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Saga – Saga (1978)

Flotter Beginn mit „How Long?“: Die Kanadier zeigen direkt bei ihrem ersten auf Vinyl veröffentlichten Song, dass sie ihr Handwerk verstehen. Für einen (Prog)-Rock-Song sind die Keyboardeffekte und -sounds für die damalige Zeit gekonnt eingesetzt, lassen den Musikern an Gitarre und Bass aber genug Raum, sich musikalisch zu entfalten. Mit „Humble Stance“ folgt ein sofortiger Klassiker der Band. Der Song geht ins Ohr und bleibt dort – sehr gut musiziert, gekonnt komponiert und solide produziert. Für eine Prog-Rock-Band waren Saga immer etwas flotter und rockiger unterwegs, was kein Nachteil ist.

Das Niveau des Debütalbums bleibt auch bei „Climbing the Ladder“ hoch. Wie bei vielen „alten“ Prog-Rock-Platten klingt manches im Sound und Stil zwar etwas „altbacken“. Selbst ich, der mit solcher Musik aufgewachsen ist – beeinflusst von den älteren Geschwistern – muss über manche Songidee schmunzeln. Doch bei dieser Platte überwiegt die Freude an der Könnerschaft der Musiker und der Qualität ihrer Darbietung. Die Songs machen wirklich sehr viel Spaß.

„Will It Be You“ ist der erste Song der „Chapter“-Reihe. Wenn alle Kapitel erschienen sind, sollen sie eine zusammenhängende Geschichte ergeben. Dabei wird bei der Veröffentlichung der Songs nicht auf die Chronologie geachtet – „Will It Be You“ entspricht Kapitel Vier. Wie bei den anderen Songs sind auch hier die Instrumentalteile sehr gut arrangiert, und die Gitarren verleihen dem Stück eine „Hardrock“-Wucht.

Die zweite Plattenseite eröffnet „Perfectionist“, der mir ebenso gut gefällt. Es ist beeindruckend, wie stark die Band bereits bei ihrem Debüt war. Kein Wunder also, dass dieses Niveau auf späteren Alben – von denen ich allerdings nicht viele kenne – selten gehalten werden konnte. Der Erfolg der frühen 1980er-Jahre, den die Band mit Songs wie „Wind Him Up“ feierte, war zudem nicht von Dauer. Dennoch erfreuen sich die Kanadier insbesondere bei uns in Deutschland einer sehr treuen und verbundenen Fangemeinde.

„Give 'Em the Money“ ist ebenfalls ein guter Song, der einen von Anfang an mitnimmt. Der Refrain fällt allerdings gegenüber dem Rest des Stücks etwas ab. Abgesehen davon ist es trotzdem ein starker Song mit erneut überzeugenden Instrumentalteilen. Sanfter und etwas zurückhaltender gespielt ist „Ice Nice“, das jedoch mit einem gelungenen Instrumentalteil schön ausklingt. Die Gitarrenarbeit macht auch aus dem letzten Song der Platte, „Tired Word (Chapter Six)“, einen gelungenen Abschluss.

Insgesamt ein gelungenes Debüt – daran gibt es nichts zu beanstanden. (317)

Saint Etienne – Good Humor (1998)

Album Nummer vier des Trios, bestehend aus Pete Wiggs (Keyboard, DJ), Bob Stanley (Keyboard, Gitarre) und Sarah Cracknell (Gesang).

Es ist mein erstes Album der Band, von der ich zuvor nur einzelne Stücke kannte. Deshalb bin ich neugierig und gespannt auf das Album.

Sanfter Elektro-Indiepop mit Soul- und Jazzelementen, warmen Beats und einem entspannten Feeling prägt „Woodcabin“.

„Sylvie“ irritiert kurz durch das Intro mit Chanson-Flair, wird dann aber von schnellen Drums und Beats abgelöst. Der Chanson-Eindruck bleibt teilweise erhalten und erinnert mich gleichzeitig an eine Kylie-Minogue-Nummer. Ganz fesseln kann mich der Song jedoch nicht.

Alles zusammen erinnert mich stark an die Cardigans. Deren Durchbruchalbum „Live“ habe ich vor Kurzem gehört, wobei der Eindruck schnell verblasste. Meine Quintessenz damals war, dass mir die Singles gefallen, der Rest mich jedoch weniger mitnimmt.

Ähnlich geht es mir jetzt bei „Split Screen“. Der Song ist hörbar, aber eher beliebig. Man kennt diese Art, doch irgendwo hat man das schon besser gehört.

Es wirkt fast so, als wäre Kylie Minogue bei den Cardigans eingeschleust worden. Bei „Mr Donut“ ist das sogar so zuckersüß umgesetzt, dass ich das Stück durchaus mag. Ich mag einiges von den Cardigans und Kylie Minogue durchaus, doch wirklich Neues bieten Saint Etienne auf diesem Album bisher nicht.

„Goodnight Jack“ gefällt mir aufgrund seines Sixties-Soul- und Funk-Sounds, der gar nicht schlecht ist. Dennoch stört mich etwas am Gesangspart, auch wenn der Song insgesamt seinen Reiz hat.

Das schwungvolle „Lose That Girl“, das mal mehr als Rock- oder Disco-Hybrid funktioniert, ist ein echtes Highlight und funktioniert richtig gut.

Mit dem Charme eines Pop-Rock-Songs der 70er und einem im Refrain zuckersüßen Stil punktet „The Bad Photographer“. „Been So Long“ setzt den Retro-Sound fort und wirkt verträumt und entspannend – zum Wegträumen.

Darauf folgt „Postman“ im Downtempo, das etwas langweiliger klingt und musikalisch sogar in die 50er/60er Jahre zurückführt.

„Erica America“ klingt dann wieder stark nach den Cardigans. Wie zuvor bekomme ich Kylie Minogue nicht aus dem Kopf, da Sarah Cracknell auf dem Album sehr ähnlich klingt. Den süßlichen Touch verliert die CD auch am Ende nicht, denn „Duch TV“ schließt sie mit einem frankophilen Chanson-Feeling der 70er Jahre ab.

Insgesamt bietet Saint Etienne für mich zu wenig Neues. Einige Songs mindern mein Interesse, mehr von der Band hören zu wollen. Nett, aber nicht mehr. (510)

Ryuichi Sakamoto – A Thousand Knifes (1978)

Parallel zu seiner Mitarbeit beim Yellow Magic Orchestra begann Ryuichi Sakamoto 1978 auch seine Solokarriere. Auch hier zeigt sich, dass er es versteht, einen ungewöhnlichen Musikmix zu gestalten. Schon das Titelstück „Thousand Knifes“ strotzt vor kreativen Einfällen. „Island of Woods“ bevölkert mit Soundfragmenten und Melodien eine Insel und wirkt eher experimentell. „Grasshoppers“ wird zu einem Jazzstück für Klavier und Bass.

In „Das neue japanische Volkslied“ verbindet Ryuichi Sakamoto elektronische Klänge mit Melodien seiner japanisch-asiatischen Herkunft. „Plastic Bamboo“ ist eine groovende Disconummer, während „The End of Asia“ eine weitere asiatisch geprägte Elektronummer ist, die viel Freude bereitet.

Im Vergleich zum ersten YMO-Album klingt das Solowerk, an dem seine YMO-Kollegen mitgewirkt haben, reifer und weniger verspielt. Den Mix aus Jazz, Pop, Elektronik, Ambient und Klassik hat sich der damals 26-jährige Sakamoto zum Glück nie nehmen lassen. Damit ist er einer der einzigartigen, stets wiedererkennbaren und herausragenden Musiker seiner Zeit.(63)

Ryuichi Sakamoto – B2-Unit (1980)

Das zweite Album von Sakamoto beginnt mit dem zweiminütigen Schlagwerksong „differencia“, bei dem die meisten Klänge elektronisch erzeugt sind. Der Rhythmus dieses Stücks wirkt dabei sehr unharmonisch. Darauf folgt mit „thatness and thereness“ eine Minimal-Elektro-Nummer mit sehr melancholischem Gesang. Disharmonie ist also zu Beginn der Platte Programm.

Bei „Participation Mystique“ bleiben Minimalismus und Disharmonie erhalten – offenbar hatte sich Sakamoto von Industrial-Elektro aus England und Deutschland inspirieren lassen. Für mich trifft das bisher aber nicht meinen Geschmack. Mit „E-3A“ wird es auch nicht besser, hier gibt es simplen Elektro-Gewurschtel.

Die ersten Klänge von „Iconic Storage“ wecken etwas Hoffnung, dass wenigstens die Elektro-Sounds besser werden – doch auch dieses Stück lässt musikalisch zu wünschen übrig. Die Musik kämpft wirklich gegen meinen Hörgeschmack an. Sie ist entweder zu langsam, zu simpel oder zu unharmonisch, und ich frage mich ernsthaft, welche Zuhörer damit angesprochen werden sollen.

„Riot in Largos“ gilt als eines der einflussreichsten Stücke für spätere Elektro- und HipHop-Musik. Tatsächlich klingt der Song ungewohnt nach HipHop, wobei auch Kraftwerk durchscheint. Er stellt definitiv den Höhepunkt der Platte dar, auch wenn er immer noch nicht wirklich gut ist, aber durchaus außergewöhnliche Soundideen bietet.

Wieder nur „Rumgefrickel“ ist „Not the 6 o’clock News“. Düstere Elektroklänge liefert „The End of Europe“. Mehr als ein experimentelles Elektro-Album ist dieses zweite Solowerk nicht. Und hören werde ich es wohl nicht noch einmal, zum Glück habe ich es nur auf Spotify gehört.

Gut zu wissen ist, dass das dritte Album wieder mehr meinem Geschmack entspricht (wenn ich mich richtig erinnere – es ist schon mehrere Jahrzehnte her, dass ich es zuletzt gehört habe). Und natürlich weiß ich, was Sakamoto später alles an guter Musik gemacht hat – sowohl allein als auch mit anderen zusammen.  (211)

Ryuichi Sakamoto – Merry Christmas Mr. Lawrence_Soundtrack from the Motion Pichture (1983)

Dies ist die erste Filmmusik, die Ryuichi Sakamoto komponiert hat. Sie besteht aus achtzehn kleineren Instrumentalstücken und dem Song „Forbidden Colours“, gesungen von David Sylvian. Gerade „Forbidden Colours“ ist wohl der Hauptgrund, dieses Vinyl zu besitzen, obwohl ich den Song sogar als Maxi-Single besitze.

Wie bei vielen Filmen gibt es auch bei diesem einen Grundrhythmus, der oft in unterschiedlichen, manchmal nur leicht veränderten Varianten im Film verwendet wird. So ist das Titelthema „Merry Christmas, Mr Lawrence“ eine instrumentale Fassung von „Forbidden Colours“. Der Film ist, wie viele wissen, mit David Bowie prominent besetzt, und auch Ryuichi Sakamoto spielt eine wichtige Hauptrolle. Als Schauspieler war Sakamoto danach allerdings seltener zu sehen als David Bowie.

Die Songminiaturen dieser Filmmusik gehen oft ohne Pause ineinander über, wobei manchmal sogar der Titel unverändert bleibt. Dabei wechseln sich Streicher mit Synthesizerklängen, elektronischen Trommeln und Orchesterklang ab, passend zum jeweiligen Tempo und zur Stimmung. Das macht die Musik abwechslungsreich, erschwert jedoch die Zuordnung der einzelnen Stücke zu den Titeln. Ich habe mich darin anfangs geirrt und werde es jetzt einfach so akzeptieren, denn beim Hören verändern sich sieben kurze Filmmusikstücke oft zu vierzehn.

Das erste Stück der zweiten Plattenseite verwendet das Titelthema noch einmal, allerdings leicht verlangsamt. Natürlich unterstützt Filmmusik immer die Stimmung des Films: Stücke wie „Dismissed!“ geben vom Ton her die Spannung und Bedrohung wieder, die im Film zu erleben sind. Ähnliches gilt für das Stück „Assembly“. Dieses kurze, düstere Zwischenspiel wird von melodiöseren und wirklich gelungenen Passagen des Soundtracks abgelöst, darunter ein Thema, das bereits auf der ersten Plattenseite in der zweiten Hälfte unter dem Titel „Sowing the Seed“ vorkommt.

Ähnlich – nicht nur im Titel, sondern auch in der Stimmung – ist „The Seed“ ein weiteres Highlight gegen Ende der zweiten Seite, auf das anschließend „Forbidden Colours“ folgt, ein Song von zeitloser Bedeutung.

Insgesamt ist es ein abwechslungsreicher Soundtrack mit vielen kleinen Songminiaturen, und man hört deutlich, wie Ryuichi Sakamoto sich vom Popmusiker immer mehr zu einem ernstzunehmenden Komponisten entwickelt. Ein Grenzgänger, und solche Musiker gehören für mich zu den interessantesten.(618)

Say She She – Cut and Rewind (2025)

Noch eine gute Neuentdeckung gefällig? Gerne. „Say She She“ ist ein Trio, bestehend aus Piya Malik, Sabrina Mileo Cunningham und Nya Gazelle Brown. Während das Titelstück „Cut and Rewind“ kraftvollen New Wave bietet, der überhaupt nicht alt klingt, wechselt der Stil bei „Under the Sun“ zum Retro-Soul. Beides klingt gekonnt und macht großen Spaß beim Hören. Die drei Damen aus New York und London arbeiten hart an ihrem Durchbruch – dies ist ihr drittes Album in ebenso vielen Jahren.

Ich freue mich über diesen weiteren Treffer, denn nun traue ich mich wieder an Musik aus dem Jahr 2025 heran. Ein erster Versuch war im Sommerurlaub gescheitert: Da hatte ich mein Glück mit dem Reinhören in einige neue Platten probiert, fand aber nichts Passendes. Kürzlich erging es mir genauso bei dem Versuch, Neues aus dem Jahr 1978 zu entdecken. Aus Trotz habe ich dann einigen Platten aus 2025 eine Chance gegeben.

Disco klingt bei „Say She She“ ebenso richtig gut, wie etwa bei „Disco Life“. Funk können die Damen ebenfalls, beispielsweise bei „Chapters“ – der Funk ist dort mit viel Soul gemischt und sehr verführerisch.

Das Gute daran ist, dass „Say She She“ zwar Keyboards nutzen, ansonsten aber auf „echte“ Instrumentierung setzen. Das macht viel aus, weil sich alles kantiger und kraftvoller anhört, fast wie ein Ausflug in die späten Siebziger. Beim Neo-Soul überzeugt vor allem das Material, das wirklich gut ist und nicht nach Kopie klingt, sondern nach frischer und guter Musik. „Possibilities“ erinnert mich dabei an den Dancepunk von „Gossip“ – aber auf eine sehr positive Weise.

Mit dem Neo-Soul-Funk-Disco-Gemisch geht es mit „Take it All“ weiter. Auch hier macht es einfach Spaß, sich dieser Musik hinzugeben. Tanzfläche im Kopf und Rhythmus im Blut – es ist funky, mitnehmend produziert und gespielt. Dabei fühle ich mich ein wenig so, wie beim ersten Live-Erlebnis der „Parcels“: Disco kann wirklich großartig sein.

Vielleicht braucht es gerade jetzt eine Band, die die Disco-Ära wiederbelebt. Die jungen Leute haben ja kaum noch Lust, in Disco zu gehen – also erobern wir, die für Disco zu jung waren, die Tanzfläche zurück. Mit Songs in der Qualität von „She who dares“ ist das kein Problem.

Eine Richtung wird experimenteller, und doch landen wir wieder beim Dancepunk, wobei das Disco-Feeling bleibt, beispielsweise bei „Shop Boy“. Soul-Pop bietet „Bandit“, Neo-Soul „Little Kisses“, Soul-Funk-Disco „Do all Things with Love“ und Psych-Disco-Neo-Funk „Make it Know“.

Das Album hat mir sehr gut gefallen. Die Damen von „Say She She“ sind mindestens genauso gut wie ihre Vorbilder, vielleicht sogar schon jetzt besser als einige von ihnen es je waren. (636)

Olli Schulz – Scheiss Leben, gut erzählt (2018)

Mit Musikern im Studio wie Gisbert zu Knyphausen, Kat Frankie sowie Gästen wie Bjarne Mädel, Linda Zervakis, Olli Dietrich und Bastian Pastewka und einer Laufzeit von 30 Minuten bei 10 Songs kann eigentlich nicht viel schiefgehen.

„Schockst nicht mehr“ schockt zwar nicht, funktioniert aber auch nicht. „Ganz große Freiheit“ ist auch nicht mein Ding. Ich fand viele Songs vom Album „Feelings aus der Asche“ (2015) richtig gut und hatte mich deshalb auf das neue Album gefreut. „Ambivalent“ geht als Ego-Pop-Nummer noch ganz gut durch. Mit „Wölfe“ macht die CD dann doch noch Spaß – mit lockeren, etwas partymäßigen Melodien macht ein Olli Schulz eben am meisten Freude. Mein Lieblingssong von ihm ist auch „So muss es beginnen“. „Wachsen im Speisesaal des Lebens!“ ist sogar noch besser als „Wölfe“, das geht also. Es bleibt gut mit „Junge Frau sucht...“. „Skat spielen mit dem Jungs“ ist ebenfalls schön. Nicht jeder Popsong muss ernsthaft, wahrhaftig, poetisch oder romantisch sein – manchmal darf es einfach eine Geschichte aus dem echten Leben sein. Mit „Sportboot“ kehrt die CD zum Großstadtaffen Olli Schulz vom Anfang zurück. Mit solchen Songs will er, glaube ich, hip klingen – das passt aber nicht zu ihm. Es kann auch sein, dass er Rapper auf die Schippe nehmen will, aber auch das brauche ich nicht unbedingt. „Schmeiß alles rein“ ist wieder gut, da passt dann auch der Power-Pop-Sound. „Schmeckt wie...“ beendet das Album wunderbar mit einer einfachen Singer/Songwriter-Nummer. Und schon sind 30 Minuten um. (193)

Klaus Schulze – Cyborg (1973)

Frühe elektronische Musik ist noch recht begrenzt, da die Sequenzertechnik entweder noch nicht richtig entwickelt war oder sich in einem experimentellen Frühstadium befand. So ähnelt die Musik von Klaus Schulze aus dem Jahr 1973 trotz futuristischer Titel eher sakraler Kirchenmusik und legt großen Wert auf Atmosphäre. Die Stücke sind alle bereits auf Plattenseitenlänge ausgedehnt, was Geduld und Konzentration erfordert. Alternativ kann man einfach zuhören und sich von der Langsamkeit der Melodien und den Tonüberlappungen gefangen nehmen lassen. Hört man genau hin, entstehen vielleicht Bilder von Science-Fiction-Szenarien im Kopf, wie Raumschiffe, die durch die unendlichen Weiten des Weltraums schweben, oder fremd anmutende Landschaften auf unbekannten Planeten. Besonders wenn langsam gute Effektklänge hinzukommen, steigt die Spannung zusätzlich. Gute elektronische Musik dient auch immer als Soundtrack fürs eigene Kopfkino. Das erste Stück „Synphäre“ erfüllt diese Funktion sehr gut. Doch wie bei den bekannten Alben der 70er Jahre von Jean-Michel Jarre entsteht gelegentlich das Gefühl, dass die nächste musikalische Veränderung etwas zu lange auf sich warten lässt. So war die elektronische Musik der 70er Jahre selten so flott wie Kraftwerks „Autobahn“ – stattdessen dominieren New-Age- und Meditationsmusik oder eben Soundtracks fürs Kopfkino. Nach etwa der Hälfte der Songlaufzeit denkt man sich daher, die Stücke könnten gerne etwas kürzer sein. So geduldig mit einförmigen Klangflächen bin ich dann doch nicht.

„Conphäre“ beginnt mit einem spannenden und ungewöhnlichen Klang, der tatsächlich schon an Sequenzer-Abfolgen erinnert. Ganz langsam steigert sich die Geräuschkulisse, was wiederum Spannung erzeugt. Es gibt dabei keine Melodie, sondern nur einen Maschinenrhythmus. Empfindliche Gemüter könnten davon auf Dauer Kopfschmerzen bekommen. Ich persönlich finde es eher spannend – vielleicht mag ich Drone-Musik nur dann, wenn sie wie hier etwas Bedrohliches an sich hat. Das ist wieder ein Soundtrack fürs eigene Kopfkino, obwohl nicht viel passiert. Später kommen wieder sakrale Synthesizerklänge hinzu, die wir aus dem Vorgängerstück bereits gut kennen. Das macht es etwas anstrengender, die Aufmerksamkeit durchgehend aufrechtzuerhalten. Trotzdem finde ich den bedrohlichen Unterbau des Stücks sehr bemerkenswert. Auch hier ist die Titellänge von über fünfundzwanzig Minuten für mich wieder etwas zu lang geraten. Sobald sich die Synthesizerklänge jedoch zurücknehmen und der Sequenzer dominiert, entsteht ein wirklich berauschendes Stück.

Ich bezeichne diese Art von Musik, die fast ohne Melodie und Harmonien auskommt, gerne als elektronische Klang-Installationen. Dabei passiert nicht viel; es geht vielmehr darum, mit den Klängen zu schweben und Schwingungen aufzufangen. Beim dritten Stück „Chromengel“ klingen die Synthesizer schon fast wie melancholische Streicher. Auf späteren Platten wird Schulze sogar teilweise richtig symphonisch klingen und Orchestermusik komponieren („X“). „Chromengel“ ist ein frühes, trauriges Ambient-Stück, das meine Geduld jedoch etwas überstrapaziert. Deshalb wechsele ich zum vierten Stück der Platte, „Neuronengesang“. Auch hier geschieht allerdings nichts wirklich Neues oder Aufregendes, und damit habe ich genug von diesem Album gehört.

Für mich ist das eher ein Album, das man gehört haben sollte, um zu verstehen, wie sich Schulze zu Beginn seiner Solokarriere anhörte. Nun bin ich gespannt, ob er sich vielleicht schon auf „Blackdance“ weiterentwickelt hat und dort mehr Melodie oder ausgefeiltere Sequenzer einsetzt. Das werde ich bald herausfinden. (647)

Klaus Schulze – Blackdance (1974)

Mit „Ways of Change“ beginnt das Album wieder sehr ruhig. Der Einsatz der Gitarre verleiht dem Song jedoch einen breiteren Klang, wie man ihn von zeitgleich aktiven Gruppen wie Ash Ra Tempel oder Harmonia kennt. Durch die Gitarre waren schnellere Melodien möglich, und mit der E-Gitarre konnten auch Sequenzer-Melodien gespielt werden – ein Vorbild dafür war das Album „Neu!“ von Neu! Zudem eröffnete das Schlagzeugspiel größere Möglichkeiten, die mit den damaligen elektronischen Synthesizern und Sequenzern noch nicht zu realisieren waren. Gerade die Percussion bringt Tempo und Spannung in das Stück. Dennoch ist das Stück wieder sehr lang geraten und bietet somit ein atmosphärisch dichtes Hörerlebnis, das diesmal auch mit Melodien durchzogen ist. Es verlangt aber weiterhin einiges an Geduld vom Hörer, nicht zuletzt, weil die Keyboardklänge erneut sehr „kirchlich“ klingen. Ein paar gute Soundeffekte sind jedoch ebenfalls zu hören.

„Some Velvet Phasing“ erhöht das Tempo der Platte ebenfalls nicht und beginnt recht minimalistisch. Eine große Weiterentwicklung ist das Album daher offenbar nicht, denn „Cyborg“ klang nicht wesentlich anders. Die Musik verbleibt im ruhigen Ambient-Genre, bietet dabei aber weniger Kopfkino als noch „Cyborg“.

Über den Gesang des Opernsängers Ernst Walter Simeon lässt Schulze in „Voices of Syn“, dem dritten und letzten Stück, seine synthetischen Klänge laufen. Das Stück wirkt experimentell und verstärkt den sakralen Eindruck noch einmal. Es bleibt dabei jedoch mehr ein experimentelles Drone-Musik-Stück. Das ist für mich persönlich nicht wirklich zugänglich, da man sich dafür sehr auf Avantgarde und Kunst einlassen muss und weniger an konventioneller Musik interessiert sein sollte. Auch ist es kein Album, das ich in meine Sammlung aufnehmen würde, sondern eher ein einmaliges Hörerlebnis. (648)

Klaus Schulze – X (1978)

Ich mag Tangerine Dream, vor allem die Alben der späten 70er und frühen 80er Jahre (bis zu „Le Parc“). Auch Klaus Schulze kenne ich, allerdings war seine Musik bisher nicht so mein Thema, dass ich mich intensiver damit hätte beschäftigen wollen. Dabei passt sie eigentlich sehr gut zu meinem Geschmack. Ähnlich wie bei Kraftwerk und Tangerine Dream sollte man hier die ganz frühen Werke überspringen und ab etwa 1975 mit dem Hören beginnen. Dann entdeckt man Ambientklänge, die mit Rockelementen vermischt sind. Besonders gefällt mir, dass die Musik bei „Friedrich Nietzsche“ auch rhythmisch etwas bietet. So kann ich mich besser auf die Melodie einlassen, die sich dabei kaum verändert. Genau dafür ist diese Musik bekannt, die zum Beispiel durch eine Radiosendung namens „Schwingungen“ ihren passenden Oberbegriff erhalten hat.

Meditativ, New Age, Berliner Schule – darunter fällt diese Art der elektronischen Musik. Neben Tangerine Dream gab es natürlich auch den Franzosen Jean-Michel Jarre (der allerdings nicht zur Berliner Schule zählt). Dennoch finde ich, dass die elektronische Musik von Tangerine Dream und Schulze aus den späten 70er Jahren besser gealtert ist. Sie bietet mehr Vielfalt und Unterhaltung als das oft monotone Herumgewaber und die Geräuschkulissen auf Jarres Alben, bei denen man erst das lange Zuhören durchstehen muss, bis man die versteckten „Hits“ entdeckt.

„Friedrich Nietzsche“ gefällt mir deshalb so gut, weil mich dieser Song trotz seiner Länge gut unterhält. Die Schlagzeugarbeit von Harald Großkopf ist beeindruckend und verleiht dem ansonsten elektronischen Stück das gewisse Etwas.

„Georg Trakl“ ist ruhiger und kürzer als das erste Stück. Spannung kommt bei „Frank Herbert“ auf. Dem bekannten Science-Fiction-Autor und dessen Hauptwerk widmete Klaus Schulze ein Jahr später sogar ein ganzes Album namens „Dune“. Doch bereits „Frank Herbert“ mit seinen treibenden Klängen ist sehr gelungen. Man muss allerdings diese Art von eher eintönigen und langen Stücken mögen. Da die Rhythmik bei Schulze jedoch gut funktioniert, höre ich gerne auch längere Passagen mit und finde die Musik unterhaltsamer als manche moderne Dronemusik-Platte. Dort tut sich rhythmisch oft wenig; Töne werden meist nur minimal verschoben und es entsteht eher Klangkunst als Musik.

„Friedemann Bach“ erinnert vielleicht mit seinem Sound an barocke klassische Musik, die wohl vom Sohn Johann Sebastian Bachs gespielt wurde. Wie auch beim Stück „Ludwig der II. von Bayern“ nahm Schulze „Friedemann Bach“ mit dem „Kleinen Streicher Orchester“ des Hessischen Rundfunks auf. Ich schätze die etwas düstere Atmosphäre des Stücks und die sparsam, aber wirkungsvoll eingesetzten Effekte. Hier zeigt Schulze, dass er früh nicht nur als Elektronikmusiker, sondern auch als Komponist zeitgenössischer Musik tätig war.

„Ludwig II. von Bayern“ ist ein fast halbstündiges Werk. Das Stück braucht etwas Zeit, um melodiös zu werden, wird dann aber durch den gelungenen Mix aus natürlichen Streichern und elektronischer Begleitung belohnt. Schulze beweist erneut sein Talent, größere Kompositionen zu schaffen. Das fast fünfzig Jahre alte Werk „X“ beeindruckt mich immer mehr. Nachdem ich es zunächst gestreamt hatte, besitze ich nun sogar die CD. Besonders schätze ich an orchestraler Musik gute Streicherpassagen, und davon bietet „Ludwig II. von Bayern“ einige. Die Musik und die Melodien verändern die Stimmung immer wieder.

Mit zunehmender Länge zieht sich das Stück jedoch etwas. Die Melodien kommen – wie so oft bei elektronischer (New Age) Musik – öfter zum Erliegen, und es entsteht über viele Minuten hinweg ein Klangteppich, der eher zu einer Rauminstallation passt als auf eine Schallplatte oder CD. Dabei waren die zuvor gehörten Streicherpassagen so gelungen. Offenbar befand sich der „liebe Ludwig“ lange in einem gewissen Schwebezustand. Ab etwa Minute 19 wird die Musik wieder rhythmischer, was sehr gefällt. Auch nachdem die Streicher verklingen, setzt der folgende elektronische Teil noch einmal gut Akzente, ist jedoch etwas zu lang geraten. Das Stück hätte man um etwa zehn Minuten kürzen können.

Als letzte musikalische Vertonung eines Lebenslaufs wählte Klaus Schulze „Heinrich von Kleist“. Auch dieses Stück ist fast dreißig Minuten lang. Es beginnt sehr verhalten und erinnert an Ambient-Klänge von Jarre oder Schulzes frühen Alben. Viel passiert nicht, es sind elektronische Schwingungen, die mit Streichern kombiniert werden. Man braucht viel Ruhe oder muss sich auf wenig Melodiöses einlassen – ein Hintergrundrauschen mit Effekten, das gelegentlich von lauteren Klängen durchbrochen wird. Im Verlauf ändert sich daran kaum etwas. Nach etwa fünfzehn Minuten lässt das Stück stark nach, nun dominieren Effekte und reine Klänge. In dieser Geräuschkulisse finden sich einige bemerkenswerte Klänge, die das Zuhören interessant gestalten. Danach trägt ein Chor das Stück in erhabene Gefilde – Schulze entdeckt das „Himmelreich“. Am Ende darf auch Schlagzeuger Harald Großkopf wieder mitwirken.

Tatsächlich bin ich von dieser Platte sehr angetan, die mehr ist als reine New-Age- oder Elektronikmusik. Vielmehr handelt es sich um zeitgenössische Komposition, die heute von Musikern wie Hauschka oder Nils Frahm weitergeführt wird. Elektronische Musik, verpackt als große Kunst. Und auch Harald Großkopf ist als Musiker für mich nun genauso interessant wie Schulze. Ein lohnendes Entdecken. (154/644)

Seals & Crofts – Summer Breeze (1972)

Die beiden Singer/Songwriter und Musiker waren bekannt für sanften Folk-Rock, wie ihn Crosby, Stills and Nash und America gemacht haben. Ich weiß nicht mehr genau, durch welchen Song von welcher Compilation ich auf sie aufmerksam wurde – es reichte auf jeden Fall, um mir eine Box mit vier Alben zu kaufen. Mal sehen, was Jim Seals und Dash Crofts auf dieser Platte für Musik gemacht haben – der Titelsong soll außerdem ihr größter Singlehit gewesen sein.

„Humming Bird“ hat einen ganz tollen Hauptteil, der auf ein längeres Singer-Songwriter-Folk-Intro folgt. Ein großartiger Song und genau der, den ich auch kannte. Insgesamt klingt der Sound wirklich wie alles, was im Umfeld von Crosby, Stills and Nash entstanden ist – der von L.A. geprägte Folkrock der späten 60er und 70er Jahre. Seals & Crofts zeigen jedoch direkt, dass ihr Folk-Rock auch komplexere Strukturen hat und der Song sich schnell in eine andere Richtung bewegen kann.  
„Funny Little Man“ erinnert mit seinem mehrstimmigen Gesang und dem Folktouch an Simon & Garfunkel und hat einen schönen irischen Einschlag. Folk-Sänger sind halt nichts anderes als mittelalterliche Barden. Mit diesem Song schließe ich für mich, dass der Kauf der kleinen CD-Box kein Fehler war – ich mag, was ich da höre.

Es geht auch etwas flotter und rockiger, und das können die beiden ebenfalls sehr gut: „Say“. Der Song erinnert mich an R.E.O. Speedwagon und Barclay James Harvest.

Der Hit „Summer Breeze“ ist eine schöne West-Coast-Rock-Ballade. Doch dieser Erfolgstitel steht der restlichen Platte in nichts nach, was gut ist, denn eine LP muss mehr bieten als nur ein oder zwei Hitauskopplungen.

An „The Last Unicorn“ von America erinnert „East of Ginger Trees“, das Jahre zuvor aufgenommen wurde. Auch das ist sehr beeindruckend. Ich bin wirklich von der Qualität des Albums begeistert.

„Fiddle in the Sky“ kommt mit leichtem Country-Einschlag daher, doch auch dieser Song ist erstklassig gespielt und produziert. „The Boy Down the Road“ ist ganz sanfter Singer-Songwriter-Folk. Dass Dash Crofts Mandoline statt Gitarre spielt und Jim Seals die Geige beherrscht, hebt die Musik ein wenig vom typischen amerikanischen Singer-Songwriter-Folk ab.

Eine sehr gute Folk-Rock-Nummer ist „The Euphrates“, die mich an das Spätwerk von David Crosby erinnert. „Advance Guards“ ist eine Lagerfeuer-Country-Ballade, die gegen Ende noch recht flott wird.

Das letzte Stück, „Yellow Dirt“, klingt wirklich wie ein Simon & Garfunkel-Song. Doch sie kopieren nicht – sie machen es genauso gut.

Ich bin wirklich überrascht und begeistert, wie viel Freude mir das Hören dieser Platte gemacht hat – gerne mehr davon. (507)

Jack Sharp – Good Times Older (2020)

Jack Sharp war Gitarrist und Sänger der Band „Wolf People“. Als Singer/Songwriter im Folk-Genre präsentiert Sharp mit dem Titelstück „Good Times Older“ sein Können. Wer klassischen englischen Folk mag, wird hier genau zuhören, denn das ist meisterhaft gemacht. Man hört Sharp die fünfzehn Jahre an, die er mit „Wolf People“ Musik gemacht hat.

Auch mit „Maids Lament“ bleibt er seinem schönen Folkmusikstil treu. Mit „Soldiers Song“ beweist Sharp erneut sein feines Gespür für klassische Gitarrenmusik kombiniert mit Folkgesang. Die Stücke klingen wie traditionelle Lieder, die scheinbar aus einer anderen Zeit stammen und doch zeitlos wirken.

Das klingt alles ziemlich einheitlich, und ein Stilwechsel oder große Abwechslung ist auch bei den übrigen Songs nicht zu erwarten. Dennoch variieren die Stimmungen: So klingt „Gamekeeper“ im Vergleich zu „Soldier´s Song“ deutlich positiver und leichter. Auf einer Gesamtlänge von dreiunddreißig Minuten genieße ich diesen ruhigen Folk sehr gerne. Die Stücke bestehen meist nur aus Gitarre und Gesang, sind dabei aber hervorragend gespielt. „God Dog“ ist einfach wunderschön. Mit Cello wird es bei „The Lacemaker“ noch schöner. Für Pub-Folk sorgt „White Hare“.

Vor Kurzem habe ich mich intensiver mit dem Werk von Christy Moore beschäftigt. Die ganze Platte klingt daher recht vertraut, doch man muss anerkennen, dass Jack Sharp es problemlos mit den Könnern des englischen und irischen Folks aufnehmen kann. Vielleicht war er auch einfach die „Härte“ von Wolf People leid und fand mit diesen ruhigen Liedern seinen eigenen Ausdruck. Auf jeden Fall ist es ihm gelungen, sich einen festen Platz in der Folkmusik zu sichern – man höre nur „Northhamptonshire Poacher“, eine Ode an seine Heimat.

„Treecreeper“ setzt den Stil des Albums fort, und Jack Sharp beendet die Platte erhaben mit „My Morning Dew“. Gerne mehr davon. Bislang blieb es jedoch bei dieser einzigen Veröffentlichung.

Joan Shelley – Like the River loves the Sea (2019)

Für ihr siebtes Album zog Joan Shelley mit ihren musikalischen Weggefährten nach Reykjavik, um dort den passenden Klang zu finden. Produziert wurde das Album von James Elkington, und auch ihr Ehemann Nathan Salsburg unterstützte erneut bei der Umsetzung. Bei zwei Liedern ist die Stimme von Bonnie „Prince“ Billy zu hören. Die isländischen Musikerinnen Sigrun Kristbjörg Jonsdöttir und Pordis Gerdur Jonsdottir spielen Streichinstrumente. Darüber hinaus wirkten Albert Finnbogason, Cheyenne Mize, Jaulia Prucell und Kevin Rattermann mit.

Joan Shelleys Alben zeichnen sich durch einen sehr ruhigen Singer-Songwriter-Folk aus, der eine gewisse andächtige Erhabenheit vermittelt. Die Musik wirkt fast schon religiös auf den Hörer. Besonders im Folk, bei dem die natürliche Umwelt mit dem Menschen im Lied verbunden wird, ist diese Erhabenheit oft spürbar. Hören Sie nur einmal die Alben von Nick Drake.

Ganz besonders gelungen und einnehmend ist das kurze Stück „Heaven“ zu Beginn. Hier merkt man wieder einmal, wie wenig es für einen wirklich guten Song braucht. Roots-Musik vom Feinsten bietet „Coming Down for You“. Elegant präsentiert sich „Teal“. Wundervoll ist „Cycle“, verführerisch „When What It Is“. Im Duett gesungen wird „The Fading“. Mir gehen langsam die Adjektive aus, um die weiteren schönen Lieder zu beschreiben – aber „Awake“, „Stay All Night“ und „Tell Me Something“ sind allemal hörenswerte Songs. Ein echtes Highlight ist „High on the Mountain“. Auch das abschließende Stück „Any Day Now“ hinterlässt den großartigen Eindruck dieses zu Recht hochgelobten Albums. Wundervoll. (279)

Shout out Louds – Howl Howl Gaff Gaff (2003/2005)

Das Album wurde zunächst 2003 im skandinavischen Raum veröffentlicht und 2005 mit Songs der zuvor erschienenen EPs in leicht veränderter Form international herausgebracht. Shout out Louds bestehen aus Adam Olenius (Gesang), Ted Malmros (Bass) und Carl von Arbin (Gitarre). Ergänzt werden sie von Eric Edman (Schlagzeug) und Bebban Sternborg an den Keyboards.

Das Markenzeichen von Shout out Louds zeigt sich direkt im ersten Song „The Comeback“: tanzbarer Party-Indie-Pop-Rock. Schöne Indie-Gitarren treffen auf kraftvolle Drums und mitreißende Bassrhythmen, während der Gesang von Adam Olenius zwar stets etwas melancholisch klingt, aber dennoch dafür sorgt, dass man auf den Songs bestens abtanzen kann. Das Zusammenspiel von Drums, Bass und Keyboard lässt „Very Loud“ fast wie eine tanzbare Version von The Cure erscheinen.

Mit ihrem Indie-Charme gelingt es Shout out Louds, sowohl alte als auch neue Zuhörer immer wieder zu begeistern. Ihr Sound ist zeitlos und zugleich fest im Indie-Bereich verankert. Bei „Oh, Sweetheart“ klingt die Band zu Beginn leicht folkig, bevor der Song schnell in einen Rock’n’Roll-Indie-Stil wechselt. Ihr Debüt klingt insgesamt etwas erdiger als die späteren Alben, die zwar ebenfalls überzeugen, aber durchdachter wirken.

Die Verbindung von Indie- und Sixties-Pop zeigen sie eindrucksvoll in „A Track and a Train“, bei dem der Co-Gesang von Bebban Sternborg besonders gut zur Geltung kommt. „Go Sadness“ beginnt sehr ruhig und hält die Atmosphäre von optimistischer Melancholie bis zum Ende aufrecht.

Im Anschluss folgt der absolute Partyhit der Band und zugleich ein Höhepunkt jedes Konzerts: „Please Please Please“ – ein Paradebeispiel für Indie-Pop-Exzellenz. Auch „100“ ist flott und macht viel Spaß. Im Indie-Rock-Modus präsentiert sich „There’s Nothing“, gefolgt von „Hurry Up Let’s Go“, das erneut zum Feiern einlädt. Mit „Shut Your Eyes“ setzt die Band noch einmal auf Partystimmung, was erklärt, woher die gute Laune und der Spaß bei ihren Festivalauftritten kommen.

Zum Abschluss gibt es mit „Seagull“ einen schönen, verspielten Indie-Song. Er enthält nach etwa fünf Minuten eine kurze Stille, bevor er noch etwas weitergeht. Besonders gern mag ich hier die Flötenklänge.

Ein großartiges Debüt einer bis heute fantastischen Band. (468)

Shout out Louds – House (2022)

Die CD „House“ bietet acht Songs. Indie-Pop mit einem besonderen Flair. Die Musik ist tanzbar, macht Spaß, hat Klasse und ist eindeutig „Shout Out Louds“. „As Far Away As Possible“ klingt mit seinen Gitarren nach The Cure und erfreut die Fans. Alternative Pop, wie man ihn sonst vielleicht nur noch von „The Whitest Boy Alive“ kennt. Der leichtfüßige Indiesound und der immer etwas melancholisch klingende Gesang von Carl von Albin bilden eine besondere Kombination, die das Publikum seit vielen Jahren auf Festivals und bei Live-Touren begeistert. Würde Popmusik immer so klingen wie bei den Shout Out Louds, wäre die Welt ein besserer Ort. So erfreut die Musik auf diesem Album die Fans von Indie-Pop auf höchstem Niveau. Man freut sich auf den nächsten Auftritt der Band, um wieder zu tanzen und mit viel Applaus ihr Können zu würdigen. Sie dürfen niemals damit aufhören, solch schöne Musik zu machen. Wie Sie merken, bin ich wirklich begeistert von diesem Album. (169)

Sigur Rós – Von (1997)

Das ist das Debütalbum der isländischen Band Sigur Rós, mit dem die Gruppe nach seiner Fertigstellung nicht wirklich zufrieden war.

Trotzdem ist ein über siebzig Minuten langes Werk entstanden, das mit dem Titelstück „Sigur Rós“ atmosphärisch beginnt. Das Stück besteht am Anfang weniger aus Melodien als vielmehr aus Geräuschen, die eine recht düstere Stimmung erzeugen. Drone verbindet sich hier mit Klängen des Post-Rock. Auf zehn Minuten ausgeweitet, ist es eher Musik-Geräusch-Kunst – eigentlich keine klassische Musik, sondern eher ein guter Soundtrack für eine Installation oder eine Industriebrache, die als Kunstwerk präsentiert werden soll.

Bei „Dögun“ wird es sakraler, es klingt nach Musik für eine heilige Messe. Doch auch diesem Stück fehlt zunehmend die Musik, sie wird von einer Kulisse aus Stimmen und Geräuschen abgelöst. Mit „Hún Jörð...“ folgt dann endlich ein richtiges Musikstück. Hier vermischen Sigur Rós das Sakrale mit Indie-Rock, und das Album macht zum ersten Mal richtig Spaß – so klingt Post-Rock.

Ein geistvolles Zwischenspiel bildet „Leit Að Lífi“. Danach folgt ein weiterer Song – diesmal im „auf die Schuhe starren“-Modus: „Myrkur“. Nach einem achtzehn Sekunden langen Stille-Zwischenspiel geht es mit „Hafssól“ weiter, das über zwölf Minuten dauert. Es beginnt als Drone, vermischt sich erneut mit sakralem Gesang und entwickelt sich gegen Mitte des Stücks zu sphärischer Ambient-Musik.

„Veröld Ný Og Óð“ ist ein Stück mit Schlagwerk – obwohl das Schlagwerk hier verfremdet klingt. Gerade weil es so unsauber wirkt, finde ich es interessant. Es entwickelt sich zu einem Crescendo, das an ein Alarmsignal erinnert. Beim Titelstück „Von“ sind die Trommeln „echt“ zu hören, und die Stimmung wird wieder heller und spiritueller. Allerdings finde ich das Stück zu sehr von Dreampop- und Shoegaze-Einflüssen geprägt, die mir zu dominant sind. Lediglich der Klang der Trommel bleibt klar. Diese Nummer habe ich außerdem in einer schöneren Version auf dem Album „Heim“ gehört.

Ein weiteres Zwischenstück mit Gebimmel und Klangholz trägt den Titel „Mistur“. Fast vierzehn Minuten lang ist „Syndir Guðs (Opinberun Frelsarans)“, das für Shoegaze-Freunde sicher interessant ist. Sigur Rós fügen hier die verschiedenen Elemente ihrer Musik gut zusammen, und als Dreampop-Ambient-Nummer funktioniert es gut. Tatsächlich dauert der Song nur siebeneinhalb Minuten, der Rest der Zeit ist Stille. Am Ende des Albums steht mit „Rukrym“ offenbar ein Stück, das wirklich nur für Hardcore-Shoegaze- und My Bloody Valentine-Fans geeignet ist.

Mir sind das wieder zu wenige richtige Songs, zu viel Geräuschsammlung und Hintergrundklänge für eine Kunstausstellung oder -Installation. Daher werde ich wohl kein großer Dream-Pop- oder Shoegaze-Fan werden. Am liebsten mag ich Sigur Rós akustisch und mit klarem Sound, ohne zu viele Verzerrungen. (471)

Sigur Rós – Hvarf/Heim (2007)

Dies ist die Begleit-Doppel-CD zum Film „Heima“.

Während auf „Hvarf“ sechs Stücke der Band zu finden sind, die mit Strom verstärkt und teilweise unveröffentlicht sind, enthält „Heim“ sechs bekanntere Songs der Band in einer Live-Akustik-Version. Die Musik von Sigur Rós ist eine Mischung aus Postrock, Shoegaze und Dreampop. Aufgrund der verträumten und anmutigen Klänge würde ich sie als Dreamrock bezeichnen. Mein Problem mit dieser Art von Musik – wie zum Beispiel bei einigen Songs von Slowdive – ist, dass einzelne Lieder sehr gut funktionieren können, sich in der Gesamtheit allerdings oft zu einem Song-Einerlei fügen. Ein weiteres häufiges Problem ist für mich, dass manche Songs sehr lang gezogen werden. Aber nun das große Aber: Vieles an der Musik von Sigur Rós finde ich wirklich richtig gut, da mich manche Songs emotional packen und mich aus dem Alltag herausreißen.

Fangen wir zunächst mit „Hvarf“ an, der Sammlung von stromverstärkten Stücken. „Salka“ wirkt sehr sakral. Das ist schön, aber manchmal auch fast zu viel, da es in einer pathetischen Erhabenheit gehüllt ist. „Hljómalind“ trifft bei mir mehr ins Schwarze. Der Song funktioniert wie ein höchst emotionaler, schöner Indie-Popsong. Echten Postrock gibt es mit „Í Gær“. Dort dröhnen die Gitarren – ja, Sigur Rós können auch richtig laut sein. „Von“ ist gleich zweimal auf der Doppel-CD enthalten – einmal auf „Hvarf“ und einmal auf „Heim“. „Von“ ist mit über neun Minuten Länge recht lang und nimmt sich drei Minuten mit Ambient-Klängen Zeit, bevor der Gesang einsetzt und der richtige Song beginnt. Hier bin ich zwiegespalten: Emotionalität und Pathos treffen auf sehr langsame Musik. Teilweise ist das sehr schön, aber manchmal auch etwas zu viel für mich. Dieses Gefühl bekomme ich bei Efterklang besser hin, da ihre Musik nicht so mit einem Heiligenschein verpackt ist, sondern mehr durch schöne Klänge überzeugt. (Anmerkung: Als ich das schrieb, hatte ich „Heim“ noch nicht gehört. Mit den Songs in der akustischen Form ziehen sie dann mit Efterklang gleich.) Das letzte Stück auf „Hvarf“ ist „Hafsól“. Dort stimmt die Mischung aus Dreampop und Postrock von Sigur Rós wirklich gut, auch wenn es erneut nah am Kitsch gebaut ist.

Auf „Heim“ befinden sich sechs Live-Einspielungen. „Samskeyti“ ist ein Instrumentalstück, bei dem die akustische Instrumentierung sehr gut zum Song passt. Etwas kräftiger und schwungvoller mit schönem Streichereinsatz ist „Starálfur“. Außerdem gefällt mir, dass der Gesang hier viel klarer hervortritt. So gefallen mir Sigur Rós richtig gut. „Vaka“ ist wunderschön. Mit klarer akustischer Instrumentierung – ohne Postrock-Verzerrungen und Gedröhne – lässt sich die Schönheit der Musik einfach besser genießen. Deshalb ist „Heim“ für mich eindeutig die bessere der beiden CDs. Auch „Ágætis Byrjun“, „Heysátan“ sowie „Von“ klingen hier viel schöner als auf „Hvarf“.

Vielleicht stehe ich mehr auf Indiefolk als auf minutenlange Postrock- und Shoegazedröhnerei (obwohl ich dort wirklich auch einiges sehr gut finde). Aber Sigur Rós gefallen mir in der Unplugged-Variante erst einmal deutlich besser. „Heim“ bietet Songs voller Schönheit. -192

The Silencers – Dance of the Holy Man (1991)

Die schottische Band „The Silencers“ ist mir vor allem durch ihren Song „Scottish Rain“ in guter Erinnerung geblieben. Ich hatte lange gedacht, dass dieser Titel auf jenem Album zu finden ist, das als das erfolgreichste der Band gilt. Doch dem ist nicht so. Wahrscheinlich habe ich „Scottish Rain“ auf einem Sampler kennengelernt und mir die CD damals wegen dieses Liedes gekauft. Lange hatte ich sie nicht mehr gehört.

Ich erwarte sanften Folk-Pop-Rock, eine Mischung aus James und Simple Minds, so habe ich diese Musik vor meinem inneren Ohr gespeichert. Mit fünfzehn Songs ist die CD gut gefüllt.

„Singing Ginger“ dient eher als Intro und soll den Hörer in eine fröhliche Partystimmung versetzen. „Robinson Crusoe in New York“ startet das Album rockig, der Gesang behält jedoch einen folkigen Charakter, was eine sehr angenehme Kombination ergibt. Moderner Folk-Rock für die musikalisch härter werdenden 90er Jahre. Mit dem dritten Song folgt auch der erfolgreichste Titel der Band, „Bulletproof Heart“. Der gepfiffene Anfang weckt sofort Erinnerungen. Die Silencers wollen mit dem Album offenbar an die Coolness von U2 und anderen Rockbands anknüpfen, die für die frühen 90er typisch war. Da dies bei „Bulletproof Heart“ zu funktionieren scheint, kann man wohl sagen, dass ihnen dies gelungen ist.

Mir persönlich gefällt aber der folkige, recht akustisch gehaltene Song „The Art of Self Deception“ deutlich besser. Er war wohl auch immer mein Lieblingsstück des Albums. Er trägt den Charme und die Stimmung von „Scottish Rain“ in sich und ist einfach ein wunderbarer Song, auch wenn er vielleicht etwas lang geraten ist. Ebenso im leichten Folk-Pop-Stil und ebenfalls sehr gerne von mir gehört: „I Want You“. Ein großartiger Song, der mir sogar noch besser gefällt als „The Art of Self Deception“.

Eine weitere fein akzentuierte Soft-Folk-Rock-Nummer ist „Just Can't Be Bothered“ – ein Lied für Trucker. Noch mehr Folk, diesmal als Ballade und sehr kurz gehalten, bietet „Cameras and Colosseums“.

Mit „One Inch of Heaven“ geht es gekonnt mit softem Rock weiter. Das können die Silencers richtig gut. Die Musik ist sehr entspannt und trotzdem mitreißend, dazu gut produziert und gespielt. Alles passt zusammen – auf diese Weise gefallen sie mir besser als mit dem härteren, an Coolness orientierten Rock am Anfang des Albums.

„Hey Mr. Bank Manager“ wird wieder rockiger und klingt wie eine Mischung aus Countryrock, New Wave und Blues. Besser gelungen empfinde ich den Blues-Rock bei „This Is Serious/John the Revelator“. „John the Revelator“ wurde ja oft gecovert, im Original stammt das Stück von Blind Willie Nelson und wurde erstmals 1930 veröffentlicht. Blues ist sicherlich die älteste Form der Rockmusik.

Zurück im Folk-Pop-Modus folgt „Afraid to Love“. Der Gesang von Jimme O’Neil erinnert mich hier an Bono, obwohl dieser in einer völlig anderen Stimmlage singt.

Ein guter Folk-Rock-Song ist „Rosanne“. Die Stimme von Jimme O’Neil trägt einen großen Teil zum Charme der Musik der Silencers bei. Er klingt dabei nicht wirklich wie Bono, sondern eher wie die freundlichere Folk-Sänger-Version von Joe Strummer.

Und tatsächlich klingen die Silencers bei „Electric Storm“ absolut wie bei einem Song aus der Feder von Joe Strummer. Dieser Titel ist nicht mit dem gleichnamigen U2-Song zu verwechseln, was mich auch etwas verwirrt hat, da ich gerade Bono erwähnt hatte. Das liegt daran, dass sich die Silencers musikalisch im Dunstkreis von Simple Minds und U2 bewegen und mit ihrer Musik sicher auch bei deren Fans punkten konnten.

Folk mit starkem Sologesang bietet „When the Night Comes Down“. Das Album endet mit dem Stück 15, „Robinson Rap“, einem kurzen Outro.

Wenn man die ersten drei Stücke beim Hören auslässt, erhält man ein sehr gutes, zeitloses Folk-Rock-Album, das auch heute noch hervorragend funktioniert.

Schön, es wiederentdeckt zu haben. (456)

Paul Simon - In the Blue Light (2018)

Paul Simon hat den Blues – zumindest bei „One Man's Ceiling is Another Man's Floor“. Dabei handelt es sich um ältere Stücke des Musikers, die er neu und meist anders als zuvor präsentiert. Er hat eher unbekanntere Lieder ausgewählt, deren Titel mir auch nicht auf den ersten Blick vertraut waren. „Love“ ist auf jeden Fall ein sehr ruhiges und schönes Stück und für mich ein typisch guter Paul Simon-Song.

„Can’t Run But“ vom Album „Rhythms of the Saints“ kenne ich, doch das neue orchestrale Gewand gefällt mir richtig gut. Im zarten Jazzkleid kommt „How the Heart Approaches What It Yearns For“ daher – sehr smooth und elegant. „Pigs, Sheep & Wolves“ als Marching-Band- beziehungsweise Jazznummer verführt ebenfalls, und ich mag die Abwechslungsvielfalt der Platte sehr. Einen Paul Simon kann es sich leisten, mit ganz vielen Musikern aufzunehmen – bei genauer Zählung sind es siebenunddreißig Mitspieler.

„René and Georgette Magritte with Their Dog after the War“ ist mit Streichern und Bläsern unterlegt und einfach wunderbar. Es ist auch schön zu hören, dass manche Sänger ihre Stimme bis ins hohe Alter gut nutzen können: Mit seinen 76 Jahren singt Paul Simon immer noch wie ein großer Singer/Songwriter und gerade bei diesem Stück wirklich wunderschön. Es fühlt sich an, als würde er „Still Crazy After All These Years“ zum ersten Mal singen.

Spanische Gitarren begleiten den Sänger bei „The Teacher“, und da klingt er sofort wie Sting. Es ist seltsam, dass ich spanische Gitarren jetzt schon mit Sting verbinde – das kann eigentlich nur an „Fragile“ liegen, das tatsächlich auch zu Simon passt. Sobald dann ein Altsaxophon dazukommt, klingt es wirklich wie ein Sting-Song. Dennoch spielen beide für mich auch als Solokünstler durchaus in derselben Liga.

In diesem Stil – als sanfter Singer-Songwriter-Song – kommt auch „Darling Lorraine“ daher, und auch dieses Stück ist einfach nur schön. Die ganze Scheibe ist zudem von Simon und seinem Stammproduzenten Roy Halee sehr gut produziert. „Some Folks’ Lives Roll Easy“ verwandelt sich in eine Jazznummer, bei der Simon tatsächlich wie Nina Simone klingt.

Das sanfte Endstück „Questions for the Angels“ beendet das Album. Danach habe ich keine Fragen mehr, denn das ist ein wirklich sehr schönes Paul Simon-Album. Es hat sich ausgezahlt, sich nochmal an alte Stücke heranzuwagen – sowohl für Paul Simon als auch für seine Fans. -297

Simon & Garfunkel – Wednesday Morning, 3 A.M. (1964)

Das wohl bekannteste Duo der populären Musikgeschichte hat mit fünf Alben eine sehr übersichtliche Diskografie, sodass man diese jetzt auch mal ganz schnell durchhören kann. Beeindruckend ist, dass sie nur sechs Jahre benötigten, um zu musikalischen Dauerbrennern zu werden. Da die beiden jedoch zuvor bereits als „Tom & Jerry“ Musik machten, dauerte ihre Zusammenarbeit tatsächlich noch länger.

„Wednesday Morning, 3 A.M.“ war anfangs kein Erfolg, erst mit der Veröffentlichung des zweiten Albums „Sounds of Silence“ wurde auch dieses Album finanziell erfolgreich. Da wir uns noch im Rock’n’Roll-Zeitalter befinden, sind die Folksongs des Duos meist nicht länger als zwei Minuten. So sind die zwölf Stücke auch innerhalb einer halben Stunde schnell durchgehört. Bei der Folkmusik dieser Zeit überrascht es nicht, dass sie – weil Paul Simon wahnsinnig schnell mit seinen Musikveröffentlichungen Erfolg hatte – vom Sound Bob Dylans mitbeeinflusst wurde. So findet sich mit „The Times They Are a-Changin’“ direkt ein Klassiker als Coverversion. Fünf Songs stammen aus der Feder von Paul Simon.

Das Album startet mit Roots-Country-Rock’n’Roll-Folk: „You Can Tell the World“. So leicht, so freundlich, aber auch schön arrangiert – alle Markenzeichen des Duos sind schon in diesem Stück enthalten. Der klassische Countrymusik-Hörer schien den Produzenten besonders wichtig zu sein. Ein sehr lieblicher Roots-Song im Stil der Carter-Family (ja, ich habe die Dokureihe „Country Music“ von Ken Burns gesehen) ist „Last Night I Had the Strangest Dream“.

Mit „Bleecker Street“ ist die erste Eigenkomposition von Paul Simon zu hören, und das ist wirklich etwas Besonderes. Es ist Singer/Songwriter-Folk vom Feinsten, genau dafür lieben alle Simon & Garfunkel das Duo. Zeitlos, schön – ein erstes echtes Highlight. „Sparrows“ kommt Bob Dylan sehr nahe, doch mir gefallen die Gesangsharmonien von Paul Simon und Art Garfunkel deutlich besser als die raue, ungeschliffene Art des Landbewohner-Gesangs von Dylan.

Die Kürze der Songs führt dazu, dass ich beim Hören kaum mit dem Schreiben hinterherkomme und die Pausetaste ab und zu drücken muss. Bei „Benedictus“ ist auch mal ein Kirchenlied eingearbeitet, so lernt der Hörer etwas über Gesangsharmonien.

„The Sound of Silence“ wurde in der ursprünglichen akustischen Fassung noch kein Hit. Erst als der Produzent Tom Wilson den Song mit Klängen einer zwölfsaitigen E-Gitarre, eines E-Basses und Schlagzeug ergänzte und als Single neu auflegte, wurde er zum Hit und zum Titelstück des zweiten Albums. Diese Bearbeitung erfolgte allerdings ohne das Wissen von Paul Simon und Art Garfunkel. Paul Simon befand sich zu dieser Zeit in England, um dort ein Soloalbum aufzunehmen: „The Paul Simon Songbook“. Viele darin enthaltene Songs wurden später auf weiteren Simon-&-Garfunkel-Alben neu eingespielt.

In der akustischen Version klingt „The Sound of Silence“ jedoch deutlich weniger kitschig, weshalb dies mittlerweile meine bevorzugte Fassung ist.

Ein ebenfalls schöner Folksong ist „He Was My Brother“. Zudem wird aus dem traditionellen Stück „Peggy-O“ ein ganz typischer Simon-&-Garfunkel-Song – absolut schön.

Der kitschige Country-Folk-Roots-Traditional „Go Tell It on the Mountain“ gefällt mir weniger, hier schätze ich das sehr sanfte „The Sun Is Burning“ viel mehr.

Der Song „The Times They Are a-Changin’“ klingt ein wenig so, als würde eine kleine Gruppe Friedensaktivisten am Lagerfeuer singen. Richtig Lust, sich mit dem Stück auseinanderzusetzen, schien bei den Aufnahmebeteiligten nicht aufzutauchen.

Der Titelsong „Wednesday Morning, 3 A.M.“ fasst noch einmal alle Stärken des Duos in einem kurzen Stück zusammen. Da freut sich der Hörer schon auf die nächste Platte. (586)

Simon and Garfunkel – Concert in the Central Park (1982)

Am 19. September 1981 traten Paul Simon und Art Garfunkel mit Begleitband im Central Park auf. Dieses Ereignis gilt neben dem Woodstock-Festival als eines der bekanntesten Konzertereignisse der Geschichte. Die beiden Singer/Songwriter spielten ein Konzert mit all ihren Songklassikern, einigen Stücken von Paul Simons Soloalben, einem Lied von Art Garfunkel und der Coverversion „Wake up little Suzie“ (im Original von den Everly Brothers). Ein Konzert, das Geschichte geschrieben hat.

Ich merke jedoch, dass bei mir vor allem die gut bekannten Songs wirken und mich richtig mitnehmen. Die anderen Stücke kann man zwar hören, doch sie hinterlassen keinen bleibenden Eindruck. So ist das eben – man liebt, was man kennt. Als Film ist das Ganze noch etwas eindrucksvoller, weil er auch die Atmosphäre vor Ort besser vermittelt.(160)

Nina Simone – The Amazing Nina Simone (1959)

Nina Simone, eine Sängerin wie keine andere. Eine Legende, deren Songs zeitlos und immer gültig sind.

Die zweite Platte erschien im selben Jahr wie ihr Debütalbum, das noch bei einem anderen Label veröffentlicht wurde. Enttäuscht von der fehlenden Unterstützung wechselte Nina Simone zu „Colpix“.

Bereits mit „Blue Prelude“ und der herrlichen Jazz-Stimmung beweist ihr genialer Gesang, warum sie zu den besten Sängerinnen im Jazz und überhaupt zählt. Vom ersten bis zum letzten Ton ist das große Kunst, ein Ereignis, das an eine James-Bond-Titelmusik erinnert.

Gospel und Soul erklingen wunderbar und schwungvoll in „Children Go Where I Send You“. Großartig nimmt mich der Schwung des Stücks einfach mit.

„Tomorrow (We Will Meet Once Again)“ ist eine sehr ernsthafte Ballade, die melodramatisch vorgetragen wird. Sie nimmt den Schwung zurück, sorgt aber für Abwechslung auf dem Album.

Der beschwingte „Stompin’ at the Savoy“ und die Orchesterbegleitung lassen das Stück wie Filmmusik wirken. Das Arrangement erinnert stark an Hollywoodfilme der 40er bis 60er Jahre.

Sehr fein und lieblich klingt „It Might as Well Be Spring“, Musik wie für eine leichte Komödie. Bei „You’ve Been Gone Too Long“ treffen Blues und Orchester-Arrangement aufeinander. Durch die häufigen Stimmungswechsel bleibt das Album zwar abwechslungsreich, doch die Songs bilden keine echte Einheit. Sie wirken eher wie eine Sammlung von Titeln, ein Best-of, um den Hörer zu beeindrucken. Das funktioniert zwar, zeigt aber gerade bei den Jazz-Balladen, wie großartig und beeindruckend Nina Simone und ihr Gesang sind. Neben „Blue Prelude“ und „Children Go Where I Send You“ ist „That’s Him Over There“ ein weiteres echtes Highlight der Platte.

„Chilly Winds Don’t Blow“ zerstört mit seinem schwungvollen, fast schon Rock’n’Roll-artigen Gospel-Feeling die zuvor aufgebaute Stimmung etwas. Deshalb ziehe ich trotz der großen musikalischen Klasse bei der Songauswahl einen Abzug in der Wertung. Das liegt auch daran, dass damals eher Singles produziert wurden und eine Platte meist eine Ansammlung dieser Singles war.

Die sanften Stücke beeindrucken jedoch sehr, etwa „Theme from Middle of the Night“.

„Can’t Get Out of This Mood“ swingt wieder, wobei meist auf ein schwungvolles Stück ein ruhiger folgt. So ist auch „Willow Weep for Me“ eher elegant als lebhaft.

Das letzte Stück ist „Solitaire“, eine beeindruckende Jazz-Ballade.

Am Ende bleibt man trotz der Schwächen in der Songauswahl von Nina Simone beeindruckt, denn bereits auf ihren ersten Platten zeigt sie, wie großartig sie ist. - 666

Simply Red – Picture Book (1985)

Simply Red zu hören ist so, als würde man die Alben von Sade hören – das funktioniert eigentlich immer. Diese Musik ist zeitlos: Jazz-Pop mit viel Seele, und sie wirkt nach wie vor, weil hier einfach gut gespielte und fantastisch gesungene Songs zu hören sind. Ich freue mich wirklich darauf, das Album ganz durchzuhören.

Bereits mit den ersten Klängen von „Come to my Aid“ ist man sofort gefangen. Der Song ist großartig und mitreißend, der Soul-Express nimmt einen einfach mit.

Ein intimer Swing verbindet sich hier mit Big-Band-Power, und Mick Hucknall singt, als wolle er uns verführen: „Sad old Red“.

Schwungvoll kommt auch „Look at you now“ daher, gehört aber zu den wenigen Songs, die mich trotz ihres Schwungs nicht ganz begeistern können.

Besser als das Original von den Talking Heads ist tatsächlich „Heaven“. In dieser intimen Jazz-Version gefällt mir der Song viel besser.

„Jericho“ klingt wirklich wie ein Stück von einer der ersten beiden Sade-Platten. Verführung, Bar-Jazz und gute Musik, die sich einschmeichelt und lange nachklingt.

Es folgen die beiden großen Hits der Platte: „Money's too tight (to Mention)“ lädt zum Tanzen ein, und mit der Ballade „Holding back the Years“ ist der Band ein großer Hit gelungen – ein echter Song für die Ewigkeit.

Eher zu vernachlässigen sind dagegen „Red Box“ – zu simpel, Massenware und irgendwie nervt mich der Song. Auch „No Direction“ kann mich nicht ganz packen, es ist halt nur eine flotte Soul-Nummer mit Funk-Anklängen.

Der Titelsong „Picture Book“ mit seinem Dub-Reggae-Bass ist zum Schluss noch einmal richtig großartig – hier passt wieder alles zusammen.

Wie eingangs beschrieben hat das Album die Jahre sehr gut überstanden. Auch wenn mich drei Songs nicht voll überzeugen, gehören der Rest weiterhin zu den Meilensteinen der Band – und das war erst ihr Debütalbum. (686)

Siouxsie and the Banshees – The Scream (1978)

Für die damalige Zeit war der Sound sicher etwas Besonderes und Neues.  

Nach dem Prolog „Pure“, der den Hörer bereits in eine düstere Grundstimmung versetzt, folgt das heftige, ungestüme „Jigsaw Feeling“, das wie ein kleiner Faustschlag wirkt. Düsterer Rock mit Punkgesang. „Overground“ erinnert an Patti Smith und stellt einen ersten Glanzpunkt dar. „Carcass“ ist nach vorne dreschender Punkrock, jedoch nicht so düster. „Helter Skelter“ ist nichts Besonderes. „Mirage“ zeigt bereits einen Postpunk-Drive. Mit „Metal Postcard“ sind sie erst recht dabei, Punkrock in eine neue Richtung zu lenken. „Nicotine Stain“ kehrt zum klassischen Punkrock zurück. „Suburban Relapse“ besitzt wieder etwas ganz Eigenes. „Switch“ ist mit sieben Minuten Länge sicherlich noch einmal ein Ausrufezeichen in Richtung früher Postpunk.  
Während andere Bands bei ihrem Debüt noch auf der Suche sind, scheinen „Siouxsie and the Banshees“ ihren Platz bereits für sich erobert zu haben.  

Die Bonusstücke: „Hong Kong Garden“ ist ein poppiger Punkrock-Song, fast schon zu fröhlich für das zuvor Gehörte. „The Staircase (Mystery)“ ist noch einmal eine starke Nummer mit diesem ganz eigenen Sound. 53

Sky Larkin – The golden Spike (2009)

Sky Larkin, die Band um Sängerin Kätie Harkin, machen sehr schönen Alternative-Rock. Schrammelige Gitarren, die an amerikanische Bands wie Breeders oder Pixies erinnern, verbinden die Musiker aus Leeds auf ihrem Debütalbum mit Elementen aus Grunge, Punk und Emocore. Das alles ist sehr melodiös und mit viel Popcharme gestaltet.

Die ersten Songs „Fossil, I“, „Pica“ und „Molten“ reißen mich direkt mit ihrem kraftvollen Rock, großartigen Riffs und mitreißenden Melodien mit. Eine tolle Band – da stellt sich mir die Frage, warum Sky Larkin erst heute entdeckt werden und warum sie auf Spotify „nur“ knapp 1000 monatliche Hörer haben, wo sie doch problemlos mit den Großen des Alternative-Rock-Genres mithalten können. So viel Spaß beim Hören einer Alternative-Rock-Band hatte ich zuletzt, als ich Live-Bands wie „Blushing Always“ und „A Void“ kennenlernte – auch diese zeichnen sich übrigens durch eine Frontfrau aus.

Alle Songs sind großartig. Besonders stark und mitreißend sind „Antibodies“ und „Octopus ’08“. Wie gut ist das denn? Das Album geht genauso weiter: melodiöser, rockiger Alternative-Indie-Rock von launiger Art, ganz ohne Schnörkel, etwa bei „Sommersault“ und „Beeline“. Die Gitarrenarbeit auf dem Album ist einfach beeindruckend – man muss sich nur den Track „Matador“ anhören. Einfach klasse. Ich bin verliebt in die Band. Sky Larkin haben noch zwei weitere Alben veröffentlicht, und 2020 brachte Sängerin Katie Harkin als Harkin ein Soloalbum heraus. Da warten also noch mindestens drei weitere Scheiben auf mich – sehr schön.

Das Album wird durchgehend kraftvoll gespielt, langweilt dabei aber keine Sekunde, und das bei 13 Songs. Das macht einfach großen Spaß. Wer Grunge und melodiösen Krach mag, der nicht nur „hart“, „negativ“ oder „aggressiv“ klingt, sondern wirklich musikalische Qualität bietet und Freude bereitet, ist mit dieser Platte bestens bedient. Sie verdient definitiv viele Hörer – ein echter Tipp!

Und mit Songs wie „Keep Sakes“ kommen sicher auch Punks auf ihre Kosten. (425)

Sleater-Kinney – Call the Doctor (1996)

Direkt das Titelstück „Call the Doktor“ fällt sofort ins Ohr. Punk-Rock-Wildheit trifft hier auf den Schrammelsound von Sonic Youth, und das passt richtig gut zusammen. Mir war gar nicht bewusst, dass es das Trio schon seit 1994 gibt. Ich habe die Band erst vor ein paar Jahren entdeckt. Dieser Eindruck entstand wahrscheinlich deshalb, weil die Musikerinnen über einen Zeitraum von etwa zehn Jahren eine Auszeit genommen hatten und ich sie erst mit ihrem Reunion-Album wahrgenommen habe. Auf jeden Fall spielen sie den Alternativ-Rock auf diesem Album sehr gekonnt. Leute wie ich, die die etwas melodiöseren und eingängigeren Songs von Sonic Youth mögen oder ihren Punk-Rock gern mit Postpunk gemischt hätten, kommen bei Sleater-Kinney voll auf ihre Kosten. Das ungestüme „Little Mouth“ ist dabei besonders beeindruckend. Eigentlich funktioniert jedes Stück, allerdings sollte man als Hörer nicht zu zartfühlend sein, denn hier wird kraftvoll und laut musiziert. Einziges Manko der Songs ist, dass sie alle ziemlich ähnlich klingen. Das macht mir die Arbeit jedoch leichter, denn viel zu beschreiben gibt es deshalb nicht mehr. Das etwas sanftere „Heart Attack“ bildet einen großartigen Abschluss und sollte nicht unerwähnt bleiben. (292)

Slint – Spiderland (1991)

„Breadcrmb Trail“ beginnt mit gesprochenen Worten statt Gesang und von Post-Rock-Gitarren, bevor ein Rhythmuswechsel einsetzt und das Stück in einen Alternativrock-Song übergeht, bei dem der Sprechgesang ab und zu zurückkehrt. So ist der erste Song des Albums sehr spannend und funktioniert recht gut. Bei „Nosferatu Man“ ist mir der Sprechpart etwas zu leise abgemischt, jedoch überzeugt der Rhythmus. Der Stil der Band ist eine interessante und gelungene Mischung aus Post-Rock mit Hardcore-Elementen, wie man sie von Fugazi, Boris oder Sonic Youth kennt, jedoch ohne Drone-Elemente. Weitere Einflüsse und Ähnlichkeiten ließen sich schnell finden – für mich trifft am besten die Kombination aus Alternative- und Postrock mit etwas Slowcore zu. Damit lässt sich auch der Rest des Materials gut beschreiben. Besonders positiv fällt auf, dass sich die sechs Songs voneinander unterscheiden und so die Spannung erhalten bleibt. „Washer“ erinnert am Anfang stark an Mogwai. Mittlerweile genießt das Album bei Kennern einen guten Ruf, konnte sich jedoch bei seinem Erscheinen kaum verkaufen: Im ersten Jahr wurden gerade einmal 5000 Exemplare abgesetzt. Slint löste sich danach schnell auf, doch dank der wachsenden und stärkeren Fangemeinde kam es zu Reunionen und kleinen Konzerttourneen. Ein gutes Album, das jeder, der Alternative Rock mag, gehört haben sollte. (163)

The Slits – Cut (1979)

The Slits waren eine feministische Frauenpunkband. Zu Beginn ihrer Karriere war die deutschstämmige Frontfrau Ari Up (Ariane Forster) erst 14 Jahre alt. Sie begannen als Vorgruppe von The Clash und zogen dadurch Aufmerksamkeit auf sich. Da Ari Up eine große Liebe zur Reggae-Musik hatte, wurden diese Elemente von Produzent Dennis Bovell in die Aufnahmen des Albums „Cut“ eingebracht. Nicht nur der Name der Band war provokant, auch die Covergestaltung sorgte für Aufsehen. Das Foto zeigt die weiblichen Mitglieder mit nur leicht vom Schlamm verschmierten nackten Oberkörpern.

Nun aber zur Musik: „Instant Hit“ startet direkt mit deutlichem Dub-Sound und macht Spaß. Der Reggae-Punk geht auch gleich mit „So Tough“ flott weiter. Ohne Bläser wie bei Ska-Bands, die ebenfalls starken Reggae-Einfluss haben, wird die Musik nur durch Bass und Schlaginstrumente getragen, sodass sie auch nach mehreren Songs nicht langweilig wird. Für harten Punk fehlen allerdings die heftigen, krachenden Gitarren. Mit dem kurzen Titel „Shoplifting“ steigt der Punk-Anteil, und da die Reggae-Anteile etwas zurückgehen, klingen die Slits wie eine gute Alternative-Punk-Rock-Band. Besonders sticht „New Town“ hervor. Nach „New Town“ wirkt die Musik etwas zu einfach arrangiert, aber „Typical Girl“ funktioniert wieder gut. Auch das abschließende „Adventures Close to Home“ ist schön anarchistisch und verspielt.

Die Bonusstücke sind das Cover von „I Heard It Through the Grapevine“ (so hat man den Song wohl noch nicht gehört) und „Liebe and Romanze (Slow Version)“ – eine etwas langweilige Instrumentalnummer. (117)

Slomosa – Slomosa (2020)

Das Debüt der vier Männer aus Norwegen ist Stoner Rock, den sie in Anlehnung an ihre Heimat als Tundra-Rock bezeichnen. Zurzeit (2023) sind sie als Support mit Bands wie King Buffalo und Elder auf Tour.

„Horses“ bietet starke Riffs und einen kräftigen Gitarrensound. Der Gesang, der eher im Hintergrund steht und mehr an Schreien erinnert, nimmt mich allerdings nicht ganz mit. Doch die Gitarren sind wirklich gut und bringen mich sofort zum Headbangen.

So geht es auch mit „Kevin“ weiter: harte, aber gelungene Riffs und ein treibend harter Sound. Irgendwie funktioniert das alles und wird von Song zu Song besser – genau das sind die Stoner-Rock-Songs, die ich mag: kraftvoll, hart, aber dennoch mit Melodie. „There is nothing new under the Sun“.  
Ruhiger geht es ebenfalls zu, auch wenn das jetzt nicht wirklich ruhig ist, und auch das macht richtig Spaß: „In my Mind’s Desert“ gefällt mir sehr gut. Richtig gut geht es auch mit „Scavengers“ weiter, dem Knallersong des Albums. Fassen wir zusammen: Stoner Rock mit Post-Rock-Einschlag, der dank melodiöser Riffs durchweg sehr gut rockt. Wer Elder und Ähnliches mag, kann beruhigt zugreifen. (170)

Slut – StillNo1 (2008)

Indiemusik aus Ingolstadt. Der Bandname klingt härter, als sie tatsächlich sind. Die Band beginnt mit rockigen Nummern und wechselt in der Mitte zu anspruchsvolleren Songstrukturen, sodass sie an „The Notwist“ erinnern. Akustisch präsentiert sie sich unter anderem mit „Odds And Ends“ und „Tomorrow Will Be Mine“. (9)

Sly & Robbie – Rythem Killer (1987)

Ich kenne kaum ein vergleichbar gutes Album aus den 80er Jahren, das so abwechslungsreich mit Funk, Rap, Rock und elektronischen Beats umgeht und mich dabei von der ersten bis zur siebenunddreißigsten Minute mit diesem unglaublichen Mix und der großartigen Produktion von Bill Laswell begeistert. Drei Songs pro Plattenseite, die meist ineinander übergehen. Sechsunddreißig Minuten purer Musikgenuss, der einen einfach mitreißt. Zwar habe ich es lange nicht gehört, doch in meiner Erinnerung gehört es zu den besten Platten der zweiten Hälfte der 80er Jahre. Etwas Ähnliches habe ich seitdem im Bereich „Funk & Reggae“ leider nicht mehr gefunden (wobei mein Wissen bei diesen beiden Musikgenres auch recht begrenzt ist). Wer etwas Vergleichbares kennt, darf sich gerne melden.

Nun will ich hören, ob dieses Album die Zeit genauso gut überdauert hat und ob es wirklich so gut ist, wie ich es in Erinnerung habe.

Als Musiker sind Sly & Robbie eigentlich Bassisten und Schlagzeuger, Komponisten und Produzenten. Als Sänger haben sie Bootsy Collins und vier weitere Künstler auf dem Album singen lassen. Außerdem werden sie bei den Aufnahmen von insgesamt neun weiteren Musikern sowie von Bill Laswells Band „Material“ unterstützt.

Besonders viel Spaß macht direkt „Fire“. Genau wie bei diesem Stück macht Funkrock einfach noch einmal richtig Freude. Die Produktion ist großartig, der Sound und die Energie übertragen sich unmittelbar auf mich als Hörer. Wäre „Funk“ immer so gut, wäre ich sicherlich ein größerer Fan dieses Genres. Auch „Let’s Rock“ zieht mich mit seinem Schwung sofort mit. Dabei handelt es sich eben nicht nur um reine Funkmusik. Es ist ein unwiderstehlicher Mix aus Funk, Rock und Pop. Von den Soundideen über den Klang des Schlagzeugs bis zu den Streichern und den Stimmungswechseln – da stimmt einfach alles, und auch jetzt begeistert mich die perfekte Crossover-Musik wieder richtig.

Auch für Fans von Dub, Rap und elektronischen Tanzbeats ist das Album definitiv zu empfehlen. Der Ideenreichtum der Produzenten und Komponisten sowie das Können der Musiker sind einfach beeindruckend. „Yes We Can Can“ haut mich auch jetzt wieder völlig um – ein Riesenerlebnis.

Der Dub- und Reggae-Charakter, für den Sly & Robbie eigentlich bekannt sind, tritt am stärksten im Titelstück „Rhythm Killer“ zum Vorschein. Die zweite Hälfte des Songs und der fließende Übergang in „Bank Job“ begeistern mich zutiefst. Ich bin wieder voll verliebt in diese Platte – das macht einfach großen Spaß.

Ich sollte mich wirklich intensiver mit Bootsy Collins, James Brown und Co. beschäftigen. Mit George Clinton hatte ich es damals in den späten 80ern schon einmal versucht, doch da sprang der Funke bei mir nicht über. Das „Mother’s Milk“-Album der Red Hot Chili Peppers mag ich auch nicht wirklich. Erst beim folgenden Album kam der Funke bei mir. Von Bill Laswells Band „Material“ besitze ich hingegen zwei Alben.

Das Album wird nie langweilig, denn die Musik bietet stets genug Abwechslung, zum Beispiel bei „Boops (Here to Go)“, das auch ein kleiner Single-Hit war. Der Song ist sehr verspielt und besticht durch einen verstärkten Einsatz von Rap und Dub.

Ein großartiges und wirklich einzigartiges Album, das zeigt, wie man den Tanzflächensound der 70er und 80er Jahre überwältigend, abwechslungsreich und ohne Langeweile auf Albumlänge präsentieren kann. So umgesetzt wäre sicherlich der eine oder andere Extended-Mix auch heute noch viel besser zu hören. (669)

Small Faces – Small Faces (1966)

Wie so viele Bands aus dieser Zeit, die sich musikalisch zwischen Rock ’n’ Roll und R&B bewegten, haben auch die Small Faces relativ wenige Alben veröffentlicht, aber dabei deutliche Spuren hinterlassen. Gerade weil sie sich, ähnlich wie beispielsweise die „Yardbirds“, stetig weiterentwickelten und der Rockmusik neue Impulse gaben.

Die Band bestand aus Steve Marriott (Sänger, Gitarrist, Songwriter), Ronnie Lane (Bass, Songwriter), Kenney Jones (Schlagzeug) und Jimmy Winston (Keyboards).

„Shake“ von Sam Cooke eröffnet das Album, und sofort hört man die Mischung aus Soul und Blues, die jedoch bereits einen starken Rockcharakter besitzt. Der Song strahlt viel Power aus. Das klingt schon eher nach den Stones als den Beatles, obwohl mich Marriotts Stimme eher an die Beatles als an die Stones erinnert.

Noch rockiger ist „Come On Children“. Hier sind wir fast schon bei Led Zeppelin angekommen, und die Band überrascht mich wirklich damit. So rockig hatte ich es nicht erwartet, ich bin beeindruckt.

Mit Rock ’n’ Roll hat die Musik wirklich wenig zu tun. Es ist klarer Rock, sehr schön gespielt, wie zum Beispiel bei „You Better Believe It“. Auch hier sind sie Led Zeppelin näher als dem Bluesrock der Stones oder der Yardbirds.

„It’s Too Late“ rockt wie eine großartige Nummer von The Who. Marriott singt dabei wie der Prototyp eines klassischen Rocksängers.

Gefühlvolle Songs gibt es ebenfalls, die jedoch ebenfalls immer etwas rocken, wie „One Night Stand“. Dabei schleicht sich überraschenderweise auch etwas Rock ’n’ Roll ein. Seltsamerweise erinnert mich der Gesang daran an die viel später aktiven „Fine Young Cannibals“.

Mitnehmender Soulrock findet sich zum Beispiel in „What’cha Gonna Do About It“. Dies war auch die Debütsingle der Small Faces. In diesem Stil geht es mit „Sorry She’s Mine“ weiter, das den damaligen Hitsingles der Beatles sehr nahekommt. Solche Singles waren sicherlich auch vom Plattenlabel gern gesehen und wurden daher veröffentlicht.

Herausragend gespielt von der gesamten Rhythmusgruppe ist „Own Up Time“. Obwohl recht kurz, ist das Instrumentalstück ein echtes Highlight.

Blues-Rock zeigt sich bei „You Need Loving“, wobei Marriott Robert Plant wirklich ernsthafte Konkurrenz macht. Wow – was für eine Rockröhre.

Bei Songs wie „Don’t Stop What You’re Doing“ mischt sich eine gewisse Gelassenheit des Psychedelic Rock in den Rock ein.

Einfach guter Rock ist „E to D“. Damit widerlegt das Album die Annahme, die „Small Faces“ seien nur eine Rhythm-and-Blues-Band mit Rock-’n’-Roll-Elementen, wie ich zunächst dachte. Für mich sind sie eine sehr gute Rockband. Das Album ist somit eine gelungene und sehr positive Überraschung, und ich habe wieder etwas dazu gelernt.

Mit „Sha-La-La-La-Lee“ endet die Platte schließlich doch noch mit einem stärkeren Rock-’n’-Roll-Vibe. Das ist typisch Single-Material. (602)

The Smashing Pumpkins – Adore (1998)

Bei den Smashing Pumpkins verhält es sich bei mir etwas eigenartig. Das Album „Siamese Dream“ liebe ich und habe es oft gehört, alle weiteren Platten dagegen eher selten bis gar nicht, so auch „Adore“. Das werde ich jetzt ändern. Natürlich steht das Meisterwerk der Band, „Mellon Collie and the Infinite Sadness“, auch bei mir zu Hause, doch kenne ich es selbst kaum. Das muss ich ebenfalls noch einmal richtig hören – so viele Platten, so wenig Zeit.

Akustisch und sanft beginnt das Album mit „To Sheila“. Das ist dann einfach Singer/Songwriter-Musik. Eine Krachband also, die ohne großes Getöse, sondern nett und sanft mit dem Album startet. Produziert wurde das Album größtenteils vom Kopf der Band, Billy Corgan, doch bei dem Klangteppich von „To Sheila“ wurde er von Brad Wood unterstützt.

Härter wird es dann bei „Ava Adore“, wobei die Härte eher elektronisch als durch Gitarrenkrach entsteht. Auch die Smashing Pumpkins bewegen sich vom Grunge-Sound weg und erweitern ihre Musik durch zeitgemäße Sounds und Beats. Das tut der Musik keineswegs schlecht, gerade weil der Gesamtklang sehr klar ist und so das Hörvergnügen steigert. Das erinnert mich fast an die satte Produktion eines Nine Inch Nails-Albums.

Geradezu großartig, wenn auch mehr Pop als Rock, ist „Perfect“.

Eher Rock als Alternative-Rock ist „Daphne Descends“. Bei diesem Album hört man schon den Pop-Rock-Mix der Indie-Rock-Bands der frühen 2000er Jahre heraus. Das ist weit entfernt vom rauen Grunge, eher moderne, auf Kunst geschliffene Art-Rock nahe am Mainstream, aber kein reiner Pop. Trotzdem ist das sehr gute Musik.

Allerdings wirken die Songs sehr beliebig aneinandergereiht, denn die Stimmungswechsel erfolgen sehr abrupt. Mit „Once Upon a Time“ folgt die nächste Singer/Songwriter-Nummer. Solche Songs, gesungen mit der Stimme von Billy Corgan, sind einfach schön – seit „Disarm“ bin ich dieser Stimme verfallen.

Mit fünfzehn Titeln ist das Album reichlich gefüllt. Billy Corgan scheint außerdem ein Songwriter zu sein, der seine Songs mühelos aus dem Ärmel schüttelt. Wer sich die Diskografie der Pumpkins ansieht, kommt auf dreizehn Alben. Außerdem gründete Corgan die Band „Zwan“, veröffentlichte vier Solo-Alben, arbeitete gerne im Studio mit anderen Musikern zusammen und steuerte einige Filmmusiken bei.

Wieder ein satter Rocksong: „Tear“. Eine sanfte Pop-Ballade: „Crestfallen“.

Mit „Apples + Oranjes“ wird es dann aber doch ein wenig zu simpel. Das ist eher einfach zusammengestellte Sequenzer-Musik und hat tatsächlich nichts mehr von einem Band-Album. Da beginnt man zu verstehen, warum Fans dem Album vielleicht nicht so viel abgewinnen konnten – es wirkt eher wie ein Billy Corgan-Solo-Album mit Musik für den Mainstream-Konsumenten.

Das ändert jedoch nichts daran, dass Songs wie „Pug“ gute Stücke sind. Lediglich dieser „fett“ produzierte Sound wirkt ein wenig irritierend. Doch wenn man als Stadion-Band Erfolg haben oder zumindest die ganz großen Hallen bespielen will, braucht es genau diesen massenkompatiblen Klang. (699)

The Smile – A Light for attracting Attention (2022)

Als Trio formieren sich die Musiker Thom Yorke (Vocals, Bass, Gitarre, Keys) und Jonny Greenwood (Bass, Gitarre, Keys), die bereits bei Radiohead zusammen spielten, mit Tom Skinner (Schlagzeug) neu und erfinden sich als genreübergreifende Rockband ein wenig neu. Das finde ich gut. Von Yorkes letzten Arbeiten, egal ob solo oder mit Radiohead, konnte mich nur „Hail to the Thief“ wirklich begeistern. Den Elektro-Art-Rock-Stil der meisten späteren Songs empfand ich irgendwann als langweilig oder übersättigt – was sich aber kürzlich geändert hat, wie Sie später auf dieser Webseite noch lesen werden. Für mich klang das alles irgendwie immer gleich. Am meisten mochte ich am Ende eigentlich die beiden ersten Indie-Rock-Alben von Radiohead, obwohl ich in den 2000er-Jahren sicherlich einer der größten Radiohead-Fans war. Doch die Zeit vergeht, und Vorlieben ändern sich. Deshalb fand ich den Schritt zum eher rockenden Trio natürlich interessant und freute mich darauf.

Hör aber – weil ich die Alben schon lange nicht mehr gehört habe – vielleicht bald „Kid A“ und „OK Computer“ noch einmal neu an. Vielleicht mag ich die jetzt ja doch wieder mehr als gedacht. Mal sehen. Aber zuerst: das Debüt von „The Smile“.

Dabei machen „The Smile“ es Radiohead-Fans mit „The Same“ den Umstieg in das neue Projekt sehr leicht, denn es klingt einfach wie ein Radiohead-Song von den letzten Alben. Von Rock ist hierbei noch nicht viel zu hören, eher elektronische Klänge und melancholisch gesungene Texte. Ist das nichts Neues bei Thom Yorke und Co.? Oder ist der Song nur als langgezogenes Intro gedacht?

Hey! Bei Song Nummer zwei, „The Opposite“, fühlt man sich direkt viel wohler – fast so, als wäre man in die frühen 2000er versetzt. Experimenteller Indie-Rock war damals gerade angesagt. Wer war dafür noch einmal mitverantwortlich? Genau: Radiohead. Doch was soll's. „The Opposite“ ist das Beste, das ich seit Langem von „Radiohead“ – Verzeihung – von den Musikern der Band gehört habe. Wer düsteren Indie-Art-Rock mag, wird den Song lieben.

Rockgitarren gibt es dann auch genug bei „You Will Never Work on Television Again“ – und da bin ich ganz Fan. Yorke singt wie früher, und der Rest ist gut gerockt. Ich fange schon jetzt an, das Album zu lieben. Ich habe „mein“ Radiohead zurück, auch wenn sie sich jetzt anders nennen und nur ein Trio sind. Endlich macht mir ihre Musik wieder Spaß.

Es folgt mit „Pana-Vision“ eine deutliche Tempodrosselung, doch das Klavier schafft es, den Song besser wirken zu lassen, als er anfänglich klingt. Trotzdem ist das ein Rückfall in den Art-Rock, der ein Stück zu viel künstlerisch anspruchsvoll und zu wenig eingängig ist. Das hat zwar seinen Reiz, bleibt aber gegenüber „The Opposite“ kein Stück, an das man sich lange erinnert oder das die Rückbesinnung auf spaßmachenden Indie-Rock wie bei „You Will Never Work on Television Again“ fördert.

Genau so großartig wie „The Opposite“ ist „The Smoke“, direkt mit der Basssequenz am Anfang. Damit werde ich musikalisch sofort gut 20 Jahre zurückversetzt, als mich die Alben „Think Tank“ von Blur und „Hail to the Thief“ von Radiohead begeisterten. Wer diese Alben liebt, wird auch die Musik von „The Smile“ lieben. Auf jeden Fall ist „The Smoke“ etwas ganz Besonderes.

Orgelklänge und sanfte Trommeln erklingen bei „Speech Bubbles“, das schon fast wie Sigur Rós klingt und zudem etwas an die Musik von Alt-J erinnert. Diese haben sich ihren Sound sicherlich auch bei Radiohead, Blur und anderen Indie-Bands abgeguckt. Auch so sanft machen „The Smile“ eine gute Figur.

Das ist wirklich gut, was sie machen: Der etwas experimentelle Rock funktioniert gut. „Thin Thing“ ist anspruchsvoll gemacht, keinesfalls einfache Popmusik, nimmt mich aber mit den Rockrhythmen richtig mit. Art-Rock, so wie er richtig gemacht wird. Das Gegenteil von zu viel Kunst im Song ist, wenn man sich in den Rhythmus des Stücks verlieren und darin eintauchen kann – das ist bei „Thin Thing“ absolut möglich. Und ich frage mich, warum ich beim Konzert in Köln letztes Jahr nicht dabei war (manchmal bin ich tatsächlich doof).

Wieder sanfter wird es bei „Open the Floodgates“. Auch dieser sanfte Indie-Pop-Song, der für Fans von Efterklang interessant sein dürfte, ist sehr gelungen. Manche Leute würden das schon als Prog-Rock bezeichnen. „Free in Knowledge“ behält den sanften Ton bei und lädt fast ein wenig zum Träumen ein. Thom Yorke singt so schön wie selten – ein Traum. Yorke und Greenwood machen wirklich wieder Musik für mich – das ist ein echter Traum. Langsam wird die Platte aber ziemlich retro. Das erinnert an Canterbury-Rock, was man zum Beispiel bei „A Hairdryer“ hört (aber auch da bediente man sich schon gerne bei Radiohead). Psychodelic-Rock, du kommst. Krautrock können sie auch: „Waving a White Flag“. Und kommen Sie mir jetzt nicht damit, dass sie keine Deutschen sind und deshalb keinen Krautrock machen können – „von deutschen Elektro- und Rockbands der 70er Jahre geprägte Musik“ klingt auch nicht besser.

Noch einmal richtig gut, weil der Rhythmus einen sofort mitzieht: „We Don’t Know What Tomorrow Brings“. Wieder etwas sanfter, aber nicht schlechter, klingt das letzte Stück des Albums: „Skirting on the Surface“.

Das hat viel Spaß gemacht und ist der von mir erhoffte Wandel. „Radiohead“ war einmal gut, „The Smile“ ist gerade besser. Und schön ist, dass es schon eine Live-CD und zwei weitere Platten gibt – da fällt das Lächeln am Ende der Platte nicht schwer. (486)

The Smiths – The Smiths (1984)

Anti-aggressive Indie-Musik bieten die Smiths, und mit Morrissey haben sie einen Sänger, der seine Texte meist ruhig und betont, mit dem Werkzeug eines Rock'n'Rollers, in die Songs einbringt (er kann aber auch anders, wie er bei „Miserable Lie“ beweist). Der Rest der Band besteht aus Johnny Marr an der Gitarre, Andy Rourke am Bass und Mike Joyce am Schlagzeug. Gerade durch den Verzicht auf elektronische Elemente erzeugen sie einen hohen Wiedererkennungswert – aber auch durch Morrisseys Stimme, die manchen aufgrund seiner Art zu singen schwer auf die Nerven geht.

Ein Song wie „You've Got Everything Now“ mit New-Wave-Bass lässt keinen Zweifel daran, dass es sich um eine englische Band handelt. Auch in den Texten nimmt Morrissey gerne Bezug auf vergangene und aktuelle Zustände sowie Begebenheiten in seinem Heimatland. Leider ließ er als Privatmensch später seine Meinung nicht immer außen vor und fiel mit manchen Bemerkungen – besonders zum Zuzug von Flüchtlingen und Immigranten – unangenehm auf. Seine radikalen veganen Ansichten sind mir dabei fast gleichgültig; es ist seine Sache, dass er nicht in ehemaligen Schlachthäusern auftreten möchte.

„Miserable Lie“ hat sogar das Zeug zur Punk-Nummer (habe ich da etwas von Anti-Aggressivität geschrieben?) – allerdings als akustische Version. Damit zeigen die Smiths auch ihren Abwechslungsreichtum, auch wenn mir nicht alles, was sie machen, gleich gut gefällt. Die Aufgaben in der Band sind klar verteilt: Morrissey ist für die Texte zuständig, Johnny Marr für die Musik.

Der musikalische Abwechslungsreichtum ist ein großes Plus beim Hören der Platte. „Pretty Girls Make Graves“ finde ich richtig gut. Darin steckt viel von dem, was ich an alternativem Indie gut finde. Bei „The Hand That Rocks the Cradle“ hört man erstmals, was ich an Johnny Marrs Musik so mag – dieses sanfte, melodiöse Spiel mit Indie-Charme, das er später mit Songs wie „Panic“ und „Girlfriend in a Coma“ perfektionierte. Das liebe ich, und deshalb werde ich die Smiths trotz privater Aussetzer von Morrissey immer in meiner Playlist haben.

„Still Ill“ erinnert wiederum etwas an den ruhigen amerikanischen Alternativsound von R.E.M. Etwas zu euphorisch wirkt „This Charming Man“. „Hand in Glove“ ist dagegen eher nach meinem Geschmack – wohl wegen des Post-Punk-Basses. „What Difference Does It Make?“ hat sogar richtig Rockmusik-Charakter, überzeugt mich damit aber nicht vollständig. Das sanfte „I Don't Owe You Anything“ mag ich da viel lieber. Bei „Suffer Little Children“ nutzt Morrissey eine reale Mordserie als Hintergrund für den Song, was ihm allerdings Ärger mit den Hinterbliebenen einbrachte. Der Song überzeugt dennoch.

Vor allem bieten die Smiths musikalisch vieles, wovon auch heute noch Indiebands profitieren. (210)

The Smiths - The World won´t Listen (1987)

Das Vinyl stammt aus einer 3er-LP-Edition, die das erste Smith-Album, dieses Album und noch ein weiteres Album enthält. Sowohl das Cover als auch die dritte Platte sind mir auf unerklärliche Weise abhandengekommen. Das Album selbst ist eine Sammlung von Single-A-Seiten, von denen viele auf der ersten Plattenseite zu finden sind, sowie Single-B-Seiten, die überwiegend auf der zweiten Plattenseite liegen.

Gleich zu Beginn befinden sich zwei meiner Lieblingssongs der Band auf der A-Seite. Das Album startet mit „Panik“, gefolgt von „Ask“. Damit sind gleich zwei meiner ersten Indie-Songs vertreten, zu denen ich früher gerne getanzt habe (meine Zeit für Discobesuche begann etwa 1987 bis 1988).

Zur Kontroverse um Sänger Morrissay habe ich bereits an anderer Stelle etwas geschrieben und wiederhole das hier nicht. In diesem Text geht es um The Smiths und um die Zeit, bevor Morrissay bedenkliche Ansichten über Einwanderer entwickelte oder äußerte.

Ja, sie funktionieren noch. „Panik“ hat zwar mittlerweile etwas von seinem Rock-’n’-Roll-Appeal an Coolness eingebüßt, doch der „Hang the DJ“-Part macht immer noch viel Freude. „Ask“ klappt einfach immer, denn die Gitarrenarbeit von Johnny Marr ist musikalisch wunderbar und macht den Song zu einem Werk für die Ewigkeit. Leider trifft das nicht auf den Zustand des Vinyls zu, auf dem sich der Song gerade befindet. Es hat wohl etwas gelitten; ich weiß wirklich nicht mehr, was mit dieser Dreier-Sammlung Schreckliches passiert ist. Die erste Platte der Sammlung klang eigentlich noch ganz gut.

Beim Stück „London“ versuchen die Smiths wirklich einmal, den Punkrock auszuprobieren. Der Song wirkt recht wuchtig, und die Stücke sind beeindruckend kurz. Nachdem ich gestern ein 78 Minuten langes Drone-Stück vorzeitig abgebrochen habe (davon später an anderer Stelle mehr), erfreut mich das umso mehr.

Auch ein immer guter Song: „Bigmouth strikes again“. Er definiert auf jeden Fall das Britpop-Genre mit.

Nach dem Song „Shakespear’s Sister“ hat sich sogar ein prominentes Musikduo benannt. Dabei ist mir diese Indie-Nummer ein wenig zu ungestüm geraten und überzeugt mich nicht wirklich. Dafür ist „There is a Light that never goes out“ wieder ganz großartig. Die Smiths hatten schon viele wirklich gute Songs gemacht. „Shoplifters of the World Unite“ ist ebenfalls sehr schön – genau wie „The Boy with the Thorn in his Side“. Beides sind nette Indie-Pop-Nummern.

Nach so vielen bekannten Titeln folgt nun B-Seiten-Material mit eher unbekannten und selten gespielten Nummern zum Entdecken.

„Asleep“ ist eine feine, ruhige Nummer, ebenfalls nicht schnell, aber ebenfalls gelungen: „Unloveable“. Die Downtempo-Stücke haben wirklich etwas, ebenso „Half a Person“. Alles Schönes, genauso wie „Stretch Out and Wait“.

„The Joke Isn’t Funny Anymore“ – der Single-A-Mix – ist ein verträumter Dream-Pop-Song. Wieder eine ganz feine B-Seiten-Nummer mit Klaviereinsatz ist „Oscillate Wildly“, die instrumental gehalten ist. Doch noch eine bekanntere Nummer folgt: „You Haven’t Earned It Yet, Baby“. Der Song war wohl als Single vorgesehen, wurde dann aber doch nicht veröffentlicht. Den Abschluss bildet „Rubber Ring“, und dazu kann ich nur sagen, dass mich das gesamte B-Seiten-Material sehr begeistert hat.

Damit ist diese Veröffentlichung eine sehr gute The-Smiths-Songsammlung. Wer nicht alle Titel von ihnen braucht, aber einige ihrer Klassiker und weitere gute Songs haben möchte, ist damit sehr gut bedient. Die B-Seiten haben zudem eine beachtliche Gesamtlauflänge von 29 Minuten. (371)

Steven R. Smith – Spring (2022/Vinyl)

Steven R. Smith ist ein Multiinstrumentalist, der meist alle Instrumente selbst spielt. Gemeinsam mit Gareth Davis an der Klarinette schenkt er dem Hörer den Soundtrack zu einem Film, den dieser selbst gestalten kann. Die Wurzeln der Musik liegen im amerikanischen Westen.

Vor dem inneren Auge entstehen, angeregt durch die Musik, Bilder von Reitern, die einen engen Bergpass entlangziehen, oder von Autos, die durch eine unbewohnte Gegend fahren. Es könnten aber auch einfach nur Landschaften oder die Gezeiten sein, die am Hörer vorbeiziehen. Gute Musik – insbesondere instrumentale – dient auch dazu, eigenes Kopfkino zu erzeugen. Und genau hierfür bieten sich diese Lieder hervorragend an. (2)

The Soft Boys – Underwater Moonlight (1980/ReRelease 2001/PromoCD)

Hauptakteur Robyn Hitchcock ist immer noch fleißig musikalisch aktiv, während seine Band „The Soft Boys“ nur eine relativ kurze Lebensdauer hatte. Es erschienen zwei Alben, dieses hier ist das zweite, gefolgt von einer längeren Pause und einem kurzen Revival mit einem dritten Album im Jahr 2003.

Als die Platte herauskam, war sie zunächst recht erfolglos, baute sich aber im Laufe der Jahre einen gewissen Ruf auf und gilt heute als Klassiker des Neo-Psychedelic-Rock. Der Einfluss des Albums ist dabei besonders bei amerikanischen Alternativbands hörbar. Für mich sind einige richtig gute Rocksongs dabei, die an Grateful Dead, Byrds oder Beach Boys erinnern. „Positive Vibration“ hätte eigentlich das Zeug zum Single-Hit, ist mir allerdings schon fast zu fröhlich. Ich bevorzuge eher die Rockstücke wie „I Got the Hots“ und „Old Pervert“. Bei „Insanely Jealous“ merkt man deutlich, dass sich The Stone Roses und The Pixies etwas abgeschaut haben, was auch für „Tonight“ gilt. Das Titelstück „Underwater Moonlight“ ist das Paradebeispiel dafür, warum dieses Album oft beschrieben wird, als hätte sich Syd Barrett bei den Byrds eingeschlichen. Ich möchte hier aber nicht auf jeden der neunzehn Songs einzeln eingehen.

Fazit: Ein wirklich spannendes Rockalbum mit genug Tempo und abwechslungsreichen Richtungswechseln, um gut zu unterhalten. Leider ist es als physischer Tonträger derzeit kaum erhältlich, aber über „Bandcamp“ ist ein Download verfügbar, der zusätzlich zwanzig weitere Stücke enthält. Eine erhellende Geschichtsstunde in Sachen Rockmusik, und mit Robyn Hitchcock werde ich mich definitiv noch intensiver beschäftigen.

Soft Machine – The Soft Machine (Volume One & Volume Two) (1968/1969)

Soft Machine gehören zu den wichtigsten Formationen des Canterbury-Sounds und bewegen sich auf dieser ersten Platte zwischen psychedelischem Rock, Progrock, Proto-Rock und Jazz. Wer den Rock der frühen 60er und 70er Jahre mag, wird an diesem Album sicherlich Gefallen finden. Viele Instrumentalpassagen halten die Platte dauerhaft spannend. Man hört Fusion-Rock und Psychedelic-Rock, die mit sanften Folkklängen kombiniert werden. Das bis heute bekannteste Mitglied der Band, deren Besetzung sich ständig änderte, war Robert Wyatt (Gesang, Schlagzeug).

„Hope of Happiness“ klingt mit seinem psychedelischen Folk zu Beginn sehr zeitgemäß, doch dann kommt ein typischer 60er-Jahre-Rock-Sound hinzu. Das ruhigere und instrumentale „Joy of a Toy“ gefällt mir besonders gut. Hier wird wieder deutlich, dass für mich die musikalischen Grenzen zwischen Psychedelic, Prog- und Krautrock eher verschwimmen – es handelt sich im Grunde um ähnliche Musikstile. Die Unterschiede entstehen vor allem dadurch, dass manche Musiker früher als andere diese Musikrichtung verfolgen, doch das klangliche Ergebnis ist sehr ähnlich. Das Thema von „Hope of Happiness“ wird anschließend noch einmal aufgenommen, gefolgt von dem progressiven Beatrock-Stück „Why Am I So Short?“, das leider viel zu kurz gehalten ist.

Bei Soft Machine ist es vermutlich der Mix aus psychedelischem und progressivem Rock, der den Sound der Platte und der Band zu Beginn prägt. „So Boot If At All“ ist ein gutes Beispiel dafür. Die Songs gehen fließend ineinander über, so dass es ohne Unterbrechung weitergeht. Die erste Seite des Albums endet mit dem sanften Rocksong „A Certain Kind“.

Die zweite Seite startet schwungvoll mit „Save Yourself“, das fast an einen Jimi-Hendrix-Song erinnert. Das Zwischenspiel „Pricilla“ ist im Grunde ein verlängertes Ende dieses Songs. Auch „Lullabye Letter“ setzt den für diese Zeit typischen Rocksound fort, ebenso wie „We Did It Again“. Ein kurzes Zwischenspiel bildet „Plus Belle Qu'Une Poubelle“. Den Rockcharakter der zweiten Seite setzt „Why Are We Sleeping?“ fort, bevor das Album mit „Box 25/4 LID“ ausklingt.

Ein sehr gutes Rockalbum aus den späten 60er Jahren, das man am besten durchgehend hört, da die Stücke eine Einheit bilden.

Die Neuveröffentlichung auf CD enthält auch das zweite Album der Band, das gleich mitgehört wird.

Die erste Seite des zweiten Albums besteht aus zehn einzelnen Stücken, die unter dem Sammelbegriff „Rivmic Melodies“ zusammengefasst sind. Die Aufnahmen entstanden nach der ersten Bandzusammensetzung, weshalb der Sound von „Volume Two“ einen anderen Charakter hat. Der einfache Rocksound der späten 60er Jahre, der die zweite Seite des ersten Albums prägte, ist beim zweiten Album nahezu verschwunden. Stattdessen wird das Klavier vom Keyboarder Mike Ratledge stärker eingesetzt als die Keyboards.

Der psychodelische Rockansatz bleibt erhalten, ebenso der Rocksound, doch werden der Progrock verstärkt und Fusion sowie Jazz rücken stärker in den Vordergrund. Dadurch wird der Sound komplexer, und die Rocksongs sowie Gesangsparts treten etwas zurück. Mir gefällt diese Mischung sehr gut, denn ich schätze sie mehr als die oft zu verkopft wirkenden, langen Stücke mancher bekannter Progrock-Bands. Die Vielfalt und der Tonwechsel von Stück zu Stück sorgen für ausreichend Abwechslung beim Hören. Dass Soft Machine einen kräftigen und überzeugenden Sound bieten, der teils ausufernd erscheint, trägt ebenfalls zum Hörgenuss bei. So fügen sie viele kleine, abwechslungsreiche Teile aus Prog-, Psychedelic-, Jazz- und Rock-Elementen zu einer sehr gelungenen Platte zusammen. Manchmal übertreiben sie es allerdings mit der Verspieltheit, was zu Qualitätsunterschieden zwischen einzelnen Songpassagen führt und das Zuhören gegen Ende der Platte etwas anstrengend machen kann. Trotzdem bleibt der Spaß am Hören dadurch erhalten. (404)

The Soft Pink Truth – Shall we Go on sinning so that Grace may Increase? (2020)

Hinter „The Soft Pink Truth“ steckt eine Hälfte des Duos „Matmos“. Drew Daniel weckt mit „Shall“ zunächst fast klassische Anmutungen durch eine Kombination aus Chamber- und Drone-Elementen. Ohne erkennbaren Zusammenhang beginnt dann ein sanfter Elektronik-Song, „We“, der erst nach einiger Zeit einen Beat erhält und damit besser funktioniert. Auch der folgende Einsatz von gesanglichem Vokal ohne Wörter verbessert das Stück zusätzlich.

Ambient-Klänge und Rauschen prägen „Go“. Minimal-Electronica dominiert „On“ – und das recht gelungen. Seltsam erscheint mir jedoch, dass die Stücke im Übergang kaum zusammenpassen, obwohl sie insgesamt doch eine Einheit zu bilden scheinen. Schon die Songtitel setzen sich aus einzelnen Wörtern des Albumtitels zusammen.

Die „Sünde“ in „Sinning“ wirkt eher sanft. Hier verschmelzen Drone und Electronica, was erneut eher als Klangteppich oder Soundtrack funktioniert denn als klassischer Song. Ich nenne so etwas „Musik als Kunst“ und finde das nicht problematisch. Oft empfinde ich solche Musik aber als anstrengend oder schwer zugänglich. Zweiteres trifft hier nicht zu, denn „Sinning“ gewinnt im Verlauf noch deutlich an Tempo und Dynamik.

Auch die Anfangsklänge von „So“ lassen vermuten, dass die Mischung aus Ambient, Drone und Electronica das Genre beschreibt, in dem sich das Album bewegt. Electronica mag ich gern; bei Ambient und Drone wird mir jedoch schnell langweilig. Da ich die Stimmung des Albums aber als sehr positiv empfinde, lasse ich mir das gefallen. Ich weiß jedoch nicht, ob ich das Album öfter hören würde. Für mich reicht vermutlich ein einmaliges Hörerlebnis aus. Das ist auch ein Grund, warum ich Streaming-Dienste nicht schlimm finde. So kann ich neue Alben entdecken und, falls sie mir nicht gefallen oder nur ein einmaliges Erlebnis bieten, bin ich froh, sie nicht gekauft und zu Hause zu haben.

Ähnlich verhält es sich bei Filmen und Serien: Viele DVDs und Blu-rays im Regal verstauben, weil sie zu selten genutzt werden. Manchmal gibt es eben nur dieses eine Mal. Das ist auch der Grund für meine persönliche Hör-Erfahrung, bei der ich mir vorgenommen habe, jede CD beziehungsweise LP wenigstens einmal im Leben anzuhören und dann gegebenenfalls auszumisten. Tatsächlich erfordern neue Anschaffungen dadurch neuen Stauraum, da mich oft das Hören eines Albums dazu bringt, weitere fehlende Alben zu entdecken. Das ist eine scheinbar endlose Geschichte. Ich komme vom Thema ab, aber der Song „Go“ läuft noch immer und ist ziemlich schön. Ich habe nicht genau aufgepasst, doch „So“ ist geschmeidig in das Stück „That“ übergegangen – kein holpriger Übergang diesmal.

Auch „Grace“ reiht sich nahtlos ein. Hier dominiert der Ambient/Electronica-Mix stärker als der Drone-Part, was ich sehr begrüße. Da sich bei „May Increase“ nicht viel ändert, könnte man die zweite Albumhälfte als ein Stück betrachten – verträumte Ambient-Musik.

Ein Album für Ambient- und Electronica-Freunde, die nicht zu oft von Beats mitgerissen werden wollen. (553)

Soft Cell - Non-Stop Erotic Cabaret (1981)

Die Elektro-Nummer „Frustration“ ist recht flott und bewegt sich mehr im New Wave- als im Pop-Bereich. Der Song macht richtig Laune. Mir ist gerade aufgefallen, dass ich Visage und Soft Cell früher ein wenig als dieselbe Band wahrgenommen hatte. Da mir das erste Visage-Album nicht gefallen hatte, war ich von der Idee, dieses Album zu hören, zunächst abgeschreckt. Für mich sind Visage mit „Fade to Gray“ und Soft Cell mit „Tainted Love“ allerdings vor allem als ewige One-Hit-Wonder abgestempelt. Doch genau das großartige „Tainted Love“ folgt auf „Frustration“. Ein Song für die Ewigkeit, ganz ohne Zweifel, und am liebsten höre ich die lange Version im Mix mit „Where Did Our Love Go?“.

Dieses Album beweist, dass man mit einem Drumcomputer, einem Synth-Klavier, einem Bass-Synthesizer und Gesang ordentlichen Minimal-Pop machen kann. Auch „Seedy Films“, bei dem ein Blasinstrument den Sound ergänzt, ist eine sehr schöne Nummer. Ich bin gerade vom Album sehr positiv überrascht.

„Youth“ hat sicherlich unzählige Düster-Popper zum Nachahmen inspiriert, und „Sex Dwarf“ bildet die Vorlage für die Electronic-Body-Music. Somit ist die erste Seite des Albums ein richtiger Volltreffer.

„Entertain Me“ wirkt dagegen etwas zu euphorisch – für meinen Geschmack ist das zu viel Lebensfreude, und der Song überzeugt mich nicht.

„Chips on My Shoulder“ ist eher Disco-Pop, und auch hier kann mich die Nummer nicht ganz abholen. Doch Nicht-Heteros, Diverse und wie auch immer ihr genannt werden wollt, werden diesen Song wohl ohne Ende feiern. Als Party-Song funktioniert er jedenfalls bestens. Let’s Party!

Als Synth-Pop mag ich „Babysitter“ wieder viel lieber als die beiden vorherigen Stücke. „Secret Life“ spricht mich dagegen nicht so an; klanglich ist er einfach etwas „zu viel“ geraten.

Das Originalalbum endet mit dem süßen „Say Hello, Wave Goodbye“, das fast wie eine OMD-Nummer klingt. Sehr schön.

Insgesamt ein richtig gutes, frühes Synth-Pop-Album und zugleich ein wichtiger Wegbereiter. (576)

Sølyst – Spring (2021)

Das vierte Solowerk des Kreidler-Schlagzeugers Thomas Klein heißt „Sheroes“, und ich finde es sofort gelungen. Es handelt sich um elektronische Musik, wie ich sie mag. Die Klänge erinnern teilweise an die klassische Synthesizermusik von Tangerine Dream und Kraftwerk, sind dabei aber mit modernen Sounds kombiniert.

Bei „Flex“ und vielen weiteren Stücken auf der CD hört man deutlich seine Schlagzeuger-Prägung heraus. Die Songs bestehen aus verschiedenartigen Schlagzeugklängen, die elektronisch verfremdet, gedehnt und zu neuen Sounds verarbeitet werden. Das Besondere an Thomas Kleins elektronischer Musik ist, dass sie nie langweilig wird. Es passiert immer genug, um das Interesse an den Stücken hochzuhalten. So entsteht bei „Thief“ atmosphärische Musik, die als Soundtrack eines spannenden Kopfkinofilms dienen könnte.

Auch „Flush“ lebt weniger von einer klaren Melodie als von einer Vielzahl von Tönen, die den Song füllen und dennoch spannend bleiben. Bei „Hold“ wird der Klangteppich dunkler und bedrohlicher, doch nach und nach entwickelt sich hier wieder ein echter Song mit Melodie. Damit ist „Hold“ nach „Sheroes“ das zweite Glanzstück der CD.

Bei „Atlas“ verwandeln verfremdete Schlagzeugklänge einen an sich recht eintönigen Song in ein beeindruckendes Hörerlebnis. Das längste Stück auf der CD, „Spiral“, webt einen Klangteppich aus verschiedenen Rhythmen, der schließlich von einem wirklich guten, spannenden Elektro-Song abgelöst wird. Obwohl dieser Song nicht sehr abwechslungsreich ist, klingt er hervorragend.

Der titelgebende Song „Früling“ klingt bei Sølyst anders als bei anderen Musikern. Statt eines Erwachens der Natur oder einer Beschwörung von Wiedergeburt hört sich „Spring“ hier eher wie die Abspannmusik eines Science-Fiction-Thrillers an – auch das überzeugt.

Da ich „gute“ elektronische Musik immer noch als etwas Besonderes betrachte, das sich nicht leicht finden lässt, ist dieses Album eine wertvolle Bereicherung meiner Sammlung. Ende.

Someday Jacob – It might take a While (2015) 

Someday Jacob kommen aus dem Umfeld von Bremen. Songschreiber und Gitarrist Jörn Schlüter, Uli Kringer an der Gitarre, Martin Denzin am Schlagzeug sowie Manuel Steinhoff hatten mich durch das Hören eines Songs auf einem Sampler dazu verführt, gleich zwei ihrer CDs zu kaufen. Bevor ich diese hören konnte, traten sie vor zwei Wochen im Steinbruch in Duisburg auf, und dabei wurde ich ein Fan der Band. Ganz tolles Songwriting, großartiges Spiel – ein wahnsinnig gutes Konzert. Sie präsentierten dort Songs im Stil des US-Rocks der 70er Jahre, die zwar einen Hauch von Vergangenheit tragen, in der Gegenwart jedoch glänzen. Direkt nach dem Konzert versuchte ich, noch die restlichen Veröffentlichungen zu bekommen. Ihr Debüt „Morning Comes“ war allerdings nur als Download erhältlich. Darauf spielen sie feinfühlige, sanfte Indie-Folk-Rock-Stücke.

Beim Haldern Pop Festival erschien dann „It Might Take a While“. Besonders „Daily Bread“ vermittelt dieses herrliche Folk-Rock-Gefühl, wie man es in den 70ern von Fleetwood Mac, Crosby, Stills and Nash, Neil Young und anderen kannte. Allerdings klingt es vielleicht etwas sanfter, zumindest solange, bis die E-Gitarren erstmals richtig zur Geltung kommen. Doch mit diesem Song breitet sich das Gefühl von Rock, Weite, Amerika und Folk angenehm aus. Das ist keine gekonnte Nachahmung, sondern eine gekonnte Weiterentwicklung, selbstgemacht und mit Herz und Seele.

Dieses Rezept wird konsequent beibehalten, weil es einfach richtig gut funktioniert. Dabei gefällt mir die Musik von Someday Jacob sogar teilweise besser als die der Künstler, deren Spuren sie so geschickt verfolgen; verzeihen Sie mir diese Anmerkung. Sie machen einfach gute Musik daraus. So funktioniert auch der Song „Trade It All In“ sehr gut. Manche Rockfans könnten einen Song wie „Between Me and You“ als etwas weichgespült empfinden, doch die Stimme von Jörn Schlüter ist eben eher für zarte, sanfte Momente geschaffen. Er wird keine rohe Rockröhre werden, sondern eher als sympathischer, bodenständiger Songschreiber wahrgenommen, der wie bei „Useless Light“ auch poetisch überzeugt. „The Sun, the Moon and the Stars“ erinnert an einen Song von Calexico und bleibt mit seinem Refrain lange im Gedächtnis. Den Vergleich mit Neil Young müssen Someday Jacob sich gefallen lassen, da manche Songs, wie etwa „Glory Boys“, Erinnerungen an ihn wecken. „Room with a View“ ist ein sanfteres Stück. Durch dieses 70er-Rock-Gefühl, das auch in „Home Run“ großartig neu verarbeitet wird, unterscheiden sich Someday Jacob angenehm von aktuellen Folk-Rock-Bands und Singer/Songwritern, die eher versuchen, den Bon Iver- oder Mumford and Sons-Sound zu treffen.

Den wunderschönen Song „Rain“ haben Someday Jacob auf diesem Album noch einmal neu veröffentlicht (er war bereits in einer kürzeren Version auf „Morning Comes“ zu hören). Ein großartiges Lied – ein sofortiger neuer Lieblingssong, den ich nicht mehr missen möchte.

„Long Distance Call“ ist ein ganz süßer und herzlicher Folk-Song. Mit solchen Stücken werden Hörer und Livepublikum gefangen, und wie gut das ist.

Das Album schließt mit „All You Weary Hearts“ ab, das dann doch etwas mehr nach Mumford and Sons klingt. Dieses Album höre ich immer wieder sehr gern, und zwei weitere Alben sind seitdem erschienen, auf die ich mich bereits wieder sehr freue. (332)

Sorry – Anywehre but here (2022)

Sorry besteht als Writing-Duo aus Asha Lorenz und Louis O´Bryen, tritt live jedoch als fünfköpfige Band auf. Ihr Indierock ist geprägt von einem schönen Hang zum Songwriter-Artrock. Die Songs sind klug arrangiert, nehmen einen mit und fordern nicht zu wenig, zudem sind sie sehr gut produziert.

Ab dem dritten Song „Key To The City“ bin ich Fan und würde die Gruppe gern einmal live erleben. Leider war das eine eher enttäuschende Erfahrung, denn die Stimme der Sängerin hatte wenig mit der auf der CD gemeinsam – hier wäre noch etwas Übung nötig. Positiv war jedoch, dass ich auf diese Weise die herausragende Neo-Grunge-Band „A Void“ entdeckte, die als Vorband auftrat. Außerdem gefällt mir die Vielfalt der Band, da jeder Song ein eigenes Leben entfaltet und so eine abwechslungsreiche Sammlung guter Stücke entsteht.(69)

Soul Cauching – Ruby Vroom (1994)

Die Musik von Frontmann Mike Doughty hatte ich erst nach dem Ende von Soul Coughing kennengelernt und wusste bisher auch nicht, dass er der Frontmann dieser Band war (Musik hat eben immer neue Geschichten zu erzählen). Beim Hören des ersten Albums von Soul Coughing habe ich deshalb nicht das Gefühl, etwas gänzlich Neues zu entdecken, denn die Solostücke von Mike Doughty klingen gar nicht so anders als die Songs der Band.

Bei den ersten beiden Stücken „Is Chicago, Is Not Chicago“ und „Sugar Free Jazz“ fällt sofort der ausgeprägte jazzige und soulige Grundrhythmus auf, der mich an G. Love and Special Sauce erinnert. Auch das nächste Stück „Casiotone“ klingt ähnlich. Der Unterschied zu G. Love and Special Sauce ist jedoch, dass die Songs von Soul Coughing eine etwas düstere Atmosphäre ausstrahlen. Dieser Alternativ-Rock-Jazz ist vom Klang und Sound her sehr interessant, da er nicht häufig von Bands verwendet wird. Auf das gesamte Album übertragen wirkt die Stilistik, ähnlich wie bei G. Love and Special Sauce, nach einigen Songs allerdings etwas eintönig.

Die Band hätte live sicherlich großartig funktioniert. Doch auf dem Debütalbum mit vierzehn Stücken wirken die Songs insgesamt nicht abwechslungsreich genug, um das Interesse des Hörers über die gesamte Spieldauer aufrechtzuerhalten. Als Einzelstück funktioniert zum Beispiel „Blue Eyed Devil“ hervorragend. „Bus to Beelzebub“ wirkt wild und ungestüm, aber auch anstrengend – so klingt wohl Beat-Poetry in den 90ern. Zu Beginn führt „True Dreams of Wichita“ mit einem ruhigen Ton ein.

Der jazzige Untergrund von „Screenwriters Blues“ ist besonders großartig und erinnert mit seinem Sound auch an Elektro-Acts wie Nightmare on Wax. „Moon Sammy“ klingt wieder poppiger. Bei „Supra Genius“ wird das Durchhören der Platte allerdings erneut anstrengend, da sich die bereits erwähnte Ermüdung durch mangelnde Abwechslung bemerkbar macht. Die Songs sind keinesfalls schlecht, dennoch wird die Aneinanderreihung mit der Zeit ermüdend.

„City of Motors“ zeigt jedoch, wie ausgefeilt der Sound und die Produktion für ein Debütalbum sind – das Album klingt insgesamt richtig gut. Ähnliches hat man auf der Platte schon öfter gehört bei Titeln wie „Uh, Zoom Zip“ oder „Down to This“. Etwas experimentierfreudiger ist „Mr. Bitterness“, das mit seinen treibenden Drums nochmals interessanter wird. Den Abschluss bildet „Janine“, das mit zurückhaltender Süße einen feinen Schlusspunkt setzt.

Wenige Songs weniger hätten der Platte gutgetan. Mir fällt auf, dass für ein gutes Album oft bereits acht Stücke völlig ausreichend sind. (227)

Soul II Soul – Volume V: Believe (1995)

Dies ist also bereits das fünfte Album der Band um den Produzenten Jazzie B (Trevor Beresford Romeo). Soul, R&B, Reggae und Club-Beats – all das findet sich in der Musik von Soul II Soul. An die anfänglichen großen Charterfolge, wie sie noch mit „Back to Life (However Do You Want Me)“ erzielt wurden, konnte zwar nicht mehr ganz angeknüpft werden, doch mit zwei Songs dieses Albums, „Don’t You Dream“ und „Love Enuff“, gelangen noch einmal Achtungserfolge. Für mich war „Don’t You Dream“ immer der Lieblingssong der Band, deshalb habe ich mir nun, mit dreißig Jahren Verspätung, auch das dazugehörige Album zugelegt und lasse es nun laufen.

„Love Enuff“ hatte ich erst kürzlich auf einem Sampler gehört und es ist mir noch etwas in Erinnerung geblieben. Die Version auf der CD ist jedoch länger, hat einen anderen Beat und wirkt weniger protzig. So funktioniert das sehr gut, weil es gleichzeitig warm und soulig klingt.

Sanfter Club-Soul: „Ride On“ erinnert mich an frühe Stücke von Lisa Stansfield, zu einer Zeit, als Soul mit leichten House-Beats noch etwas Neues war – also eher Ende der 1980er Jahre. Im Gegensatz zu amerikanischen Soul- und R&B-Acts mit weiblichem Gesang zur Zeit der Veröffentlichung dieser CD (1995) besitzt hier der Mix etwas mehr Klasse.

„How Long“ macht mit seinen Flöten- und Bläserklängen musikalisch direkt viel Freude und bleibt auf voller Länge als instrumentales Soul-Stück mit Disco-Feeling eine sehr positive Überraschung.

Ich mag die Kombination aus Clubbeats und Soul sehr gerne, auch bei dem Stück „Feeling“. Doch der Sprechgesang, der dazu kommt, gefällt mir weniger und reißt mich etwas aus dem Stück heraus. Es gibt einige Alben dieser Qualität, die ich sehr mag. Am meisten unterschätzt wird hier wohl das Album „Believe“ von Innocence (Tipp).

Schon fast Trip-Hop: „Universal Love“ – dieses Stück langweilt mich jedoch schnell.

Für Abwechslung sorgt „Be a Man“. Es ist zwar eine lupenreine Soul-Ballade, aber von der gelungenen Sorte.

Eine echte Trip-Hop-Nummer, die auch Fans von Tricky und Massive Attack begeistern könnte, ist „Zion“. Gerade die instrumentalen Nummern auf dem Album sind es wohl, die ich lange positiv in Erinnerung behalten werde.

Mein Hit der Platte ist „Don’t You Dream“. Eine tolle Nummer.

Ein kleines instrumentales Soul-Pop-Intermezzo bietet „Game Dunn“, das an „How Long“ erinnert, aber kürzer ausgefallen ist.

Zurück zum Club-Pop-Soul: „Sunday“ ist wieder etwas für Lisa Stansfield-Fans, fällt allerdings recht harmlos aus.

„Pride“ erinnert mit seinem Rap-Gesang zu Beginn an Salt’n’Pepa und Neneh Cherry. Danach entwickelt es sich zur Soul-Nummer im Stil von En Vogue und Mary J. Blige.

Die nächste Soul-Club-Ballade folgt mit „I Care (Soul II Soul)“. Der Song ist nett, doch von solchen sanften Soul-Nummern gibt es einfach viel zu viele. Deshalb muss ein Stück schon etwas Besonderes bieten, um aus der Masse herauszustechen – das gelingt diesem hier nicht.

Am Ende gibt es mit „B Groove“ noch einmal fettere Beats, gesprochene Worte und Tanzbares – ein überraschendes Ende und Neustart als völlig neuer Rap-Song.

Am besten gefällt mir die Musik von Soul II Soul, wenn sie mit den Genres Soul, Club-Sounds und Trip-Hop spielt und diese neu miteinander verbindet. Die Überraschungen des Albums sind sicherlich die beiden instrumentalen Stücke „How Long“ und „Zion“. Einige Songs bieten jedoch nicht mehr als viele andere Stücke dieser Art – das sind gefällige Club-Soul-Nummern. Mehr mag ich persönlich die Stücke mit Trip-Hop-Elementen.(696)

Southside Johnny & The Ashbury Jukes – Hearts of Stone (1978)

Ein echter musikalischer „Kollege“ von Bruce Springsteen ist Southside Johnny, und mit viel Schwung startet sein Album in den gleichen Gefilden wie die des Bosses. „Got to Be a Better Way Home“ ist Party-Heartlandrock pur. Wer die Songs von Springsteen mag, wird auf jeden Fall auch „This Time Baby’s Gone for Good“ lieben, denn es klingt wie ein Springsteen-Stück. Drei Songs des Albums hat der Boss selbst geschrieben, dieses gehört allerdings nicht dazu. Für die übrigen Titel ist „Little“ Steven van Zandt verantwortlich, sowohl als Komponist als auch als Produzent. Er hat zudem als Mitmusiker an der Platte mitgewirkt und ist ein fester Sidekick von Springsteen.

„I Played the Fool“ finde ich sehr gelungen, es könnte auch eine Nummer von Elvis Costello sein. Eine schöne Blues-Ballade ist „Hearts of Stone“ – und das ist ein Springsteen-Song. Vor diesem Album hatte ich Costello und Springsteen nie wirklich miteinander in Verbindung gebracht, doch genau so fühlt sich das Album auf amüsante Weise an. Die Songs machen alle Spaß, auch wenn ihnen vielleicht ein wenig Ecken und Kanten fehlen – aber nur ein bisschen. Spaß macht auf jeden Fall auch „Take It Inside“.

Mit etwas Rock ’n’ Roll und stärkerem Bläsereinsatz kommt „Talk to Me“ daher. Richtig gut ist „I Played the Fool“. Auch „Trapped Again“ überzeugt sehr – eine klare Empfehlung an alle, die Southside Johnny erst Jahre nach Springsteen entdecken, ebenso wie an jene, die die Musik der genialen Springsteen-Live-Box (1975–1985) mögen. Das ist genau die gleiche Art von Musik. Zum Abschluss gibt es noch eine Ballade, die wieder den gemeinsamen Costello/Springsteen-Charme trägt: „Light Don’t Shine“.(466)

Spaceman Spiff – Bodenangst (2008)

Vorsicht, dieser Text ist reine Lobhudelei! Hannes Wittmer ist sicherlich ein ganz Netter, der sich seine Sache nicht immer leicht macht. Vor einigen Jahren hatte er den Plan, aus dem normalen Musikeralltag auszusteigen und sich auf ganz persönliche, allerdings finanziell nicht abgesicherte Weise neu zu erfinden. Seine Konzerte liefen auf „Pay what you want“-Basis, und seine Songs gab es als freien Download oder in Kleinstauflagen auf Vinyl zu einem fairen Preis – an den Vinyls hat er sicher nichts verdient.

Bevor er unter eigenem Namen Musik veröffentlichte, war er eine ganze Zeit lang als Spaceman Spiff unterwegs. Seine erste Platte nahm er fast im Alleingang auf, nur von seiner eigenen Gitarre begleitet. Eine raue Form, die seinen Texten und seiner Musik sehr gut tut. Diese Intimität packt einen direkt. Bei späteren Konzerten wird er meist noch vom Cello der wunderbaren Clara Jochum begleitet, mit der er auch den Theaterpreis Hamburg gewonnen hat, denn auch für die Bühne schreibt er Musik. Zudem versuchte er sich als OTAGO mit elektronischer Musik.

Doch nun etwas zum Album „Bodenangst“. Wer Wittmer nicht kannte, aber einen Gisbert zu Knyphausen, wird bei der Musik sagen: Klingt wie Knyphausen, vom Ausdruck her stimmt das auch. Doch bei Hannes Wittmer wirkt das Gesungene herzlicher, gutmütiger, manchmal auch melancholischer – so wie das Leben eben spielt. Außerdem klingt es sanfter als bei Knyphausen oder anderen deutschsprachigen Singer/Songwritern. Hört mal „Melancholie und ich“ (das kann man auch legal und kostenlos auf der Website des Künstlers und seines Labels, dem Mairisch Verlag, tun). Oder ihr spendet etwas und kauft die Platte für ein paar Euro über seine Bandcamp-Seite.

Schlaue Texte, so schlau, dass man manchmal kaum einen Refrain behält, aber dabei sehr schön. Die einfache eigene Gitarrenbegleitung sorgt für die erwähnte Intimität. Was will man mehr? Eine Spaceman-Spiff- oder Hannes-Wittmer-Platte ist es immer wert, gehört zu werden. Der Sanftmut der Musik lässt ihn dabei nie wie Schlager oder Reinhard Mey klingen. Er hat etwas, das Germanistikstudentinnen von gestern und heute lieben: viel zu schlau komponierte Texte. Vielleicht ist das sein Fehler, dass er nicht seicht sein kann – und selbst wenn er es versucht, indem er Texte anderer singt, klingt das wunderschön und nicht blöd wie Schlagermusik. Hört euch zum Beispiel „Volkslied“ von der Platte „Das große Spektakel“ einmal an. (187)

Spaceman Spiff - ….und im Fenster immer noch weiter (2011)

Das ist das zweite Album von Hannes Wittmer, das er unter dem Namen Spaceman Spiff veröffentlicht hat. Unterstützung erhielt er dabei von Felix Weigt (Bass), Jonny König (Schlagzeug) und Anne DeWolff (Streichinstrumente).

Der akustische Klang ist schön, die Worte sind wunderbar aneinandergereiht und werden mit viel Gefühl vorgetragen. Die Songs besitzen einen feinen Indie-Pop-Charme. So funktionieren die Stücke von Spaceman Spiff, und direkt am Anfang der CD überzeugt der Song „Strassen“ auf ganzer Linie. Wer hat schon Textpassagen wie „Ich allein gegen die Ampelmänchen“?

Darauf folgt der Singer-Songwriter-Song „Treibsand“. Eine Ode an die Stadt „Hamburg“ und ein Stück für den Neuankömmling, der erkennt, dass Freiheit auch „allein sein“ bedeutet. Für die schönen, sanften Momente im Leben schafft Hannes Wittmer immer wieder tolle Songs, einer davon ist „Zeit zu bleiben“. Da lächelt und baumelt die Seele. Es sind nicht nur die Texte, die berühren, sondern auch die Qualität der Musik. Ein feiner Singer-Songwriter-Song ist „Scherenhänden“.

„Photonenkanonen“ ist zwar wunderbar melancholisch, hat im Refrain aber auch etwas von einem „Haindling“-Song. Akustisch, sanft und schön ist „Schwarz Weiss“, das auch an eine Miniatur von The Notwist erinnert. „Elefanten“ geht mit mehr Schwung voran, bleibt aber in Bezug auf die Songqualität ebenso großartig. Das ist schon richtig, richtig gut. Dennoch überwiegen auf der Platte die sanften Stücke, die man auch von seinen Konzerten kennt, zum Beispiel „Irgendwo ist immer Woanders“. Leider schafft es Hannes Wittmer in den letzten Jahren immer in meinen Konzertumkreis, wenn ich im Urlaub bin – das sollte sich unbedingt wieder ändern.

„Schnee“ enthält Textzeilen, die mich als Hörer total begeistern und ihn zum Liebling vieler Germanistik-Studenten machen. Die meisten Songs sind eher kurz, etwa drei Minuten, mal mehr oder weniger, doch „Ab Heute immer jetzt“ ist mit 6:41 Minuten das längste Stück und gleichzeitig das Epos der Platte.

Mit „Tee“ endet dieses Werk.

Ob Hannes Wittmer oder Spaceman Spiff – die Musik ist dieselbe. Sie fängt mich immer ein und begeistert mich. Vielleicht ist das keine Musik für nebenbei, sondern Musik, die bewusst gehört werden will. Musik, die zeigt, dass Musik nicht laut sein muss, solange sie den Hörer erreicht und mitnimmt. (475)

The Specials – The Specials (1979)

Ska, Reggae, Punk und Rock’n’Roll sind gut miteinander vermischt. „A Message to You Rudy“ kennt wohl jeder.  
Das Album enthält sowohl eigene Stücke als auch Coverversionen. Produziert wurde es von Elvis Costello. (15)

Speech – Hoopla (1999)

Dies ist das zweite Soloalbum von Speech, der vor seiner Solokarriere als Mitglied und Sänger der Gruppe „Arrested Developmend“ bekannt wurde. Sein Debütalbum aus dem Jahre 1996 hatte mich bei Erscheinen sehr beeindruckt, weil Speech es schafft Hip-Hop und Rap eine freundliche Note zu verpassen und damit den Soul und den Rap auf charmante Art und Weise miteinander verbindet. Selbe Qualität erhoffe ich mir von den Songs von „Hoopla“ (schon der Titel ist ja einfach nur „nett“).

Das Album ist außer sechs nur kurze Zwischenstücke und eine Remixversion eines Songs trotzdem noch mit 12 Stücken und eine Laufzeit von 71 Minuten gut gefüllt. 

Nach einem Intro mit einer aufgewühlten Straßenszene geht`s mit angenehm akustischen Soul weiter. Direkt „Clocks in Synk with mine“ hat genau dieses lockere, schöne und sehr angenehme freundliche Pop-Rap-Soul-Feeling, das ich genau so von Speech erwartet habe und das er mit dieser feinen Nummer direkt erfüllt, wenn nicht sogar direkt übertrifft. Warum manchen nicht mehr Rapper so eine schöne Musik? Und am Ende wird es sogar jazzig und funky.

Der „Hey Song“ macht so weiter, bedient sich bei einen allseits bekannten Song der Four Non Blondes und gewinnt damit schnell meine Sympathie. Sehr nett, wenn auch mit dem bekannten Songpart schon sehr berechnend auf Single-Hit getrimmt. Kleines Manko bei diesen und den zuvor gehörten Song, sie sind beide mindestens eine Minute zu lang geraten. Und wenn ich mir die Länge der folgenden Stücke anschaue, dann wird das auch wohl bei den anderen Songs genauso der Fall sein. 

Soul mit Popfeeling und immer schön positiv und sehr mit guter Laune gepaart, das ist die Musik von Speech und so klingt auch das schön soulige Popstück „Our Image“ sehr nett. Gute-Laune-Soul. Bei dem Song wird er beim Gesang von anderen Gastsängern unterstützt. Auch der Song ist wieder etwas zu lang geraten. 

Mit mehr Bassdrum-Beat ausgestattet, etwas kürzer geraten, ist der Soul-Rap-Song „Movin´ on“ besser geraten. Könnte gut auf ein Mixtape mit einen der guten Song vom Lauryn Hill zusammen passen. 

„Mountain of Lonely“ hat einen guten Jazz-Blues-Groove verpasst bekommen – doch der verschwindet dann ganz plötzlich nach kurzer Dauer und wird durch einen Hip-Hop-Groove ersetzt (?) - danach erinnert der Song an Prince. Bringt etwas Abwechslung in den Pop-Soul-Rap-Mix und der Song funktioniert wirklich gut. 

Als Einzelstücke sind die Songs der CD auf jeden Fall in der Playlist eine Bereicherung – und ein Song wie „Slave of It“ gehört auch auf jeden Fall in eine solche hinein – das ist einer der besten Songs den Speech bis dahin fabriziert hat (damit meine ich – auf den Alben von „Arrested Development“ und seinen ersten Solo-Album. Ganz starkes Stück Musik. Bisher das Hightlight der Platte. So richtig gut. 

Entspannter Groove, Laid-Back-Musik, einfach entspannen – den Gesang im Hintergrund versteckt (was etwas seltsam erscheint) und dem Song zum langgezogenen Zwischenspiel degradiert: „Sumtimes I do“. Und damit wird der Song dann leider genauso überflüssig wie die kürzen Zwischenparts der Platte.

An Stücke aus seiner Zeit mit Arrested Development erinnert: „Yeah Yeah“. Back to the Roots. Und dabei auch über die Lauflänge des Songs abwechslungsreicher als die Stücke zu Anfang der CD. 

„Real Love“ bringt einen klassischen Soul-Song in den Mix des Albums. Auch sehr soulig und mit guten Groove versetzt: „Fist goes on“. 

Viele haben den Song von Bob Marley gecovert und jetzt macht es auch Speech: „Redemption Song“. Hätte er den Song von Anfang bis Ende nur mit Gitarre und Gesang aufgenommen und auf den dann später hereinkommenden Drummaschinen-Groove verzichtet, wäre diese Cover-Version vielleicht etwas besser – als sie ist – so ist es ein netter Versuch – der aber leider fehlschlägt. Schade. Da verhebt sich doch Speech tatsächlich sehr dran.

Aber mit den Gitarrengroove von „Life is a River“ macht Speech das wieder gut. Das ist fast am Ende der Platte dann noch ein weiterer Volltreffer. 

Am Ende gibt es noch einen Remix vom „Hey Song“ – der vielleicht etwas „erdiger“ klingt – aber sich von der original Version auch nicht so viel unterscheidet.

Wer „Mr Wendel“ von Arrested Development kennt und liebt, wird auch an den Songs des zweiten Solo-Albums von Speech seinen Spaß haben. Positiv-Rap – mit ganz viel Soul (vielleicht etwas zu nah am Pop). Das Album ist vielleicht etwas zu lang geraten – es wäre besser ohne den einen oder anderen Song – aber als Einzelstücke können viele davon sehr begeistern und die Songs „Slave of it“ und „Life is a River“ sind wirklich richtig gut. Aber an das erste Soloalbum des Künstlers kommt es nicht ran, denn dazu sind die Songs am Anfang einfach etwas zu glatt produziert, obwohl es wirklich keine schlechten Songs sind. Wie erhofft, habe ich aber von dem Album genau das bekommen, was ich erwartet habe – eine CD voller positiv stimmenden Soul-Rap. Und den findet man nur selten. (683). 

Spex-CD #01 (Beilagen CD der Printausgabe 9/2000)

Ab September 2000 lag der Musikzeitschrift Spex, die auf Indie-Musik und Spartenkultur spezialisiert ist, regelmäßig eine CD bei. Mit den auf den CDs vertretenen Künstlern konnte ich meist nicht viel anfangen. Doch wenn mir ein Song richtig gut gefiel, war das oft eine lohnenswerte Entdeckung.

Die CD beginnt mit Meinard Jungblut und dem Titel „Sonnendeck“. Ich sage jetzt einfach, dass der klingt wie PeterLicht – und ja, Meinard Jungblut ist PeterLicht. Es handelt sich um elektrischen, eher entspannten deutschsprachigen Indie-Pop, sehr nett.

Danach folgt ein Teamwork von DJ Koze und 5 Sterne Deluxe mit dem Titel „Happy HipHop“. Letztendlich ist das ein angenehm groovender Elektrosong, bei dem der HipHop-Gesang kaum in Erscheinung tritt und der am Ende richtig nach House-Musik klingt.

Der Song „Expo 2000 (Mambo)“ ist mit einer deutlichen Marimba- und brasilianischen Rhythmik ausgestattet. Bei der Interpretation von Senior Coconut, hinter dem sich der Musiker Uwe Schmidt verbirgt, erkennt man den Kraftwerk-Song kaum wieder.

Hinter dem Namen TORCH verbirgt sich der Rapper Frederick Hahn. Sein Song „Blauer Schein“ ist musikalisch ganz nett. Aber ehrlich gesagt kann ich mit Rap-Gesang, selbst bei einem sozialkritischen Text, meist wenig anfangen. Ich finde, Sängerinnen und Sänger, die singen wollen, sollten das auch gut können.

Das amerikanische Anti-Pop Consortium verbindet Hip-Hop mit elektronischer Musik. Ihr Song „Nude Paper“ hat aber weder Besonderes noch etwas Gutes an sich.

De La Soul bieten traditionell Hip-Hop ohne Gangsterimage. Bei „Foolin“ gefällt mir der Beat. Dennoch schafft es der Song nicht ganz, mich zu überzeugen. Hip-Hop fällt mir generell schwer, da muss ein Stück schon wirklich gut sein, damit ich es mag. Dennoch finde ich De La Soul als etwas Besonderes innerhalb der Hip-Hop-Musik.

Die Hamburger Schule wird von den Machern der Spex seit jeher geschätzt und verbreitet. Daher ist Tocotronic in dem Mix von Justus Köhnicke und mit dem Song „Will be like today“ passend vertreten. Tocotronic finde ich persönlich nicht besonders gut, also kein Fan, aber es gibt durchaus gute Songs von ihnen, wie den Klassiker „Let There Be Rock“. Der Titel klingt im Remix anders, elektronisch und erinnert an eine Nummer von Console. Im Refrain und im Gesang wirkt er allerdings sehr lahm und fing dadurch tatsächlich an zu nerven. Köhnicke gehörte zum House-Trio Whirlpool Productions und lebt in Köln.

Readymade war eine deutsche Rockband aus Wiesbaden. Ihr Song „Could be Nice“ ist auf der CD im Remix von Console zu finden. Console alias Martin Gretschmann liebe ich einfach wegen seiner Sounds, und daher gewinnt der Song schnell mein Herz. Neben B. Fleischmann, den ich nur durch eine spätere Ausgabe der Spex-CD kennengelernt habe, ist Gretschmann noch immer einer meiner liebsten Elektronik-Musiker. Vielleicht sollte ich auch mal in die Musik hören, die er als Acid Pauli produziert hat.

Hinter dem Namen Schlammpeitziger verbirgt sich der Instrumentalist Jo Zimmermann, der mit einfachen Sounds (Lo-Fidelity) seine Songs zusammenstellt. Sein Song „Konfliktfickfähig“ erinnert ein wenig an Spielautomaten-Sounds, aber als Lo-Fi würde ich das nicht bezeichnen. Ich finde den Sound sehr ausgeklügelt und gut. Und genau deshalb möchte ich die Spex-Beilagen-CD nicht missen: Dort findet man im Bereich elektronischer Musik noch Stücke, die gefallen. Und ich wüsste sonst nicht, wo ich bei dieser Musikform mit der Suche anfangen sollte.

Turner heißt eigentlich Paul Kominek und hat ein Klavierstudium abgeschlossen. Doch statt zur Klassik zog es ihn lieber in die Clubs hin zur elektronischen Musik. Auch dieser Song aus dem elektronischen Bereich gefällt mir richtig gut. Wie gesagt, auf den Spex-CDs findet man einiges aus dem Bereich elektronischer Musik, das ich schätze. (261)

Spiral Stairs – The Real Feel (2009)

Erstes Soloalbum des Pavement-Mitbegründers Scott Kannberg. Rockmusik ohne Abnutzungserscheinungen. Rockmusik kann man nicht neu erfinden, aber stets mit neuen Stücken bereichern, so auch hier. Die Nummern wechseln abwechslungsreich im Tempo und Stil. Macht Spaß. (14)

Spliff - Herzlichen Glückwunsch! (1982)

Der Titelsong ist für mich persönlich nicht so gelungen. Auf dem vorherigen Album gab es deutlich bessere Stücke, allerdings ist dieser Song für die Zeit ein typischer NDW-Rocksong. „Augen Zu!“ ist sehr funkig, aber auch nicht ganz mein Geschmack. In meiner Erinnerung hatte ich das Album auf einem ähnlichen Niveau wie „85555“ abgespeichert. Hoffentlich werde ich „Glaspalast“ am Ende der Platte weiterhin so gut finden wie früher.

Bei „Tag für Tag“ springt der Funke endlich über – ein schöner Song, der ganz typisch für die 80er und die NDW ist. „Das Blech“ habe ich damals unglaublich häufig gehört, weshalb ich ihn weder als gut noch als schlecht bezeichnen würde. Er gehört einfach zu meiner musikalischen Identität dazu. Ehrlich gesagt muss ich den Song heute aber nicht mehr so oft hören. Das Beste daran ist für mich inzwischen der instrumentale Mittelteil. Auch „Wohin? Wohin?“ wirkt heute nicht mehr so überzeugend. Trotz sicher aufwendiger Produktion für damalige Verhältnisse haben solche Songs den Sprung in die Gegenwart nur schwer geschafft.

Bei „Es ist soweit“ rockt die Band endlich mal wieder, und das macht dem Song deutlich mehr Spaß. Rock ist eben doch zeitloser als der Elektronikpop der NDW, auch wenn dieser Song nicht ganz gelungen ist – besonders der Refrain bekommt von mir Abzüge. „Herr Kennedy“ fand ich früher immer ganz witzig, heute wirkt er eher peinlich. Den New Wave-Stil bringt „Die Maurer“ richtig gut rüber. Auch „S.O.S.“ ist noch durchaus akzeptabel.

Bei „Glaspalast“ fasziniert mich einfach die spannende Stimmung, die der Song ausstrahlt. Er sticht aus dem Werk von „Spliff“ deutlich heraus. (349)

Bruce Springsteen – Nebraska (1982)

Aufgenommen, mit einer Ausnahme am 3. Januar 1982, allein in seinem Schlafzimmer, sind die Songs von „Nebraska“ eigentlich Demo-Versionen gewesen. Diese haben dem Boss jedoch im Nachhinein so gut gefallen, dass er sie als Studioalbum veröffentlicht hat. Nur Gitarre, Mundharmonika, ein Glockenspiel und manchmal etwas Hall reichen aus, um ein großartiges Album zu schaffen. Ich mag besonders die ruhigen Alben von Springsteen, ebenso wie die später veröffentlichten „The Ghost of Tom Joad“ (1995) und „Devils & Dust“ (2005). Daher gefällt mir dieses Low-Fi-Americana-Album sehr. Es enthält Singer/Songwriter-Songs aus den Heartlands. Die Intimität der Songs schätze ich viel mehr als seine Gassenhauer. (167)

Bruce Springsteen – Tunnel of Love (1987)

Nach „Born in the USA“ und der monumentalen Livebox hatten die Hörer und das Label vielleicht doch mit einem weiteren Album voller Songs zum Abfeiern gerechnet. Doch der Boss geht seinen eigenen Weg und bringt ein eher ruhiges Album zum Thema „Liebe“ heraus. Ich habe es lange Zeit nicht wirklich am Stück konzentriert gehört, daher wird dies eher ein Neuentdecken als ein Wiederhören sein.

„Ain't Got You“ ist trotzdem noch ein flotter Roots- und Blues-Song. Er nimmt mit und wird ausschließlich von Springsteens Stimme vorangetrieben. Darauf folgt ein Lied, das durchaus Single-Qualität besitzt – allerdings im langsamen Tempo und als Liebeslied: „Tougher than the Rest“. Nach heutiger Maßgabe wirkt die Produktion fast schon etwas steril. Das durchgehend gleichbleibende Schlagzeug und die Keyboards sind vermutlich die Hauptursachen. Im Pop- und Rockbereich der späten Achtziger und frühen Neunziger Jahre klangen die Produktionen gerade bei bekannten Künstlern damals häufig eher harmlos – professionell auf Singleniveau, aber fehlte es an Ecken und Kanten, selbst bei Blues-Platten. Damals klangen alle großen Stars ähnlich, egal ob Tina Turner oder Joe Cocker – es wirkt fast so, als hätten sie alle denselben Produzenten und dieselbe Studioband gehabt; zumindest kommt es mir heute im Rückblick so vor.

Mit etwas Rock ’n’ Roll gemischt macht das dann aber wieder Spaß: „All That Heaven Will Allow“.

Mit „Spare Parts“ wird dann sogar richtig gerockt. Das Album ist also doch nicht so ruhig, wie man zunächst vermuten könnte. Neben „Ain't Got You“ ist „Spare Parts“ ein weiteres Highlight für Fans von Rootsrock.

Zur Country-Ballade „Cautious Man“ folgt „Walk Like a Man“, dessen Auskopplung als Single ein ewiges Rätsel bleibt. Es ist einer der eingängigsten Songs der Platte, sehr schön und ein Lied für die Ewigkeit – um Längen besser als „Tougher than the Rest“.

Gleiches gilt für das Titelstück „Tunnel of Love“, das qualitativ problemlos mit den Hits von „Born in the USA“ mithalten kann. Solider und guter amerikanischer Rock.

Gute Songs gibt es auf jeden Fall genug, denn auch „Two Faces“ bietet alles, was ein guter Springsteen-Song braucht.

Eine weitere ordentliche Single-Auskopplung ist „Brilliant Disguise“ – purer Heartland-Rock.

Es folgt mein Lieblingsstück der Platte: „One Step Up“ – sooooo schön.

Eine weitere Roots-Nummer mit Country-Einschlag ist „When You’re Alone“. Sehr schön ist auch das abschließende „Valentine’s Day“.

Insgesamt ein sehr ordentliches und solides, typisch amerikanisches, meist eher sanftes Album mit zahlreichen guten Songs. Für mich ist es ein sehr gutes Bruce-Springsteen-Album.(674)

Sprints – Letter to Self (2024)

Da bin ich mal das Risiko eingegangen und habe mich von den guten Rezensionen auf der Werbeanzeige zum Kauf verleiten lassen. Auf jeden Fall ist das meine erste CD von 2024.

„Ticking“ beginnt mit Schlagzeug, Gitarre, Gesang und Hintergrundgeräuschen sowie einem sich an Intensität steigernden Sprechgesang. In seiner Rohheit enthält der Song deutlich Elemente des Punk. Die Band wird häufig als Garage-Punk bezeichnet, was auf „Ticking“ gut zutrifft. Auch im zweiten Stück, „Heavy“, steckt viel Punk drin. Zugleich ist jedoch auch etwas von Alternativ-Rock zu hören, weshalb Sprints vielleicht auch dem Post-Punk-Genre zugeordnet werden. „Heavy“ hat dabei eine besondere Qualität. Beim folgenden Song „Cathedral“ passt die Post-Punk-Zuordnung vor allem zu Beginn sehr gut, doch auch hier zeigt sich deutlich der Einfluss des Punk-Rock. Ich glaube, Sonic-Youth-Fans werden an der Band viel Freude haben. Ein sehr guter Alternativ-Rock-Song ist „Shaking their Hands“. „Adore Adore Adore“ ist ein schöner Punk-Rocker, bei dem auch alte Nirvana-Fans richtig mitgehen können. Die Band hat mich damit komplett überzeugt. Sie machen vieles richtig, um sowohl alte als auch neue Alternativ-Rock-Fans glücklich zu machen – „Shadow of a Doubt“ lässt daran keinen Zweifel aufkommen. Wer Garbage mag, wird auch „Can’t get enough of it“ schätzen. Auch ohne viel Punk zu machen, rocken sie hier richtig gut, und „Literary Mind“ ist ebenfalls ein sehr gelungener Song. Das Album bereitet immer mehr Freude und Spaß, es ist abwechslungsreich und einfach verdammt gut. Auch weiterhin macht „A Wreck (A Mess)“ richtig Spaß. Ehrlich gesagt hat das Stück aber wenig mit Post-Punk zu tun, sondern eher mit all dem, was man damals und heute dem Alternativ-Rock und Punk zuordnet. Bei einem Live-Auftritt würde ich mich seitlich oder hinten aufhalten, da die Songs viel Platz für Pogo und Schubsen bieten. Ich persönlich würde eher headbangen und tanzen wollen – Live würde ich die Band gerne einmal erleben. „Up and Corner“ ist auch eine solche Pogo-Nummer. Richtig den Punk rauszulassen, gelingt Sprints beim Titelsong und Abschluss der CD noch einmal mit „Letter to self“.

Sprints haben mich im Sturm erobert. (252)

Lisa Stansfield – Affection (1989)

Damals schien es, als hätte Lisa Stansfield mit dem Coldcut-Song „People Hold On“ ihren Einstand gegeben. Als dieser Erfolg wurde, legte sie direkt ein Soloalbum nach. Das war jedoch nicht ganz richtig – Stansfield hatte bereits im Alter von 14 Jahren einen Gesangswettbewerb gewonnen und gründete 1983 zusammen mit den Musikern Ian Devaney und Andy Morris die Band „Blue Zone“. Mit ihnen veröffentlichte sie eine Platte und mehrere Singles. Der Erfolg stellte sich erst als Gastsängerin ein, bevor sie mit ihren Blue Zone-Kollegen das Soloalbum aufnahm. Mit den Singles „This Is the Right Time“ und „All Around the World“ landete sie Hits. Da die CD neben Soul-, R&B- und Pop-Elementen auch Dancefloor-Musik mit House- und Electrobeats enthielt, waren die Songs sehr discotauglich.

Diese Mischung wird bereits beim ersten Stück, „This Is the Right Time“, deutlich. Die Beats und Sounds erinnern schon an Clubmusik, darüber liegt jedoch Lisa Stansfields Gesang, der mit viel Soul, Ausdruckskraft und Vielseitigkeit perfekt zu dieser Musik passt – eleganter gesagt, drückt sich das in ihrer Stimme aus. Das typische House-Piano, die Beats und Streicher bilden das Grundgerüst für „Mighty Love“, über dem wieder Lisa Stansfields kraftvoller Soulgesang steht. Natürlich darf auch eine Soul-Ballade nicht fehlen. Bei „Sincerity“ bemerkt man, dass die damals noch sehr junge Lisa Stansfield als Sängerin bereits ausgereift war. Auch Jazz-Standards wären für sie sicherlich kein Problem.

Eine weitere House-Nummer ist „The Love in Me“. Hier versucht sie etwas zu sehr, amerikanischen Soul- und R&B-Musikerinnen Konkurrenz zu machen und klingt im Refrain fast wie Whitney Houston. Aber der Song ist nicht mein Favorit.

Dafür ist „All Around the World“ wirklich überzeugend und sicherlich der Song, der mich zum Fan gemacht hat – ich bin sogar extra zum Konzert nach Düsseldorf gefahren. Ein großartiger Pop-Song, der auch heute noch begeistert.

Mit dreizehn Stücken ist das Debütalbum sehr umfangreich. Nach den beiden erfolgreichen Hits kann daher schnell eine Übersättigung eintreten. Es bleibt interessant zu hören, ob das Album dennoch spannend bleibt.

Bei „What Did I Do to You“ macht vor allem der Dancefloor-Beat Spaß, und auch sonst hat der Song durchaus Singlequalität. „Live Together“ ist echter Soul-Klassiker-Stoff und muss sich hinter keinem amerikanischen Soulstück verstecken. „You Can’t Deny It“ kann da hingegen nicht ganz mithalten, denn der Song klingt zu sehr wie eine Mischung aus bereits Gehörtem. Dafür ist „Poison“ wieder eine sehr ordentliche Soulnummer.

Obwohl das gesamte Album Dance-Soul ist, unterscheiden sich die Stücke im Tempo und in der Stimmung genug, sodass zwar ein gewisses Sättigungsgefühl entsteht – auch weil viele Songs über viereinhalb Minuten lang sind –, das Material dadurch aber keineswegs schlechter wird. „When Are You Coming Back?“ hat ebenfalls seinen Reiz. Der Titelsong „Affection“ beginnt fast mit Hip-Hop-Beats, entwickelt sich dann aber schnell in Richtung Club-Soul. Der Gesang ist energisch und kräftig, und der Song eignet sich eigentlich auch als Single, was jedoch durch seine Länge von 5:43 Minuten erschwert wird – ein Singleedit hätte hier geholfen, wurde aber nicht gemacht.

Wie schon erwähnt, ist das Songmaterial, geschrieben vom Trio Stansfield, Morris und Devaney, wirklich gut und hält sich bis heute bewundernswert im Vergleich zu ähnlichem Material, das es allein in den USA in großer Zahl gibt. So hätten wohl auch andere Soulsängerinnen gerne „Wake Up Baby“ gesungen.

Mit „The Way You Want It“ endet das Album noch einmal auf der Tanzfläche – Minimal-Soul in großartiger Form.

Ein gutes Album, das für ein Soul-/Pop-Album trotz typischer End-80er-/Anfang-90er-Clubbeats die Zeit gut überdauert hat. Und auch von Lisa Stansfield sollte ich mir endlich ein zweites Album zulegen, das hätte sie nach dieser Leistung verdient. Irgendwie habe ich auch das Konzert in Düsseldorf in guter Erinnerung. -363

Mavis Staples – I´ll take you there – An All-Star Concert Celebration (2017)

Zum 75. Geburtstag erhielt Mavis Staples eine Konzert-Geburtstagsparty geschenkt. Zahlreiche Musiker, darunter Emmylou Harris, Michael McDonald, Glen Hansard, Aaron Neville, Taj Mahal, Gregg Allman, Jeff Tweedy und Bonnie Raitt, trugen zum Gelingen des Festes bei. Die gespielten Songs sind meist zu Standards gewordene Alltime-Klassiker aus den Bereichen Soul, Blues und Roots. Nach drei eher schwächeren Einstiegsnummern folgen direkt einige Highlights: „People Get Ready“, „Respect Yourself“, „Eyes on the Prize“ und „Wade in the Water“ haben viel Seele, aber auch richtig Schwung und Kraft. „Have a Little Faith“ ist ein paar Takte ruhiger, aber sehr schön. „Slippery People“ von den Talking Heads erhält eine großartige Coverfassung, die dafür verantwortlich ist, dass ich diese CD überhaupt entdeckt habe. Sehr ruhig und hörenswert ist auch das Duett mit Jeff Tweedy, „You Are Not Alone“. Höhepunkt ist sicher das mehr als zehn Minuten lange „I’ll Take You There“. Zum Schluss gibt die gesamte Startruppe noch „The Weight“, im Original von „The Band“, zum Besten. (78)

Stars – From Capelton Hill (2022)

Fünf Jahre nach dem Erscheinen ihres letzten Albums veröffentlicht die kanadische Indie-Band Stars ein neues Werk. An ihrem bewährten Stil hat sich nichts geändert – Bandleader Torquil Campbell teilt sich den Gesang bei den Songs weiterhin gelegentlich mit Keyboarderin und Gitarristin Amy Millan. Vorab lässt sich sagen: Wer die Musik von Intergalactic Lovers und Shout out Louds mag, wird dieses Album vermutlich sehr schätzen, denn es besteht aus durchweg starken Indie-Pop-Songs, die Spaß beim Tanzen und Hören machen. Ich denke auch, dass die Stücke bei einem Live-Konzert noch an Intensität gewinnen könnten. Deshalb wundere ich mich, warum Bands wie Shout out Louds nicht endlich ein Live-Album herausbringen – das wäre wirklich etwas Besonderes.

Ein besonders schöner Einstieg gelingt mit „Palmistry“, einem guten Rock-Pop-Song. Schwungvoll, leicht und großartig ist „Pretenders“. Etwas sanfter und an eine Nummer von Dido erinnernd, präsentiert sich „Patterns“. „Back to the End“ ist zuckersüß und ein ganz wundervoller Song. Pop-Melancholie bietet „That Girl“. Wer gern tanzt, wird „Build a Fire“ lieben. „Capelton Hill“ beweist, wie großartig Songs im Duett klingen können. „Hoping“ könnte tatsächlich von den Shout out Louds stammen. Der Power-Pop-Titel „To feel what they feel“ erinnert ein wenig an den Eurovision Song Contest, ist aber dennoch sehr gelungen. Sanft beginnt „If I never see London again“, entwickelt sich jedoch zu einem großen Popsong. Amy Millan singt „I need the Light“, und ich wünsche mir mehr solcher schönen Musik. Was für eine wundervolle Platte das ist. Den Abschluss bildet der Indie-Folk-Song „Snowy Owl“.(276)

Station17 – Werkschau (2019)

Hamburg, 1989 – Der Indiemusiker und Heilpädagoge Kai Boysen gründet gemeinsam mit den Bewohnern der „Wohngruppe 17“ die Band „Station 17“. Die Arbeit der Band wird von bekannten Musikern wie Michael Rother, Holger Czukay, FM Einheit, Thomas Fehlmann und Markus Grosskopf unterstützt. Es erscheinen mehrere Alben, und die Band geht häufig auf Tour. 30 Jahre später erscheint diese Werkschau. Das Genre, in dem die Band arbeitet, ist Krautrock – manchmal allerdings auch nicht.

Bei „Feeger“ ist direkt Holger Czukay mit von der Partie. Der Song klingt stark nach CAN, nur statt Gesang sind die Stimmen einiger Bewohner der Wohngruppe zu hören. Das macht mit den CAN-Rhythmen sehr viel Laune. Das Stück stammt vom ersten Album „Station 17“ (1990). Mit „Bademeister“ macht die Musik einen großen Schritt nach vorne ins Jahr 2006. Die Musik wird elektronischer, behält aber ihren Krautrock-Charakter bei und ist eine richtig gute, sehr kraftvolle Nummer. Gute Synthesizer-Musik für Freunde von Neu! und Tangerine Dream gibt es mit dem 1999 erschienenen Stück „Technomuseum 2“.

Musikfreunde, die wie ich in den letzten Jahren die Ursprünge mancher Musik-Subgenres neu erforscht und entdeckt haben, werden mit diesem Album ihren Spaß haben – gerade wenn sie sowohl Tangerine Dream als auch Can mögen. Genau diese Mischung ist im Stück „Cola Lite“ aus dem Jahr 1997 deutlich zu hören. Gleichzeitig bekommt man ein wirklich gutes und abwechslungsreiches Elektromusikalbum zu hören, was ja auch nicht so oft vorkommt.

Moderner deutscher Krautrock, der an einen sanften Neubauten-Song erinnert, bietet „Dinge“ (2018). Mit Disco-Bass und Groove sorgt „Uh-Uh-Uh“ aus dem Album „Fieber“ von 2011 für Abwechslung. Bisher begeistert mich diese Songauswahl. „St. Pauli, der hat heut Geburtstag“ ist Inklusions-Kraftwerk-Punk – ein neues Genre. Etwas ganz anderes ist „Ohne Regen kein Regenbogen“, ein leichter, schöner und ungewöhnlicher deutschsprachiger Popsong, bei dem auch gerappt wird und ein Bläsersatz gekonnt zum Einsatz kommt – Fettes Brot hat mitgemacht (2008). „Alles für Alle“ aus dem Jahr 2014 erinnert an die Hamburger Schule. Strizi Streuner von Frittenbude hat mitgesungen, und der Song „Lila Pause“ featuring DJ Koze ist 1999 für das Album „Bravo“ entstanden. Diese musikalische Zeitreise an den Rändern der elektronischen Musik ist wirklich fesselnd. Ein absolut empfehlenswertes Album, dem ich mich intensiver widmen möchte.

Echte Clubvibes bietet „Boogie Boogie Baka“, bei dem Michael Rother die Gitarre spielt (2008). Ein alter Held der instrumentalen Musik schafft hier etwas sehr Zeitgemäßes. Samba gibt es ebenfalls – wenn auch in einer sehr wilden und durchgedrehten Version – mit „Pata Patao“ vom Debütalbum. Zurück zum modernen Krautrock geht es mit „Zuckermelone“ (2011). „Hito“ (1993) ist kurz und eher experimentell. Den Abschluss macht „Lied der Doofen“ im Kreidler-Remix.

Kai Boysen ist für die Idee und Durchführung dieses Langzeitprojekts wirklich zu danken. Das Hören dieser Werkschau bereitet großen Spaß, und wie gesagt, die Lust, mehr von Station 17 zu hören, ist entfacht. Inklusion – so schön kann sie sein. Man muss nur wollen. (311)

Remastered :The Best of Steely Dan – Than and Now (1993)

„Steely Dan“ ist die Studioband des Duos Walter Becker und Donald Fagan. Nach ihrer ersten Tour im Jahr 1974 beschlossen sie, das Tourleben aufzugeben und nur noch als Studiogruppe weiterzuarbeiten. Nach der Reunion in den 2000er-Jahren tourt die Gruppe jedoch inzwischen wieder regelmäßig, da Musiker seit der digitalen Verbreitung von Musik wieder mit Touren Geld verdienen müssen.

Der Sound ist West-Coast-Rock mit Soul- und Funk-Elementen. Das reggae-geprägte „Haitian Divorce“ war in England recht erfolgreich. Rock ’n’ Roll mit Rockeinschlag gibt es zum Beispiel bei „Bodhisattva“, wobei dieser nicht so stark ausgeprägt ist wie etwa bei den „Doobie Brothers“. Einige Gastmitglieder von Steely Dan wechselten später zu den „Doobie Brothers“ und wurden dort feste Mitglieder, etwa Michael McDonald. Mein Lieblingssong von Steely Dan bleibt „Rikki Don’t Lose That Number“. (27)

Serafina Steer – The Moths are real (2013)

Serafina Steer ist ausgebildete Harfenistin und hat bereits vor diesem Studioalbum mit Jarvis Cocker zusammengearbeitet, der dieses Album ebenfalls produziert hat. Ich bin auf Serafina Steer als treibende Kraft der Indie-Post-Punk-Band „Bas Jan“ aufmerksam geworden und wollte hören, wie sie vor ihrer Zeit bei Bas Jan klang.

Die Musik würde ich als Chamber-Indie-Singer/Songwriter-Folk einordnen. Sie ist sehr zurückhaltend und sparsam instrumentiert – tatsächlich mit Harfe und Stimme als Hauptinstrumenten – und somit ganz anders als bei Bas Jan. Trotzdem gefällt sie mir gut, weil der Auftakttrack „Night before Munity“ einfach überzeugend als anspruchsvoller Indie-Folk-Song funktioniert.

Ganz leicht und elegant wirkt unmittelbar auch „Machine Room“. In der Einfachheit und dem eher zurückhaltenden Einsatz der Instrumente können sich die Songs schön entfalten, und das funktioniert ausgezeichnet. Jarvis Cocker hätte ich bei solchen Songs nicht als Produzenten vermutet. Vielleicht habe ich aber auch nur ein zu eingeschränktes Bild von ihm und sollte mich intensiver mit seiner Arbeit befassen.

Der Folk, der teilweise ins Klassische geht und sehr elegant wirkt, zeigt sich beispielsweise in „Ballad of Brick Lane“. Das gefällt mir bisher sehr gut und ist doch ganz anders als das, was ich bisher von ihr kannte.

„Lady Fortune“ setzt den Sound der vorherigen Songs fort, erhält aber eine schöne Indie-Pop-Note. Man könnte es als Minimal Pop bezeichnen, doch ganz anders als etwa die Musik von The XX, zu denen diese Beschreibung ebenfalls passen würde.

Durch den Einsatz der Harfe bleibt das Folk-Feeling erhalten. Gleichzeitig klingt die Musik dadurch vielseitiger als der übliche Singer-Songwriter-Style und nähert sich schon ein Stück weit der „zeitgenössischen Musik“ an. Obwohl ich diesen Oberbegriff nicht mag, da er keinerlei Aussage darüber trifft, wie die Musik klingt, sondern lediglich einen gewissen Anspruch unterstellt. Nils Frahm, Hauschka und Co. sind großartige Musiker und Komponisten, aber nur weil man sie nicht der klassischen Musik zuordnen will oder kann, sind sie eben „nur“ Musik aus der Gegenwart. Das ist Quatsch und intellektueller Humbug.

Dass Serafina Steer eine hervorragende Komponistin ist, hört man sofort bei „The Removal Man“ und dem zuvor gehörten „Skinny Dipping“.

Sehr melancholisch wirkt „In a World of Love“. „Has anyone ever liked you?“ ist ein schöner, besonders sanfter Singer-Songwriter-Song.

Toller Chamberfolk zeigt sich in „Island Odyssey“. Bei „Alien Invasion“ steht der Gesang besonders im Vordergrund, und es ist beeindruckend, wie einfach es gelingt, eine dichte musikalische Atmosphäre zu schaffen.

Mit „Disco Compilation“ verbindet Serafina Steer schließlich ihre wunderbare Singer-Songwriter-Qualität mit einigen Discobeats. Das ist Single-Material, das gut platziert ist, weil der Song gegen Ende der Platte noch einmal frischen Schwung bringt.

Der sanfte Abschluss, „The Moth are real“, erinnert fast an ein Wiegenlied, ist aber doch mehr als nur ein einfaches Schlaflied.

Neben ihrer Arbeit mit Bas Jan darf Serafina Steer gerne weiterhin solche Musik machen. Dieser Chamber-Folk mit leichtem Indie-Touch gefällt mir sehr gut. Es ist schöne, einfach klingende Musik, die ganz anders ist als leichte Kost. Diese vielseitige Musikerin, die Harfe spielt und zugleich mit ihrer Band den Postpunk neu belebt, hat meine volle Anerkennung. Vielseitigkeit mag ich sehr – denn ich höre ebenfalls gern vielseitige Musik. Für mich ist alles möglich.(534)

Steps Ahead – Yin-Yang (1992)

Vibraphon-Spieler Mike Mainieri ist der Kopf der Jazz- und Fusion-Formation Steps Ahead. Ich hatte die CD damals gekauft, um etwas mehr Jazz in meiner Sammlung zu haben. Das erste Stück, „Sidewalk Maneuvers“, ist sehr soulig und nimmt den Hörer schnell mit. „Fusion“ bedeutet bei diesem Song, dass der Jazz hier auch mal wie instrumentale Popmusik klingt statt wie Rock. Mainieris Mitstreiter bei dem Album sind der Saxophonist Bendik Hofseth, die Keyboarderin Rachel Z., Jeff Andrews am Bass und Steve Smith am Schlagzeug.

„Praise“ klingt für mich irgendwie nach Afrika und ist auch schön hymnisch – diesen Song mag ich sehr. Ich glaube, wer das Solospiel von Sting in den Achtzigern mag, wird mit der Musik dieser CD ebenfalls seinen Spaß haben, denn der Sound ist sehr ähnlich. Mit vielen Funk-Elementen ausgestattet ist „Nite Owl“. Auch an die Musik der Pat Metheny Group werde ich bei diesem Stück erinnert. Wenn Jazz nicht zu unkompliziert, sondern etwas melodiöser ist, die Musiker dabei aber trotzdem ihr Können an den Instrumenten beweisen, funktioniert Jazz bei mir immer sehr gut – so auch bei dieser Musik. Frei im Kopf zu sein, finde ich super. Free Jazz und reines Improvisieren können bei mir dagegen Ablehnung oder zumindest Unverständnis hervorrufen.

„Taxi“ lässt mich sofort an die Musik von Prince denken – das liegt am Soul-Funk und an einer nicht ganz so harmonischen Melodieführung. Musik, die an andere Musik erinnert, ist dabei keineswegs negativ – den Songs fehlt es nicht an Originalität, vielmehr werden in meinem Gehirn musikalische Erinnerungen wachgerufen. Und so wie ich Jazz richtig mag, reicht oft schon ein Song wie „Tamarian Lion“ zum Überzeugen. Sanfter Schönklang von Anfang bis Ende – deshalb liebe ich zum Beispiel auch das Tingvall Trio sehr. Dass Steps Ahead aber auch „richtigen“ Jazz machen können, beweisen sie mit „Gory Details“. Ebenfalls sehr schön und gerade im Saxophonspiel richtig gut ist „Agitate the Gravel“. Da dieser Saxophonist, der bei Steps Ahead auch das Songwriting maßgeblich mitverantwortet, Bendik Hofseth aus Norwegen ist, weiß ich wieder einmal, warum ich den skandinavischen Jazz so sehr schätze.

Ein weiteres echtes Jazzstück ist „Okapi“. Die sanfte, instrumentale Soul-Ballade „Orion“ mag ich besonders gerne. Sie ist vielleicht eher ein Stück schöner instrumentaler Popmusik, aber ich höre sie einfach sehr gern. Zurück zum reinen Jazz geht es mit „Steppish“. Mit einer weiteren schönen Nummer endet das Album: „Sara’s Touch“. Der Song hätte auch das Zeug zu einer Titelmelodie für eine TV-Serie. Auch nach über 30 Jahren höre ich dieses Album immer noch sehr gerne. (275)

Die Sterne – Wichtig (1993) – Vinyl Wiederveröffentlichung von 2023 inklusive der EP „Fickt das System“

Da ich gerne die chronologische Reihenfolge einhalte, beginne ich mit Seite 4 der Wiederveröffentlichung, die die EP „Fickt das System“ beinhaltet.

Das Titelstück der EP und ersten Veröffentlichung von Die Sterne kann man als Indie-Disco-Rock mit Punkallüren bezeichnen. Zudem gehört es zum deutschen Alternativ-Rock der „Hamburger Schule“. Dieser Indie-Rock-Sound setzt sich auch in „Unkonzentriert“ fort, ergänzt um einige New-Wave-Elemente. Bei der Gründung bestand die Band aus Frank Spielker (Gesang, Gitarre), Thomas Wenzel (Bass), Frank Will (Keyboard) und Christoph Leich (Schlagzeug).

Mit einem Jazz-/Funk-Ansatz und viel Spaß daran kommt „Alles wird teurer“ daher. Spielker rockt hier richtig gut an der Gitarre. Die Band lieferte von Anfang an intelligenten Crossover, der bis heute nichts von seiner Qualität eingebüßt hat. Auch als Funk-/Rock-Hybrid funktioniert „Anfang verpasst“ überzeugend.

Ein echtes Aha-Erlebnis bei Die Sterne ist, dass freche deutsche Texte auf einen gelungenen Mix aus Rock- und Discomusik treffen. So könnte man durchaus von einer Weiterentwicklung der Neuen Deutschen Welle sprechen, vielleicht sogar von einer Wiederbelebung. Zu jener Zeit hörte ich meist Wolf Maahn, Herbert Grönemeyer und BAP, wenn es um deutschsprachige Musik ging – natürlich nicht ausschließlich diese drei, aber auf jeden Fall sie.

Den ersten Song des Debütalbums mochte ich besonders gern: „Wichtig“ („Mach die Tür zu, es zieht“). Das ist Rock, der einfach richtig Spaß macht. New Wave ist nicht tot – es leben Die Sterne. Funk findet sich ebenfalls, und ich finde die Bassarbeit bei Die Sterne bis heute einfach fantastisch, etwa bei „Telekom“.

Verärgerter Rock – vielleicht sogar schon Punk – ist „Baustoffhandel, 1. Stock“. Für Punk ist die Rhythmusgruppe aber fast schon zu rockig, klingt eher nach 70er-Rock. Mit einem Post-Punk-Gefühl, zu intelligent, um Pop oder reiner Rock zu sein, präsentiert sich „In Klammern“. Mich würde interessieren, welche Lieblingsplatten Frank Spielker hat.

Der Disco-Funk-/Rock-Mix ist bei „Wichtig“ genial umgesetzt. Danach folgt noch einmal „Anfang verpasst“, da kennt man den Song ja schon von der EP. „Rockmühle“ rockt wieder richtig gut. Ich mag einfach den Sound und die Musik, die Die Sterne machen. Man kann sich wunderbar im Rhythmus verlieren. Natürlich würde es der Texter Spielker sicher gern sehen, wenn ich seine Texte lobe, doch beim Hören treten sie gerade etwas in den Hintergrund.

Indie-Rock mit Punk-Anklängen (ist das dann schon wieder Post-Punk?) präsentiert „Alles oder Niemand“. „Sowieso drin“ ist ein Rocksong. Vielleicht sind Punksongs für Die Sterne zu schlicht aufgebaut. Deshalb packen sie ihre Texte lieber in raffiniertere Rockmusik, was ich für eine gute Idee halte. „Sowieso drin“ wird gegen Ende dann doch noch zum reinen Punkrock, wenn auch nur kurz.

Auch eher punkig ist „Jenseits von Eden“. Kurz und prägnant: „Meine Oma“. „Idiotensport“ ist wieder frecher, ausgefeilter Rock. „Unter Geier“ ist mit einer Länge von über elf Minuten das Opus der Platte. Hier kommt sogar noch instrumentaler Krautrock mit ins Spiel.

Am Ende steht „Hier“ – Rock mit orientalischem Touch. Da das Thema Inländer und Ausländer behandelt, passt das sehr gut.

Ich mag die musikalische Vielfalt von Die Sterne und dass der Bass nicht nur die Musik unterstützt, sondern in den Songs auch eine treibende Kraft ist. Und ich mag es, wenn Intelligenz auf Musik trifft. Das gefällt mir sehr. (514)

Die Sterne – Hallo Euphoria (2022)

Mit einer zum Teil großen Neubesetzung seiner Band, bestehend aus den Musikern Jan Philipp Janzen, Phillip Tieschle, Dyan Valdés und Max Knoth, präsentiert Die Sterne unter der Führung von Sänger Frank Spieker sein dreizehntes Album. Die Band gehört neben Tocotronic sicherlich zu den bekanntesten Vertretern der Hamburger Schule, und der Song „Was hat Dich bloß so ruiniert“ ist wohl einer ihrer bekanntesten Titel. Bereits dreizehn Alben herausgebracht zu haben, ist beeindruckend, und trotz der Neubesetzungen an den Instrumenten klingt die Band immer noch frisch und zeitgemäß.

Das Album beginnt mit „Stell mir einen Clown zur Seite“, einem Song, der genau so klingt, wie man es von Die Sterne erwartet: Indie-Rock, gut getextet und nach dem typischen Die Sterne-Muster. „Alles was ich will“ ist ein schön lockerer und entspannter Song, den ich sehr mag. Diesen lockeren Indie-Pop-Sound beherrschen Die Sterne wirklich hervorragend, und er macht richtig Spaß – „Spieker immer mittendrin“. Die Musik der CD ist sowohl großartig als auch zeitlos und dennoch aktuell. Die Songs bereiten mir viel Freude, so auch „Die Welt wird knusprig“.

Mal wieder etwas ernster und im klassischen Hamburger-Schule-Stil kommt „Gleich hinter Krefeld“ daher. Das Titelstück „Hallo Euphoria“ ist ein wunderschön groovender Indie-Pop-Rock-Song – ganz großartig.

Da die Melodien stets mitreißend und anders als beim vorherigen Song sind, wird das Album zu einer wahren Freude. Abwechslungsreich und einfach voll guter Songs. Die Euphorie überträgt sich so auch auf die Hörenden, und Kritik fällt mir kaum ein. Ebenfalls sehr gelungen ist „Die Kinder brauchen Platz“. „Niemand kommt unschuldig raus“ erinnert nach dem Anfang etwas an den Sound von Element of Crime, bleibt aber letztlich ein echter Die Sterne-Song.

Funky-Indie-Pop bietet „Ping Pong“, der vielleicht der einzige etwas schwächere Song der Platte ist. Die Ballade „Wir wissen nichts“ im Stil der 60er Jahre ist zwar ambitioniert, überzeugt mich jedoch nicht vollständig. Die ersten acht Stücke haben mich jedoch total begeistert – sodass für mich alles in allem alles gut ist. Ich bleibe ein großer Fan von Die Sterne, auch wenn ich bislang gar nicht so viele ihrer Alben kenne. Da habe ich noch viel Spaß beim Nachhören vor mir. (450)

Sting – The Dream of the blue Turtles (1985)

Dass Sting andere Musik machen wollte, hatte man bereits beim letzten Police-Album „Synchronicity“ (1983) heraushören können. Zwei Jahre später war es dann so weit, und tatsächlich erfindet sich der Bassist und Sänger auch musikalisch mehr als nur ein wenig neu. Auf seinem Solodebüt finden sich Songs, die mehr mit Soul, Jazz, Blues und Art-Rock gemein haben als mit dem Rock- und Wave-Sound der ersten Police-Platten.  
Eine richtige Soul-Nummer ist „If You Love Somebody Set Them Free“. Nach Reggae und ein bisschen afrikanischer Weltmusik klingt „Love Is the Seventh Wave“. Politisch ist „Russians“, ob gelungen oder nicht, darüber lässt sich auch heute noch streiten.  
Erst bei „Children’s Crusade“ bekomme ich jedoch den Sting, den ich über mehr als 25 Jahre richtig geliebt habe. Diesen sanften Art-Pop-Rock und das einfach tolle Songwriting mag ich sehr. Solche Stücke finden sich dann auch auf jedem folgenden Sting-Album wieder. Nur irgendwie hat er mich in den 2000er Jahren als Hörer verloren – oder besser gesagt, danach hat mich das, was er gemacht hat, nicht mehr erreicht.  
Etwas zu simpler Blues-Rock ist „Shadows in the Rain“. Dem folgt mit „We Work the Black Seam“ jedoch ein weiterer Favorit von mir. Dort stimmen Instrumentierung, Gesang und Songwriting einfach perfekt. Danach folgt ein weiteres Blues-Rock-Stück, das live sicherlich durchaus seinen Charme entfaltet, auf Platte heute aber eher schwach wirkt.  
Mittlerweile mehr als überflüssig ist das Titelstück „The Dream of the Blue Turtles“, ein kurzes instrumentales Fusion-Jazz-Stück. Den sanften Jazz von „Moon Over Bourbon Street“ mag ich dagegen immer noch. Ein weiteres Highlight gibt es zum Schluss mit „Fortress Around Your Heart“, das auch gut auf „Synchronicity“ gepasst hätte.  
So ganz gut ist dieses Album leider nicht gealtert. Gute Songs sind aber trotzdem darauf – allerdings sind es im Laufe der Jahre weniger geworden. (277)

Sting - ...Nothing like the Sun (1987)

Das Wiederhören der ersten Soloplatte von Sting, „The Dream of the Blue Turtles“, hat mir doch etwas weniger Freude bereitet, als ich erwartet hatte. Nur wenige Songs konnten mich noch wirklich überzeugen, sodass ich dem Wiederhören dieser Platte nun recht gespannt entgegensehe. Doch bei Betrachtung der Titelliste wäre ich überrascht, wenn es diesmal nicht besser zwischen Sting und mir funktioniert.

Gleich „The Lazarus Heart“ zieht mich in seinen Bann. Der Fusion-Rock, der Elemente aus Rock, Jazz und Pop vereint, ist einfach stark. Auch die Produktion der Platte klingt immer noch toll. Es sind sehr warme und lebendige Klänge, mit denen sich der Ex-Polizist musikalisch einer „So“ von Peter Gabriel annähert, ohne diese zu kopieren. Das liegt sicherlich auch am gemeinsamen Produzenten Hugh Padgham.

Sehr atmosphärisch ist „Be Still My Beating Heart“. Von solchen Songs hat ein Dave Matthews, glaube ich, viel für sich übernommen. Die Mischung aus anspruchsvollem Rock mit Jazz- und Soulelementen gelingt auf diesem Album noch viel besser als auf Stings Vorgängeralbum. Vielleicht musste er erst mit dieser „neuen“ Musik auf Tour gehen, um sich richtig einzuspielen.

Der erste von mindestens zwei Songs für die Ewigkeit ist „Englishman in New York“ – unwiderstehlich.

So richtig will „History Will Teach Us Nothing“ bei mir nie funktionieren, und das liegt daran, dass mich der Refrain, so wie er gestaltet ist, nervt. Dabei hat der Song ansonsten einige wirklich gute Ideen. Aber er ist einfach nicht mein Fall.

Dafür sind „The Dance Alone (Gueca Solo)“ und „Fragile“ meisterhafte Stücke, die ich sehr liebe: sanft, anmutig und mitreißend.

Im Gegensatz dazu finde ich „We’ll Be Together“ einfach nur nervig – schon immer und bis heute.

Überraschend gut gefällt mir hingegen „Straight to My Heart“. Stings Stilmix funktioniert bei solchen Songs wirklich hervorragend. Ich mag besonders die Worldmusik-Elemente. Das Album hat ja neben Jazz- und Reggaeeinflüssen auch einen starken südamerikanischen Touch, der sehr gut zu den Songs passt.

Sehr jazzig, aber dennoch gelungen – wenn auch kein echtes Highlight – ist „Rock Steady“, weil es nicht zu aufdringlich ist und den Hörer nicht direkt anspringt. Lieber höre ich den Jazz etwas melancholischer, wie bei „Sister Moon“, das wirklich eine sehr schöne Nummer ist.

„Little Wings“ von Jimi Hendrix macht Sting ebenfalls sehr schön zu eigen. Das gefällt mir immer noch sehr gut. Netter Abschluss ist die kleine Jazz-Ballade „The Secret Marriage“.

Album Nummer zwei gefällt mir insgesamt viel besser als das erste. Bei beiden Alben stören mich allerdings die Nummern, in denen Sting versucht, den coolen Jazz-Musiker zu geben. Songs wie „We’ll Be Together“ oder „Rock Steady“ mögen live ganz gut funktionieren, auf Platte sind sie jedoch nicht mein Fall. Abgesehen davon bietet das Album wirklich sehr gute Stücke, die ich jetzt wieder gerne öfter höre. Von Mitte der 80er bis Ende der 90er war ich ein großer Sting-Fan. Dann haben sich unsere Wege irgendwie getrennt – aber das muss ja nicht für immer so bleiben. (577)

Strand of Oaks – Heal (2014)

Timothy Showalter ist der Kopf hinter „Strand of Oaks“, und sein Wikipedia-Eintrag rechtfertigt beinahe eine Filmbiografie.

Ich habe die CD aufgelegt, weil der erste Song „Goshen 97“ seit Jahren in meiner Playlist ist und mir als rockig mitreißender Titel immer gefallen hat. Wie klingt also der Rest der CD? Der zweite Song setzt ganz andere Schwerpunkte. Er klingt eher elektronisch, mit Sprechgesang und kräftigen Drums. Gerade das Schlagzeug überlagert vielfach eigentlich gute Songs, denn schon nach dem dritten Stück wird klar, dass ein eher akustischer oder klassischer Rocksound manchen Liedern besser gestanden hätte. Die Drums und elektronisch erzeugten Klänge sind meist zu dominant. Showalter setzt mehr auf Powerpop als auf Folkrock. Das ist schade. Die meisten Songs funktionieren dennoch, allerdings erst beim zweiten Hören. Daher gebe ich eine Musikaufnahme nie nach dem ersten Hören auf – wahrscheinlich liegt das an der Erwartungshaltung beim ersten Durchlauf.

Beim Hören bleibt dennoch ein gemischtes Gefühl zurück – die CD hätte besser sein können. (45)

Street Soul – Respect to R&B, HipHop & Acid Jazz (1995)

Sampler habe ich gerne gekauft, um Musikgenres, die in meiner Sammlung nicht so häufig vertreten sind, doch noch mit Songs zu ergänzen, die ich gerne haben wollte. Genres wie R&B, Hip-Hop und Acid Jazz finden sich in meiner Sammlung wesentlich seltener als Rock (inklusive der dazugehörigen Subgenres), Indie, Pop und Folk. Zwar besitze ich auch einige Soul- und R&B-Titel, aber Hip-Hop und Acid Jazz tauchen bei mir wirklich eher selten auf. Deshalb war dieser Sampler mit zwei gut gefüllten CDs eine schöne Ergänzung.

Fünfunddreißig Songs – da habe ich einiges zu hören und zu beschreiben. Natürlich gibt es auf jedem Sampler auch Songs, die man eigentlich nicht braucht oder haben wollte. Ich glaube, diese CD beginnt gleich mit zwei solcher Lieder. „I’ve Got a Little Something for You“ von MN8 ist zwar nicht wirklich schlecht, aber auch nicht mein Geschmack – obwohl er für eine R&B-Nummer durchaus den „Smooth“-Faktor besitzt. Schlimmer ist hingegen „Humpin’ Around“ – das ist einfach nur Pop, und es gibt viel zu viele Songs, die genauso klingen.

Deutlich lieber höre ich den unbeschwerten Soul-Pop von Dana Dawson mit „3 Is Family“. Zwar ist es auch nur Radiomusik, doch sie tut nicht weh und ist durchaus nett – wenn auch nichts Besonderes.

Mary J. Blige schätze ich als moderne Soulsängerin sehr, und „You Bring Me Joy“ im Smoove Soul Mix ist nicht schlecht, aber sie hat definitiv noch bessere Songs gemacht.

„If You Love Me“ von Brownstone ist eine dieser Soul-Pop-Balladen, wie man sie oft von weiblichen Gesangsgruppen kennt – daher auch nichts Außergewöhnliches.

„Do You Wanna Get Funky“ (Club Vocal Mix) von C&G Factory hat mit seinem tanzbaren Hip-Hop-Beat tatsächlich mehr Qualität als alles, was ich bislang auf diesem Sampler gehört habe.

Schön smooth, soulig und durchaus sehr tanzbar – und sogar recht zeitlos – ist „Hey Mr. DJ“ von Zane. So mag ich meinen Club-Soul.

Der eigentliche Grund, warum ich diesen Sampler gekauft habe, sind allerdings eher die Tracks, die wohl unter Acid Jazz laufen. Für mich haben sie einen Trip-Hop-Vibe und leben von der Verbindung aus Rap-Gesang und Clubsound. „La Raza“ von Kid Frost macht den Anfang.

„Listen Me Tic“ von Ini Kamoze ist zwar etwas eintönig geraten, hat aber einen guten Groove.

Ein absolutes Highlight ist „Don’t Sweat the Technique“ von Eric B. & Rakim. Die Verbindung aus Jazz, Hip-Hop und Rap ist hier einfach hervorragend gelungen. Ich liebe diesen Bassgroove-Sample.

„Freedom“ von Michelle Gayle ist erneut Soul-Pop und ebenso gewöhnlich wie viele solcher Stücke. Dann doch lieber Soul II Soul mit „Love Enuff“ – hier spricht mich der Soul-Club-Mix viel mehr an. Bei Pop-Songs ist es manchmal nur eine Kleinigkeit, die aus einem guten einen schlechten Song macht. Warum der eine für mich gut ist und der darauffolgende eher in die „belanglos“-Schublade fällt, kann ich nicht erklären – und zum Glück ist das bei jedem Hörer auch unterschiedlich.

„Candy Rain“ von Soul for Real bleibt ebenfalls nicht lange im Gedächtnis. Solche Songs gibt es in großer Anzahl. Pop-Soul-Balladen gibt es wie Sand am Meer, und selten ist darunter etwas wirklich Besonderes.

Bei „Games“ von Chukii Booker funktioniert es dagegen – Gesangsleistung und Groove stimmen.

Auch der Soul-Club-Groove von Chanté Moore bei ihrem Song „Love’s Taken Over“ ist sogar noch etwas besser.

Da jedoch eine Pop-Soul-Nummer auf die nächste folgt, wird es mit „Sensitivity“ von Ralph Tresvant wieder langweiliger. Zu viel Schmuse-Soul ermüdet schnell, es sei denn, man schmust dabei.

Auch Songs wie „Free’n You“ von Jodeci leiden darunter, und nur weil „Where Is the Love“ von Will Downing & Mica Paris eine klassische Soul-Ballade ist, die mal ohne moderne Grooves auskommt, lasse ich sie mir als letztes Stück der ersten CD noch gefallen. Am Ende verbleiben auf der ersten CD von den achtzehn Stücken nur sieben in meiner Playlist, der Rest ist verzichtbar.

Die zweite CD beginnt mit „Everyday“ von Incognito – radiotauglicher Soul-Pop, gemischt mit House-Beats, der selbst 1995 nicht mehr wirklich zeitgemäß war.

The Brand New Heavies machen ihren Soul-Pop mit funkigem Bass geschickt zeitlos. Songs wie „Midnight at the Oasis“ können jederzeit im Hintergrund laufen.

Wohl leider nur ein Song eines One-Hit-Wonders, doch „Respect“ von Alliance Ethnik funktioniert einfach immer. R&B, Rap, Pop und French-Funk werden hier perfekt gemixt – und zeitlos. Ein Stück, das niemals aus meiner Playlist verschwinden wird.

Ähnlich verhält es sich mit „Regulate“ von Warren G feat. Nate Dogg. Melodiöser Rap mit Popsong-Qualität, der auch heute noch sehr gut funktioniert. Dieser Song repräsentiert „Smooth Sound“ und „G-Funk“ perfekt.

Guru feat. Soul-Diva Chaka Khan langweilen mich mit „Watch What You Say“ und können mit den beiden zuvor gehörten Liedern kaum mithalten. Die Qualitätsunterschiede auf diesem Sampler sind deutlich spürbar. Viel Füllmusik ist dabei, und dieser Song gehört noch zu den besseren. Auch Adina Howard liefert mit „Freak Like Me“ eher Massenware ab. Höchstens der Refrain funktioniert und bleibt etwas im Ohr – die spätere Coverversion der Sugababes war erfolgreicher.

„Real Love“ von Driza Bone – was soll ich dazu sagen? Eine Soul-Ballade mit Discobeats, wie man sie unzählige Male hört.

Der Funk-Rap-Mix „I’ll Be Around“ von Rappin’ 4-Tay feat. The Spinners mit schönem Soul-Refrain ist dagegen geradezu eine Freude.

Wenig Aufregendes bietet die harmlose Soul-Pop-Nummer „Feel the Goodtimes“ von Charlene Smith. Die vielen ähnlich klingenden Soul-Pop-Songs auf diesem Sampler, die schon durch ihren Gleichklang langweilen, sind ein gutes Beispiel dafür, warum so viele Titel vergessen werden. Es gibt einfach keinen Grund, sich an sie zu erinnern. Das mag den Künstlern gegenüber, die Herz, Können und Hoffnung in diese Songs gesteckt haben, vielleicht ungerecht sein – aber es ist nun mal so: Manche Songs gehen zu Recht verloren, weil sie keinen Platz unter den besseren ihres Genres verdienen.

Immerhin beginnt Charlene Smiths „Feel the Goodtimes“ etwas schwungvoll und mit Spaß, doch auch daraus wird nur ein weiterer harmloser Soul-Pop-Song. Donna Renee’s „Follow“ ist reiner Pop mit leichtem Funk-Groove und ebenfalls wirklich langweilig.

„Fight“ von McKoy bietet immerhin wieder mehr Seele und Groove. Er benutzt auch mehr echte Instrumente, erinnert stimmlich leicht an James Brown, bietet aber letztlich nur Altbekanntes. Dennoch ist der Song nach all dem Mittelmaß zuvor eine willkommene Steigerung.

Mit „Technova (Opaz Remix Edit)“ gelangen wir wieder eher in den Club-Jazz-Bereich, und davon hätte dieser Sampler wirklich mehr verdient. Der Song von Towa Tei funktioniert nach wie vor sehr gut.

„Warm Weather“ von Mother of Pearl ist erneut nur eine weitere Pop-Ballade mit Funk-Anklängen – angenehm als Hintergrundmusik und unaufdringlich.

Wer den Refrain von „Men in Black“ kennt, wird sich vielleicht wundern, wie viel die Macher beim Song „Forgot Me Nots“ von Randy Crawford von diesem Titel übernommen haben. Allerdings stammt auch ihr Original nicht von ihr, sondern von der eher unbekannten Musikerin Patrice Rushen. Hoffentlich hat diese gut an all den Songs verdient, die sich so großzügig an ihrem Original bedient haben. Das wäre ihr zu wünschen.

Ordentlichen Soul liefert Snowboy mit „Lucky Fellow“, und noch besser ist Cunnie Williams, der sich mit „What Is Black Music“ einen festen Platz in meiner Playlist verdient hat. Diese Frage beantwortet er mit diesem Song sehr treffend.

Es fällt deutlich auf, dass viele Songs auf diesem Sampler die Zeit nicht gut überdauert haben, einfach weil sie keine herausragenden Qualitätsmerkmale besitzen. In den dreißig Jahren danach sind zudem viele weitere Songs geschrieben und produziert worden. Einige Titel mag ich aber sehr gerne, und deshalb habe ich diesen Sampler zu Recht behalten. Hier macht nicht die Masse, sondern die Klasse einiger weniger richtig guter Songs den Unterschied aus. (680)

Joe Strummer – 001 (2018) 

Werkschau des Schaffens und des Nachlasses abseits von The Clash auf 2 CDs. Für die Zusammenstellung sind Strummers Witwe Lucinda Tait sowie der Produzent Robert Gordon McHarg III verantwortlich. Für die Neuveröffentlichung wurden die Tracks von Peter J. Moore remastert, und dabei hat er eine tolle Arbeit geleistet – denn für ein Compilation-Album klingt das Meiste wie aus einem Guss, was bei solchen Alben leider nicht immer der Fall ist.

Mit den 101ers fabriziert er echten Rock ’n’ Roll, der sehr gut zu seiner Stimme passt. So klingt „Letsagetabitarockin’“ sehr rockig, und „Keys to your Hart“ ist eine schöne Beat-Rock ’n’ Roll-Nummer, die nach hinten heraus immer mehr Spaß macht. Tolle Entdeckung.  
Mit „Love Kills“ sind wir dann schon in den 80ern angelangt. Eine sehr kantige Pop-Rock-Nummer, die auf dem „Sid und Nancy“-Soundtrack zu finden war. Wirklich starke Nummer. Weitere Soundtrack-Nummern folgen: Der Südstaaten-Folk-Song „Tennessee Rain“ stammt aus dem Film „Walker“ und ist ebenfalls sehr schön. Wie abwechslungsreich sein Werk ist, weiß man ja als „Clash“-Hörer bereits. „Trash City“ ist eine wunderbare Punk-Rock-Nummer aus dem Film „Permanent Record“.

„15 Brigarde“ war eine Single-B-Seite und ist eine Übersetzung eines traditionellen Liedes aus der Zeit des Spanischen Bürgerkrieges. Ethno-Rock mit politischer Botschaft.  
„Ride the Donkey“ stammt von seinem Soloalbum „Earthquake Weather“. Eine schöne Reggae-Nummer. Persönliche Randnotiz: Aus unerklärlichen Gründen war das Album „Earthquake Weather“ das erste Album mit Musik von Joe Strummer in meiner Sammlung. Kurz danach, nachdem die Discobesuche immer mehr zunahmen, gab es dann auch schon die ersten Clash-Songs auf Vinyl bei mir zu hören.  
„Burning Lights“ stammt aus dem Soundtrack des Films „I Hired a Contract Killer“ und ist eine Solo-Rock-Ballade im Stil von Billy Bragg.  
Mit den Pogues hat er unter dem Namen „The Astro-Physicicans“ den Song „Afro-Cuban-Be-Bop“ aufgenommen, eine schöne Folk-Nummer. Das Material dieser Zusammenstellung ist bis dahin schon mal wirklich umwerfend. Ich bin wirklich ziemlich hingerissen, und meine Hochachtung vor Joe Strummer wächst mit jedem Song weiter.  
„Sandpapers“ wurde zusammen mit den Mescaleros aufgenommen und bietet eine schöne Ethno-Note in einer süßen, leichten Pop-Rock-Nummer.  
Unglaublich gute Songs ohne Ende: „Generation“ stammt von einem Compilation-Album namens „Generations 1: A Punk Look at Human Rights“. Statt Punk ist das ein Stück wunderbarer Art-Pop. „It’s a Rocking World“ stammt von dem Album „Chef Aid: The South Park Album“. Rock ’n’ Roll auf Joe Strummer-Art eben. Ein weiteres Stück mit den Mescaleros folgt: „Yalla Yalla“. Egal in welchem Stil er Musik machte, er tat es richtig gut. Diese feine Elektropop-Nummer ist einfach unglaublich. Ich bin begeistert, ja, ich bin es. Mann, ich habe richtig Spaß mit solcher Musik. Es ist irre, dass der Zauber immer und immer wieder funktioniert, wenn der Song gut ist, einen mitreißt und das Lächeln einem aus dem Gesicht meißeln müsste. Und es ist wirklich unglaublich, dass ich fast all diese Songs gerade zum ersten Mal höre. Was man als aufmerksamer Musikhörer doch immer verpasst. Süßer als Honig: „X-Ray Style“. „Johnny Appleseed“ und „Minstrel Boy“ sind Folk-Nummern, wie man sie besser nicht machen kann.

Und es bleibt zum Niederknien gut: „Redemption Song“ zusammen mit Johnny Cash – bei dem merkt man, wie sich Joe Strummers Stimme plötzlich gewandelt hat, oder liegt das am Stil der American Recordings-Produktionsweise? Nein, das mit der Stimme ist auch bei „Over the Border“, aufgenommen mit Jimmy Cliff, deutlich zu hören. Den Abschluss der ersten CD machen noch zwei weitere Songs mit den Mescaleros: „Coma Girl“ und „Silver & Gold / Before I Grow Old“, die nach Joe Strummers Tod im Jahr 2003 posthum veröffentlicht wurden. Und das war erst die erste CD – und wie gut war die denn?

Eine weitere CD mit 12 bisher unveröffentlichten Songs folgt.

Die zweite CD beginnt mit einer Demo-Version des Songs „Letsagetabitarockin“ (Lagerfeuer-Rock ’n’ Roll). „Czechoslovak Song / Where Is England“ ist eine unveröffentlichte Version von „This Is England“. Weiteres unveröffentlichtes Songmaterial folgt mit „Pouring Rain“, „Blues on the River“, „Crying on 23rd“ und „2 Bullets“. Von der Produktions- und Soundqualität befindet sich das alles zum größten Teil im Demo-Aufnahmen-Modus, aber „einfach“ ist ja nicht unbedingt schlechter. Bei „Pouring Rain“ zum Beispiel klingt es live. Bei „Blues on the River“ klingt Strummer wirklich wie Johnny Cash. „Crying on 23rd“ ist ein Garagenrock-Blues. „2 Bullets“ ist ein Stück vom „Sid und Nancy“-Soundtrack – ich schätze, dass Strummer dort nur den Song schrieb und „Pearl Harbour“ ihn spielte.  
Darauf folgen Stücke aus dem Filmsoundtrack des Films „When Pigs Fly“: „When Pigs Fly“, „Pouring Rain“ und „Rose of Erin“. Seine Liebe zur Countrymusik ist auch bei diesen Stücken herauszuhören, aber irgendwie klingt „When Pigs Fly“ auch fast wie ein Beatles-Song. „Pouring Rain“ in der fröhlichen Folk-Fassung gefällt mir richtig gut. „Rose of Erin“ ist sanfter Rock ’n’ Roll mit Folk-Elementen. Den Abschluss der Werkschau machen zwei Songs, die Strummer wohl kurz vor seinem Tod aufgenommen hat: „The Cool Impossible“, eine Jazzrock-Nummer, und „London Is Burning“ – Strummer im Rockmodus. Als Singleauskopplung war das eine gute Wahl. Eine unveröffentlichte Soundtrackarbeit, die er mit Mick Jones gemacht hat, ist „U.S. North“ – eine symphonische Hymne zum Abschluss, wie passend.

Ein Must-have – und ich bin wirklich neidisch auf alle, die diese Songs schon viel, viel länger kennen. (355)

St. Vincent – All Born Screaming (2024)

Ich hatte einmal eine CD von David Byrne und St. Vincent gehört, die mir recht gut gefiel. Danach hörte ich mir auch einige Soloaufnahmen von St. Vincent an, konnte damit jedoch weniger anfangen. Nun versuche ich eine erneute Annäherung an St. Vincent mit der neuen CD.

Hinter dem Namen St. Vincent verbirgt sich die Musikerin Anne Erin Clarke, die ihr siebtes Album auch selbst produziert hat.

Das Album beginnt mit dem Song „Hell is Near“, den ich als treibenden Art-Pop-Rock bezeichnen würde. Der Song dürfte Fans des 4AD-Labels sehr gefallen, da er an vieles erinnert, was dort veröffentlicht wurde. Dabei denke ich sowohl an frühe Shoegaze- und Dreampop-Bands als auch an Dead Can Dance. „Reckless“ gefällt mir in seiner ruhigeren, stimmungsvollen Art sogar noch etwas besser – auch dieser Song weckt bei mir positive Assoziationen zu bekannten Musikstücken und Bands.

„Broken Man“ erinnert mich sowohl an David Byrne als auch an PJ Harvey und klingt härter rockig. Das Album lässt sich nicht vom Art-Rock-Stempel lösen, auch wenn viel Indie-Rock- und Pop-Charme in der Musik von St. Vincent steckt. Dies höre ich besonders deutlich bei dem Song „Flea“, der mir wieder sehr gut gefällt.

Was St. Vincent auf dem Album macht, ist durchaus gelungen und erinnert mich stark an Joan as Policewoman, auch wenn St. Vincent experimenteller und genreübergreifender arbeitet. Bei „Big Time Nothing“ kommen Dancefloor-Beats und Disco-Vibes hinzu. Es gab einmal ein hervorragendes Duo namens Wendy & Lisa, das mich ebenso an diesen Sound erinnert. Wie bei Joan as Policewoman schwingt in der Beschreibung dieses Albums natürlich auch ein Hauch von Prince mit.

Ansonsten lässt sich der Song einfach als „wuchtig“ beschreiben. Ebenfalls recht „fett“, dabei gleichzeitig sanft gesungen, ist „Violent Times“. Da ich es immer schätze, wenn eine Platte beim Durchhören nicht langweilt, sammelt dieses Album jetzt schon einige Pluspunkte – langweilig ist hier nichts.

Zu einigen Drummachine-Klängen wird gefühlvoll gesungen, wodurch das Album ein Stück mehr Seele erhält: „The Power’s Out“. Etwas schräger wird es beim Titel „Sweetest Fruit“. Auch hier erinnert mich die Musik an eine moderne Annäherung an anspruchsvollere Popmusik der 1980er Jahre. Mit Reggae-Groove präsentiert sich „So Many Planets“. Ganz genau weiß ich noch nicht, wie ich die einzelnen Songs und die Musik insgesamt richtig einordnen soll – das wird sich wohl erst beim wiederholten Hören herausstellen.

Power-Art-Pop-Rock mit einem großen Hang zum Zitieren.

Richtig herausragend ist die Zusammenarbeit mit der von mir sehr geschätzten Cate Le Bon am Ende des Albums beim Titelstück „All Born Screaming“.

St. Vincent hat mit diesem Album meine Aufmerksamkeit geweckt, und ich muss ihr viel Können als Songschreiberin und Produzentin zugestehen. Mit ihr bin ich noch nicht am Ende – ich werde mir wohl ein umfassenderes Wissen über ihr Gesamtwerk aneignen müssen. (420)

Sugar – Copper Blue (1992/Reissue 2012)
Deluxe Edition – 2 mal CD + 1 DVD (NTSC)

1992 wollte Bob Mould mit einem neuen Label ein neues Studioalbum herausbringen. Doch während der Aufnahmen entwickelte sich eine Gruppendynamik, sodass aus dem Soloalbum ein Band-Album wurde. Der Sound des Albums passt zum Grunge-Rock dieser Zeit, und Bob Mould gestand, dass das Album ohne „Nevermind“ von Nirvana wohl nicht den Erfolg gehabt hätte, den es nach der Veröffentlichung erzielte – aber wer weiß, vielleicht hätten die Hörer auch sonst die Qualität dieses großartigen Albums erkannt.

Auf der ersten CD finden sich neben dem Originalalbum noch B-Seiten und Live-Material. Die zweite CD enthält einen Livekonzert-Mitschnitt, und auf der DVD sind Promo-Videos sowie TV-Auftritte zu sehen.

Mit „The Act wie Act“ beginnt das Album mit kräftigen Gitarrenriffs. Der Song selbst ist zwar recht laut und von härteren Gitarren geprägt, hat aber auch einen harmonischen Refrain. „A Good Idea“ finde ich großartig – er hat den Drive eines guten Pixies-Songs und macht richtig Laune. Gefolgt wird er vom ebenfalls sehr guten „Changes“. Im Umgang mit Gesangsharmonien im Punkrock-Bereich ist Bob Mould einfach einer der Großen. Warum ich diese Platte so mag? Weil sie aus dem beeindruckenden Katalog von Bob Mould dennoch hervorsticht – weil sie einfach sehr guten Rock bietet. Songs wie „Helpless“ scheinen Bob Mould geradezu aus dem Ärmel zu schütteln.

Verzerrte Gitarren zu Beginn, dann folgt ein weiteres Meisterstück: „Hoover Dam“. Etwas atmosphärischer, aber trotzdem im Rockgewand präsentiert sich „The Slim“. Harmonischer Rock zeichnet „If I Can’t Change Your Mind“ aus. „Fortune Teller“ rockt ebenfalls hervorragend. Und weil Bob Mould solche Songs so gut beherrscht, finde ich Bands wie die Foo Fighters einfach langweilig – sie versuchen Ähnliches, erreichen aber bei Weitem nicht die Klasse und Qualität.

„Slick“ ist ein weiterer mitreißender Song mit tollen Gesangsharmonien. Von vorne bis hinten ist die Platte einfach gut gerockt, so auch der letzte Song „Man on the Moon“.

Das B-Seiten-Material besteht aus „Needle Hits E“ – einem flotten Rocksong, einer Solo-Version von „If I Can’t Change Your Mind“ (sehr schön), „Try Again“ – einer Shoegaze-Rock-Ballade, sowie „Clownmaster“ – einer härteren, instrumentalen Rocknummer.

Bei den vier Stücken der BBC-Studio-Session hören wir noch einmal „If I Can’t Change Your Mind“ als erstes, gefolgt von „Hoover Dam“ und „The Slim“. Als einziger Nicht-Album-Song ist der vierte Song interessant: „Where Diamonds Are Halos“, ein sanfter und richtig guter Rocksong.

CD 2 besteht, wie gesagt, aus einem Live-Mitschnitt aus dem Cabaret Metro in Chicago vom 22. Juli 1992. Ich werde jetzt nicht zu jedem Titel etwas schreiben, sondern nur, wenn mir Auffälligkeiten oder bisher unbesprochene Titel begegnen.

Live machen „A Good Idea“ und „Changes“ auf jeden Fall viel Spaß. Das mir bisher unbekannte „Running Out of Time“ ist eine Punkrock-Nummer. Danach folgen weitere Tracks von „Copper Blue“ (auch hier gefällt mir „If I Can’t Change Your Mind“ wieder richtig gut) und eine der B-Seiten-Nummern. Es folgt das unbekannte „Beer Commercial“ – der rockt von den Gitarren mal richtig gut und wechselt dann in eine Post-Rock-Stimmung. „Anyone“ rockt ebenfalls richtig gut. „Tilted“ startet mit fettem Heavy-Sound und schwenkt schnell in den Punkrock-Modus um. Mit „Armenia City in the Sky“ ist auch ein „The Who“-Cover enthalten, das bei mir allerdings etwas durchfällt. „J.C. Auto“ rockt dagegen rotzig und hart – der Sound von Sugar ist „live“ auf jeden Fall vielschichtiger als auf der Platte. Fast am Ende gibt es noch einen richtig guten Rocksong mit „Dum Dum Boys“.

Die DVD enthält drei Promo-Videos (Helpless, Changes, If I Can’t Change Your Mind) sowie TV-Auftritte mit dem Song „Helpless“ bei der Late Show UK und Interviews für MTV 120 Minutes.

The Sugarcubes - Here Today, Tomorrow Next Week (1989)

Dies ist das zweite Album der isländischen Band um Björk Guðmundsdóttir und Einar Örm Benediktsson. Mit der verspielten, übermütigen Indie-Pop-Nummer „Tidal Wave“ beginnt das Album – Party-Musik auf nordische Art. Den Alternativ-Indie-Sound von Stücken wie „Regina“ setze ich auf eine Stufe mit den bahnbrechenden Werken der Pixies. Beide Bands waren zur gleichen Zeit aktiv und sorgten damit für eine kleine Erschütterung und Erneuerung im Alternativ-Rock-Genre. Menschen wie ich wurden plötzlich Fans lauter und schräger Gitarrenklänge. In den frühen 80ern empfand ich das noch als weniger interessant – da mussten meist Keyboards und Synthesizer dabei sein. Heute hingegen liebe ich den Alternativ-Rock der späten 70er und frühen 80er umso mehr und habe noch jede Menge zu hören und zu entdecken, was ja auch schön ist.

„Speed is the Key“ hat einen schönen 80er-Vibe und erinnert mich sofort an The B-52’s. Mit „Dream TV“ wird es etwas ungestümer und punkiger. Durch den geteilten Gesang von Björk und Einar bleibt der Charme von The B-52’s aber erhalten. Das Verspielte und Stürmische steckt auf jeden Fall auch in „Nail“ voll drin. Atmosphärischer tritt „Pump“ auf. Irgendwie klingen die Cubes wie ein Mix aus all der Musik, für die das 4AD/Beggars Banquet-Label bekannt ist – nur spielen sie diese mit ihrem ganz eigenen, wilden Kindergartenübermut, den sie sich für ihre Musik bewahrt haben.

Schönster Indie-Rock-Pop ist „Eat the Menue“. Genauso kraftvoll geht es mit „Bee“ weiter. Dann wird es wieder etwas wilder mit „Dear Plastic“. Schon sehr im Pixies-Stil ist „Shoot Him“. Mal sanfter kommt „Water“ daher, leicht schräg und punkig wirkt „A Day Called Zero“. „Planet“ erinnert von der Stimmung her an das Stück „Birthday“ vom Debütalbum.

Die drei weiteren Stücke wurden nur als Bonustracks auf der CD ergänzt. „Hey“ ist noch einmal ein überdrehtes, B-52-artiges Stück. „Dark Disco 1“ präsentiert stürmischen Alternativ-Rock, und zum Schluss gibt es mit Björks Gesang ein wenig Rock’n’Roll- und Country-Feeling bei „Hot Meat“.

Eine echte Frischzellenkur für den Alternativ-Rock. (273)

Moses Sumney – Aromanticism (2017)

Mehr Jazz als Indie oder Soul, ambitioniert im Gesang und in der Komposition – erinnert vielleicht auch ein wenig an Prince, wenn dieser mit hoher Stimme sang – doch eigentlich weckt es eher Assoziationen an die große Zeit der Jazzsängerinnen und -sänger in den 40er bis 60er Jahren. Das gilt sowohl für „Don’t bother calling“ als auch für „Plastic“. Beim Song „Quarrel“ ändert sich daran wenig, doch dort fügen sich Gesang und Musik besser zusammen als bei den vorherigen Stücken. Vielleicht war dies einer der wenigen Songs, der die Kritiker aufhorchen ließ und das Album hoch loben ließ.

Ein kurzes Zwischenspiel: „Stoicism“. Anscheinend kann Moses Sumney nur sanfte Töne anschlagen, doch da er es gut beherrscht, funktioniert das bei „Lonely World“ wieder überzeugend. Hier sind zudem Indie-Pop-Fragmente zu entdecken. Es handelt sich um Chamber-Soul und Pop, die einen hohen Anspruch an die eigene Gesangsleistung stellen.

Bedroom Soul findet sich bei „Waiting in my Car“. Dort ist der Prince-Vibe sogar etwas stärker zu hören. Da alles sehr elegant, eher langsam und unaufdringlich eindringlich gestaltet und gespielt ist, entsteht auf dem Album jedoch das Problem eines klanglichen Gleichmaßes. Deshalb kann das Album seine Songs in einer Playlist besser zum Glänzen bringen, als sie in dieser Aneinanderreihung wirken. Als Hörer muss man also geduldig sein oder diese Art von Musik sehr mögen, um nicht schon vor Ende des Albums im Kopf abzuschalten. So setzt sich das Album mit der Eleganz eines stolzierenden Schwans bei „Doomed“, „Indulge Me“ und am Ende mit „Self-Help-Tape“ fort.

Was am Ende bleibt, ist Erhabenheit – vielleicht der Startschuss der Karriere einer großen Diva. Ob Moses Sumney sich damit durchsetzen kann, bleibt abzuwarten. (548)

sunn O))) – sunn O))) (2026)

Drone-Musik mit E-Gitarren bedeutet Wände aus harten, gewaltigen, mächtigen Klängen, die sich jedoch nie zu einer Melodie formen, sondern lediglich aus aneinandergereihten Klangwänden bestehen. Dieses Prinzip, wie es im Stück „XXANN“ zu hören ist, bietet mir – wie so oft bei Drone-Musik – zu wenig, oder besser gesagt, zu viel des Guten. Trotzdem hat Sunn O))) einen gewissen Kultstatus erreicht, und nun ist ihr zehntes Album erschienen, das zugleich ihr Debüt beim Label Sub Pop darstellt. Ähnliche Musik kenne ich von der japanischen Formation Boris, die mir allerdings immer besser gefällt, wenn sie echte Songs spielen und nicht nur laut und unmelodiös sind.

„Does anybody hear like Venom“ ist zumindest kürzer und bietet leicht hellere Gitarrenklänge, die sich vor den harten, langsamen Riffs ausbreiten, dann aber fast verschwinden, wieder auftauchen und erneut vergehen. Die Frage bleibt auch bei diesem Stück: Warum sollte ich das so lange hören, wenn es mir doch so wenig bietet? Als Soundtrack für einen unerträglich düsteren, gewalttätigen und sehr harten Horrorfilm könnte ich mir eine solche Musik hingegen gut vorstellen.

Die beiden Musiker Stephan O’Malley und Greg Anderson erklären, dass ihre Musik der Natur entspreche. Nach dem Erkunden von Wäldern, Hügeln und Tälern vor den Aufnahmen dachten sie, ihre Klänge sollten etwas Urtümliches wiedergeben, das sie in der Natur gefunden haben. Mal ehrlich: Jeder irische Folksong oder vielleicht sogar die Musik von Folktronica-Künstlern oder Leuten wie Mike Oldfield bringt mich der Natur näher als langsam gespielte Metal-Musik. Die Naturbeschreibungen von Sunn O))) auf diesem Album sind bislang einfach nur sehr düster – Sturm, Flut, Weltuntergang – also mehr Urgewalt als die Natur, die ich selbst beim Wandern erlebe. Und ich wandere viel, wenn auch oft durch Städte, wo ich jeweils andere Klänge wahrnehme.

Wer vertonte amerikanische Natur hören möchte, dem empfehle ich lieber das Album „Lost Futures“ von Marissa Anderson und William Tyler. Es klingt nach amerikanischer Landschaft. Wer es lieber mit Rockgitarren mag, dem sei die Musik von „Explosions in the Sky“ ans Herz gelegt.

Nach den ersten Klängen des dritten Stücks mit dem Namen „Butch’s Guns“ habe ich das weitere Hören abgebrochen – ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr.

Warum die Redaktion des Musikmagazins Mojo dieses Album als Feature des Monats ausgewählt hat, weiß ich nicht. Warum es vier Sterne bekommen hat, weiß ich ebenfalls nicht. Aber ich muss ja nicht alles wissen oder alles gut finden. Nur das, was Sunn O))) auf dieser Platte bietet, ist mir auf Doppelalbum-Länge einfach viel zu wenig. Übrigens wusste selbst der Rezensent der Mojo ab Titel vier nicht mehr, was er noch schreiben sollte – er sei verzückt in eine andere Welt übergeglitten. Ich hingegen gleite nun einfach hinaus aus dieser aus düsteren Soundwänden bestehenden Platte. 706

Sun Ra and His Arkestra – Super-Sonic Jazz (1957)

Das dürfte jetzt die älteste Aufnahme sein, die ich hier bisher besprochen habe. Dabei merke ich wieder, dass ich musikalisch ein Kind der Endsiebziger bin, der ab den 80ern begann, aktiv Musik zu hören und zu kaufen, aber kaum Platten aus den 70ern berücksichtigt hatte. Das hat sich zwar im Laufe der Zeit geändert, dennoch liegt für mich aus den 70ern noch einiges im Verborgenen, und von der Musik vor den 70ern sowie dem aufkommenden Rock der späten 60er Jahre kenne ich kaum etwas. Ein paar Jazz-Sachen und vielleicht noch etwas Filmmusik – das war es dann. Deshalb will ich ab jetzt auch mehr hören, was vorher war, denn was davor war, hat das beeinflusst, was danach kam – so ist das immer.

Was mir sofort bei der Platte von Sun Ra and his Arkestra auffällt, ist, dass das erste Stück eher wie klassische Musik klingt, die allerdings von einer Jazz-Bigband gespielt wird: „India“. Im Gegensatz dazu ist das zweite Stück „Sunology“ eher ein klassisches Jazzstück, das von einer großen Band gespielt wird. Der Aufbau ist typisch: Zuerst spielen alle zusammen, dann folgen Soloparts, und zum Schluss erklingt wieder das gesamte Ensemble. Alles ist auf einem sehr guten, wenn nicht sogar hohen Niveau ausgeführt. Das zu dieser Zeit eher selten im Jazz gehörte E-Piano bei „Advice to Medic“ ist recht frei improvisiert. „Super Blonde“ dagegen lässt das Arkestra swingen, kommt dabei aber nicht über Durchschnittliches hinaus. Besser dagegen das kurze Stück „Soft Talk“, bei dem vor allem die Bläser zeigen, was sie können.

„Sunology – Part 2“ führt den sanfteren Jazz von Part 1 gekonnt fort. So wie bei diesem Stück und bei „India“ gefällt mir die Musik der Platte am besten. Ich bin als Jazzhörer eher jemand, der harmonische, ruhige und schöne Stücke mag – wildes Improvisieren ist nicht so mein Ding. Deshalb bin ich auch kein Fan der reinen improvisierten Musik und des Freejazz. Allerdings gibt es auch dort Ausnahmen, die mir durchaus gefallen können. Das etwas temporeichere „Kingdom of Not“ kann mich ebenfalls mitnehmen. Es swingt schön, und die Soli sind sehr gut gespielt.

Sun Ra selbst spielte Klavier und E-Piano (auf späteren Platten dann verstärkt Synthesizer), und bei den eher klassisch anmutenden Stücken wie „Portrait of a Living Sky“ merkt man, dass er durchaus auch außerhalb der Jazznorm Musik macht. Das klingt dann fast wie Filmmusik.

Der Bigband-Jazz-Sound – obwohl die Band mit acht Musikern eigentlich gar nicht so „big“ ist – im normalen Bereich des Jazz ist auf der Platte noch reichlich vorhanden, zum Beispiel bei „Blues at Midnight“. Ebenfalls gut, und hier wieder etwas experimenteller, ist „El is the Sound of Joy“. Das Titelstück „Supersonic Jazz“ klingt wie eine sanfte Saloon-Bar-Jazz-Ballade. Das letzte Stück „Medicine for a Nightmare“ fällt ebenfalls eher konventionell aus. (452)

Supertramp – Supertramp (1970) 

Verwundert musste ich feststellen, dass der in meine Playlist geratene Song „Try Again“ von Supertramp ist, obwohl ich ihn einer ganz anderen Band zugeordnet hatte. Verwundert deshalb, weil „Try Again“ mit über 12 Minuten wie ein Stück einer guten Psychrockband klingt und eben nicht nach Supertramp.

Waren Supertramp also am Anfang noch eine Rockband? Das wollte ich genau wissen.

„Surly“ ist nur knapp über 30 Sekunden lang und sehr sanft. „It's a Long Road“ kenne ich ebenfalls aus meiner Playlist, hatte es aber ebenfalls einer ganz anderen Band zugeschrieben – eine tolle Rocknummer der 70er Jahre mit Progrock-Elementen (habe ich etwa völlig vergessen, dass ich diese Platte schon einmal durchgehört hatte? Alles wirkt seltsam). Der schnelle Rock-Rhythmus wird von einer Orgel angeheizt.

„Aubade and I Am Not Like Other Birds of Prey“ ist wieder ein Stück aus meiner (Kino-)Playlist. Hintergrund: Die Musik im „Kino im Walzenlager“, die das Publikum zu hören bekommt, stammt von gemischten CDs, die extra für diesen Zweck erstellt und auf den Kino-PC übertragen wurden. Bei Vermietungen hätten auch andere Leute darauf Zugriff und hätten Songs übertragen können – daher scheint tatsächlich die ganze Platte hineingeraten zu sein. Auch dieses Stück ist eine Progrock-Nummer.

Weiter geht es mit einem weiteren mir wohlbekannten Song, „Words Unspoken“. Da Supertramp auch mit zwei unterschiedlichen Sängern arbeitet, ist es nicht verwunderlich, dass ich die Songs unterschiedlichen Gruppen zugeordnet habe. Schade, dass Supertramp mit diesen Songs keinen Erfolg hatten – sie waren richtig gut. Also wirklich richtig gut. Dieses Album sollte in keiner Prog-Rock-Sammlung fehlen.

„Maybe I’m a Beggar“ war mir natürlich auch bekannt, ich hatte es den „Grateful Dead“ zugeordnet. Das alles ist sehr, sehr witzig – ich habe die Songs bei der Arbeit alle schon mehrmals gehört und wäre dabei nie auf „Supertramp“ gekommen (ich weiß, ich wiederhole mich).

Von Steppenwolf hätte auch „Nothing to Show“ sein können, das richtig fett rockt. Bevor es mit dem eingangs erwähnten „Try Again“ weitergeht, ist „Shadow Song“ eine ruhige Folk-Prog-Nummer. Mit seinem Psychrock-Sound hatte ich „Try Again“ Motorpsycho zugeordnet, weil der Sound so frisch klingt – obwohl Motorpsycho ja nur in Ausnahmefällen mit Orgeln arbeiten.

Mit „Surly“ beginnt die Platte und endet auch mit „Surly“ – allerdings in einer längeren Fassung. Großes Album. (118)

Supertramp – Indelibly Stamped (1971)

Ich war total begeistert, als ich doch mal das Debütalbum von Supertramp gehört hatte. Damals war die Band noch eine richtige Rockband, die mich sogar an Motorpsycho erinnerte. Leider hatte Supertramp mit diesem Album keinen Erfolg, und so versuchte die Band mit einem Stilwechsel auf dem zweiten Album, erfolgreicher zu werden. Dies gelang ihnen jedoch erst drei Jahre später mit dem nächsten Album.

Da ich das erste, damals wenig erfolgreiche Album aber so sehr mag, warum sollte das beim zweiten nicht anders sein? Ich lasse mich da gerne überraschen.

Mit „Your Popa wouldn´t mind“ gelingt ihnen der Wechsel vom Psychrock zum Rock’n’Roll im Stil von Status Quo – was jetzt aber nicht unbedingt sein muss. Man kann den Song hören, muss man aber nicht.

Dagegen finde ich den sanften Psych-Folk-Rock von „Travelled“ schon viel besser. Sanft ist auch die Singer/Songwriter-Nummer „Rosie has everything planned“. Der Song schrammt ganz knapp am Kitsch vorbei.

Blues-Rock gibt es jetzt auch von Supertramp mit „Remember“. Das Album scheint wohl der Versuch zu sein, jeden Stil einmal auszuprobieren, um dann zu schauen, welcher Song den Hörerinnen und Hörern am besten gefällt. Das sorgt zwar dafür, dass das Album sehr abwechslungsreich ist und zeigt, welche Musik Anfang der 70er Jahre gerade „in“ war, doch es beweist auch, wie verzweifelt die Band nach dem richtigen Weg für sich suchte.

Wenn man einen Song wie „Remember“ im Radio hörte, würde kaum jemand raushören, dass es sich um Supertramp handelt.

Rock’n’Roll in Balladenformat mit Soul-Touch am Ende bietet „Forever“. Bei „Potter“ wird noch einmal gerockt – irgendwie nett, aber man kann den Song auch nicht ganz ernst nehmen, weil er fast schon wie eine Persiflage auf Gruppen wie Steppenwolf wirkt. Die Riffs sind teilweise aber richtig gut.

Mit „Coming Home to see you“ nähert sich die Band dann doch noch ihrem späteren Stil an – vielleicht liegt das auch einfach am Piano. Wenn der Song schließlich zur Dixie-Rock-Nummer wird, geht das „Supertramp-Gefühl“ aber wieder verloren. Auch dieser Song will trotz ausgedehntem Instrumentalteil nicht so richtig ernst genommen werden.

Eine Rock-Ballade im Stil von The Band bietet „Time has changed“ – das mag ich dann doch.

Flott gespielter Folkrock und auch sehr nett ist „Friend in need“. Doch dann schafft es die Band, den Song mit einem albernen Instrumentalteil kaputtzumachen.

Zum Glück funktioniert „Aries“ als Folk-Rock am Ende noch einmal richtig gut.

Am Ende bleiben zwar ein paar gute Songs übrig, doch die vielen unnötigen Albernheiten auf der Platte verleiten kaum dazu, das Album unbedingt noch einmal komplett durchzuhören. Bleiben tun nur einige Einzelstücke in meiner Playlist. 713

Emma Swift – The Resurrection Game (2025)

Die Australierin Emma Swift wurde durch zahlreiche Coverversionen anderer Künstler bekannt. Nun ist ihr erstes Album mit eigenen Liedern erschienen.

„Nothing and Forever“ ist ein Singer-Songwriter-Werk, das an Lana Del Rey erinnert, dabei aber leichter und zugänglicher wirkt – fast schwerelos und traumhaft, ohne dabei traumatisch zu sein. Weich, ohne weichgespült zu wirken – also alles richtig gemacht. Die mittlerweile in Nashville lebende Musikerin hat sich für dieses Album mit lokalen Künstlern zusammengetan, unter anderem mit Spencer Cullum (…Coin Collection).

Sehr viel schwungvoller, dabei dennoch irgendwie überirdisch und traumhaft ist „The Resurrection Game“. Warum ich Emma Swift hier deutlich besser finde als Lana Del Rey, kann ich nicht genau sagen – vielleicht liegt es daran, dass mir Del Reys Stimme einfach nicht gefällt. Ich kann auch mit Mazzy Star nicht warm werden. Vielleicht aber auch, weil diese Art verträumter Musik bei Swift mehr geerdet wirkt oder die Songs musikalisch besser umgesetzt sind. Möglicherweise gelingt es ihr, Herzerwärmendes zu schaffen, ohne in ewige Melancholie zu versinken. Leben bedeutet schließlich auch, Freude zu empfinden – und gerade bei Musik wünsche ich mir das.

Ja, es ist schön, wie Emma Swift Musik macht. Es ist nicht besonders originell – einen Song wie „No Happy Endings“ habe ich schon oft gehört. Aber was soll’s: Wenn der Song trotzdem schön ist, nehme ich ihn einfach als einen von zehn mit. Ich merke, dass ich dieses Album einfach gut finden will, weil ich es gerade irgendwie brauche. Eine neue Künstlerin zu entdecken, ein aktuelles Album zu hören und zu wissen, dass Musik, egal wann sie produziert wurde – gestern oder heute –, in mir etwas auslöst. Im besten Fall, dass ich verträumte Singer-Songwriter-Musik plötzlich doch schätzen kann.

Roots, Country, Folk und Singer-Songwriter – all das passt zu „Going Where the Lonely Go“. Dabei erinnert sie an die ruhigen Stücke des letzten Feist-Albums. Ähnlich fügt sich auch das Stück „Beautiful Ruins“ ein.

Später wird es dann doch etwas einseitig, weil auch die am Klavier gespielte Ballade „Catholic Girls Are Easy“ keine Abwechslung bietet. Auch schön, aber etwas mehr Variation im Tempo würde der Platte gut tun.

Etwas folkiger, dabei aber weiterhin ein zartes musikalisches Gewächs, ist „Impossible Air“. Tempo will hier nicht aufkommen – man muss sich einfach in die Schönheiten der verträumten Balladen vertiefen. Dies ist kein Album zum Rocken, doch der Hörer wird mit viel Schönheit belohnt. Dadurch erhält jeder einzelne Song in einer Playlist noch einmal eine stärkere Wirkung. Einfach schön sind etwa „How to Be Small“ und „For You and Oblivion“.

Auch der letzte Song „Signing Off with Love“ hält die Atmosphäre, die nur das zweite Stück „The Resurrection Game“ kurzzeitig mit etwas mehr Schwung durchbricht. Ein paar mehr Lieder in dieser Richtung hätten dem Album gutgetan. Doch auf diesem Album findet sich vor allem „schöne Musik“ – für Tag- und Nachtträumer. (632)

Taylor Swift – Midnights (2022)

Mit dem Album „Folklore“ hat mich Taylor Swift zum Fan gemacht. Auf diesem Album stimmte einfach vieles, und „Exile“, das Duett mit Bon Iver, ist ein Song für die Ewigkeit. Daher war ich auch auf „Midnights“ gespannt. Was bekam ich?

- Ein Popalbum mit Gesang und viel synthetischem Sound, wie man ihn in aktueller Chartmusik häufig hört. Da wünscht man sich fast gleich die Akustikfassung dazu, um den Song richtig genießen zu können. „Maroon“ klingt eigentlich genau wie ein Song von „Folklore“, nur mit dem Sound von Billie Eilish.

Swifts Stimme hat etwas Besonderes, und sie vermag es, auch sehr persönliche Gefühle auszudrücken (ganz ohne Können und Talent erreicht man solchen Erfolg ja kaum).

Ein Popalbum, bei dem jeder Song als Single ausgekoppelt werden könnte, doch vieles klingt ziemlich ähnlich. Ab in die Charts damit, und schon beim zweiten Hören wird man von diesem anschmiegsamen Sound gefangen. Beim Durchhören des Albums stellt sich ab der Hälfte jedoch eine gewisse Langeweile ein. (36)

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