
The B-52´s – The B-52´s (1979)
„Planet Claire“ klingt nach einem Agenten-Thriller und erzeugt Spannung. Durch Fred Schneiders Gesangsebene kommt eine pulpige Science-Fiction-Komponente hinzu, sodass die Nummer zu einem Punk-Pop-Stück wird. Bei „52 Girls“ übernehmen Cindy Wilson und Kate Pearson den Gesang, wodurch eine schöne Punk-Rock-Nummer entsteht. Mit „Dance the Mess Around“ sind wir beim New Wave angekommen: Cindy Wilson grölt hier schön punkig, doch vor allem nimmt mich der Rhythmus des Songs mit. „Rock Lobster“ funktioniert mit denselben Zutaten wie „Planet Claire“, ist aber noch etwas schräger geraten.
Was man den „B-52's“ einfach zugutehalten muss, ist ihr großer Wiedererkennungswert von Anfang an. Sobald man einen Song der „B-52's“ hört, weiß man sofort, dass es ein Stück der Band ist – das liegt an den Songs selbst, an den Stimmen der Sängerin und der Sänger, und vor allem an der hier wirklich gut funktionierenden Mischung aus Rock ’n’ Roll und den damals aktuellen Musikströmungen (1979). Diese Kombination wurde später mit „Love Shack“ brillant fortgeführt. So werden sie Teil der Rock-Pop-Geschichte.
Frühen Alternative-Rock beherrschen sie ebenso, zum Beispiel bei „Lava“. Mit „There’s a Moon in the Sky (Called the Moon)“ geht die New-Wave-Welle weiter. Dabei wünsche ich mir, dass es einmal ein Duett von Schneider mit David Byrne gegeben hätte – das wäre eine coole Sache geworden. Die Punk-Rock-Songs der „B-52's“, die auch mit „Hero Worship“ und „50550-842“ fortgeführt werden, gefallen mir richtig gut und machen mir viel Spaß. Der Cover von „Downtown“ ist dagegen etwas zu schlicht geraten und wäre nur als B-Seite einer Single geeignet – sorry. Insgesamt ist der Eindruck der Platte jedoch wirklich gut: Ein schönes Debüt, und Produzent Chris Blackwell sorgt wie gewohnt für eine mehr als ausreichende Klangqualität. (134)

The Band – The Band (1969)
Genau wie beim Vorgängeralbum „Music from Big Pink“ orientiert sich die Musik von The Band an Roots-Folk-Rock. Noch mehr als bei der ersten Platte rückt Robbie Robertson als Songschreiber zunehmend in den Vordergrund. Der Sound der Band wirkt einfach voller, da er durch Blasinstrumente sowie Klavier und Orgel unterstützt wird und dadurch stets ein leichtes Dixieland-Feeling in den Folk einfließen lässt. Dies hört man besonders gut bei Stücken wie „Across the Great Divide“. Bei „Rag Mama Rag“ kommt noch Cajun-Musik hinzu, ergänzt durch das charakteristische Akkordeon. So wird der Süden der USA musikalisch sehr eindrucksvoll und selbstbewusst im Sound von The Band abgebildet, wobei die Mehrheit der Bandmitglieder Kanadier waren.
Der dritte Song gehört zu den großen Klassikern der Band: „The Night They Drove Old Dixie Down“. Ein großartiger Song mit hervorragendem Songwriting von Robbie Robertson – hier zeigt sich, warum es sich gelohnt hat, aus dem Schatten von Bob Dylan herauszutreten. Auch The Band selbst kann starke Songs schreiben. Ein Country-Singer-/Songwriter-Stück ist „When You Awake“. Mit Soul- und Funk-Elementen gewürzt macht „Up on Cripple Creek“ richtig Spaß – es ist ein Country-Soul-Stück, das auch gut zu den Blues Brothers gepasst hätte. Es folgt eine Ballade mit Gospel-Feeling: „Whispering Pines“.
Die zweite Plattenseite startet mit Country-Rock: „Jemima Surrender“. Das ist nicht ganz mein Fall, es klingt ähnlich wie „Honky Tonk Woman“, den ich auch nicht besonders mag. Dagegen trifft „Rockin’ Chair“ als ruhige Folk-Nummer eher meinen Geschmack. Weitere schöne Folk-Rock-Nummern sind „Look Out Cleveland“ und „Jawbone“ mit einem tollen Refrain. Es folgt noch ein weiterer schöner Folk-Gospel-Song: „The Unfaithful Servant“. Das letzte Lied „King Harvest (Has Surely Come)“ ist erneut mit Soul-Einflüssen gewürzt.
Für mich sind sie die wichtigste und einflussreichste Band auf dem nordamerikanischen Kontinent – so einfach ist das!

Band of Horses - Everything all the Time (2006)
Das Gute an Musikstreamingdiensten ist, dass man sich vor Fehlkäufen schützen kann, da man sich viele (wenn auch nicht alle) Alben vor dem Kauf anhören kann. Es ist jedoch ein Irrglaube, dass man dadurch wirklich Geld spart – denn durch das „Hineinhören“ entdeckt man viel mehr gute Alben als zuvor, und ich als hoffnungsloser Sammler möchte, wenn es mein Budget erlaubt, all diese zu Hause haben. Es gibt zudem Bands, deren Namen man schon lange kennt und die man vielleicht unbedingt hören sollte, aber aus welchen Gründen auch immer bisher nie dazu kam. So ging es mir mit „Band of Horses“ und daher starte ich die neue Rubrik „Hören, wie sie sich anhören“.
„The First Song“ klingt verträumt und akustisch im Stil des Indierock. Die Band ist wohl ein Projekt des Sängers und Gitarristen Ben Bridwell. Passend zu meinem Hören von „Iron & Wine“ (dazu später mehr) waren sie als Vorgruppe von Iron & Wine bekannt geworden und wurden ähnlich wie dieser beim Sub Pop-Label unter Vertrag genommen.
„Wicked Girl“ ist etwas schneller und härter gespielt, der Gesang bleibt dabei im Stil von Dream-Pop sowie Shoegazing und Post-Rock verhallt.
„Our Swords“ beginnt mit Bass und einer etwas klareren Stimme, dazu kommt eine großartige Melodie, die mich richtig packt.
„The Funeral“ wurde von mehreren TV-Serien und anderen Medien als Hintergrundmusik genutzt und sorgte so für ein stärkeres Bekanntwerden der Band. Der Song ist gefühlvoll, aber nicht langsam. Ich finde es allerdings schade, dass der Gesang so produziert ist, wie er ist. Dieses Problem habe ich bei manchen Post-Rock-, Shoegazing- und Dream-Pop-Acts – live funktioniert das für mich besser, auf CD oder Vinyl jedoch nicht. Vermutlich ist das eine persönliche Ansicht von mir.
Bei den ruhigeren Stücken fällt die Gesangsproduktion nicht so sehr ins Gewicht, daher funktioniert „Part One“ für mich wieder besser.
Mit kräftigen Gitarren ist „The Great Salt Lake“ ebenfalls sehr gelungen. Zusammen mit dem Gesang erinnert mich Band of Horses dabei stark an „Lord Huron“.
Heartland-Rock-Melodien mit Indie-Rock zu paaren können sie auch: „Weed Party“ macht, nachdem man ein wenig in das Album hineingehört hat, wirklich Spaß. Danach folgt eine verhallte Americana-Nummer: „I Got the Barn Because I Like The“.
Tatsächlich ändert die Band den Musikstil in der zweiten Hälfte des Albums, und die Songs erhalten einen stärkeren Folk-Touch.
Mit Banjo-Einsatz kommt „Monsters“ daher. Der letzte Song des Debütalbums ist „St. Augustine“ – ein ruhiger Folk-Rock-Song, der sehr süß ist.
Nach dem Anhören des Debütalbums weiß man nicht genau, wie es mit Band of Horses weitergeht. Bleiben ihre Songs so vielfältig wie auf dieser Platte? Werden sie eher härterer Dream-Rock oder folkigerer Dream-Pop? Das werde ich wohl bald herausfinden müssen, indem ich weiter in das Werk von „Band of Horses“ hineinhöre.

BAP - Vun Drinne noh Drusse (1982)
Kölscher Rock hat eigentlich wenig mit der Neuen Deutschen Welle zu tun. BAP sind da eher irgendwie hineingeraten, weil sie sich, glaube ich, einfach mit ihrer kölschen Sprache vom Rest absetzten. Eigentlich sind sie eine Rockband aus Köln. Auf ihrem dritten Album finden sich viele meiner Lieblingssongs der Band, die auch heute noch sehr gut wirken. „Kristallnacht“ steht direkt am Anfang. Der akustische „Wellenreiter“ verlangsamt das Tempo und zeigt die Singer-Songwriter-Qualitäten von Fröntmann und dem ewigen Mitglied der Band, Wolfgang Niedecken. „Zehnter Juni“ besticht von Anfang an mit einer tollen Melodie und nimmt einen sofort mit. „Wie ne Stein“ ist mir allerdings immer etwas zu albern geraten, eine zu gewollte Huldigung an Bob Dylan. Dafür gehört „Do kanns zaubre“ zu den schönsten Liedern, die ich kenne. Bei „Nit für Kooche (Teil 1) & (Teil 2)“ habe ich zwar Verständnis für einen Anti-Karnevalssong, aber die Umsetzung finde ich eher mittelmäßig gelungen. Danach folgen „Ahn´ner Leeitplank“, „Wenn et Bedde sich lohne däät“ und „Eins für Carmen un en Insel“ – drei BAP-All-Time-Favorites von mir. Der abschließende Song dreht sich um den Alltag auf Tourleben einer Band: „Koot vüür Aach“.(133)

Barcley James Harvest – Time Honoured Ghost (1975)
Barcley James Harvest wurden vor allem durch ihre aufwendigen Orchesterarrangements bei vielen ihrer Songs bekannt. Das Album beginnt mit „In my Life“, das an eine Prog-Rock-Nummer von Yes erinnert. Warum die Gruppe bei Friedensaktivisten und kirchlich verbundenen Menschen so beliebt war, wird beim sanften „Sweet Jesus“ deutlich. „Titles“ ist ein ruhiger Singer-Songwriter-Rock und das erste Stück der Platte, das mich wirklich mitnimmt.
Das an das Buch „Die Möwe Jonathan“ angelehnte „Jonathan“ wirkt dagegen viel zu sentimental und langweilt. Mehr Prog-Rock findet sich bei „Beyond the Grave“, das allerdings ebenfalls nicht wirklich überzeugt. „Song for You“, das stilistisch zwischen alten Genesis- und Yes-Songs angesiedelt ist, beginnt vielversprechend, verliert dann aber leider seine Spannung und verwandelt sich in eine Soft-Rock-Schnulze.
Mit „Hymn for the Children“ – einer typischen 70er-Jahre-Soft-Rock-Hymne – zeigen Barcley James Harvest genau das, wofür sie bekannt und geliebt wurden. „Moongirl“ hätte Potenzial für eine typische 70er-Rock-Nummer, ist dafür jedoch zu sanft geraten. Viel überzeugender sind sie, wenn sie amerikanisch klingenden Singer-Songwriter-Rock spielen, was vielleicht auch am amerikanischen Produzenten liegt. So funktioniert „One Night“ noch einmal richtig gut.
Am Ende schaffen es zwei Songs von der Platte in meine Playlist. (222)
The Barr Brothers – Let it Hiss (2025)
Nach einer langen Pause veröffentlichen die Barr Brothers ihr viertes Album. Ihr Debütalbum habe ich gefühlt schon immer in meiner Playlist, und die Songs höre ich sehr gerne.
Beim aktuellen Werk klingt der erste Song „Take it from me“ wie eine Mischung aus Neil Young und Paul McCartney. Die Qualität des Stücks ist geradezu beeindruckend. Es wirkt zwar ein wenig „aus der Zeit gefallen“, aber auf sehr angenehme Weise. Da ich gerade versucht habe, in der Musik verschiedener mir unbekannterer Bands aus dem Jahr 1978 Gutes zu entdecken, dabei jedoch bei meinem Stichprobenhören diesmal richtig schlecht abgeschnitten und nichts gefunden habe, finde ich den bodenständigen Sound, den die Barr Brothers produzieren, umso erfrischender. Dieses Gefühl setzt sich noch stärker beim zweiten Stück „Let it Hiss“ fort, das rockiger ist und mit elektronischen Klängen versehen wurde – einfach großartig. Habe ich nach „The Belair Lip Bombs“ mit meiner Musikauswahl erneut Glück gehabt? Es scheint so. Die kanadische Band um die Brüder Brad und Andrew Barr liefert wirklich Fantastisches ab. Das ist nicht nur Indie-Folk, das ist verdammt gute Rockmusik.
Bei „English Harbour“ unterstützen Jim James und Arc Iris, und das ist moderner Folk, wie wir ihn in den letzten Jahren von Bon Iver und Co. viel zu oft gehört haben. Das Stück wirkt sehr entspannend, beinahe einschläfernd – schön, aber mehr auch nicht.
Besser gelingt der Band das Rocken. Bei „Run Right Into It“ klingen sie allerdings stark nach Lord Huron. Im Genre des modernen Folk-Pop-Rock muss man sich wirklich etwas einfallen lassen und besonders gelungene Songs bieten, um nicht in der „schon so oft gehört“-Schublade zu landen. Dieser Song gehört in diese Schublade.
Wenn sie dann aber eher nach 70er-Jahre-Rock klingen und zudem von Klô Pelgag gesanglich großartig unterstützt werden, wird aus einer einfachen Folk-Rock-Ballade etwas ganz Besonderes: „Moonbeam“.
Schwungvoll wie beim zweiten Stück sind die Barr Brothers auch bei „She Doesn´t Sleep with the Covers On“. Hier klingt es wie bei Vampire Weekend – macht aber richtig Laune.
Dafür gibt es auch einen dicken Pluspunkt, denn die Platte ist schön abwechslungsreich.
Klassischer, ruhiger Rock findet sich bei „Naturally“ – nett und nach hinten heraus richtig klasse. Auch hier sind diese Paul-McCartney/John-Lennon-Harmonien zu hören. Gleiches gilt für „Owning Up to Everyone“.
Bei „Another Tangerine“ kehrt dann das schon oft gehörte Gefühl zurück, das erneut stark an Lord Huron erinnert. Wenn einen das nicht stört, ist der Song dennoch ganz schön.
Zum Schluss schenken uns die Barr Brothers noch eine fulminante Retrorock-Nummer – die Imitation ist so gut gelungen, dass es einfach nur Spaß macht.
Ein gutes Album also, mit ein paar wenigen Stücken, die eben schon zu bekannt klingen. Doch die wirklich starken Songs lassen einen darüber problemlos hinwegsehen. (635)


Maria Basel – Layers (2021)
Ich habe Maria Basel zum ersten Mal als Sidekick von Jonas David bei einem Konzert im Dortmunder Domizil live erlebt. Mittlerweile hat sich Maria Basel in den Vordergrund gespielt und präsentiert sich als Sängerin und Keyboard- beziehungsweise Klavierspielerin. „Layers“ ist ihre Debüt-EP. Die fünf darauf enthaltenen Songs sind sanfter, leicht melancholischer Indie-Pop. Dabei muss man nicht jeden einzelnen Titel separat betrachten, denn die Musik von Maria Basel erinnert Fans von Hundreds und Agnes Obel an ähnliche Klänge. Ein möglicher Nachteil ist, dass die Stücke alle recht ruhig gehalten sind. Dennoch überzeugen sie jeweils für sich allein. Umso erfreulicher ist es, dass die Künstlerin inzwischen auch ein komplettes Album veröffentlicht hat.(300)

Bas Jan – Baby U Know (2023)
Die vier Frauen von Bas Jan bieten mit dem Einstiegsstück „Progessive Causes“ entspannten, aber schön rhythmischen Post-Punk. Die Musik klingt sanft, und die Sängerinnen setzen mehr auf Gesang als viele andere jüngere Bands, die für ihre Post-Punk-Musik eher Sprechgesang bevorzugen. Das zweite Stück „Sex Cult“ könnte auch Fans von The XX ansprechen, denn dieser Song gehört eher zum Dream-Pop als zum Post-Punk. In „All Forgotten“ lassen sich Einflüsse von The Velvet Underground und New Wave erkennen. Die Mischung sorgt für schöne Abwechslung, und alles ist mit einer zauberhaften, aber auch frechen Leichtigkeit in die Rillen der Platte gepresst.
Der Titel „My Incantations Herbs & Art have abadoned me“ verspricht bereits eine Satire auf die psychedelische Musik, die den Musikerinnen wunderbar gelingt. Die Vergangenheit haben Serafina Steer, Emma Smith, Charlie Stock und Rachel Horwood bereits gekonnt aufgenommen, interpretieren sie nun neu und nutzen sie für eigene Kreationen. Eine nette, fast unplugged vorgetragene Post-Punk-Nummer ist „Vision of Chance“.
„Shopping in a new City“ beginnt mit einem folkig-psychedelischen Einschlag und entwickelt sich zu einer experimentellen Indie-Pop-Nummer. Diese entspannte Indie-Musik macht richtig Spaß, hebt die Stimmung und wahrt dabei einen gewissen musikalischen Anspruch. Ein besonders gutes Beispiel ist „You have bewitched me“. Ähnliches gab es früher auch in deutscher Sprache, unter dem Titel „Die Braut haut ins Auge“.
Die beeindruckende Mischung aus Folk und Indie setzt sich gekonnt im Titelstück „Baby you know“ fort. Bei „Too Good to be True“ kombinieren die Damen Sixties-Pop-Rock mit Punk. Zum Abschluss erzeugt „Profile Picture“ noch einmal eine effektvolle Atmosphäre, bevor es zurück zur experimentellen Post-Punk-Indie-Nummer geht.
Genau das ist Bas Jan: experimenteller, großen Spaß machender Indiepop mit einer beneidenswerten Leichtigkeit, die diese Musik so besonders macht. (249)

Bas Jan – Back to the Swamp (2023)
Der zweite Longplayer von Bas Jan, der Band um die Multiinstrumentalistin und Sängerin Serafina Steer, musste ich unbedingt haben, weil ich ihr Debütalbum einfach sehr, sehr gut fand. Die Vorfreude auf weitere Songs dieser Band ist daher groß.
Im Bereich Indiepop mit einer Neigung zu sorgfältig konstruiertem Art-Pop ist der Opener „At the Counter“ angesiedelt. Der zurückhaltende Post-Punk-Pop der ersten Platte kehrt mit „No More Swamp“ zurück, und auch dieser Song macht sofort richtig Laune.
Ich finde es gut, wenn eine Band einen eigenen Stil hat, dieser aber nicht das Songwriting beeinträchtigt oder die musikalische Vielfalt einschränkt. Mir als Hörer ist der Song wichtiger als der Wiedererkennungswert einer Band. Im Idealfall bietet mir jeder neue Song auch etwas Neues. Schön ist es dabei, wenn ich bei einer neuen Platte einer von mir sehr geschätzten Band einen Wiedererkennungswert entdecke – oft liegt das nur an der mir bekannten Stimme des Sängers. Zugleich sollte ich aber nicht das Gefühl haben, die gleichen Songs der letzten Platte nur leicht verändert nochmal zu hören. Das macht nämlich Spaß, und ich kaufe mir dann auch die nächste Platte.
Wenn ich bei einer gemochteten Band feststelle, dass ich immer nur noch dasselbe höre und die Qualität nicht mehr an frühere Alben heranreicht, höre ich auch irgendwann auf und verlasse mich darauf, dass mich vielleicht mal wieder eine Single, ein Radiosong oder ein Liveauftritt zurückholt. Manchmal bleibt es dann aber auch dabei. Gute Platten bewahre ich in der Erinnerung trotzdem positiv auf und höre sie gerne.
Das größte Problem ist, egal wie gut die Band ist: Sobald sie ihr Lieblingsalbum gemacht hat, hört man meist nur noch dieses. Andere Platten stehen zwar im Regal, gehören aber eher zur Sammlung. Als Vielhörer, der keinen Regalplatz mehr hat, nimmt bei mir so der Spaß ab. Deshalb höre ich bewusst auch mal die weniger favorisierten Alben einer geliebten Band durch. Dabei stellt sich oft überraschend heraus, dass dort einige großartige Songs zu finden sind, die ich jahrelang überhört habe. Genau deshalb verfolge ich das Projekt „Sammlungdurchhören“.
Wenn sich eine Band „neu erfindet“ und den alten Stil durch einen ganz neuen ersetzt, und das nicht nur als Experiment für eine Platte, kann das bei mir dazu führen, dass ich eine einst geliebte Band aufgebe. Musiker haben es somit schwer mit ihren Fans: Bleiben sie ihrem Stil treu, gelten sie als langweilig und werden ignoriert, wagen sie aber Neues, gefällt das nur einem Teil der Fans, während sich andere abwenden. In solchen Fällen ist es gut, wenn die Band von Anfang an klarmacht: Bei uns ist alles möglich, und wir legen uns stilistisch nicht fest. Das macht Bas Jan sehr gut. Es scheint auch eine Tendenz bei einigen Bands zu sein, lieber viel Abwechslung auf ihren Alben zu bieten als sich festzulegen und damit in eine Schublade zu geraten. Das gefällt mir. Überraschungspakete finde ich als Hörer spannend – solange die Songs darin gut sind.
Das war jetzt ein langer Aufsatz über vieles, doch nun zurück zum nächsten Song der Platte.
„Credit Card“ ist eine sehr schöne Indie-Rock-Nummer, die mit kunstvollem Singer-Songwriterinnen-Post-Punk auch in das Terrain des Art-Rocks führt. Das finde ich großartig. Im Bereich Art-Pop-New Wave liegt „Ding Dong“. Mit „Margaret Calvert Drives Out“ sind wir schließlich komplett im Art-Rock angekommen. Die Band aus London begeistert mich wirklich, weil die Mischung einfach großartig ist. So viel von der Musik steckt darin, die ich derzeit mag – alles auf einem Album und manchmal sogar in nur einem Song. Das Titelstück „Back to the Swamp“ ist atmosphärischer Art-Post-Punk. Indie-Pop bietet „Singing Bar“. „Cried a River“ steht für Art-Pop-Rock. Am Ende gibt es mit „Tarot Card“ noch anspruchsvollen Indie-Pop.
Alles richtig gemacht, gerne mehr davon. Das ist beste Indie-Pop-/Rock-Unterhaltung, die ich zu gern mal live erleben würde. (448)

Peter Matthew Bauer – Liberation (2014)
Nachdem die Indie-Rockgruppe The Walkman eine unabsehbare Schaffenspause angekündigt hatte, machte sich deren Bassist Peter Matthew Bauer ran an das erste Solowerk.
Während „I was born in an Ashram“ noch was von John Lennon-Songwriting hat, klingt das zweite Stück „Latin American Ficciones“ wie ein The Walkman Indie-Rock-Stück, das kräftig das Tempo erhöht. „Philadelphia Raga“ mit langen Instrumental-Intro und in Hall getauchten Vocals ist wieder ganz anders – verträumter Indie-Pop. „Fortune Tellers“ sehr schön, erinnert an frühe The National-Songs.
Das nächste Stück ist eher Country Blues. Abwechslungsreich ist diese Platte allemal. Titelstück „Liberation!“ ist ein kräftiger Ausruf nach Freiheit. „Scientology Airplane Conversations“ hat einen schönen Drive und langsam möchte ich die Musik beschreiben als wenn Bob Geldorf und Tom Petty zusammen eine Platte gemacht hätten.
Mit „Istanbul Field Recordings“ folgt ein Intermission-Stück.
Fröhlich rockig geht es weiter mit „Irish Wake in Varanasi (For Big Pete Devlin)“. Gefolgt von „Shaved Heads & Pony Tails“ (da stampft das Schlagwerk schön) und endet mit „You Are the Chapel“ (der meinen Geldorf/Petty Vergleich noch mal schön bestätigt). Wenn Musiker aus dem Schatten ihrer Frontmänner/frauen (in diesem Fall Hamilton Leithauser) heraustreten, ist das Ergebnis oft überraschend und so auch hier. Peter Matthew Bauer findet seine vielseitige eigene Stimme. (68)

Bauhaus – In the flat Field (1980)
Zusammen mit Siouxsie and the Banshees sind Bauhaus die Wegbereiter des Gothic-Rock beziehungsweise Gothic-Punk. Bekannt wurde mir Peter Murphy, der Frontmann der Band, zunächst durch seinen Solosong „Cuts You Up“. Dies ist daher mein erstes Durchhören einer Platte von Bauhaus.
Ein treibender, harter Rockrhythmus prägt den Sound von „Double Dare“. Über diesem kraftvollen Sound klingt Peter Murphys Stimme, der seine Texte herauszuschreien scheint. Ganz ist das nicht mein Stil, doch ich weiß natürlich, dass es so etwas Ähnliches bis dahin kaum zu hören gab. Für Fans der Einstürzenden Neubauten, die ebenfalls 1980 ihre ersten Aufnahmen veröffentlichten, ist das sicher passend. Die zweite Nummer und zugleich das Titelstück „In the Flat Field“ spricht mich schon eher an, denn hier handelt es sich um eine sehr ordentliche Post-Punk-Nummer. Lediglich mit Peter Murphys Gesang, der teilweise wie Geschrei klingt, komme ich noch nicht ganz zurecht.
Noch besser gefällt mir „A God in an Alcove“, das zum Post-Punk auch etwas New Wave dazumischt. Eine richtige Rocknummer zu Beginn ist „Dive“, die mit Bass und Gesang sofort an das Werk von PIL und Johnny Rotten erinnert. Atmosphärischer und stimmungsvoller wird es wieder bei „The Spy in the Car“, das mir sofort besser zusagt. „Small Talk Stinks“ empfinde ich als erfrischend gestaltet und dieser Song sorgt erneut für Abwechslung auf dem Album. Im Vergleich zu Joy Division sind Bauhaus definitiv deutlich härter und punkiger sowie weniger melancholisch – beziehungsweise kaum melancholisch.
Das erste Album ist noch stark vom Punk geprägt, was sich auch in „St. Vitus Dance“ zeigt. Den kraftvollen Rockbass der Band, gespielt von David J, finde ich durchaus beeindruckend. Auch wenn der Stil insgesamt nicht ganz meinem Geschmack entspricht, ist diese harte Punk-Art bei „Double Dare“ und „Stigmata Martyr“ etwas Besonderes und hatte sicherlich Einfluss auf Bands, die später härteren Alternative-Rock spielten. Den Abschluss bildet „Nerves“, das ruhig und leise beginnt, dann durch verzerrtes Gitarrenspiel an Lautstärke gewinnt und mit seiner leicht schrägen Melodie wiederum an Fad Gadget erinnert, der ebenfalls 1980 sein Debüt hatte.
„Düster-Punk“ beschreibt dieses erste Album von Bauhaus gut. Ziemlich wild, aber keinesfalls langweilig, bietet es musikalisch einiges zum Entdecken. Ganz hat es mich, wie gesagt, noch nicht gepackt – aber ich habe ja noch vier weitere Alben von ihnen zu hören. Mal sehen, ob sie mich später noch überzeugen.(255)

Bauhaus – The Sky´s gone out (1982)
Post-Punk, Rock und New Wave treffen beim Eingangsstück „Third Uncle“ recht kraftvoll aufeinander. Das macht sofort Lust auf mehr. David Bowie lässt bei dem düsteren „Silent Hedges“ grüßen, aber Peter Murphy, Daniel Ash, Kevin Haskins und David J entwickeln dabei bereits einen eigenen Stil. Denn sie öffnen die Tür zum Gothic Rock weit, der bis heute regelmäßig in „Düster Discos“ gefeiert wird.
Wenn sie Rock mit New-Wave-Elementen mischen, wie bei „In the Night“, gefällt mir das fast noch besser, weil es einfach sehr mitreißend ist. Auch wenn sich der Song fast schon zu einem Garagenrock-Stück entwickelt.
Atmosphärisch beginnt „Swing the Headache“ und entwickelt sich zu Industrial Gothic mit stampfendem Rhythmus, theatralischem Gesang sowie dröhnenden, reißenden und zerrenden Klängen.
Fast sanft und bereits recht folkig wirkt dagegen „Spirit“. Ich finde es gut, dass die Musik auf der Platte nicht eintönig klingt. Jeder Song ist bisher eine eigene Entdeckung wert.
Es folgt das dreiteilige Stück „The Three Shadows“, dessen erster Teil an Progrock erinnert. Im zweiten Teil verwandelt sich das Stück zu einem düsteren Singer/Songwriter-Lied, im kurzen dritten Teil schimmert wieder der Glamrock eines David Bowie durch.
Akustisch wird es sogar mit dem Song „All We Ever Wanted Was Everything“. Das ist eine schöne, unerwartete Überraschung – so sanft und stimmig. In der Musik von Bauhaus steckt also weit mehr als bloße Vorlagen für Gothic Rock.
„Exquisite Corpse“ funktioniert als Mischung aus New Wave, Post-Punk und Progrock. Der Song irritiert kurz, weil man zunächst denkt, er sei schon zu Ende, und ein weiteres Mal, wenn er plötzlich zur Reggae-Nummer wird und dadurch viel von seiner anfänglichen Ernsthaftigkeit verliert – leider.
Die meisten Songs machen weiterhin viel Spaß, und langweilig wird es beim Durchhören nicht. Insgesamt ist es also ein wirklich gutes Album. (482)

BC Camplight – Deportation Blues (2018)
Hinter dem Namen BC Camplight verbirgt sich der Multiinstrumentalist Brian Christinzio. Nach dem ausbleibenden kommerziellen Durchbruch seiner ersten beiden Alben zog er von den USA nach England, um sich dort neu zu orientieren und von mentalen sowie Drogenproblemen loszukommen. Nach einer achtjährigen Pause erschien 2015 sein drittes Album. Bevor er jedoch eine große Europatour starten konnte, lief sein Visum ab, was seine Karriere erneut ins Stocken brachte. 2018 veröffentlichte er schließlich „Deportation Blues“.
Im Vergleich zu anderer mir bekannter Musik fällt sofort eine Nähe zu den „Shout out Louds“ auf, obwohl BC Camplight deutlich düsterer klingt und weniger zum Tanzen einlädt. Er erzählt von seinen Panikattacken, Depressionen und seinem ganz persönlichen täglichen Wahnsinn, dabei jedoch mit einer gewissen Meisterschaft. So verbindet sich Artrock mit Rock’n’Roll, Dreampop und düsterem Indiesound – ein Stil, der gut zu einem Film von David Lynch passen würde. Das Album ist kein Hintergrundsound, sondern verlangt genaues Zuhören. Gegen Ende verliert es allerdings etwas an Kraft (79).

Sam Beam (Iron & Wine) & Jesca Hoop - Love Letters for Fire (2016)
Zwei Musiker schließen sich zusammen und schaffen wunderschöne Songs. Hier haben sich die richtigen Künstler gefunden. Die akustische Wohlfühlmusik eignet sich perfekt für einen entspannten Sonntagmorgen oder für einen solchen Moment während der Woche. Legen Sie einfach diese Platte auf. Wer Gotye, Efterklang oder ähnliche Künstler mag, die Pop mit Folk verbinden, wird hier bestens bedient. Auch Fans des klassischen Country kommen auf ihre Kosten. Eine absolute Empfehlung. (8)

Bear´s Den – Red Earth & Pouring Rain (2016)
Eine Kritik zum Album hat mir vor dem Hören der CD etwas Angst gemacht. Für mich waren „Bear’s Den“ durch ihre sanfte, folkige Singer-Songwriter-Musik zu einer Band geworden, die ich gerne einmal live erleben wollte, weil ich die vorherige EP und die Alben „Agape“ und „Islands“ richtig gut fand. Nun lese ich jedoch, dass sie sich vom folkigen Akustiksound verabschiedet haben und ihre Musik mit Synthesizern und anderen Elementen aufblähen, um noch radiotauglicher zu werden. Bitte nicht!
Trotzdem wage ich mich und starte die CD. Tatsächlich klingt das Titelstück „Red Earth & Pouring Rain“ so, als hätten sie zu viel „The War on Drugs“ gehört. Dabei verlieren sie viel von der Authentizität, die ihre eher akustische Instrumentierung ausmachte und ihre Musik besonders machte. Dieser Eindruck setzt sich auch bei „Emeralds“ fort. Irgendwie klingt es nicht schlecht, aber viel mehr wie ein 08/15-Song aus dem Radio. Wäre das nicht Bear’s Den, sondern eine mir unbekannte Band, könnte ich das akzeptieren – für Bear’s Den aber nicht.
„Dew on the Vine“ hätte ein schöner Song sein können, doch die Produktion macht ihn zunichte. Bei „Roses on a Breeze“ funktioniert es fast, denn der Song ist so schön, dass die zusätzlichen Arrangements ihm nicht schaden. Bear’s Den versuchen tatsächlich, mit Mitteln zu arbeiten, die bei Bon Iver und den Produktionen von Aaron Dessner sehr gut funktionieren. Doch bei ihnen klappt das nicht. „New Jerusalem“ klingt fast schon wieder wie die alten Stücke, und da freut man sich, denn genau so wollen wir die Musik von Bear’s Den hören – wenigstens für einen Song.
Nun ziehen Bear’s Den manche Songs unnötig mit Synthiklängen in die Länge, zum Beispiel „Love Can’t Stand Alone“. Das Schlagzeug klingt wie eine Rhythmusmaschine und ist sehr simpel eingesetzt. Dazu kommt der Keyboardsound und einige E-Gitarren – das wirkt eher wie das Werk eines Solokünstlers als eine Bandproduktion. So etwas erleben wir auch bei anderen Bands: Coldplay klang einmal gut, doch Chris Martin entdeckte, dass er mit den Mitteln eines Ed Sheeran eine größere Reichweite erzielen kann. Willkommen im Tral-lal-lah des Mainstreamradios, in den Charts oder besser bei den Spotify-Klicks.
„Greenwood Bethlehem“ ist ein weiterer „normaler“ Bear’s Den-Song und deshalb gut – der zweite, der mir gefällt. Bei „Broken Paradise“ stellt sich allerdings Langeweile ein. Das kennt man schon von ihnen. Wenn man durch die Art der Produktion genervt ist, verzeihen Sie mir, wenn ich „Broken Paradise“ nicht lang höre, sondern zu „Fortress“ wechsle, wo ich auch nicht haften bleibe. „Gabriel“ erschreckt bereits durch die ersten Klänge, also weiter zum letzten Song. „Napoleon“ will zum Glück noch einmal funktionieren – das ist dann der dritte von zwölf Songs, der mir gefällt.
Das Fazit fällt daher nicht gut aus – wirklich sehr schade, wie eine Band, die mich zuvor total begeistert hat, mich mit diesem Album nicht erreichen kann. Die CD ist einfach mit zu simplen Mitteln überladen, was bei der Musik von Bear’s Den völlig unnötig ist. Wirklich sehr schade. Bitte hören Sie die frühen Werke der Band, die sind richtig, richtig gut.(196)

The Beat – I just can´t stop it (1980)
Für den amerikanischen Markt auch als „The English Beat“ bekannt, war „The Beat“ eine kurzlebige Ska-Formation, die jedoch innerhalb eines Jahres drei Platten veröffentlichte. Die Band gehört zu den wenigen, die mehr Best-of-Alben als eigentliche Studioalben haben – und davon gibt es mehr, als man denkt. „I Just Can’t Stop It“ ist ihr Debütalbum.
Mit „Mirror in the Bathroom“ beginnt das Album großartig – in diesem Song treffen Ska und The Police perfekt aufeinander. „The Beat“ sind wie „The Specials“ und „Madness“ klar als Ska-Band einzuordnen, und so geht es mit der fröhlichen Pop-Reggae-Nummer „Hands Off... She’s Mine“ weiter. Bei Reggae-Musik und auch Ska beginne ich mich trotz aller Partylaune meist recht schnell zu langweilen. Die Musiker können noch so gut spielen und die einzelnen Songs noch so gut sein: Dreimal dasselbe hintereinander ist eben dreimal dasselbe hintereinander.
Gut, dass „Two Swords“ das Tempo wieder anzieht und die Songs mit recht unterschiedlichen Melodien, Tempi und Stimmungen arbeiten – Langeweile kommt da zunächst nicht auf. „Twist and Crawl“ erweitert das Spektrum um einen New-Wave-Einschlag, bevor es gekonnt weitergeht. Die Songs machen durchweg Spaß, und ich finde das Album ausgewogener als das Debüt von „The Specials“. Es bleibt in meiner Sammlung.

The Beatles – Please Please Me (1963)
Nachdem ich das Debütalbum von Elvis gehört hatte, war natürlich klar, dass die Beatles folgen müssen. Here it comes.
Großartig – wenn ein Debüt mit „I Saw Her Standing There“ beginnt, bist du sofort gefangen von Melodie, Interpretation und einfach dem Spaß daran. Das ist Popmusik, wie sie sein muss – für jeden etwas und etwas, dem man sich nicht entziehen kann. Der Rock ’n’ Roll der Beatles steckt sofort an und macht Freude. Selbst die Balladen klingen dadurch direkt einnehmend: So nimmt einen auch das sehr sanfte „Misery“ mit. Unverwüstlich bleibt auch die Produktion von George Martin. Die Songs funktionieren, weil sie dem Kitsch immer etwas durch die Interpretation entgegensetzen, selbst bei „Anna (Go to Him)“, der schon einen ganz hohen Schmachtfaktor hat.
Okay, danach packt mich aber erst einmal kein Song so richtig – bei dem Country-Rock ’n’ Roll von „Chains“ ist es einfach zu kitschig, da bin ich dann doch nicht ganz begeistert beim Hören. Die Platte scheint in der Qualität etwas nachzulassen, denn auch „Boys“ ist nicht mein Fall. Ebenfalls etwas zu kitschig: „Ask Me Why“. Der Rock ’n’ Roll-Sound und Stil werden bei „Please Please Me“ beibehalten.
Zum Glück gibt es dann noch „Love Me Do“ – einfach genial und super, da gibt es nichts zu beanstanden. Das funktioniert immer und immer wieder. Sicherlich neben „I Saw Her Standing There“ das Highlight.
Ein Qualitätsabfall folgt mit „P.S. I Love You“. Wenn sie über den soften Rock ’n’ Roll-Standard ihrer Zeit nicht hinauskommen, ist das wirklich ziemlich langweilige Musik. Es könnte aber auch sein, dass ich, weil ich das alles direkt nach dem ersten Elvis-Presley-Album höre, langsam vom Rock ’n’ Roll gesättigt bin. Denn vieles klingt doch ziemlich ähnlich. „Do You Want to Know a Secret“ ist allerdings schon wieder zu süß, um es nicht zu mögen. Der Song sticht auch hervor, weil hier George Harrison singt und nicht Lennon oder McCartney.
Die Stärke von McCartneys Gesang macht auch „A Taste of Honey“ zu einem annehmbaren Song, außerdem ist er von seiner Art her etwas herausragend.
Nicht mein Fall ist „There’s a Place“, aber zum Schluss folgt noch „Twist and Shout“, das natürlich ein Klassiker bleibt.
Ein Debüt mit Höhen und Tiefen, das in Deutschland sogar erst als zweite Platte veröffentlicht wurde. (454)
The Beautiful South – Welcome to the beautiful South (1989)
Paul Heaton und Dave Hemingway – früher bei den Housemartins – gründeten mit „The Beautiful South“ eine Band, die sich mit ihrem zeitlos wirkenden musikalischen Stil zwischen Pop und Indie bewegt.
Der Song „Song for whoever“ ist einfach wunderschön. Er besticht durch eine einnehmende Melodie, einen schönen, sanften Retro-Rock’n’Roll-Refrain, feine Gesangsharmonien und eine akustische Instrumentierung. Trotz einer Länge von sechs Minuten ist er ein respektabler Single-Hit.
Jazzig, ebenfalls fein musiziert und mit teilweise beeindruckenden Gesangshöhen, die an die Stimme von Jimmy Somerville erinnern, ist „Have you ever been away“. Die Musik von The Beautiful South klingt hier irgendwie wie eine Mischung aus Elvis Costello und Bronski Beat. Eigentlich handelt es sich aber um Jazz-Pop, wie er bereits Jahre zuvor von Matt Bianco und Sade eingeführt und charttauglich gemacht wurde. Außerdem besitzt die Musik Elemente des 60er-Retro-Indie-Pops, der von Belle and Sebastian und The Cardigans mit- oder weiterentwickelt wurde.
„From under the Covers“ weist bereits einen Indie-Pop-Charakter auf.
Auch die Singleauskopplung „I'll Sail This Ship Alone“ besitzt genau den süßen Retro-Pop-Charme von „Song for whoever“ und funktioniert ebenso gut.
Indie-Rock findet sich ebenfalls auf dem Album, etwa in „Girlfriend“. Gleiches gilt für „Straight in at 37“, das mit Rock’n’Roll-Einflüssen versehen ist. Einen Sixties-Charme strahlt „You keep it all in“ aus.
Einer meiner Lieblingssongs ist das zuckersüße und etwas verspielte „Woman in the Wall“.
Was mir an dem Album besonders gefällt, ist seine Abwechslung – dafür gibt es bei mir immer Extrapunkte. Nach langer Zeit macht mir das erneute Hören wieder viel Freude, denn ich mag diesen zeitlosen Retro-Pop mit einnehmenden und gewinnenden Melodien sehr. Er bietet zudem eine angenehme Abwechslung zu der von Synthesizern und E-Gitarren geprägten Musik.
„Oh Blackpool“ sorgt dagegen für einen kleinen Durchhänger. Der Song wirkt etwas zu simpel im Retro-Rock’n’Roll-Stil (oder könnte man ihn als Neo-Rock’n’Roll bezeichnen?).
„Love is“ besitzt sicherlich die Qualität der Singles „Song for whoever“ und „I'll Sail This Ship Alone“, wirkt mit sieben Minuten Länge aber doch etwas zu lang – zumindest für eine Single. (Obwohl „Song for whoever“ ja auch über sechs Minuten lang ist.)
Der letzte Song „I love you (but you’re boring)“ ist nur ein kleiner Bonustrack und nicht ganz ernst gemeint. Als solcher ist er eher harmlos, aber eher etwas nervig als lustig.
Da der Rest des Albums jedoch fast durchgehend sehr gut funktioniert und mir erneut große Freude bereitet hat, vermerke ich das Album als „immer noch sehr gut zu hören“. (682)


Bernd Begemann – Rezession, Baby! (1993)
Der Frontmann der Band „Die Antwort“ hat sich von seiner Gruppe getrennt und veröffentlichte 1993 sein erstes Soloalbum. Darauf sind 21 Songs zu hören, von denen die meisten unter drei Minuten dauern. Zunächst möchte ich erwähnen, dass ich Bernd Begemann erst deutlich später für mich entdeckt habe. Das lag vor allem an dem Song „Fernsehen mit deiner Schwester“, der auf einem Sampler vertreten war. Mittlerweile mag ich ihn sehr. Es ist nicht ganz einfach, Begemann auf Anhieb zuzuordnen, denn seine Stimme klingt beim ersten Hören oft wie die eines alten Schlagersängers – Entschuldigung dafür. Am besten erlebt man ihn live, denn das ist etwas Unvergessliches.
Was Bernd singt, ist oft wichtiger als der Klang seiner Stimme. Bei ihm gibt es viel mitzusingen, und er lädt dazu ein, die ernste Welt nicht immer allzu ernst zu nehmen. Manche Lieder sind humorvolle Abrechnungen mit den Tücken des Alltags, und auch die deutsche Zeitgeschichte kommentiert er klug.
Der junge Bernd Begemann, wie er auf dieser CD zu hören ist, klingt stimmlich noch jünger. Deshalb möchte ich meine Einschätzung, dass er wie ein Schlagersänger klingt, etwas revidieren. Er erinnert eher an Jochen Distelmeyer, der heute allerdings selbst eher Schlager macht. Dieser wird im Text später noch erwähnt.
Der provokante Titel „Hitler – menschlich gesehen“ klingt zunächst drastisch, doch der Song selbst ist weniger provokant. Vielmehr ist es eine Abrechnung mit der damals geltenden, leider zum Teil immer noch aktuellen Realität in Deutschland. Dass „Hitler menschlich gesehen“ wurde, verdanken wir vor allem dem Magazin Stern. Die meisten Titel sind im Homerecording entstanden, darunter auch der Rap „Mitleid mit den Dummen ’93“. „Ihr habt es schön hier“ ist ein Lied voller Neid, Unglück und dem Glück, das Schöne wieder verlassen zu dürfen (oder so ähnlich). „Apocalypse in Borkhorst“ könnte einfach von einem Beziehungsende handeln, und „Lass uns essen“ beschäftigt sich mit dem Leben, das man gelebt haben sollte. Heimat und Vaterland sind Thema in „Deutsche Hymne ohne Refrain“. „Der lange Abend“ erscheint immer zu kurz, weil man dann gehen muss, obwohl man gerne noch bleiben möchte. Von einer Anhalterin, die man einfach mitnimmt und zu ihren Freunden fährt, handelt „Ich wollte eigentlich nicht nach Hannover“.
Kritische Auseinandersetzungen finden sich im Song „Rambo III mit Jochen Distelmeyer im Autokino“ – allein für solche Titel muss man Bernd Begemann lieben. Die deutsche Vergangenheit und ein langer Songtitel „Liebe und Freiheit (Josef Bachmann erzählt seine Geschichte und erteilt Rudi Dutschke eine Lektion)“ runden das Bild ab. „Es tut mir so weh“ handelt von verratener Liebe und Freundschaft, die schmerzt. Musikalisch ist alles sehr einfach gehalten: Lo-Fi, manchmal nur gesungen oder von einer Rhythmusmaschine begleitet. Leider bleiben seine großen Fähigkeiten an der Gitarre dabei verborgen. Mir gefallen die späteren Alben deshalb etwas besser. So war es eben, als die Hamburger Schule noch jung und hip war. Die Texte aber sind schon damals so, wie man sie heute von Begemann erwartet und liebt: klug, ehrlich und oft auch mit einem Augenzwinkern.
Die zweite Hälfte des Albums beginnt mit einem instrumentalen Stück: „Schmutziger Schwan auf dem Baggersee“. Es folgt das schöne „Meine Seele“. Seine Liebeslieder sind stets anders, wie etwa „Christiane, das Mädchen vom C.V.J.M.“ oder „Die müden Liebenden“, die von müden Liebenden oder frisch Verliebten erzählen. „Buddy, nimm lieber den Bus“ – auch ich bin ein Jonathan-Richman-Fan – fängt das Gefühl des Fangens in einem Song ein, sehr gelungen. Was Hildegard glücklich macht, entspricht wohl nicht unserer Vorstellung von Glück; dazu passt „Macht Hildegard glücklich“. Eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit bietet „Der Junge, der nie mein Onkel wurde“. Über Freundschaften handelt „Jemanden kennenlernen/witzig bis zuletzt“. „Mein kleines hässliches Mädchen“ spricht über das Anpassen oder das Andersbleiben. Zum Schluss gibt es ein Lied über die wahre Liebe: „Ich wusste, dass es dich gibt“.
Als Küchenaufnahme muss man die Musik so hinnehmen, doch die Texte überzeugen auch bei dem noch jungen Bernd Begemann und deshalb lohnt sich die CD. Besonders erfreulich ist, dass die Songtexte zum Nachlesen beiliegen. Ausgewählte Texte sind zudem in Buchform erschienen, unter dem Titel „Gib mir eine zwölfte Chance“.(273)
The Belair Lip Bombs – Again (2025)
Indierock aus Australien. Maisie Everett, Sängerin und Gitarristin der Band, und ihre Band, bestehend aus Mike Bradvica (Gitarre), Jimmy Draugthon (Bass), Daniel Davlin (Drums) sowie Studiogastmusiker und Co-Produzent Nao Anzai (Keyboards und Violine), scheinen mit ihrer zweiten Platte das Potenzial zu haben, ganz groß rauszukommen. Denn der Indierock der Band nimmt einen mit und ist so überzeugend, dass er sich deutlich von vielen anderen Gruppen abhebt, die denselben Musikstil verfolgen.
Das Eröffnungsstück „Again and Again“ macht mit kräftigen Gitarrenriffs keine Gefangenen, sondern reißt mich sofort mit. Statt Garagenrock geht der Song dann allerdings in eine leichte Indie- und Alternative-Rock-Richtung weiter. Großartig, und schon bin ich Fan. Da ich das Album zunächst nur gestreamt habe – weil es Platte des Monats im Uncut-Magazin ist – habe ich es direkt zusammen mit dem Debütalbum bestellt. Solche gelegentlichen Überreaktionen habe ich manchmal, wenn mir etwas wirklich gefällt. Und das, was ich hier höre, begeistert mich.
Leichter gerockt, etwas poppig und allgemein zugänglich, dabei aber immer noch sehr überzeugend: „Don’t Let Them Tell You (It’s Fair)“.
Das sind einfach tolle Melodien und rockig dazu – richtig gut: „Another World“ wird live sicher eine großartige Nummer sein.
Wieder eingängiger, aber trotzdem tanzbar: „Cinema“ – auch genau mein Ding. Indie-Pop-Rock vom Feinsten.
Jack White hat die Australier in sein Label Third Man Records aufgenommen, sodass sowohl das erste Album „Lush Life“ als auch das neue Werk nun international vermarktet werden.
Dennoch, und das ist ja auch ein Markenzeichen von Jack White, klingt alles authentisch handgemacht, ohne dabei an Anziehungskraft zu verlieren. Bei „The Belair Lip Bombs“ macht vor allem die Mischung aus Powerpop, Rock und Indie den Reiz aus. Da darf sich jeder in die Band verlieben.
Songs wie „Hey You“ gibt es viele, doch sie funktionieren oft perfekt. Gute Gitarrenwände, die mitreißen, und ein eingängiger Refrain – mehr braucht es nicht für einen Hit. Auf Spotify wurde der Song bereits über eine Million Mal gestreamt. Manchmal kommt es mir beim Wiederhören so vor, als würden Indierocker wie „Kings of Leon“ auf „Taylor Swift“ treffen – und genau das erklärt wohl die starke Anziehungskraft ihrer Musik.
Alles in allem gefällt mir, was ich höre, und es ist schön abwechslungsreich. Ich bin wieder mal verliebt. Eine solche Platte habe ich auch gebraucht, denn in letzter Zeit war ich beim Hören fast schon in einen Automatismus verfallen und zweifelte, ob ich nach über 600 Alben nicht mal eine Pause machen und es etwas langsamer angehen sollte. Aber mit so guter Musik macht alles wieder Sinn und vor allem viel Spaß. Besonders gefallen hat mir auch „If You’ve Got the Time“, sehr lässig, fast im Stil des 70er-Rock.
Leichter, schöner Rock: „Smiling“. Fast schon eine Ballade: „Burning Up“. Und mit „Price of a Man“ endet das Album leider schon. Aber es gibt ja noch das Debütalbum. Eine schöne Entdeckung, zur richtigen Zeit – und wirklich richtig gut! (634)

Belle & Sebastian – Fold your hands child, you walk like a peasant (2000)
Das vierte Album der Band beginnt sehr sanft und zart mit „I fought a War“, einer ganz ruhigen Ballade. Darauf folgt mit „The Model“ einer dieser beschwingten Songs, für die die nach Sixties-Pop klingende Band so bekannt und geschätzt wird. Viele bezeichnen dies auch als Chamber-Pop.
Sanfter Chamber-Folk zeigt sich in „Beyond Sunrise“. Das Album wurde erneut mit vielen Gastmusikern aufgenommen; zur Stammbesetzung gehörten zu dieser Zeit noch Stuart Murdoch (Gitarre, Gesang), Stuart David (Bass), Steve Jackson (Gitarre), Isobell Campbell (Cello, Gesang), Chris Geddes (Keyboards), Richard Colburn (Drums) und Sarah Martin (Gesang, Violine).
Beschwingt, aber auch leicht melancholisch vorgetragen, ist „Waiting for the Moon to Rise“. Einen sanften Indie-Rock bietet „Don’t Leave the Light on Baby“.
Als Singer-Songwriter-Folk könnte man auch einen Titel wie „The wrong Girl“ bezeichnen, allerdings mit diesem Sixties-Feeling, das immer an die französische Nouvelle Vague erinnert. Belle & Sebastian klingen dabei stets sehr akustisch, ohne auch nur zu versuchen, „modern“ zu wirken. Ihre Songs erhalten durch die vielfältige Instrumentierung – wenn die ganze Band zum Einsatz kommt – einen breiten Klang und erinnern dann fast an eine kleine Bigband oder ein Orchester.
Ganz sanft und zart sind Gesang und Klavier in „The Chalet Lines“.
Auch als Soundtrack-Song für die 60er- oder 70er-Jahre wäre „Nice Day for a Sulk“ gut geeignet. Beschwingt durch einen Frühlingstag oder Sommertag nimmt dieser Song die Stimmung auf.
Mein Lieblingssong der Platte funktioniert ähnlich wie „The Model“, nur noch etwas besser und mitreißender. Ein tolles Lied: „Women’s Realm“. Es zählt zu meinen absoluten Lieblingsstücken der Band, die ich immer wieder gerne höre.
Sanft und leicht klingt „Family Tree“. Noch etwas schneller, aber dabei trotzdem sehr leicht, präsentiert sich „There’s Too Much Love“.
Irgendwie machen Belle & Sebastian etwas richtig, anders als viele andere Bands, die versuchen, einen ähnlich nostalgischen Sound in die Gegenwart zu transportieren. Bei ihnen klingt es so, als gäbe es einfach keine moderne Popmusik. Sie wirken hundertprozentig authentisch und überzeugen zugleich, weil die meisten ihrer Songs einfach gut sind. (693)


Belly – King (1995)
Belly wurde von Tanya Donelly und Fred Abong gegründet. Donelly hatte zuvor bereits in den bekannten Bands Throwing Muses und The Breeders mitgespielt. Nach dem zweiten Album von „Belly“, das damals nur wenige Käufer fand, beschloss Tanya Donelly, ihre Karriere als Solokünstlerin fortzusetzen.
Doch wie klingt dieses zweite, damals wenig beachtete Album heute – insbesondere für jemanden, der es zum ersten Mal hört?
Eines ist klar: Mit dem Album entfernt sich Tanya Donelly weiter von ihren Alternativ-Rock- und Indie-Wurzeln. Sie versucht sich mehr als traditionelle Singer/Songwriterin, die neben einigen Elementen ihrer musikalischen Vergangenheit nun auch Folkrock sowie typische Singer/Songwriter-Lieder in ihre Musik einfließen lässt. Die Indie-Coolness der Breeders und der Throwing Muses sucht man hier fast vergeblich. Wer jedoch Dinosaur Jr. mit weiblicher Note hören möchte, wird eher auf seine Kosten kommen.
Dass das Album damals keinen großen Erfolg hatte, könnte daran liegen, dass die hohe Qualität der Songs zugleich verhinderte, dass es eingängige Hits im Singleformat gab. Tanya Donelly hätte sicherlich Songs in der Art von Alanis Morissette schreiben können, doch ihr eigener Anspruch an sich selbst ließ das offenbar nicht zu. Vielleicht hätte der überdrehte, an The Pretenders erinnernde Song „Red“ das Potenzial für einen Hit gehabt – möglicherweise war der Song aber doch etwas zu überladen dafür. Wer weiß?
Auf jeden Fall hat Tanya Donelly mit diesem Album ihren eigenen Weg gefunden, was für eine Künstlerin ein wichtiger Schritt ist. Inzwischen gilt das Album unter Musikkennern als eines der unterschätztesten Alben der 90er Jahre. Diejenigen, die es hören, bekommen eine gelungene Mischung moderner amerikanischer (Indie-)Rockmusik zu hören, jenseits von Charts und Radioplaylists. (323)

Pat Benatar – In the Heat of the Night (1979)
Mit „Heartbreaker“ beginnt Pat Benatars Debütalbum mit einer kraftvollen Pop-Rock-Nummer und zeigt sofort, dass sie sich nicht vor Gruppen wie „Blondie“ und „The Pretenders“ verstecken muss. „I Need a Lover“ ist eine Country-Rock-Nummer, die auf jeder Party sicherlich gut ankommt. Sie beherrscht nicht nur Rock, sondern auch Pop. „If You Think You Know How to Love Me“ – viele Stücke auf dem Album haben Hit-Potenzial, so auch diese Pop-Rock-Nummer. Das Titellied „In the Heat of the Night“ nimmt das Tempo heraus und verführt mit einer eindringlichen Stimme, die eine ganz besondere Nacht verspricht.
„My Clone Sleeps Alone“ – den Rock’n’Roll-Drive einer Debbie Harry beherrscht Pat Benatar auf jeden Fall. Etwas zu sehr auf Mainstreamrock ausgerichtet ist „We Live for Love“ – doch so klang der amerikanische Mainstream-Pop-Rock auch noch lange Zeit später. Hört euch dazu nur die Soundtracks zu Hollywoodfilmen wie „Top Gun“ oder „Beverly Hills Cop“ an, die alle noch ein halbes Jahrzehnt später produziert wurden. „Rated X“ hat den richtigen Drive und nimmt einen sofort gefangen. Eine Ballade darf nicht fehlen: „Let It Snow“. Bei diesem Stück versucht die Rockröhre, zum sanften Engel zu werden. Danach legt die Rockröhre noch einmal einen Gang zu, und es gibt eine echte Hardrock-Nummer: „No You Don’t“. Das letzte Stück „So Sincere“ ist eine schöne Pop-Rock-Nummer.
Ein gelungenes Debüt, das direkt den gewünschten Erfolg brachte und diesen auch bei den nächsten Alben halten sollte.(114)
Matt Berninger – Serpentine Prison (2021)
Der The National-Sänger bringt ein Soloalbum heraus. Für ihn etwas ungünstig fällt diese Veröffentlichung in die Corona-Zeit, was den Musiker auch in eine persönliche Krise stürzt und die Arbeit am nächsten The National-Album erschwert. Doch kommen wir jetzt zum Inhalt dieses Debüts.
Sanfte Singer/Songwriter-Musik, leicht verhallt, sodass sie auch nach Indie-Pop klingt – so ist der Stil der ruhigen Nummern „My Eyes are T-Shirts“ und „Distant Axis“. Das ist schön anzuhören und nimmt einen mit, ist aber auch etwas einfach geraten. In einer intimen Live-Umgebung wäre das sicherlich sehr reizvoll gewesen, wenn eben nicht Corona das Konzerterlebnis zum Erliegen gebracht hätte. Von daher verstehe ich gut, warum Matt Berninger in eine Krise geriet.
Den sanften Grundton behält auch „One more second“ bei. Das ist schon schön, aber mir fehlt immer noch etwas, das mich richtig packt. Ich möchte die Produktion nicht als zu glattgebügelt bezeichnen, doch es klingt halt nach viel von dem, was man im Radio hört. Man wippt beim Refrain mit, aber der Song ragt nicht aus der Menge heraus. Der gleiche Titel, gespielt von Robbie Robertson, hätte einfach mehr Blues oder Rock sowie mehr Ecken und Kanten.
Bei „Loved so little“ klingt der Gesang ein wenig so, als versuche Berninger Nick Cave zu kopieren, und der Song wirkt dann auch, als wäre er von Daniel Lanois produziert – und das gefällt mir deutlich besser. Das passt mehr zum The National-Frontmann. Ein erster beachtenswerter Song der Platte. Produziert wurde das Album von Booker T. Jones, den man von „Booker T & the MG’s“ kennt.
Der leicht atmosphärische Sound prägt auch „Silver Springs“. Ein schönes Duett mit Gail Ann Dorsey, die als Bassistin in den Bands von David Bowie und Lenny Kravitz bekannt wurde.
Das akustisch gehaltene „Oh Dearie“ ist wunderschön. Man musste wohl nur die etwas glatteren Anfangssongs als Hörer hinter sich bringen, um dann doch mit der Platte Freundschaft zu schließen.
Rocken will Berninger solo offenbar nicht. Lieber füllt er das Album mit ruhigen Singer/Songwriter-Balladen, aber das funktioniert gut, wie „Take me out of Town“ zeigt. Live hätte mich das Material der Platte „umarmt“. Ein wenig erinnert das an das letzte Leslie Feist-Album: Ein Musiker, der sich konzentriert auf das Wesentliche der Musik fokussiert und dabei viel Emotionalität auf den Hörer überträgt.
Laut wird es einfach nicht. Ganz ruhig und zurückhaltend ist auch „Collar of your Shirt“, unterlegt mit Streichern und sanftem Gitarrenspiel, das wundervoll klingt.
Getragen von einem Piano und Berningers wie immer toller Stimme, die ich sehr mag – und natürlich wieder ganz ruhig – kommt „All for Nothing“ daher. Dieses Stück wird ergänzt durch Streicher und Blasinstrumente, die zwischendurch ein wenig lauter werden.
Das Titelstück „Serpentine Prison“ setzt den Schlusspunkt des regulären Albums. Auch hier will man nicht überraschen, sondern hält den Stil der zuvor gehörten Songs bei. Doch gerade wegen der gelungenen Produktion (abgesehen von den ersten drei Tracks) werde ich dieses Album in sehr guter Erinnerung behalten. Als Einzelstücke in einer Playlist können einige Songs nochmals richtig glänzen. Ich freue mich schon auf das Wiederhören einiger Stücke.
Doch es gibt noch sechs Bonustitel, das Album ist also noch nicht vollständig gehört.
Das etwas flotter gespielte „European Son“ macht richtig Spaß, auch weil es durch seine fröhlichere Art für Abwechslung sorgt. Das Stück ist wirklich klasse, verdammt, jetzt muss ich mir das Album wegen der Bonusstücke noch einmal holen.
Eine wunderschöne, soulige Piano-Blues-Nummer ist „Then you can tell me goodbye“. Die Deluxe-Version als Download ist bei mir gerade gekauft.
Die Songs hätten als Teil des regulären Albums den Ton etwas stark verändert, doch das wäre eigentlich nicht schlimm gewesen. Die Qualität ist einfach gut. Der sanfte Root-Folk-Song „In spite of me“ funktioniert sehr gut und passt wieder zum bereits erwähnten Robbie Robertson. Er erinnert zudem leicht an Bob Dylan.
Dann wird im Retro-Stil doch mal gerockt. Das klingt ganz stark nach Booker T. & the MG’s. Hier wird dem Produzenten mit einer guten Cover-Version gehuldigt, die Booker T. 1968 mit Eddie Floyd herausgebracht hat: „Big Bird“.
Zum Schluss gibt es gleich noch etwas Sanftes: „Let it be“. Am Ende hört man „The End“, das allein von Benjamin Lanz, einem Mitglied von The National, geschrieben wurde. Bei allen anderen Stücken (außer „Big Bird“) war Matt Berninger Co-Autor. Und bei Benjamin Lanz sowie dem ständigen Einsatz von Blasinstrumenten auf dem Album fällt mir wieder ein, dass ich auch mal mehr von „Beirut“ hören muss – dort ist Lanz schließlich Stammmusiker.
Anfangs tat ich mir mit dem Album etwas schwer, doch ab dem vierten Stück hat es mich gepackt, und jetzt bin ich ziemlich begeistert. Die Deluxe-Ausgabe ist tatsächlich noch einmal deutlich besser als das reguläre Album, weil die Bonustitel einfach allesamt Highlights sind. (613)


Better than Ezra – Deluxe (1993/95)
Sieben Jahre nach der Gründung der Band und dem Tod ihres ersten Sängers machten die verbliebenen drei Mitglieder einfach weiter. Sie brachten eine erste Aufnahme auf Kassette heraus. Nachdem das Album „Deluxe“ zunächst bei einem Indielabel und zwei Jahre später bei einem Majorlabel veröffentlicht wurde, stellte sich der Erfolg schnell ein. Dieses Debütalbum ist zugleich das bekannteste und erfolgreichste der Band – und das zu Recht. Der Stil der Band ist nicht eindeutig einzuordnen. Für Alternative Rock ist der Sound und die Songstrukturen zu mainstreamig, doch für Mainstream-Pop sind sie wiederum zu gut. Die Band überzeugt durch starke Songs, die in verschiedenen Genres funktionieren – vielleicht vergleichbar mit Calexico. Allerdings ist die in New Orleans beheimatete Band Better than Ezra eher von der Musik der Bayous inspiriert, während Calexicos Sound von der mexikanischen Wüste geprägt ist.
Das Album, das ich vom ersten Hören an sehr mochte und häufig gehört habe, beginnt mit „In the Blood“. Der Song ist guter, leicht zugänglicher Rock, und Sänger Kevin Griffin verleiht ihm mit seinem zärtlich gefühlvollen Gesang, der mich entfernt an Peter Kingsbery von Cock Robin erinnert, eine besondere Note. Direkt im Anschluss folgt die bekannteste Single der Band: „Good“. Dieser Song hat eine starke Alternative- und Punkrock-Note und zieht einen sofort in seinen Bann. Alle Songs sind eingängig und gefällig, aber auf eine gute Art und Weise – eben wie gute Popmusik. Sie sind massentauglich, ohne dabei langweilig zu wirken, denn sie bestechen durch solides Songwriting und musikalisches Können.
Wie gut die Stücke gespielt sind und wie durchdacht sie von Musiker und Produzent Dan Rothchild produziert wurden, zeigt sich besonders bei dem rockigen „Teenager“ – ein super Song. Das gesamte Album ist typisch für den Mitte der 90er Jahre verbreiteten Rocksound. Es wird häufig mit kräftigen Schrammelgitarren und einem lauten Rockbass gespielt, ist inhaltlich aber durchaus radiotauglich und hitverdächtig.
Atmosphärisch und leicht melancholisch klingt „Southern Girl“. Es folgen nur gute Songs: „The Killer Inside“ und das folkige „Rosealia“. Ebenfalls im Folkrock-Stil präsentiert sich „Cry in the Sun“. Nach einem kurzen Zwischenspiel bieten Better than Ezra mit „Summerhouse“ perfekte Partystimmung.
Die Ballade „Porcelain“ erinnert mich sehr an die „BoDeans“, die eine ähnliche Musik machen. Im akustischen Indie-Folk-Stil ist „Heaven“ gehalten. Sanft gerockt mit Singer-Songwriter-Feeling präsentieren sich „This Time of Year“ sowie das abschließende „Coyote“.
Da das Album von Anfang bis Ende überzeugt – auch wenn gegen Ende die sanften Stücke etwas überwiegen – gehört es zu den Alben, deren Songs ich immer wieder gerne gehört und in meiner Playlist behalten habe. Trotz des 90er-Jahre-Feelings wirken die Stücke zeitlos und funktionieren heute genauso gut wie beim ersten begeisterten Hören. (493)
Bigbang – Frontside Rock´n´Roll (2002)
Bigbang ist die Band von Øystein Greni (Gitarrist, Sänger, Songschreiber) und wird als die beste Liveband Norwegens bezeichnet. „Radio Radio TV Sleep“ ist das meistverkaufte Live-Album, das jemals in Norwegen veröffentlicht wurde. In Deutschland sind Bigbang weitgehend unbekannt und ihre Veröffentlichungen auf physischen Musikträgern nur schwer zu bekommen. Downloads sind hier einfacher zugänglich. Außerdem gibt es noch eine koreanische Band mit dem gleichen Namen, und dass sich die Band manchmal „Bigbang“ und dann wieder „Big Bang“ schreibt, macht die Suche nicht leichter. Deshalb besitze ich auch eine CD der koreanischen Band mit demselben Namen (zum Glück machen sie keine schlechte Musik). Bigbang spielen Rockmusik.
Wie gut einfache Rockmusik sein kann – selbst im klassischen Sound gespielt – beweisen Bigbang direkt mit „One of a Kind“. Es klingt fast so, als ob jemand den klassischen Motown-Records-Sound auf Rock statt auf Soul anwendet. Neo-Rock, aber richtig gut gemacht.
Ein treibender Orgel- und Bass-Sound treibt „Fire and Oil“ gnadenlos voran, während der Gesang an The Doors erinnert. Trotzdem klingt der Song nicht „alt“. Ich glaube, mit diesem Stück können auch Fans von Motorpsycho und Psychrock allgemein etwas anfangen. Ein Freund bezeichnete die Musik von Bigbang einfach als „Stromgitarrenmusik“.
Herausragenden Garagen-Rock bietet „Heaven and Stars above“. Die Band um Øystein Greni sind wirklich grandiose Rockmusiker und hätten es verdient, auch über die heimischen Landesgrenzen hinaus bekannt zu sein. Doch manche Bands, die ich als „grandios“ bezeichne, bleiben eher unentdeckt. Warum das so ist, wird mir nie verständlich sein, denn gute Musik müsste sich eigentlich immer durchsetzen können.
„Spiritual Heart Surgery“ bringt ein wenig Folkrock in den Mix der Platte. Wer guten Rock der 70er Jahre liebt, wird dieses Album einfach lieben müssen. Bigbang bringen diesen Sound mit neuen, guten Songs zurück und beweisen, wie zeitlos diese Musik ist.
Wüstenrock hört man bei „Liquid Gold“. Zu Anfang ist der Song eher ruhig und baut damit eine spannende Atmosphäre auf, ähnlich wie bei „Mercedes“.
Mit Chorgesang am Anfang beginnt „Where the World Comes to an End“. Doch sobald der Chor verstummt, wird wieder richtig gerockt.
Sehr schön und mit Soul- und Blues-Feeling präsentiert sich „Earphones“. Mit Akustikgitarre und sanfterem Klang ist „The Elephant Man“ ein Song für Dylan- und Young-Fans.
Das versteckte Titelstück „Frontside Rock’n’Roll“ setzt nochmals stark auf Atmosphäre und ist ein sehr guter Song.
Wer seinen Rockklassisch, fast schnörkellos und ohne Alternative- oder Metal-Anklänge liebt, sondern gradlinig und sehr gut gespielt – also einfach „rockend“ – mag, macht mit Bigbang nichts falsch. Dieser Rock funktioniert immer. (670)


Big Country – Steeltown (1984) Digital Remasterd 1996 Edition
Das zweite Album der Band präsentiert Gitarrenrock mit Texten, die von der Geschichte sowie vom Leid und der Freude der Schotten erzählen. Einige Songs haben das Potenzial, zu „epischen Rock-Pop-Hymnen“ zu werden. Vor allem überzeugt das Album durch einen mitreißenden Rock-Sound, ohne dabei wie typischer Rock der 70er Jahre zu klingen.
Dass es sich um Aufnahmen aus den 80er Jahren handelt, hört man leider deutlich am Klang. Obwohl ich Steve Lillywhite als Produzenten sehr schätze, würde ich mir heute einen klareren Sound wünschen. Lillywhite wollte der Band einen „New Wave“-Touch verleihen, doch dafür sind Big Country mit ihren Melodien eigentlich zu poprockig.
Wäre das gesamte Album so abgemischt wie einige der Bonussongs, könnte man es deutlich besser genießen. Die Abmischung von „The Great Divide“ lässt sich leider nur als völlige Katastrophe bezeichnen, obwohl der Song an sich gut ist.
Wer einen klareren Sound bevorzugt, ist mit der 2014 erschienenen „30th Anniversary Deluxe Edition“ gut bedient. Diese ist allerdings, wenn überhaupt, derzeit nur sehr teuer erhältlich, alternativ aber bei Spotify verfügbar – für diejenigen, die dies bevorzugen. Nachtrag: Im Jahr 2023 erschien eine neue Vinyl-Neuauflage. (16)

The Big Moon – Walking like we do (2020)
The Big Moon bestehen aus Juliette Jackson, Celia Archer, Fern Ford und Soph Nathann. Die Frauen machen eingängigen Indie-Rock-Pop, der durchaus radiotauglich ist. Auf einer Festivalbühne macht das sicherlich Spaß, und wer neben Haim eine weitere poppig-rockige Band in seiner oder ihrer Sammlung haben möchte, wird von The Big Moon gut bedient. Die Musik eignet sich gut zum Nebeneinanderlaufenlassen und strengt nicht an – vielleicht ist das auch der Grund, warum die Band einem nicht ganz so wichtig erscheinen könnte. (66)

Big Red Machine – How long do you think it´s gonna last (2021)
Big Red Machine ist keineswegs ein Eintagsprojekt von Aaron Dessner und Justin Vernon. Für ihren zweiten Longplayer mit 15 Songs haben sie sogar noch mehr Gäste eingeladen als beim Debütalbum. Dazu zählen Anaïs Mitchell, Fleet Foxes, Taylor Swift, Ilsey, Sharon van Etten, Lisa Hannigan, La Force, Ben Howard und This Is the Kit.
„Latter Days“ ist eine wunderschöne Americana-Ballade mit der Stimme von Anaïs Mitchell. Der Song erinnert an Stücke von Feist oder an die akustischen Titel von Taylor Swift, die Dessner produziert hat. Bei „Reese“ verbindet sich ein von der Drummaschine unterstütztes Klavierspiel mit der leicht elektronisch verfremdeten Stimme von Vernon zu einer dieser Popperlen, die man bereits vom ersten Big Red Machine kennt. Der Charme dieses Songs zieht einen sofort in seinen Bann. Bei „Phoenix“ wirken die Fleet Foxes mit, und der Song ist eingängig, wirkt jedoch sehr vertraut: Folk-Pop, wie man ihn schon oft gehört hat. Taylor Swift singt beim sanften „Birch“ im Duett mit Vernon. Dennoch leidet der Song etwas unter seinem Mangel an Dynamik. Anders ist das bei „Renegade“, das wohl nicht mehr auf Swifts Album „Folklore“ passte und deutlich schöner ist. Könnte Taylor nicht bitte dauerhaft eher sanften Folk-Pop machen? Sie hat doch schon genug Erfolg, da braucht sie nicht mehr den Popstar zu geben.
Auch „The Ghost of Cincinnati“ ist ein nettes Pop-Folk-Stück, ebenso wie „Hoping Then“. Dass selbst Ed Sheeran sich von Aaron Dessner produzieren ließ, überrascht nicht, denn all diese Lieder sind sehr radiotauglich. Allerdings führen radiotaugliche Klänge oft dazu, dass Musik sich dem Mainstream-Einheitsbrei annähert. Viele Songs auf der Platte wirken daher bekannt und austauschbar. Richtig herausragende Tracks wie auf dem ersten Album von Big Red Machine, das ich sehr schätzte, fehlen diesmal. Dabei ist es bei einer 15 Titel umfassenden CD auch schwer, Langeweile zu vermeiden. Vielleicht wäre hier weniger mehr gewesen. Mit „Mimi“ wird es dank Ilsey als Gastinterpretin immerhin etwas flotter. Man muss zugeben, dass alle Stücke gut hörbar sind, nur eben rein poppig. Innerhalb der Songs passiert häufig wenig, und Tempo- oder Melodiewechsel fehlen meist.
„Easy to Sabotage“, diesmal mit Naeem als Gast, bildet da keine Ausnahme, es entfernt sich jedoch etwas vom Folk-Pop und wird wieder zu einer Singer-Songwriter-Nummer. Zusammen mit Sharon van Etten und Lisa Hannigan, die bereits beim ersten Album dabei war, entsteht ein gemeinsames Musizieren, das aber leider eher vor sich hinplätschert. Möglicherweise war es ein Fehler, beide Big Red Machine-Alben innerhalb von nur zwei Wochen zu hören. Dabei wird für mich deutlich, dass ich amerikanischen Folk lieber „handgemacht“ mag. Wird alles für das Radio zu glattgeschmirgelt, wirkt es einfach langweilig. Das sanfte „8:22 AM“ punktet hingegen bei mir, da es sehr schön geraten ist – unter anderem mit Gastsängerin La Force.
Würde „Magnolia“ im Radio laufen, fände ich den Song ebenfalls sehr gelungen. Doch meine Kritik an dem Album verstärkt sich mit jedem weiteren Lied. Die Vielzahl sowie der Gleichklang der Songs lassen selbst gute Radiosongs wie Einheitsbrei wirken. Es folgen noch drei weitere Stücke, bei denen alles einfach zu harmonisch klingt. Schaffen Ben Howard und This Is the Kit noch ein wenig Klasse auf das Album zu bringen? Eigentlich nicht, denn „June’s a River“ erfüllt keine Ausnahme und überrascht nicht, sondern bleibt eher eintönig und langweilig. Süßlicher Pop-Folk gibt es bereits genug – und genau das ist auch „Brycie“. „New Auburn“, mit der hinreißenden Anaïs Mitchell, bildet einen sanften Ausklang. Damit ist das Ende der Platte erreicht.
Viele Songs eignen sich für eine gute Playlist, aber es ist kein Album, das man wirklich braucht. Das ist irgendwie schade. (303)

Bis ans Ende der Welt – Original Filmmusik (1991)
Wenn man die Namen der Musikerinnen und Musiker liest, die auf diesem Soundtrack mit Songs vertreten sind, muss man anerkennend den Hut ziehen: Julee Cruise, Neneh Cherry, Lou Reed, Can, R.E.M., Elvis Costello, Nick Cave and The Bad Seeds, Patti Smith und Fred Smith, Depeche Mode, Jane Siberry, T-Bone Burnett, Crime & The City Solution sowie Daniel Lanois. Viele davon sind Künstler, die ich sehr schätze. Für die eigentliche Filmmusik, die auf dem Soundtrack mit vier Stücken vertreten ist, zeichnete Graeme Revell verantwortlich. Mit seinen „Opening Titles“ beginnt auch das gut gefüllte Soundtrack-Album. Das Stück ist eher eine anspruchsvolle Klangcollage als ein echtes Lied, dabei aber mit sehr schönen, sanften Streichern.
Es folgt das zarte „Summer Kisses, Winter Tears“ von Julee Cruise, die wohl jedem Twin Peaks-Fan bekannt sein dürfte.
„Move with Me“ von Neneh Cherry kann man als Dub- oder TripHop-Nummer bezeichnen, und als solche funktioniert sie wirklich gut. Meiner Meinung nach war Neneh Cherry am besten zu der Zeit, als sie ihr zweites Album „Homebrew“ (1992) veröffentlichte. Damals war sie noch ein ungeschliffener, aber sehr kreativer Geist.
Mit recht krachigen E-Gitarren geht Lou Reed zu Beginn von „What’s Good“ auf die Hörer los, bevor er eine sehr charmante Rocknummer im Stil seines von mir heiß geliebten „New York“-Albums (1989) spielt. Ein ganz toller Song.
Es folgt etwas Kurzes von Can mit „Last Night Sleep“, einem der letzten Songs der Band, da diese mit „Last Rites“ zwei Jahre zuvor bereits ihren letzten Longplayer veröffentlicht hatten. Das Stück ist eine entspannte und lockere Nummer – aber typisch Can.
R.E.M. befand sich 1991 bereits auf einer immer größer werdenden Erfolgswelle. Sie sind mit dem Stück „Fretless“ vertreten, einem für die Band typischen, leicht melancholischen Song.
Sehr schön ist auch das Elvis-Costello-Stück „Days“ – sehr sanft, fast schon ein Folk-Song.
Obwohl die Musik eigentlich nach dem Motto entwickelt wurde, sie solle aus dem Jahr 1999 stammen, wirkt sie eher zeitlos oder wie aus einer anderen Zeit gefallen. Von Zukunftsmusik kann bei den meisten Songs keine Rede sein – diese findet man eher auf dem Soundtrack des Films „Strange Days“ (kleiner Soundtrack- und Filmtipp von mir).
Ein weiteres Original-Filmmusikstück ist „Claire’s Theme“ – kurz, aber stimmungsvoll. Der Neuseeländer Graeme Revell war, bevor er sich hauptsächlich Filmmusiken widmete, Teil des Industrial-Elektronik-Duos S.P.K.
Nun folgt Nick Cave and The Bad Seeds mit einer sehr feinen, rauen, aber herzlichen Nummer: „(I’ll Love You) Till the End of the World“. Art-Rock liefern Patti Smith und Fred Smith mit „It Takes Time“.
Einer meiner liebsten Songs von Depeche Mode ist das wunderbare „Death’s Door“. Der Song ist für die Band etwas untypisch, aber dennoch absolut gelungen und zugleich typisch Depeche Mode.
Filmmusikstücke wie „Love Theme“ – kurz und sanft – werden von dem ebenfalls sanften „Calling All Angels“ von Jane Siberry ergänzt, einem Stück der Singer-Songwriterin.
Der eigentlich eher als Produzent bekannte Musiker T-Bone Burnett fügt mit „Humans from Earth“ dem Album einen sanften, modernen Roots-Rock-Song hinzu.
Am Ende ihrer Berlin-Phase waren Crime & The City Solution im Jahr 1991 angekommen. Der Song „The Adversary“ stammt aus der Zeit kurz vor der Auflösung des damaligen Line-ups der Band. Wer, so wie ich, nicht mehr viel über die Band weiß und nicht weiß, dass einige Mitglieder zuvor in der Band „The Birthday Party“ spielten – also ebenfalls mit Nick Cave –, wundert sich nicht, dass der Song wie ein Stück von Nick Cave klingt. Ich mag ihn sehr und muss mich wohl noch intensiver mit „The Birthday Party“ und „Crime & The City Solution“ beschäftigen.
Den kanadischen Produzenten und Musiker Daniel Lanois mag ich sehr, daher schätze ich auch seinen Song „Sleeping in the Devil’s Bed“.
Das Filmmusikstück „Finale“ beendet den Soundtrack, der eine Vielzahl von Stücken von Musikern enthält, die ich sehr schätze. Deshalb begeistert er mich auch heute noch.(572)
Bivouac – Full Size Boy (1995)
Das Trio aus Derby (England) nennt Husker Dü, Sonic Youth und Pixies als Vorbilder und hat den amerikanischen Alternative-Rock-Sound so gut verinnerlicht, dass es selbst Musik macht, die nach Grunge, Emocore und Punkrock klingt. Ihre besten Songs erreichen die Qualität guter Smashing Pumpkins-Stücke und können durchaus mithalten.
„Full Size Boy“ ist leider das zweite und zugleich letzte Album der Band, was ich sehr bedaure. Denn Songs wie „Not Going Back There Again“ und „Monkey Sanctuary (Cynic)“ gehören für mich zu den Lieblingsstücken des Alternative-Rock-Genres.
Das Album beginnt direkt mit „Not Going Back There Again“. Wie bereits erwähnt, ist das einfach guter, hymnischer Alternative Rock – ein Song für Fans von Smashing Pumpkins und Jimmy Eat World.
Ein weiterer Höhepunkt ist „Thinking“, ein großartiger Alternative-Rock-Song, der dabei schön rau klingt. Auch Dinosaur Jr. und Buffalo Tom-Fans dürften Gefallen daran finden. Der Song lässt angestaute Aggressivität nach hinten heraus, vergisst dabei aber nicht die eingängige Melodik. Die Band um Frontmann Paul Yeadon begeistert mich beim Hören erneut, und es ist wirklich schade, dass dies das letzte Album des Trios blieb. 2016 gab es zwar ein kurzes Lebenszeichen, daraus entwickelte sich jedoch offenbar nichts Weiteres.
Ein kurzes Zwischenspiel bildet „Gecko on Skink“.
Danach folgt mit „Monkey Sanctuary (Cynic)“ wohl der bekannteste Song der Band. Wie gesagt: Die Smashing Pumpkins hätten es nicht besser hinbekommen.
Mit „My Only Safe Bet“ zeigt die Band erneut ihre Grunge-Rock-Stärke. Der Song ist exzellent gespielt und richtet sich an Fans von Silverchair und Bush.
Auch „Familiar“ ist im Grunge- und Alternative-Rock verwurzelt. Die Band beherrscht den Grunge-Sound und den amerikanischen Alternative-Rock so perfekt, dass ich bis heute nicht verstehe, warum sie sich mit diesem Album nicht durchsetzen konnte. Für mich zählt es nach wie vor zu den besten Alben dieses Genres, da es keine Durchhänger hat und keineswegs einfach nur die Stile anderer Bands kopiert, die damit außergewöhnlichen Erfolg hatten.
Bei „Mainbreak“ wird die Musik noch etwas aggressiver und zorniger – ebenfalls gelungen. Auch „Bing Bong“ ist ein guter Song, auch wenn der Titel zunächst vermuten lässt, es handle sich vielleicht nur um eine spaßige Nummer.
Etwas sanfter präsentiert sich „Lounge Lizard“, das zwischendurch jedoch härter rockt und gegen Ende einen sehr guten Instrumentalteil bietet.
Das Album endet mit „The Ray Is Related to the Shark“. Der Song beginnt mit einem kräftigen Schuss Psychrock und gefällt mir ebenfalls sehr gut.
Ein tolles Album – für Alternative-Rock-Fans eigentlich ein Muss! (629)


The Black Crowes – The Southern Harmony und Musical Companion (1992)
Das zweite Album der Band wurde in nur zwei Wochen aufgenommen und eroberte die Charts. Es brachte ein Stück Retro-Rock und Hippiegefühl ins Gemisch der Rockmusik der frühen 90er Jahre. Beachtlich viele Songs darauf funktionieren sehr gut, und dementsprechend zahlreich waren auch die Singleauskopplungen. Der Überhit des Albums, der bei meinen Discobesuchen in den 90er Jahren am häufigsten gespielt wurde, war der Song „Remedy“.
Wenn ein Album schon mit einem Rocksongs wie „Sting Me“ beginnt, hat es schon gewonnen. Das Stück mit seinem unverwüstlich zeitlosen Rockstil macht einfach jeden Rockfan glücklich. Rolling-Stones-Fans müssen den Song genauso gut finden wie Anhänger von Led Zeppelin oder Grateful Dead. Das ist Rock in seiner Urform, unverwüstlich. Bei diesem Album haben die Black Crowes es geschafft, ihren „All-Time-Retro-Rock“ im Vergleich zu ihrem Debütalbum noch einmal deutlich zu perfektionieren. Auch Fans von Grunge und Crossover mochten den Sound, weil er einfach wuchtig und ehrlich ist.
Und wenn „Sting Me“ schon stark ist, folgt als zweiter großer Hit das grandiose „Remedy“. Dieser Song fesselt mich schon mit den ersten Takten. Ein großer Rocksong. Ruhiger, aber keinesfalls schlechter ist „Thorn in My Pride“. Die Southern-Rock-Ballade „Bad Luck Blue Eyes Goodbye“ rundet das ab.
Ein weiterer Lieblingsrocksong des Albums ist „Sometimes Salvation“, allein wegen der beeindruckenden Gitarrenarbeit. Ebenfalls großartig, zeigt dieser Song die Stärke der Band, Soul- und Blues-Elemente für sich zu nutzen. Gradlinig, aber ebenso stark ist der Rocksong „Hotel Illness“.
Mit einem leichten ZZ Top-Anklang kommt „Black Moon Creeping“ daher, und der Rock bleibt kraftvoll bei „No Speak No Slave“. Die Rockmaschine namens The Black Crowes gönnt sich auch weiterhin keine Pause. „My Morning Song“ rockt richtig gut los und glänzt zudem durch ruhigere Passagen.
Am Ende kommt dann doch noch einmal etwas Hippie-Feeling auf, mit „Time Will Tell“.
Nach wie vor ist es eines der wirklich guten Rockalben der frühen 90er Jahre und eines, das ich immer mögen werde, weil es an die „beste Zeit“ erinnert. (424)

The Black Keys - El Camino (2011)
Das siebte Album der Band soll laut Wiki-Eintrag zwar weniger Blues enthalten, doch das erste Stück „Lonely Boy“ würde ich als modernen Bluesrock bezeichnen, der richtig nach vorne geht. Produzent Danger Mouse durfte erneut produzieren, und trotz allem klingt das Album sehr poppig, obwohl der Rock im Vordergrund steht. Ein Song wie „Gold on the Ceiling“ könnte deshalb auch im Mainstreamradio gespielt werden. Mir persönlich hätte der Song in einer einfacheren, raueren Version wahrscheinlich besser gefallen.
Mittlerweile stört mich die Verpoppung von Folk und Rock ziemlich, denn alles soll am besten massen- und radiotauglich sein. Viele Künstler, die vielleicht lieber einen erdigen und authentischen Folk- oder Rocksound hätten, passen sich diesem Wandel an, um zumindest noch ein paar Spotify-Hörer zu erreichen. Das ist wirklich bedauerlich.
Das dritte Stück „Gold on the Ceiling“ besticht durch einen schönen Rocksound, der an ZZ Top erinnert, und hat zudem eine leicht soulige Note. „Little Black Submarines“ ist dagegen zwar eine hübsch aufgeputschte (Pop-)Rock-Nummer, doch irgendwie fehlt ihr die Originalität. Wäre Tom Jones der Sänger, wäre das sicherlich etwas Besonderes, doch ohne den Superstar-Bonus ist es nur ein Song wie viele andere. Gleiches gilt für „Money Maker“. Wäre es echter Garagenrock und nicht so stark produziert, könnte das etwas werden, aber so fesselt es mich nicht. Da höre ich lieber ein weiteres erdiges Album von Jack White.
„Run Right Back“ ist eigentlich nicht schlecht, doch trotzdem springt der Funke nicht zu mir über. „Sister“ funktioniert dagegen sehr gut, das ist einfach ein guter Song. Bei „Hell of a Season“ klingt die Band – das Duo bestehend aus Dan Auerbach und Patrick Carney – so, wie ich mir das gesamte Album zumindest ansatzweise gewünscht hätte. Zwar klingt es leider immer noch nicht wie die White Stripes, aber der Song rockt gut.
„Stop Stop“ erinnert an eine moderne Version von 70er-Jahre-Soul und Rock, bringt etwas Abwechslung und macht Spaß. Der (Glam-)Rock-Versuch „Nova Baby“ geht im Rock-Pop-Einerlei der zuvor gehörten Songs jedoch ziemlich unter. Nach „Mind Eraser“ bin ich schließlich ganz froh, die CD hinter mir zu haben. Einige der Songs werden sich gut in der Playlist machen, andere verschwinden dagegen relativ schnell.
Wie gesagt, die Musik der Black Keys hätte mehr Erdigkeit verdient. Live sind die beiden sicherlich ein Erlebnis. (346)

Black Sea Dahu - I am my Mother (2022)
Die Schweizer Indie-Folk-Gruppe Black Sea Dahu ist eine meiner Entdeckungen beim Traumzeit-Festival 2024. Ich habe sie live gesehen, die CD direkt bei den Künstlern bestellt und höre sie nun regelmäßig. Die Band wird von den drei Geschwistern Janine, Vera und Simon Cathrein angeführt, die im Allgemeinen auch für das Songwriting und die Studioaufnahmen verantwortlich sind.
Die CD enthält sieben Stücke mit einer Spieldauer von 33 Minuten – damit ist sie sogar kürzer als ihr Auftritt beim Festival. Von der Sängerin Janine Cathrein habe ich mir den Spruch „Kuratiert Eure Freunde“ gut gemerkt, der viel Weisheit enthält. Im Grunde meint er dasselbe wie der Satz „Je länger ich lebe, desto mehr merke ich, wie viele Arschlöcher es gibt.“
Zurück zur Musik:
„Glue“ ist ein kleiner Singer-Songwriter-Folk-Song im Walzertakt, der mich an K.D. Lang erinnert. Schöner, sanfter Folk-Pop ist „Human Kind“, ein Stück, das an viele Bands der Indie-Folk-Pop-Welle der letzten Jahre erinnert, zum Beispiel die Mighty Oaks und Kollegen. Auch sehr leise und beeindruckend ist „One and One Equals Four“. Das ist anspruchsvolles Songwriting, wie man es von Kat Frankie kennt. Nicht weniger gelungen ist „Transience“.
Bei einem Stück wie „Make the Seasons Change“ weiß ich genau, warum ich beim Auftritt der Band beim Traumzeit-Festival so begeistert war und die CD unbedingt haben wollte. Die Musiker sind einfach gut und machen sehr gute Musik. Eigentlich klingt nur „Human Kind“ ein wenig poppig. Mit Songs wie „Affection“ bewegen sie sich auf der Platte eher im Bereich des anspruchsvollen Singer-Songwriter-Indie-Folk.
Dann ist auch schon viel zu schnell das Ende der CD mit dem Titelstück „I am my Mother“ erreicht. Dort explodiert die Musik zu Beginn und entwickelt sich zu einem tollen Indie-Folk-Song, der noch einmal zum Tanzen einlädt. Wer das Duo „Boy“ mag, dürfte mit Black Sea Dahu viel anfangen können. Gerne mehr davon. (380)
The Black Sorrows – Harley & Rose (1990)
So richtig weiß ich gar nicht mehr, was mich zum Kauf dieser CD bewogen hat. In Australien sind The Black Sorrows zwar schon seit Jahren erfolgreich, doch im übrigen Teil der Welt blieben sie eher unbekannt. Kopf der Band ist der Musiker Joe Camilleri, der die Band als Soloprojekt mit wechselnden Mitmusikern bis heute anführt. Zur Zeit der Aufnahmen von „Harley & Rose“ war ein Markenzeichen der Band der Co-Lead- und Backgroundgesang der Schwestern Vika und Linda Bull. Musikalisch bieten The Black Sorrows handgemachten Rock mit Blues- und Folkelementen.
Mit siebzig Minuten Laufzeit und sechzehn Songs ist die CD gut gefüllt.
Guter Singer-Songwriter-Song und leichter Folk-Rock mit Country-Einschlag – erinnert mich an eine Mischung aus BoDeans und Hothouse Flowers, weshalb ich den Titelsong „Harley & Rose“ schon immer gerne mochte.
Bluesrock, gesungen von den Bull-Schwestern, zeigt sich bei „Never Let Me Down“. Der Song erinnert etwas an die Musik der „Commitments“, doch der Sound der Australier bleibt sehr amerikanisch. Die Bull-Schwestern haben nach ihrem Ausstieg bei den Black Sorrows eine erfolgreiche Karriere als Duo hingelegt, denn Solo kann man das ja nicht wirklich nennen.
„Love Goes Wild“ ist wieder eher Folkrock und ein richtig schöner Track. Sanfte Ballade: „Hold Up to the Mirror“ – sehr schön und wird zum Ende hin noch richtig hymnisch.
Mit Geige begleitet und dadurch wieder im Folksong-Modus: „Carried by the Light“. Wer amerikanisch klingenden Folkrock mag, wird die Musik der Black Sorrows mögen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung gab es zum Beispiel die Counting Crows noch nicht. Die Platte ist zum Glück gut gealtert und macht mir nach langer Zeit des Nichthörens wirklich sehr viel Spaß.
Mit Hitparadenqualität wegen seines schönen Popsong-Gefühls: „Angel Street“. Sanft und schön: „Tears for the Bride“. Bisher hebt sich nur das Blues-Rock-Stück, gesungen von den Bull-Schwestern, stilistisch von den ansonsten von Joe Camilleri gesungenen Folkrock-Songs ab, die mir persönlich besser gefallen.
Der leichte Folkrock der Band ist aber auch einfach zu gut, wie etwa bei „Small Changes“. Hier singt Camilleri fast wie Van Morrison, und natürlich erinnert die Musik der Black Sorrows auch an die Songs des Altmeisters, besonders an die Stücke, die Morrison ab Ende der 80er Jahre gemacht hat.
Ich glaube, ich mag diese Musik heute sogar noch ein wenig mehr als damals, als ich sie zum ersten Mal hörte. Manchmal muss man erst die richtige Erfahrung sammeln, um bestimmte Musik wirklich wertzuschätzen – das stelle ich immer wieder fest.
Sanfter Rock: „Soul on Fire“. Country-Rock-Nummer: „Calling Card“. Poprock mit Van-Morrison-Charme: „Cannonball Cafe“. Sehr schöner Folksong: „Rise and Fall“.
Country-Rock: „House of Light“ – vielleicht dann doch etwas zu kitschig. Das änderte aber nichts an dem guten Eindruck, den die Platte bisher auf mich gemacht hat. Und richtig schlecht ist der Song auch nicht – im Refrain ist er sogar wieder sehr mitreißend und entwickelt zum Ende hin eine ganz eigene Qualität. Niemals einen Song schon nach den ersten Takten aufgeben – das muss ich manchmal auch noch lernen.
Folksong, eigentlich schon Roots: „Baby It’s a Crime“. Zydeco- und Cajun-Musik mischen die Black Sorrows ebenfalls ab und an ein.
Ein wenig außergewöhnlich für den Sound der Platte, aber überhaupt nicht schlecht, ist „Deadline Blues“ geraten. Das Stück erinnert an Produktionen von Daniel Lanois, was vor allem an den Percussions und dem stärker am Blues orientierten Gesang liegt. Eine schöne Abwechslung fast zum Ende des Albums.
Zum Abschluss gibt es noch eine kitschige, sanfte Country-Ballade: „Lay Your Head Down“.
Überraschend gutes Album. Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass ich dieser Platte noch so viel abgewinnen kann. Es war also gut, sie mal wieder zu hören. Es lohnt sich wirklich, alte Regalleichen gelegentlich neu aufzulegen – so ist es wirklich. (655)


Blancmange – Mange Tout (1984)
Beim zweiten Album darf das Synth-Pop-Duo, bestehend aus Neil Arthur und Stephen Luscombe, bei der Produktion mehr wagen. So sind zahlreiche Gastmusiker auf dem Album zu hören, darunter David Rhodes an der Gitarre. Das Album klingt deshalb bereits nach etwas mehr als reinem Synth-Pop. Dennoch ist bei Stücken wie „Blind Vision“ der ursprüngliche Sound erhalten geblieben.
Ich bin gespannt, ob ich neben den Hits „Don’t Tell Me“ und „Blind Vision“ noch weitere gute Stücke finden werde.
„Don’t Tell Me“ ist mein Lieblingssong der Band. Ich mag sogar die Maxi-Fassung immer noch sehr gern. Der Song ist einfach gut und hat die 80er Jahre gut überdauert.
Der melancholische, düstere Synth-Pop-Song „Game Above My Head“ fällt ebenfalls ins Auge. „Blind Vision“ zählt zu den bekanntesten Stücken von Blancmange, hat die Zeit aber nicht so gut überdauert wie „Don’t Tell Me“. Der Song wirkt mittlerweile doch etwas zu sehr nach 80er Jahren und überzeugt mich nicht mehr so sehr wie damals, als er herauskam.
Mit einem kleinen Orchester aufgenommen, besticht „Time Became the Tide“ mehr durch seine Kammermusik als durch seine songschöpferischen Qualitäten, da es etwas zu sehr auf Drama und Pathos setzt.
Die Synth-Elektric-Disco-Nummer „That’s Love That It Is“ ist ebenfalls nicht mein Fall. Aus irgendeinem Grund will bei mir vieles auf dem Album nicht richtig funktionieren. Die Musik erreicht mich irgendwie nicht. Ich hoffe, auf der zweiten Seite des Albums noch auf etwas Gutes oder zumindest auf Musik zu stoßen, die mich mitnimmt.
Auch das stark produzierte und recht ausgeklügelte Synth-Pop-Stück „Murder“ erreicht mich nicht. Es ist wirklich merkwürdig, dass ich auf viele Songs so gut anspreche und sie mag, während mich einige Stücke beim Hören völlig kalt lassen. Diese Musik lässt mich unbewegt zurück, was fast schon zum Verzweifeln ist.
Als kleine Überraschung zur rechten Zeit kommt „See the Train“ als A-cappella-Stück und leichter Gospel daher.
Auch „All Things Are Nice“, fast ein reiner Elektronik-Dance-Song, verziert mit ein paar Samples, funktioniert noch ganz gut. Es ist also nicht alles schlecht auf diesem Album.
„My Baby“ hingegen gefällt mir überhaupt nicht. Ich finde den Song fast schrecklich.
Und als es kaum noch schlimmer werden konnte, covern sie am Ende noch Abba mit „The Day Before You Came“.
Nein, kein gutes Album. Aber „Don’t Tell Me“ bleibt für mich ein Song für die Ewigkeit. (616)

Bløf – Naakt onder de Hemmel (1995)
Bei Bløf liegt die Attraktivität der Band zum einen am guten Poprock und an der Stimme von Sänger und Gitarrist Paskal Jacobsen. Zum ersten Mal ist mir die Band vor Jahren im Autoradio bei Urlaubsfahrten durch Holland aufgefallen. Die Stimme des Sängers hat etwas Besonderes, und die Songs sind auch gut gespielt. Dann hörte ich bei solchen Fahrten öfter den Song „Dansen Ann Zee“, in den ich mich unsterblich verliebte. Ich bemühte mich daraufhin, herauszufinden, von wem der Song stammt, kaufte die CD und weitere Alben. Ich finde es großartig, was die Band macht. Es ist ein wenig so wie damals, als ich anfing, Fury in the Slaughterhouse zu lieben. Dort gab es auch einen Song namens „Time to Wonder“, und auch da hielt die Liebe an. In Holland, besonders in der Gegend um Middelburg, ist die Band sehr bekannt, hat ein eigenes Musikfestival und landet mit ihren Platten regelmäßig an der Spitze der holländischen Charts.
Dies ist ihr selbst produziertes und vertriebenes Debütalbum, das der Band bereits zu einer lokalen Größe verhalf und zu einem Vertrag beim Label EMI führte.
Noch eher im klassischen rockigen Bereich befindet sich der Song „Altijd Vanavond“. Dieser ist jedoch schon auf die für die Band typische harmonische und gefühlvolle Art gestaltet. Nach einem einfühlsamen, fast akapellaartigen Intro rockt die Band richtig los. Textlich bleibt es ein eher gefühlvolles Liebeslied, das die Unsicherheit beschreibt, wenn ein Mann sich der Frau, die er anhimmelt, endlich ganz nahe fühlt, aber nicht weiß, wie er sich verhalten soll. Musikalisch erinnert das Stück an Rock der 1980er Jahre, ähnlich wie die Songs von Klaus Lage und Grönemeyer etwa zehn Jahre zuvor.
Sanfter Bluesrock prägt „De Duivel In Het Bloed“. Auch hier klingt es wie ein Stück aus der Zeit gefallen, was wahrscheinlich den Bedingungen eines selbstproduzierten Albums geschuldet ist. Textlich geht es darum, dass die Frau ein Teufel ist, der die Männer mit den Waffen der Verführung bezwingt. Auch textlich wirkten die Anfänge der Band noch recht traditionell und, sagen wir mal, altbacken. Es erinnert etwas an „Sexy“ von Westernhagen.
Der dritte Song mit Bläsersound und Reggae-Rhythmus macht richtig gute Laune. Hier klingen sie schon wie Bands wie Querbeat und Bukahara, die auch heute noch so spielen. Der Song heißt „Moeilijk Dood“. Es geht um jemanden, der auf einer Party ist, aber nicht weiß, warum er dort ist, nicht wegkommt und sich fehl am Platz fühlt – und gleichzeitig irgendwie am richtigen Ort. Ein erstes schönes Highlight.
Besser rocken können sie dann mit dem Rhythmus von „Verkeerd Gedeeld“, der sehr gut funktioniert. Vielleicht stammt sogar der Bandname Bløf von diesem Songtext, da „bløf“ so viel wie „Bluff“ bedeutet. Der Song handelt von einem Mann, der darauf wartet, dass der Kartengeber endlich seine Herzdame ausspielt.
„Heel Beheerst“ klingt fast wie ein älteres Stück von BAP, und die Gitarren erinnern sogar an den Stil von Major. Das macht ebenfalls Spaß. Sogar das Gitarrensolo spielt Paskal Jacobsen sehr ordentlich.
Als Klavierballade angelegt, zeigt „An de Kust“ sowohl Jacobsens Talent als Sänger als auch Bas Kennis’ Können am Klavier. Ein sehr schönes Lied.
Zurück zum Rockmodus vom Anfang heißt der Song „Droomkoningin“. Er handelt von der Jugendliebe, die man anhimmelte, und der Frage, ob sie den Träumer endlich wahrnimmt. Der Song wirkt jedoch wieder recht altbacken.
„Wat Zou Je Doen?“ erzählt von einem großen Fehler, um Verzeihung bittet und vom Blues, der einen einnimmt.
Songs wie „Schilder Me Rood“ klingen jedoch zu altbacken, um wirklich begeistern zu können. So klang der Rockmusikstil Mitte der Siebziger bis Mitte der Achtziger. In den Neunzigern hatte sich der Rock klanglich schon weiterentwickelt.
„Buit“ (Beute) handelt von menschlichen Beutetieren in der Nacht. Wenn Bløf Rocksongs mit Atmosphäre macht, klingt die Band wieder richtig gut.
„Wat een Leven?“ frage ich mich auch ständig. Das Stück liegt erneut im BAP-Rock-Stil und ist insgesamt gefällig. Die letzte Runde gibt es zum Schluss mit „Laatste Ronde“ – eine melancholische Beschreibung einer Nacht, die keine Erfüllung brachte. Zartbitter.
Ich mag die atmosphärischen Rockstücke, die Balladen und das aus dem Rahmen fallende Reggae-Stück mit Bläserunterstützung. Vom Poprock der weiteren Alben ist dieses Album noch entfernt, doch es ist ja auch erst das selbst produzierte Debüt der Band. Hier darf und wird sie sich weiterentwickeln. Wie traurig ist es eigentlich, wenn man bei vielen Debütalben sagt, dass dies die beste Platte einer Band sei. Das gibt es zwar, kommt aber nicht so oft vor, wie ich früher gedacht habe und womit ich immer Angst vor dem zweiten Album hatte, das mit dem ersten nicht mithalten könne. Das kommt ebenfalls vor, aber auch nicht so häufig, wie ich annahm. Meistens ist das Debütalbum eher ein erster Versuch, bei dem oft darauf geachtet wird, den Höreransprüchen der Zeit, in der das Album erschien, gerecht zu werden.
Außerdem hat eine Band ohne Plattenvertrag viel weniger Möglichkeiten bei den Studioaufnahmen und vielleicht muss man sein Geld mit anderen Jobs verdienen, sodass man nicht rund um die Uhr Musiker sein kann. Ich schweife ab. Deshalb komme ich zum Schluss und schreibe einfach, dass dieses Album für ein Debüt sehr gelungen ist. Wer die Band kennt, weiß auch, dass sie noch viel mehr draufhat.
Später wurde dieses Album übrigens auch von EMI vertrieben, was auf einen bleibenden Eindruck schließen lässt.(555)
BLØF – Helder (1997)
Das zweite Album der Band, diesmal bei einem Major-Label erschienen, ist mit siebzehn Songs gut gefüllt und zusätzlich mit einer Live-Bonus-CD ausgestattet.
Mit „Laten we gaan dan“ beginnt das Album mit einem Rocksongs, der ganz ordentlich klingt, aber sowohl im Sound als auch in der Wirkung stark an einen BAP-Song aus den späten 80ern erinnert. Textlich ist er eher sozialkritisch – eine erfrischende Abwechslung zu den Männer-Liebesliedern des Debütalbums.
Zeitloser und gefälliger präsentiert sich „Zeven Nachten“, das sanfter gerockt ist. „Duizend keer“ ist akustisch gehalten und gefällt durch seine Schlichtheit, auch wenn hier wieder Beziehungsthemen besungen werden.
„Liefs uit Londen“ war der erste große Hit der Band – hier zeigt sich das Gespür für schöne Balladen, die durch einen deutlichen Folksong-Charme überzeugen.
Wieder mehr im Rocksong-Modus, aber mit viel Gefühl von dem wundervollen Pascal Jacobson gesungen, ist „Blik op onoindig“. Ungewöhnlich für die Texte zeichnet hier nicht der Sänger selbst verantwortlich, sondern Bassist Peter Slager. Die Musik entsteht gemeinsam im Bandverbund. Neben Jacobson, der auch Gitarrist ist, und Slager gehören dazu Bas Kennis an den Tasteninstrumenten und Henk Tjoonk am Schlagzeug, der für die Livetour und spätere Platten durch Chris Götte ersetzt wurde (bis zu seinem tragischen Unfalltod 2001).
Rockballaden beherrscht die Band gut, und wenn sie dabei von Bläsern unterstützt werden, gewinnen die Songs zweifellos an Wertigkeit. „Op Handen“ ist dafür ein gutes Beispiel. Solche zeitlosen, ruhigen Rocksongs oder sanfte Singer-Songwriter-Balladen zählen auch zu meinen liebsten Stücken der Band.
Die Band überzeugt aber auch mit eingängigen Rockmelodien, wie bei „Wat waar is on wat niet“. Oft bekomme ich bei BLØF den Eindruck, dass ihre Musik eine Mischung aus BAP und Fury in the Slaughterhouse ist – und das ist wohl auch der Grund, warum ich die Band so sehr mag, neben der Stimme von Sänger Pascal Jacobson. Unkomplizierter, gradliniger Rock, getragen von einer tollen Stimme, der zu etwas Besonderem wird. Mehr brauche ich nicht, um eine Band wirklich ins Herz zu schließen und Fan zu werden.
Beim Stück „Anders“ wird wieder deutlicher, dass die gesamte Produktion – wie schon beim Vorgängeralbum – noch klingt, als wäre die Musik zehn Jahre zuvor aufgenommen worden. Bis die Musik von BLØF ihren zeitlosen Charakter entwickelt, braucht es wohl noch ein oder zwei weitere Alben. „Watermarks“ ist spätestens ein Album, das sich heute noch genauso frisch anhört wie zu seiner Entstehungszeit. Von den meisten Songs des aktuellen Albums kann man das noch nicht behaupten. Dennoch bleibt „Anders“ ein wirklich schöner Song.
Deutlich schwächer geraten ist „Alles met wog“ – das wirkt zu sehr bemüht, ein Hit mit Rock’n’Roll-Charme und Energie zu werden, ist aber nicht wirklich gelungen und klang damals schon aus der Zeit gefallen. Zum Glück fühlt sich mit „Rijden door de nacht“ alles wieder richtig an. Wie schon erwähnt: Rockballaden liegen der Band einfach.
Bei „Neer“ merkt man dann schon Ähnlichkeiten zu den BLØF-Songs späterer Alben – zeitlos gut gerockt, mit sehr guten Gesangsharmonien, hier passt alles. Das gilt auch für „Lieveling“. Haben BLØF während der Produktion dieses Albums bereits ihren charakteristischen Sound gefunden? Es scheint fast so.
Noch einmal flott gerockt wird bei „Komm dichterbij“. „Dit Lied“ ist dagegen eine Piano-Ballade. Der feste Einsatz des Pianospiels als Bandinstrument ist eine Besonderheit von BLØF. Eine weitere Rockballade ist „Taxi voor mijn ogen“, die ebenfalls sehr gelungen ist und am Ende noch einmal richtig rockt.
Das Titelstück „Helder“ ist hingegen wieder sehr sanft und schön geraten. „Ann der Kust“ war bereits auf dem Debütalbum enthalten, entwickelte sich aber erst später zum Hit und wurde deshalb noch einmal neu veröffentlicht. Das Stück handelt von der Heimat der Band an der Nordsee und gehört wohl auch heute bei jedem Livekonzert dazu.
Wer gefühlvollen Pop-Rock mag, ist bei BLØF genau richtig. Urlauber in Holland kommen an dieser Band ohnehin kaum vorbei. Ich bin Fan und freue mich darauf, sie 2026 live erleben zu dürfen. Die Live-CD beginnt ebenfalls direkt mit „An de Kust“. Dabei wird deutlich, wie beliebt die Band bei ihren heimischen Fans war – die Begeisterung des Publikums ist sofort spürbar. So wird auch klar, warum die Band im Laufe der Jahre so viele Livealben veröffentlicht hat. Die Liveaufnahmen klingen zudem deutlich besser als die Studioaufnahmen – der Sound ist klarer, dynamischer und insgesamt sehr gelungen.
Das etwas bluesige „Wat Zou je doen“ war ein weiterer Hit vom Vorgängeralbum und ist auch auf der Live-EP vertreten. Von „Naakt onder de hemmel“ stammt zudem der Song „Schilder me Rood“, ein altmodischer, aber flotter Rocksongs.(653)

Bløf – Umoja (2006)
Weil Bløf auf ihrer aktuellen Theatertour viele Songs dieses Albums spielen, wollte ich es vor einem Konzertbesuch in Apeldoorn doch einmal hören, um einigermaßen vorbereitet zu sein, da ich bisher einige andere Alben der Band besser kenne als dieses.
„Umoja“ ist eine musikalische Weltreise, die über einen Zeitraum von drei Jahren in dreizehn Ländern mit einer Vielzahl von Gastmusikern aufgenommen wurde, darunter die Counting Crows, Femi Kuti, Christina Branco, Terry Woods und Eliades Ochas. Ein Plattenlabel muss mit der Band schon sehr zufrieden sein, um ein solches Projekt zu realisieren – doch es sollte sich lohnen, denn „Umoja“ wurde eines der erfolgreichsten Bløf-Alben.
Die musikalische Reise begann im Oktober 2003, als in Nairobi der Song „Binnenstelbuiten (Yele)“ aufgenommen wurde. Der Song bietet eleganten Pop-Rock, eine sanfte Rockatmosphäre und ist für die Band typisch sehr gut produziert. Bei der Produktion des Albums stand Holger Schwedt der Band zur Seite. Der in Essen geborene Schwedt ist in den Niederlanden ein gefragter Produzent. Neben Paskal Jakobson singt in diesem Stück auch ein Teil von Harry Kimani mit.
„Mens“ wurde in Antalya aufgenommen. Der Song rockt richtig und handelt davon, dass der Mensch sich immer wieder auf neue Situationen einstellen muss und nichts mehr sicher zu sein scheint, obwohl er am liebsten einfach nur Mensch sein möchte. Toller Rocksong. (Allerdings wirkt er bei mehrmaligem Hören etwas aufdringlich – da gefiel mir die Live-Fassung beim Konzert doch deutlich besser.)
„Anzoek Zonder Ringen“, produziert in Sado, Japan, schlägt sanftere Töne an. Das ist wieder so ein Kuschelrock-Song, für den ich diese Band so liebe. Die gute Produktion wird auch bei jedem Stück beibehalten, sodass das Album trotz der unterschiedlichen Aufnahmestätten wie aus einem Guss klingt. Die Schlagwerkarbeit erhält bei diesem Song eindeutig eine zusätzliche japanische Note.
Für „Hemingway“ ging es nach Kuba, und vielleicht klingt die Rhythmik des Songs deshalb für mich stark nach Gloria Estefan. Dieser etwas andere Sound bringt eine schöne Abwechslung ins Album. Mit Gastgesang von Eliades Ochas.
Mit den Counting Crows und dem Gesang von Adam Duritz nahmen sie „Wennen aan September“ auf. Das wurde ein Singlehit – ein sehr schöner Americana-Rocksong.
„Geen Tango“ wurde in Argentinien aufgenommen und ist eher Blues als Tango. Wieder finde ich die Musik von Bløf sehr einnehmend. Zwar ist es Musik für ein großes Publikum und sicherlich sehr kommerzieller Pop-Rock, aber die Songs sind einfach wirklich gut. Wenn dann noch ein Tangoeinschlag hinzukommt, ist das ein außergewöhnliches Musikstück. Auf „Geen Tango“ und „Hemingway“ freue ich mich jetzt schon riesig, sie in Apeldoorn live zu hören (und seitdem liebe ich diese beiden Songs sogar noch mehr).
Mit Bläsereinsatz und wieder rockiger: „Laag Bijn de Grond“, aufgenommen in Lagos, Nigeria. Dort ist auch Femi Kuti dabei.
Wieder mit mehr Eleganz und überraschendem Gesang am Anfang von Christina Branco – den man nicht von Anfang an erwartet – kommt die Ballade „Herinnering aan Later“ daher. Auch wieder ganz toll musiziert, aber der Gesang der aus Portugal stammenden Sängerin haut mich etwas aus der Nummer raus. Ich bin halt kein Opern-Fan, vielleicht ist es auch Fado-Gesang.
Dann lieber schnell nach Irland zu Terry Woods und dem wunderschönen „Vreemde Wegen“. Es erinnert mich sofort an die Alben „Okober“ und „April“, die die Band als nächste ebenfalls in Irland aufnahm. Ein ganz toller Folkrock-Song.
Für „Donker Hart“ ging es nach Russland. Der Titel passt nun wirklich sehr zur aktuellen Situation mit Russland, doch der Song ist wieder eher eine Kuschelrock-Nummer.
„Een Manier Om Thuis Te Komen“ wurde in Bhutan aufgenommen. Der sanfte Song hat einen exotischen Weltmusik-Touch erhalten.
In Australien entstand „De Hemel is de Aarde“. Hier ist natürlich auch ein Didgeridoo am Anfang zu hören. Der Song beginnt sanft und wird dann richtig gerockt.
Mit „Een En Alleen“ endet die Weltreise von Bløf in Indien – ein sehr sanfter Abschluss.
Was soll ich anders sagen, als dass ich die Weltreise von Bløf sehr genossen habe? Ich mag den Pop-Rock der Band, getragen vom herausragenden Songwriting des Keyboarders Peter Slager, dem wie immer tollen Gesang von Paskal Jakobson und dem perfekten Spiel der übrigen am Album Beteiligten. Zu meckern gibt es nichts, abgesehen vom Gastgesangspart von Christina Branco. Einfach Wohlfühlmusik, so entspannend wie eine Auszeit oder ein Kurzurlaub. Und Urlaub verbinde ich ja sowieso mit Holland und Bløf. Das Konzert war übrigens, wie erwartet, sehr schön – mit Dank an die Ehefrau für ein Wochenende mit Musik als Weihnachtsgeschenk.

Bløf – Oktober (2008)
Die Band „Bløf“ zog sich nach Irland zurück, um im „Pickering House“ neue Musik aufzunehmen. Dabei entstanden die Alben „Oktober“ und „April“. Im Jahr 2023 wurden diese zusammen mit den Liveaufnahmen der „Pickering Session“ neu auf Vinyl als „Dreier-Vinyl-Ausgabe“ herausgebracht. So höre ich jetzt „Oktober“ als LP 1 von 3.
Herbstlich ruhig, leicht melancholisch, dabei aber doch melodiös werdend: „Oktober“. Der ruhige Singer-Songwriter-Pop-Modus wird auch bei „Eilanden“ beibehalten. Das können Bløf ja sehr gut. Schließlich haben sie mich mit „Dansen an Zee“ zum Fan gemacht. Besonders an allen Songs der Alben „Oktober“ und „April“ ist, dass es Liveaufnahmen sind, die ohne Overdubs verwendet wurden.
Auch eine ruhige, gefühlvolle Pop-Ballade: „Van veraf was het zu mool“. Das ist die bisher schönste Nummer des Albums – einfach wunderschön.
Etwas leicht rockiger: „Wrj geloven nergens in“. Wieder ruhiger und fast schon ein Blues: „Liefdesbrief“.
Die Platte ist ein Sofaalbum, um sich unter die Decke zu verkriechen. Rockballaden in schönster Bløf-Qualität – so auch „Labrador“, teils im Jazzsound-Gewand.
Anfänglich eine Pianoballade: „Donkerrood“ – schön gespielt, wenn die anderen Instrumente nach und nach dazu kommen. Eine sehr schöne Nummer. Davon gibt es auf dem Album reichlich. Ganz viel zum Zusammenkuscheln.
Ganz großartig, fast schon Indie-Pop-Ballade: „Hoe lang blijf je binnen“. Einfach ganz schöne Lieder sind „Adem in“ und besonders schön „Kouder dan ijs“. Bei all diesen Stücken merkt man, wie gut die Musiker dieser Band geworden sind – sie lieben es, „live“ zu spielen, und das hört man.
Alles Musik fürs Herz: „Vallende Engel“. Von der Party-Pop-Musik des Debüts ist das schon sehr weit entfernt. Und das Gute ist: Trotz vieler Rock-Pop-Balladen ist es niemals kitschig, sondern einfach gut. Das ist nicht nur meine liebste niederländische Band, sondern mittlerweile eine meiner Lieblingsbands.
Der passende Titel zur Platte: „Zo mooi, zo mooi“ („So schön, so schön“). Da kann ich nichts hinzufügen. (614)

BLØF – April (2009)
Bei der gleichen Session im Pickering House in Irland, bei der auch die Aufnahmen für das Album „Oktober“ entstanden sind, wurden auch die Songs für das Album „April“ aufgenommen. Dabei wurden alle Stücke wieder „live“ und ohne weitere Bearbeitung eingespielt und veröffentlicht.
Der ruhige akustische Stil von „Oktober“ setzt sich direkt mit dem ersten Song „Aan Iedereen Die Wacht“ fort – wieder eine sehr schöne Nummer. Und ich glaube, genauso wie mich „Oktober“ schon mit seinen sanften Folk-Pop-Balladen begeistert hat, wird auch „April“ mich wieder begeistern.
Ebenfalls sehr liebenswert und einfach hinreißend in seiner sanft-einfachen, aber sehr schönen Art ist „Als dit alles over is“. Besonders für eine erfolgreiche Pop-Rock-Band ist es das Piano, gespielt von Bas Kennis, das zusätzliche Wärme in die Songs bringt und der Musik während der Aufnahmen im Pickering House sogar die Qualität einer Jazz-Formation verleiht.
Es sind wieder allesamt schöne Lieder, auch „Omdat het anders Wordt“. Mit etwas mehr Tempo, aber immer noch sanft im Gesang, folgt „Midzomernacht“. Das Album vermittelt durch seinen akustischen Klang ein angenehmes Folk-Pop-Feeling. Wer Kuschelrock mag, sollte sich unbedingt die Alben „Oktober“ und „April“ anhören – und wer sich dann nicht in die Songs verliebt, ist selbst schuld.
Ich denke, das liegt auch daran, dass man im Popbereich – egal ob englisch, deutsch oder eben niederländisch gesungen – meist entweder Musik hört, die fast ausschließlich wie Indie-Pop klingt und sich zum Tanzen eignet, oder bereits fast im Schlagermodus angesiedelt ist. Sanfter Rock scheint irgendwie gerade nicht „in“ zu sein. Daher finde ich die sanfte, aber sehr eingängige Musik von BLØF einfach auch sehr entspannend. So lasse ich mir all diese sanften und hervorragenden Musikstücke wie „Overgave“ gerne gefallen. Gleiches gilt für „Blijf zoals nu“.
Weil es ein wunderschönes Lied mit einer sehr schönen Melodie ist, kann ich jetzt doch nicht sagen, dass für die Songs der zweiten Seite das Gleiche gilt wie für die der ersten. „Wapenbroeders“ ist einfach furchtbar schön. Dabei geht es nicht um Soldaten, die gemeinsam in die Schlacht ziehen, sondern wohl eher um die Mitglieder einer Rockband, die durch dick und dünn gehen und zu einer Einheit zusammengeschweißt sind.
Eigentlich hätte ich gedacht, dass die Songs von „April“ etwas fröhlicher und ausgelassener sind als die des herbstlichen Albums „Oktober“. „Dagen Zonder Namen“ klingt fast wie ein mittelalterliches Lied – ein richtiges Folkstück also.
Kuschelig schön ist auch „Je gelijk is geen Geluk“. Das sind alles super schöne Songs. Ich bin ganz hin und weg und freue mich sehr, die Band am 26. Mai „live“ erleben zu dürfen.
Melancholisch ist „Misschien tot morgen“ – im Refrain aber auch wieder einfach nur schön. Pascal Jakobson hat einfach die richtige Stimme für solche Songs: sanft und mit viel Gefühl ausgestattet.
Neben der Band kommen auch – was natürlich gut zur (Folk-)Musik passt – schön gespielte Streicher zum Einsatz. Die Band ist also nicht ganz allein im Studio.
Auf „Eilanden“ vom Album „Oktober“ folgt nun „Eilanden 2“. Ein Liebeslied für die (grüne) Insel.
Glücklich macht auch das letzte Lied „Gelukkig“.
Ein Album, das glücklich macht und voller Schönheit ist. So mooi, so mooi. (661)

Blof – Pickering Sessies (als Teil von „Oktober – April – Pickering Sessies – 3 Vinyl-Set, 2023)
In den Pickering Studios haben Blof die Alben „Oktober“ und „April“ aufgenommen. Zur Wiederveröffentlichung beider Alben auf Vinyl gab es außerdem noch die „Pickering Sessies“ als drittes Vinyl dazu.
Da sich auf „Oktober“ und „April“ eher schöner, akustischer Kuschelrock findet, überraschen das fast schon rockige „Vandaag“ und die Alternativfassung von „Midzommernacht“ mit ihrem schnelleren Tempo. Vielleicht war dies auch der Grund, weshalb diese Songs nicht auf den beiden Alben veröffentlicht wurden. Beide Stücke machen viel Spaß, und sicherlich können hier auch BAP-Fans zu Blof-Fans werden.
Sehr schön ist auch „Slapen Droemen Zweten“ – eine ganz feine Nummer, von der ich einfach nicht genug bekomme. Genauso fein und schön ist „Tidjbom“; dieses Lied passt ebenso wunderbar zu den Songs auf „Oktober“ und „April“. Das gilt auch für „Liefde & Drank“.
„Van veraf was het zo mooi“ ist ebenfalls in der alternativen Fassung einfach wunderschön. Ich liebe aber auch die Stimme von Paskal Jacobson (das wiederhole ich gerne), die bei dieser Version besonders gut zur Geltung kommt. Blof bietet auf den im Pickering House entstandenen Alben einfach ganz tollen Kuschelrock, der den Hörenden sehr gefällt. Ich mag das alles und verliebe mich mit jedem neuen Album, das ich von der Band höre, mehr in sie – obwohl ich noch nicht einmal die Hälfte der bisher erschienenen Platten kenne. Ich freue mich daher auf alles, was ich da noch zu hören bekomme. Alles ist „so mooi“ (ich weiß, ich wiederhole mich), auch „Vraag me niet“.
Mit Seemannsklavier, aber nicht kitschig, sondern schön: „Vaarwel Lieveling“.
Der größte Unterschied dieser Songs im Vergleich zu denen auf den Alben „Oktober“ und „April“ ist, dass hier Kompositionen von teils anderen Musikern von Blof gespielt werden. Das stört aber nicht, weil es einfach zur Musik der Band passt.
Kuschelig, sehr folkig und weihnachtlich präsentiert sich „Feest“.
Dieses Dreier-Set ist einfach nur zu empfehlen – drei Vinyls voller großartiger Musik. Ich bin da wirklich ein großer Fan. (664)


Blondie – Blondie (1976)
Rock ’n’ Roll-Musik, einfache Melodien und zuckersüß gesungen – das ist der erste Eindruck. Nach drei Songs wird „Look Good in Blue“ zum ersten Hinhörer, auch wenn er bis zum Schluss nicht ganz überzeugend ist. Dennoch hört man, dass die Band eigentlich etwas kann.
„In the Sun“ mit seiner rockigen Melodie verstärkt diesen Eindruck.
Weitere Highlights sind „Man over Board“, „Rip Her to Shreds“ (nicht nur vom Titel her Punk, sondern klingt auch so), „Rifle Range“ (durch den Orgeleinsatz wurde der Song von Kritikern sogar mit den Doors verglichen) und „The Attack of the Giant Ants“, das als Fun-Song durchaus beachtlich ist. Warum auch alles so ernst nehmen?
Vom Bonusmaterial der „Remastered“-Ausgabe kann „Platinum Blonde“ überzeugen, der als erster von Debbie Harry geschriebener Song gilt und schon diese Punkattitüde zeigt. (19)

Blondie – Plastic Letters (1978)
Das zweite Album der Band beginnt mit „Fan Mail“, einem großartigen Song. „Denis“ ist eine Rückkehr zum Rock ’n’ Roll, gut kombiniert mit dem damals aktuellen Sound britischer Gruppen. Das erklärt, warum die Band in England deutlich erfolgreicher war als in ihrer Heimat. „Bermuda Triangle Blues“ zeigt schließlich eindrucksvoll die Wandlungsfähigkeit der Band. Ein Stilmix ist keineswegs nachteilig – durch den Gesang und eine eher rockig-punkige Grundhaltung entsteht ein „Blondie-Sound“, der immer wieder zu Rock-’n’-Roll-inspirierten Nummern zurückkehrt.
Weitere Highlights des Albums sind „(I’m always touched) by your Presence“, „I didn’t have the nerve to say no“, „Detroit 442“ und „Once I had a love aka The Disco Song“. Besonders diese Version von 1975 ist einfach unschlagbar und rechtfertigt den Kauf der 2001 neu veröffentlichten CD, da der Song als Bonustrack enthalten ist. (20)

Blondie – Parallel Lines (1978) 2001 Remaster
Das dritte Album und das zweite im selben Jahr bescheren der Band nach Achtungserfolgen in England und Australien den internationalen Durchbruch. Die Singles waren „Hanging on the Telephone“, „One Way or Another“, „Sunday Girl“ und „Heart of Glass“. Produzent Mike Chapman sorgt für einen klareren und noch besseren Klang, der bei den Rockgitarren bis heute unglaublich aktuell klingt. (Anders hört sich Pearl Jam zum Beispiel heute auch nicht an, und die Liveaufnahmen am Ende der Platte zeigen, dass sie damals auch live eine unglaubliche Qualität hatten – Schande für den zu spät geborenen Schreiberling.)
Der Stilmix der ersten Alben bleibt großgeschrieben. „Fade Away and Radiate“ ist sogar schon fast Progrock, und die auf Rock ’n’ Roll basierenden Nummern sind ebenfalls wieder vertreten. Mit „Heart of Glass“ erobern sie zudem die Diskotheken dieser Welt. Dadurch wirkt der Gesamteindruck der Platte etwas zerfaserter.
Bonusnummern sind „Once I Had a Love aka Disco Song (Heart of Glass)“ in einer weiteren, nicht-discoartigen Version von 1978 sowie drei live eingespielte Stücke, darunter eine Coverversion von „Get It On“.

Blur – The Ballad of Daran (2023 – deluxe edition)
Musik von Blur, Damon Albarn, Gorillaz sowie The Good, the Bad and the Queen findet sich häufig in meiner Sammlung, allerdings bei weitem nicht alles. Am besten gefällt mir davon „Think Tank“ aus dem Jahr 2003. Auf den anderen Alben gibt es einige wirklich sehr gute Songs, darunter eine Powerhymne namens „Song 2“. Natürlich kann man nur staunen über den scheinbar unerschöpflichen Output von Albarn, der zudem noch andere Musikerinnen und Musiker produziert. Dennoch finde ich bei weitem nicht alles von ihm wirklich gut. Viele Songs von Albarn entferne ich auch wieder aus meiner Playlist. Ich hätte allerdings nicht gedacht, dass seit „The Magic Whip“ schon wieder acht Jahre vergangen sind.
„The Ballad“ schmeichelt sich ein und klingt ein wenig so, als hätten David Bowie und die Beatles gemeinsam etwas geschaffen – man könnte es Britpop nennen. „St. Charles Square“ erinnert an Brit-Rock, genau so, wie Blur eben klingt: schwungvolle Gitarrenriffs, ein etwas schräger Gesang und eingängige Refrains. Das kann man machen, muss man aber nicht, aber genau damit sind sie groß geworden. So richtig groß.
„Barbaric“ trifft eher meinen Geschmack – eine schöne Pop-Rock-Nummer, die ich sehr mag. „Russian Strings“ setzt aktuelles Zeitgeschehen in eine leicht melancholische Melodie um. Noch etwas trauriger wird es bei „The Everglades (For Leonard)“. Die Singleauskopplung „The Narcissist“ bietet eine weitere Pop-Rock-Nummer mit leichtem Hymnencharme. Schön, dass Blur wenigstens weiterhin mit echten Instrumenten Musik machen und nicht wie Coldplay reine Disconummern produzieren oder sich wie Radiohead in grüblerischen Soundtüfteleien verlieren. It’s Rock and Roll and I like it!
„Goodbye Albert“ muss natürlich, nachdem ich das zuvor geschrieben hatte, als verträumte Disco-Nummer daherkommen, in der ebenfalls wieder Anklänge an David Bowie zu hören sind. Ein Trennungslied – wieder melancholischer Natur – ist „Far Away Island“. Mit Bläsersatz und kräftigem, aber stark von Britpop geprägtem Stil folgt „Avalon“. Den Abschluss bildet „The Heights“ – ein Abgesang auf Vergangenes, aber mit Schwung.
Auf der Deluxe-Ausgabe gibt es zudem noch zwei weitere Titel: „The Rabbi“ – noch einmal klassischer britischer Rock-Pop mit Kneipencharme – und „The Swan“. Letzteres macht mich direkt nach den ersten Noten glücklich, dass ich die Deluxe-Ausgabe gewählt habe – ganz, ganz schön.

The Bobby Lees – Beauty Pageant (2018)
Zehn Songs in weniger als 18 Minuten – damit wird es wohl ein kurzes Kennenlernen der Band aus Woodstock, New York. „Limosine“ ist direkt nach vorn dreschender Rock im Lo-Fi-Garagen-Rock-Style, dabei aber wuchtig im Tempo und Stil. Der zweite Song „Ragged Way“ ist eine Punk-Rock-Nummer. Dagegen ist „Radiator“ schon fast eine New-Wave-Nummer im Stil der frühen „Blondie“-Platten, die zwischendurch auch mächtig rockt. Der Song bereitet mir wieder richtig Spaß. Der Blondie-Touch, der im vorherigen Stück zu hören war, bleibt auch bei „Lunchbox“ erhalten, ebenso der kräftige Rocksound. Das Album beginnt richtig Spaß zu machen: „Lose It Alright“. Mit „Bobby Lee“ kommt noch etwas Blues-Rock in den Mix, und der schroffe Sound der Platte macht richtig Laune, denn er klingt viel ehrlicher als die hochgepuschten Glanzproduktionen mancher Rockbands, die längst ihren Glanz verloren haben. Garagen-Rock im ZZ Top-Style findet sich bei „Deem’em Dead“ und „Mad Moth“. Eine kurze Instrumental-Rock-Nummer ist „Disappear“. Und dann endet das Album schon mit „Jitterbug Perfume“ – eine Nummer, die an die „White Stripes“ erinnert. Das hat verdammt viel Spaß gemacht. Ich bin sehr gespannt auf die beiden weiteren Alben, die es schon gibt. (385)

The BoDeans – Outside looking in (1987)
The BoDeans machen eingängige amerikanische Rockmusik und sind in Deutschland nie wirklich bekannt geworden. Mittlerweile haben sie neunzehn Alben veröffentlicht – wobei die Konstante der Band eindeutig Sänger und Leadgitarrist Kurt Neumann ist, der im Homerecording-Prozess auch schon einmal ein ganzes Album alleine eingespielt hat. „Looking Inside Out“ ist das zweite Album der Band und wurde von Jerry Harrison (Talking Heads) produziert. Während das erste Album dazu führte, dass sie von den amerikanischen Lesern des Rolling Stone Magazins zur besten neuen amerikanischen Band gewählt wurden, erhielt das zweite Album eher zurückhaltende Kritiken. Das erste Album klang, produziert von T-Bone Burnett, noch stark nach Roots-Musik und Heartland-Rock. Beim zweiten Album wollten die BoDeans etwas anders, moderner und kunstvoller klingen. Herausgekommen ist ein anspruchsvoller Heartland-Rock. In Deutschland erschien das erste Album der BoDeans erst ein Jahr nach dem zweiten – dafür waren die Verkaufszahlen des zweiten Albums wohl ganz gut.
Die eingängigen Melodien finden sich auf dem zweiten Album ebenso wie auf dem ersten. Das zeigt schon der Opener „Dreams“. Wirklich weit haben sie sich bei diesem Song und im übrigen Album nicht vom melodiösen Heartland-Rock entfernt, die Songs sind weiterhin großartig arrangiert.
Die Songs der BoDeans gehen einfach sehr schnell ins Ohr, ohne dabei nervig zu wirken. Sie machen beim Hören einfach Spaß, gerade weil sie eingängig sind, ohne direkt Popmusik zu sein. Das gilt für das flotte „Pick Up the Pieces“ ebenso wie für das ruhigere „Take It Tomorrow“, das an Marillion erinnert.
Kraftvolles Rocken können sie auch: „Say About Blues“. Es folgt ein leichter Blues-Song: „Don’t Be Lonely“. Richtig guter sanfter Rock ist „Runaway Love“. Flotter Rock mit Country-Einschlag findet sich auf der Platte ebenfalls, etwa bei „Only Love“.
Einfach gut, weil es einen vom ersten Takt an mitnimmt: „What It Feels Like“. So geht es auch weiter mit „The Ballad of Jenny Rae“. Noch einmal mit mehr Power kommt „Forever Young (The Wild Ones)“. Folk-Rock gibt es bei „Someday“.
Dass die BoDeans zwei Sänger haben bzw. hatten, sollte auch erwähnt werden. Zwar singt und schreibt Kurt Neumann viele Songs, doch bis 2011 war Sam Llanas eindeutig der zweite Mann der Band und hat sie mit Neumann gegründet. Die Stimmen unterscheiden sich stark – während Neumann eine schöne, klare Stimme hat, klingt Llanas’ Stimme rauer und souliger. Persönliche Differenzen und Anschuldigungen führten zum Ende der Zusammenarbeit beider Musiker. Die von Llanas gesungenen Songs „Fool“ und „I’m in Trouble Again“ sind noch einmal bodenständiger Heartland-Rock und bilden den Abschluss des Albums.
Die Musik der BoDeans funktioniert immer noch und wird das wohl auch noch lange tun. (270)

Bob Marley & The Wailers – Uprising (Vinyl/1980)
Das ist bereits das zwölfte und letzte Album von Bob Marley, das er zu Lebzeiten veröffentlichte. Dabei fällt mir auf, dass ich unbedingt mehr in seine früheren Alben hineinhören sollte, denn „Uprising“ ist ohne Zweifel ein meisterhaftes Reggae-Album. Bereits nach den ersten Klängen fühlt man sich von dieser positiven, fröhlichen und zugleich ernsthaften Musik automatisch begeistert. Wer braucht da eigentlich noch zusätzliche Stimulanzien? Alles lässt sich durch Musik erreichen! Die Songs sind äußerst sorgfältig produziert – Chris Blackwell ist zweifellos ein hervorragender Produzent. Vor allem aber sind es die vielen guten Stücke und besonders die herausragenden Titel wie „Pimper’s Paradise“, „Could You Be Loved“ und „Redemption Song“, die dieses Album so besonders machen – und das nicht nur für eingefleischte Reggae-Fans.

Bombay Bicycle Club – Everything Else has gone Wrong (2020)
Dem Indie-Pop des Bombay Bicycle Club bin ich bei der letzten Ausgabe des Traumzeit-Festivals verfallen, als sie dort am Freitag als Headliner auftraten. Sanfter Indie-Pop, mitreißend und wunderschön – anti-aggressiv und einfach voller schöner Melodien und Songs, das ist Bombay Bicycle Club, bestehend aus den Gründungsmitgliedern Jack Steadman, Jamie McColl, Ed Nash und Suren de Saram.
Abwechslungsreicher, mitreißender und wunderbar gespielter Indie-Pop, der sowohl zum Zuhören als auch zum Tanzen einlädt. So lassen sich eigentlich alle Songs der CD beschreiben.
Das Titelstück „Everything Else Has Gone Wrong“ ist ein schönes Beispiel dafür, wie gut die Band ist, und eignet sich hervorragend als Hörprobe, um einen Eindruck vom Sound der Band zu bekommen. Der ganz leichte Ethno-Einschlag, der sich auch im Namen der Band widerspiegelt, kommt immer mal wieder durch – dabei aber stets im Einklang mit dem poppigen Charme der Songs.
Das Durchhören fällt dem Hörer leicht, da das Material durchweg abwechslungsreich ist. Einen Lieblingssong der Platte auszuwählen ist ebenfalls schwierig, weil jeder Titel seinen eigenen Charme und seine Qualität hat.
Ein Song jedoch, der mich schon live total mitgerissen hat und mich auch von der Platte sofort wieder zum Tanzen bringt, ist der etwas herausragende Titel „Eat, Sleep, Wake (Nothing But You)“. Ein toller Song. So wünsche ich mir den Alltags-Pop dieser Welt. Wenn wir mehr Lieder wie dieses hören würden, wäre die Welt dadurch ein wenig leichter, entspannter, freudiger und freundlicher – dann hätten wir als Weltgemeinschaft einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung gemacht. Ich glaube fest daran, dass die richtige Musik die Welt ein Stück besser machen kann. Und das ist dann doch nicht die Protest- oder Widerstandsmusik, schon gar nicht der Gangster-Rap – aber auch nicht der Pop von Swift oder Sheeran. Es ist Musik wie diese. Einfach mal runterkommen, durchatmen, Spaß haben und die Umwelt und die Menschen um dich herum mit einem Lächeln belohnen, das diese Songs den Hörern ins Gesicht zaubern. Wenn wir uns dann alle gemeinsam anlächeln, was soll da in dieser Welt noch schiefgehen? Hightime – because the music is so good. (397)

David Bowie – Low (1977)
Mit Tony Visconti als Produzent und Brian Eno an den Keyboards wurde das Album im Château d’Hérouville und den Hansa Studios aufgenommen. Es ist das erste der Berlin-Trilogie und markiert erneut eine Stiländerung des Musikers. Von der Musik des Krautrocks beeinflusst, enthält das Album sowohl instrumentale Stücke als auch Songs, die ihrer Zeit voraus waren. Am bekanntesten ist wohl das sehr eingängige Stück „Sound and Vision“. Zwar spürt man noch etwas vom Space-Rock früherer Alben, etwa bei „Always Crashing in the Same Car“, doch vor allem fällt der Verzicht auf klassische Songstrukturen auf. Einige Stücke beginnen mit längeren Instrumentalteilen, dabei wird bewusst auf einen Chorus oder Höhepunkt verzichtet. Verständlich, dass die Labelbosse beim ersten Hören der Bänder schockiert waren. Mittlerweile gilt das Album vollkommen zurecht als eines der besten der 1970er Jahre und findet sich in vielen Bestenlisten.
Bowie entwickelt hier etwas völlig Neues. Songs wie „Be My Wife“ und andere kündigen eine neue Ära der Rockmusik an: Der Alternativrock erhebt sich und verzweigt sich vielfältig in verschiedene Subgenres, wie es diese Platte bereits auf Seite 1 vorlebt. Das Werk lässt sich nicht einfach einordnen, weil es keine passende Schublade dafür gibt – daher müssen neue Kategorien geschaffen werden.
Besonders die zweite Seite der Platte, die mit dem Song „Warszawa“ beginnt, kann als großer Geburtshelfer des Postpunks, des britischen Synthpop sowie der gesamten alternativen Musikszene und insbesondere des Düsterrocks bezeichnet werden. „Art Decade“ und „Weeping Wall“ eröffnen der Avantgarde und der Kunst in der Musik durch neue Klänge neue Räume. Ohne Zweifel prägte das Album den Stil der frühen 1980er Jahre, und sein Einfluss ist bis heute spürbar. Visionär und nachhaltig. Und von wem wurde Bowie dazu beeinflusst? Von den „Krauts“. (342)

Boy – We were here (2015)
Das zweite Album der Schweizer Sängerin Valeska Steiner und der Hamburger Musikerin Sonja Glass umfasst neun Songs und hat eine Gesamtlaufzeit von 35 Minuten.
Die beiden setzen erfolgreich auf Qualität statt Quantität. Die Produktion der Stücke auf „We were here“ ist zudem noch ausgefeilter als beim Debütalbum und legt einen breiten Soundteppich über die Melodien – Best Pop.
Wer „Hundreds“ mag, wird auch „Boy“ gefallen. Beim Durchhören fällt jedoch auf, dass alle Songs als Einzelstücke überzeugen, sich aber auch eine gewisse Gleichförmigkeit einstellt. Zudem fehlt die Leichtigkeit des Vorgängers.
Auf ein drittes, nachfolgendes Album warten wir aktuell noch (Stand 30.8.23).
Zwischenzeitlich gab es jedoch ein Album mit akustischen Versionen der Songs von beiden bisherigen Alben (2018) sowie 2021 ein neues Video. (30)

Boygenius – Boygenius (EP, 2018)
Die Singer-Songwriterinnen Julien Baker, Phoebe Bridgers und Lucy Dacus bilden zusammen Boygenius. Da die drei vornehmlich als Solokünstlerinnen unterwegs sind, spricht man bei diesem Zusammenschluss von einer Supergroup. Für mich ist eine Supergroup etwas wie die „Traveling Wilburys“, bei denen altgediente und wirklich berühmte Musiker gemeinsam Musik machen.
Die EP umfasst sechs Stücke und ist mit einer Länge von 22 Minuten schnell gehört. „Bite the Hand“ ist starker, melancholischer Indierock, der wie eine Singer-Songwriter-Nummer beginnt. Da bin ich sofort Fan. „Me and My Dog“ bietet schönen, harmonischen Gesang im Americana-Pop-Stil. „Souvenir“ lässt sich weder eindeutig als Singer-Songwriter-Nummer, Americana noch als Alt-Country klassifizieren – egal, es ist wunderschön, ebenso wie „Stay Down“. Da ich die Soloarbeiten der einzelnen Damen bisher nicht kenne, habe ich nun das Bedürfnis, auch diese zu hören. Dadurch könnte ich vielleicht besser beurteilen, wer die musikalische Oberhand hat oder ob es sich um ein echtes Gemeinschaftswerk handelt. Jeder der drei soll jeweils einen eigenen Song beigesteuert haben, und drei weitere Stücke sollen ursprünglich nur als Entwürfe für die Aufnahmen vorbereitet worden sein.
Von Phoebe Bridgers liegt ebenfalls eine CD sehr gut sichtbar auf einem meiner Stapel. „Salt in the Wound“ erinnert mich vom Klang her etwas an Feist. Feinste Singer-Songwriter-Kunst bietet das Dreiergespann mit dem Stück „Ketchum, ID“.(124)

Boys in Trouble – Boys in Trouble (1988)
Das Duo Boys in Trouble bestand aus dem grandiosen Bassspieler und Sänger Konrad Mathieu sowie dem Schlagzeuger Gigi Sessenhauser. Der Sound der Band bewegte sich geschickt zwischen Rock, Pop und New Wave, erinnerte ein wenig an The Police wegen der Instrumentierung, hatte aber stets seinen ganz eigenen Stil. Sie veröffentlichten noch ein zweites Album, danach löste sich die Band leider auf, was ich sehr schade finde, denn ich mag die Stimme von Konrad Mathieu sehr. Seit der Auflösung spielt er bei M. Walking on the Water nur noch den Bass.
Ich glaube, das Duo war einfach ein paar Jahre zu früh dran, denn ein Song wie „Strange Games“, ein absolut großartiger Indie-Pop-Rock-Song, hätte der Band eigentlich zu großer Bekanntheit verhelfen müssen. Doch nicht immer sind gute Bands auch kommerziell erfolgreich. Verdient hätten sie es auf jeden Fall, und „Strange Games“ würde sich auch heute noch sehr gut im Radio machen. Das Bassspiel von Mathieu ist einfach klasse, und singen kann er ebenfalls.
„Value and Times“ ist ein sanft poppiger Song, der durch sein leichtes New-Wave-Feeling besticht. Auch er ist ein wunderbarer Titel, und ich weiß genau, warum ich nie aufgehört habe, dieses Duo zu mögen. Sie machten einfach „gute Musik“.
Das Debütalbum ist mit 15 Stücken gut gefüllt. Auch aktuelle Bands wie Tolyqyn machen heute keine andere Musik als Boys in Trouble mit „100 Miles“. Ihr experimentierfreudiger Genre-Mix verbindet Rock, Pop, Jazz und Weltmusik auf schöne Weise. Ich glaube, ich mag die Platte heute sogar noch mehr als früher.
Das Album ist wirklich großartig, und es bereitet mir gerade wieder richtig viel Freude. Ein Song wie „Ups – Downs“ trägt seinen Teil dazu bei. Die Schlagzeugarbeit ist erstklassig, und bei „4:30“ erinnern sie tatsächlich an The Police. „Harmony“ ist etwas rockiger am Anfang, wird dann verträumt und bewegt sich beinahe im Jazz-Modus. Auch hier ist die Qualität von Gigi Sessenhauser am Schlagzeug gut zu hören. Als Musiker waren sie schon damals sehr gut – ich habe sie einmal live beim „Bochum Total“ gesehen, das muss 1989 oder 1990 gewesen sein.
Ein weiterer meiner ewigen Lieblingssongs der Band ist „Row the Boat“. Er ist etwas atmosphärischer, aber ein sehr guter „anderer“ Rocksong. Ganz großartig ist auch „Say Yes, Say No“, eine tolle Rock-Pop-Nummer. Die Platte klingt insgesamt sehr gut und ist schön produziert.
Bisher ist kein schlechter Song dabei. Auch „What I Need“ mag ich sehr. Ich glaube, Fans von Fury in the Slaughterhouse könnten diesem Song etwas abgewinnen. Von deren Leichtigkeit, sich zwischen Pop und Rock problemlos zu bewegen, haben Boys in Trouble ebenfalls viel in ihrer Musik.
Song Nummer zehn, „Endless Road“, ist nicht ganz mein Geschmack. Dafür ist „So Many Times“ wieder richtig gut, ein toller Pop-Rock-Song. Und wenn man denkt, es kann nicht besser werden, überzeugt das geniale „So Many Times“ vom Gegenteil.
Ein wenig mehr im Art-Rock-Bereich bewegt sich „Love Never Ends“. Diese Art von Songs hat im Lauf der Zeit wirklich an Qualität gewonnen. Früher mochte ich das nicht so sehr, heute schätze ich es sehr.
„I´m Running Through“ ist noch einmal etwas flippiger, fast schon im Funk-Crossover-Stil. Danach folgt das sehr kurze Abschlussstück „The Werk“.
Absolut eine Freude, dieses Wiederhören. Ihr könnt euch das Album auch ganz günstig nachkaufen und selbst genießen, denn CD und LP sind gebraucht sehr erschwinglich zu bekommen. Ich freue mich schon darauf, auch das zweite Album wieder zu hören. Darauf befinden sich ein paar Lieblingsstücke und eine sehr gute Coverversion von „New England“. (505)

Billy Bragg – Life´s a Riot with Spy Vs Spy + Between the Wars (1983/85)
Musiker und Links-Aktivist Billy Bragg schaffte mit diesem Album seinen Durchbruch und den Einstieg in die englischen Charts. Es enthält sieben Tracks mit einer Gesamtlaufzeit von knapp über 15 Minuten. Die Songs funktionieren als solo gespielte Protestlieder („solo electric“) sehr gut. Besonders „A New England“ ist ein zeitloser Klassiker und wurde häufig gecovert. Diese Veröffentlichung umfasst zusätzlich die EP „Between the Wars“ mit vier weiteren Liedern.
Als klassischer Folk-Singer-Songwriter-Song – jedoch britisch und nicht amerikanisch geprägt – überzeugt „Milkman of Human Kindness“ direkt am Anfang. Mit einem "The Clash“-Touch: „To have and not to have“. Die Mischung aus Folk und Solo-Punk-Rock setzt sich auch bei „Richard“ fort.
Der Hit des Albums ist „A New England“ – einfach ein großartiger Song. Dabei wird, ebenso wie beim Rest der Platte, deutlich, dass ein guter Song vor allem dadurch funktioniert, dass er gut ist und beim Hörer etwas bewirkt. Eine aufwändige Produktion oder ein audiophiles Klangerlebnis können einen Song unterstützen, doch im Grunde muss er in seiner einfach gehaltenen Form funktionieren, um wirklich zu überzeugen und zu einem Klassiker zu werden. (Ich glaube, eine a-cappella-Version von „Tubular Bells“ wäre ein echter Knaller.)
Da alle Songs recht kurz sind, ziehen sie schnell vorbei, doch „The Man with the Iron Mask“ entschleunigt das Album und ist wunderschön. Ebenfalls gelungen und beschwingt sind „The Busy Girl Busy Beauty“ sowie „Lovers Town Revisited“. Damit ist das eigentliche Debütalbum abgeschlossen – es folgen allerdings noch die Songs der EP „Between the Wars“.
Diese Lieder sind stärker arbeitnehmerorientiert. Das Album beginnt mit „Between the Wars“, gefolgt von meinem zweiten Lieblingssong der CD, „Which Side Are You On?“. Dieser Song ist sehr mitreißend und berührt mich jedes Mal. Der Singer-Songwriter-Folk-Stil setzt sich mit „The World Turned Upside Down“ fort. Den wunderbaren Abschluss des wohl besten „Solo Electric“-Albums aller Zeiten bildet „It Says Here“. (427)
Braid – No Coast (2014)
Das vierte Album der EMO-Band um den Musiker Bob Nanna entstand, nachdem er die Band eigentlich verlassen hatte, um sich intensiver seinem Projekt „Hey Mercedes“ zu widmen. Zum Glück kam es jedoch zu einer Reunion, und so entstand dieses großartige EMO-Album. Emotionaler Alternativerock, der richtig viel Freude macht. Nach dieser Platte wurde es zunächst wieder ruhiger um die Band, doch ein Re-Release des Vorgängeralbums „Frame and Canvas“ weckte neue Hoffnungen auf weitere Aktivitäten. Es bleibt spannend.
Aber zunächst höre ich mir „No Coast“ in Ruhe an. Das Album beziehungsweise die einzelnen Songs kenne ich bisher hauptsächlich als Einzelstücke in meiner Playlist. Lange Zeit habe ich fast ausschließlich nur solche Songs gehört. Dann habe ich mich entschieden, mal wieder komplette Platten durchzuhören. Kurz darauf entstand daraus auch „Power of Song“.
Dieses Album bietet auf jeden Fall gute, leicht rockende E-Gitarren und den harmonisch emotionalen EMO-Core-Sound – hören Sie zum Beispiel nur das Eröffnungsstück „Bang“. Da passt für mich einfach alles. EMO ist ja immer ziemlich nah am Post- und Alternativerock, was man in diesem Song sehr gut hört. Auch der Stimmungswechsel innerhalb des Songs, der nur 3:20 Minuten lang ist, gefällt mir außerordentlich.
Solche Musik ist genau mein Geschmack, was Rock betrifft. Die volle Härte brauche ich meistens nicht. Ich möchte tanzen, Emotionen spüren und mitgehen können. Das gelingt auch bei „East End Hollows“. Wer Bands wie Jimmy Eat World oder Get Up Kids mag, wird „Braid“ lieben. Mit den Get Up Kids haben sie sogar schon Singles geteilt.
„East End Hollows“ ist wirklich ein Genreknaller – so gut.
Das Titelstück „No Coast“ setzt genau dort an. Die Platte ist riesig, und es ist schade, dass dies bisher das letzte richtige Studioalbum der Band ist.
Das Album rockt einfach großartig. Jeder Song hat etwas Besonderes – das sind tolle Melodieideen, hervorragend gespielte Instrumente, und trotzdem klingt es nicht zu glatt poliert. Großes EMO-Kino für die Ohren: „Damages!“
Es macht durchweg Freude, das Album zu hören. Auch Punkrock-Freunde werden an diesem Werk sicherlich viel Gefallen finden, ebenso Fans von Weezer und vielen anderen.
Und es hört einfach nicht auf – zum Glück. So großartig klingen „Pre Evergreen“, „Put Some Wings on the Kids“ und „Lux“.
Für mich ist das wirklich ein perfektes Rockalbum, deswegen erkläre ich es hiermit zu einem meiner Lieblingsalben. Vor dem Anhören war mir die Qualität bereits bewusst, da ich die meisten Songs schon kannte. Doch das Album am Stück zu hören, habe ich wohl erst heute zum ersten Mal getan. Und Songs wie „Doing Yourself In“ sind einfach großartig. Emocore ist für mich ein Genre, bei dem ich kaum etwas ablehne – außer wenn der Screamo-Anteil zu groß wird. Das war tatsächlich ein kleines Problem beim Frühwerk von „Braid“. Doch dieses Album entschädigt das voll und ganz. Es gehört jetzt neben „Clarity“ von Jimmy Eat World zu meinen liebsten Emocore-Alben überhaupt. Hört es euch bitte an, es ist großartig. Auch Stücke wie „Climber New Entry“, „Light Crisis“ und vor allem das fulminante „This Is Not a Revolution“ ändern daran nichts.
Emocore auf höchstem Niveau – ganz großartig. Bestnote. Für immer!(604)


Braids – Flourish//Perish (2013)
Irgendwie habe ich ein gutes Händchen dafür, Bands aus Kanada zu entdecken und zu mögen. Ich glaube, ich habe in letzter Zeit mehr kanadische Alben gehört als englische oder amerikanische. Schon erstaunlich, wie viel gute Musik aus Kanada kommt.
Die Band „Braids“ wird unter den Bezeichnungen Indie-Rock, Shoegazing und Post-Rock geführt. Dabei ist ihr zweites Album, auf dem die ursprünglich größere Band nun zu einem Trio geschrumpft ist, ein echtes Elektronik-Indiefolk-Album. Über meist elektronisch erzeugten Klängen liegt der Gesang von Sängerin Raphaelle Strandell-Preston, der je nach Stimmung der Songs frech oder sanft den Ton vorgibt. Das Material der Band ist dabei schön vielfältig. So klingt „Victoria“ fast verspielt und erinnert an einen der besseren Songs von CocoRosie. Daran schließt sich mit „Friend“ ein Electronica-Stück an, das eher an die ausgefeilte und ambitionierte elektronische Musik von Imogen Heap erinnert. Das ist Elektro-Indie-Pop auf höchstem Niveau. Diese beiden Songs beschreiben den Sound der Platte sehr gut.
„December“ strahlt dieses märchenhafte Flair aus, wirkt dabei aber niemals kitschig. Solche Musik entführt mich in andere Welten und holt mich zwischendurch aus der Realität. Hier kommt die Bezeichnung Shoegazing dann doch wieder ganz treffend zum Tragen. Ruhig und mit elegant gewobener Elektromelodie präsentiert sich „Hossak“. Sanft, verträumt und mystisch klingt „Girl“. Die Musik erinnert mich zudem an die frühen Arbeiten von Efterklang. „Together“ würde ich als eine Mischung aus Efterklang und Feist beschreiben. Auch Fans der frühen Björk-Platten dürften sich in dieser Musik gut wiederfinden. Dabei finde ich es sehr angenehm, dass die Kunst der Band nie sperrig wirkt. Elektro-Folk in erstklassiger Ausführung ist etwa bei „Ebben“ zu hören. Mit „Amends“ liefern Braids ein wahres Musik-Kunstwerk.
Die Musik behält stets eine gewisse Leichtigkeit, sodass das Hören nie anstrengend wird, obwohl sie klanglich teilweise an die intensiven elektronischen Stücke von Thom Yorke/Radiohead oder die späteren, schwer zugänglichen Werke Björks erinnert. Selbst das rauschende, treibende Element bei „Juniper“ passt perfekt zum Stück und funktioniert deutlich besser als bei vielen Drone- oder Shoegaze-Kompositionen.
Braids machen hier vieles richtig, weshalb die Musik insgesamt sehr gelungen ist. Daher ist ein Reinhören in die Platte auch für Fans von Slowdive oder Sigur Rós sehr zu empfehlen. Das Album endet mit „In Kind“, das diese Mischung aus gut gemachtem Elektro-Folk und Shoegaze brillant abrundet. Es ist der letzte Song der Platte, aber sicherlich nicht die letzte, die ich von Braids hören werde. (248)

Angelo Branduardi – Il Ladro (1990)
Selbst für einen Künstler wie Angelo Branduardi – dessen erfolgreichste Jahre in Deutschland sicherlich in den späten 70er und frühen 80er Jahren lagen – gibt es Alben, die von der Kritik hochgelobt wurden, in der Diskografie aber nur unter „Auch erschienen“ auftauchen. Ich weiß gar nicht mehr, warum ich dieses Album damals gekauft habe – vielleicht war es ein TV-Auftritt, eine sehr gute Kritik oder ein Song im Radio. Auf jeden Fall habe ich diese Platte zwar selten gehört und in den letzten Jahren völlig vernachlässigt, doch jetzt wird sie wieder gespielt. Ich erinnere mich noch, dass ich die Musik der Platte immer sehr mochte und sie stets als Musik auf sehr hohem Niveau bezeichnet habe. Mal sehen, wie das Wiederhören verläuft.
„Il Ladro“, das Titelstück, ist eine ruhige Akustikrocknummer. Ich finde das Stück ziemlich beeindruckend, und der Klang dieser Produktion ist berauschend. Mit „Madame“ haben wir eine Nummer, die Jazz und südamerikanische Musik vereint – ein Stück für Freunde von Paolo Conte. Eine sehr sanfte und schöne Nummer folgt mit „Bella Faccia“. Mit Tango-Einschlag präsentiert sich „Uomini di Passaggio“. „Ballerina“ ist eine schöne zeitgenössische Folk-Nummer. Als Art-Folk-Rock würde ich „Amazzonia“ bezeichnen. Selbst die Pop-Ballade „Il Bambino dei Topi“ kann man bei Branduardi einfach nur als „sehr, sehr schön“ beschreiben. Diese Platte ist ein echtes Hörvergnügen für jeden Freund anspruchsvoller akustischer Musik, die sich traut, Grenzgänger zwischen den Genres zu sein, dabei aber stets ein sehr hohes musikalisches Niveau hält. „Il Tempo di Partire“ klingt wie „Il Ladro“ wieder mehr nach Art-Rock. Mit treibendem Bass und Schlagzeug folgt „Il Grido“. Noch einmal ruhiger Art-Folk ist „Ai Confini dell’Asia“. Das zarte und kurze „Festa“ rundet ein wunderschönes Album ab.
Ohne Musiker wie Angelo Branduardi und Herman van Veen wäre die Musik doch irgendwie viel ärmer. Neben den Pop- und Rocklieblingen sollte man immer auch ein Ohr offenhalten für diese musikalischen Grenzgänger. (269)

Brandy - Two Eleven
Dies ist das sechste Album von Brandy Norwood. Das Genre R&B wird darauf geschickt mit Soul, Rap und Pop von einer Vielzahl an Produzenten vermischt. So entstand ein Album mit zahlreichen Songs, die großes Hitpotenzial besitzen. Es erreichte Platz 2 der Billboard-200-Charts.
Nach einem kurzen Intro, das bereits atmosphärisch Großes erwarten lässt, folgt mit „Wildest Dreams“ ein zunächst leicht melancholischer Popsong. Obwohl dabei nicht an aufwendigen Effekten gespart wird, klingt das Stück zunächst „nur“ nach typisch amerikanischem R&B und Soul, bei dem Brandy mit leicht rauer Stimme singt.
„So Sick“ mit seinen sanften Beats und den verspielten Vocals gefällt mir besser – der Song nimmt mich wie ein guter Popsong mit.
Dank der Rhythmuseffekte wird „Slower“ zusammen mit den Gesangsarrangements zu einem guten Song.
Die Popballade „No Such Thing as Too Late“ ist harmlos, aber eingängig. Bisher ist das Album eher zurückhaltend, was das Tempo angeht. Gefühlvolles, mit Beats unterlegtes Material prägt den Gesamteindruck.
Das Effektfeuerwerk bleibt trotzdem recht chillig, und die Gesangspartien bleiben stark: „Let Me Go“ ist wirklich ein Highlight.
Die melancholisch angelegte Ballade mit Trip-Hop-Beats „Without You“ ist ebenfalls gelungen. Bei „Put It Down“, auf dem Chris Brown als Feature-Gast zu hören ist, steht die Single-Tauglichkeit im Vordergrund. Auch hier dominieren eher langsame Beats, die geschickt mit verschiedenen Stimmungen spielen.
Atmosphärisch ist dies ein spannendes R&B/Soul-Album, weil es sich an vielen Stellen vom Mainstream-Pop-Soul durch starke Arrangements abhebt und eine zwar nicht düstere, aber auch keine reine Partystimmung vermittelt. Damit schafft es das Album, auch Hörer wie mich zu gewinnen, die sonst selten bei charttauglichem R&B aufmerksam werden.
Ebenso wirken „Headley Breathing“ und „Do You Know What You Have“ sehr überzeugend.
Die Popballade „Scared of Beautiful“ ist ebenfalls ein schöner Beitrag.
Die meisten Songs sind eher „smooth“ – geschmeidig und sanft, ohne zu schnell zu sein. Dafür werden sie mit Gefühl und Leidenschaft vorgetragen, was auch für „Wish Your Love Away“ gilt.
„Paint This House“ fügt sich in diesen unaufgeregten, aber dennoch schön effektvoll gehaltenen Stil ein. Da wir nun am Ende des regulären Albums bei Stück Nummer dreizehn angekommen sind, reicht das eigentlich auch.
Ich besitze jedoch die Deluxe-Edition, bei der noch drei weitere Stücke und das Outro folgen.
„Can You Hear Me Now“ ist kein Stück, auf das ich verzichten möchte, sondern ein echtes Highlight der CD. Die Stimmung, die dieser Song ausstrahlt, ist einfach großartig. Er erzeugt Spannung und eine fast hypnotische Sogwirkung – das mag ich sehr.
„Music“ ist hingegen vielleicht eine Soulballade zu viel. Daran habe ich mich längst sattgehört.
Nochmals wegen der guten Gesangsarrangements sowie des peppigen Sounds und des Abwechslungsreichtums bietet „What You Need“ einen gelungenen Abschluss vor dem kurzen Outro.
Es sind viele gute Stücke auf dem Album, auch den insgesamt elektronisch geprägten Sound des R&B mag ich hier sehr. Interessant wäre es allerdings auch gewesen, einige Stücke von einer Band eingespielt zu hören. Auf ein richtiges Nachfolgealbum musste man lange warten. Die Musikerin ist jedoch auch als Schauspielerin und Jurymitglied in zahlreichen TV-Produktionen aktiv. Ab und zu trat sie auch mal live auf und präsentierte einzelne Songs. Schließlich erschien 2020 auf ihrem eigenen Label das Album „B7“, in das ich wohl auch einmal hineinhören sollte. (610)

The Breeders - Pod (1990)
Die Band begann als Nebenprojekt von Tanya Donelly (Throwing Muses) und Kim Deal (The Pixies). Für das erste Album holten sie die Schlagzeugerin Britt Walford (Slint) und die Bassistin Josephine Wiggs mit ins Studio. Die CD enthält zwölf Songs und ist etwas über 30 Minuten lang.
Mit „Glorious“ liegt direkt eine frühe Grunge-Nummer vor, und man kann sich gut vorstellen, warum die Breeders auch als Vorgruppe für Nirvana auftraten.
Als ich vor ein paar Jahren ihren Millionenseller „Last Splash“ hörte, war ich nur mäßig begeistert. Natürlich mag ich, wie viele andere, den Song „Cannonball“, aber auf der zweiten CD der Breeders war für mich nicht viel Interessantes dabei. Vielleicht sollte ich ihr Album bei Gelegenheit noch eine zweite Chance geben.
Zurück zum Debüt: Eine ordentliche Alternative-Rock-Nummer ist „Doe“. „Happiness is a Warm Gun“ ist noch etwas wuchtiger, wenn auch nur zeitweise, und wirkt durchdachter, weshalb er mir besser gefällt. Eine nette, langsame Indie-Rock-Nummer ist „Oh!“.
Man erkennt die Nähe zu den Pixies-Nummern wie „Hellbound“ deutlich, doch klingt alles insgesamt rauer als bei der Hauptband von Kim Deal.
Punkig klingt „When I Was a Painter“.
Mit „Fortunately Gone“ zeigt sich mehr Grunge und Folk, ein Stil, der an die Meat Puppets erinnert.
„Iris“ wirkt atmosphärischer und rockiger. Die Damen beherrschen dabei die guten Indie-Alternative-Rock-Melodien – zum Beispiel auch bei „Opened“. Das Album ist abwechslungsreich und bietet zahlreiche Tempowechsel. „Only in 3’s“ klingt noch einmal richtig nach den Pixies und ist mit unter zwei Minuten sehr kurz. Solche kurzen Songs gibt es auch mehrfach, etwa das folgende „Lime House“. Mit „Metal Man“ endet das Album.
Insgesamt ist es ein gutes Alternative-Rock-Album, das zwar keinen echten Hit wie „Cannonball“ enthält, dafür aber schön ungeschliffen, rau und lebendig wirkt. (375)

Maire Brennan – Perfect Time (1998)
Maire Brennan, auch geschrieben als Moya Brennan oder Máire Ní Bhraonáin, ist Mitglied der bekannten irischen Folk- und New-Age-Band „Clannad“. Wie ihre Schwester Eithne (Enya) ist sie seit 1992 auch als Solokünstlerin aktiv und veröffentlicht eigene Alben. Auf sie aufmerksam geworden bin ich durch einen Song auf dem Sampler „Common Grounds“. Erst jetzt habe ich durch Wikipedia erfahren, dass sie bei Clannad mitwirkt – was ich vielleicht früher herausgefunden hätte, wenn ich mir das Album „Legend“ von Clannad einmal genauer angeschaut hätte. Dieses Soundtrackalbum zur Serie „Robin Hood“ befindet sich nämlich schon sehr lange in meiner Sammlung.
Das Stück „The Big Rock“ kommt beim Hören sehr direkt und überfällt einen fast, da es ohne langes Intro mit seinem etwas hochproduzierten Folk-Pop einsetzt. Dieser Song eignet sich sicherlich gut als Abspannmusik für jeden modernen Fantasyfilm, allerdings ist er mir aufgrund des Chorgesangs zu kitschig und erinnert mich stark an die wenigen Lieder, die ich von Enya kenne.
Das Titelstück „Perfect Time“ beginnt dagegen sanfter. Es ist kalkulierter Entspannungs-Folk-Pop. Ich hatte eher darauf gehofft, dass das Album nicht nach „Clannad“ klingt, sondern mehr den ursprünglichen irischen Folk widerspiegelt.
So ist das Album eher eine Platte, die man im Winter oder an einem Feiertag auflegt, um sie als Hintergrundmusik zu hören – zum Beispiel, wenn man auf dem Sofa sitzt und Tee schlürft. Der Song „The Light on the Hill“ klingt dagegen fast wie ein Hit von Celine Dion, also großer Kitsch, hat aber durchaus Hit-Qualität.
Sehr sakral wirkt „Na Páistí“.
So viel Schönklang im kitschigen Folk-Pop-Gewand ist dann doch etwas viel für mich. Als einzelne Songs mag das noch einigermaßen angenehm sein, doch in der Reihenfolge wirkt „Heal the Land“ einfach sehr uninteressant. Beim nächsten Titel frage ich mich, ob ich das Hören nicht ganz abbrechen soll. „Song of David“ ist ein überwältigender, aber völlig seelenlos gespielter Folkkitsch, der nur auf einfache Emotionalität setzt und für den Mainstreamgeschmack wohlgefällig serviert wird – so sehr, dass einem der Song fast schon unangenehm wird.
Ich fasse mich kurz: „Our World“ ist die nächste Nummer im Stil von Celine Dion.
„Doon Well“ macht zumindest Hoffnung, dass doch noch ein Song auf diesem Album funktioniert. Tatsächlich ist diese sanfte Instrumentalnummer recht gelungen. Zwar ebenfalls kitschig wie der Rest, aber mit mehr Zurückhaltung gespielt.
Musikalisch etwas besser gelungen ist „Grá Dé“, das eher leichter Folkrock als Folkpop ist. Zum Abschluss folgt noch eine instrumentale Version von „The Big Rock“.
Bis auf „Doon Well“ und „Grá Dé“ werde ich von der CD nichts behalten. Das Album ist einfach zu wohlgefällig geraten. Gerade zurzeit mag ich alternativen Folk, und dieses Album ist das genaue Gegenteil davon. Wer aber Enya, Celine Dion und Hans Zimmer schätzt, wird bei Maire Brennan bestens bedient. (611)

Phoebe Bridgers – Punisher (2020)
Phoebe Bridgers ist seit 2014 als Solokünstlerin unterwegs und seit 2018 gemeinsam mit ihren Kolleginnen Lucy Dacus und Julian Baker unter dem Namen „Boygenius“. Die beiden wirkten auch bei zwei Songs auf ihrem zweiten Soloalbum mit, ebenso wie Conor Oberst, mit dem sie im Projekt „Better Oblivion Community Center“ zusammenarbeitet. Bevor es vergessen wird: Das Booklet enthält wunderbare Illustrationen von dem von mir sehr geschätzten Kinderbuchillustrator Chris Riddell.
Der Eröffnungstrack „DVD Menu“ geht nahtlos in „Garden Song“ über. „Garden Song“ zeigt bereits die Richtung: Indie-Folk. Phoebe Bridgers ist eine herausragende Singer/Songwriterin, was sie mit diesem und vielen weiteren Songs auf dem Album eindrucksvoll beweist. Toller Indie-Rock kommt bei „Kyoto“ zum Ausdruck. Wieder eher zärtlich und anschmiegsam klingt „Punisher“. Für mich ist „Holloween“ ein schöner moderner Folk-Song. Wer die Musik von Big Red Machine, die Akustikalben von Taylor Swift sowie alle Produktionen von Bon Iver und Aaron Dessner mag, wird dieses Album ebenfalls schnell ins Herz schließen. So geht es mir jedenfalls.
Die Songs sind großartig, von gut bis herausragend produziert und arrangiert. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist „Chinese Satellite“, das auf Hit-Single-Potenzial getrimmt ist, während viele Titel, wie etwa „Moon Song“, einfach nur traumhaft schön sind. Ebenso führt „Savior Complex“ diese Linie fort. Mit „I C U“ wird das Tempo wieder angezogen; hier sind die „Boygenius“-Mädels wieder vereint und klingen wie Schwestern von „Haim“. Das Bluegrass-Banjo bei „Graceland Too“ ist wunderschön und erinnert mich sofort an den Film „The Broken Circle Breakdown“ – ein Lieblingsfilm von mir.
Mit „I Know the End“ endet dieses wunderbare Singer/Songwriter-Album. Zeitlos, vielleicht ein wenig zu ruhig – hier hätten ein oder zwei weitere rockige Tracks wie „Kyoto“ gutgetan. Doch das ist Meckern auf sehr hohem Niveau. Denn dieses Album überzeugt auf ganzer Linie. Und Taylor Swift sollte sich nicht zu sicher fühlen: Mit Caroline Rose und Phoebe Bridgers gibt es zwei Musikerinnen, die sie jederzeit vom Thron stoßen können. (141)

Jakob Bro – Daydreamer (2003)
Beim Solodebüt von Jakob Bro hätte ich nach dem Anschauen der Dokumentation „Music for Black Pigeons“ ein Album voller leiser Gitarrenklänge erwartet. Stattdessen überraschen einen direkt zu Beginn die Bläser mit dem Stück „Philadelphia“. Irgendwann übernehmen dann doch die E-Gitarren den Song, der alles andere als leise ist und auch als Fusion-Rock durchgehen könnte. Für die Bläser, die später erneut zum Einsatz kommen, sind Chris Cheek, Ned Ferm (beide Tenorsaxofon) und Mads Hyhne (Posaune) verantwortlich. Den Bass spielt Anders Christensen, die Drums übernimmt Jeppe Gram.
Sanfter, aber nicht auf Unplugged-Niveau, gestaltet sich das von den Blasinstrumenten getragene „Countryside“. Es klingt melancholisch und fast schon etwas traurig – doch durch das erweiterte Spiel dringt auch Hoffnung und Schönheit in die Melodie ein. Das Titelstück „Daydreamer“ zeigt ebenfalls, dass Jakob Bro – obwohl selbst Gitarrist – den anderen Instrumenten und Musikern genug Raum lässt, damit eine echte Kommunikation und ein Austausch innerhalb der Songs entstehen können. Bro stellt sein Instrument nicht in den Vordergrund und will den Song nicht dominieren. Als Musiker bietet er allen im Raum befindlichen Instrumenten Platz, was die Platte und die Songs bereichert, die nicht nur aus Soli des Hauptakteurs bestehen.
Die Melancholie, immer wieder durch sanftmütige Passagen durchdrungen, steht auch bei dem wundervollen Stück „The Time is Always Now“ im Vordergrund, das jedoch plötzlich von einer lauten Rockpassage durchbrochen wird. Damit kehrt die Platte zur Wucht des Anfangsstücks „Philadelphia“ zurück. Wieder im Bereich sanfter Melancholie bewegt sich „Highpoint“ – so habe ich die Musik von Jakob Bro auch in der bereits erwähnten Dokumentation kennengelernt. Zurück zum Fusion-Rock geht es mit „Optimistic“. Die Melancholie entsteht auch durch den Blues, der den Jazz von Bro durchdringt und besonders bei „Everything All at a Time“ spürbar wird. Rockiger Jazz entfaltet sich schließlich noch einmal bei „Unfolded“.
Schade, dass dieses Album derzeit als physischer Tonträger kaum noch erhältlich ist – eine Neupressung würde ich mir sehr wünschen. Die Platte ist einfach mehr wert als ein reines Downloadpaket. (234)
Bronski Beat – The Age of Consent (1984/Remaster + Bonusmaterial 1996)
Der Synthpop dieses Albums, geprägt von der einzigartigen Stimme Jimmy Sommervilles und gespielt von drei Musikern, die offen mit ihrer Homosexualität umgehen, hat bis heute einen bleibenden Eindruck in der Popmusik hinterlassen. Songs wie „Why“, „Smalltown Boy“ und „It ain´t nessarity so“ sind aus dem Kanon der modernen Popmusik nicht mehr wegzudenken – Songs für die Ewigkeit, die den Bandnamen „Bronski Beat“ bis heute im Gedächtnis der Hörer halten.
Es ist ein typischer Song der 80er Jahre, das hört man, doch er funktioniert noch immer sehr gut. Auch weil das Stück ein ganz typischer Disco-Song ist, der zudem textlich der homosexuellen Community auf den Leib geschrieben wurde. Gleichzeitig funktioniert er einfach als Tanzflächenhit, obwohl der Text ernst ist und sich mit den Anfeindungen auseinandersetzt, denen homosexuelle Menschen ausgesetzt sind – der Song heißt „Why?“. „It ain´t nessarity so“ war immer einer meiner Lieblingssongs der Band und ist ein besonders wertvoller Titel. Er hat inzwischen fast den Rang eines Jazzstandards. Ursprünglich stammt das Stück aus der Oper „Porgy and Bess“. Mit dem Musiker Richard Coles, der unter anderem an der Klarinette bei diesem Song zu hören ist, gründete Jimmy Sommerville nach seinem Weggang von „Bronski Beat“ das Projekt „The Communards“.
„Screaming“ war für mich der erste Song auf dem Album, der mich, da ich ihn vorher nicht kannte, sehr positiv durch seine spannende Atmosphäre und die Sounds überraschte. Ein sehr guter, düsterer Synth-Pop-Song. Gleiches gilt für „No More War“. Besonders loben möchte ich die Soundtüftler Steve Bronski und Larry Steinbachek sowie Produzent Mike Thorne, denn CD und Musik klingen einfach sehr gut.
„Love and Money“ ist soulig und mit Blues versehen, „Smalltown Boy“ funktioniert immer. Eine kleine „Big Spender“-Variante ist „Heatwave“, das ebenfalls sehr pfiffig ist.
Ein weiterer guter Song ist „Junk“. Langsam glaube ich, dass „Why“ tatsächlich zu den eher schwächeren Stücken des Albums gehört. In der CD-Beilage wird nicht eindeutig klar, wer bei „Junk“ neben Jimmy Sommerville mitsingt oder ob es tatsächlich seine Stimme ist, zumal er hier nicht mit seiner hohen Falsettstimme singt.
Insgesamt ist es ein durchweg hörenswertes Album – nicht nur die Singles überzeugen, auch die übrigen Songs gefallen mir sehr gut. So funktioniert etwa auch „Need a Man Blues“ gut. Viele der Titel haben sicherlich andere Songs ähnlicher Art beeinflusst – man höre nur, was Bands wie Gossip machen.
„I Feel Love“ ist inzwischen ebenfalls ein Klassiker, besonders die Remixversion mit Marc Almond wurde viel gespielt und gehört.
Als Bonusmaterial folgen Remix-Versionen von „I Feel Love“, „Hundreds and Thousands“ sowie die Stücke „Memories“ und „Puit D´Amour“.
Ein überraschend gutes Album. (612)


Cate Brooks (veröffentlicht unter ihren früheren Namen Jon Brooks) – How to get to Spring (2020)
Das Eröffnungsstück „Foon“ ist allein schon ein Beweis dafür, wie gefühlvoll und emotional elektronische Musik sein kann. Es ist wunderschöne Elektronika, bei der die künstlichen Klänge perfekt zum Aufenthalt in der Natur, zur Betrachtung schöner Dinge oder zum Innehalten passen. Man fühlt sich einfach heimelig und zuhause. Elektronische Musik der 80er Jahre wurde oft auch zum Abschalten und Sich-Gehen-Lassen genutzt. Runterkommen – elektronische Musik muss nicht immer fette Beats oder Clubsounds beinhalten.
Beim zweiten Stück „A Lesson on Attachment“ wirkt das Schlagzeug auf mich eher analog (wobei man sich heute durchaus täuschen kann, da Drumsamples immer besser werden und sehr real klingen). Der Eindruck und die Wirkung des ersten Songs bleiben erhalten, denn auch dieser ist schön gestaltet und bietet wieder entspannte, aber gute Musik.
Sphärisch und verträumt ist „Dreaming and Further Still“. Wer Tangerine Dream, Mike Oldfield, Andreas Vollenweider oder B. Fleischmann mag, kann mit dieser Musik sicherlich etwas anfangen. Sehr natürlich und fast schon nach sanftem Folk klingt „Dandelion Clock“.
Cate Brooks veröffentlicht seit den frühen 2000er Jahren unter Namen wie Kings of Woolworths, The Advisory Circle und anderen Musik. Auch „Siorraidh“ ist wieder sehr akustisch gehalten. Wenn dieses Album Ambient-Musik ist, dann mag ich Ambient am liebsten so. Man kann sich gut vorstellen, dass jemand dazu singen könnte.
Die Songs sind also ein Mix aus Electronica, New Age, Folk und Ambient – tief einatmen und ausatmen, die Zeit ein wenig anhalten und einfach für sich sein.
Beim Stück „Neist Point“ finde ich sogar, dass sich die Musik im Unterbau nach Prog- und Krautrock anhört. Jetzt glaube ich auch tatsächlich, dass hier echtes Schlagzeug und ein echter Bass zum Einsatz kommen, denn es klingt viel zu real. Reine elektronische Musik ist das nicht.
Wohlfühlmusik von vorne bis hinten. Entspannung pur bieten auch die letzten Songs „Well Then“ und das Titelstück „How to Get to Spring“. Das Album entstand in der Coronazeit und bietet eine Zuflucht in eine bessere Welt – denn der nächste Frühling kommt bestimmt. Diese Botschaft können wir auch nach Corona gut gebrauchen. (387)
Jackson Brown – World in Motion (1989)
Ich habe das Album schon lange, geschätzt seit seinem Erscheinen, und mochte es immer sehr gerne. Allerdings habe ich mich bislang weder mit dem wohl viel bekannteren Frühwerk von Jackson Browne noch mit seinen späteren Alben beschäftigt. Auch dieses Album hatte ich lange Zeit nicht gehört, sodass ich den Künstler Jackson Browne jetzt noch einmal neu für mich entdecke.
Das Album wurde über einen Zeitraum von drei Jahren produziert, und zahlreiche Gastmusiker unterstützten die Aufnahmen im Studio, darunter Sly & Robbie, Salif Keita, David Lindley, Bonnie Raitt sowie der Singer/Songwriter-Kollege David Crosby.
Was sofort beim Titelstück „World in Motion“ auffällt, ist das intensive Rock-Feeling des Albums. Es klingt nicht nach den typischen L.A.-Singer/Songwriter-Alben der 70er, sondern erinnert eher an Billy Joels „Stormfront“-Album. Genau wegen dieses Rock-Song-Feelings mag ich diesen Song sehr, und der Sound gefällt mir, weil er mehr bietet als viele andere Pop-Rock-Alben der späten 80er Jahre. Der Song wirkt recht zeitlos.
„Enough of the Night“ habe ich beim Hören immer geliebt – der Song besitzt diese wunderbare Pop-Rock-Leichtigkeit, die ich immer noch sehr schätze.
Viele Fans und Kritiker mochten die eher politischen Texte des Albums nicht – es war bereits das dritte Album in Folge mit Botschaften dieser Art. Das ist mir jedoch völlig egal, denn ich finde es gut, wenn Musiker sich politisch äußern und Haltung zeigen.
Auch das Wiederhören des Songs „Chasing You into the Light“ mit seiner mitreißenden Melodie macht wieder großen Spaß. Dabei wird mir klar, warum ich das Album immer gemocht habe: Es sind einfach gute Songs.
Sehr sanft ist „How Long“, das mich an die Songs von Bruce Cockburn erinnert. Auch dieser Song funktioniert heute noch sehr gut. Da ich Bruce Cockburn etwa zur gleichen Zeit wie dieses Jackson Browne-Album hörte, passten die beiden Musiker für mich immer gut zusammen.
Wie bereits erwähnt, mag ich immer noch den Sound des Albums, der Jackson Browne und seinem Produzenten Scott Thurston wirklich hervorragend gelungen ist. Scott Thurston war Mitglied bei den Stooges und bei Tom Petty & The Heartbreakers.
Politischer Reggae prägt den Song „When the Stone Begins to Turn“, bei dem sicherlich Sly & Robbie mitwirkten. Der Song würdigt den Freiheitskampf der Afrikaner, egal ob in Amerika, Südafrika oder anderswo, und richtet sich hauptsächlich gegen die Apartheid.
Bei „The Word Justice“ mischt sich Funk in den Rock ein. So präsentiert sich das Album auch soundtechnisch vielfältig, was das Durchhören deutlich spannender macht, als wenn sich ähnliche Songs aneinanderreihen würden.
Ein fast ganz ohne Rockinstrumentierung auskommender Singer/Songwriter-Song ist „My Personal Revenge“. Dabei handelt es sich um eine ins Englische übertragene Coverversion eines Songs von Thomas Borge, Luis Enrique und Mejia Gody.
Der wunderbare Song „I Am a Patriot“ stammt von Little Steven. Viele Amerikaner sollten sich diesen Song einmal anhören und über den gegenwärtigen Zustand ihres Landes nachdenken.
„Lights & Virtues“ schließt das Album mit einem sanften Song ab, der nach L.A.-Singer/Songwriter-Rock klingt – wohl ein ganz typischer Jackson Browne-Song, der ebenfalls überzeugt.
Ein tolles Album. Ich hoffe, ich werde die Songs jetzt wieder öfter hören. (665)

Sam Brown – Stop! (1988)
Pop, Blues, anspruchsvoller Rock, Soul und Jazz – all das sind Musikrichtungen, in denen sich die stimmgewaltige Engländerin Sam Brown bewegt. Die meisten Hörer kennen sie als One-Hit-Wonder mit dem Titeltrack dieser CD beziehungsweise LP namens „Stop!“ und erkennen diesen auch schnell wieder. Noch weniger sind mit dem großartigen zweiten Album der Sängerin vertraut, das ich viel häufiger gehört habe als ihr Debüt – doch nun möchte ich es nach langer Zeit auch mal wieder komplett anhören.
Mit dem einfachen Rocksong „Walking Back to You“ beginnt das Album ziemlich flott, und ich finde, der Sound des Albums ist sehr gut gealtert beziehungsweise kaum gealtert. Mit diesem Song beweist Sam Brown, dass sie mit ihrer Stimme als Rockröhre durchaus eine starke Figur macht.
Musikalisch wird das Album mit dem zweiten Stück „Your Love Is All“ interessanter, denn dieser beachtliche Song bietet anspruchsvollen, atmosphärischen und dichten Rock. Damit spielt sich Sam Brown in eine andere Liga.
Der Hit „Stop!“ verbindet Rock mit Blues und Soul, und auch dafür ist Sam Browns Stimme einfach prädestiniert. So wurde sie zum One-Hit-Wonder.
Etwas ungewöhnlicher arrangiert und deshalb sehr gut gealtert – hier zeigt sich, wie anspruchsvoll und jenseits des üblichen Pop manche Songs funktionieren: „It Makes Me Wonder“. Leider sind mir diese Stücke zuvor anscheinend nicht aufgefallen oder zu kurz im Gedächtnis geblieben. Daher ist das jetzt eine sehr schöne Wiederentdeckung.
Bei „This Feeling“ ist sogar David Gilmour an der Gitarre zu hören. Der Song ist sehr guter Singer/Songwriter-Rock und hat zudem einen leicht folkigen Einschlag – auch das sehr gelungen.
„Tea“ ist nur ein kurzes Zwischenspiel, aber ein sehr amüsantes.
Und wirklich außergewöhnlich gut, von Anfang bis Ende, ist das etwas jazzige „Piece of My Luck“. Die Musik erinnert auch an die Alben von Sting, die dieser zur selben Zeit (späte 80er) veröffentlichte – und die ich ebenfalls sehr schätze.
Blues-Rock findet sich bei „Ball and Chain“. Immer wenn Produktion und Songs mehr bieten als gewöhnlichen Pop oder Rock, entwickeln die Stücke des Albums eine eigene Qualität. So auch bei dem mit Synthesizer versehenen Rockstück „Wrap Me Up“. Es klingt zwar sehr nach den 80er-Jahren, macht aber richtig viel Spaß beim Hören.
Der atmosphärische, melancholische Lovesong „I’ll Be in Love“ ist Art-Rock und erinnert an Kate Bush’ „Merry Go Round“. Gefällt mir sehr gut.
Die Vinyl-Ausgabe endet mit dem sanfteren Poprock-Song „Sometimes“.
Die CD-Bonustracks beginnen mit der Marvin-Gaye-Nummer „Can I Get a Witness“. Das ist allerdings eine einfache, viel zu oft gehörte Blues-Rock-Pop-Nummer, die langweilt. Offenbar wollte das Plattenlabel sicherstellen, dass sie, falls die Album-Tracks als Single nicht taugen, noch einen weiteren Track als Single parat hätten. Der Song passt jedoch überhaupt nicht zu den zuvor gespielten Stücken und ist daher richtig ärgerlich. Er wurde von meiner Playlist sofort gelöscht. „High as a Kite“ ist zwar eine Eigenkomposition, wurde aber auf einen charttauglichen Popsong getrimmt und fällt ebenfalls negativ auf. Als Abschluss versucht sich Sam Brown noch an „Nutbush City Limits“ von Ike & Tina Turner. Da sie dem Original sehr treu bleibt, geht das in Ordnung – allerdings hat der Song so gar nichts mit den Stücken des eigentlichen Albums zu tun und ist deshalb keine Bereicherung.
Eine tolle Wiederentdeckung: Bis auf das rockige „Walking Back to You“ und das Blues-Rock-Stück „Ball and Chain“ präsentiert Sam Brown ein außergewöhnliches Debütalbum, auf dem der Überhit „Stop!“ nicht einmal der beste Song ist. Auch an den folgenden Alben bin ich jetzt wirklich interessiert. (668)


Bruce Hornsby and the Range – The Way it is (1986)
Die Musik von Bruce Hornsby ist eingängiger Soft Rock, der Elemente des Südstaaten- und L.A.-Rock vereint. Viele der Songs wurden zu bekannten Singles mit starker Radiopräsenz. Die Stücke besitzen die Eleganz von Werken von Musikern wie Jackson Browne oder Michael McDonald, verbinden diese jedoch mit dem Charme und dem Tempo des damals sehr populären Huey Lewis, der auch bei der Entstehung von zwei Songs des Albums mitgewirkt hat.
„Every Little Kiss“, „Mandolin Rain“ und die sehr erfolgreiche Debütsingle „The Way It Is“ sind Hits und gelungene Songs, die man immer wieder gerne hört. Das gilt ebenso für die übrigen Titel des Albums. Ich schätze Musik, die mich zwar in die Zeit zurückversetzt, in der ich sie zum ersten Mal gehört habe, die aber auch heute noch funktioniert und nicht retro, sondern zeitlos wirkt. Genau so ein Album ist das.

Don Bryant – You Make me Feel (2020)
Don Bryant war ab den 1960er Jahren als Musiker, Solokünstler und Songschreiber für das Hi Records Label tätig. Als Songschreiber verfasste er über 154 Titel für das Label. Anfang der 1970er Jahre schrieb er Songs für die junge Soulsängerin Ann Peebles, deren Hauptautor er wurde und die er später heiratete. In den 1980er und 1990er Jahren, nach seiner Zeit bei Hi Records, nahm er verschiedene Gospel-Alben auf und hörte zeitweise sogar ganz auf, außerhalb von Gottesdiensten Musik zu machen.
Erst Mitte der 2010er Jahre überzeugten alte Weggefährten den Musiker und Songschreiber, wieder live aufzutreten und neue Platten aufzunehmen.
Nach über 60 Jahren als Musiker und Songschreiber präsentiert er mit „You Make Me Feel“ sein erst drittes Soloalbum. Bei den Aufnahmen war der Musiker 79 Jahre alt. Wenn man den Soul/Funk-Song „Your Love Is to Blame“ hört, hat Don Bryant noch eine absolut intakte Soulstimme, die sogar im besten James-Brown-Modus jauchzt und frohlockt. Trotz des Alters des Hauptakteurs klingt auch „99 Pounds“ kraftvoll und frisch. Durch die klassische Soulband-Instrumentierung inklusive Bläsersatz macht auch dieser Song viel Freude. Klassischer Soul, toll produziert und von einem, der genau weiß, wie ein Soulsong und R&B funktionieren.
Ruhiger und mit sehr viel Seele präsentiert sich „Is It Over“. Das klingt nicht nach poporientierter Produktion, wie man sie leider in den 1980er Jahren oft im Soul- und Bluesbereich hörte. Dort waren die Studioaufnahmen meist sehr glatt und es fehlte weitestgehend an Lebendigkeit in den Stücken. Deshalb höre ich zum Beispiel Joe Cocker-Alben aus dieser Zeit kaum noch. Zum Glück gab es in den letzten Jahrzehnten mit dem Aufkommen des Neo-Souls eine Rückbesinnung. In bester Curtis-Mayfield- und Otis-Redding-Manier folgt die Soul-Ballade „I Die a Little Bit Every Day“.
Mit viel Ausdruckskraft präsentiert sich „Don’t Turn Your Back on Me“. Wer sich nur selten mit klassischem Soul beschäftigt, erinnert sich bei diesem Song vielleicht sofort an den Arbeitersoul der Commitments.
Wuchtiger wird es mit dem Blues-Stück „Your Love Is Too Late“. Hier zeigt sich, dass Blues, bei dem nicht nur die Gitarre, sondern auch die Stimme im Mittelpunkt steht, mit voller Bandbesetzung, Backgroundsängerinnen und Bläsereinsatz noch viel mehr Spaß macht als der Standard-Mainstream-Blues, den meist immer dieselben Stars der Szene zelebrieren.
Danach wird es wieder ganz gefühlvoll mit „I’ll Go Crazy“.
Meine letzte richtig gute Entdeckung im Bereich klassischer Soulmusik, die auch schon einige Jahre zurückliegt, war der großartige, leider erst spät mit Erfolg gesegnete Charles Bradley. Auch das Hören von Don Bryant bereitet ein ebenso großes Vergnügen. Eine sehr schöne Entdeckung.
Beschwingt, fast schon im Stil der Blues Brothers, kommt „Cracked Up Over You“ daher.
Alles ist ganz großartig, bester Soul, beste Musik in „You Make Me Feel“. Mit der coolen R&B-Nummer „Walk All Over God’s Heaven“ endet das Album. (390)
Buffalo Tom – Birdbrain (1988)
Wie schon beim Debütalbum wirkte J. Mascis bei den Aufnahmen als Co-Produzent mit und beteiligte sich im Titelstück „Birdbrain“ zu Beginn der Platte auch als Gitarrist mit einem Solo.
Der Titeltrack „Birdbrain“ ist ein schneller, eingängiger Rocksong, der sofort ins Ohr geht. Für sanfteren Alternative-Rock steht „Skeleton Key“, das wie eine Mischung aus R.E.M. und der Stimmung des ersten Pearl Jam-Albums „Ten“ klingt. Ob die Band aus Seattle sich daran etwas abgeschaut hat? Es ist auf jeden Fall eine frühe Grunge-Nummer, obwohl dieser Stil erst drei Jahre später entwickelt wurde.
Das Album bietet einige Vorlagen für Grunge. „Caress“ klingt, als stamme es von der Post-Grunge-Band Bush, allerdings nicht so glatt produziert. Das Album beeindruckt mich jetzt schon wieder sehr.
Rauer, ungeschliffener Alternative-Rock, manchmal auch etwas punkiger, findet sich in „Guy Who Is Me“. Danach wird es wieder sanfter, aber nicht leiser, mit „Enemy“. Damals wurde dieser Stil auch als Collage-Rock bezeichnet, zu dem Bands wie R.E.M., Dinosaur Jr. und andere zählten. Mir gefällt, was ich auf dem Album höre, und ich mag damit wohl jede Phase der Band: die Frühphase, die bekannte Phase mit dem Nachfolgealbum „Let Me Come Over“ und die späte Phase mit Platten wie „Quiet and Peace“. Das Trio aus Bill Janovitz, Chris Colbourn und Tom Maginnis macht einfach guten, emotionalen und melodischen amerikanischen Alternative-Rock – und das schätze ich sehr. Deshalb mag ich „Crawl“ ebenso wie das rockigere „Fortune Teller“.
„Baby“ klingt wieder sehr nach Grunge, ähnlich den Songs auf meinem geliebten „Temple of the Dog“-Album.
Auch wenn Buffalo Tom gelegentlich mehr in Richtung Punkrock gehen, gefällt mir das sehr gut, weil es immer gut rockt, etwa bei „Directive“.
„Bleeding Heart“ erinnert dann an den Sound der Band auf „Let Me Come Down“, vor allem wenn das Tempo etwas anzieht.
Als Bonus auf der CD gibt es noch zwei Live-Acoustic-Tracks: „Heaven“ und „Reason Why“. Hier hört man, dass die Band auch als Singer-Songwriter-Folk-Trio gut funktioniert.
Ein sehr gutes Album – die Buffalo Tom-Discographie hätte ich viel früher entdecken sollen. (619)


Buffalo Tom – Let me come down (1992)
Auf die Band bin ich durch ein Konzert der Jeremy Days aufmerksam geworden, da sie den Song „Taillight Fade“ gespielt hatten, den ich dann unbedingt haben wollte. So erhielt ich ein durchgehend gutes Alternativ-Rock-Album. Leider habe ich mich bisher nie richtig mit dem Rest der Platte beschäftigt, was ich heute ändere.
Der Sound der Band und des Albums bewegt sich irgendwo zwischen R.E.M. und Dinosaur Jr. Kraftvoller, emotionaler Rock zeichnet auch den Song „Staples“ aus. Die Songs werden zusammen von den drei Mitgliedern Bill Janovitz (Gitarre/Gesang), Chris Colburn (Bass/Gesang) und Tom Maginnis (Schlagzeug) geschrieben. Als nächstes folgt mit dem bereits erwähnten „Taillight Fade“ eines meiner absoluten Lieblingsstücke – so großartig gefühlvoll kann Schrammelrock sein. Tolle Gitarrenarbeit bietet das flotte und fast fröhliche „Mountains of Your Head“, das man auch als Schrammel-Emo-Core bezeichnen könnte. „Mineral“ ist ein weiteres kraftvolles, emotionales Stück. Besonders oft habe ich „Darl“ gehört. Wenn es ein Lied gibt, das US-Alternativrock am besten beschreibt, dann ist es wohl dieses. Es zeigt auch einen deutlichen Punk-Rock-Einschlag.
Fast akustisch kommt „Larry“ daher, hier merkt man deutlich die Folk-Power in der Musik, ähnlich wie bei R.E.M. Mit der Qualität und den Songs von R.E.M. können Buffalo Tom problemlos mithalten, wie das großartige „Velvet Roof“ beweist – ein toller Rocksong mit großartiger Musik und Gesangsharmonien. „I'm Not There“ erinnert an Neil Young, wenn er mit seinen Crazy Horse spielt, und auch an Dinosaur Jr. Natürlich klingt es auch ein wenig nach Hüsker Dü beziehungsweise Bob Mould. Insgesamt klingt das Album genau wie das Beste, was der US-Alternativrock zu bieten hat. Die Songs unterscheiden sich in Stimmung, Stil und Tempo, was das Durchhören sehr unterhaltsam macht.
„Symied“ ist ebenfalls einfach nur großartig. Auf großartiges Rumgeschrammel folgt mit „Porchlight“ wieder ein fast folkiger Song – so macht das richtig Spaß. Auch „Frozen Lake“ ist recht sanft. Danach wird mit „Saving Grace“ noch einmal kräftig gerockt. Das Album endet mit „Crutch“, das etwas sanfter klingt, aber nicht unbedingt leiser ist.
Ein ganz, ganz großartiges Album.(283)

Buffalo Tom – Quite and Peace (2018)
Nach siebenjähriger Pause bringen Buffalo Tom ihr neuntes Album heraus.
Die klassische Trio-Besetzung reicht völlig aus, um mit kraftvoller Rockmusik zu begeistern. Rock, leicht mit Punk und deutlich mit Alternative-Rock vermischt – so gut ist „All Be Gone“. Ich glaube, der Song spricht auch Fans von Bob Mould beziehungsweise Sugar an. Einfach feinster amerikanischer Alternative-Rock.
Sanfter, fast schon im Heartlandrock-Stil ist „Overtime“ – aber wie gut ist das denn? Großartig. Bei „Roman Cars“ wird wieder mehr gerockt. Der Gesang wechselt sich dabei zwischen Bill Janovitz und Chris Colbourn ab, was die Musik von Buffalo Tom noch abwechslungsreicher macht.
Sanfter und das können Buffalo Tom wirklich sehr gut, erklingt „Freckles“ als fast schon singer/songwriterhafte Musik.
Die Songqualität ist insgesamt großartig – allerdings wirken die Stücke etwas ungeordnet aneinandergereiht. So ergibt sich leider kein einheitlicher Grundton. Doch ehrlich gesagt stört mich das nur minimal, da die Songs trotzdem sehr gut sind und viel Abwechslung bieten.
Fast wie 70er-Rock klingt „CATVMOUSE“. Im sanften Punk-Rock-Modus präsentieren Buffalo Tom auch „Lonely, Fast and Deep“, was natürlich genau das ausmacht, was die Band so fantastisch beherrscht. Sanfter Folkrock mit „See How the Hemlock Grows“.
Alle Facetten der Rockmusik werden hier meisterhaft gespielt, und das macht beim Zuhören großen Spaß. Wie großartig sind Songs wie „In the Ice“. Ich muss unbedingt meine Wissenslücken über die anderen, mir noch unbekannten Alben der Band schließen. Wie gut ist es, dass Buffalo Tom immer noch Musik machen, auch wenn es bis zum nächsten Album wieder sechs Jahre dauern wird.
Buffalo Tom schaffen es zudem, ihre Musik in die Gegenwart zu übertragen, indem sie nicht auf Altes zurückgreifen, sondern schlichtweg gute Songs spielen. Wie vielfältig sie das tun, ist wirklich beeindruckend.
„Least That We Can Do“ präsentiert sich noch einmal anders als zuvor Gehörtes und überzeugt ebenfalls durch Qualität.
Heartland-Rock im Stil von John Hiatt mit einer leichten Rock-Note, auch wieder einfach gut: „Slow Down“.
Als Cover-Nummer gibt es „The Only Living Boy in New York“. Weniger Bearbeitung wäre hier tatsächlich mehr gewesen. Als Abschlussnummer ist das eine schöne Idee, aber leider nicht ganz so überzeugend umgesetzt wie der fantastische Rest des Albums.(543)

Enno Bunger – Wir sind vorbei (2012)
Zehn Lieder über gescheiterte Beziehungen. Klingt etwas traurig, passt aber gut zu Enno Bunger, der Melancholie zum tragenden Element seiner Musik gemacht hat. Mindestens zwei Songs von dem Album höre ich immer wieder sehr gern – das sind meine Lieblingsstücke.
Instrumental besteht seine Musik auf jeden Fall immer aus Klavier oder Keyboard. Auf diesem Album wird die Musik jedoch durch eine Indie-Pop-Begleitband ergänzt. Sanfter Indie-Pop beschreibt den Sound der Platte am besten. Gute deutsche Texte, melodiös und durchaus zum Mitsingen geeignet, aber ohne allzu große Euphorie zu verbreiten. Dennoch werde ich gerade beim Finale des ersten Songs „Blokaden“ von einer gewissen Euphorie mitgerissen. Trotz der Melancholie ist das auch Musik für ein Festival – so habe ich es zum Beispiel beim Traumzeit-Festival vor einigen Jahren selbst erlebt.
Und ehrlich gesagt ist diese Trennungsmusik gar nicht so traurig. „Euphorie“ startet im Stadionhymnen-Modus und bleibt total optimistisch, weil Enno Bunger darin vom Neuanfang singt. Neuanfänge sind ja immer etwas Positives. Der Song ist eigentlich im „Coldplay-Hymnen-Modus“ geschrieben – also in der Zeit, als Coldplay noch hervorragende Songs schrieben.
Ein Lieblingssong, ein Song für die Ewigkeit, ist „Regen“ – einfach großartig. Tatsächlich fällt mir gerade auf, dass die Musik von Enno Bunger fast durchgängig an die frühen Alben von Coldplay erinnert, die zeitgleich erschienen sind.
Singer-Songwriter-Songs mit großem Orchester umfasst „Abspann“. Ruhig und sehr gekonnt ist „Leeres Boot“. Besonders gelungen, weil musikalisch einfach alles perfekt zusammenpasst. Tobias Sichert hat die Platte auch sehr gut produziert. Beim Durchhören stellt sich zwar irgendwann das Gefühl ein, dass alles sehr gut gespielt und geschrieben ist, sich aber doch zu wiederholen beginnt. Dennoch sind die Songs einzeln betrachtet allesamt stark – zum Beispiel auch „Roter Faden“.
Im Up-Tempo ist „Die Flucht“ vertreten. Ich glaube, das ist das einzige Stück auf dem Album, das mir nicht so zusagt. Mein zweites Lieblingsstück ist „Ich möchte noch bleiben, die Nacht ist noch jung“. Ein wirklich schöner Song, der einen von Anfang bis Ende mitnimmt. „Ein Astronaut“ ist mir hingegen zu trübsinnig und musikalisch zu flach geraten. Somit gibt es zwei Stücke, die nicht ganz meinen Geschmack treffen. Aber das war es dann auch schon, denn das letzte Instrumentalstück und lange Stück namens „Präludium“ mag ich wieder sehr gern.
Für die dunkle und kalte Jahreszeit ist das die richtige Musik, um sich einzukuscheln und mit Niveau eine kleine Auszeit zu nehmen. (441)

Burkini Beach – Best Western (2021)
Hinter Burkini Beach stehen der Musiker Rudi Maier und sein musikalischer Partner „Sir“ Simon Frontzek, dessen eigenes neues Album am selben Tag wie dieses erschienen ist. Es handelt sich um eine echte Partnerschaft, die sie auch auf der Livebühne teilen. Aufmerksam wurde ich auf Rudi Maier durch seine Beteiligung an der Zwei-Musiker-Band „The Dope“, die mich mit ihrem kraftvollen Indiesound sehr begeistert hat. Noch immer bin ich erstaunt, dass seitdem nichts Neues von ihnen erschienen ist.
Als „Burkini Beach“ präsentiert sich Rudi Maier als sehr sanfter Melodienzauberer und Sänger. Sein 2017 als Buch und Download erschienenes Debüt „Supersadness Int.“ übertraf mit einigen Songs, was man sich an schöner und anspruchsvoller Indiepopmusik vorstellen kann.
Vier Jahre später erscheint nun das neue Album, an dem neben Sir Simon auch Thees Uhlmann, Sebastian Madsen und Sven Regener mitgearbeitet haben. Gleich zu Beginn bekommt man mit „The Same Procedure“ wieder den gewohnten ruhigen, schönen Song präsentiert. Doch die Uptempo-Nummern „Crying at the Soundcheck“ und „Virtual Reality“ auf Seite 1 reißen richtig mit, während der Titelsong „Best Western“ und „Life Might Be a Deep Fake“ mir fast zu kitschig geraten sind. Auf Seite 2 ist wieder alles super: Die Songs sind durchweg sehr gut, und mit den letzten beiden Stücken beweist Rudi Maier echte klassische Singer-Songwriter-Qualitäten. Wer Kings of Convenience und Jonas David mag (und jetzt fragt mich bloß nicht, wer Jonas David ist), wird diese Platte ebenfalls lieben. (82)

The Burning Hell – Garbage Island (2022)
The Burning Hell ist ein fortlaufendes Projekt des kanadischen Songschreibers Mathias Kom sowie der Multiinstrumentalisten Ariel Sharratt und Jake Nicoll. Gegründet im Jahr 2007, sind sie echte Independent-Musiker, die alles abseits der kommerziellen Musikindustrie selbst übernehmen. Einmal spielten sie zehn Konzerte innerhalb von 24 Stunden und fuhren dabei von den Niederlanden bis nach Slowenien. Die Songs auf dem Album klingen wie eine verspielte Mischung aus Lou Reed und Lambchop und machen durchweg Freude. Die Musik stammt aus dem ländlichen Kanada und zeigt zugleich Einflüsse aus der Großstadt. (25)

Kate Bush – The Dreaming (1982)
Das vierte Studioalbum von Kate Bush, das sie selbst produzierte, gilt als experimentell und verkaufte sich nicht so gut wie die drei Vorgänger. Meine erste Kate-Bush-Single war jedoch „Suspended in Gaffa“. Deshalb wird es nun Zeit, das Album, von dem die Single stammt, wirklich einmal aufmerksam zu hören.
Um ein späteres Meisterwerk wie das 1985 erschienene Album „Hounds of Love“ – eines meiner Lieblingsalben – zu schaffen, braucht es sicherlich eine Phase des Ausprobierens neuer Wege und Techniken, die durch moderne Studiotechnik und elektronische Musikinstrumente erst möglich wurden. Kate Bush entwickelte sich von Album zu Album weiter und war zu Beginn ihrer Karriere gerade einmal neunzehn Jahre alt. Als 24-Jährige war sie inzwischen gereift, sowohl als Songautorin als auch als Produzentin – was sie unter anderem mit dem Song „Pull out the Pin“ eindrucksvoll beweist. Sicherlich war der Sound und die Art der Musik bei Stücken wie „Sat in Your Lap“, „There Goes a Tenner“ und anderen Songs des Albums nicht auf Charts-Erfolge ausgerichtet. Allerdings hat sich „Suspended in Gaffa“ als Song und Single besser gehalten als viele andere Hits der 80er Jahre.
„Leave it Open“ zeigt eine experimentelle, düstere Seite, und der Klang des Albums erinnert zunehmend an Peter Gabriel. Dies setzt auch das Titelstück „The Dreaming“ fort. „Night of the Swallow“ klingt anfangs nach David Sylvian und Japan, entwickelt sich aber immer mehr zu einem typischen Kate-Bush-Stück. In den Songs der Platte tauchen häufig Elemente der englischen und irischen Folkmusik auf. Der Bass bei „All the Love“ erinnert an den von Mick Karn gespielten Bass. Ein echtes Kunststück ist „Houdini“. Mit „Get Out of My House“ bietet das gesamte Album zudem einen weiteren Song, der seiner Zeit eindeutig voraus war.
„The Dreaming“ ist ein echtes Werk musikalischer Kunst, erschaffen von einer außergewöhnlichen Musikerin, die den Mut hatte, aus Musik etwas Besonderes zu gestalten. (333)

Kate Bush – Hounds of Love (1985)
Meilenstein – eines meiner absoluten Lieblingsalben der 80er Jahre. Zusammen mit „So“ von Peter Gabriel zählt es sicherlich zu dem Besten, was man damals an anspruchsvoller Popmusik hören konnte (natürlich übertrieben formuliert, aber genau so fühlt es sich für mich auch heute noch nach vierzig Jahren an). „Hounds of Love“ und „So“ sind für mich fast wie ein kleiner „Heiliger Gral“ meines Musikhörerlebens – da kommt nichts heran (außer „Graceland“ von Paul Simon, „White City Fighting“ von Pete Townshend, der zweiten Platte der Rainbirds und einigen anderen).
Das Album ist in zwei Teile gegliedert: Die erste Seite trägt den Titel „Hounds of Love“ und enthält einzelne Songs, darunter auch die Singles „Running Up That Hill“ und „Cloudbusting“. Die zweite Seite, „The Ninth Wave“, ist dagegen als ein langer, abwechslungsreicher Songzyklus angelegt, der aus sieben Einzelteilen besteht.
Neben Kate Bush waren an dem Album achtzehn Musiker beteiligt. Die Produktion übernahm Kate Bush selbst.
„Running Up That Hill (A Deal with God)“ ist einfach großartig und nimmt einen von Anfang bis Ende mit. Folk und Art-Pop in bester Form, und die Gesangsparts sind wunderbar miteinander verbunden. Die unterschiedlichen musikalischen Texturen und Stimmungswechsel sowie die eingesetzten Sounds überwältigen mich immer wieder. Diesen Song habe ich wirklich oft gehört – ein Meisterstück, bei dem ich beim Hören wieder Gänsehaut bekomme.
„Hounds of Love“ sprüht vor Energie und begeistert mich fast euphorisch. Besonders beeindruckt mich, wie sich Schlagzeug und Streicher zusammenfügen und den Song vorantreiben. Auch den Backgroundgesang mag ich sehr, da er wie ein Instrument eingesetzt wird. Die Energie, die Kate Bush mit ihrem Gesang ausstrahlt, überträgt sich unmittelbar auf mich als Hörer.
Folk-Pop wird bei Kate Bush zur Kunst, und trotzdem bleibt es vor allem fantastische Musik, wie bei „Big Sky“. Diese Musik macht mich total glücklich – perfekt und zugleich einnehmend. Lieblingsalben sind eben etwas ganz Besonderes.
„Mother Stands for Comfort“ nimmt das Tempo heraus, sodass man sich in das Bassspiel und die Melodie fallen lassen kann. Das erinnert an die besseren Songs von Japan und David Sylvian. Am Bass hört man den Deutschen Eberhard Weber.
„Cloudbusting“ ist kaum zu übertreffen – wieder ein Track, den ich liebe, der mich mitnimmt und nachhallt. Mit fortschreitender Dauer begeistert mich der Song immer wieder durch seine verschiedenen Parts. Die Kombination aus Streichern und Schlagzeug ist schlichtweg göttlich, und der Chor ist überwältigend. So einen Song muss man genießen, nicht nebenbei wegzuhören.
Die zweite Seite mit dem siebenteiligen Stück „The Ninth Wave“ sprengt die Grenzen zwischen Klassik, zeitgenössischer Musik und Pop-Rock. Sanft beginnt „Dream of Sheep“ und zeigt die Liebe der Irin zur traditionellen Musik ihrer Heimat.
Der zweite Teil, „Under Ice“, ist bedrohlich gestaltet. Man spürt, wie Gefahr aufzieht und eine Bedrohung Form annimmt.
Bei „Waking the Witch“ wird man von eingespielten Dialogpassagen und sanftem Klavierspiel eingefangen, doch dann wird es hektisch. Plötzlich hört man eine Mischung aus Post-Punk, Prog-Rock und Experimenten, wie man sie sonst vor allem von Peter Gabriel kennt, in der die Bedrohung weiter zunimmt. Am Ende hört man einen Hubschrauber, wie man ihn von Pink Floyds „The Wall“ kennt.
Darauf folgt wieder wunderschöner Pop-Folk, mit dem tollen Doublebass von Eberhard Weber: „Watching You Without Me“ ist ein weiterer Höhepunkt des Albums, den ich sehr liebe. Die Klänge, die Kate Bush aus dem Fairlight-Synthesizer herausholt, sind auf dem ganzen Album beachtlich. Dabei bekommt man einen Eindruck davon, wie gut synthetische Klänge genutzt werden können, ohne der Musik das Etikett „elektronische Musik“ zu verleihen. Auch hier wird die kunstvolle Art der Produktion deutlich.
Der nächste Teil, „Jig of Life“, ist ein echtes wildes Folkstück.
Das Finale nähert sich der Hörer mit „Hello Earth“. Hier wird die Musik erhaben, gefühlvoll und sakral, dann dramatisch, anschließend wieder sakral – alles bewegt sich auf ein wunderschönes Ende zu.
„The Morning Fog“ überzeugt mit dem Gitarrenspiel von John Williams im Zusammenspiel mit dem bereits erwähnten Doublebass. Dabei ist der klassische Gitarrist John Williams gemeint, nicht der gleichnamige Filmkomponist. Dieses Zusammenspiel begeistert mich immer wieder.
Das Album bietet einfach so viel, was mich begeistert, und deshalb fasziniert es mich immer wieder aufs Neue. Ich komme aus dem Schwärmen gar nicht heraus. Einfach „meine“ Musik. (509)

Kate Bush – The Red Shoes (1993)
Nach „Hounds of Love“ habe ich noch sehr oft das Best-of-Album „The Whole Story“ gehört. Die LPs, die darauf folgten, habe ich dagegen eher selten bis gar nicht gehört. Daher ist „The Red Shoes“ für mich jetzt eine Neuentdeckung. An diesem siebten Studioalbum hat Kate Bush von 1990 bis 1993 gearbeitet. Es ist ihr erstes digital produziertes Album, was sie im Nachhinein bereut hat. Deshalb wurden mehrere Songs für das Album „Director’s Cut“ neu aufgenommen, und mit Hilfe der Analogmasterbänder in einer neuen Abmischung wiederveröffentlicht.
Das Album basiert auf dem Film „The Red Shoes“ von Michael Powell und auf der Geschichte von Hans Christian Andersen. Kate Bush realisierte zudem einen Kurzfilm mit dem Titel „The Line, The Cross and the Curve“, in dem sechs Songs des Albums zu hören sind.
„Rubberband Girl“ klingt für einen Kate-Bush-Song ungewöhnlich, da er eher an einen Song von Prince erinnert, der auf dem Album ebenfalls zu hören sein wird. Dennoch macht mir der Song jede Menge Spaß – wohl auch, weil ich so etwas von ihr überhaupt nicht erwartet hätte.
Bei „And so is Love“ wirkt Eric Clapton an der Gitarre mit. Musikalisch erinnert der Song an Peter Gabriel, und dagegen habe ich nichts, denn es ist eine wunderbare Art-Pop-Ballade.
Manchmal wirkt das Album vielleicht etwas zu fröhlich, zum Beispiel bei Stücken, die an Samba und afrikanische Musik erinnern. Dabei fällt mir auf, dass die Musik ein wenig zu flach klingt und sich alles zu einem Einheitsbrei vermischt. „Eat the Musik“ ist vielleicht als Single gedacht, doch der Song passt für mich nicht so recht in das Werk von Kate Bush. Trotzdem traut sie sich auf diesem Album einiges zu.
Lieber höre ich wieder sanfte Pianoklänge und Streicher, dazu sanften Gesang wie bei „Moments of Pleasure“. Die anspruchsvollen Balladen funktionieren sehr gut, ebenso „The Son of Solomon“. Das Gospel-Feeling bei diesem Song finde ich besonders eindrucksvoll.
„Lily“ ist ein Art-Rock-Stück. In diesem Stil hat auch Peter Gabriel nach seinem Album „So“ viele Songs gestaltet. Man merkt, wie sehr die beiden Musiker in ihrer Art, Musik zu machen, miteinander verbunden sind.
Es gibt immer wieder Passagen bei Kate Bush, in denen sie irische Folkmusik neu definiert. Das gelingt ihr auch bei „Red Shoes“ erneut, und man wünscht sich, dass sie das öfters tun würde, denn hier passt alles perfekt zusammen.
„Top of the City“ ist Art-Pop-Rock und steht in einer Reihe mit dem Spätwerk von Joni Mitchell. Dabei wird deutlich, wie diese anspruchsvollen Musikerinnen und Musiker für mich ein eigenes Genre definieren. Künstler wie Kate Bush, Peter Gabriel, David Byrne, Laurie Anderson und andere schaffen es, aus Rock und Pop mehr zu machen, ohne dabei ein reines Kunstwerk entstehen zu lassen – sie bieten einfach herausragende Musik.
„Constellation of the Heart“ ist im Soul-Pop-Genre angesiedelt. Das ist zwar, wie bei „Rubberband Girl“, ungewöhnlich für eine Musikerin wie Kate Bush, doch nicht schlecht. Allerdings funktioniert der Song etwas weniger gut als „Rubberband Girl“. In diesem Stück höre ich auch wieder heraus, was Kate Bush ursprünglich am Sound des Albums missfiel. Es erinnert einen daran, wie gut ihr Meisterwerk „Hounds of Love“ klingt.
Ähnlich verhält es sich mit dem Art-Rock-Stück „Big Stripey Lie“. Das klingt bei Peter Gabriel einfach besser, obwohl es die gleiche Art von Song ist.
Bei „Why Should I Love You?“ wirkt tatsächlich Prince mit. Sein Einfluss prägt den Song hörbar. Es ist schon interessant, dass Kate Bush offensichtlich so beeindruckt von seiner Musik war. Doch bei diesem Stück macht die Kombination wirklich viel Spaß.
Abgeschlossen wird das Album mit der anspruchsvollen Ballade „You’re the One“. Gary Brooker von Procol Harum ist an der Orgel deutlich zu hören.
Die größte Überraschung des Albums ist für mich, dass Kate Bush offenbar ein großer Prince-Fan ist, was zu zwei außergewöhnlichen, aber auch guten Songs führt. Ansonsten gibt es viele Stücke, die musikalisch viel mit Peter Gabriel gemeinsam haben. Für mich ist das Material insgesamt deutlich ansprechender als das, woran ich mich vom Vorgängeralbum „The Sensual World“ erinnere – aber vielleicht sollte ich auch dieses erst noch einmal gründlich durchhören, bevor ich hier ein abschließendes Urteil abgebe. (609)
Butler, Blake & Grant – Butler, Blake & Grant (2025)
Der eine ist Frontmann der Band Teenage Fanclub (Norman Blake), der zweite hat sowohl solo als auch mit Bands wie James und Suede gearbeitet (Bernard Butler), und der dritte hat mit „Love & Money“ sowie solo Musik gemacht (James Grant). Nun bilden Norman Blake, Bernard Butler und James Grant ein Trio, das Singer/Songwriter-Musik macht und mir mit dem ersten Stück „Bring an End“ sehr gut gefällt. Es ist ein guter, zeitloser Song, der vielleicht sogar ein bisschen aus der Zeit gefallen wirkt und sich qualitativ sehr nahe an die klassischen Singer/Songwriter-Größen anlehnt – nicht zuletzt dank der fantastischen Gitarrenarbeit.
Der zweite Song „One and One is Two“ ist allerdings etwas zu kitschig geraten. Solche Nummern gab es auch bei Vorbildern wie Crosby, Stills & Nash, doch selbst dort haben sie mir nie besonders gefallen. Das ist mir einfach zu seicht, selbst wenn der Text gut ist.
Dafür zieht mich die Leichtigkeit von „The 90s“ wieder mit. Das ist eine großartige Folk-Rock-Nummer. „Down by the Sea“ ist ganz nett, bleibt aber recht harmlos. Besser gefällt mir da „The Old Mortality“ – in diesem Song steckt die Lebenserfahrung, die so ein Stück braucht. Den Stimmen der drei Sänger hört man an, dass sie viel erlebt haben. Der Song gewinnt außerdem durch einen beeindruckenden Instrumentalteil in der Bridge.
Eine weitere gelungene Folk-Rock-Nummer ist „Girl with a Little Black Number“. Gut gefällt mir an dem Album, dass die Songs – obwohl alle Singer/Songwriter-Nummern – recht unterschiedliche Stimmungen haben. Dieser Song ist sogar ziemlich düster geraten. Dagegen klingt der folgende Titel „Writing's on the Wall“ wieder deutlich freundlicher. Die teils mehrstimmigen Gesänge verleihen dem Stück das typische 60er/70er-Jahre-Feeling. Man fühlt sich sofort in Los Angeles oder San Francisco und sehnt sich nach Frieden, Gleichheit – nach einem einfachen, aber schönen Leben.
„Rosus Posus“ ist ein eher ungewöhnlicher Titel, doch der rein instrumentale Song ist großes Kino für die Ohren.
David Crosby hätte einen Song wie „Seemed She Always Knew“ nicht besser machen können. Hier zeigt sich, was einen wirklich guten Song ausmacht – er ist so schön, dass er weit über Kitsch hinausgeht. Das ist einfach wunderbare Musik.
Ebenfalls herausragend und einfach gut ist „There’s Always Something You Can Change“.
Es ist ein Glück, dass die drei Musiker offensichtlich genauso viel Freude an ihrer Zusammenarbeit haben wie ich, denn schon jetzt ist das zweite Album des Trios erschienen. 709
