt bei „Push Me Pull You“ hinzu, wobei er eher den Rhythmus als Untergrund für fast psychedelische Worldmusic bildet. Das ist mal etwas anderes, und deshalb bleibe ich neugierig.
„I Chant Too“ erinnert wiederum, wie das zuvor gehörte Stück, durch seine zurückhaltende Klanggestaltung an eine sehr entspannte, fast schon ambientartige Nummer.
Leider ist das alles etwas zu minimalistisch geraten, was die beiden Musiker bieten. Auch „Asalatua“ kann nicht wirklich mitreißen. Kommt da noch etwas in der Qualität von „Accra Elektronica“?
Dann aber trifft „Passing Clouds“ zum richtigen Zeitpunkt ein. Hier stimmen der Trommelrhythmus, der Dub-Reggae-Anteil und die übrigen Zutaten besser zusammen.
Kritiker haben geschrieben, dass diese Platte im Vergleich zu den ersten fünf Alben von African Head Charge etwas schwächer ist. Vielleicht lohnt es sich deshalb, nach dem Hören dieses Albums auch den Frühwerken aus den 1980er Jahren eine Chance zu geben. Da mich „The New Age Stepper“ so begeistert hat, werde ich das wohl irgendwann auch tun.(569)

a-ha – Hunting high and low (1985)
Mit „Take on Me“ und dem dazugehörigen Video eroberten A-ha die Popwelt im Sturm. Anders lässt sich das kaum ausdrücken. Der Song zählt zu den großen Hits der 80er Jahre und verbindet eingängigen Synthie-Pop mit einer starken Gesangsleistung zu einem Meilenstein der Popgeschichte dieses Jahrzehnts. Neben „Take on Me“ finden sich auf dem Album mit dem emotionalen und anspruchsvolleren Titelstück „Hunting High and Low“ sowie dem weiteren Popsong „The Sun Always Shines on TV“ zwei weitere Hits der Band.
Aber wie ist der Gesamteindruck, wenn man das Album heute, fast 40 Jahre später, noch einmal komplett hört?
Das Album beginnt direkt mit dem Überhit „Take on Me“. Dieser Song ist längst mehr als nur ein typischer Achtziger-Popsong. Er ist bis heute eine Blaupause für internationale Radiohits: poppig-leicht, mit gelungenen instrumentalen Elementen, die zum Tanzen einladen, und einem emotionalen Gesangspart. Morten Harket ist dabei eine Vorlage für männliche Popkünstler, egal ob als Solist oder Mitglied einer Boygroup.
Dass Morten Harket nicht nur hohe Töne beherrscht, sondern auch tief und männlich cool klingt, zeigt sich beim zweiten Stück „Train of Thought“. Der Song fügt sich in den Euro-Disco-Sound der 80er Jahre ein und erinnert zu Beginn sogar etwas an Boney M.
Doch dann zeigt sich viel Gefühl, und man hört die Qualität von Songwriter Pål Waaktaar-Savoy, der später sogar ein Titellied für einen James-Bond-Film schrieb. Großes Kino bleibt „Hunting High and Low“.
Mit der netten Synthie-Pop-Nummer „The Blue Sky“ zeigt das Album neben den Hits weitere Qualitäten. Daher konnte die Band das Album wohl auf Tour ohne schlechtes Gewissen komplett spielen. Wären darauf nur drei gute Stücke gewesen, wäre das wohl keine gute Idee gewesen.
Der Popschlager „Living a Boy’s Adventure Story“ ist eine sehr zahme Nummer ohne Ecken und Kanten, aber mit einem eingängigen Refrain. Dieser funktioniert allerdings nur gemeinsam mit dem Instrumentalteil gegen Ende des Songs.
Der dritte Hit eröffnet die zweite Albumseite: „The Sun Always Shines on TV“. Beim Durchhören der Platte hat man tatsächlich das Gefühl, dass dieses Album eine Vorbildfunktion für Boygroups, K-Pop-Bands und Popmusiker der vergangenen vierzig Jahre übernommen hat.
Ein so geschmeidiges Popalbum mit solch hoher Hitqualität als Debüt herauszubringen, ist wirklich bemerkenswert. Obwohl „The Sun Always Shines on TV“ ein typischer 80er-Jahre-Hit ist, besitzt er bis heute unschlagbare Mainstream-Hitqualität – perfekter Pop.
Das kurze „And You Tell Me“ wirkt geradezu zuckersüß. Darauf folgt der gut gelaunte Popsong „Love Is Reason“, zu dem man unbeschwert Discofox tanzen kann. Solche Songs ließ sicher kein Hochzeits-DJ damals aus.
Im Euro-Disco-Sound geht es mit „Dream Myself Alive“ weiter. Für andere Bands wäre das eventuell ein Song mit Single-Qualität, doch da A-ha bereits drei Hits auf dem Album haben, bleibt dieser hier für mich ein recht durchschnittlicher Popsong.
Leicht melodramatisch und etwas gefühlvoller ist das Stück „Here I Stand and Face the Rain“ als Abschluss des Albums.
Insgesamt ist dies ein echtes Hit-Album – vielleicht kein Werk für die Ewigkeit, aber mit mindestens drei Popsongs, die bis heute kaum an Bedeutung verloren haben. Die Leichtgängigkeit, mit der Popmusik hier dargeboten wird, macht das Album zu einem Musterbeispiel für ein Hit-Album. Denn ein Werk, das nach vierzig Jahren noch so frisch klingt und seine Interpreten von null auf Platz eins der Charts weltweit katapultiert hat, kann kein schlechtes Album sein. (580)

Damon Albarn – The Nearer the Fountain, More Pure the Stream flows (2021)
Der arbeitswütige und stets umtriebige Damon Albarn produziert oder musiziert fleißig weiter. Anscheinend gehen ihm nie die Songideen aus, und eine Schreibblockade scheint er nicht zu kennen. Zudem hatte er vermutlich während der Pandemie noch mehr Zeit, sich neues Material auszudenken.
Es sind elf Stücke geworden, die in ihrer Länge sehr unterschiedlich sind. Das kürzeste ist 1:51 Minuten lang, das längste 19:05 Minuten (dies ist der Hidden Track „Huldufólk“ nach „Particles“ am Ende der Platte). Beim Musizieren half unter anderem das ehemalige Sugarcubes-Mitglied Einar Örn Benediktsson sowie Verve-Gitarrist Simon Tong mit.
Vom ersten Solowerk „Everyday Robots“ sind in meiner Playlist eigentlich gar nicht so viele Songs übrig geblieben, aber die, die geblieben sind, mag ich dafür sehr gern.
Das Album beginnt sehr ruhig mit dem Titelstück „The Nearer the Fountain......“. Danach wird es mit „The Cormorant“ sogar melancholisch.
Also, wer den Party-Britpop liebt, muss bisher wohl anderswo suchen. Albarn war ja auch immer jemand, der bei seinen Arbeiten zwischen Pop und Art-Pop wechselte. Das verbindet ihn mit Thom Yorke. Bei beiden finde ich zwar nicht immer alles wahnsinnig toll, was sie machen, aber sie schaffen immer wieder einzigartige Songs, die ich nie mehr missen möchte. Gleichzeitig produzieren sie auch viel, gerade unabhängig von ihrer Hauptband – bei der es mir reicht, ihre Musik einmal gehört zu haben.
Etwas flotter und poppiger wird es mit „Royal Morning Blue“, dieser Song gefällt mir gleich viel besser. Darauf folgt ein Instrumentalstück, das sich zwischen zeitgenössischer Musik und flottem Party-Pop bewegt, aber wohl eher eine kleine Fingerübung darstellt – für einen Popmusiker, der durchaus als ernsthafter Komponist für Aufsehen sorgen könnte. Albarn ist ja schon ein großer des Pop und Rock, und seine ruhigen Stücke auf diesem Album klingen tatsächlich ernsthaft, wie zum Beispiel „Dark Wader“. Nett ist das alles, aber so richtig kann mich das Material bisher nicht fesseln oder begeistern. Ich vermute oder hoffe, dass Stücke wie „Darkness to Light“ beim mehrmaligen Hören oder als Einzelstück in einer Playlist vielleicht doch noch mitreißen können.
Mit „Esja“ folgt ein weiteres, diesmal ganz ruhiges und kurzes Instrumentalstück. Die Grundidee dieses Stücks soll eine Liebeserklärung an die Landschaft Islands sein und war eigentlich als symphonisches Orchesterstück geplant. Albarn erweiterte es aber während der Pandemie zu diesem Album.
Mit „The Tower of Montevideo“ taucht ein weiterer, recht schöner Song auf, der mich auf eine zarte, schräg-melancholische Weise einfängt.
Ein weiteres Zwischenspiel namens „Giraffe Trumpet Sea“ folgt, und bei diesen instrumentalen Teilen hört man, wie die Musik des Projekts ursprünglich klingen sollte.
„Polaris“ ist ebenfalls schön, und von solchen Stücken hätte ich mir auf dem Album mehr gewünscht. Das reguläre Album endet mit „Particles“, das mit viel Anmut gespielt wird.
Der Hidden Track „Huldufólk“ ist mutwillig experimentell und macht das Hören in voller Länge nicht einfacher. Für Freunde improvisierter Musik und freier Kunst mag er jedoch einen gewissen Unterhaltungswert besitzen.
Dieses Album ist für mich persönlich nichts, da es mir beim ersten Hören zu wenig bietet, das ich wirklich mochte. Drei gute, ganz nette Songs von einem Musiker, der viel Besseres schafft, sind mir einfach nicht ausreichend, um jetzt ins Schwärmen zu geraten. Für mich ist dies ein eher unwichtiger Beitrag im Schaffen von Damon Albarn. Schade. Aber ich kann ja „Barbaric“ vom letzten Blur-Album einfach weiterhin in Dauerschleife hören – das ist nämlich so ein Riesensong. (399)
Alda Reserve – Love goes on (1979)
Ich entdecke gern Bands, die es nur zu einer Platte gebracht haben. Wenn ich die Band gut finde, muss ich mir nämlich nichts mehr kaufen, spare Geld und kann andere Musik neu entdecken. Gleichzeitig ärgere ich mich manchmal darüber, dass Alda Reserve keine weiteren Platten veröffentlicht haben, denn ihr New Wave ist vielleicht richtig gut. Vielleicht, vielleicht.
Die New Yorker Formation war bei Sire Records unter Vertrag. Ihr New Wave klingt sehr rockig, zum Beispiel bei „Some Get Away“. Hier mischt sich der New Wave verstärkt mit frühem Alternative Rock. Vom Klang her erinnert es an leicht verhallten Garagen-Rock. Die Songs weisen auch Parallelen zu Blondie auf – vom Gesang her klingt es so, als würden Hüsker Dü bei Blondie mitspielen. Diese Kombination finde ich sehr ansprechend. „Dressed for Love“ bringt zudem ein wenig Springsteen-Feeling mit.
Noch etwas rockiger wird es bei „Cure Me“ – hier erinnern sie an die „Pretenders“. Die Vinyl-Ausgabe habe ich gerade über Discogs bestellt. Ich bedaure sehr, dass es von der Band nicht mehr zu hören gibt, denn so wäre die Frage nach ihrer weiteren Entwicklung wohl beantwortet.
„Pain Is Mine“ hat ein starkes Rock-’n’-Roll-Feeling.
„Overnite Jets“ erinnert ein wenig an Joe Jackson. Eigentlich ist es keine wirklich herausragende Nummer, aber sie wird sehr mitreißend gespielt. Live macht der Song bestimmt viel Spaß. Ich wünschte, es gäbe eine Coverband, die gute Songs von talentierten, aber leider erfolglosen Bands spielt – das fände ich interessanter als eine Coverband, die nur Bekannteres wiedergibt.
Blondie, Pretenders, zugänglicher Punk und etwas Rock-’n’-Roll – das ist die Mischung, die Alda Reserve und zwar gut bieten. So funktioniert auch „Ancient Lies“ sehr überzeugend.
Bei „That Was Summertime“ klingt die Musik nochmal stärker nach Joe Jackson. Musikalisch passt das jedoch alles gut zusammen.
Bei „Whiter Than White“ präsentieren sie einen New-Wave-/Rock-Mix. Am Ende wird mit „Loves Gone On“ noch einmal ordentlich gerockt.
Ein gutes Album – wer amerikanischen New Wave mag, wird dieses Album ebenfalls mögen. Ach ja: Digital gibt es auch noch das Album „Moon-Joon“, das ich gerade ebenfalls gekauft habe. Von wegen nur eine Platte. (638)


Alice – Eri Con Me (2022)
Auf Angelo Branduardi folgt nun die italienische Sängerin Alice, die wie Branduardi ihre größten Erfolge vor vielen Jahren in Deutschland feierte. Sie macht aber weiterhin Musik und setzt mit dem Album „Eri Con Me“ ihrem musikalischen Weggefährten Franco Battiato ein Denkmal, indem sie 16 seiner größten Hits neu interpretiert. Begleitet wird sie dabei, wie auch bei den dazugehörigen Konzerten, von Carlo Guaitoli, der als Pianist und Dirigent fungiert. Ich selbst wurde wieder auf Alice aufmerksam, als ich im Dezember zwei ältere Songs aus den 80ern hörte und mir dachte, dass diese Sängerin mit ihrer durchaus beeindruckenden Stimme im fortgeschrittenen Alter sicher auch ambitioniertere Musik macht. So bin ich auf diese CD gestoßen.
Schon nach dem kurzen Introstück „Da Oriente a Occidente“ hatte ich das Gefühl, mit dem Kauf nichts falsch gemacht zu haben.
Im orchestralen Gewand verwandeln sich die Balladen und Chansons zu wunderschöner Musik. Das Titelstück „Eri con me“ vermittelt eine einfache, aber berührende Melancholie.
„Lode all'inviolato“ setzt diesen Eindruck fort. Große Gefühle und großartige Musik prägen das Stück. Das folgende „Lo chi sonno?“ wirkt zwar leicht kitschig, ist aber dennoch durchaus gelungen.
Gegenüber steht Alice mit ihrer stimmlichen Kraft in „E ti vengo a cercare“, das zu einem intensiven Gefühlsdrama wird. Danach folgen erneut sanfte Stücke wie „La Cura“ und „Povera Patria“.
„Il re del mondo“ ist ein weiteres echtes Glanzstück und weist klare klassische Züge auf.
Sanften Schönklang bieten „L'animale“ und „La stagione dell'amore“.
Für etwas Abwechslung sorgt das Pop-Klassik-Stück „Chanson egocentrique“. Anschließend wird es wieder klassisch mit „I treni di Tozeur“. Mit rauchiger Stimme zart interpretiert sind „Prospettiva Nevski“ und „Sui giardini della preesistenza“.
Das letzte Stück, „Torneremo ancora“, ist ebenfalls sehr sanft und auf eine nachdenkliche, leicht traurige Weise berührend – dabei aber auch wieder sehr schön.
Ich bin froh, mich zu diesem Kauf entschieden zu haben. (271)

Marina Allen – Centrifics (2022)
Das zweite Album der Singer/Songwriterin aus L.A. klingt, als könnte es aus den 70er Jahren stammen. Marina Allen muss sich dabei vor Größen wie Joni Mitchell oder Carole King nicht verstecken.
Die Songs überzeugen, weil sie keinerlei Country-Einflüsse enthalten und die sparsam eingesetzten Bläser und Streicher sehr wirkungsvoll eingesetzt werden. Neben Stella Donelly ist sie die zweite bemerkenswerte Entdeckung dieser Art in letzter Zeit. (67)
Dot Allison – Afterglow (1999)
Ein wenig Indie-Rock, gemixt mit Blues und elektronischen Klängen, dazu Dot Allisons etwas ungewöhnliche Stimme – das erinnert mich ein wenig an Joan as a Policewoman, nur dass Dot Allison im Ganzen mehr in Richtung Art-Pop und Trip-Hop klingt. „Colour Me“ ist gut gemacht, und ich bin erst einmal beeindruckt.
Vor dem Album war Dot Allison Mitglied der Band „One Dove“ und hatte einen Gastauftritt bei „Death by Vegas“.
Sanfter Dreampop, kombiniert mit sehr ruhiger Singer-Songwriter-Musik: „Tomorrow Never Comes“ – schön verträumt und gekonnt umgesetzt.
Dance-Pop, der etwas an Kylie Minogue erinnert, aber mit einem Chemical Brothers-Beat versehen ist: „Close Your Eyes“, gemixt von Steve Lironi. Das Album gewinnt dadurch an angenehm abwechslungsreichem Charakter.
Elektronische, eher sanfte Klänge, die wieder den verträumten Pop-Modus bedienen, bei dem sich der Gesang im Hintergrund der Musik befindet: „Message Personnel“.
Schräge Klänge treffen auf sanften Gesang: „I Wanna Feel the Chill“ – ein schräger Traum.
Mit „Morning Song“, das in der ersten Hälfte als Instrumentalstück funktioniert, überzeugt Dot Allison als Grenzgängerin, die gekonnt mit Pop- und Trip-Hop-Elementen umzugehen weiß. Für mich ist das bis dahin das stärkste Stück der Künstlerin. Damit könnte sie im Vorprogramm von „Radiohead“ auftreten.
Danach folgt wieder etwas Verträumtes, das mich dann doch langsam langweilt: „Did I Imagine You?“
Lieber wähle ich daher die Mischung aus Pop und Trip-Hop, diesmal mehr im Pop-Modus: „Mo’Pop“ – der zwar etwas kitschig geraten ist, aber auch an französische Chansons erinnert.
Melancholischer Dreampop, mal laut, mal ganz leise: „Alpha Female“.
Am Ende wartet noch etwas Pop-Drama, mit einem Song, der erneut an Kylie erinnert: „In Winter Still“.
Ich glaube, dieses Album ist etwas für Freunde von Saint Etienne. Für mich sind nur die Songs „Colour Me“ und „Morning Song“ echte Highlights. Der verträumte Mix aus Pop, Trip-Hop und Chanson ist dagegen weniger mein Fall. Ich werde aber wohl noch mehr von der Musikerin Dot Allison hören, da mich interessiert, in welche Richtung sie sich auf den kommenden Alben (und die wird es geben) weiterentwickelt. (656)


Aloa Input – Devil´s Diamond Memory Collection (2021)
Das Trio Angela Aux, Marcus Grassl und Cico Beck hat die Stücke des Albums sowohl in Sessions als auch bei Liveauftritten entwickelt. Herausgekommen ist ein Konzeptalbum, das die Frage stellt, wie der Mensch in der Zukunft wohl sein wird. Ein Blick in die Zukunft ohne große Kämpfe oder Endzeitstimmung.
Die dazugehörige Musik fällt zeitlich etwas aus dem Rahmen: Indie-Art-Folk.
Zu Beginn klingt „Desert Something“ gleichzeitig akustisch und elektronisch, denn hier verschmelzen viele Elemente, und der Gesang hält sich fast im Hintergrund, während er mit der Melodie eine Symbiose eingeht. Beim zweiten Stück „The other Rainbow“ kann man trotz der Hippieorgel mitwippen und mittanzen. In „How Mellow the Sun“ pfeift es sowohl aus den Mündern als auch aus den elektronischen Flöten, und es wird sogar süß gerappt. „Make it Rain“ ist ein liebevoller Folksong.
Er könnte auch eine ruhige Nummer von „The Notwist“ sein (Cico Beck hat dort ja nach dem Weggang von Martin Gretschmann alias Console dessen Platz übernommen). Das kurze „Transmission II“ erinnert mit seinem friedvollen Radiohead-artigen Gefrickel. „The Concsious Stone“ führt den schönen Elektrofolk weiter. „Atlas Daze“ weckt Assoziationen an den Westernsound von Ennio Morricone – ab in die Zukunft mit einem Italo-Western-Drive. Der ruhige Grundton wird mit „Beta Mourning Journal“ fortgesetzt.
„Down to Dust“ ist tiefenentspannt. Space-Rap die zweite Runde gibt es mit „Devil´s Deimond Memory Collection“. Das Stück entwickelt sich zu einem zukunftsweisenden Krautrock. Den Abschluss bildet „Universe Keeps Spaces“. Nach 42 Minuten ist damit auch schon Schluss. Schade, schade, schade. Davon brauche ich mehr. So etwas Antiaggressives wie diese Platte hat diese Welt bitter nötig – in der Zukunft und im Hier und Jetzt. (49)

Alvvays – Blue Rev (2022)
Das dritte Album der kanadischen Indieband lässt sich am besten als Alternative-Rock beschreiben. Der verträumte Gesang der Sängerin Molly Rankin wird zu Beginn von einem stark verzerrten Gitarrensound begleitet, der eher stört, statt die jeweiligen Songs zu bereichern.
Ab dem dritten Song, wie bei „After the Earthquake“, verzichtet das Trio auf den verzerrten Sound und präsentiert stattdessen starke Musik. Auch das ruhigere „Tom Verlaine“ überzeugt mit einem angenehmen Shoegaze-Sound. „Pressed“ spricht besonders Post-Punk-Fans an, während „Many Mirrors“ Anhänger der Cocteau Twins erfreuen dürfte. „Very Online Guy“ überrascht mit einer ganz eigenen Indie-Note und überzeugt damit auf ganzer Linie. Beschwingt geht es weiter mit „Velveteen“, das Fans von War on Drugs gefallen wird. „Tile by Tile“ ist ruhig, verträumt und schön. Der Pixies-lastige Sound von „Pomeranian Spinsters“ erhöht das Songtempo deutlich. Mit „Belinda Says“ folgt ein weiterer kraftvoller und eingängiger Titel. „Bored in Bristol“ bringt noch einmal eine ganz eigene musikalische Note ein, bevor „Lottery Noises“ das Album abschließt.
Damit zählen „Alvvays“ neben „Momma“ und „A Void“ zu den vielversprechenden Neuentdeckungen im Indie-Bereich. (43)
Emil Amos - Zone Black (2023)
Eigentlich veröffentlicht Emil Amos seine Musik unter dem Namen „Holy Sons“. Wikipedia bezeichnet seinen Stil als Avantgarde. Außerdem ist er Mitglied der experimentellen Rockgruppe „Grails“.
Das erste Stück „Moving Taget“ klingt fast wie eine Titelmusik für eine Mystery- oder Gruselserie. Es ist instrumental, beginnt mit Anklängen an Trip-Hop und entwickelt sich schließlich zu einem anspruchsvollen instrumentalen Stück. Keines der dreizehn Stücke auf dem Album ist richtig lang. Als Fan elektronischer Instrumentalmusik spricht mich das zweite Stück „Theme from my personal Prison“ besonders an. Da Amos nicht nur elektronische Klänge, sondern auch Gitarre und andere Instrumente einsetzt, wirkt das Stück abwechslungsreich. Es ist eingängig, weniger experimentell und somit zugänglicher als der erste Titel des Albums vermuten ließ – ein echtes Highlight.
Bei „Zone Black“ wird deutlich, dass Emil Amos trotz der vergleichsweise kurzen Spielzeit seine Stücke nicht als Lückenfüller konzipiert hat, denn in diesem Stück passiert eine ganze Menge.
„Bad Night at Cowboy“ beginnt experimentell und entwickelt sich zu einem von Beats getragenen, ruhigen Ambient-Stück. Da ich mittlerweile weiß, dass mich elektronische Musik, die sich über endlos lange Laufzeiten erstreckt und wenig passiert, eher langweilt, schätze ich kurze Stücke, die nicht ermüden. Wenn die Geschichte oder die Songidee erzählt ist, sollte man Schluss machen.
So geniesse ich diese Stücke, die an Soundtrackmusik erinnern, aber auch eigenständig funktionieren. Besonders begeistert mich der Wechsel von Stimmung und Atmosphäre. Wer die Soundtrackmusik von John Carpenter gern mit aktueller elektronischer Musik verbinden möchte, ist bei Emil Amos genau richtig – hier empfehle ich besonders das Stück „Red Palms“.
„Jealous Gods“ enthält sogar kurze Gesangspassagen, wirkt jedoch unvollständig. Es scheint eher eine Skizze für einen Song zu sein, der mehr Potenzial hätte.
Demgegenüber gefällt mir „Interloper #1“ sehr gut. Dieses Stück sollten sich viele Shoegaze- und Drone-Musiker anhören, um zu erkennen, dass gerade in der Kürze sowie durch zugängliche Melodien ein Song eine viel stärkere Wirkung entfalten kann, als das, was mir manchmal als Musik präsentiert wird.
Die Miniaturen, die Emil Amos seinen Hörern bietet, sind oft mehr als nur kleine Skizzen. Die meisten sind bereits ausgefeilte Songs, wie zum Beispiel „Zone Bleu“. Diese Musik ist einfach gut, und ich hoffe, dass noch mehr Menschen sie entdecken. Als Geheimtipp sollte sie wirklich nicht gelten.
„Staic Mist“ ist sanfter Ambient, „Static Mist 2“ ebenfalls, jedoch etwas düsterer. Das erinnert an Post-Rock-Bands wie Mogwai und Explosions in the Sky.


Laurie Anderson – Big Science (1982)
Debütalbum der Performance-Künstlerin Laurie Anderson. Die Musikerin präsentiert avantgardistischen Art-Pop und reiht sich mit dem Eröffnungsstück „From the Air“ in eine Reihe prominenter Künstler wie Philip Glass und Brian Eno ein. So erzielt sie bereits mit den ersten Tönen ihrer Platte einen spektakulären Achtungserfolg.
Der Titeltrack „Big Science“ hinterlässt beim ersten Hören eine Atmosphäre und Stimmung, die man kaum wieder vollständig aus dem Gedächtnis löschen kann. So schafft man einen bleibenden Eindruck und Musik, die sich hinter zeitgenössischer Kunst nicht verstecken muss.
Folkloristisch klingt das dritte Stück „Sweaters“ und lockert mit Fiedel und Schlagzeug die ernste Stimmung auf. Aus Texten und Geräuschen besteht „Walking & Falling“. Darauf folgt ein gutes Stück instrumentaler Musik: „Born, Never Asked“.
Schon jetzt ein ikonisches Stück Musik ist „O Superman (for Massenet)“. Eine Elektronik-Vocoder-(fast) Acapella-Performance-Art.
„Example #22“ schließt mit seinem Bläsereinsatz noch einmal an das Stück „From the Air“ an und zeigt eine gewisse Tom Waits-Brillanz. „Let X=X/It Tango“ wirkt wie eine Mischung aus „Born, Never Asked“ und „O Superman“ und schafft daraus etwas Neues.
Dieses Album kann sicherlich als bis heute bestehender „Türenöffner“ bezeichnet werden, der beweist, dass mit den Mitteln von Pop- und Rockmusik große, dauerhaft bestehende Kunst geschaffen werden kann. Wie viele damals schon langaktive Musikerinnen und Musiker sich davon haben anspornen lassen, etwas Großes zu schaffen, bleibt selbstverständlich reine Spekulation. Wenn ich mir jedoch die Musik von Peter Gabriel, Kate Bush und anderen anhöre, die nach dem Erscheinen dieses Albums entstanden ist, bin ich überzeugt, dass der Einfluss dieser Platte relativ groß war und bis heute Musik und Kunst inspiriert. Ein Meisterinnenstück. (285)

Marisa Anderson/William Tyler - Lost Futures (2021)
Zwei hervorragende Akustikgitarristen spielen auf dem Album meist schöne Instrumental-Americana-Musik. Diese Musik nimmt einen mit auf eine Reise durch die Weiten der amerikanischen Landschaft und darüber hinaus – Desert-Soul.
Mit „Something Will Come“ steigert das Duo das Tempo und präsentiert einen treibenden, elektrisch verstärkten Gitarrensound. Nach diesem kraftvollen Stück wird es wieder ruhiger.(70)
Courtney Marie Andrews – Loose Future (2022)
Das Titelstück „Loose Future“ ist ein schöner, ruhiger und zugleich schwungvoller Song, der einen guten Eindruck davon vermittelt, was den Hörer bei den folgenden Stücken erwartet. Es handelt sich um Singer/Songwriter-Lieder und Pop-Rock-Musik mit einem Hang zu Americana und Country, die an Fleetwood Mac erinnern. Die Songs sind sehr schön arrangiert und produziert.
Das Material ist abwechslungsreich und lädt zum Durchhören ein – was bei einer Spielzeit von 33 Minuten auch wirklich kein Problem ist. Die zweite Hälfte der Lieder ist mir allerdings etwas zu gefühlsbetont und kitschig geraten, doch die erste Hälfte gleicht das aus.
Das neunte Album in vierzehn Jahren zeigt eine Musikerin, die ihren Sound offenbar gefunden hat. Da ich Courtney Marie Andrews erst mit diesem Album kennengelernt habe, könnte ich noch acht weitere Alben nachholen. Gute Aussichten, denn es gibt ja so viel zu entdecken.


...and you will know us by the Trail of Dead – Tao of the Dead (2011)
Album Nummer sieben der Band besteht aus den beiden Musikern Conrad Keeley (Vocals, Gitarre, Schlagzeug, Piano) und Jason Reece (Gesang, Schlagzeug). Die Geschichte von „Tao of the Dead“ ist mit dieser Platte noch nicht zu Ende erzählt – auf beigefügten EPs wird sie mit dem nächsten Album fortgesetzt. Während Conrad Keeley eher auf Prog-Rock steht, fühlt sich Jason Reece mehr im Punkrock-Bereich wohl. Die Mischung daraus ist, und das ist sogar gar nicht so unlogisch, der Sound von „The Who“ – denn genau so klingt in Teilen dieses Konzeptalbum.
Mit einem eher Post-Rock-Intro beginnt das Album: „Introduction: Let’s Experiment“. Den Anfang mag ich schon einmal so richtig gern. Bei „Pure Radio Cosplay“ klingt es aber einfach wie bei The Who, und das ist nicht schlimm, sondern richtig gut, weil es so schön klassisch rockt, dabei aber auch sehr gut klingt. Der Gesangspart holt die Musik trotzdem in die Gegenwart.
„Summer of All Dead Souls“ rockt fröhlich weiter. Fans klassischer Rockmusik werden sagen müssen: „Hey, das machen die richtig gut“. Auch Heavy-Metal- und Punkrock-Fans werden bei dem Song neugierig hinhören – hier gibt es Rock für alle!
Bei „Cover the Days Like a Tidal Wave“ wird es dann doch mehr Prog-Rock. „Fall of the Empire“ ist dagegen wieder eher im Post-Rock-Bereich angesiedelt. Sanfter Rock und Punkrock verbindet der Song „The Wasteland“ – und das richtig gut. Ein weiteres Post-Prog-Rock-Zwischenspiel ist „Spiral Jetty“. „Weight of the Sun“ ist auch noch einmal ein richtig guter Rock-Song, der zusätzlich Härte zeigt und bereits Stoner-Rock-Qualitäten besitzt. Daran schließt die Reprise-Fassung von „Pure Radio Cosplay“ nahtlos an, womit wir wieder beim Sound von The Who landen.
„Ebb Away“ ist wunderbar sanfter Rock. Am Ende des ersten Teils von „Tao of the Dead“ gibt es noch einmal eine satte Mischung aus Post- und Spacerock mit „The Fairlight Pendant“.
Anschließend folgt Part 2, welcher in fünf Einzelteile aufgeteilt ist, in der Playlist aber als ein einzelnes Stück angezeigt wird. Die Einzelteile heißen „Know Your Honor“, „Rule by Being Just“, „The Ship Impossible“, „Strange Epiphany“ und „Racing and Hunting“. Insgesamt hat dieser Teil eine Lauflänge von sechzehn Minuten und zweiunddreißig Sekunden.
Mit starkem Rocksound beginnt der erste Teil. Es folgt wieder ein Wechsel zum Post-Prog-Stil, und man hört auch eine Pink-Floyd-Referenz heraus. Danach landen wir wieder beim Space-Post-Rock, und ich finde es faszinierend, wie unanstrengend dieser Rockepos zu hören ist. Viele Prog-Rock-Platten können anstrengend werden, wenn sie mehr sein wollen als bloß ein Rock-Song. Bei diesem Rockepos von …And You Will Know Us by the Trail of Dead kommt niemals Langeweile auf, und es macht immer Spaß – das ist etwas Besonderes und wirklich Gutes. Im weiteren Verlauf des Songs wird noch einmal sehr gut gerockt, und die Begeisterung an dieser vielfältigen Rockplatte bleibt bis zum Ende erhalten – sehr gut gemacht!
Part drei von „Tao of the Dead“ erhält man beim Kauf von Album Nummer neun der Band dazu.
Anspieltipps: „Pure Radio Cosplay“, „The Wasteland“, „Weight of the Sun“. (512)

….and you will know us by the Trail of Dead – „IX“ (2014) (limited Edition mit Bonus Songs und EP)
„The album is about loss and how we´ve all experienced it. We hope you can all relate. If you can´t relate then you aren´t human and you deserve to die“
Die Songs klingen textlich nicht sehr optimistisch. Wie im Vorwort zu erwarten, geht es um Verlust – von Liebe, Glauben und Freunden.
Zunächst präsentiert sich der Sound in geradlinigen, kraftvollen Rocksongs, die Anleihen an Space-, Psychedelic- und Stonerrock zeigen. Man könnte es einfach als Alternative Rock bezeichnen. Die Musik vermittelt dabei häufig den hier besungenen Verlust in einer zornigen Stimmung. Nach den ersten drei Songs wird das Tempo etwas ruhiger und die Melodien eingängiger. Als Single eignet sich besonders der sehr eingängige Song „The Dragonfly Queen“.
Mit einer orchestralen Einleitung beginnt „How to avoid huge ships“, das sich ständig steigernd zu einem kraftvollen, härteren Sound entwickelt. Nach der kurzen instrumentalen Rockoper „Like Summer Tempests Came his Tears“ endet das Album mit dem hymnischen „Sound of Silk“. Wer kraftvollen Rock mag, ist hier genau richtig. Sicher könnte das auch für Prog-Rock-Fans interessant sein. Mich hat die Band damit auf jeden Fall für sich gewonnen.
Die Bonusstücke sind beide instrumental. „Keep Warm Fire“ bietet eine orientalische Melodie, während „Feelings and How to Destroy Them“ eine schöne, etwas weniger harte Rocknummer ist. Die EP „Tao of the Dead – Part 3“ setzt den Sound des Albums noch einmal fort. Wer von dem Klang der Band nicht genug bekommen kann, für den ist dies eine gelungene Zugabe.(33)

AnnenMayKantereit – AnnenMayKantereit (2013)
Das erste, noch selbst herausgebrachte Album des Trios habe ich direkt nach ihrem Auftritt im Druckluft (Oberhausen) gekauft, bei dem ich sie zum ersten Mal hörte und erlebte. Ihr Auftritt hatte mich als damals über 40-Jährigen so sehr mitgerissen, dass ich am Merchstand beim Kauf der CD dem Sänger Henning May sagte, ich sei „verliebt“. So etwas sage ich nicht leichtfertig. Aber mit ihrer Musik, ihrem ehrlichen, ungestümen Auftreten und der Stimme von Henning May gewannen sie nicht nur mich bei ihren Liveauftritten für sich.
Bei jedem weiteren, schnell aufeinanderfolgenden Konzertbesuch wuchs die Fangemeinde, und leider können sie mit ihren Fans inzwischen schon große Hallen und Stadien füllen. Das passt jedoch irgendwie nicht zu ihrer handgemachten, meist akustischen Musik, die in einer intimeren Atmosphäre deutlich besser zur Geltung kommt.
Aber so ist das nun einmal, und auch dieses erste live eingespielte Album ist immer noch ihr bestes, weil es einfach die urtümliche Lebendigkeit dieses Trios am besten wiedergibt, oder es ist so, weil genau diese Songs mich das mit dem „verliebt sein“ haben sagen lassen und ich sie auch nach dem hundertsten Mal immer noch liebe.
Und mal wieder englischsprachige Traditionals wie „James“ und das wunderschöne „Leavin!“ sollten sie auch mal wieder auf ihren Platten haben. Trotz dieser Kritik an die erfolgreichen Musiker mag ich sie immer noch. Live in großen Hallen möchte ich sie allerdings nicht mehr erleben. Dann höre ich lieber zum hundertsten Mal diese CD. Für diese gebührt ihnen aber immer großer Dank.
Schon der Gesang und die Instrumentenaufnahme bei „Wohin Du gehst“ strahlen deutlich mehr Authentizität aus als beim offiziellen ersten Studioalbum „Alles Nix Konkretes“ (die Hansastudios besitzen einfach nicht den Charme des Longericher Bahndamms). Die weiteren Songs nehmen einen mit ihrem Folksongcharme auf eine Reise mit. Zudem liegt ein weiteres Erfolgsgeheimnis der Band im Text: Er spricht sowohl Altersgenossinnen der Band als auch Menschen an, die sich bereits als voll erwachsen betrachten.
Auch die älteren Zuhörer fühlen sich durch die Gesangsleistung bei den englischen Titeln wie „James“ und „What he wanted“ angesprochen und begeistert. Es ist nicht nur eine Frage, wie ein so junger Mann eine so reife Stimme haben kann – es ist einfach etwas völlig Mitreißendes. Der bereits erwähnte zeitlose Folkrockcharme der Songs trägt den Rest dazu bei.
Die Songs wurden auf der Straße getestet und lösten dort offenbar schon Begeisterung bei Passanten und Stehengebliebenen aus. So funktioniert jedes Stück der CD. Ganz gleich, ob „Jeden Morgen“, „Schon krass“ oder das Antiliebeslied „Mir wäre lieber, du weinst“. Natürlich gibt es auch herausragende Titel wie „Barfuß am Klavier“ und „Oft gefragt“, die auch fürs Mainstreamradio gut genug sind. Christopfer Annen, Henning May und Severin Kantereit zeigten sich auf dem Höhepunkt ihrer Kunst – dabei standen sie eigentlich noch ganz am Anfang ihrer Karriere.
Der Abend im Druckluft sollte fantastisch bleiben, denn danach durfte ich zum ersten Mal die fabelhafte Kat Frankie live erleben. Legendäre Live-Abende gibt es eben nur in kleinen Locations, glaubt mir das. (345)

Antilopen Gang – Alles muss repariert werden (2024)
Die Antilopen Gang ist für die einen zu viel Rap und für die anderen zu viel Punk. Nun gibt es für jede Fraktion eine eigene Platte. Beide Platten oder Discs sollte man jedoch durchhören, denn sonst entgeht einem das eine oder andere großartige Lied. Ich höre Rap eher selten und auch nicht jeden Tag Punk, doch ich mag gute Songs und gute Texte. Die Texte der Antilopen Gang bieten von Betrachtungen der (politischen) Gegenwart bis zum alltäglichen Wahnsinn einiges für mich. Manche Songs finde ich einfach nur absurd gut, also lustig – und davon gibt es gerade auf der Punk-Platte einige. Das „Ruhrpott Rodeo“ erhält sogar einen eigenen Song, bei dem alle Punk-Fans im Pott begeistert mitsingen werden. Es sei denn, sie fühlen sich doch von der Gang auf den Arm genommen – aber Punks haben ja Humor. Tief im Inneren waren Panik Panzer, Koljah und Danger Dan schließlich immer schon Punks und zugleich verdammt gute Rapper, zumindest im direkten Vergleich. Den Rest müsst Ihr Euch selbst anhören.(407)

Antony and the Johnsons – Antony and the Johnsons (2000)
Die Stimme von Anohni (früher Antony Hegarty) ist von Anfang an so prägnant und ungewöhnlich, dass sie sofort Aufmerksamkeit und Begeisterung erregte. Eine Stimme, die man sich gut im Varieté vorstellen kann, ist in der Indie-Musik etwas Besonderes. Dass sich Anohni für die Trans-Bewegung einsetzt, sei hier erwähnt, ich möchte jedoch lieber auf die Musik der Debütplatte eingehen. Die Songs sind mit Orchesterinstrumenten eingespielt, also vor allem mit Streichern und weniger mit Bläsern. Dadurch hebt sich die Musik deutlich von den üblichen Rock- und Pop-Genres ab. Es handelt sich um anspruchsvolles Songwriting, das höchst effektvoll, dabei aber keinesfalls anstrengend, sondern sehr gefühlvoll ist. Rufus Wainwright macht Ähnliches, doch empfinde ich seine Stücke eher als anstrengend. Diese klassische Instrumentierung passt einfach hervorragend zu der emotionalen Stimme und den Melodien und ließ sich in den späteren Jahren aufgrund dieser Ausrichtung gut mit elektronischen Klangteppichen verbinden.
Ein schönes Beispiel für die Musik von Antony and the Johnsons ist „River of Sorrow“, der meinem Lieblingssong der Band, „Fistful of Love“ vom 2005 erschienenen Album „I Am a Bird Now“, sehr ähnlich ist. Für mich ist das große Musik zum Schwelgen, Träumen und Wegtauchen. Fremde Emotionen einfach aufsaugen und die daraus gewonnenen neuen Gefühle genießen – genau das kann diese Musik und macht sie deshalb so besonders.(132)

Antony and the Johnsons – Thank you for your Love (2010)
Exzellenter, anspruchsvoller Indie-Chamberpop mit starkem Gospel- und Soul-Einfluss, der – wie bei Antony (später Anohni and the Johnsons) üblich – wesentlich von der besonderen Gesangsweise von Anohni Hegarty geprägt ist. Bei dieser EP mit fünf Songs kann man als Fan der Band nichts falsch machen.
Leicht melancholisch, aber wunderbar träumerisch, strahlt die Musik von Antony and the Johnsons immer viel Hoffnung aus – und gerade in diesen Zeiten können wir davon besonders viel gebrauchen. Mein persönliches Highlight der EP ist das wunderschöne und sehr berührende Stück „Pressing On“. Außerdem ist das Cover von „Imagine“ von Antony and the Johnsons einfach nur beeindruckend.(500)
Anthony and the Johnsons – Swanlights (2010)
Das ist das vierte Album der Band, das parallel zum Album mit einem hochwertigen Buch aus Kollagen, Bildern und Texten veröffentlicht wurde.
Die Arbeit an den Songs nahm drei Jahre in Anspruch. Viele der Titel waren bereits während der Aufnahmen zum Vorgängeralbum entstanden. Mit der Kombination von Musik und Kunst hat Anohni ihr Schaffen um einen weiteren Bereich erweitert. Die Arbeiten für das Buch wurden zudem in Kunstgalerien verschiedener Länder ausgestellt.
„Everything is New“ könnte eine Liveaufnahme sein. Gesang und das Stück, eingespielt mit Klavier und Streichern, klingen wunderbar echt, selbst wenn sich noch ein paar Instrumente dazumogeln. Das Musikgenre ist erneut sehr offen: Klassik trifft auf Chamber-Pop, doch das Stück vermittelt noch viel mehr. Das merkt man schon am langsamen Einstieg und daran, wie es sich stetig weiterentwickelt und am Ende fast explodiert. Große Kunst.
Beim Gesang bin ich wirklich erstaunt, wie lebendig er wirkt. Ich höre per Kopfhörer und habe dennoch fast den Eindruck, als wären Anohni und die Musiker mit mir im Raum. Musikalischer Naturalismus trifft hier auf sanften Chamber-Folk, der einfach nur wunderschön ist. Das Stück heißt übrigens „The Great White Ocean“.
„Ghost“ als Lied bringt mehr Temperament mit. Der Gesang wirkt euphorisch und schnell, das Klavierspiel ist melodiös. Eleganz in musikalischer Form – so mitreißend und schön schaffen es nur wenige. Ganz großartig, wie sehr ich das alles wieder liebe. Das ist genauso herausragend wie die Lieder der zuvor veröffentlichten EP. Anohni schafft es, mich zum begeisterten Fan zu machen und für sich zu gewinnen – für immer.
Die Begeisterung steigt durch den geschickten Instrumenteneinsatz bei „I’m in Love“ sogar noch. Ich bin euphorisiert.
Das Titelstück „Swanlights“ erzeugt eine spannende Atmosphäre, ohne dabei ins Düstere abzurutschen. Der Song spielt mit elektronischen Verzerrungen, bleibt dabei aber stellenweise etwas statisch.
„The Spirit is Gone“ beginnt ganz sanft – eine süße Mischung aus Traurigkeit und Schönheit.
„Thank you for your Love“ ist der Hit der Platte und einfach mitreißend. Soul trifft auf Chamber-Pop, genial umgesetzt. Die Botschaft ist dabei so einfach.
Klavier und Björk (Gänsehaut garantiert) vereinen sich im Duett „Flétta“. Solch ein Zusammenspiel gibt es nicht alle Tage zu hören.
Nico Muhly war bereits bei „Ghost“ zu hören. Bei „Salt Silver Oxygen“ teilt Anohni mit ihm den Gesang. Dieses Stück zeigt mir, wie „klassische Musik“ klingen muss, um zu überleben. So kann Musik Generationen von Hörern verbinden. Das möchte ich einfach glauben und hoffen. So großartig ist das.
Am Ende, wobei ich mir wünsche, es könnte noch etwas länger dauern, wird es noch einmal melancholisch mit „Christina's Farm“. Auch dieser Song entführt den Hörer im Laufe der Spielzeit in eine ganz eigene musikalische Traumwelt.
Das ist großartig, ein Meisterwerk, ein Wahnsinnsalbum. 717


Aphrodite´s Child – 666 (1972)
Die Offenbarungen des Johannes sind als Doppel-Konzeptalbum im Stil einer Progressive-Rock-Band gestaltet. Angeführt von Komponist und Keyboarder Vangelis Papathanassiou kann man das Album als experimentelles Rockalbum verstehen. Stilistisch bietet es vor allem aufgrund zahlreicher Brüche sowie Einflüsse orientalischer und arabischer Musik eine große Vielfalt. Herausragend ist der Song „The Four Horsemen“, der gerne in Clubs und Discos gespielt wurde.
Dass Vangelis als Solokünstler viel Beachtung fand und insbesondere durch seine Arbeit als Filmmusiker Anerkennung und Auszeichnungen erhielt, ist allgemein bekannt. Demis Roussos, der bei Aphrodite’s Child für Gesang und Bass zuständig war, konnte in Deutschland als Schlagersänger größere Erfolge feiern.
Seite 2 des Doppelalbums besteht aus kleinen Songminiaturen. Dabei hätten die rockigen Stücke gerne länger sein dürfen, während die experimentellen Zwischenstücke ruhig etwas kürzer hätten ausfallen können. Dennoch ist deutlich zu hören, dass Aphrodite’s Child mit den damals bedeutenden Prog-Rock-Größen durchaus mithalten konnten. Außerdem spürt man, dass Vangelis sich schon zu dieser Zeit größere Ziele gesetzt hatte und in seinen Kompositionen nach dem Besonderen suchte. Einfache Rockmusik stellte für ihn schon damals keine Herausforderung mehr dar.
Seite 3 enthält mehrere Einzelstücke mit teilweise sehr guten Passagen. Der Titel „Unendlichkeit“ sorgte wegen des an einen Geschlechtsakt erinnernden Gesangs von Irene Papas für einen kleineren Skandal und hätte beinahe die Veröffentlichung verhindert. Man sollte das Stück auch heute nicht laut bei offenem Fenster hören, so wie ich es gerade mache.
Die letzte Seite besteht aus dem fast zwanzigminütigen Stück „All the Seats Were Occupied“, das mit starken Psychedelic-Rock-Passagen überzeugt. Das abschließende Stück „Break“ beendet das Album auf verträumte Weise. Aufgenommen wurde das Album im Europasonor-Studio in Paris, in dem später auch Pink Floyd ihre Alben „Meddle“ und „The Dark Side of the Moon“ aufgenommen haben. (119)

Fiona Apple – Extraordinary Machine (2005)
Das dritte Album war für Fiona Apple eine schwere Geburt. Eine erste Fassung des Albums wurde bereits 2003 produziert, doch das Ergebnis gefiel dem Plattenlabel nicht, da es einen zu geringen kommerziellen Erfolg versprach. 2005 erschien das Album schließlich in einer stark überarbeiteten Version, während vorher immer mehr unveröffentlichte Stücke auftauchten.
Das Titelstück „Extraordinary Machine“ mit seinen Streichern und Bläsern klingt wie aus einem Schwarzweiß-Hollywood-Musical, ist aber dennoch einnehmend. „Get Him Back“ ist eine leicht schräge Rocknummer, der jedoch der Bigband-Sound weiterhin anhaftet. „O´Sailor“ bestätigt die leicht schräge Melodie, und Fiona Apple erinnert wegen des Pianos im Vordergrund der Musik an Randy Newman. Tatsächlich ist die Musik nicht ganz leicht zugänglich, doch Fiona Apple möchte ja auch Art-Pop machen und keinen Mainstream-Pop. „O´Sailor“ überzeugt am Ende dennoch, weil der Song sehr gut funktioniert und es schafft, den Hörer einzufangen. Kurz nach dem Hören von Julia Holters „Loud City Song“ spüre ich eine gewisse Parallele zwischen den beiden Sängerinnen und Songwriterinnen in ihrer Liebe zum Bigband-Sound, auch wenn er ohne Bigband erzeugt wird.
„Better Versions of Me“ klingt allerdings zu sehr nach dem zuvor gehörten „Get Him Back“ und überzeugt deshalb nicht. „Tymps (The Sick In The Head Song)“ bringt den Swing der 20er und 30er Jahre in die Gegenwart, mehr aber auch nicht. Irgendwie fehlt dem Ganzen etwas Herz und Seele – es scheint, als störe der zu starke Kunstgedanke die Musik, oder ich verstehe die Künstlerin einfach nicht. Weil es einfach eine zeitlose „Sängerin-am-Klavier-Nummer“ ist, ist „Parting Gift“ gelungen. Bei „Window“ stimmt ebenfalls alles. Eigentlich könnte Fiona Apple so gut sein wie Leslie Feist und mit ihrer Musik genauso begeistern, denn das beweist sie mit „Window“. Sie macht bei „Oh Well“ auch nicht viel falsch, aber auch bei diesem Song bleibt ein „Aber“. „Please Please Please“ fällt bei mir durch, da mag ich das ruhige „Red Red Red“ viel lieber. „Not About Love“ – da sage ich hilflos: Jein. Und beim Schlussstück „Waltz (Better Than Fine)“ bin ich einfach froh, dass die CD ein Ende hat.
Als Mischung aus der Musik von Randy Newman und Feist ist der Sound der Platte gut beschrieben, doch nur die Hälfte der Songs werden zunächst in meiner Playlist bleiben. (201)

Fiona Apple – The Idler Wheel is Wiser.... (2012)
Angespornt durch den schönen Titelsong der Serie „The Affair“ von Fiona Apple hatte ich mir zwei CDs gekauft. Die erste, die ich gehört habe, war „Extraordinary Machine“. Dieses Album gefiel mir wegen des zu starken Willens zur Kunst und weniger wegen der guten Songs kaum. Da ich jedoch zwei CDs erworben hatte, bekam Fiona Apple bei mir noch eine weitere Chance. Mal sehen, ob mir das Nachfolgealbum besser gefällt.
Wer das Vorgängeralbum kennt, erkennt die Musikerin und ihren Stil sofort beim ersten Stück „Every Single Night“ wieder. Diesmal setzt sie ihren Stil jedoch etwas zurückhaltender in einem eher ruhigen Song ein. „Daredevil“ klingt im Vergleich zum Material des Vorgängeralbums mehr nach ausgefeiltem Songwriting als nach ausgefeilter Musikkunst. Diesmal gelingt es ihr, die Musik so zu gestalten, dass das Hören Freude macht und keineswegs anstrengend wirkt. Als Vergleich fällt mir am meisten die französische Musikerin Camille ein. Auch „Valentine“ begeistert mich. Art-Alternativ-Songwriter-Pop-Rock. Das Album wurde mehrfach in der Kategorie „Alternativ“ ausgezeichnet und in vielen Best-Listen aufgenommen.
Bei den meisten Stücken ist das Klavier das tragende musikalische Element; hinzu kommt meist noch Schlagwerk. Fiona Apple hat die Stücke zusammen mit ihrem damaligen Touring-Drummer Charley Drayton produziert und aufgenommen. „Jonathan“ ist das Stück, bei dem diese beiden Elemente besonders auffällig sind. Das setzt sich bei „Left Alone“ fort. Die Musik klingt hier etwas düsterer als bei den vorherigen Stücken. Der Hang zum Sound der Musik der 30er bis 50er Jahre, der beim Vorgängeralbum sehr dominant war, tritt immer wieder durch.
Wenn Fiona Apple etwas folkiger klingt, etwa bei „Werewolf“, erinnert sie mich auch stilistisch an die Musik der von mir derzeit sehr geschätzten Jesca Hoop. So höre ich Fiona Apple gern. Auf jeden Fall ist das Album jetzt schon deutlich besser als das vorherige. Man kann also ruhig jedem Musiker oder jeder Musikerin eine zweite Chance geben. Einen Künstler oder eine Künstlerin nur an einem Werk festzumachen, ist alles andere als fair. Es ist schließlich oft nur eine Phase. Ich habe viele Musiker und Bands, bei denen ich die Alben aus einer bestimmten Schaffensphase mehr mag als die früheren oder späteren.
„Periphery“ setzt den Art-Folk-Stil sehr schön fort. Wie ein Alternative-Folk-Rock-Song klingt „Regret“ – hier trifft das Alternativ-Label also wirklich zu.
Zugeben muss ich, dass ich nach acht Songs sattgehört bin. Bei „Anything We Want“ und „Hot Knife“ sind die einzelnen Stücke zwar wieder großartig, doch meine Konzentration und die Lust am Weithören lassen nach. Ich merke, dass sich alles doch etwas zu ähnlich anhört und mich nicht mehr richtig begeistert. Trotzdem hat mich Fiona Apple mit diesem Album überzeugt, ihre Musik weiter zu verfolgen.(396)
Archive - Londium (1996)
Eine der Bands, von denen ich immer wieder etwas hören wollte, ist und war „Archive“. Jetzt gehe ich genau das an und höre mir ihr Debütalbum an, um eine Wissenslücke zu schließen. Vom Coverlayout der Platten hatte ich den Eindruck, dass sie sich ähnlich wie Pink Floyd oder Progrock anhören könnten. Tatsächlich stammen sie, wie man schon beim ersten Song ihres Debütalbums „Old Artist“ klar hört, unverkennbar aus dem Trip-Hop-Genre. Damit hatte ich zunächst etwas ganz anderes erwartet.
Mit Trip-Hop tue ich mich nicht immer leicht. Einige Trip-Hop-Alben, die ich am Stück gehört habe, können mich schnell langweilen, weil den Platten meist die Abwechslung fehlt. Außerdem wirkt die düstere Stimmung oft belastend, sie unterhält mich nicht, sondern strengt mich eher an. Dass das Genre oft Rap-Elemente enthält, ist für mich eher ein Grund, warum viele Stücke nicht funktionieren – ich bin einfach selten ein Fan von Rap-Musik.
Die ersten Stücke des Albums sind typische Vertreter des Trip-Hop-Genres und bieten die für diesen Stil charakteristische Mischung aus Drum & Bass, düsterem Soul, Blues und einem Hauch Psych-Dance-Rock. Es gibt auch Sprechgesang wie bei „So Few Words“. Das bringt mich meistens aus dem Konzept, weil die Musik dadurch langweilig wirkt. Zwar wird der Sprechgesang dort durch gefühlvollen Soulgesang schön aufgelockert, doch insgesamt klingt Trip-Hop für mich oftmals zu monoton. Egal ob Massive Attack oder andere: Es könnte von demselben Künstler stammen, ohne dass man es sofort merkt. Ich könnte wetten, dass niemand erkennt, ob „So Few Words“ etwa auf einem Massive Attack-Album wäre, obwohl andere Musiker daran beteiligt waren.
Der Song „Headspace“ hat einen schönen Soul-Touch, weshalb ich ihn gerne höre. Auch „Darkroom“ ist kein schlechtes Stück, leidet aber am typischen Trip-Hop-Eindruck: „Hast du eines gehört, hast du alle gehört“. Insgesamt ist es eher eine Platte, die mit einzelnen Stücken in einer zufällig zusammengestellten Playlist glänzen kann.
Das sanftere Titelstück „Londinium“ hätte mich mit seinem Soul-Intro fast richtig begeistert, wäre da nicht wieder der Sprechgesang, der den Eindruck dämpft. Schade. Doch der gelungene Instrumentalteil hebt das Stück aus der Masse des Mittelmaßes heraus und begeistert mich schließlich doch. Mit „Man-Made“ kehrt die Platte allerdings wieder zurück zum Trip-Hop-Einerlei. Erst der komplexe Rhythmus von „Pavaneh (Butterfly)“ fesselt mich erneut. Dieser Song zählt zu den besseren seines Genres. „Beautiful World“ kombiniert Trip-Hop und Rap auf eine Weise, die an Faithless erinnert, und entwickelt im Verlauf eine überraschende Qualität.
„Organ Song“ beginnt mit Streichern, und das Orchestrale passt gut zu diesem melancholischen kurzen Instrumentalstück. Ein sanfter Abschluss gelingt mit „Last Five“, das sich als moderner Psych-Folk-Beitrag gut einordnen lässt.
Das Album lebt durchweg mit der Schwäche des Trip-Hop-Genres: Viel klingt ziemlich ähnlich. Dennoch gibt es einige gute Einzelstücke, die es wert sind, gehört zu werden. Ich habe eine musikalische Wissenslücke geschlossen, wenn auch nur teilweise, denn bei Archive haben wechselnde Musiker in der Gruppe immer wieder zu Stiländerungen geführt. Vielleicht gilt also nicht für alle ihre Werke „kennst du eines, kennst du alle“. Ein Wiederhören ist also sicher nicht ausgeschlossen. Zum Schluss gibt es noch einen Hidden Track – Überraschung.


The Art of Noise – Who´s afraid ot the Art of Noise? (1984) Deluxe CD Set mit DVD - 2011
Sampling mit dem Fairlight CMI Synthesizer wurde nicht nur von Musikern wie Peter Gabriel, Kate Bush und Thomas Dolby genutzt (um nur einige zu nennen), sondern auch von Trevor Horn für Produktionen seines eigenen Labels ZTT Records (unter anderem für Frankie Goes to Hollywood, Propaganda und Seal). Das hauseigene Orchester des Labels war „The Art of Noise“ mit Anne Dudley, J.J. Jeczalik, Paul Morley, Gary Langan und eben Trevor Horn, der unter anderem bei „Yes“ Bass spielte.
Das Besondere an Art of Noise sind die poppigen Melodien, die aus Samplings entstehen und eher für die Hitparaden gedacht sind als die eher langsam dahintreibende instrumentale Elektronik aus Deutschland. Wie bei allen ZTT-Produktionen gehörte dazu eine pompös klingende Produktion, für die das Label insbesondere bei seinen Maxisingles bekannt war und die auch heute noch großartig klingt, sowie einige für damalige Zeiten beeindruckende Videos (Bonus-DVD), die bei der Vermarktung halfen.
Zu den Highlights zählen sicherlich die Stücke „Beatbox“ und „Close (to the Edit)“, die sich allerdings sehr ähneln, sowie das ruhige „Moments of Love“, das problemlos in den „Blade Runner“-Soundtrack gepasst hätte. Schon das Eröffnungsstück „A Time of Fear (Who’s Afraid)“ zeigte, dass sie es technisch mit Kraftwerk aufnehmen konnten und auch mit heutigen Elektromusikern konkurrierten.
Im Rückblick lassen sich „Beatbox“ und „Close (to the Edit)“ als Weiterentwicklung von „Rockit“ (1983) von Herbie Hancock einordnen, dessen Drumsounds hier eindeutig übertroffen werden. So machte Art of Noise instrumentale Elektromusik erstmals charttauglich. (26)
Ásgeir – Afterglow (2017)
Ásgeir Trausti ist ein isländischer Musiker, der meist melancholischen Indie-Pop macht. Seine Alben bringt er meistens in zweisprachigen Varianten heraus, auf Isländisch und Englisch. „Afterglow“ ist sein zweites Album.
Das Album beginnt mit Pianomusik, dazu singt Ásgeir mit hoher Stimme, wodurch er ein wenig an Anohni erinnert. Der Song entwickelt sich fast zu einer orchestralen Hymne, bevor er im leichten Indie-Pop-Stil weitergleitet. So verbindet Ásgeir Drama und Leichtigkeit in einem Stück. Zwar fehlen dem Song ein wenig die Ecken und Kanten, die man bei dieser Art von Musik manchmal vermisst, doch insgesamt ist das gekonnt umgesetzt.
Schöne elektronische Soundideen prägen das zweite Stück „Unbound“. Es macht Freude, diesen Titel zu hören, auch wenn es eindeutig Popmusik ist – aber eben richtig gut gemachte.
„Stardust“ funktioniert dann auch ohne Melancholie; das ist wohl die isländische Fröhlichkeit, die der Song ausstrahlt. Besonders gefällt mir, dass das Album insgesamt recht abwechslungsreich ist und nicht nur aus melancholischen Pop-Balladen besteht.
Der Pop von Ásgeir ist vielleicht nicht herausragend, denn er richtet sich doch sehr an ein größeres Mainstream-Publikum. Für mich ist das jedoch Musik, die den Alltag schön macht. Musik zum Unter-der-Decke-Hocken, zum Gemütlichmachen, zum Abschalten – und das gelingt den Songs wie „Here Comes the Wave“ ausgezeichnet, die sogar etwas Schwung in den Alltag bringen.
Sehr sakral und erhaben klingt „Underneath It“, wobei die Musik wieder an den leicht verpoppten Bruder von Anohni erinnert. Kurz und ebenfalls ruhig ist „Nothing“, das allerdings etwas überflüssig erscheint, da es dem Album nichts Neues hinzufügt.
Dagegen gefällt mir „I Know You Know“ als guter Popsong viel besser.
Es wäre seltsam, wenn ein Song wie „Dreaming“ nicht verträumt klingen würde, und so ist es dann auch. Verträumtheit scheint bei Ásgeir eine Grundstimmung zu sein. Solche Stücke eignen sich gut für Filme und zur Nutzung als Soundtrack. Besonders beeindruckend ist der Instrumentalteil, der fast orchestrale Züge trägt.
Etwas kitschig gerät die „Feiertagsmusik“ „New Day“. Das Stück ist fast zu schön, aber um diese Wirkung zu erzielen, braucht Ásgeir nicht viel. Seine sanft klingende hohe Stimme und ein bisschen klassisch anmutende Popmusik genügen, und genau das beherrscht der Isländer ganz hervorragend.
„Fennir Yfir“ könnte Ásgeir ohne Probleme als Soundtrackmusik beisteuern. Hier funktionieren Songs wie dieser genau richtig. Zusammen mit „Unbound“ und „I Know You Know“ zählt dieses Stück zu den Highlights des Albums.
Zum Abschluss gibt es noch einmal sakralen Pop mit „Hold“, wovon es auf dem Album tatsächlich einige Stücke zu hören gibt.
Eine Bonus-CD enthält Alternativversionen von „Afterglow“ und „Unbound“, sowie die Coverversion des Pixies-Songs „Where Is My Mind?“ und den unveröffentlichten Song „Trust“.
Die Alternativversion von „Afterglow“ ziehe ich der Originalversion vor, weil sie weniger orchestral klingt und als sanfter Popsong mit guten Soundideen sehr gut funktioniert.
Dagegen ist die Alternativversion von „Unbound“ leider zu glatt geraten, weshalb ich die reguläre, klug arrangierte Variante deutlich besser finde.
Aus „Where Is My Mind?“ macht Ásgeir etwas ganz Sanftes. Das gelingt ihm allerdings weniger gut als bei seiner Version von „Heart-Shaped Box“ von Nirvana auf dem ersten Album. Dennoch ist es mal etwas anderes.
„Hold“ ist eine sanfte Akustiknummer, fast ausschließlich von einer Gitarre begleitet. Dabei erinnert seine Stimme fast an das, was Bon Iver und andere Folkpop-Bands heute liefern.
Als zurückhaltende Popmusik mag ich das, was Ásgeir macht, wirklich gerne. Es würde mich jedoch interessieren, wie er klingen würde, wenn er seine Platten nicht fast vollständig alleine und vor allem mit elektronischen Sounds machen würde, sondern mal mit einer Band. So minimalistisch ausgestattet habe ich ihn damals auch beim Traumzeit-Festival vor vielen Jahren gesehen, und da sprang der Funke direkt auf mich über. (615)


Richard Ashcroft – Keys to the World (2006)
Für mich ist das ein einfach großartiges Popalbum, auf dem jeder Song problemlos als Single-Auskopplung funktioniert und sowohl Kopf als auch Herz der Hörer im Sturm erobert. Die Songs mögen für Brit-Pop-Fans vielleicht zu poppig sein, für Alternativhörer zu schnulzig, aber ich finde das Album einfach großartig. Es ist voller sehr guter, kraftvoller Songs – ganz große Pop-Kunst.
Während „Why Not Nothing“ noch ein gut gerockter Party-Rock-Song ist, beginnt mit „Musik is Power“ die Aneinanderreihung gekonnter Pop-Perlen. Solche Stücke finde ich einfach wundervoll, denn sie zelebrieren die Kraft der Musik und zeigen, warum wir ihr immer wieder verfallen. Gegen einschmeichelnde, gute Musik, die vielleicht für Musikkritiker zu einfach gestrickt und zu berechnend auf ein großes Publikum ausgerichtet ist, sage ich: scheißegal – es funktioniert doch großartig. Das gilt auch für „Break the Night with Colour“ (der Song kann es meiner Meinung nach sogar mit „Wonderwall“ von Oasis aufnehmen), „Words Just Get in the Way“ und „Keys to the World“. Das süße „Sweet Brother Malcom“ mag ich ebenfalls sehr. Mit „Cry ‘Til the Morning“ und dem herrlichen „Why Do Lovers“ geht der Songreigen absolut gekonnt weiter. Mainstream-Musik auf diesem Niveau lasse ich mir total gerne gefallen. „Simple Song“ – vielleicht ist das das Erfolgsrezept – funktioniert, wenn sie gut gemacht ist, und auf diesem Album sind die Songs wirklich gut gemacht. Ashcrofts Stimme trägt einen großen Teil dazu bei, einen einfachen Song zu etwas Besonderem zu machen. Dafür braucht es auch einen guten Interpreten. Zum Ende wird es mit „World Keeps Turning“ etwas sanfterer Rock. Ich mag das alles sehr! (281)
Ash Ra Tempel – Starring Rosi (1973)
Ashra Tempel, später auch einfach Ashra genannt, ist ein Projekt des Gitarristen und Musikers Manuel Göttsching. Beschäftigt man sich mit Kraftwerk, Tangerine Dream, Neu! oder Cluster, kommt man an einer Begegnung mit Ash Ra Tempel nicht vorbei. Ich beginne mal mit diesem Album von 1973.
Anders als bei Schulze und Cluster ist es vor allem die Nutzung der E-Gitarre durch Göttsching, die aus der Musik keine rein elektronische Musik macht. Das verbindet ihn eher mit „Neu!“ und dem Gitarristen Michael Rother.
Verzerrtes Gelächter eröffnet „Laughter Loving“, danach folgt flotter, leichter Rock, der zunächst wenig mit elektronischer Musik zu tun hat. Der Sound ist vor allem instrumentale, lockere und leichte Rockmusik. Nach einigen Minuten mischen sich Synthesizerklänge mit ein, die jedoch nicht die Oberhand gewinnen, sondern als Teil des Bandgefüges erhalten bleiben.
Zu Ash Ra Tempel gehörten bei den Aufnahmen neben Göttsching auch Dieter Dirks und Harald Grosskopf. Wie bei Tangerine Dream war auch bei Ash Ra Tempels erstem Album Klaus Schulze als Schlagzeuger tätig. Daher gibt es eine Vernetzung zwischen den Musikern all dieser Gruppen.
„Day-Dream“ erinnert eher an englischen Psych-Folk und klingt dabei sehr entspannt. In diesem Stück ist der Sprechgesang von Rosi Müller zu hören. Sie ist vermutlich auch die im Albumtitel genannte Rosi. Man könnte den Song als sanften Krautrock bezeichnen.
Wegen der Gitarrenarbeit und des Sounds erinnert „Schizo“ nicht nur an Krautrock, sondern auch an den Prog-Rock von Pink Floyd. Es ist eine gute Instrumentalrock-Nummer, die relativ kurz gehalten ist.
Das noch kürzere Stück „Cosmic Tango“ klingt dagegen ganz anders – etwas eigen, mit Anklängen an CAN, aber mit eingelagerten frühen Dub-Effekten.
Damit ist dieses Album, ähnlich wie „Zuckerzeit“ von Cluster, sehr abwechslungsreich gestaltet und unterscheidet sich deutlich von der Musik von Klaus Schulze und Tangerine Dream.
Allerdings klingt „Interplay of Forces“ überraschenderweise fast wie eine Schulze-Nummer. Hier darf Rosi Müller über die mystischen Klänge sprechen. Nach vier Minuten wird das gut neuneinhalbminütige Stück dann doch rockig – gerade rechtzeitig, wie ich finde. Den rockigen Part mag ich besonders, denn er erinnert stark an „Neu!“.
Der verträumte und dadurch etwas folkigere Song „The Fairy Dance“ erinnert an Mike Oldfield.
Zum Abschluss wird es mit „Bring Me Up“ noch einmal etwas flotter und rockiger.
Insgesamt fühlt sich das Album so an, als wäre es nett gewesen, es einmal zu hören. Das reicht dann aber auch. Es fehlt ein wirklich besonderer Song. Das ist keine schlechte Musik, doch es mangelt dem Album an eingängigen Stücken, die nachhaltig in Erinnerung bleiben.


Asian Dub Foundation - Facts & Fictions (1995)
Meine einzige richtige Erinnerung an die Asian Dub Foundation ist, dass ich sie einmal als Vorgruppe von Radiohead gesehen habe und beim Auftritt eigentlich Spaß hatte. Dennoch konnte ich mir nicht vorstellen, dass mir ihre Musik auf der Länge einer CD genug gefallen würde. Jetzt bin ich auf eine Rezension ihres Albums von 2020 gestoßen und habe mir gedacht: Warum nicht mal ihr Debütalbum anhören? Also höre ich es mir nun an.
Elektronik, Drum & Bass, Ethno, Reggae und Rap zu einem neuen großen Ganzen gemixt, gepaart mit politischen Texten – so klingt die Asian Dub Foundation. „Witness“, das Eröffnungsstück des Albums, wirkt wie eine Mischung vieler bekannter Musikstile und überzeugt mit seiner ganzen Bandbreite auch über die gesamte Songlänge. Die Musik erinnert an ein Mixtape aus den 90er Jahren. Wer jedoch elektronische Acts wie Faithless und Prodigy mag, gemischt mit Beastie-Boys-Gesang, wird mit der Musik der Asian Dub Foundation am ehesten etwas anfangen können.
„P.K.N.B.“, der zweite Song, verliert etwa in der Mitte etwas an Spannung – das könnte auch bei den weiteren Titeln ein Problem sein, denn viele überschreiten die sechsminütige Marke. Der Drum-&-Bass- und Dub-Rap-Mix wirkt zwar gut produziert und gespielt, langweilt aber beim dritten Stück „Jericho“, weil sich alles recht ähnlich anhört. Das liegt vor allem am schnellen Rap-Gesang, der sich kaum variiert (ein Grund, warum ich mit Rap-Musik generell wenig anfangen kann). So sind die Stücke eher einzelne Songs, die man gut in einer Playlist hören kann, zusammen genommen aber schnell ermüden – eine häufige Erfahrung bei Alben mit elektronischen Beats.
Der vierte Song „Rebel Warrior“ bricht jedoch mit dieser Stimmung. Er ist nicht so düster, besticht durch schöne Synthesizer-Sounds und macht beim Hören sofort Spaß – ein großartiger Song. Tatsächlich gewinnt das Album wieder an Schwung, besonders mit „Journey“, das anfangs wie ein Faithless-Stück klingt, das Tempo drosselt und durch glänzende Sounds begeistert.
Als ich „Strong Culture“ höre, denke ich, die Asian Dub Foundation hätte den Ethno-Rap bereits perfektioniert und auf ein höheres Niveau gehoben. Das Stück eignet sich hervorragend als Stimme gegen Globalisierung und Massenkapitalismus und lädt mit gutem Gewissen zum Tanzen ein. Leider ist der Song zum reinen Hören zu lang geraten und bietet zu wenig Abwechslung.
Bei „Th9“ braucht man wieder ein großer Fan von The Prodigy und Dub-Rap zu sein. Dennoch ist die Melodie schön treibend. Percussion-Klänge eröffnen fast jeden Song, bevor elektronische Sounds, Bass, Gesang und Rhythmusmaschinen die Stücke übernehmen und überlagern. Weil der Ethno-Anteil hier gut mit Beats gemixt wird, zählt „Tu Meri“ zu den stärkeren Songs des Albums. „Debris“ ist für mich eher nichts, denn obwohl einige Sounds und Beats gut sind, wird es langsam langweilig. Der Refrain klingt wie aus einem Italo-Western und reißt mich immer wieder aus dem Stück.
Bei „Box“ bin ich dann richtig gelangweilt und wünsche mir langsam ein Ende der CD herbei. Am Schluss folgen zwei „Dub Version“-Stücke: „Thacid“ ist eine ordentliche Drum-&-Bass-Reggae-Nummer, die zudem instrumental gehalten ist – das begrüße ich an dieser Stelle sehr. Auch „Return to Jericho“ ist instrumental und beendet das Album.
Die Asian Dub Foundation macht vieles richtig, doch gelegentlich übertreiben sie es mit der Songlänge, und ein wenig mehr Abwechslung würde dem Album gut tun. Einige Songs sind sehr gelungen, und die Beats sowie Sounds des Ethno-Raps sind durchgehend gut produziert. Außerdem ist das Album eine schöne Reise zurück in die guten 90er Jahre. Der Song „Rebel Warrior“ wird künftig nicht mehr aus meiner Playlist verschwinden.
„The Fairy Dance“ klingt verträumter und erinnert mit seinen folkigen Elementen an Mike Oldfield.
Zum Abschluss wird es mit „Bring Me Up“ nochmal etwas flotter und rockiger.
Bei dem Album hat man das Gefühl, es sei nett gewesen, es einmal zu hören – das reicht dann aber auch. Es fehlt ein wirklich besonderer Song. Dennoch handelt es sich nicht um schlechte Musik, nur bleibt kein Titel nachhaltig im Gedächtnis. (383)

Austra – Feel it Break (2011)
Das Debütalbum des Musikprojekts Austra, dessen einziges festes Mitglied die kanadische Musikerin Katie Stelmanis ist, beginnt mit dem Song „What We Done“. Synth-Pop trifft hier auf Art-Pop-Electronica und wird von Katie Stelmanis’ ungewöhnlichem Gesang getragen. Die Musik erinnert an frühe Björk und den Indiepop von CocoRosie, bei Austra wirkt das aber durchaus radiotauglich, also gefällig im guten Sinn. Noch stärker im Synth-Pop-Modus präsentiert sich „Lose It“. Der Song ist allerdings etwas zu eingängig und vermittelt das Gefühl, Ähnliches schon zu oft gehört zu haben. „The Future“ bietet davon eher wenig oder zu wenig.
Positiv fällt dagegen „Beat and the Pulse“ mit seinem 80er-Jahre-Synth-Pop- und New-Wave-Charme auf. Ganz funktioniert der Mix aus Synth-Pop-Melancholie und dem eher nach Dream- und Düster-Pop klingenden Gesang bei mir jedoch nicht. So ist „Spellwork“ eher nichts für meinen Geschmack. Der Titel hätte beim ESC sicherlich Chancen auf einen Platz in den vorderen Rängen.
Wenn die Songs dagegen gemächlicher im Tempo sind, passt das wieder besser, so zum Beispiel bei „The Choke“. Insgesamt ist das Album eine Abfolge von Songs, die mir mal gut gefallen, mal weniger – mal ist ein Titel gut, dann wieder einer nicht so meins. Mal schauen, wie das endet.
Mit „Hate Crime“ gelingt Austra ein weiteres gelungenes Synth-Pop-Stück. Hoffen wir, dass der Anteil an Synth-Pop-Electronica künftig weiter höher bleibt als der an Dark-Wave-Elementen. Dark-Wave-Fans könnten das jedoch ganz anders sehen. Zunächst geht es auf dem Album eher im Pop-Modus weiter. Aufgrund ihres manchmal pompösen Sounds erinnern Austra bei „The Villain“ ein wenig an eine elektronische Variante von Florence & the Machine – jedoch sind das für mich die Stücke, die eher langweilen, weil mir die rein elektronischen Sounds dort zu wenig sind.
Danach setzt „Shoot the Water“ wieder voll auf den Synth-Pop-Modus. Dieser Song hat sogar eine ganz eigene Note und ist noch einmal richtig überzeugend. Das Fazit dieses ersten Kennenlernens von Austra fällt überwiegend positiv aus, zumal auch „The Noise“ überzeugt und mit „The Beast“ zum Abschluss noch ein Indie-Folk-Stück folgt. Dieses Debüt schreckt also keineswegs davor ab, auch die späteren Alben von Austra zu hören. (384)

Automatic – Excess (2022)
Drei junge Musikerinnen bilden die Band „Automatic“ und spielen klassischen Post-Punk mit zeitgemäßem Wissen. „A New Beginning“ eröffnet die Platte recht flott und nimmt den Hörer sofort mit. Der Anfang von „On the Edge“ hätte auch eine Nummer von Joy Division sein können. Der Einsatz von Synthesizern und Rhythmusinstrumenten erinnert zudem positiv an frühe New-Order-Platten. „Skyscraper“ gibt dem Synthesizer noch mehr Raum. „Realms“ ist etwas ruhiger, während „Venus Hour“ wieder sehr flott daherkommt. Der Rhythmus von „Automation“ klingt nach Krautrock der Band „Neu!“, passt aber sehr gut zum Album und zum Song. Da das bisher Gespielte nicht zu düster klingt, hat die Platte sicher auch bei Alternative-Rock-Fans gute Chancen. „Teen Beat“ ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie geschickt es die drei von Automatic verstehen, Songs zu konzipieren – oder ob diese Ehre Producer Joo-Joo Ashworth oder allen gemeinsam zukommt. Mit „NRG“ steigt der New-Wave-Anteil, und „Lucy“ erinnert an „Tubeway Army“ und ähnliche Bands. Am Ende spricht „Turn Away“ noch die „The xx“-Fangemeinde an. Eine gute Platte.(123)

Ava Luna - Ice Level (2012)
Die Indie- und Dance-Punk-Band aus New York habe ich durch eine Zeitschriftenrezension kennengelernt. Ihr Album „Moon2“ aus dem Jahr 2018 fand ich so gut, dass ich auch wissen wollte, wie sie zu Anfang geklungen haben. Auf „Moon2“ präsentierten sie aktuellen Synthpop mit Soul- und Disco-Elementen.
Vor diesem offiziellen Debütalbum gab es noch eine selbst veröffentlichte Aufnahme sowie zwei EPs. „Ice Level“ gilt jedoch als ihr erstes offizielles Album. Der erste Song „No F“ ist eine äußerst ungewöhnliche Mischung aus Indie-Rock/Pop und Soul. Mit so einem Song gewinnt man sofort Aufmerksamkeit, da diese Kombination eher selten so geschickt präsentiert wird. Man möchte das Stück am liebsten live erleben – ein toller Einstieg. Der „Soul“ bleibt auch beim Titelstück „Ice Level“ erhalten. Der Gesang von Sängerin Felicia Douglas spielt bei diesen Soulnummern eine prägnante Rolle. Auch musikalischer Unterbau, Produktion und Umsetzung sind bei den ersten beiden Stücken mehr als gelungen. Das erinnert an das Soloalbum von Lauryn Hill – ist aber um ein Vielfaches besser, weil deutlich abwechslungsreicher.
Mit „Stages“ nehmen sie mich problemlos weiter mit. Das ist weder Synthpop noch Dance-Punk, wie sie es auf späteren Alben verstärkt spielen. Es ist vielmehr moderner Soul mit klassischer Note. Großartig, was Ava Luna hier zusammen spielt. Ein mitreißendes Stück jagt das nächste. Auch „Wrenning Bay“ und „Sebuential Holdings“, teils mit sehr funkiger Note, machen Spaß. Der authentische Neo-Soul-Touch trägt zum Gelingen der Stücke bei. Im Gesang wird Felicia Douglas mit zunehmender Laufzeit zusätzlich von Sänger und Gitarrist Carlos Hernandez unterstützt.
Wer seinen Soul gerne modernisiert hören möchte, dabei aber nicht auf gute Instrumentalisten verzichten will, ist bei diesem Album genau richtig. Ich hatte lange nicht mehr so viel Freude an einem Soulalbum, das nicht von einem Veteranen dieses Genres aufgenommen wurde. Das liegt auch am großartigen Songmaterial der Band, das sich in vielerlei Hinsicht vom Mainstream-Soul aus dem Radio abhebt. Ein grandioses Soul-Album. (392)

A Void – Dissociation (2022)
Das Trio namens „A Void“ lernte ich als Vorgruppe von „Sorry“ kennen, und ich war vom ersten Takt an vollauf begeistert. Ein Lächeln erschien auf meinem Gesicht, und ich hatte den ganzen Auftritt lang großen Spaß an dem, was ich da hörte: schöner, guter, solider Grunge-Sound. Es klang, als würden die „Smashing Pumpkins“ oder eine ähnliche Band spielen. Das war dann leider schlecht für Sorry, denn meine Begeisterung für deren Auftritt wollte sich danach nicht mehr einstellen.
Also bestellte ich über Bandcamp die CD, die nach einem gescheiterten Versuch – aber dank eines freundlichen Nachfragens von Frontfrau Camille Alexander per Mail – schließlich doch noch zugeschickt wurde. Das „ö“ in meinem Vornamen ist für den internationalen Versand nicht gut (ich schreibe ihn jetzt immer mit „oe“).
Also legte ich die CD ein und hörte los. Sie beginnt mit dem zweiteiligen Stück „Sad Events Reoccure“, und sofort ist man drin in den besten Rock-Sound, der je erfunden wurde. Tolle Gitarrenriffs, kräftige Drums und der einnehmende Gesang von Camille Alexander, die ein wenig wie eine Mischung aus Gwen Stefani und Madeline Juno klingt, aber gleichzeitig auch Screamo-Elemente einfließen lässt. Wer „Smashing Pumpkins“, „Silverchair“ oder „Nirvana“ mag, wird diese Musik ganz sicher lieben.
Das gilt eigentlich für das gesamte Material der Platte: In-Your-Face-Rockmusik mit Punk-Attitüde und dem einzigartigen Alternative-Rock-Sound der 90er Jahre – genau diesen Sound liebe ich sehr. Zwar sind harte Riffs dabei, doch die Musik ist dadurch nicht automatisch nur „heavy“, denn die Melodien lassen genug Raum für Emotionen und intensive Gefühlsausbrüche. Die Songs klingen auch nicht alle gleich, sondern variieren schön, obwohl bei zwölf Stücken ruhigere Songs ebenfalls hätten dabei sein können – aber „ruhig“ scheint nicht ihr Ding zu sein. Es ist schön, dass der Grunge noch von jungen Musikern weitergelebt und gespielt wird. Bitte, bitte mehr davon. Und „A Void“ dürfen gerne auch als Hauptact die Konzerthallen füllen. (130)

Aztec Camera – Dreamland (1992/Wiederveröffentlichung 2012)
Aztec Camera war die Band um den schottischen Musiker Roddy Frame, der inzwischen als Solokünstler aktiv ist. Die Musik zeichnete sich durch Texte und Melodien aus, die an Elvis Costello und Crowded House erinnern. Das Album „Dreamland“ wurde von Ryuichi Sakamoto produziert, was man auch deutlich hört. „Birds“ klingt tatsächlich wie ein Stück von Sakamoto. Dadurch erhält der Song und auch der Großteil des restlichen Materials einen eher nach 80er-Jahre klingenden Sound. Während „Birds“ tatsächlich an Crowded House erinnert, liegt das auch an Roddy Frames Stimme, die Ähnlichkeit mit der von Neil Finn hat. Dieses Crowded House-Gefühl bleibt bei „Safe in Summer“ und „Black Lucia“ erhalten. Es handelt sich um melancholischen Pop, was auch das Markenzeichen von Aztec Camera ist. Etwas Abwechslung bringt das fast akustische „Spanish Horses“, das zudem flotter klingt und als Höhepunkt der Platte gewertet werden kann.
Bei „Dreams Sweet Dreams“ hört man, warum Aztec Camera oft mit Elvis Costello verglichen wird. „Pianos and Clocks“ ist eine schöne, folkige Singer/Songwriter-Nummer. Ab „Spanish Horses“ gewinnt die Platte deutlich an Überzeugungskraft, da die Musik hier etwas zeitgemäßer klingt und das Material abwechslungsreicher ist. Auch „Sister Ann“ kann trotz der großen Ähnlichkeit zu Crowded House punkten. „Vertigo“ ist dagegen wieder eine eher altmodische Pop-Nummer. Wenn Sakamoto der Musik mehr Keyboards hinzufügt, wirkt das auf der gesamten Platte eher störend als unterstützend. Das etwas soulige „Valium Summer“ wirkt zwar kitschig, aber den Refrain mag ich zu sehr, um es schlecht zu finden. Mit „The Belle of the Ball“ endet die Original-CD mit einer weiteren melancholischen Pop-Nummer. Die Neuauflage bietet außerdem noch ein Duett mit Andy Fairweather-Low: den Song „(If Paradise is) Half as Nice“ als Bonustrack.
Wer Crowded House sehr mag und ruhige, unaufdringliche, gelegentlich melancholische Musik schätzt, wird sich mit dem Album anfreunden können.
Zusätzlich enthält die Neuauflage eine Bonus-CD mit einem Liveauftritt aus dem Jahr 1991, bei dem bereits Material von „Dreamland“ zu hören ist. Bei „Birth of the True“ hört man nur Roddy Frame, der sich selbst an der Gitarre begleitet. Das ist klarer Singer/Songwriter-Folk, wie er in einem Pub gespielt wird. Das kann gerne so weitergehen. Offenbar bleibt es auch bei dieser Solovariante, denn mit „Song for a Friend“ geht es im gleichen Stil weiter. Als Pub-Songs funktionieren die Stücke von Roddy Frame sehr gut, denn durch ihre Einfachheit entsteht eine schöne Intimität. So wird diese Live-CD zum Glücksfall, der den Kauf der Wiederveröffentlichung auf jeden Fall rechtfertigt, da die Schwächen der eigentlichen CD damit mehr als ausgeglichen werden. Während des Konzerts wechselt Frame auch mal von der Gitarre zum Klavier. „Spanish Horses“ bringt dann weitere Musiker auf die Bühne, sodass der Song in der gleichen Qualität überzeugt wie auf der CD. (189)