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Cable Ties - Far enough (2020)

Punkrock aus Australien mit einer starken weiblichen Note durch Frontfrau Jenny McKechnie. Für Punkrock sind die Stücke von Cable Ties teilweise recht lang, und schon beim ersten Lied zeigt Jenny McKechnie mit ihrem zarten Gesang, welche gute Stimme sie hat. Leider wechselt das schnell zu punktypischem Geschrei, was zwar zur Musik passt, mit zunehmender Spieldauer aber auch etwas anstrengend wird, da ich nicht ständig angeschrien werden möchte. Musikalisch bewegt sich das Trio teilweise abseits der üblichen Punkrock-Rotzigkeit. Wenn sie wie bei „Hope“ eher Alternativ- und Garagenrock spielen, gefällt mir das ausgesprochen gut. So bin ich zunächst begeistert von einer weiteren, mir sofort sympathischen Entdeckung. Klasse Songs.

Der Schlagzeug- und Basseinsatz bei „Tell Them Where to Go“ ist ebenfalls spitze. Da klingen sie wie Pearl Jam, wenn diese mal richtig losrocken. Dazu passt auch der zornige Gesang. Musikalisch haben sie wirklich viel drauf und sind in ihrem Sound vielfältig. „Sandcastles“ klingt wie ein Indie-Alternativ-Rock-Stück aus den 80ern, sogar mit etwas Post-Punk-Anklängen. Gleiches gilt für „Lani“ – man kann „alt“ klingen und gleichzeitig unglaublich frisch und neu sein. Die Platte gefällt mir bis hierhin schon ausgesprochen gut.

Ich mag die Rock-Attitüde der Band sehr. Die Melodien könnten manchmal fast von den Who stammen, zum Beispiel bei „Not My Story“. Purer Punkrock ist „Self-Made Man“. „Anger’s Not Enough“ hat eine gute Alternative-Rock-Note, doch hier stört mich der Gesang etwas. „Pillow“ am Ende gefällt mir noch einmal richtig gut, da stellt Jenny McKechnie das Herumgeschreie zum zweiten Mal ein – das sollte sie auf den weiteren Platten öfter machen.

Eine schöne, weitere Entdeckung.

J.J. Cale – Collected (2006)

Die Songsammlung auf drei CDs bietet eine umfassende Werkschau des Musikers J.J. Cale und gibt mir einen ersten größeren Einblick in sein musikalisches Schaffen. Zum Kauf angeregt hat mich die Beschreibung, dass die Songs von Philip Kroonenberg oft mit der Musik von J.J. Cale verglichen werden. Dabei scheint mir jedoch, dass J.J. Cale weit mehr als mein liebster holländischer Songschreiber und Gitarrenspieler dem Blues zugeneigt war – Philip Kroonenberg nähert sich eher dem Folkrock und Americana-Sound.

Die Sammlung präsentiert sein Werk in chronologischer Reihenfolge, sodass die ersten Songs alle vom Debütalbum „Naturally“ (1972) stammen. Von „After Midnight“ sind sicherlich eher die zahlreichen Coverversionen bekannt als das sanfte Blues-Rock-Original. „Crazy Mama“ erinnert tatsächlich an den Country-Rock-Stil eines Ry Cooder und zeigt damit, dass die Musik von J.J. Cale näher an der von Philip Kroonenberg liegt, als die Songtitel vermuten ließen, bei denen ich eher mit Eric Clapton-ähnlichem Blues-Rock gerechnet hätte. Im gleichen Stil folgt „Call Me the Breeze“, allerdings mit etwas mehr Tempo und Rock’n’Roll-Drive. „Magnolia“ beginnt sanft und bleibt eine schöne Ballade, allerdings ist der Gesang in der Abmischung etwas zu sehr hinter den Instrumenten verborgen.

„Crying Eyes“ erinnert mich an Stücke von The Band – sehr angenehm. Die gesamte Platte vermittelt einen entspannten „chilligen Südstaaten-Rock“. Auch diese Art zurückhaltenden Rock muss man erst einmal wagen zu produzieren. Für seinen „laid-back“ Sound war J.J. Cale bekannt.

„Lies“ stammt vom zweiten Album „Really“ (1972). Der Sound erinnert eher an Rock aus Los Angeles. Angesichts der zurückhaltenden Art der Songs ist kaum vorstellbar, wie viel Personal an den Aufnahmen beteiligt war: Bei „Lies“ wirkten 31 Musiker mit. „I’ll Kiss the World Goodbye“ klingt dagegen wieder mehr nach der Musik von Clapton und Steve Winwood. „If You’re Ever in Oklahoma“ präsentiert sich im Countrystyle mit Fiedel, und „Changes“ zeigt sanften Blues. Bei so viel Understatement und der Kürze der Songs fühlen sie sich fast wie ein sanfter Strom an. Langweilig ist das nicht, aber beim ersten Hören bleibt kaum ein Song länger im Gedächtnis haften.

1974 erschien das Album „Okie“. „Crying“ hat einen ungewöhnlichen Rhythmus, der Reggae, Blues und sogar frühe Anklänge von „New Wave“ in sich vereint – ein bemerkenswertes Stück für die damalige Zeit. „Cajun Moon“ kommt dem Clapton-Stil sehr nah und weist bereits viel von dem späteren Hit „Cocaine“ auf. „Okie“ ist eine sanfte Instrumentalnummer, und „Anyway the Wind Blows“ präsentiert sich als Country-Rock im Nashville-Stil.

Mit „Cocaine“ gelangen wir zum 1976 erschienenen Album „Troubadour“. Der Song ist so bekannt, dass ich kaum etwas hinzufügen muss, außer: ein Song für die Ewigkeit. „Traveling Light“ kenne ich ebenfalls, möglicherweise von Eric Clapton gecovert – auch ein starker Song. Wieder präsentiert sich J.J. Cale von seiner entspannten Seite mit „Hey Baby“. Man fragt sich immer mehr, wie sehr Clapton sich bei Cale Inspiration geholt hat – oder ob Cale vielleicht auch von seinem erfolgreichen Freund gelernt hat.

Ein Höhepunkt ist „Cherry“ – ein Stück, das man in dieser Qualität vielleicht sonst nur von Ry Cooder hört, mit dem Cale viel gemeinsam hat. Es macht Spaß, es zu hören. Ebenfalls sehr gut und schön ist „You Got Something“.

Mit „I’ll Make Love to You Anytime“ sind wir im Jahr 1979 angekommen und beim Album „5“. Während um ihn herum Disco und Punk aufkamen, machte J.J. Cale einfach weiter. „I’ll Make Love to You Anytime“ hat dieses „Cocaine“-Feeling, und so hat sich sein Stil kaum verändert. Er blieb sich treu, was zugleich sein Lebensmotto war – und das ist etwas, was mir an J.J. Cale sehr gefällt. Er hat sein Ding gemacht und sich weitgehend aus der Maschinerie der Musikindustrie herausgehalten. Die Freiheit hat er sich mit „After Midnight“ und „Cocaine“ erspielt. Ich mag seine Musik immer mehr – das sind einfach sehr gute Stücke, die von Album zu Album immer besser grooven. „Don’t Cry Sister“ ist richtig gut, in etwa im Groove von „I Shot the Sheriff“ – ein kleiner Diamant.

Nun sind wir bei CD 2 von 3 angelangt, und es wird nicht langweilig, denn J.J. Cale probiert sich immer wieder in anderen musikalischen Gefilden aus. So veredelt sein Sound ein ganzes Orchester in „Sensitive Kind“. Ich bin ziemlich sicher, dass auch Mark Knopfler seine Dosis J.J. Cale gehört hat. Hier ist wirklich mehr Blues zu hören, und im nächsten Song „Thirteen Days“ klingt er fast schon wieder wie Clapton. Eine schöne Ballade ist „Mona“.

Mit „Carry On“ erreichen wir das Jahr 1981 und das Album „Shades“. Sanfter Country-Rock trifft wieder auf den Stil von Dire Straits. Den Song kannte ich auch bereits. Der Nashville-Sound dominiert das Album, ebenso wie zahlreiche Gastmusiker wie Jim Keltner und Leon Russell. „Mama Don’t“ ist reiner Country-Rock und wirklich etwas für Mark Knopfler-Fans, ergänzt durch einen tollen Instrumentalpart. Guter Rock und Blues finden sich in „If You Leave Her“.

Ein Jahr später, auf dem Album „Grasshopper“ (1982), fällt „City Girls“ etwas kitschig aus, während „Don’t Wait“ wieder rockiger klingt. Die Produktion ist aufwendig, die Songs sind insgesamt recht kurz. So kommt auch „Downtown L.A.“ lässig und beinahe jazzig daher, was wirklich gut zur Musik von Philip Kroonenberg passt. „Devil in Disguise“ ist landesgeprägter Country-Rock mit viel Schwung. Das letzte Stück von „Grasshopper“ ist das Titelstück selbst – ein Instrumental mit Congas, das hervorzuheben ist.

Die Songs vom Album „#8“ aus dem Jahr 1983 beginnen mit „Money Talks“ – guter Rock mit leichtem Bluesansatz. Ich wiederhole: Wer Dire Straits mag, wird dies ebenfalls mögen. Gleiches gilt für „Hard Times“. „Teardrops in My Tequila“ zeigt, wie schön die Verbindung von Country und Blues sein kann – schlicht genial. „Trouble in the City“ schließlich präsentiert sich als Garagen-Blues-Rock.

Nach einer Pause bis 1989 erschien „Travel Log“. Auf der CD zu hören ist „Change Your Mind“ – ein Americana-Song, der genauso von Philip Kroonenberg stammen könnte. Mit diesem Stück ist der Vergleich für mich endgültig positiv gerechtfertigt. Auch „Lady Luck“ ist großartig, solche Songs höre ich immer wieder gern. Sie sind gut, unaufgeregt und vor allem hervorragend gespielt.

Von weiteren Alben J.J. Cales sind danach nur noch wenige Stücke in der Sammlung enthalten. Von „Number Ten“ (1992) ist „Lonesome Train“ vertreten – wieder sehr entspannter Rock. „Jailer“ ist richtig gut, und ich werde wohl nicht umhinkommen, mir noch mehr Alben von J.J. Cale zuzulegen – sicher gibt es dort noch viele gute Songs zu entdecken.

Vom Album „Closer to You“ (1994) ist nur der Song „Borrowed Time“ enthalten, der die zweite CD abschließt. Auch das ist ein großartig gespielter und komponierter Song, außergewöhnlich schön.

„Low Down“ stammt vom Album „Guitar Man“ (1996) – eine schöne Country-Rock-Nummer. Man könnte J.J. Cale durchaus den Meister des sanften Country-Blues nennen. „Guitar Man“ ist Wüsten-Rock auf seine Art. Auch hier gilt: Wer die Musik von Mark Knopfler liebt, wird auch J.J. Cale mögen.

„Stone River“ vom Album „From Tulsa and Back“ (2004) klingt etwas erdiger als sein Spätwerk. Doch J.J. Cale schafft es weiterhin, einem Genre, das eigentlich wenig Abwechslung bietet, immer wieder gute Songs hinzuzufügen. „Stone River“ ist sicherlich einer davon. Gleiches gilt für das wunderbare „The Problem“ – eine großartige Americana-/Roots-Nummer.

Die nächsten Songs stammen von der Sammlung „Anywhere the Wind Blows“ (1997). „Midnight in Memphis“ ist eine Blues-Rock-Nummer, in der J.J. Cale sein Gitarrenspiel als Instrumentalsong ausspielt. Dabei bleibt er der Typ, der sich nicht in den Vordergrund drängt und seinen Mitmusikern viel Raum lässt. „Woke Up This Morning“ – bei so vielen Songs zur Qualität der Musik braucht man dazu fast nichts mehr zu sagen. Beim Gesang ist er nur etwas zu sehr in den Hintergrund gemischt, doch das Stück ist wieder sehr gut gespielt. Weitere gute instrumentale Westküsten-Rock-Nummern sind „Durango“ und „Things Ain’t Simple“ – letzterer ein sanfter Roots-Rock-Song.

Der erste Livetitel der CD ist „Wish I Had Me a Dollar“. Hier klingt J.J. Cale wieder ganz nach Ry Cooder – entspannter, „laid-back“ Rock. „Santa Cruz“ ist die letzte Studioaufnahme des Albums, danach folgen nur noch Live-Stücke, die meisten davon von der „2 Meter Session“. Damit besteht eine weitere Verbindung nach Holland, denn die „2 Meter Sessions“ werden für den niederländischen Rundfunk produziert.

Die live gespielten Songs sind: „Cocaine“ (vielleicht schon etwas zu lässig gespielt), „After Midnight“ (eine unwiderstehliche Version), „Call Me the Breeze“, „Travelin’ Light“, „Tijuana“, „Hold On“, „Rose in the Garden“, „After Midnight“ (noch einmal), „Ride Me High“ und „Devil in Disguise“.

Wer sich von dieser 3-CD-Collection nicht überzeugen lässt, ein J.J. Cale-Fan zu werden, dem kann ich auch nicht helfen – ich bin jetzt einer.

The Call – Reconciled (1986)

Auf „The Call“ wurde ich durch das Lesen einer alten Musikzeitschrift aufmerksam – Peter Gabriel hielt große Stücke auf diese amerikanische Rockband und nahm sie in den frühen 80er-Jahren mit auf Tour. Bei diesem Album ist er neben Robbie Robertson und Jim Kerr als Gastmusiker vertreten. Dieses vierte Album gilt als das erfolgreichste der Band, die sich nach ihrem neunten Album im Jahr 2000 auflöste.

Die Band bestand bis zur Auflösung aus Michael Been (Gesang, Bass, Keyboard), Tom Ferrier (Gitarre), Scott Musick (Schlagzeug) und John Goodwin (Keyboards).

Im Jahr 2024 sicherte sich die Band die Rechte an diesem Album sowie an dem ein Jahr später erschienenen Album „Into the Woods“ und veröffentlichte beide über Bandcamp neu. Das Frühwerk der Band (1980–1985) ist mittlerweile etwas schwerer zu bekommen, hier hilft meist nur der Gebrauchtmarkt.

Leider habe ich den Fehler gemacht, kurz vor dem Schlafengehen in die Platte hineinzuhören, bevor ich richtig mit dem Durchhören begann – auch weil ich zu neugierig war. Ich war ein wenig überrascht, fast erschrocken, dass mich die einzelnen Songs, in die ich kurz hineingehört hatte, nicht überzeugten. Dabei wusste ich, dass es Lieder der Band gab, die mir gefallen hatten.

Also hörte ich eines der früheren Alben über Spotify erneut, das ich auch durchgehört hatte, nachdem ich den besagten Artikel in der Zeitschrift „Sounds“ über The Call gelesen hatte. Deshalb wird dies hier eine Mehrfachbesprechung:

The Call – Modern Romans (1983)

Was an The Call interessant ist: Für eine amerikanische Band hatten sie den damals englischen New Wave vollständig verinnerlicht und mit der Dynamik von Rock und Pop vermischt. So ist „The Walls Come Down“ ein Partysong für New-Wave-Fans. Er nimmt einen mit und ist für 1983 gut produziert.

Man hört auch, dass Michael Been ein geborener Frontmann ist – er klingt dabei fast schon punkig ungestüm. Sein Gesang könnte an manchen Stellen etwas zurückhaltender sein, funktioniert aber bei dem Postpunk-Stück „Turn a Blind Eye“ grandios.

Darauf folgt eine weitere New-Wave-/Rock-Nummer, bei der nur der Refrain nicht ganz überzeugt: „Time of Your Life“. Ein Rocksong mit Punk-Attitüde – „Modern Romans“.

Atmosphärisch gehalten und eher im Post-Punk-Bereich angesiedelt ist „Back from the Front“. „Destination“ ist trotz seines rockigen Charakters als fast instrumentales Stück recht simpel geraten und hat die Zeit nicht so gut überstanden wie das zuvor gehörte Material.

Das langsame „Violent Times“ trifft wieder eher meinen Geschmack. Das ist schon Artrock.

Wenn es schon fast nach Punkrock klingt, entwickelt die Band eine beachtliche Energie, die Spaß macht. So auch bei „Face to Face“. Der Mix aus Alternative-Rock, Punk und Post-Punk macht The Call zu etwas Besonderem. Auf diesem Album funktioniert das sehr gut.

Der eher gradlinige, aber etwas härter gespielte Rocksong „All About You“ eignet sich gut als Single, da er ein breiteres Publikum anspricht.

Das Album funktioniert insgesamt noch sehr gut und bereitet Rock- und New-Wave-Fans der 80er Jahre große Freude beim Hören.

Ein Jahr später erschien das Album „Scene Beyond Dreams“ (1984). Hier fällt gleich beim Titelstück auf, dass die Melodie viel poppiger ist als alles vom Vorgängeralbum. Nur der ungestüme, überbetonte Gesang von Michael Been bleibt, was in der Kombination allerdings etwas nerven kann, da Been es mit seiner Theatralik übertreibt.

Bei „The Burden“, das wieder mehr im rockigen New-Wave-Modus gehalten ist, funktioniert der Rock von The Call besser. Die Keyboardmelodie ist hier ebenfalls sehr mitreißend. Man muss allerdings den Sound der 80er mögen, um dies auskosten zu können, denn die Effekte wirken oft etwas übertrieben und sind heute schwer aus der Zeit gefallen. Viele Stilelemente aus den 70ern sind besser gealtert.

Ganz gut kommt das Pop-Rock-Stück „Tremble“ an, da The Call hier ihr musikalisches Können an den Instrumenten zeigen. Der Song hat durchaus Hit-Potenzial.

Tatsächlich scheint die Band mit den Songs dieses Albums ein breiteres Publikum erreichen zu wollen. Auch „Delivered“ ist wieder mehr Rock mit einem eher poppigen New-Wave-Anteil. Hier hört man sogar einige „New Romantic“-Einflüsse, die The Call sehr rockig darbieten.

Auch „Heavy Hand“ weist einen fast schon leichten Pop-Rock-Ansatz auf. Das Soundkostüm der frühen 80er Jahre können The Call allerdings nicht ablegen. „Heavy Hand“ wird zum Teil zur Karikatur seiner selbst, da versucht wird, amerikanischen Partyrock mit Synthpop der 80er zu verbinden – was am Ende leider nicht so gut funktioniert.

Poppige Synthesizermusik wird auch mit munterem Partyrock im Stück „Promise and Treat“ geboten. Dort gelingt die Mischung besser und der Song macht durchaus noch Spaß, wenn man diesen Stil mag.

Etwas Melancholie tut den Songs von The Call einfach gut. Wenn die Musik schon fast wie Düsterrock wirkt, funktioniert auch der Gesang von Michael Been am besten. Das ist wohl vergleichbar mit Bands wie „Twilight Sad“ und „Joy Division“ – ein bisschen Wahnsinn gehört wohl dazu, um das Außergewöhnliche zu schaffen. So ist „One Life Leads to Another“ wirklich der beste Song des Albums.

Vom Titel her müsste auch „Apocalypse“ gut funktionieren, doch dahinter verbirgt sich ein zu Beginn mit Akustikgitarre gespielter Singer-Songwriter-Song. Wer hätte das erwartet? Da Been hier wie ein Folksänger singt, ist das aber ganz gelungen und vielleicht der „zeitloseste“ Song der Platte.

„Notified“ schließt das Album mit New-Wave-Rock ab. Auch dieses Album ist durch­weg kurzweilig und gut zu hören.

Dann sind wir bei „Reconciled“ (1986) angekommen. Das Album beginnt mit dem Rocksong „Everywhere I Go“, der mit Keyboards unterlegt ist und richtig mitreißt. Der Gesang gefällt mir hier sehr gut und erinnert mich an den Sound von „Twelve Drummers Drumming“, jener deutschen Band, die wie The Call ihr Glück mit New-Wave-Stücken begann und mit dem zweiten Album mehr wie Simple Minds klang. Das versuchen The Call mit dieser Platte ebenfalls. Zwar nicht immer klar hörbar, aber bei diesem Stück singen Jim Kerr und Peter Gabriel mit.

Der wohl größte Hit der Band ist „I Still Believe (Great Design)“. Hier wird wirklich im Stil der Simple Minds gerockt. Man muss sich nur am Gesang von Michael Been gewöhnen, was mir inzwischen gelungen ist. Jetzt macht mir die Platte und die Songs richtig viel Spaß. Meine Empfehlung: zuerst etwas 80er-Feeling tanken und dann diese Platte hören. Denn der anfangs als fast unerträglich veraltet klingende Sound hat inzwischen seinen ganz eigenen Charme. Die CD muss ich also nicht mehr gleich wieder weglegen.

Bei „Blood Red (America)“ erinnert der Sound dagegen eher an Duran Duran als an Simple Minds.

Ganz geradlinig rockt „The Morning“ und „Oklahoma“ klingt schon richtig amerikanisch und besitzt fast die Power eines INXS-Songs.

Auch „With or Without Reason“ bleibt im kraftvollen, gradlinigen Rock. Die Instrumentalparts bei diesem Song sind sehr beachtlich.

Stark rockender Bass zu Beginn von „Sanctuary“ lässt den Sound nochmal an New Wave erinnern und das ist noch einmal ein richtig guter Song.

Pop-Rock bietet „Tore the Old Place Down“ – das hat schon etwas von den Hooters.

Der New-Wave-/Rock-Mix, für den The Call bekannt sind, kommt am Ende der Platte mit „Even Now“ noch einmal zum Tragen. Ich bin dann doch beruhigt, dass ich mich beim ersten Hören nicht getäuscht hatte – das ist wirklich Musik für mich. Man muss sich nur etwas stärker in den Sound der frühen 80er hineingrooven.

Und wenn man noch nicht genug hat, kann man auch das Debüt von 1980 hören: „The Call“.

Wenn einem das zuvor Gehörte gefallen hat, macht auch das Debütalbum genauso viel Spaß wie die drei darauffolgenden.

So klingt beispielsweise der erste Song „War-Weary World“. Als zweites folgt ein lupenreiner 80er-Jahre Pop-Rocksong von der Sorte, von der es einfach viel zu viele gibt: „There’s a Heart Here“. Sicherlich war dieser damals sehr hitparaden- und singlefreundlich, doch ist er auch ein Song von vielen.

„Doubt“ ist eher ein Rocksong und als solcher gut gelungen. Fast schon Blues. Schwungvoll und etwas im Partymodus ist „This is Life“ – erinnert wieder etwas an die Hooters.

Auch „Fulham Blues“ ist eher gradliniger Rock. „Who’s That Man“ enthält etwas Reggae-Anklänge, hier kommt der Hang zum eher britischen Sound der frühen 80er Jahre zum Vorschein. Deshalb hat die Band ihr Debüt auch in England aufgenommen und ist dort auf Tour gegangen.

Danach wird geradlinig weitergerockt: „Upperbirth“. Das war die richtige Entscheidung, mich mit dem zweiten Album an The Call heranzutasten, denn dort klingen sie wesentlich interessanter und vielfältiger. Ich weiß nicht, ob ich nach dem Hören des Debüts noch direkt Lust gehabt hätte, weitere drei Alben zu hören.

Einfach nur Rock: „Bandits“. Und sogar sehr amerikanisch: „Flesh and Steel“.

„Unbearable“ ist überraschend näher am Punkrock – dieser kurze, kraftvolle Song macht ebenfalls Spaß.

Mit „Waiting for the End“ wartet noch ein richtiges Highlight auf den Hörer. So bekommt dieses eher durchschnittliche Debüt am Ende einen guten Abschluss. (628)

Terry Callier – What Color ist Love (1972/Vinyl)

Callier, ein Kindheitsfreund von Curtis Mayfield, machte seit den frühen 1960er Jahren Musik – Singer/Songwriter-Musik, Soul und Jazz. Drei Alben, die er für das Cadet-Label produzierte – „What Color is Love“ ist das zweite davon – erhielten zwar sehr gute Kritiken und brachten ihm mehr Aufmerksamkeit ein, doch der kommerzielle Erfolg blieb aus. In den späten 1970er Jahren versuchte er es mit Disco-Sound, doch auch hier blieben größere Verkäufe seiner Alben und Singles aus. Daraufhin zog er sich aus dem Musikgeschäft zurück, bis englische DJs in den frühen 1990er Jahren seine Musik wiederentdeckten. Im Urlaub ging er auf Clubtour – sein Name wurde nach und nach wieder bekannter – und bis zu seinem Tod im Jahr 2012 veröffentlichte er noch mehrere weitere CDs. Terry Callier war ein Musiker von vielen, der seinen späten Erfolg wenigstens selbst miterleben konnte – anders als andere Künstler, die erst wiederentdeckt werden, nachdem ihre Karriere schon lange vorbei ist.

„What Color is Love“ habe ich entdeckt, als ich auf der Suche nach guten Soul-Platten aus den frühen 1970er Jahren war. Beim Anspielen verschiedener Alben blieb ich bei diesem hängen und legte mir die Vinyl-Reissue zu. Die LP umfasst nur sieben Stücke, davon sind sechs länger als fünf Minuten – Single-Material hat Callier hier also eher nicht produziert. Auch an Musikern fehlte es der Produktion nicht, denn ein halbes Orchester mit Cello, Violinen, zahlreichen Blasinstrumenten und Schlagwerk wurde hinzugezogen.

Seinen Big-Band-Soul singt Terry Callier mit einer meist kräftigen Stimme, die an Tom Jones erinnert, aber auch sanft von Liebe erzählen kann. Das Gute an unbekanntem Songmaterial ist, dass es zwar alt, aber gleichzeitig völlig neu für den Hörer ist, auch wenn die Stücke mehr als fünfzig Jahre alt sind. Gerade beim Soul ist es schön, nicht immer die gleichen Standard-Hits in neuen Aufnahmen serviert zu bekommen. Bei Callier ist alles sein eigenes Material, auch wenn es bei dem einen oder anderen Stück ein oder zwei Co-Autoren gibt.

Die Platte überzeugt also dank guter Eigenkompositionen, groß angelegten Orchesterarrangements mit Chorbegleitung und einer gewissen Zurückhaltung. Vielleicht liegt das auch daran, dass Terry Callier zu Beginn der Platte Folkelemente einbaut. Und was für eine Soul-Platte immer gut ist: Sie ist abwechslungsreich. (86) (86)

CAN – Delay 1968 (1981)

Erst 1981 wurden die ersten Studioaufnahmen von CAN veröffentlicht. Diese waren zuvor von der Plattenfirma für eine Veröffentlichung abgelehnt worden, weshalb das Debütalbum erst mit den Studioaufnahmen von „Monster Movie“ erschien. Dennoch zeigen auch die frühen Aufnahmen bereits das große Potenzial der Band und verdeutlichen, warum ich CAN als eine der ersten „alternativen Rockbands“ sehe.

„Butterfly“ schlägt sofort mit großer Wucht und Wildheit auf den Hörer ein, ähnlich einem frühen (Post-)Punksong. Dabei weiß man kaum, wie einem geschieht. Der Sprechgesang des damaligen Frontmanns Malcome Mooney wirkt eher befremdlich, und das Stück ist für seine Zeit wirklich untypisch – eben Musik aus der Zukunft. „PNOOM“ ist mit einer Länge von 28 Sekunden ein kurzes Avantgarde-Jazzstück. Mit „Nineteen Century Man“ folgt ein Beat-Rockstück, das an die Songs der „Doors“ erinnert. Mooney singt dabei nicht wie Jim Morrison, sondern klingt eher wie James Brown. „Thief“ ist ein echter, früher und wunderbarer Alternativrock-Song, der bereits teilweise an „The Cure“ und andere spätere Bands der alternativen Szene erinnert. „Man Named Joe“ ist ein weiterer ungestümer Beatsong, der in die Kategorie „lustig/verrückt“ fällt.

„Uphill“ ist ein stetig vorantreibender Rocksong und einer der typischen „monoton, aber auf verdammt hohem Niveau“-Songs der Band. Mit „Little Star of Bethlehem“ endet die Platte mit einem sehr gelungenen End-60er-Rocksong.

Für CAN ist dieses Album kein ungewöhnliches Werk. Für die Zeit, aus der es stammt, ist es jedoch auf jeden Fall etwas ganz Besonderes. Es ist gut, dass die Songs schließlich doch noch verspätet veröffentlicht wurden. (327)

CAN – Live in Stuttgard 1975 (2021)

„Live in Stuttgart“ ist die erste kuratierte Veröffentlichung eines Konzerts von CAN aus dem Jahr 1975. Viele weitere Konzertmitschnitte werden darauf folgen. Das Konzert ist in fünf Teile unterteilt, die jeweils keinen eigenen Titel tragen.

Die Band, bestehend aus Irmin Schmidt, Holger Czukay, Jaki Liebezeit und Michael Karoli, eröffnet das Konzert mit atmosphärischen Klängen. Orgel, leichtes Saitenzupfen und ein leiser Schlagzeugeinsatz schaffen eine ruhige Grundstimmung. Bass und Gitarre sind zurückhaltend gespielt. Die Intensität steigt langsam an, bis der eindringliche Schlagzeugrhythmus des von mir sehr geschätzten Jaki Liebezeit den Song trägt, begleitet von Bass und Gitarre.

Es macht riesigen Spaß, dem zuzuhören, weil es so gut gespielt ist und die Spannung stetig zunimmt. Dabei unterscheidet sich die Musik deutlich vom herkömmlichen Rock der siebziger Jahre, da sie eine Mischung aus Krautrock und Progressive Rock darstellt. Für mich ist es schlicht Alternativrock, fast schon Postrock, wie ihn auch heute noch Thurston Moore spielt. Die Doors klangen bei ihren Livekonzerten ebenfalls ein wenig so. Die Aufnahme dieses Livekonzerts ist von hervorragender Qualität – alles klingt sehr authentisch. Dass das Stück 20 Minuten lang ist, stellt für mich kein Problem dar, denn sobald man vom Rhythmus gefangen ist, möchte man sich darin verlieren. Jede Variation, jedes Detail im Zusammenspiel der Band und jede Ergänzung durch Klangelemente machen das Stück zu großartig gespielter Musik.

Der vierzehnminütige zweite Teil wirkt von Anfang an beschwingter und leichter. Die Gitarre klingt fast fröhlich, und auch Schlagzeug- sowie Bassrhythmus verleihen dem Stück eine angenehme Leichtigkeit. Can laden zu einem Tänzchen ein. Dann wird es ruhiger: Das Schlagzeug setzt kurz aus, während die Stimmung durch einen intensiveren Gitarreneinsatz rockiger wird. Auch das steigert meine Begeisterung für das Konzert weiter. Nach sechs Minuten nimmt die Musik progressivere Züge an und entwickelt sich bis zum Finale in ungestüme Klangwelten. Mir gefällt die Musik bis zur sechsten Minute zwar besser, doch als Rockmusik der siebziger Jahre funktioniert das Stück dennoch sehr gut.

Der dritte Teil dauert mehr als dreiunddreißig Minuten und beginnt sehr dynamisch und kraftvoll. Die Klänge bilden ein Soundbild, das damals außergewöhnlich war und heute Indie-Rock, Alternative-Rock, Postrock und Jazz in sich vereint. Deshalb sehe ich CAN eher in den Genres Indie und Alternative als im Krautrock. Das geniale Instrumentenspiel mit seinen großartigen Rhythmen könnte ich mir sogar noch länger als dreiunddreißig Minuten anhören, sofern es in der hier gezeigten Qualität gespielt wird – das liebe ich einfach. Im Mittelteil nimmt das Stück einen Prog-Rock-Charakter an. Bis dahin wird es vor allem vom Schlagzeug und Bass getragen, in der Mitte übernehmen Gitarre und Orgel mehr Verantwortung und verlängern das Stück für meinen Geschmack etwas zu sehr. Doch wie konsequent CAN dabei sind, ist wiederum beeindruckend. Qualitativ ist alles hervorragend gespielt. Daher ist diese neue Reihe von Live-Alben von CAN für mich ein Pflichtkauf, denn so etwas höre ich viel zu selten, und aktuelle Künstler bieten so etwas kaum noch an. Auch das Ende des Abschnitts zieht sich für mich etwas zu lange, doch hier beeindruckt erneut die Furchtlosigkeit von CAN. Es ist zu viel, aber bei CAN auch zu viel Gutes.

Der vierte Teil beginnt als sanfte Rocknummer. Wenn das so bliebe, wäre ich begeistert, denn trotz der etwas unausgewogenen Aufnahmequalität gefällt mir die Musik sehr. Doch das Stück dauert ebenfalls zehn Minuten und entwickelt sich schon zur Hälfte der Spielzeit zu einem stürmischen Finale. Auch hier wird es gegen Ende hin wieder anstrengend. Bei CAN scheint es bei ihren Live-Darbietungen so zu sein, dass sie ihre Stücke nach einem guten Beginn am Ende oft in haltlose, unmelodische Improvisationen verlieren. Trotz des großen Spaßes, den ich am Stück habe, bleibt das Gefühl, dass alle Stücke kürzer hätten sein können, ohne darunter zu leiden.

Der fünfte Teil ist sogar unter zehn Minuten lang und könnte vom Rhythmus her als Krautrock-Blues bezeichnet werden. Es ist eher Jazzrock, und irgendwie scheint auch beim letzten Stück der Schwung ein wenig nachgelassen zu haben, da das Tempo zunächst recht gedrosselt ist, später aber nach etwa fünf Minuten nochmals anzieht. Wir nähern uns dem großen Finale des Abends.

Insgesamt ist ein CAN-Konzert etwas Besonderes. Die Musiker beherrschen ihre Instrumente hervorragend und sind in vielerlei Hinsicht Wegbereiter des Alternativen Rocks. Dass ihre Konzerte damals völlig instrumental waren, war mir bisher nicht bekannt. Gerne höre ich mir auch weitere Liveaufnahmen aus dieser neuen Reihe von CAN-Veröffentlichungen an, von denen es mittlerweile schon eine ganze Menge gibt. (630)

Jim Capaldi – Oh how wie danced (1972)

Auf Jim Capaldi bin ich nicht wegen seiner Zugehörigkeit zur Band „Traffic“ aufmerksam geworden – obwohl ich Steve Winwood sehr mag und so auch durch ihn auf Capaldi hätte stoßen können. Tatsächlich bin ich auf Jim Capaldi über mein Hören von vierundzwanzig Singles im Dezember gekommen. Dabei nehme ich als eine Art Single-Adventskalender blind vierundzwanzig Singles aus einer Bananenkiste, die ich einmal gekauft habe, und höre dann jeden Tag eine davon. Diese sind meine Adventssingles. Vor zwei Jahren waren dort auch zwei Singles von Jim Capaldi dabei, und so bin ich auf ihn gestoßen. Es wird Zeit, mich näher mit ihm zu befassen.

Während „Traffic“ wegen gesundheitlicher Probleme von Steve Winwood pausierte, nahm Capaldi dieses erste Soloalbum auf. Ein Stück, „Open your Heart“, stammt dabei aus der letzten Studiosession von Traffic. Zusammen mit Chris Blackwell hat Capaldi das Album produziert. Dabei halfen zahlreiche Gastmusiker sowie die Bandkollegen von Traffic mit.

Die sanfte Rock-Ballade „Eve“ ist ein ganz ordentlicher Einstand, auch ein bisschen bluesig und soulig, und sie steigert sich zum Ende hin schön. Mit dem sanften Rock geht es auch bei „Big Thirst“ weiter. Das Stück könnte eine Joe-Cocker-Nummer sein oder er hätte es wunderbar singen können. Auch das ist gut gelungen. Alles in allem ist das typisch 70er-Jahre-Rock, orientiert am Sound der amerikanischen Westküste. Vielleicht war Jim Capaldi deshalb mit seiner Platte in den USA erfolgreicher als in seiner englischen Heimat.

Country-Blues-Rock bietet „Love is all you can try“. Blues-Rock im Traffic-Stil gibt es bei „Last Day of Dawn“. Ich finde, die Musik von Bands und Musikern, mit denen Steve Winwood und Eric Clapton zusammenarbeiteten, klingt oft ähnlich. Das ist Musik, die heute kaum noch die vorderen Plätze in der Popmusik erreicht, aber von Fans des Blues-Rock-Genres immer noch gefeiert wird, besonders wenn die alten Helden wieder auf Tour gehen. Auch die junge Generation von Blues-Musikern profitiert von den Erfolgen dieser Stars und kann sich auf der Bühne mindestens ebenso behaupten.

Die nächste gute Rock-Ballade folgt mit „Don´t be a Hero“. Die Songs auf dem Album haben alle ihre Qualität, auch der sanfte Titel „Open your Heart“, der „nur“ sanften Rock spielt und beinahe ohne Blues auskommt. Wie bei J. J. Cale zeichnet sich die Musik von Jim Capaldi durch eine gewisse Unaufdringlichkeit aus.

Die sanften Stücke dominieren auf dem Album, etwa mit „How much can a Man really take“, das aber dennoch einen angenehmen Rockschwung erhält. Das letzte Stück, „Anniversary Song“, fällt etwas aus dem Rahmen, da es wie eine Liveeinspielung klingt und ich glaube, tatsächlich eine ist. Dadurch unterscheidet es sich deutlich vom übrigen Album.

Insgesamt ist das ein gutes, entspanntes Rock-Blues-Album. Es fehlt vielleicht der eine große Hit, aber Songs wie „Don´t be a Hero“ und „Big Thirst“ sind wirklich beachtlich. Wer bisher also nur Eric Clapton und Steve Winwood gehört hat, sollte vielleicht auch einmal bei Jim Capaldi vorbeihören.(560)

Captain Beefheart & His Magic Band – Safe as Milk (1967)

Das Projekt von Don Glen Van Vliet beginnt mit einer Mischung aus Blues-Rock und Garagenrock, eindrucksvoll zu hören bei „Sure ’nuff ’n’ Yes, I Do“. „Zig Zac Wanderer“ vereint Beat-Rock mit Psychedelic, was ich in der Kombination sehr interessant finde und was hervorragend funktioniert. Ähnlich eigenwillig, aber diesmal mit Soul vermischt, geht es mit „Call on Me“ weiter. Rock versuchen sie mit „Dropout Boogie“. Das ist allerdings nicht ganz mein Fall, obwohl der instrumentale Teil des Stücks durchaus etwas hat.

Als Gegenstück folgt ein sanfter, herzergreifender Soul-Song „I’m Glad“, der richtig überzeugt.

„Electricity“ ist ein Psychedelic-Experimental-Rock-Stück, das mir persönlich nicht so zusagt. Immer wenn Van Vliet mit seiner harten, übertriebenen Rockstimme singt, fühle ich mich etwas gestört. „Yellow Brick Road“ kombiniert Beat mit Country- und Psychedelic-Rock, während „Abba Zaba“ ganz im Stil des Garagenrocks daherkommt. „Plastic Factory“ bringt nochmals Blues-Rock ins Spiel.

„Where There’s Woman“ ist eher ein Soul-Rock-Stück, und den Soul von Captain Beefheart finde ich tatsächlich das Beste an der Platte – das beherrscht er wirklich hervorragend.

Den nächsten Garagenrock-Blues liefert „Grown So Ugly“, während am Ende mit „Autumn’s Child“ wieder ein Stück im Psychedelic-Rock-Stil zu hören ist.

Dieses Album bietet eine recht wilde Mischung aus verschiedenen Musikrichtungen der späten sechziger Jahre und bleibt mir als eine echte Wundertüte in Erinnerung. (445)

Craig Cardiff – Great American White Trash Novel (1997)

Liebe auf den ersten Gitarrensaitenanschlag – da springt der Funke von Sekunde eins an direkt zu mir über. Das ist Musik: ehrlich, gutes Handwerk. Der Song „Stabalise“ nimmt mich mit und fängt mich ein. Manchmal entdeckt man auf ganz seltsame Weise einen guten Song, und wie ich diesen gefunden habe, behalte ich erstmal für mich. Jetzt genieße ich ihn einfach.

Zurzeit mag ich authentisch klingende, handwerklich gut gespielte Folk- und Singer/Songwriter-Musik. Mit Craig Cardiff habe ich einen weiteren Musiker gefunden, der mir genau das bietet. Was er spielt, ist wunderschön und einfach. Und so, wie es klingt, ist alles live eingespielt. Song Nummer zwei, „Bellyful“, begeistert mich von Anfang bis Ende. Wieder dieser Gedanke: Es gibt so viel gute Musik, und durch Zufall fällt sie mir einfach in den Schoß. Da möchte man doch gar nicht mit dem Entdecken aufhören. Geht einfach nicht.

Sanft und fein ist „Year of Funerals“. Craig Cardiff ist Kanadier und ein fleißiger Musiker. Seit 1997 bringt er in regelmäßigen Abständen sowohl Studioalben als auch Live-Platten heraus. Er veröffentlicht seine Musik – ähnlich wie Bruce Cockburn – auf True North Records. Da ich Cockburn und kanadische Musikerinnen und Musiker ziemlich mag, habe ich mich gefragt, wer sonst noch auf dem Label vertreten ist. Es sind einige. Auf der Bandcamp-Seite von True North stößt man dann oft auf Craig Cardiff. So kam ich zu dieser Platte. Der Weg führte also über Cockburn, das Label, einem zufälligen Fund eines anderen Künstlers dieses Labels – und ich hatte verdammt viel Freude daran. Das Album ist wirklich großartig. Auch der Song „Great American Trash Novel“ ist ein Highlight. Er erinnert stark an die Musik von Nick Drake und Ryley Walker.

Meine Musik, einfach und wunderschön: „Here there be Tigers“. Mit Cajun-Style-Musik nimmt die Platte beim Song „Fisherking“ an Tempo zu.

Ein romantischer Country-Stil findet sich in „Bullpen“. Doch von Anfang bis Ende ist auch „Dancing with Pierre“ wunderschön. Craig Cardiff kann singen und Songs schreiben – Punkt.

Mit „Everybody“ macht er Ryan Adams Konkurrenz. Und warum habe ich diesen Singer/Songwriter erst heute entdeckt? Grandios ist auch der Abschluss der Platte mit „Memphis, TN“. Und dabei hat er noch 22 weitere Alben veröffentlicht – ich habe wirklich Glück! Freunde guter Singer/Songwriter-Musik, die immer noch nur Springsteen und Dylan hören, sage ich mal wieder: Macht eure Ohren für Künstler wie diesen auf – ihr werdet euch wundern. (592)

Cari Cari – Anaana (2018)

Neben ihren Gitarristen tritt Sängerin und Schlagzeugerin Stephanie Widmer auf dem Traumzeit-Festival 2022 mit Didgeridoo auf. Man denkt dabei sofort, sie kämen aus Australien. Doch dann öffnet Sänger und Gitarrist Alexander Koeck den Mund, beginnt zu sprechen – und man liegt falsch. So ähnlich wie bei dem Irrtum, dass Austria Australien sei: Cari Cari stammen tatsächlich aus Österreich. Das Duo macht kraftvollen Power-Rock, mit dem selbstgesteckten Ziel, eines Tages auf einem Soundtrack eines Quentin Tarantino-Films zu landen. Für die US-Serie „Shameless“ hat es immerhin schon gereicht. Und dass sie sich mit so großartigen Liveauftritten wie bei der Traumzeit ein Publikum erspielen werden, steht außer Frage. Die erste CD des Duos ist danach auch schnell gekauft.

Dass sie ihren Auftritt bei der Traumzeit erst nach der Produktion der CD nach vier Jahren erreichen konnten, zeigt: Der Anfang von Cari Cari war kein Schnellstart, sondern ein kontinuierliches Weiterarbeiten.

„Summer Sun“ ist eine schöne, poppige Indie-Rock-Nummer, die bei ausreichend Airplay sicher einen Platz in den Charts hätte. Sie ist außerdem ihr bisher erfolgreichster Titel bei Spotify mit über 18 Millionen Abrufen. Noch wuchtiger wird es beim Titelstück „Anaana“ – hier kommt ein Spaghetti-Western-Touch hinzu, der richtig rockt. Dadurch wurde ich beim Liveauftritt bereits Fan des Duos. „Mapache“ klingt nach Surf-Psycho-Rock, wie er gut in einen Tarantino- oder Rodriguez-Film der 90er Jahre gepasst hätte.

Der Indie-Wüsten-Rock funktioniert bei Cari Cari dank ausgefeilter Songs wirklich gut, wie auch bei „Mazuka“. Das Besondere an den Songs von Cari Cari ist nicht das Unbekannte, das man neu entdecken möchte, sondern eher bekannte Melodien und Sounds, die zu etwas Neuem, Kraftvollem gebündelt und aufs Publikum losgelassen werden. Daraus entsteht etwas sehr Originelles, weil das Duo Widmer und Koeck dabei einfach geschickt vorgeht. Fast jeder Song klingt mindestens genauso gut, vielleicht sogar besser, als die richtig guten Songs von Johnossi.

So machen die weiteren Songs „Nothing’s Older Than Yesterday“ und „Mechikko“ richtig großen Spaß, und das sehr beachtliche „After the Goldrush“ toppt sie sogar noch – hier wird auch das Didgeridoo gespielt. Das hohe Niveau bleibt auch mit dem etwas langsameren, aber nicht weniger intensiven „Dark Was the Night“ erhalten. Dieser Power-Rock macht so viel Spaß, dass er garantiert nicht langweilig wird. In „Camoubee“ steckt einfach zu viel Dynamik, Rhythmus und Power.

Leider ist das Album nach dem Song „Do Not Go Gentle into That Cold Night“ schon zu Ende. Insgesamt handelt es sich um eine richtig gute Liveband und ein wirklich gelungenes Debütalbum.(313)

Caroline – Caroline (2022)

Die achtköpfige Band eröffnet ihr Debütalbum mit einer langen, atmosphärischen Instrumentalpassage. Danach setzt sanfter, fast chorartiger Gesang ein. Die Wirkung des Songs und des Sounds sowie die Instrumentierung haben auf mich eine geradezu packende Wirkung, sodass ich nach dem ersten Stück die ganze CD haben musste. Im Song selbst passiert eigentlich nicht viel, doch er fesselt einen und nimmt einen mit. Zudem enthält er viele Elemente, die ich in der Musik mag. Da treffen folkige Klänge auf E-Gitarre, Emo-Gesang und leicht verzerrte Geräusche. Deshalb ist „Dark Blue“ ein perfekter Einstieg in die Musikwelt von Caroline.

„Good morning (red)“ klingt wie eine der ruhigen Nummern der Weakerthans. Auch Fans von Lambchop, The Slow Show und Efterklang dürften sich mit Caroline schnell anfreunden können. Meine Schwester würde diese Musik vermutlich sofort als typisch für mich bezeichnen. Besonders schön sind die kleinen, überraschenden und sehr wirkungsvollen Klangelemente, die einen Song wie „Good morning (red)“ so besonders machen.

Es gibt auch ganz kurze Stücke wie „desperately“, das auf Geigengestreichel aufgebaut ist. Es klingt wirklich wie ein frühes Efterklang-Stück, beispielsweise wie „IWR“. Etwas mehr Tempo würde dem weiteren Verlauf der Platte aber gut tun, da mir die Grundstimmung insgesamt etwas zu ruhig bleibt. Obwohl „Energine (eavesdropping)“ mit seinen an Bill Frisell erinnernden Elementen schon wieder an Spannung gewinnt. Ein Problem, das ich auch bei The Slow Show auf Dauer habe, ist, dass alles tiefenentspannt bleibt – ein Aufbäumen oder ein Tempowechsel täte deshalb gut.

Den Titel „Skydiving onto the Library Roof“ finde ich bereits gelungen. Der Song beginnt mit Streichern und Gesang. Bis auf das Verschwinden des Gesangs und eine leichte Überhöhung der Streicher ändert sich auch hier nicht viel. Das letzte lange Stück „Natural Death“ zeigt den Willen zu experimentierfreudigem Folk, begeistert mich aber ebenfalls nicht vollständig. Live dürfte das ein wirklich großartiges Erlebnis sein, auf Platte jedoch ermüdet es mich und strengt mich an.

Caroline beweisen für mich mit ihrem Debütalbum, dass sie mich zu Beginn wirklich begeistern können. Nach hinten heraus lässt die Luft jedoch etwas nach. Freunde der genannten Bands und von Grizzly Bear sollten diese Platte aber auf jeden Fall hören. (173)

Car Seat Headrest – Twin Fantasy (Mirror to Mirror) (2011)

Der Multiinstrumentalist Will Toledo versuchte zunächst unter dem Namen Nervous Young Man, sein Publikum zu erreichen. Seit 2010 veröffentlichte er dann unter dem Namen Car Seat Headrest auf Bandcamp Alben – zunächst vier Alben ohne Titel, anschließend das Album „My Back Is Killing Me Baby“ (2011) und danach „Twin Fantasy“, das er nach seinem Durchbruch mit dem 2016 erschienenen Album „Teens of Denial“ einfach noch einmal neu aufnahm.

Der Stil des Albums ist amerikanischer Indie-Singer/Songwriter-Garage-Rock. Das zweite Stück des Albums, „Beach Life-In-Death“, hat es wirklich in sich – obwohl es mit über zwölf Minuten Länge recht ausufernd ist, wirkt es überhaupt nicht langatmig. Eine überzeugende Indie-Rock-Nummer. Indie-Singer/Songwriter-Rock erfindet er damit nicht neu, klingt aber für mich besser als manch anderer Musikerkollege aus dem gleichen Genre, der von der Musikpresse hochgelobt wird. Wahrscheinlich liegt das daran, dass die Songs von Will Toledo bewusst unperfekt erscheinen und so eine Live-Konzert-Dynamik vermitteln. Das schätze ich mehr als die auf Radio-Heavy-Rotation-Listen getrimmten Produktionen. Da habe ich direkt Angst, die Neuaufnahme des Albums irgendwann zu hören.

Bei „Sober to Death“ klingt es dann wie eine Demoaufnahme eines frühen Songs von The National, der jedoch von Bright Eyes gespielt wird – das ist ebenfalls sehr schön und verspielt. Langweilig sein will Car Seat Headrest nicht. Auch das einfache Losrocken funktioniert, etwa mit Lemmonheads-Attitüde bei „Nervous Young Inhuman“. So geht es auch bei „Bodys“ weiter. Auch hier präsentieren sie schönen Lo-Fi-Indie-Rock. Bei „Cute Thing“ erschöpft sich das Lo-Fi-Runtergerockte dann jedoch langsam – zwar ist der Song recht fröhlich und witzig, doch beim Durchhören des Materials wünschte ich mir an dieser Stelle wieder mehr Abwechslung, was zu Beginn der Platte gut gelungen war. Mit „High to Death“ wird die Musik etwas ruhiger, der Gesang wird mit Hall durchzogen, allerdings übertrieben, sodass der Song am Ende leidet – dabei hätte er eine ansonsten schöne Rock-Singer/Songwriter-Nummer sein können.

„Famous Prophets (Minds)“ mag ich dagegen wieder sehr gern. Ich finde einfach, dass Will Toledo gute Songs liefert – und das in einem Genre, Lo-Fi-Indie-Songwriter-Rock, bei dem mich Kollegen wie zum Beispiel Bright Eyes schnell nerven oder mich letztlich nicht überzeugen können. Ich glaube, gerade diese Idealisten, die an sich und ihr Werk glauben und dieses unter Mühen selbst produzieren und veröffentlichen, haben ein gutes Gespür dafür, was sie ihren Hörern zumuten können und was nicht. Ich mag diese ungeschliffenen Musikdiamanten und Entdeckungen sehr. (398)

Eliza Carthy – Heat, Light & Sound (1996)

Solodebüt der Tochter zweier Folkmusiker: Genau in deren Fußstapfen tritt auch sie selbst. Eliza Carthy präsentiert traditionelle englische Folkmusik so, wie man sie kennt. Fiedel und Gesang spielt sie selbst. Andere traditionelle Instrumente vervollständigen den Klang der Platte, doch die Fiedel dominiert und die anderen Instrumente ordnen sich ihr unter.  

Das Album bietet aber auch Singer-Songwriter-Folk. Mit dem wunderschönen Stück „Ten thousand Miles/Becca Pipes“ beeindruckt die damals noch sehr junge Musikerin besonders. Nur mit Stimme vorgetragen, überzeugt „Clark Saunders“. Bei „Stamps for the Dog“ wird wieder zur Fiedel gegriffen, was mir persönlich jedoch etwas zu altbacken wirkt. Solche Stücke höre ich lieber live als auf Platte oder CD.  

Den Songwriter-Folk-Sound mag ich deshalb lieber, etwa bei „Peggy“ – auch ein sehr gelungener Titel. Die zeitlosen Songwriter-Songs gefallen mir insgesamt besser als die Folk-Stücke, die klingen, als stammten sie aus einer längst vergangenen Zeit.  

Grundsätzlich mag ich die Musik, doch für mich enthält das Album zu wenige Stücke, die es wirklich hörenswert machen. Man muss der jungen Künstlerin jedoch zugestehen, dass sie die Musik, die sie spielt und die auf einer langen Tradition beruht, gut verinnerlicht und versteht. Was mir fehlt, ist allerdings, dass sie die Folkmusik nicht weiterentwickelt, um sie ein wenig näher an die Gegenwart heranzuführen.(287)

Neko Case - The Worse Things Get, the Harder I Fight, the Harder I Fight, the More I Love You (2013)

Schwer einzuordnen ist die Musik von Neko Case. Ihr sechstes Album wurde als „Bestes Alternative Album“ bei der 53. Grammy-Verleihung nominiert. Ich habe das Album bisher, glaube ich, noch nie komplett durchgehört, aber einige Songs liefen in meiner Playlist, wobei nur wenige dort blieben. Möglicherweise hat mir das Songmaterial daher nicht ganz zugesagt. Vielleicht ergibt sich beim konzentrierten Hören jetzt eine andere, zweite Meinung.

Viele loben die eindrucksvolle Stimme von Neko Case, die besonders im Song „Night still comes“ gut zur Geltung kommt. Ihre Stimme klingt zugleich sanft und kraftvoll und wirkt sehr ausdrucksstark. Der Song funktioniert als Indie-Singer/Songwriter-Nummer ganz gut und hat auch ein angenehmes Popsong-Feeling. Diesen Song mag ich schon jetzt sehr. Er wird wohl tatsächlich eine echte Neuentdeckung auf diesem Album werden.

Schwungvoll und rockig präsentiert sich „Man“. Mit so einem Song kann man bei einem Festival-Auftritt sicher gut punkten. Auch dieser Titel ist mit einem gewissen Indie-Charme versehen.

Sanft und kraftvoll ist auch das akustisch gehaltene „I’m from Nowhere“. Auch dieser Song gefällt mir sehr gut.

„Bracing for Sunday“ ist eine Indie-Power-Pop-Nummer. Solche Songs hört man öfter, doch in der Interpretation von Neko Case erhält das Stück eine ganz besondere Qualität.

Die Songs sind allesamt eher kurz gehalten, manchmal fast in Punkrock-Länge. Das macht den teils experimentellen Indie-Pop-Rock sehr unterhaltsam. Das a-cappella-Stück „Nearly Midnight, Honolulu“ erinnert dabei an Kat Frankie.

Wie konnte ich mich so mit einer CD täuschen und warum hatte ich die Songs bei meinem MP3-Player nicht gut gefunden? Dafür finde ich jetzt keine Erklärung, denn „Calling Cards“ ist richtig gut. Ein Singer/Songwriter-Stück mit einer ganz eigenen Note.

Power-Singer/Songwriter-Pop-Rock und sehr gelungen ist „City Swan“. Sanft und zurückhaltend dagegen ist „Afraid“, das einem schönen Einschlaflied sehr nahekommt. Etwas kraftvoller und leidenschaftlich vorgetragen ist „Local Girl“.

„Where did I leave that Fire“ beginnt experimentell – erst als Folksong, der sich später zu einem Artrock-Stück entwickelt. Bei Neko Case weiß man nie genau, was als Nächstes passiert.

Ein toller Pop-Rocksong zum Abschluss ist „Ragtime“.

Alles in allem hat mir das Album wirklich gut gefallen, und ich möchte noch viel mehr von Neko Case hören, denn es gibt noch einiges zu entdecken. (627)

Johnny Cash – Unchained (1996)

Die von Rick Rubin produzierten American Recordings sind ein bedeutendes Musikereignis. Sie markieren einen wirklich krönenden Abschluss der langen Karriere von Johnny Cash, die in den Achtzigerjahren fast zum Erliegen gekommen wäre. Während das erste Album der Reihe noch fast ein reines Solowerk mit Stimme und Gitarre war, wird Johnny Cash bei den Aufnahmen von „Unchained“ von Tom Petty und seinen Heartbreakers begleitet. Außerdem sind bei den Aufnahmen Gastmusiker wie Flea, Mick Fleetwood und Lindsey Buckingham dabei.

Bis auf drei Songs, die Johnny Cash selbst geschrieben hat, besteht das Album aus Coverversionen. Die meisten Stücke – und das spricht für die Songauswahl – klingen so, als seien sie für Johnny Cash geschrieben worden. Nach diesem Album sind sie untrennbar mit ihm verbunden.

Den Anfang macht „Rowboat“ (im Original von Beck). Leicht verspielter Country, vielleicht etwas zu verträumt – so könnte man den Song beschreiben. Eigentlich ist das kein wirklich gelungener Einstieg ins Album.

„Sea of Heartbreak“ (im Original von Don Gibson) trifft da eher meinen Geschmack. Der Song funktioniert genau so, wie ich mir einen guten Johnny Cash-Song vorstelle: eingängig, mitreißend und er zaubert dem Hörer ein Lächeln ins Gesicht.

„Rusty Cage“ (im Original von Soundgarden) ist eine großartige Coverversion. Song und Musiker verschmelzen und profitieren voneinander – super! Zudem rockt es auf ganz eigene Weise.

„The One Rose (that´s left in my Heart)“ (im Original von Jimmy Rodgers) klingt, als würde der alte Mann der Countrymusik ein sanftes Liedchen ins Gesicht säuseln. Irgendwie süß.

Mit „Country Boy“ nimmt das Tempo zu, es wird ordentlich gerockt und Rock ’n’ Roll gespielt, als gäbe es kein Halten. Das sorgt für Abwechslung.

„Memories Are Made of This“ (im Original von Dean Martin) spielt Johnny Cash so, als gehöre der Song schon seit Ewigkeiten zu ihm.

„Spiritual“ (im Original von Spain) ist einfach großartig – ein sehr schöner Song. Vielleicht sollte ich der Band „Spain“ eine zweite Chance geben. Ich hatte zwar schon einmal ein Album der Band gehört, konnte damals aber nicht viel damit anfangen. Ein zweiter Versuch wäre jetzt wohl lohnenswert.

„The Kneeling Drunkard’s Plea“ (im Original von den Carter Sisters) passt besonders gut, da Johnny Cash mit June Carter von den Carter Sisters (eine Familie) verheiratet war. Es ist wohl kein Zufall, dass Cash gerade diesen Song ausgewählt hat.

„Southern Accents“ (im Original von Tom Petty & The Heartbreakers) dürfte der Begleitband keine Probleme bereitet haben.

Mit „Mean Eyed Cat“ wird das Tempo nach den zwei wunderschönen Balladen wieder angezogen, und es entsteht ein guter Country-Blues.

Die beeindruckendsten Songs des Albums sind jedoch eindeutig die zurückgenommenen, ruhigen Stücke. Fast jeder einzelne nimmt einen mit – das ist diese besondere Emotionalität, die auf den Hörer überspringt, auch bei „Meet Me in Heaven“.

„I Never Picked Cotton“ (im Original von Roy Clark) funktioniert ebenfalls sehr gut. Country-Folk, der Spaß macht und mit dem Refrain auf jeden Fall begeistert.

„Unchained“ (im Original von Jude Johnston), das Titelstück, ist ebenfalls eine ruhige Nummer, wirkt allerdings etwas kitschiger als die anderen – vermutlich wegen des Einsatzes der Streicher.

Mit „I’ve Been Everywhere“ (im Original von Lucky Starr) schließt das Album ab. Diesen Song liebe ich, da geht man gerne mit Johnny Cash auf eine musikalische Reise.

Ein großartiges Album eines großen Künstlers. (621)

Nick Cave & The Bad Seeds – The Boatman´s Call (1997)

Über Nick Cave eine Vorabinformation zu schreiben, fällt mir etwas schwer, da er in 45 Jahren ein so umfangreiches Werk geschaffen hat, das ich kaum vollständig kenne. Nick Cave habe ich meistens nur in kleinen Teilen gehört, also mal hier ein Song, mal dort ein Lied, aber kaum ein Album wirklich komplett durchgehört. Trotzdem habe ich großen Respekt vor ihm, denn manche Songs für sich sind so bedeutend und von mir sehr gemocht, wie das Gesamtwerk mancher Musikerinnen, Musiker oder Bands.

Spätestens mit „The Boatman’s Call“ beziehungsweise mit dem zuvor erschienenen Album „Murder Ballads“ werden Nick Cave & The Bad Seeds zu einer Band, die auch von anspruchsvollen Pop-Rock-Fans wahrgenommen wird. Sie machen nun keine exzentrischen Punk-Songs mehr, sondern liefern einfach gute Songs ab, und Nick Cave etabliert sich als beachtenswerter Songschreiber.

Singer-Songwriter-Nummern am Klavier, begleitet von den Bad Seeds, wirken sehr zurückhaltend, elegant und richtig gut. Gleich mit „Into My Arms“ beginnt das Album mit einem echten Songklassiker für die Ewigkeit – ein ganz toller Song. „Lime Tree Arbour“ klingt zwar etwas düsterer, behält aber die Klarheit und Eleganz von „Into My Arms“ bei. Ebenfalls einfach schön ist „People Ain’t No Good“ – dieses Stück hat bereits Folksong-Qualität, und ich hätte es gern einmal im Duett mit Shawn McGovern gehört.

Genauso gut funktionieren die anderen Songs: gutes Songschreiben, Folk, sanft anmutender, religiöser Gospel, emotional und mitreißend. Ein großes Werk, 12 Stücke Musik von außergewöhnlicher Qualität.(321)

Tracy Chapman - Tracy Chapman (1988)

Tracy Chapman hatte das Glück, beim Tributekonzert zum siebzigsten Geburtstag von Nelson Mandela gleich zweimal die Bühne zu betreten und so sich und ihre Songs einem breiten Publikum präsentieren zu können. „Talking ’bout a Revolution“ und „Fast Car“ wurden schnell Radiohits, und ihre Texte wurden sogar in Schulklassen analysiert. Das Album wurde ein weltweiter Erfolg, und die Songs sind bis heute kaum gealtert. Gute Singer-Songwriter-Musik ist einfach zeitlos und immer hörbar, und leider verlieren die politischen Texte nichts von ihrer Aktualität.

Das recht kurze, aber sehr schöne und daher sofort fesselnde „Talking ’bout a Revolution“ ist ein hervorragender Folk-Rock-Song, der immer wieder gut funktioniert – zeitlos eben. „Fast Car“ wirkt verführerisch und ist fast noch schöner als der erste Song. Genau deshalb wird das Album bis heute gern gehört. So gut kann Singer-Songwriter-Musik sein und es trotzdem in die Charts schaffen. Wenn ein Song gut ist, braucht es eigentlich nicht mehr als Stimme und Gitarre – manchmal reicht sogar nur eins von beiden.

Etwas melancholischer und mich an die Songs von Joni Mitchell erinnernd ist „Across the Lines“. A cappella präsentiert sich „Behind the Wall“ als Anklage. Sanft und schön klingt „Baby Can I Hold You“. „Mountains of Things“ gefällt mir besonders, weil er musikalisch sogar ein wenig an Peter Gabriel erinnert. Mit Reggae-Feeling kommt „She’s Got Her Ticket“ daher, akustischer Rock ist bei „Why“ zu hören. Auf diesem Album finden sich wirklich viele kleine Juwelen des Singer-Songwriter-Genres. Sie steht den Größen der Zunft, wie zum Beispiel Jackson Browne, in nichts nach: „For My Lover“ ist so ein Song, der auch aus den späten 60ern oder 70er Jahren stammen könnte – ganz klassischer amerikanischer Folk, ebenso wie „If Not Now...“. Sanft klingt das Album mit „For You“ aus.

Ein zeitloses Singer-Songwriter-Album mit mindestens zwei Songs für die Ewigkeit. Ein sehr gutes Debütalbum. (249)

Chris Braun Band – Jede Menge Kohle (Original Filmmusik) (1981)

Das kurze Mini-Album beginnt mit einem recht klassischen Rocksong, „Turnin´ Me On“, der aber eher verzichtbar ist. Anschließend wird in den Rock´n´Roll-Modus gewechselt: „My Song“ ist ebenfalls kein besonders bedeutendes Stück. Beide Songs stammen aus der Filmmusik des Ruhrgebiets-Filmklassikers „Jede Menge Kohle“ von Adolf Winkelmann. Den Soundtrack habe ich mir, glaube ich, vor allem wegen des folgenden instrumentalen, akustisch gehaltenen Songs mit Country-Note, „Saloon Theme“, zugelegt. Diesen zwar sehr kurzen, aber sehr stimmungsvollen Titel mag ich sehr – den Film übrigens auch. Es ist eine große Freude, Bergmann Katlewski beim Ausstieg aus dem Arbeitsalltag zuzusehen. Besonders beeindruckt mich seine Art, den Pförtner-Job zu erledigen, und auch als Truckfahrer zeigt er viel Können, besonders beim Einparken.

Auch mit dem ebenfalls instrumentalen, sanften Rocksong „So Long (Abschied)“ kann ich noch etwas anfangen. Auch dieses Stück ist gut gemacht. Damit ist Seite 1 des Soundtracks, der im Maxi-Single-Format gehalten ist, bereits abgeschlossen.

Das Stück „Jammerhammer“ möchte ich gern zum musikalischen Hauptthema des Films ernennen. Es ist ein flotter, ebenfalls instrumentaler Rocksong, der sich hervorragend dazu eignet, sich einen LKW vorzustellen, der über die Straßen des Ruhrgebiets jagt.

Im Bereich Schlager gibt es mit „Amore Bolognese“ höchstens eine Verwendung in italienischen Restaurants.

Zurück zum flotten Tanzschul-Rock´n´Roll, der für mich ebenfalls überflüssig ist: der Titel „Damenwahl“.

Zugegeben, das meiste auf der Platte ist von minderer Qualität. Gerade bei Filmsoundtracks kauft man sich die Platte aber wegen eines starken Hauptthemas und vielleicht dem einen oder anderen Stück, das gut zur Atmosphäre des Films passt. Bei diesem Album erfüllen diese Aufgabe „Saloon Theme“ und „Jammerhammer“. Den Rest braucht eigentlich niemand, und er wird auch später nicht in die Playlist aufgenommen. (684)

Grian Chatten – Chaos for the Fly (2023)

Der Frontmann der „Fountains DC“ hat mit wenig Personal ein Soloalbum aufgenommen und verlässt damit die Post-Punk-Pfade seiner Band ein wenig. Er präsentiert einige feine Indie-Pop-Miniaturen, die es sogar mit dem Werk von Damon Albarn aufnehmen können – man höre nur den wunderbaren Song „Last time every time forever“. Wer guten, klassischen Brit-Pop mag, aber auf der Suche nach neuem Material ist, wird hier sehr gut bedient.(94)

Chicago – Chicago Transit Authority (1969)

Dieses Album war eine Überraschung für mich, als ich es vor ein paar Jahren zum ersten Mal durchhörte. Bisher kannte ich nur die von Peter Cetera gesungenen Schmusehits der Band, doch auf diesem Album höre ich fetten, großartigen Bluesrock mit tollem Bläsersatz sowie Bass und E-Gitarre im Rock-Modus.

Die Stücke dauern meist über fünf Minuten, was ich nicht erwartet hatte. Auch die Schmusestimme von Peter Cetera ist hier nicht zu hören. Die Stimme von Terry Kath bei „Introduction“ klingt eher wie die von Jimi Hendrix. Die meisten Songs werden – ähnlich wie das jazzige „Does Anybody Really Know What Time It Is?“ – von Tastenmann Robert Lamm gesungen. Peter Cetera singt nur bei zwei Songs mit, ist aber hauptsächlich mit dem Bassspiel beschäftigt – und das macht er richtig gut.  
Der Gesang von Lamm entspricht eher dem eines Bandleaders und klingt mehr nach Entertainer als der rockigere Gesang von Terry Kath am Anfang der Platte, zum Beispiel bei „Beginnings“. Es ist beeindruckend, wie die Band zusammen spielt – jeder bekommt seinen Raum, sei es die Bläser, das Schlagzeug oder der Bass. Dadurch entsteht eine ungeheure klangliche Breite.

Es ist auch mutig, gleich mit einem Doppelalbum zu starten, doch dieser Mut hat sich gelohnt. Das Album stieg nach und nach immer höher in den Charts und war 155 Wochen in den Billboard-200-Charts vertreten.

„Question 67 and 68“ ist kraftvoll und gut gespielt, klingt aber fast wie eine Hymne aus einem Musical. „Listen“ ist wieder rockig, und in solchen Songs gefallen mir Chicago am besten. Hier zeigt auch Lamm, dass er als Rocksänger überzeugt. Wer „Poem 58“ hört, versteht, warum sogar Jimi Hendrix vom Gitarristen Terry Kath beeindruckt war – eine großartige Nummer, bei der man auch hört, dass Kath Hendrix mochte. Ähnlich verhält es sich bei „Free Form Guitar“, wo Kath ausprobiert, was alles mit einer E-Gitarre möglich ist. Wer verzerrte Gitarrenklänge mag, kommt hier voll auf seine Kosten – die durch „Question 67 and 68“ gewonnenen Musicalfans werden hingegen vielleicht abgeschreckt. Mit „South California Purples“ nimmt der fette Blues-Rock wieder Fahrt auf, gefolgt vom Cover der Spencer Davis Group „I’m a Man“ mit langem Drumsolo.

Die Anti-Vietnam-Kriegs-Demonstrationen am 29. August 1968 sind Thema der ersten beiden Stücke auf der vierten Seite des Albums. Diese tragen die Titel „Prologue, August 1968“ mit dem Ruf der Demonstranten „The Whole World Is Watching“ und „Someday (August 29, 1968)“. Mit Gitarre, Bläsersatz und treibendem Rocksound schließt die Platte mit „Liberation“ nochmals im Voll-Rock-Modus ab. (131)

Chicago – Chicago II (1970)

Chicago war eine Band, die mich mit ihrem Debütalbum überraschte, da ich vorher nur die Schmusesongs aus den späten 70er- und frühen 80er-Jahren von ihnen kannte. Auf „Chicago Transit Authority“ gab es jedoch viele funkige Bläsersätze und Gitarrenklänge, die an Jimi Hendrix erinnerten. Zu Beginn waren Chicago also eine rockige, funkige und soulige Rockband.

Das zweite (Doppel-)Album gliedert sich in drei Teile. Zunächst gibt es fünf einzelne Songs, gefolgt von einem zweiten Teil mit dreizehn Stücken unter dem Titel „Ballet for a Girl in Buchannon“. Der dritte Teil besteht aus fünf Songs mit dem Titel „It Better End Soon“ sowie zwei Bonusstücken in Form von Single-Versionen. Viele der Stücke aus den zwei thematisch überschriebenen Teilen sind relativ kurz; Songs mit einer Länge von über vier Minuten gibt es nur fünf.

Mit „Movin'in“ beginnt das Album mit einer leichten Rocknummer, die auch von The Band stammen könnte. Bereits nach kurzer Laufzeit verwandelt sich das Stück in eine Swingjazznummer, um dann wieder zum eingängigen Rocksound zurückzukehren. Ein schönes Lied mit guter Bläserbegleitung ist der Singer-Songwriter-Song „The Road“, auch wenn dieser etwas von Musical-Theatralik ausstrahlt. „Poem for the People“ könnte man fast als Jazz-Rock-Prog-Fusion bezeichnen, was für das gesamte Album gilt, das im Grunde American Prog Rock ist. Trotzdem überzeugt mich die Mischung bei diesem Song nicht ganz. Viel lieber höre ich den funkigen Rocksong „In the Country“. Außerdem mag ich es, wenn Gitarrist Terry Kath singt – leider verstarb er bereits 1978. In allen Stücken ist zudem die große Rolle des Bläsersatzes (Lee Loughnane, James Pankow, Walter Parazaider) und dessen Wirkung in der Musik der Band deutlich zu hören. Danach folgt mit „Wake up Sunshine“ ein Mainstream-Popsong.

Nun beginnt der dreizehnteilige Abschnitt „Ballet for a Girl in Buchannon“. Er startet mit „Make Me Smile“, einer kraftvollen Soulnummer mit einem Gitarrensolo von Kath. Darauf folgen drei sehr kurze Abschnitte: „So Much to Say, So Much to Give“, „Anxiety’s Moment“ und „West Virginia Fantasies“. Diese Fragmente klingen nach 70er-Jahre-Musical oder Filmmusik, sind aber zu kurz, um als eigenständige Songs zu funktionieren. Dennoch zeigen sie die Ambitionen der Band auf ihrem zweiten Album. Schön sind vor allem auch die Bläserarrangements. „Colour My World“ ist etwas länger, doch gerade hier lässt die Band den Einstieg zu lange schleppen. Anschließend folgt wieder Big-Band-Pop-Jazz, was Chicago wirklich gut beherrschen, allerdings nehmen sie sich auch hier nicht die nötige Zeit. So gehen die zwei kurzen Stücke „To Be Free“ und „Now More Than Ever“ verschwenderisch mit eigentlich gutem Songmaterial um. „Fancy Colour“ hingegen ist wieder länger und beginnt erneut etwas schleppend. Es ist eine äußerst wilde Mischung aus Soul-Hymne, fast südamerikanischer Partystimmung und endet schließlich mit Bluesrock. Chicago beherrschte schon viel, aber bisher packt mich das alles nicht so wie bei der ersten Platte, weil alles so zerfasert wirkt und keine klare Linie erkennbar ist. „25 Or 6 To 5“ hingegen ist wieder eine schöne Rocknummer. Um alles noch etwas komplizierter zu machen, wird der dreizehnteilige Part von einem vierteniligen Abschnitt „Memories of Love“ (Prelude, A.M. Mourning, P.M. Mourning und Memories of Love) beendet. Dieser beginnt mit sanften Flötentönen und Streichern eines großen Orchesters, wird kraftvoller, bleibt instrumental und entwickelt sich am Ende zu einer Jazzballade. Auch dieser Teil spricht mich letztlich nicht an.

Der fünfteilige dritte Abschnitt „It Better End Soon“ beginnt mit einem vierteiligen Movement (#1 bis #4). Dieses startet wenigstens wieder mit wuchtigem Funk-Rock, was mir sehr gefällt. Tatsächlich ist dieser Teil der beste des Albums. Am Ende stellt sich die Frage „Where Did We Go from Here?“, die wiederum so beantwortet wird, wie dieses leider zu überambitionierte Album begonnen hat – mit feinstem amerikanischen Rock. Chicago – alles ist möglich, aber bitte den Funk-Soul-Rock beibehalten. (209)

Chicago – Chicago III (1971)

Auf dem dritten Album wird der Stil des Vorgängeralbums mit sogenannten Suites (zusammenhängenden Stücken, die ein Ganzes bilden) und Einzelstücken fortgeführt. Vor den drei Suites – „Travel Suite“ (acht Songs), „An Hour in the Shower“ (fünf Songs) und „Elegy“ (sechs Songs), die jeweils eine Plattenseite füllen – sind auf der ersten Seite vier Einzelsongs zu hören, außerdem zwei weitere vor „An Hour in the Shower“.

Das Songwriting teilen sich die Bandmitglieder. Jeder darf sich einbringen, doch die Hauptarbeit übernehmen Peter Cetera (Vocals, Bass), Terry Kath (Vocals, Gitarre) und Robert Lamm (Vocals, Keyboard) auf den ersten drei Plattenseiten, während bei „Elegy“ der Trompeter James Pankow die Führung übernimmt.

„Sing a Mean Tune“ setzt den mit Blues durchsetzten Funkrock der Vorgängeralben fort und fordert den dreiköpfigen Bläsersatz der Band stark. Dennoch springt der Funke bei mir nicht so sehr über wie beim Debütalbum, insbesondere beim Song „Introduction“. Der Funkrhythmus wirkt leider nicht mitreißend genug, oder ich habe solche Klänge vielleicht schon zu oft gehört, zumal ich kein großer Funkfan bin. Selbst das Gitarrensolo von Kath kann mich diesmal nicht ganz überzeugen. Insgesamt klingt das Stück wie schon einmal gehört. Tritt die Band nach drei Alben etwa auf der Stelle?

Swingender Jazz ist da deutlich angenehmer und macht wirklich Spaß, wenn auch leider recht kurz: „Loneliness is just a Word“.

Country-Rock ist ebenfalls vertreten, zum Beispiel mit „What else can I say“ – auch sehr schön. Damit steht fest: Die Band tritt nicht auf der Stelle.

Bluesrock bekannter Art, diesmal mehr rockig als funkig, bietet „I Don’t Want Your Money“.

Die „Travel Suite“ besteht aus acht Einzelstücken und spiegelt die Reisen sowie das Tourleben der Band wider. Sie zeigt ein weiteres musikalisches Gesicht von Chicago. „Flight 602“ klingt nach Singer-Songwriter-Rock aus L.A. und stellt eine wirklich nette Abwechslung dar.

„Motorboat to Mars“ ist einfach ein Schlagzeugsolo – einmal etwas anderes. „Free“ rockt kurz und bietet einen Ausbruch von Hippie-Rock-Nostalgie. Von einer Suite hätte ich eigentlich erwartet, dass die Stücke ein langes, zusammenhängendes Ganzes bilden, doch das ist hier definitiv nicht der Fall.

Pianoklänge und Flöte, mal sanft, mal experimentell, bewegen sich zwischen Jazz, Folk und Progressive Rock: „Free Country“. Darauf folgt klassischer 70er-Rock mit Singer-Songwriter-Charakter: „At the Sunrise“.

Der Abschluss der „Travel Suite“ mit „Happy ’Cause I’m Going Home“ ist ein unwiderstehlicher Song, der eindrucksvoll zeigt, welches unglaubliche musikalische Können in der Band steckt. Solche Musik entsteht wohl nur durch jahrelanges Zusammenspiel der Bandmitglieder. So klingt nur eine perfekt eingespielte Liveband. Ein ganz starker Song.

Es folgen zwei Einzelsongs: „Mother“ ist ein flotter Rocksong im Westcoast-Stil, wobei der Bläsersatz ihn über das Gewohnte hinaushebt und schließlich in Richtung Jazz-Rock verwandelt. Eine ziemlich coole Nummer, die einen sanften Abschluss bietet.

„Lowdown“ ist eine ziemlich soulige Rocknummer und macht ebenfalls viel Spaß. Ich glaube, dieses dritte Album gefällt mir besser als das zweite. Zudem sind wir noch weit entfernt von dem Schmusepop späterer Alben. Es ist beeindruckend, wie „schwarz“ diese Band klingt, die ausschließlich mit weißen Musikern besetzt ist.

„An Hour in the Shower“ ist eine sehr kurze Songsammlung. In sechs Minuten werden die Stücke „A Hard Risin Morning Without Breakfast“, „Off to Work“, „Fallin’ Out“, „Dreamin’ Home“ und „Morning Blues Again“ dargeboten. Dabei handelt es sich um eine Mischung aus Soul, Blues und Beach Boys-Pop, die auch gut als Einzelstücke durchgehen könnten.

„Elegy“ besteht aus vier ebenfalls kurzen Teilen mit den Titeln „When All the Laughter Dies in Sorrow“, „Canon“, „Once Upon a Time“ und „Progress“ sowie dem längeren „The Approaching Storm“. Das erste Stück ist gesprochenes Wort. Danach fordert der Bläsersatz erneut Aufmerksamkeit und spielt eine Art gemächliche Fanfare. Es folgt eine eher zarte, romantische Melodie, die im weiteren Verlauf an Tempo gewinnt, um anschließend wieder in sanftere Gefilde zurückzukehren. Danach dürfen die Bläser alleine ziemlich gekonnt auftrumpfen, ehe das Ganze in Verkehrs- und Baustellenlärm übergeht.

Das längere „The Approaching Storm“ ist eine instrumentale Jazzrock-Nummer, die auch Funk-Elemente enthält.

Am Ende des dritten Albums befindet sich das kurze „Man Vs. Man: The End“. Dieser Epilog ist jedoch nicht mehr als das dramatische Ende des vorhergehenden Stücks.

Mit diesem dritten Album erweitern Chicago erfreulich ihre Bandbreite und unterhalten auf vielfältige und mutige Weise. Dass viele Stücke einfach instrumental gehalten sind, finde ich sehr gelungen. So präsentieren sich Chicago als eine Band, die mehr kann, als perfekten Bluesrock mit Soul zu mischen. Jazz- und Westcoast-Rock-Elemente sind für mich als Hörer eine willkommene Abwechslung. Nur über die Covergestaltung könnte man streiten. (643)

The Civl Wars – The Civil Wars (2013)

John Paul White und Joy Williams bildeten das erfolgreiche, mit einem Grammy ausgezeichnete Country-Folk-Duo The Civil Wars. „The Civil Wars“ war ihr zweites und letztes Studioalbum. Trotz des großen Erfolgs trennten sie sich danach und verfolgen seitdem ihre Solokarrieren. Doch die beiden Alben des Duos bleiben dauerhaft herausragende Werke im Bereich des Country-Folk.

Wer The Civil Wars erst jetzt entdeckt, wird an der Musik von White und Williams sicherlich große Freude haben, wenn er zärtliche, zerbrechliche Folksongs mag, die gelegentlich eine Intensität entwickeln, wie sie in Rockmusik von Jack White zu finden ist. Das zeigt sich bereits im ersten Stück „The One That Got Away“. Auch das folgende Lied „I Had Me a Girl“ strahlt diesen charmanten Country-Roots-Rock aus und macht richtig Spaß. „Same Old Same Old“ fällt dagegen deutlich sanfter und zärtlicher aus, was das Duo ebenso virtuos beherrscht wie den Roots-Rock. Diese Songs zeigen ein sehr hohes Niveau.

Besonders hervorzuheben ist „Dust to Dust“. Beim Hören wird es umso schmerzlicher, dass es von den beiden so hervorragend harmonierenden Musikern kein weiteres gemeinsames Album gibt. „Eavesdrop“ ist ebenfalls ein Meisterwerk. Das Album bietet insgesamt große Qualität und bereitet viel Freude.

Die Bandbreite des Albums reicht von der kraftvollen Wüsten-Folk-Nummer „Devil’s Backbone“ über den sanften Country-Folk bei „From This Valley“ und die Ballade „Tell Mama“ bis hin zum Blues bei „Oh Henry“. Alles fügt sich sehr gut zusammen. Zwar geht der Roots-Rock-Anteil gegen Ende etwas zurück, doch die restlichen Stücke wie „Disarm“, „Sacred Heart“ und „D’Abline“ sind weitere schöne, sanfte Nummern.

Dieses Album gehört in jede gute Musiksammlung. (329)

The Clash – The Clash (1977)

Vorher hatte ich nur ein The-Clash-Best-of-Album und „London Calling“. Deshalb höre ich jetzt wirklich zum ersten Mal das erste The-Clash-Album. Ich gebe zu, dass ich „Never Mind the Bollocks“ bisher noch nie vollständig gehört habe – das wird aber irgendwann noch passieren. Von den Ramones habe ich immerhin schon einmal ein Best-of-Album besprochen, und auch ihr erstes Album liegt irgendwann zum Hören auf meinem Stapel.

Ich bin jetzt also gespannt, wie das erste Album klingt, das Mick Jones, Joe Strummer, Paul Simonon, Terry Chimes und Topper Headon eingespielt haben. Es ist ihnen offenbar gelungen, dies ohne Einfluss des Labels zu tun – was dem Label (CBS) zwar nicht gefallen hat, aber wohl die richtige Entscheidung war. Denn so klingt das Album so, wie The Clash auch live klangen. Es ist also ein sehr authentisches Rockalbum.

Was einen Punk-Song ausmacht, hört man bei „Janie Jones“. So klingt ein reiner Punk-Song: Der Rock wird einfach etwas rotziger, frecher und schön unkompliziert gehalten.

Allerdings zeigen The Clash schon ganz am Anfang den nötigen Abwechslungsreichtum und präsentieren mit „Remote Control“ einen Song, der trotzdem mit Witz und guter Musikalität überzeugt. Im Song passiert viel, und eigentlich rockt dieses Punk- und Rock-’n’-Roll-Gemisch richtig gut. New Wave ist ebenfalls schon enthalten – der Song hat also eigentlich alles, was in den nächsten sechs Jahren von Bedeutung sein wird.

Die Gitarren klingen zu Beginn von „I’m So Bored with the USA“ schon recht heavy, aber auch dieser Song erhält wieder den Punk-New-Wave-Touch.

Der richtige „1-2-3-und-direkt-los-Punk“ ist dann „White Riot“. Der Song macht keine Gefangenen.

Ganz anders zeigt sich „Hate & War“, das im Stil-Mix-Modus funktioniert und auf nur zwei Minuten musikalisch alles möglich macht. Wegen solcher Songs sind The Clash für mich einfach mehr als nur Punk.

Stark gerockt wird bei „What’s My Name“. Hier steckt harter Rock drin, aber nicht auf Heavy-Metal-Art, sondern eher im Alternative-Rock- und Hardcore-Stil.

Das Stück „Deny“ wirkt zunächst wie ein heruntergerockter Rocksong, aber auch der hat seinen Reiz. Die Punk-Attitüde klingt dabei immer ehrlich und authentisch – als käme sie direkt vom Herzen, herausgeschrien und herausgerotzt. Ehrlicher Rock geht eigentlich nicht.

Und dann brennt London endlich richtig – The Clash feiern mit „London’s Burning“.

Eine weitere Blaupause für Punk-Songs ist „Career Opportunities“. Es macht nach wie vor sehr viel Spaß, diesen Song zu hören.

Auch „Cheat“ überzeugt mit viel Energie. Ich war und werde wahrscheinlich kein Pogo-Tänzer mehr sein, doch ich verstehe, warum man bei solchen Songs so ausflippen kann. Allerdings bin ich einfach kein Fan vom „Herumschupsen“, auch wenn das meist nett gemeint ist.

Ein weiterer Punk-Song ist „Protex Blue“. Was die Band kann und warum ich sie so mag, hört man deutlich bei „Police & Thieves“. Musikalisch ist der Song hervorragend, er hat Drive, zieht mit, ist ausgesprochen gut gespielt, klingt super, ist abwechslungsreich und macht richtig viel Spaß. Dafür wollte ich Joe Strummer und Mick Jones als Songwriter loben – geht aber nicht, denn der Song ist im Original ein Reggae-Stück von Junior Murvin, produziert von Lee „Scratch“ Perry. Die musikalische Bearbeitung durch The Clash macht diesen Song jedoch einfach zu etwas viel Größerem als zuvor.

Auch die kurzen Punk-Song-Prototypen machen danach wieder Spaß. So rockt „48 Hours“ noch einmal ordentlich und am Ende überzeugt „Garageland“ ebenfalls sehr.

Damit hatten es alle folgenden Punk-Bands schwer. The Clash waren von Anfang an viel mehr als nur eine gute Punk-Band. Sie waren eine richtig gute Rockband, musikalisch vielfältig und wussten genau, was sie taten. Die Genialität von „London Calling“ hört man auf diesem Album schon deutlich heraus. Die Geburt einer Rock-Legende! (594)

ClickClickDecker - Ich glaub dir gar nichts und irgendwie alles (2014)

Kevin Haman ist ClickClickDecker (zusammen mit Oliver Stangl), Bratze, My first Trumpet, Tom Bola und Mitglied der Gruppe Ludger. Dies ist bereits der fünfte Longplayer von ClickClickDecker, die entspannt leichten, meist akustischen Indie-Pop-Singer-Songwriter-Folk machen. Schon das erste Stück mit dem Titel „Tierpark Neumünster“ fesselt mich sofort mit seiner unglaublichen Leichtigkeit. So klingt deutschsprachige Musik eben auch: intelligent, witzig und zum Mitwippen (und zwar wirklich zum Mitwippen, nicht zum Schunkeln!).

Wie dieses Stück erklingt auch der Rest der Platte meist zuckersüß und sehr bekömmlich. Beim Hören nimmt man nicht an Gewicht zu, sondern fühlt sich danach einfach besser, hat mehr Lebenslust und kann entweder gutgelaunt den Tag annehmen, wie er ist, oder mit einem wohltuenden Gefühl ins Bett gehen (manchmal muss eine Plattenbesprechung eben in Prosa ersticken). Gute Musik für eine gute Zeit. Und jeder muss einfach einen Song wie „Durch die Kastanienanlagen“, „Was kommt, wenn nichts kommen will“ und „Bücher Deine Kissen“ mögen. Es geht gar nicht anders.

Kurz zusammengefasst: schöner deutschsprachiger Singer-Songwriter-Indie-Pop-Folk. (352)

Clueso - Weit weg (2006)

Von seinen Anfängen als Rap-Sänger entfernt sich Clueso mit dem dritten Album noch etwas stärker, als er es bereits mit seinem zweiten Album getan hatte. Die Songs bewegen sich eher im Bereich „deutschsprachiger Pop“. Das ist nicht schlimm, solange es gut gemacht ist. Bei Clueso stimmen meist die Zutaten, von gut gespielter Musik bis zu überzeugenden Texten.

Musikalisch bietet das Intro von „Frische Luft“ schon einiges. Es ist gelungen und geht in einen leichten Popsong über. Ganz ohne Rap kommt es in Cluesos Songs allerdings nicht aus, jedoch auf sympathische Weise. Mir sind die sympathischen Rapper immer lieber als die Rüpel-Gangster-Rapper, mit denen ich überhaupt nichts anfangen kann.

Funk-Rock gibt es im Intro von „Sterblich“ zu hören, bevor der Song ebenfalls zum Popstück wird. Trotz einiger Abwechslung kann mich das Stück nicht ganz überzeugen.

Das leicht akustisch gehaltene „Mach´s gut“ trifft dafür ganz meinen Geschmack. Es wirkt schön lässig und entspannend – wirklich gelungen.

Das Stück „Bleib hier“ orientiert sich näher am Reggae-Dub und funktioniert bei Clueso sehr gut. Das Titelstück „Weit weg“ zusammen mit den New Telephatics ist zwar recht kurz, enthält aber eine leichte Rap-Note und wirkt dabei zugleich entspannt und tiefgründig.

Der Titel „Weit weg“ weckt natürlich Hoffnung auf Urlaubsgefühle. Das Album hält davon tatsächlich einiges bereit. Es ist ein Urlaub für die Seele und die Ohren, weil Songs wie „Viel gesehen“ einen für kurze Zeit aus dem Hier und Jetzt entführen und Urlaubsgefühle schenken.

Leichte Melancholie findet sich ebenfalls: „Winter Sommer“. Sehr kurz ist das Zwischenspiel „ey tino!“. Pop-Balladen beherrscht Clueso ebenfalls sehr gut, etwa mit „Überall bist Du“.

Gemeinsam mit Max Herre entstand der Song „Da wohnt so ’n Typ“. Obwohl er wieder recht rockig klingt, gehört er nicht ganz zu meinen Favoriten. Mit Max Herres Gesang komme ich persönlich nicht so gut zurecht. Seine Frau Joy Denalane hingegen höre ich beim Singen sehr gern zu.

Indie-Rock zeigt sich bei „Hirn ein“. Gekonnt umgesetzt, aber auch nicht ganz mein Fall. Da das Album mit siebzehn Stücken sehr umfangreich ist, finde ich es jedoch gut, dass das musikalische Spektrum oft wechselt – dadurch kommt beim Hören keine Langeweile auf.

Fast durchgerappt kommt „Crash“ daher. Die heute vielleicht nicht mehr ganz aktuelle Jugendsprache stört mich beim Hörgenuss allerdings ein wenig.

Sanfter wird es noch einmal bei „Schwer“. Ein gelungener Hit der Platte ist „Chicago“, obwohl das Thema Drogensucht behandelt wird.

Mit Immo wird „Morgen Gestern“ zu einem gekonnten Funk-Pop-Stück. Hier vereint sich der Abwechslungsreichtum der Platte in einem Song, was auch sehr deutlich macht, wie viel Spaß ein Livekonzert machen muss.

Bei „Mein Bestes“ merkt man, und das nicht zum ersten Mal, wie gut das Album produziert ist. Cluesos Gesang erinnert mich dabei an Henning May, was mich an AnnenMayKantereit denken lässt. Musikalisch ist das zwar nicht ganz vergleichbar, doch im Geist liegen die Interpreten nah beieinander.

Zum Ende wird mit „Out of Space“ ein Song einfach mal rausgehauen und locker gerockt.

Für mich ist Clueso eines der Glanzlichter im deutschsprachigen Pop. Er macht Popmusik mit Seele, die Spaß macht und sowohl musikalisch als auch textlich einiges zu bieten hat. Kurz gesagt: „Gute Musik!“

Nach etwas Stille folgt nach „Out of Space“ noch ein kleiner Funk-Pop-Song als Hidden Track. (621)

Cluster – Zuckerzeit (1974)

Nach zwei Alben von Klaus Schulze höre ich nun auch etwas von der zeitgleich aktiven Band „Cluster“. „Cluster“ besteht aus dem Trio Conrad Schnitzler, Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius. Im Vergleich bietet das erste Stück der Platte, „Hollywood“, deutlich schnellere Musik als die Kollegen von Tangerine Dream und Klaus Schulze. Es erinnert dabei mehr an Kraftwerk und Neu! als an Tangerine Dream – was ich nach dem Hören der ersten beiden Schulze-Alben als geradezu erholsam empfinde. Das ist frühe elektronische Musik, die zum Tanzen einlädt und nicht nur Atmosphäre schafft. Sie besitzt Rhythmus, Melodie und ist zudem sehr gut gespielt – das gilt auch für das Stück „Caramel“.

Mit knapp über sechs Minuten ist „Rote Riki“ das längste Stück der Platte und etwas experimenteller, allerdings eher im verspielten Sinne, weshalb es ebenfalls gut zu hören ist. Es erinnert an den Klassiker der elektronischen Musik „Pop Corn“.

Das Stück „Rosa“ weist dann doch etwas Ähnlichkeit mit Tangerine Dream auf – die so allerdings erst Jahre später klangen. Da es nur etwa vier Minuten lang ist, ist es sehr gut konsumierbar.

Auch „Caramba“ zeigt, dass Cluster bereits weiter entwickelt oder verspielter waren. Ihre Musik ist auf diesem Album nicht ganz so ernst gemeint, sondern echte Songs – keine Kunstklänge fürs Kopfkino der New-Age- oder Ambient-Liebhaber.

Mit viel Rhythmus ausgestattet ist auch „Fotschi Tong“, und ich bin wirklich begeistert von diesem Album. Ich hätte mich viel früher daran wagen sollen. Das ist frühe elektronische Musik, die schon alles enthält, was ich an Electronica und elektronischer Musik im Allgemeinen auch heute noch schätze.

Sehr schön ist zudem, dass das Album recht abwechslungsreich ist: „James“ ist verspielt und experimentell zu gleichen Teilen, während „Marzipan“ fast wie ein Folksong klingt.

Wieder verspielt und geradezu ausgelassen präsentiert sich „Rotor“, das allerdings auch ziemlich albern wirkt. Zum Schluss folgt noch „Heisse Lippen“, das am Ende noch einmal ein echtes Highlight darstellt.

Schöne, unterhaltsame elektronische Musik – ganz großartig. Eine tolle, wenn auch verspätete Entdeckung.  (649)

Bruce Cockburn – Big Circumstance (1989)

Der Kanadier Bruce Cockburn bringt bereits seit 1970 Alben heraus („Big Circumstance“ ist sein sechzehntes) und hat sich trotz seltener Hits oder Charterfolge eine treue Fangemeinde aufgebaut. Seine Qualität im Bereich der modernen Folkmusik mit leichtem Rockeinschlag machte ihn dennoch bekannt. 1980 feierte er mit „Dancing in the Dragon’s Jaws“ in den USA einen größeren Erfolg, als das Album Platz 20 der Billboard-Charts erreichte. Ich selbst bin durch den Song „If a Tree Falls“ auf ihn aufmerksam geworden und habe mir daraufhin das Album gekauft, auf dem dieser Titel als Eröffnung zu finden ist. Neben Liedern über den Erhalt von Wäldern und Umweltschutz greift Cockburn auch andere politische Themen auf. Er ist ein politisch engagierter Musiker, der Haltung zeigt.

„If a Tree Falls“ eröffnet, wie bereits erwähnt, das Album. Bis auf den Refrain singt Cockburn in diesem Stück eher in einem Sprechgesang. Entscheidend ist jedoch die Botschaft des Songs, die von einnehmenden Melodien getragen wird und ihn zu einem kleinen Hit macht. Der Mitsing-Refrain und die Rockmelodie, die an J.J. Cale und die Dire Straits erinnern, funktionieren dabei hervorragend. Mich zieht diese Kombination bis heute sofort in ihren Bann. Besonders das E-Gitarrenspiel ist in diesem Stück großartig.

Im Country-Folk-Stil präsentiert sich „Shipwrecked at the Stable Door“. Musikalisch besser und eher dem Art-Folk zuzuordnen ist „Gospel of Bondage“.

Eine sehr schöne Americana-Folk-Ballade ist „Don’t Feel Your Touch“. Immer wieder tauchen auf dem Album anspruchsvolle Kompositionen auf, die an die Alben von Joni Mitchell aus den 1980er Jahren erinnern. So ist auch „Tibetan Side of Town“ ein Art-Rock-Stück auf sehr hohem musikalischem Niveau.

Auch „Understanding Nothing“ überzeugt musikalisch. Allerdings stört mich der „gesprochene Teil“ etwas; durchgängig gesungen wäre das Stück für mich persönlicher angenehmer.

Ein kritischer Rocksong ist „Where the Death Squad Lives“ – sehr schwungvoll. Mit starkem Blues-Einschlag präsentiert sich „Radium Rain“, der allerdings mit 9:26 Minuten etwas lang geraten ist.

Sanfter Rock mit einer Blues-Note bietet „Pags of Love“. Durch den Einsatz der Akustikgitarre passt das sehr gut zum Song.

Ein toller Titel, der direkt mit seinem hervorragenden Gitarrensound begeistert, ist „The Gift“.

Zum Abschluss folgt ein durchaus ungewöhnlicher, melancholischer Country-Rock-Song, in den Klezmer-Musik verwoben ist: „Anything Can Happen“. Allerdings reißt mich der Refrain aus dem Stück heraus.

Insgesamt handelt es sich um ein anspruchsvolles Rockalbum, das gut gemacht ist und seit vielen Jahren in meiner Sammlung steht. (608)

Cock Robin – Cock Robin (1985)

Cock Robin bestand zu dieser Zeit aus Peter Kingsbery (Sänger, Songwriter, Bass, Keyboard, Gitarre), Anna LaCazio (Gesang, Keyboard, Percussion), Clive Wright (Gitarre) und Lou Molino (Schlagzeug, Percussion). Die Band wurde durch die beiden Hits der Platte „When Your Heart Is Weak“ und „The Promise You Made“ vor allem in Europa schnell bekannt.

Pop-Musik ist eine Stilrichtung, die oft mit Zutaten aus anderen Genres vermischt wird. Die gesamte zweite Hälfte der 80er Jahre fand ich die drei in dieser Zeit erschienenen Alben wirklich sehr gut. Mittlerweile überzeugen mich nur noch einige wenige Stücke auf jeder Platte.

Ab Mitte der 80er Jahre klangen viele Pop-Platten so, wie die Alben der großen Stars dieser Zeit – nehmen Sie zum Beispiel die von Tina Turner, Joe Cocker und vielen anderen. Die für die Musik verantwortliche Band, die man hört, könnte meist dieselbe sein – nur die Sänger unterscheiden sich. Deshalb müssen Songs aus dieser Zeit, gerade im Popbereich, etwas Besonderes sein, um zu funktionieren.

Bei „Through You Were on My Side“ gelingt das in großen Teilen, weil der Song eine ansprechende und recht rockige Melodie hat. Bei Cock Robin war der Duett-Gesang von Kingsbery und LaCazio immer schon das herausstechende Merkmal der Band.

Und wenn wirklich alles zusammenpasst, der Song diese eine wichtige Nuance besitzt, die ihn zum Hit macht oder vielleicht sogar zum Song für die Ewigkeit, dann ist Cock Robin mit „When Your Heart Is Weak“ genau das gelungen. Er ist typisch für die Zeit, schafft es aber einfach immer noch zu überzeugen.

Bei „Just When You’re Having Fun“ funktioniert trotz der ausgelassenen Stimmung, die der Song vermitteln möchte, jedoch nicht viel. Besonders nervt mich dabei der Gesang von Anna LaCazio, der einfach wie bei vielen Rockröhren aus dieser Zeit klingt. Auch der Rest des Songs wirkt eher altbacken.

Dann doch lieber wieder melancholischer Pop vom Feinsten: Auch der zweite Hit der Platte, „The Promise You Made“, nimmt mich immer noch mit. Produktion und Song bleiben etwas Besonderes.

Auch „Because It Keeps on Working“ hat die Zeit nicht gut überstanden. Es ist Schlager-Pop-Rock, der kaum noch erträglich ist.

Der mit New-Wave-Gitarren ausgestattete „Born with Teeth“ rockt wenigstens richtig, weshalb der Gesang von Anna LaCazio hier auch einmal gut passt. Kein wirklich beeindruckender Song, aber immer noch einer der besseren der Platte.

Was wohl dazu führte, dass ich die Band eine Zeit lang mochte, war ihr eigener Sound. Die Melodien, vorangetrieben durch die Rhythmusinstrumente Bass, Schlagzeug und Gitarre, dazu der leicht theatralische Gesang von Peter Kingsbery – den ich immer für einen guten Sänger gehalten habe – und die Gitarre von Clive Wright, die mit Effekten und eingängigen Melodien die Musik bereichert, das war schon etwas Besonderes. Später kamen noch lateinamerikanische Klänge hinzu. Nur den Einsatz von Anna LaCazio als zweite Sängerin finde ich außerhalb der Duettstücke leider oft etwas fehl am Platz, weil ihr einfach etwas fehlt. Königsberg besitzt mehr Qualitäten als Frontmann, als dass sie als Frontfrau daneben bestehen könnte.

Der Song „Once We Might Have Known“ vereint alle Stärken und Schwächen der Band zu gleichen Teilen.

Ein kleiner, unterschätzter Schatz der Platte ist „More Than Willing“. Hier passt vieles wieder sehr gut zusammen. Neben den beiden Hits ist es sicherlich einer der besten Songs des Albums.

Auch die schöne Pop-Rock-Ballade „A Little Innocence“ zeigt, dass ich die CD nicht umsonst seit über 40 Jahren in meiner Sammlung habe. Irgendwie gehört das Album zu „meiner“ Musik. (685)

Codeine – Frigid Stars (1990)

Codeine zählen zu den Pionieren des Slowcore und Sadcore. Das Anfangsstück „D“ vermittelt einen guten Eindruck davon, was wir von Codeine erwarten können: langsam gespielter Post-Rock, der sich gut zum langsamen Headbangen eignet. Der zweite Song „Gravel Bed“ weist einen etwas stärkeren Post-Rock-Anteil auf, während „Pickup Song“ eine Slowcore- und Shoegaze-Nummer ist. Dabei verwischen auch die Genre-Grenzen. „New Year’s“ ist zwar ebenfalls recht ruhig, könnte aber sogar als Emocore durchgehen. Mehr „Core“ habe ich nicht zu bieten, da ich Hardcore eigentlich gar nicht mag. Es mag da ein paar seltene Ausnahmestücke geben, doch im Grunde ist mir das dann zu heftig. Deshalb bevorzuge ich zum Beispiel von Fugazi eher die späteren Stücke.

Auf der B-Seite setzt sich der ruhig gespielte Post-Rock mit „Second Chance“, „Cave-In“ und „Cigarette Machine“ fort. Dabei handelt es sich zwar um eher langsame Stücke, die aber teils sehr heftigen Einsatz von Gitarre und Bass zeigen. „Old Things“ schließt die Platte schließlich mit einem Slowcore-/Shoegaze-Mix ab.

Mein erster Eindruck ist, dass ich diese Musik lieber live genießen würde – von der Platte her ist sie mir trotz ihrer Kürze ein wenig zu eintönig. Da sind mir die eher akustischen Songs meiner Slowcore-Helden „Red House Painters“ lieber. (147)

Cœur de Pirate - Cœur de Pirate (2008)

Die kanadische Singer-Songwriterin und Pianistin Béatrice Mireille Martin veröffentlichte ihr Debütalbum 2008 unter dem Künstlernamen Cœur de Pirate.

Auf weiten Teilen sind es nur Stimme und Klavier, die zu hören sind. Dabei beginne ich, mich intensiver für den Textinhalt zu interessieren. Die Liedtexte handeln meist in einfallsreicher, aber eher melancholischer Poesie von Beziehungen, die wohl meist ein Ende gefunden haben oder bald enden werden.

Manchmal sind die Melodien der Musik ungewöhnlich schwungvoll im Kontrast zur Melancholie der Texte. Die Musik gewinnt dabei immer an Kraft, wenn Béatrice Mireille Martin von anderen Instrumenten begleitet wird.

Viele ihrer auf Französisch gesungenen Songs, die manchmal an ein Chanson erinnern, leben von den Worten über Lust, Liebe, Trennung, Lügen, Betrug und Vertrauen. (200)

Alin Coen – Nah (2020)

Alin Coen hat mit der Alin Coen Band drei Alben und ein Live-Album veröffentlicht. Danach entschied sie sich zunächst gegen weiteres Musikmachen, studierte Land- und Wassermanagement in den Niederlanden und arbeitete für Greenpeace. Zum Glück entschied sie sich jedoch doch, wieder Musik zu machen, und so entstand das Album „Nah“. Da ich vom Live-Album „Alles was ich hab“ so begeistert war, sehe ich diese Entscheidung als Glücksfall und freue mich auf neue Songs von Alin Coen. Ein noch neueres Studioalbum erscheint in diesem Jahr (2026), und danach geht Alin Coen auch wieder auf Tour. Jetzt höre ich mit etwas Verspätung zunächst ihr Comeback-Album an.

„Du bist so schön“ ist ein Singer/Songwriter-Stück am Klavier, ein sehr liebevolles Lied, das meiner Vermutung nach vom eigenen Kind handelt.

Liebesschmerz, wunderschön verpackt: „Du machst nichts“. Zusammen mit Philipp Poisel bietet Alin Coen wohl die beste Musik für erwachsene Hörer, die gefühlvolle, emotionale und poetische Texte in schöner Musik schätzen. Diese Musik ist einfach nur schön.

Mit mehr Leichtigkeit versehen ist „Bei Dir“. Hier geht es wohl mal ums Liebeswerben.

Tempo und Stimmung bleiben im Höhenrausch bei „Alles was ich hab“.

Songs wie „Leichtigkeit“ sind ein schönes Beispiel dafür, dass bei Alin Coen neben den Texten auch die Musik ausgesprochen gut funktioniert.

Im Pop-Rock-Modus geht es ebenfalls: „Held“. Wieder sanft und melancholisch finde ich es aber am schönsten bei „Entflammbar“.

„Tiraden“ erinnert mich an Songs von Sophie Hunger. Auch wegen der Gesangsart und wohl auch der Texte ist Judith Holofernes eine Art Verwandte.

Akustisch mit Gitarre begleitet klingt „Die Gefahr“. Ein wenig erinnert es auch an Anna Depenbusch. So habe ich einige der deutschsprachigen Singer/Songwriterinnen erwähnt, die ich neben Alin Coen ebenfalls schätze. Doch bei Alin Coen funktioniert für mich fast jeder Song – das kann ich bei den anderen genannten, wenn auch sehr geschätzten Musikerinnen, nicht immer sagen. Alin Coen ist etwas Besonderes unter den Besten ihres Fachs. Hört euch nur „Beben“ an.

„Das Ende“ ist noch nicht das Ende der Platte – es ist nur der vorletzte Song. Das Ende folgt mit „Ultimatum“. Zum Glück macht Alin Coen weiter Musik. Es wäre viel zu schade, denn nur wenige können Emotionen so gekonnt in Text und Musik verpacken wie sie. (695)

Marc Cohn – Marc Cohn (1991)

Marc Cohn ist für mich ein ausgesprochen guter Singer/Songwriter, dessen Lieder oft Elemente aus Soul und Blues enthalten. Vier Alben hat er mit eigenen Songs veröffentlicht und eines mit Coversongs.

Natürlich kennt jeder seinen großen Hit „Working in Memphis“, und es ist gut, dass man den Song gleich zu Beginn hört, denn danach kann man sich vom allseits bekannten und immer wieder gern gehörten Lied lösen und dem Rest von Marc Cohns Songs widmen. Ein gefühlvoll schöner Song auf dem Album, von denen es viele gibt, ist „Ghost Train“, der eine unglaubliche Mitreißkraft entwickelt. Das Klavierspiel und der Song „Silver Thunderbird“ erinnern an Bruce Hornsby. Die Lieder von Cohn sind eindeutig amerikanisch, da sie amerikanische Themen in den Texten aufgreifen und zugleich nach Roots-, Heartland-Rock, Soul und Gospel klingen. Die Songs funktionieren von Anfang bis Ende, zum Beispiel „Dig Down Deep“. Ebenfalls sehr emotional ist „Walk on Water“. Etwas schwungvoller gestaltet sich der nächste Song „Miles Away“. Zwei besonders starke Titel folgen mit „Saving the Best for Last“ und „Stranger in a Car“, die echte Meisterstücke sind. Einen fast acapella vorgetragenen Gospelsong findet man mit „29 Ways“ ebenfalls auf dem Album.

Letztlich sind es die gefühlvollen Songs, die mich immer wieder schnell begeistern und dieses Album für mich so besonders machen, darunter „Perfect Love“, bei dem James Taylor, einer von Marc Cohns Songwriter-Vorbildern, mitsingt. Der letzte Song eines wirklich guten Albums ist das noch einmal wunderschöne „True Companion“.

Mit diesem eindrucksvollen Debüt hat sich Marc Cohn direkt in die Reihen der bedeutenden Singer-Songwriter eingereiht. Tolles Debüt, tolle Platte. Doch auch seine weiteren Alben sind zu empfehlen, und Songs wie „Walk Through the World“ begeistern genauso wie der eine große Hit „Walking in Memphis“. Ein Musiker ist immer mehr als nur sein einziger Erfolg. (273)

Coldplay – Moon Music (2024)

Mal schauen, ob sich meine Vorurteile gegenüber dem Spätwerk von Coldplay beim neuesten Album weiter bestätigen. Sind die Indie-Poper, die nie bei einem Indielabel waren, tatsächlich zu einer reinen Pop-Hit-Maschine geworden, oder hat dieser Pop wenigstens noch ein Stück Seele und Ehrlichkeit?

Das langgezogene Intro des Titelstücks unterstreicht schon einmal, dass sich Coldplay mit Rockmusik nichts mehr zu tun haben. Ich mag die Stimme von Sänger Chris Martin leider total gerne. So kann er mir auch Seichtes wie dieses Eröffnungsstück vorsingen, und es klingt in meinen Ohren „ganz nett“. Aber beim Popbeat von „feelslikeimfallinginlove“ befinden wir uns wieder in der Mitsing-Pop-Party-Hölle. Leider sind Coldplay nicht mehr die einfachen, sympathischen 4+1 Jungs von nebenan, die mit jeder Platte besser werden wollen. Mittlerweile sind sie ein riesiges Unternehmen, das wie ein Zirkus um die Welt zieht, um ihren La-La-La-Pop möglichst ausverkauft in großen Stadien zu präsentieren. Richtig gute Songs kommen dabei kaum noch heraus, selbst Ed Sheeran schreibt manchmal noch Schöners.

Wie stark der Popanteil mittlerweile dominiert, hört man ganz deutlich bei „We Pray“, das für die amerikanischen Charts produziert und mit zahlreichen Popgrößen zusammengestellt wurde. Dass diese Band einst Songs wie „The Scientist“, „In My Place“, „Fix You“ und „Clocks“ spielte, ist kaum noch vorstellbar. Da glaube ich auch nicht mehr, dass es sich dabei um das Werk einer Band handelt.

So schön das folkige „Jupiter“ auch teilweise funktioniert (warum aber dieses aufgesetzte Ende?), ist mir das alles viel zu poppig und klingt nach tausendfach Gehörtem im Radio – nur eben mit der Stimme dieses guten Sängers (aber warum?).

Disco-Partypop gibt es mit „Good Feelings“.

Das Schlimme ist, dass ich mir gestern noch die Banddoku „A Head Full of Stars“ angeschaut habe und dachte, die sind ja doch eigentlich ganz nett und haben wirklich gute Songs geschrieben. Aber mit dem Pop-Müll der letzten Jahre komme ich dann doch nicht klar. Zu viel Zirkus und zu wenig Substanz oder „eigener Anspruch“.

Jemand hat das wohl als „Musik für einen Kindergeburtstag“ beschrieben, und das stimmt durchaus.

Der Regenbogensong macht es auch nicht besser, im Gegenteil, das Album versinkt dadurch auch noch in Pathos.

Es wird aber immer schlimmer: „iAAM“ (damit könnten sie zum ESC gehen!). Und noch schlimmer wird es mit „AETERNA“.

Die Kuschelballade „All My Love“ gibt mal kurz Zeit zum Verschnaufen und Verdauen – aber auch dieser Song wird mich vielleicht erst in ein paar Jahren daran erinnern, dass es mal diese Band gab, die auf ihrem letzten von mir gehörten Album zumindest diesen einen ganz netten Song hatte. Doch auch das ist wohl zu früh gesagt, da sie den Song dann in Gänze noch verhunzen.

Ende erreicht – jetzt wollen Coldplay noch die Welt vereinen mit „One World“. Und ich glaube, den Pianoanfang haben sie bei Nick Cave geklaut. Nein, ich schreibe nicht weiter – es ist alles peinlich genug.

Eigentlich müssten sie doch bei ihren eigenen Konzerten merken, wie gern die Leute Songs wie „Fix You“ hören – warum machen sie dann so einen Scheiß (402)

Cold War Kids – Dear Miss Lonelyhearts (2013)

Die Cold War Kids bieten mit dem Eröffnungsstück „Miracle Mile“ euphorischen Indie-Rock an. Das ist kraftvoller Indie-Rock, der zum Tanzen und Feiern einlädt.

Mit elektronischen Klängen und einer atmosphärischen Note begeistern „Lost That Easy“ sowie weitere Stücke. Die Band ist genau so eine, die einen bei einem Festival oder einfach live schnell zum Fan machen kann. Die Musik ist zwar nah am Mainstream, doch so kraftvoll und mitreißend, dass man trotz bekannter Ähnlichkeiten sofort Freude daran hat.

Ich kannte die Band vorher nur von einem Song auf einem Musiksampler und wollte hören, ob sie mich auch über ein ganzes Album überzeugen kann. Das scheint tatsächlich der Fall zu sein.

Auch das poppige „Loner Phase“ macht richtig Spaß. Ich bin wirklich begeistert. Die Cold War Kids können aber auch ruhiger und emotionaler: „Fear and Trembling“ zeigt das ebenso wie das leicht an John Lennon erinnernde „Tuxedos“. Mit mehr Power überzeugt „Bottled Affection“. Besonders gut gefällt mir auch „Jailbirds“.

Es gibt keinen schwachen Song auf dem Album, und die meisten Lieder sind richtig gut, etwa „Water & Power“.

Das Titelstück „Dear Miss Lonelyhearts“ erinnert plötzlich an Vampire Weekend. Mit „Bitter Poem“ endet das Album schön im Indie-Rock-Stil.

Eine tolle Platte zum Spaß haben – gleichzeitig eine Indie-Rock-Pop-Produktion mit vielen eingängigen Songs, die aber nicht wie Retortenmusik aus den Charts klingt. Davon möchte ich mehr hören. Für Fans von Kings of Leon ist die Band ebenfalls interessant, denn der Sänger erinnert mich an deren Stil, auch wenn er seine Texte durchweg euphorisch hinausschreit, was man den Kings of Leon nicht immer nachsagen kann. (418)

Phil Collins – Face Value (1981)

Ein Lieblingsalbum – ohne den Prog-Rock-Zwang von Genesis bietet es eine gelungene Mischung aus Rock, Soul, R&B-Bläsereinsätzen und einer wundervollen Instrumentalnummer mit „Hand in Hand“. Der Übersong der Platte ist natürlich „In the Air Tonight“, doch auch viele der anderen Songs glänzen und sind für ein Album aus den 80er Jahren zeitlos gute Musikstücke. Selbst der Genesis-Song „Behind the Lines“ gewinnt durch den Bläsereinsatz eine ganz neue Note. Ähnliches lässt sich viele Jahre später auf der Soloplatte des Elbow-Frontmanns Guy Garvey beobachten – auch er spielt hier frei auf, was er bei seinem Hauptprojekt nicht wagt (warum eigentlich nicht? Ein bisschen mehr Abwechslung würde Elbow durchaus gut tun).

Zurück zu „Face Value“. Das Album ist abwechslungsreich, Instrumente und Stimmungen wechseln ständig. „Roof Is Leaking“ klingt, als hätte er es auf seiner Veranda aufgenommen – das verleiht dem Stück eine sehr private und emotionale Atmosphäre. Das Instrumental „Droned“ empfinde ich als eher überflüssig – bei mir ist dieses Stück total in Vergessenheit geraten. Umso mehr mag ich „Hand in Hand“ – der Bläsereinsatz der Phenix Horns in diesem Stück ist einfach großartig.

Ein weiteres Highlight beginnt auf Seite 2: „I Missed Again“. „You Know What I Mean“ ist ganz, ganz ruhig, mit Klavier und Streichern. Genial ist „Thunder and Lightning“. Es ist kein Wunder, dass Collins Frau sich darüber aufregte, dass er ständig unterwegs war – mit Genesis auf Tour, als Gastmusiker und Produzent – Anfang der 80er Jahre war er ein echter Tausendsassa. Den Soul-Pop beherrscht er richtig gut, auch bei „I’m Not Moving“. Bei „If Leaving Me Is Easy“ lässt er noch einmal seinen Beziehungsschmerz hören. Das Beatles-Cover „Tomorrow Never Knows“ beendet das Album.(127)

Colourbox – Best Of 82/87 (2001)

Colourbox waren eine erste Ausnahmeerscheinung beim Label 4AD, weil sie viel mehr nach Dancefloor und Pop klangen als die anderen Künstler des Labels. Ihren bekanntesten Song, der bis heute oft gehört wird, brachten sie unter einem anderen Namen heraus: „Pump Up the Volume“ erschien unter dem Namen „M.A.R.I.S.“.

Aufmerksam wurde ich auf die Band durch einen Artikel in einer alten Musikzeitschrift. Seitdem bin ich mir nicht ganz sicher, ob die Musik von Colourbox wirklich mein Ding ist. Auf jeden Fall finde ich „Pump Up the Volume“ großartig. Der Song hat, glaube ich, das gesamte Dancefloor- und elektronische Tanzmusik-Genre stärker beeinflusst als kaum ein anderer.

Das Best-of-Album beginnt mit „The Official Colourbox World Cup Theme“. Das Stück ist durchaus ernst gemeint und war für die WM 1986 gedacht, wurde aber nicht offiziell verwendet. Es ist eher eine mittelprächtige Synthesizer-Orchester-Nummer. Das Hauptthema des Songs (der Refrain) ist recht ansprechend, aber der Rest wirkt etwas aufdringlich.

Ein weiterer Single-Hit von Colourbox war die Coverversion von „Baby I Love You So“. Als Dub/Reggae-Nummer in der Maxiversion, angereichert mit einigen Sample-Effekten, ist sie sehr gelungen – zumindest für jemanden wie mich, der sonst wenig Dub/Reggae hört. Als Sängerinnen waren bei Colourbox zunächst Debbie Currie und später Lorita Grahame aktiv. Die Brüder Martyn und Steven Young waren vor Colourbox auch an den ersten beiden Alben von This Mortal Coil beteiligt.

Danach folgt „Pump Up the Volume“ ebenfalls in der US-Maxiversion – eine durchaus gelungene Variante des Songs.

„Looks Like We're Shy One Horse – Shoot Out“ führt zurück zum Dub/Reggae-Sound. Da könnte gut Joe Strummer darüber singen, dann hätte das wirklich etwas. Gleichzeitig wird damit klar, dass Colourbox eher ein DJ-Projekt als eine klassische Band sind. „Arena 2“ ist ein recht gewöhnlicher 80er-Pop-Song. Er tut nicht weh, ist aber auch nicht besonders spannend und liegt irgendwo zwischen Thompson Twins und The Eurythmics.

„Just Give ’Em Whiskey“ überrascht mit Rockgitarren und Rocksounds, die mit Samples gemixt werden. Das ist zum Teil zumindest außergewöhnlich und gut gemacht.

Mit dem Titel „Philip Glass“ treffen Colourbox mit Ambientsounds den Namen des Stücks. Insgesamt ist die Songsammlung recht abwechslungsreich zusammengestellt.

Beim 80er-Synth-Pop findet sich „Breakdown – Original 12“, im Balladenstil überzeugt „Sleepwalker“. Am Ende werden noch einmal die Rockgitarren eingesetzt und wirkungsvoll mit Samples gemischt. Dabei sind die Samples jedoch etwas zu aufdringlich und übertönen die Gitarren teilweise.

Die wichtigste Veröffentlichung von Colourbox, beziehungsweise M.A.R.I.S., ist sicherlich „Pump Up the Volume“. Vieles von dem, was sie sonst gemacht haben, klingt heute eher nach mittelmäßigen Pop- und Dub/Reggae-Songs aus den 80er Jahren. Deshalb ist auch dieses Best-of-Album kein Muss, sondern eher etwas für Fans der 80er, die mal etwas anderes hören wollen als Art of Noise und genau nachvollziehen möchten, wie sich Musik vom Synthpop und Dub/Reggae Richtung Club-Sounds, Techno und elektronische Tanzmusik der 90er entwickelt hat. (536)

Shawn Colvin – Fat City (1992)

Die Sängerin und Songwriterin Shawn Colvin feierte mit diesem zweiten Album ihren Durchbruch, obwohl sie bereits mit ihrem Debütalbum „Steady On“ (1989) einen Grammy für das beste Folk-Album gewinnen konnte. Ich habe zwar die Alben nach „Fat City“ immer direkt bei Erscheinen gekauft, aber von ihrem Debütalbum habe ich erst heute beim Recherchieren für diesen Text erfahren. Bis jetzt hatte ich immer geglaubt, dass „Fat City“ ihr Debütalbum gewesen sei („Steady On“ habe ich aber sofort nachbestellt).

Shawn Colvins Stil ist sehr amerikanisch – vor allem handelt es sich um schöne Singer-Songwriter-Lieder, aber manchmal klingt es auch nach kargen amerikanischen Landschaften und abgelegenen Ortschaften. Da ich Shawn Colvin fast gleichzeitig mit Chris Whitley entdeckt habe, passten die beiden Musiker für mich immer gut zusammen. Tatsächlich hört man beim Stück „Set the Prairie on Fire“ Chris Whitley auch auf diesem Album an der Steel-Gitarre. Das liegt vielleicht auch daran, dass beide Künstler beim selben Label unter Vertrag standen.

Neben den Singer-Songwriter-Stücken gibt es auch schöne Folk-Pop-Songs auf diesem Album zu hören. Kein Lied ist wirklich schlecht, und das Album gehört für mich zu den oft gehörten Highlights meiner Sammlung. Allerdings habe ich es schon viel zu lange nicht mehr gehört – das werde ich jetzt ändern.

Bei „Polaroids“ hört man heraus, dass Shawn Colvin als Backgroundsängerin für Suzanne Vega gearbeitet hat und sich beim Songschreiben etwas von ihr abgeschaut hat. „Polaroids“ besitzt die gleiche beeindruckende Singer-Songwriter-Qualität.

Dass Larry Klein, ein musikalischer und privater Partner von Joni Mitchell, das Album produziert hat, erklärt die stimmige Produktionsweise, die mich in ihrer Qualität und Konzentration an den Produzenten Daniel Lanois erinnert. Das könnte auch daran liegen, dass beide Produzenten zur gleichen Zeit sehr aktiv waren.

Die musikalische Qualität von Stücken wie „Tennessee“ ist es auch, die mich immer wieder dazu bringt, dieses Album aufzulegen. Hier rockt es richtig gut, und die Qualität reicht fast an die einer Joni Mitchell heran. So sorgt man für Aufsehen.

Wenn man neben vielen anderen Musikern wie Bruce Hornsby, David Lindley, Jim Keltner und Richard Thompson auch Joni Mitchell während der Aufnahmen im Studio hat, was soll da noch schiefgehen? Und Joni sorgte mit Percussion für den besonderen Rhythmus.

„Tenderness on the Block“ ist ein Lied von Warren Zevon, den ich mir auch noch näher anschauen möchte. Er schrieb den Song zusammen mit Jackson Browne. Wer im Singer-Songwriter-Geschäft etwas zu sagen hat, ist irgendwie auf dem Album vertreten. Den Song mag ich besonders gern, vielleicht weil er klingt wie ein guter Paul Simon-Song.

Mit Pop-Song-Feeling, weil schön schwungvoll: „Round of Blues“ – so ein Feel-Good-Song, den wir in diesen Zeiten auch brauchen.

Eine ruhige, liebevolle Ballade folgt mit „Monopoly“, die bei vielen Musikerinnen oft kitschig klingt, hier aber einfach wunderschön ist.

Ein weiterer guter und sanfter Singer-Songwriter-Song ist „Orion in the Sky“. Etwas schwungvoller und als Pop-Song funktionierend ist „Climb On (A Back That’s Strong)“ – es hat schon das Potenzial, eine Hymne zu werden.

Ein Meisterstück ist „Set the Prairie On Fire“ – ein ganz starker Song für die Ewigkeit und ein außergewöhnlicher Rootsrock-Song.

Schwungvoll und gekonnt ist „Object of My Affection“ – das hat auch etwas von einem Fleetwood-Mac-Song.

Mit „Kill the Messenger“ taucht fast am Ende noch ein sehr guter Song auf, der dem hohen Niveau der anderen Lieder gerecht wird.

Sanft und melancholisch rundet „I Don’t Know Why“ das Album ab.

Mit diesem Album musste Shawn Colvin ihren Durchbruch einfach schaffen, denn alles andere wäre ungerecht gewesen. Mit vielen Mitwirkenden im Studio und wohl auch dem Willen ihrer Plattenfirma ist ihr dieser Erfolg zu Recht gelungen. Ein ganz tolles Album.(625)

Common Ground (Voices of Modern Irish Music) (1996)

Es gibt Sampler oder Compilations, die ich einfach sehr mag, weil sie mir die Ohren für neue Musikerinnen und Musiker geöffnet haben oder mir tolle neue Songs von bereits bekannten Künstlern bieten. Dieser Sampler ist so einer. Besonders bemerkenswert ist, dass die Sammlung, obwohl sie sehr unterschiedliche Musiker und Songs vereint, dennoch wie aus einem Guss klingt. Das ist vor allem dem Produzenten Donal Lunny zu verdanken.

Unbekannt war mir zum Beispiel gleich zu Beginn Máire Brennan. Sie hat, wie einige andere Künstler auch, ihren Song „O bhean A Ti“ auf Gälisch gesungen. Das ist eine schöne Folknummer. Tim und Neil Finn sind zwar gebürtige Neuseeländer und bekannt durch ihre Arbeiten bei Split Enz und Crowded House, gelten aber auch als bekannte Folk-Pop-Musiker. Mit „Mary of the South Seas“ beweisen sie erneut, welch unverwüstlich zeitlose Songs sie schreiben können.

Irgendwie will „Tomorrow“ von Bono und Adam Clayton zum Rest der Songs auf der CD nicht so recht passen. Das liegt wohl daran, dass diesem Stück das Folk-Element fast ganz fehlt und wenn, dann nur kurz als Hintergrund eingesetzt wird. Stattdessen ist der Song eher ein melancholisch-düsterer Pop-Rock-Titel. Auf einem U2-Album würde er jedoch nicht unangenehm auffallen.

Beim ersten Hören der CD kannte ich Sharon Shannon noch gar nicht, doch den Instrumentalsong „Cavan Potholes“ mochte ich sofort. Er klingt ein wenig wie eine Solo-Nummer von Sting mit Akkordeon als Hauptinstrument und macht einfach viel Freude. Auch vorher unbekannt, aber mittlerweile von mir sehr geschätzt und bewundert, ist Paul Brady. Sein Song „Help me to believe“ berührt mich durch seine Schönheit und Anmut und nimmt mich jedes Mal emotional mit. Ein Lieblingslied seit dem ersten Hören.

Dabei fällt mir eine weitere Stärke des Samplers auf: Er langweilt überhaupt nicht, obwohl es ein Folk-Album ist. Die Stücke sind sehr abwechslungsreich und voller Schönheit. Besonders bewegend ist auch die Interpretation des traditionellen Folksongs „On Raglan Road“, der auf einem Gedicht von Patrick Kavanagh basiert. Ich mag sehr die Version von Van Morrison und The Chieftains, doch wenn Sinead O’Connor ihn singt, entsteht etwas ganz Besonderes.

Ein eher unbekannter Künstler ist Brian Kennedy, der zwar für Irland bereits beim Eurovision Song Contest teilgenommen und den 1000. Wettbewerbsbeitrag geliefert hat, aber vor allem durch eine Tribut-Single zum Tod des Fußballspielers George Best bekannt wurde. Mit „As I Roved Out“ schenkt er uns eine ganz sanfte Folknummer.

Weil seine Stimme so gut zum Genre passt, würde ich Elvis Costello gar nicht verübeln, wenn er öfter Folk-Musik machen würde. Bei dem Song „The Night Before Larry Was Stretched“ zeigt sich, dass Costello und traditionell arrangierte Folkmusik sehr schön zusammenpassen. Über einen Song von Kate Bush freut man sich ja immer, und hier singt sie mal auf Gälisch: „Mná Na Héireann“ – kurz und prägnant. Unter der Produktion von Donal Lunny klingt alles ein wenig nach großer Filmmusik, vielleicht sogar nach Riverdance, doch das lässt die Musik in diesem Fall einfach schöner und größer erscheinen. Für manche Folk-Puristen mag das etwas kitschig sein, aber mir gefällt es sehr.

Beim nächsten Song sind Donal Lunny und Davy Spillane zusammen zu hören. Der instrumentale Titel heißt „Whistling Low/Errigal“. Die beiden Musiker haben zusammen in der Band Moving Hearts gespielt. Ganz wunderbar und einfach herrlich ist das Liebeslied an die irische Heimat „My Heart’s Tonight in Ireland“ von Andy Irvine, ein weiteres Highlight der Platte. Andy Irvine spielte mit Donal Lunny in der Band Planxty.

Liam Ó Maonlaí gehört zu den von mir sehr geschätzten Sängern. Ich mag die Hothouse Flowers sehr gern und liebe seine Stimme. Sein Beitrag, ebenfalls auf Gälisch, heißt „Cathein“ und entfaltet durch die fast schon spirituelle Spielweise eine einnehmende Sogwirkung.

Den Abschluss dieser CD macht ein Weggefährte von Produzent Donal Lunny: Christy Moore. Sein „Bogie’s Bonnie Belle“ ist noch einmal zärtlich und schön. Insgesamt ist das ein großartiger Sampler – eine wunderbare Sammlung toller Songs. (316)

CMON – Confusing Mix of Nations (2020)

Moderner Indie-Pop, gemischt mit Einflüssen aus den 80er- und 90er-Jahren, bieten CMON (Confusing Mix of Nations mit ihrem ersten Titel „Coo“ an. Dieser Song enthält einige eingängige Tanzbeats, klingt aber eher wie ein Brit-Pop-Stück, das von zwei Musikern aus Los Angeles gespielt wird.

Richtig in den Elektro-Synth-Pop der 80er Jahre geht es mit „Good to know“, das sehr gekonnt im Retro-Stil gestaltet ist und deshalb viel Freude beim Hören bereitet.

„Dreamfucking“ erinnert an den Disco-Pop von Daft Punk. Das macht zwar Spaß, aber eine eigenständige Note konnten CMON damit bisher noch nicht setzen.

„Celluloid“ knüpft wieder an den Sound des ersten Tracks an, mischt diesen diesmal jedoch mit dem Pop-Sound der späten 70er Jahre. Bei „Mindbloggling“ wird der Retrosound der 80er dann noch einmal wild kombiniert. Aber langsam habe ich tatsächlich den Eindruck, dass CMON gut zitieren können, jedoch keine wirklich eigenen Ideen besitzen. Alles, was ich bis jetzt gehört habe, kenne ich bereits, teils sogar in ausreichendem Maße, um es nicht noch einmal von jemandem neu interpretiert zu bekommen, der keine eigene Stimme findet und dem Altbekannten nichts Neues hinzufügen kann.

Zwar macht der Sound von „Peter Pan“ zu Beginn sogar Spaß, doch auch hier stellt sich schnell wieder Langeweile ein.

„Sam“ im Rock-Pop-Gewand der 80er Jahre ist als Song jedoch ziemlich gelungen. Musikalische Qualitäten sind dem Duo zweifellos zu attestieren, doch es fehlt ein unverwechselbares Wiedererkennungsmerkmal.

Verträumter Disco-Pop prägt „Zoo“. „Base“ wirkt etwas lieblos präsentiert, erinnert mich aber an Freur und ist deshalb leider unnötig. Hätte man das Album um drei Stücke gekürzt, wäre es vielleicht noch zu retten gewesen, da man den Sound so besser hätte vereinheitlichen können. So jedoch schadet der Abwechslungsreichtum dem Album – was selten beklagt wird, denn meist beklage ich eher das Gegenteil.

Noch einmal 80er-Pop-Rock gibt es mit „Letdown“, das allerdings weniger gelungen ist als zuvor „Sam“.

CMON konnten mich mit ihrem ersten Werk nicht vollständig überzeugen. Drei oder vier Songs haben durchaus Radiopotenzial, doch man würde nie wirklich erkennen, von wem sie stammen, da CMON wie der gesamte Pop-Rock der 80er Jahre klingen. (412)

Console – Reset the Preset (2003)

Martin Gretschmann war ursprünglich für die Elektronik bei The Notwist zuständig. Danach setzte er seine musikalische Arbeit verstärkt mit seinem Solo- beziehungsweise Bandprojekt Console fort, wirkte als Musiker für Hörspiele und Theater mit und ist bis heute unter dem Namen Acid Pauli aktiv. „Reset the Preset“ ist ein ambitioniertes Doppelalbum. Obwohl die Musik überwiegend elektronisch klingt, beweist die Instrumentierung der einzelnen Songs im Booklet, dass noch viel mehr steckt. Zudem sind nicht nur Instrumentalstücke zu hören, denn Sängerin Miriam Osterrieder verleiht manchen Songs ihren ganz eigenen Stempel. Schon jetzt sei verraten: Für mich ist dieses Album ein absolut zeitloses Werk elektronischer Musik.

Direkt mit „Your God Eats Me“ zeigt Console, welche schön konstruierten elektronischen Klänge uns erwarten. Hier fügen sich Beats und Sounds nahtlos zusammen, und es wirkt, als schaffe jemand, die Musik und Soundideen von Kraftwerk ins nächste Jahrtausend zu übertragen. Lediglich der Anfang und das Ende des Songs sind etwas zu lang gezogen. Bei „Surfin Safari“ übernimmt Sängerin Miriam Osterrieder das Geschehen, und die Musik verwandelt sich hin zu Indie-Rock-Pop. Durch die üppigen Sounds macht das richtig Spaß. Dabei unterstützen auch die Kollegen von The Notwist das Album, was man besonders bei Songs wie „Into the Universe“ erkennt. Dieser klingt fast wie ein Live-Stück der NoTwist-Mitglieder. Eine ganz große Nummer, zu der auch der sanfte Gesang von Miriam Osterrieder erheblich beiträgt und den Song zum Erfolg macht.

Mit „Dirt on the Wire“ kehrt die Elektronik zurück und lädt zum Tanzen im Club ein. Das meistert Gretschmann wie kaum ein anderer, denn seine Musik ist stets durchdacht und nicht darauf aus, die Massen dumpf in Ekstase zu versetzen. Der Klang überzeugt voll und ganz. Obwohl die CD aus dem Jahr 2003 stammt, hört man das nicht, sie könnte genauso gut von übermorgen sein. Wunderschön sanfter Elektro-Pop, der mich dahinschmelzen lässt: „The Times they are not A-Changin'“. Die Musik von Console durchbricht viele Grenzen zwischen Indie, Elektro, Club und Rock, sodass sich Fans unterschiedlicher Genres angesprochen fühlen. Besonders „Suck and Run“ bedient verschiedene Geschmäcker gleichzeitig. Die Tempowechsel und die abwechslungsreiche Gestaltung machen das Durchhören der CD sehr angenehm, es gibt keinerlei Langeweile.

„Secret Game“ bietet ruhige elektronische Beats und Samples, bevor der einsetzende Gesang den Titel zum Song werden lässt. Bei „A+A=B“ wird es für einen Electronica-Song ungewöhnlich melancholisch. Doch dann setzt der Beat ein und verwandelt das Stück zu einer elektronischen Hymne im Stil von Orbital. Damit endet die herausragende erste CD.

Die zweite CD beginnt mit „Diagonal“, einem Stück, das stark an den Krautrock-Sound von CAN erinnert. Das stört keineswegs und ist vermutlich auch beabsichtigt, denn bei The Notwist finden sich solche Einflüsse häufig. Es ist wunderbar, dass der Sound von CAN auf diese Weise weiterentwickelt wird. Danach folgen jeweils zwei Versionen von „Para.lel“ – zunächst der „Funicular-Mix“ und anschließend die Originalfassung. Auch weitere Songs der zweiten CD liegen in doppelter Ausführung vor. Der „Funicular-Mix“ ist eine sehr zugängliche, ruhige und schöne Instrumentalnummer, eine großartige Entspannungs- und Loungemusik. Die Originalfassung von „Para.lel“ ist dagegen ein tanzbarer Clubsong und somit ein ganz anderes Stück. „Marina“ in der Mallorca-Version ist ebenfalls ein eher ruhiger Instrumentaltitel. Wie bei allem von Console ist er sehr schön arrangiert, enthält für Elektromusik untypische Klänge und klingt zum Teil sehr akustisch. Nach sechs Minuten fängt der Song fast neu an, wird dabei richtig jazzig und entspannt anschließend wieder. Die zweite CD lädt wirklich zum Runterfahren und Entspannen ein, ist aber niemals ermüdend, wie das bei mancher Ambient-Platte nach einigen Titeln der Fall ist. Auch „Indepencia“ zeigt, wie gut Console elektronische Musik mit all ihren Stärken ausstattet und zeitlos gestaltet. Während alte Elektronik-Pionierplatten oft etwas angestaubt wirken, klingen die Stücke dieser ebenfalls über 20 Jahre alten Produktion noch absolut aktuell. „Marina“ gibt es zum zweiten Mal, diesmal als Ambient-Song. Etwas mehr Tempo nimmt „Diagonal“ im „Raton-Relax!-Mix“ auf. Zum Schluss ist „Indepencia“ noch einmal im „3/4-Mix“ zu hören.

So muss für mich elektronische Musik klingen. Deshalb finde ich diese CD einfach richtig, richtig gut. (318)

Console – Mono (2006)

Matthias Gretschmann hat bereits während seiner Zeit als Mitglied von The Notwist unter dem Namen Console Platten veröffentlicht, darunter auch gemeinsame Arbeiten mit Andreas Ammer. Zudem erweiterte er das Projekt zu einer Band. „Mono“ könnte auch „solo“ bedeuten, doch darüber gibt das Album keine Auskunft, da es kein Booklet enthält.

Die Musik ist ruhige Electronica, also eher sanfte elektronische Klänge, die nicht steril oder hart, sondern vielmehr wie akustisch aufgenommene Musik wirken. Auch der Begriff Ambient passt gut dazu – das Album beginnt mit dem Stück „City of Dog“.

Auch „To catch a Beat“ besticht durch sanfte Klänge. Tanzbeats bietet das Album zunächst nicht, es scheint eher zum „Hören“ und nicht zum „Tanzen“ gedacht zu sein. Elektronische Musik zum Genießen. Selbst wenn später ein Schlagzeugbeat hinzukommt, bleibt die Melodie von einer schönen Atmosphäre geprägt. Console gehört somit neben b.fleischmann zu meinen Favoriten im Bereich elektronischer Musik, weil ich genau diese Art sehr schätze. Es ist Musik für CD und Vinyl – zum bewussten Hören gedacht.

Vielleicht möchte Matthias Gretschmann auch als ernsthafter Komponist wahrgenommen werden, was ihm wohl gelingt, da er inzwischen auch Musik für Theaterinszenierungen komponiert hat. Dieses nicht gerade kleine Werk führt er derzeit hauptsächlich als Acid Pauli fort. „Foster Kane“ ist eine Melodie, die sich ebenso als Filmsoundtrack eignet und, wie es Liebhaber kultureller Musik gern sagen, „zeitgenössisch“ klingt. Allerdings finde ich, dass der Begriff „zeitgenössisch“ wenig über die Art der Musik aussagt, die darunter läuft. Festivals für zeitgenössische Musik oder Gegenwartskultur sind zwar üblich, aber ist das nicht ein zu großer Oberbegriff? Denn nicht jede aktuell geschaffene Musik oder Kunst ist automatisch Gegenwartskultur.

Nahtlos geht der Film in das Stück „Houwelandt“ über, das eher nach orchestraler Musik klingt. Von den Clubbeats, die auf den Alben „Herself“ und „Reset the Preset“ zu hören sind, findet man auf diesem Album bisher nichts. Das ist aber keineswegs schlimm, sondern einfach anders – und immer noch sehr gut. Es ist Musik mit Anspruch, die zum genauen Zuhören einlädt und nicht zum Abtanzen.

Doch gesungen wird auch, wenn auch sehr zurückhaltend und schön, wie bei „By this River“. Für ein elektronisch geprägtes Album sind die Stücke mit einer Länge wie „normale“ Popsongs erfreulich kurz, was dazu beiträgt, dass das Album an keiner Stelle langweilig wirkt.

Atmosphärische Ambient-Krautrockmusik findet sich in „Formicula“ – elektronische Soundtrack-Musik, die an die frühe elektronische Musik der 1970er Jahre erinnert. Das Stück „Magnolia“ setzt diese entspannte Stimmung fort; durch den einsetzenden Gesang entwickelt es sich zu einem verträumten Song.

„Hibernating“ beginnt mit einem beschwingten Grundton, der Hoffnung auf etwas mehr Tempo weckt, bleibt aber dem Ambient-Stil treu, den man von den vorherigen Stücken kennt. Hier verbindet Console Electronica und klassische Synthesizer-Musik gekonnt miteinander.

Auch „Men with a Web Camera“ behält die ruhige Stimmung bei, ebenso wie „Lost in Sensation“.

Der Titel „Starpower“ weckt Erwartungen an einen eventuell tanzbaren Song. Tatsächlich ist es jedoch eine fast altmodisch anmutende Instrumentalnummer, sehr entspannt. Die „Power“ fließt hier eher ruhig durchs Weltall. Wie der Rest des Albums ist auch dieses Stück sehr schön.

Insgesamt ist es ein schönes Album mit einer warmen Klangfarbe, das dem Hörer einen Ruhemoment in einer zunehmend verrückten Welt schenkt – so etwas brauchen wir heute mehr denn je. Einige Gesangsparts, die vermutlich, wie auch bei allen anderen gesungenen Stücken der Platte, von Miriam Osterrieder stammen, sind auch bei „Starpower“ zu hören. 623

Ry Cooder – Ry Cooder (1970)

Das Debütalbum der Rootsrock-Legende und des musikalischen Wegbereiters für andere Genres und internationale Künstler wurde von Van Dyke Parks und Lenny Waronker produziert. Als Eigenkomposition findet sich nur ein Instrumentalstück, dafür aber Neuinterpretationen mit eigenem Charakter. Mir war bis vor Kurzem gar nicht klar, dass Ry Cooder schon so lange selbst Musik macht. Schon vor seinem ersten Soloalbum spielte er in Bands von Captain Beefheart und war mit Taj Mahal gemeinsam bei den „Rising Sons“ aktiv. In den späten 60er-Jahren arbeitete er zudem mit Randy Newman („12 Songs“) und Van Dyke Parks zusammen.

Bei „Alimoney“ wird deutlich, was die Stärken und Schwächen des Albums sind. Die Stärken liegen im Gitarrenspiel und im gut arrangierten Roots-Rock, die Schwäche ist eindeutig die Gesangsleistung von Ry Cooder. Hier hätte er sich vielleicht lieber einen Sänger in seine Band holen sollen. Taj Mahal wäre in dieser Hinsicht eine sehr gute Wahl gewesen. So besteht das Album zu Beginn aus Roots-, Folk-, Country- und Bluesrock, deren Melodien mitreißen, aber wegen des Gesangs ihr volles Potenzial nicht entfalten können. Das gilt auch für die folgenden Stücke „France Chance“ und „One Meat Ball“. Gerade „One Meat Ball“ hätte wirklich das Zeug zu einem großartigen Song, wird aber durch den Gesang leider stark an Wirkung eingebüßt. Den Song gibt es aber möglicherweise von anderen Künstlern gesungen in schönerer Form.

Der Countryrock-Song „Do Re Mi“ klingt stimmlich eigentlich ganz gut, erinnert an eine kleine Nummer von Grateful Dead und kann als bis dahin bester Song der Platte gewertet werden. „My Old Kentucky Home (Turpentine & Dandelion Wine)“ ist als Folkrock ebenfalls noch recht gelungen. Auch „How Can a Poor Man Stand Such Times and Lives?“ überzeugt sehr und kann sich mit den Songs von „The Band“ messen.

Das instrumentale „Available Space“ funktioniert als Country-Rock gut und zeigt nochmals Ry Cooders Fähigkeiten an der Gitarre und als Arrangeur. Dixieland-Jazz gibt es mit „Pigmeat“ auf eine recht verspielte Art, eine interessante Variante des Blues. Eine kleine Solonummer ist „Police Dog Blues“. Ein weiteres Roots-Rock-Highlight ist „Goin’ to Brownsville“. „Dark Is the Night“ schließt das Album sehr sanft und erneut instrumental ab.

Die Qualität des Albums und des Künstlers zeigt sich besonders in der zweiten Hälfte. Allerdings hapert es im Vergleich zu anderen Produktionen noch etwas an der Produktionsweise und der Aufnahmequalität. Wenn diese Aspekte und vor allem der Gesang verbessert würden, könnte diese Musik richtig Spaß machen. Sein Freund Taj Mahal war ihm diesbezüglich bereits etwas voraus. (444)

Elvis Costello – Spike (1989)

Das zwölfte Album von Elvis Costello – der Mann veröffentlicht gerne ein Album nach dem anderen, was wohl auch die großen Qualitätsunterschiede und Richtungswechsel erklärt – ist für mich eine wechselhafte Angelegenheit. Da ich insgesamt zu wenig von seinem Gesamtwerk kenne, um ein umfassendes Urteil zu fällen, erlebe ich seine Alben meist so: Entweder finde ich sie richtig gut oder bin ziemlich enttäuscht. So mochte ich „Spike“ immer sehr, doch das nachfolgende Album „Mighty Like a Rose“ enttäuschte mich. Lediglich „The Other Side of Summer“ empfand ich als erträglich und es kam in etwa an die Qualität der Songs auf „Spike“ heran. Auch der Versuch, ein älteres Album wie „Goodbye Cruel World“ zu hören, scheiterte bei mir. Erst Jahre später wuchs mein Interesse wieder, als Costello 2006 mit Allen Toussaint das Album „The River in Reverse“ aufnahm und sich 2014 an den „The New Basement Tapes“ beteiligte. Im letzten Jahr entdeckte ich dann „Punch the Clock“ (1983) und fand es ebenfalls gut. Es gibt also ohne Zweifel noch viel bei Elvis Costello zu entdecken – doch die Songs vom Album „Spike“ begleiten mich schon seit Jahren beständig.

„Spike“ war das erste Album, das Costello für Warner produzierte. Warner verwöhnte ihn dabei mit einem großzügigen Budget. Vier Musikstudios wurden angemietet, in denen verschiedene Musiker mitwirkten. Die Anzahl prominenter Beteiligter ist beeindruckend: So ist Paul McCartney am Bass zu hören und hat zwei Songs mitkomponiert, darunter die Hitsingle „Veronica“. Zudem sind Chrissie Hynde als Backgroundsängerin, Jim Keltner und Jerry Marotta unter anderem an den Drums sowie Allen Toussaint am Piano vertreten. Bei der Session in Irland wirkten unter anderem Christy Moore und Davy Spillane mit. Fast jeder der über dreißig Musiker auf dem Album verfügt über einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Besonders spannend finde ich, dass die Platte dennoch wie aus einem Guss klingt. Verantwortlich dafür sind auch die Co-Produzenten T Bone Burnett und Kevin Killen.

Direkt der Opener „This Town“ macht Spaß. Er ist ein gelungener Mix aus Singer/Songwriter-Elementen und anspruchsvollem Rock. Der kunstvolle Blues „Let Him Dangle“ und die gesamte Soundkulisse erinnern immer wieder an eine Tom Waits-Platte. Man stellt sich die Songs am besten vor, wie sie in einem verrauchten, kleinen Club auf einer kleinen Bühne live gespielt werden. Ein sehr guter Song, ebenso wie das ebenso großartige „Deep Dark Truthful Mirror“. Diese Stücke zeichnen sich durch ihre außerordentliche Qualität aus, weil sie Anspruch und Hörvergnügen bestens verbinden. Was ich an Costello zudem schätze, ist seine unverwechselbare Stimme. Man erkennt ihn immer sofort – ein Elvis Costello ist für mich ebenso charakteristisch wie ein Joe Jackson. Beide Ausnahmemusiker passen für mich immer gut zusammen, auch wenn sie wohl nie gemeinsam gearbeitet haben.

„Veronica“ ist schlichtweg mitreißend, funktioniert immer und bringt Costello jede Zuhörerschaft näher. Natürlich klingt der Song auch wie eine Paul McCartney-Nummer. Die beiden hatten beim McCartney-Album „Flowers in the Dirt“ zwölf Songs zusammen komponiert und diese dann auf verschiedene Alben verteilt – mal ein Song auf dem einen, mal zwei auf dem anderen.

Mit viel eigenem Charme und fast wie aus einer Schwarz-Weiß-Filmzeit klingt „God’s Comic“ – auch ein großartiges Stück. Ich liebe dieses Album einfach, weil es unzählige gute Songs enthält.

Weitere Highlights sind der Jazzrock „Chewing Gum“, die wunderschöne Folk-Ballade „Tramp the Dirt Down“, in der Costello gegen die Thatcher-Ära singt, der instrumentale Jazz im New Orleans-Stil „Stalin Malone“, die sanfte Nummer „Satellite“ und der schöne Folk-Rock’n’Roll„Pads, Paws and Claws“.

Wer sich ein Bild vom Gesamtsound des Albums machen möchte, sollte „Miss Macbeth“ hören. Hier fasst Costello alle Stilelemente des Albums auf beeindruckende Weise zusammen. Das Stück enthält so viel Vielfalt – das ist eine echte Meisterleistung.

Zu den weiteren schönen Liedern zählen die wundervolle Folk-Nummer „Any King’s Shilling“, der Blues-Rock auf Costello-Art „Coal-Train Robberies“ sowie die melancholische Akustikballade „Last Boat Leaving“ zum Abschluss.

„Spike“ ist und bleibt ein zeitlos gutes Album – für mich ein Lieblingsalbum. (504)

Elvis Costello & the Imposters - The Boy Named If (2022)

Eins muss man Costello lassen: Er hat sich seine Frische bewahrt und klingt genauso wie auf seinen frühen Platten. Rock ’n’ Roll, als ob er in Großbritannien erfunden wurde, ist sein Markenzeichen. Für mich ist das aber manchmal auch ein Nachteil bei vielen seiner Songs, denn es gibt zu viel Rock ’n’ Roll und zu wenig richtig gute Melodien und dieses gewisse Etwas. Das Album „Spike“ von 1989 ist mein absolutes Lieblingsalbum von ihm. Davor und danach habe ich immer wieder versucht, in seinem Werk etwas Gleichwertiges zu finden, bin aber nur beim Album „The River in Reserve“, das er 2006 mit dem Bluesmusiker Allen Toussaint aufgenommen hat, fündig geworden. Allerdings habe ich, bei der Größe seines Schaffens, auch nur einen Bruchteil gehört – ich will ja ehrlich sein – und griff zusätzlich auf ein Best-of-Album zurück. Das war es dann aber. Nun wage ich einen weiteren Versuch. Und direkt der erste Song ist wieder so eine Rock-’n’-Roll-Nummer – gähn. Doch der Titelsong „The Boy Named If“ startet durchaus rockig, da geht doch was. „Penelope Halfpenny“ ist ebenfalls richtig gut, denn er kann eigentlich Songs schreiben, auf die ein Paul McCartney neidisch sein könnte (die beiden haben auch schon öfter gemeinsam Songs geschrieben). „The Difference“ macht ebenfalls Spaß. Hat er mich doch endlich mal wieder gepackt? Ja, hat er. Das Album überzeugt und ist auf jeden Fall ein erneutes Anhören wert.

„What if I can't get you anything but L..“ ist kraftvoll und zugleich mit viel Inbrunst gesungen, dazu kommt eine freudig losrockende Band im Hintergrund. Es folgt das wundervolle, sanfte „Paint the Red Rose Blue“. „Mistook You for a Friend“ und „Magnificent Hurt“ kann man überspringen. „My Most Beautiful Mistake“, „The Man You Love to Hate“, „The Death of Magic Thinking“ und „Trick of Truth“ sind dagegen wieder besser oder sogar wirklich gut. Wie gesagt, mit diesem Album hat er mich mal wieder überzeugt. (91)

Counting Crows – Recovering the Satellites (1996)

Dies ist das zweite Album der Band um ihren Frontmann Adam Duritz. Nachdem sie mit Songs wie „Mr. Jones“ bereits mit ihrem Debütalbum „August and Everything After“ in den USA große Bekanntheit erlangt hatten, erreichte dieses Album bei Veröffentlichung direkt Platz 1 der Albumcharts.

Den Stil ihres Debüts hat die Band auch auf das zweite und die folgenden Alben übertragen: zeitloser Singer/Songwriter-Rock mit starken Wurzeln im Sound der siebziger Jahre, geprägt von Bands, die rund um Los Angeles beheimatet waren. Dabei schaffen Duritz und seine Mitstreiter es sehr gut, jeden Song – egal ob leise oder laut – eingängig und mitreißend klingen zu lassen. Gleichzeitig gefallen sie auch anspruchsvollen Musikhörern. So erschließen sie sich gekonnt einen recht großen Hörerkreis.

Ich mag wirklich diesen zeitlosen Sound, die Emotionalität und das sanft Rockende an Songs wie „Catapult“. Für mich ist das Musik, die wie für mich gemacht ist, weil ich daran alles mag. Auch wenn die Songs der Counting Crows alle etwas ähnlich angelegt sind, nimmt mich jeder einzelne mit, und ich fühle mich nie gelangweilt.

Die Band bestand zu dieser Zeit aus David Bryson (Saiteninstrumente), Adam Duritz (Gesang, Keyboards), Charlie Gillingham (Keyboards), Matt Malley (Bass), Ben Mize (Schlagzeug) und Dan Vickrey (Gitarre).

„Angels of the Silences“ rockt von Anfang an und ist dabei etwas schwungvoller als das, was wir auf dem Debütalbum gehört hatten. Der Song klingt emotional, dynamisch und nicht hart.

Singer/Songwriter-Rock, der nach Kalifornien, Los Angeles und San Francisco klingt – wie so viele Songs dieser Band: „Daylight Fading“. Hippiepop.

Damit ist eigentlich schon alles über den Sound der Platte gesagt – Singer/Songwriter-Rock im Hippie-Rock-Stil, sehr amerikanisch, aber mitnehmend. Psychrock möchte ich es wirklich nicht nennen, weil die Musik bei den Counting Crows so leichtgängig wirkt. Gibt es Psychpop?

So funktioniert auch das etwas sanfter angelegte „I’m Not Sleeping“, das im Refrain jedoch etwas lauter wird und mitreißt. Eine sanfte Ballade folgt mit „Goodnight Elisabeth“, die ich sehr schön finde.

„Children in Bloom“ weist sogar einen leichten Alternative-Rock-Ansatz auf und erinnert mich an Songs von Pearl Jam und The Tragically Hip – also voll mein Sound. Eine sehr gute Nummer, die aber in der Fülle der guten Songs etwas schnell in Vergessenheit gerät. Ich versuche, sie länger wertzuschätzen.

Solide gerockt ist „Have You Seen Me Lately?“. Damit haben wir erst die Hälfte der Songs des Albums gehört.

Eine sanfte Ballade ist „Miller’s Angels“. Diese Art fein ausbalancierter und emotionaler Stücke schätze ich sehr, weil sie bei aller Sanftheit mitreißen und trotzdem leicht rocken.

Bei „Another Horsedreamer’s“ stellt man erschreckend fest, wie einfach es eigentlich ist, mich mit einem Song direkt am Anfang zu begeistern. Die Zutaten dafür sind seit Jahrzehnten die gleichen: einfach gute Musik. Es braucht nicht einmal Text oder eine komplizierte Rhythmik. Wichtig ist nur, dass es stimmig und mitreißend ist. Ganz egal, wie oft ich Ähnliches schon gehört habe, es funktioniert bei mir immer.

Das Titelstück „Recovering the Satellites“ ist ein weiterer gelungener, sanfter Rocksong. Man hört darin auch die Verbindung zum Folkrock und Roots-Rock deutlich heraus. Amerikanische Traditionen werden von den Counting Crows sehr gut in die Gegenwart übertragen.

Kürzere Rockstücke können sie ebenfalls: „Monkey“ und „Mercury“. Der größte Hit des Albums wurde „A Long December“ – ein wirklich schönes Musikstück. Als kurzes Rausschmeißer folgt „Walkaways“.

Zeitlos entspannte und emotionale Rockmusik – mehr will ich manchmal nicht. Deshalb sind die Counting Crows für mich immer noch eine Lieblingsgruppe. (626)

Ian William Craig – Centres (2016)

Wie gut sich der Sound eines Hauschka oder Max Richter mit Gesang verbinden lässt und sich dadurch zu experimentellem Art-Pop wandelt, erlebt man als Hörer gleich zu Beginn des Albums von Ian William Craig bei „Contain (Astoria-Version)“. Der Wegfall von Melodien zum Ende hin fällt kaum auf. Es rauscht und dröhnt in der Musik des Kanadiers auf beeindruckende Weise, doch zieht Craig den Drone-Part am Schluss leider etwas zu lang (wenn auch auf hohem Niveau). Der klassisch ausgebildete Sänger – als solcher vermag er Wunderbares – verfremdet seine Stimme beim Gesang, was zu dieser Art Musik gut passt. Stilistisch wird er oft mit Anohni in eine Schublade gesteckt, doch wäre das bei diesem Album ein falscher Vergleich. Denn Anohni ist deutlich zugänglicher als das, was Craig hier meist anbietet.

Was bedeutet eigentlich zeitgenössische Musik oder Kunst? Eigentlich nur, dass sie in „ihrer Zeit“ entstanden ist. Warum wird daraus immer sofort „Kunst“ gemacht? Eigentlich ist doch alles, was „gerade“ entsteht, zeitgenössisch. Trotzdem trägt das Wort „contemporary“ oft ein Kunstversprechen in sich. Wenn ein Künstler Musik macht, und dies aufgrund eines bestimmten Anspruchs – so wie Ian William Craig und viele andere –, bräuchte dies eigentlich einen besseren Begriff als nur „Jazz“, „Klassik“, „zeitgenössisch“ oder „Art-Pop/Rock“. Letztlich ist es Kunst.

Musik wie diese gehört zu einer anderen Kategorie als Pop, Rock, Klassik oder Jazz. Der Anspruch ist hoch, und das Hören erfordert Aufmerksamkeit. Man sollte sie nicht einfach nebenbei hören – und schon gar nicht die ganze Zeit währenddessen Texte über zeitgenössische Musik schreiben, denn so entgeht einem das Musikerlebnis.

Das Rauschen und der Klangrausch, die der Musik eher ein Klangerlebnis verleihen als ihr eine Liedstruktur geben, nehmen bei Ian William Craigs Musik eine zentrale Rolle ein. Auch wenn es manchmal nur ein experimentelles Klangerlebnis ist, gefällt mir diese Musik hier deutlich besser als viele Werke im Drone-Genre, zu dem man dieses Album in großen Teilen auch zählen könnte.

Klassische oder Kirchenmusik kommt der Beschreibung der gesungenen Songs am nächsten, da sie etwas unglaublich Sakrales und Erhabenes besitzen, wie etwa beim Stück „The Nearness“. Allerdings ersetzt auch hier das Gedröhne am Ende die Erhabenheit etwas zu lang.

Sakral und kirchlich bleibt es auch bei „Set to Lapse“, das zudem gut mit experimentellen Klängen verwoben ist.

Diese Stichwortsammlung kann man von Ian William Craigs Bandcamp-Seite entnehmen: grafisch zart, dringlich, raumfüllend; Musik, die tektonische Platten von Vokal- und Tonbandimprovisationen verschiebt, Felder ältesten Rauschens, eindringlich; Melodien, kollabierende Antworten sowie blühende Wolken der Auslöschung und Wiederherstellung. Das beschreibt das Gehörte schon ziemlich gut.

Ein paar mehr Song- oder Textpassagen würden den instrumental gehaltenen und endlos erscheinenden Klangwellen aus Tönen und verfremdetem Chorgesang, so kunstvoll Craig sie auch gestaltet, sehr gut tun. Denn selbst Klangkunstwerke wie „Power Colour Spirit Animal“ bleiben dadurch nur ein weiteres, wenn auch anstrengendes Teilstück des Albums.

Dass Craig es durchaus auch anders kann, hört man erfreut bei „Arrive, Arrive“, das den Hörer für kurze Zeit in schönste Musik eintauchen lässt.

Eigentlich ist das keine Musik zum bloßen Hören, sondern zum Aufführen in Räumen als Teil von Installationen. So denke ich bei Aufnahmen wie „A Circle without having a Curve“ ständig. In einer großen Industriehalle, bereichert mit Lichtkunst und vielleicht auch Filmprojektionen, könnten diese Klangwände ein echtes Erlebnis sein. „Nur zum Hören“ fällt da deutlich schwerer, da man sich kaum an einer Melodie oder Textpassage festhalten kann. An der Kunstfertigkeit zweifle ich nicht. Allein die Tatsache, dass diese Musik mich zu langen Textpassagen inspiriert, zeigt schon, wie hörenswert sie ist.

Vielleicht sollte man das Doppelalbum aber auch nicht am Stück hören, sondern sich mehr Zeit dafür nehmen. (415)

Crash Test Dummies – God Shuffled his Feet (1993)

Die kanadische Band, deren Stimme von Sänger und Gitarrist Brad Roberts wohl ihr prägendstes Merkmal ist, kannte ich tatsächlich schon vor diesem Album und dem Song „MMM MMM MMM MMM“, da ich zuvor bereits das Vorgängeralbum „The Ghost that haunt me“ gekauft und gehört hatte. Nun lag dieses zweite Album mit dem Superhit auf meinem Stapel, und so höre ich es nach zugegeben ziemlich langer Zeit wieder einmal. Dabei mag ich eigentlich den lockeren Folkrock der Band und auch die Stimme des Sängers sehr, und natürlich ist „MMM MMM MMM MMM“ unauslöschlich in meinem Gedächtnis verankert.

Netten, angenehmen Pop-Rock bieten die Crash Test Dummies direkt mit dem Titeltrack „God Shuffled his Feet“. Folkig, spaßig und locker-leicht klingt „Afternoons & Coffeespoons“. Dann folgt der Superhit der Band: „MMM MMM MMM MMM“ – er bleibt unwiderstehlich und gut. Bei diesem Stück stimmt einfach alles: eine tolle Melodie und ein einprägsamer Refrain – einfach ein sehr guter Song.

Der entspannte Sound der Band hat durchaus seine Reize – alles klingt so leicht, locker und freundlich. Ich glaube, das ist auch eine Kunst, so etwas über die Länge eines ganzen Albums hinweg zu schaffen. Bei „In the Days of the Caveman“ gelingt das sehr gut – ein sehr schöner Song. Dabei merke ich auch, wie der eine Superhit dieser Platte alle anderen Songs in den Schatten stellt und es ihnen schwer macht, überhaupt wahrgenommen oder erinnert zu werden.

Entschleunigend wirkt „Swimming in Your Ocean“.

Etwas flotter gerockt geht es bei „Here I Stand Before You“ zu, was aufgrund des etwas zu glatt polierten Sounds der Band und der Platte schon wieder nur nett klingt. Das ist sicherlich auch ein Problem der Band, denn sie klingen einfach zu freundlich und zu nett. Zudem bieten sie musikalisch zu wenige Besonderheiten, um mit ihren Songs wirklich aufhorchen zu lassen. Das hat dann tatsächlich nur „MMM MMM MMM MMM“ geschafft, was die Band sicherlich nicht stört, da sie mit diesem Song fast alles erreicht haben, wovon viele andere Musiker träumen. So wird man eben auch zum „One-Hit-Wonder“. Dabei ist die Musik wirklich nicht schlecht – es fehlt nur etwas, das mich bei vielen anderen Platten zum Aufhorchen bringt. Da gefielen mir einige Songs auf dem Debütalbum der Band doch wesentlich besser.

Nett ist auch „I Think I’ll Disappear Now“. Besser gefällt mir allerdings „How Does a Duck Know“ mit seinem anfänglichen Drumbeat, den etwas lauteren Gitarren und der lockeren Bassline. Auch „When I Go Out with Artists“ ist ganz gut gelungen. Es geht also durchaus. Diese Platte ist wirklich nicht mittelmäßig – nur eben wohl kein Album, das sich lange im Gedächtnis der Hörenden festsetzt, weil es ähnliche Musik einfach zu häufig gibt: Poprock.

Mit „The Psychic“ schafft es die Band sogar ein wenig, an „MMM MMM MMM MMM“ heranzukommen. Wenn die Musik sanfter wird und die Band mehr nach Folk als nach Poprock klingt, passt das besser. Auch schön akustisch: „Two Knights and Maidens“. Zum Schluss gibt es noch etwas Kurzes, nämlich „Ohne Titel“.

Unbedingt brauchen tut diese CD niemand. Sie besteht aus netten Songs, die um einen Superhit gebaut sind, und das ist schon vielen Bands oder Künstlern passiert. Wirklich schlecht ist das Album aber nicht – um richtig gut zu sein, fehlt dennoch einiges. (494)

Robert Cray – Strong Persuader (1986)

Eine meiner ältesten CDs in der Sammlung. Der Song „Right next Door (Because of me)“ hatte es mir damals angetan und dies führte zum Kauf des Albums. Reine Blues-Platten habe ich recht wenige, da ich das Genre eigentlich etwas langweilig finde, da vermutlich ganz oberflächlich betrachtet ja jeder Blues Song gleich klingt. Ich weiß natürlich, dass dies nicht so ist – aber irgendwie dann halt doch – beim Blues wird es mir recht schnell langweilig – da muss dieser am besten für mich sehr rau und mit viel Power gespielt werden.

Mit diesem vierten Album gelang Robert Cray auf jeden Fall der Durchbruch und in den USA wurde der erste Song „Smoking Gun“ sogar ein respektabler Chart-Erfolg. 

Mit dem erfolgreichsten Song des Künstlers beginnt das Album auch: „Smoking Gun“ – solide Blues-Rock-Nummer – mit guten Gitarrensolo – dabei aber sehr radiotauglich. Aber wegen des Solos auch wirklich eine gute Nummer. 

Soul und Blues gemixt – mit etwas Blasinstrumentenunterstützung: „I guess I showed her“ – so was konnte Ray Charles besser. 

Darauf folgt dann mein Lieblingssong der Platte: „Right next Door (Because of Me)“. Das ist Blues-Rock wie ich ihm von Musikern wie Eric Clapton, J.J. Cale und anderen mag. Lässig, aber eindringlich und einfach gut. Song für die Ewigkeit.

Bei „Nothin´ But a Woman“ passt das klassische Blues-Song-Feeling besser als bei „I guess I showed her“ – einfach wohl weil es eine klassische Blues-Nummer ist – ein wenig wird aber auch der Song von der Art der Produktion etwas weich gespült.

Das Album gewann im Erscheinungsjahr den Grammy fürs Beste Blues-Album und findet sich auch in Bestenlisten der Musik der 80er Jahre wieder. Das dass Album so bekannt ist, hatte ich gar nicht erwartet. Wohl auch weil eine Vielzahl der Songs für mich jetzt nichts außergewöhnliches sind, sondern eher solide Blues-Nummern, wie es sie aber auch sehr oft zu hören gibt. So eine ist auch „Still Around“. 

„More than I can stand“ ist aber von seiner Leichtigkeit recht schön und erinnert auch an Steve Winnwood und macht dann doch wieder richtig Spaß.

Und auch „Fool Play“ kommt an die Klasse von Songs wie „Smoking Gun“ und „Because of Me“ heran. Also sind doch noch mehr gute Songs auf der Platte, als ich es in Erinnerung hatte.

Sicherlich ist auch „I Wonder“ kein schlechter Blues – aber wie schon geschrieben – solche Songs gibt es gefühlt tausendfach und deshalb fällt es dann doch schwer, den Song für was besonderes zu halten. Solide, mehr nicht. 

„Fantasized“ rockt ein wenig mehr und hat dann was von der J.J. Cale´s Lässigkeit und mag ich deshalb wieder mehr. 

Am Ende der Platte versucht Cray den Blues dann doch mal etwas rauer klingen zu lassen: „New Blood“ – das ist dann auch noch mal eine bessere Nummer und von der Art hätte es vielleicht ein paar mehr auf der Platte gebraucht. 

Herausragend bleiben die zwei Hitsingle-Auskopplungen der Platte – der Rest des Albums kann mit den beiden Songs nicht ganz mithalten – aber als „zeitgenössisches Blues-Album“ funktioniert es dann doch ganz gut. Die Schwachstelle des Albums ist die für Bluesmusik doch recht glattgebügelte Produktion des Albums – das klingt für ein Bluesalbum einfach viel zu sauber. (698)

Crime & the City Solution – Room of Lights (1986)

Wer sich mit Nick Cave beschäftigt, wird zwangsläufig auf eine Band von Simon Bonny stoßen, die sich aus ehemaligen Mitgliedern der Band „The Birthday Party“ und Simon Bonny selbst zusammensetzt. Die Band zog von Australien und London weiter nach West-Berlin, wo sie auch ihr erstes Album aufnahmen.

Bonny scheint musikalisch auf einer sehr ähnlichen Wellenlänge wie Nick Cave zu liegen, denn die Musik klingt sowohl in Wirkung als auch in der Machart sehr ähnlich: kräftiger, etwas alternativ angehauchter Rock, zum Beispiel „Right Man, Wrong Man“.

Die Musik erinnert teilweise an Wüsten-Rock und Tom Waits, etwa im Stück „No Money, No Honey“, und natürlich auch an Nick Cave and the Bad Seeds.

Weil die Musik sehr erdig und rau klingt, ist sie vor allem Rockmusik, die sich nicht leicht in ein klares Genre einordnen lässt. Es handelt sich um Art-Rock mit einer Punk-Attitüde. Alternativ-Rock trifft es zwar, aber auch nicht ganz, denn es ist ein wenig mehr. Man höre nur das sehr rockige „Hey Sinkiller“, das am Ende auch an die Einstürzenden Neubauten erinnert. Also dann doch Avantgarde.

„Six Bells Chime“ würde gut in jeden Film von David Lynch passen.

Mich erinnert „Adventure“ an The Doors, jedoch mit einem düsteren New-Wave-Sound. Das Album ist eine lohnende Entdeckung, denn es enthält viele Elemente, die mir gefallen, und ist dabei etwas ungewöhnlicher und eigenständiger als vergleichbare Bands.

„Untouchables“ bleibt eher ruhig, aber das Klanggewand, gespielt von Kevin Paul Godfrey alias Epic Soundtracks (Schlagzeug), Mick Harvey (Piano, Gitarre), Harry Howard (Bass) und Rowland S. Howard (Gitarre, Orgel, Piano), verdient die Bezeichnung „Blues-Punk“.

Die düstere Art-Rock-Ballade „The Brothers Song“ geht nahezu nahtlos in einen rockigen Abschluss über: „Her Room of Lights“.

Diese außergewöhnliche Rockmusik ist insbesondere für Freunde von Nick Cave empfehlenswert. Da The Birthday Party und Nick Cave ja eng verbunden waren, wird auch dieses Album mit Frontmann Simon Bonny den Fans von Nick Cave and the Bad Seeds sicherlich gut gefallen – die meisten Fans wissen das vermutlich bereits. Für mich war das Hören dieser Platte eine Bestätigung dessen, was ich schon nach dem Song „The Adversary“ vom Soundtrack des Films „Bis ans Ende der Welt“ vermutet hatte: „Crime and the City Solution“ und Nick Cave sind sich sehr ähnlich – und das finde ich wirklich gut. (692)

Crowded House – Time on Earth (2007)

Das fünfte Album der Band war ursprünglich als Soloplatte von Neil Finn geplant. Im Laufe der Aufnahmen entwickelten die Musiker jedoch nach und nach ein gemeinsames Bandgefühl, sodass daraus eine Gruppenplatte entstand. Es enthält zugängliche, zeitlose und großartige Songs eines begnadeten Songschreibers.

Wer Crowded House mit diesem Album nicht in sein musikalisches Herz schließt, dem kann nicht mehr geholfen werden. (7)

Spencer Cullum´s Coin Collection (2021)

Spencer Cullum scheint in der Zeit stehen geblieben zu sein. Seine Sammlung an Songs weckt vor allem die Musik der 60er und 70er Jahre zum Leben, wobei vornehmlich der Sound der Singer-Songwriter-Szene aus Los Angeles hörbar ist. Bereits der erste Song „Jack of Fools“ vermittelt die Freude an einem guten Lied, sodass es direkt egal ist, aus welcher Zeit es stammt oder wie es klingt.

„To Be Blinkered“ treibt etwas gemächlich vor sich hin, während „Tombre En Merceanux“ nach Kalifornien, den Mamas and the Papas sowie Crosby, Stills & Nash klingt. Nick Drake ist vor allem in „Iminent Shadow“ herauszuhören. Im frühen Van Morrison und Bert Jansch erkenne ich bei „Seaside“ Einflüsse, die deutlich durchscheinen.

Der wundervolle Songtitel „Dieterich Buxtehude“ gehört zu einer Ode an den Krautrock, bei der das Tempo wie bei Neu! und Can angezogen und gehalten wird. Da ich die Fairport Convention noch nicht erwähnt habe: „The Dusty Floor“ erinnert zu Beginn an die Fairport Convention und entwickelt sich gegen Ende zu klassischem psychedelischen Rock. In diese Richtung geht es auch mit „My Protector“ weiter und erinnert an Pink Floyd. Mit „The Tree“ schließt Cullums Songsammlung ab. Der Song vereint ein wenig Dylan mit sanftem Folk und beendet die Platte harmonisch.

Eine sehr schöne Zeitreise, die Spencer Cullum bereits mit einem zweiten Teil fortgesetzt hat. (74)

The Cult – Dreamtime (1984)

Debütalbum von „The Cult“, der Düsterrockband um Sänger Ian Astbury und Gitarrist Billy Duffy. Mein Lieblingssong der Band ist „She Sells Sanctuary“ vom zweiten Album – bisher kenne ich eigentlich nichts anderes von der Band (glaube ich).

Ein langes Intro leitet „Horse Nation“ ein, danach wird heftig und teils recht atmosphärisch gerockt. Das gesamte Album scheint von den Mysterien der Ureinwohner Nordamerikas und Australiens inspiriert zu sein. Musikalisch spiegelt sich das im ersten Song allerdings weniger wider, hier wird eher eine Mischung aus Heavy Metal und New Wave geboten.

Mit etwas Italowestern-Gesang angereichert, aber ebenfalls ordentlich gerockt, präsentiert sich „Spiritwalker“. Diesen Mix würde ich als eine Kombination von Glenn Danzig und Simple Minds beschreiben.

Von der Atmosphäre her gefällt mir besonders das Intro zu „83rd Dream“, doch danach bin ich etwas unschlüssig. Ich weiß, dass zu der Zeit, als das Album erschien, nur wenige Bands so klangen wie The Cult – also atmosphärischen Heavy Metal (Gothic Rock möchte ich es nicht nennen, da dieser für mich etwas anderes ist). Heute klingen viele Bands so oder versuchen es zumindest. Dennoch packt mich das Songmaterial nicht ganz, irgendetwas fehlt mir bei den Songs. Stücke wie „Butterflies“ sind nicht schlecht, in der Schlagzeugarbeit sogar herausragend, doch es fehlt mir immer ein gewisses Etwas.

„Go West“ beginnt ganz ordentlich, wird überraschend ruhig, was aber zunächst nicht stört. Der Refrain rockt dann richtig gut, der erste wirklich gelungene Song des Albums. Dabei stimmt vieles, auch wenn er eigentlich nicht mehr als guter Poprock ist – ähnlich wie „She Sells Sanctuary“.

„Gimmick“ ist ein Mix aus New Wave und Heavy Metal, der in diesem Song besonders fasziniert. Als Alternative Rock möchte ich den Titel nicht bezeichnen, da der Sound zu „glattgebügelt“ ist.

Vielleicht ist „A Flower in a Desert“ tatsächlich eine echte Düsterrock-Nummer, falls die Stimmung vom Anfang durchgehalten wird. Astbury untergräbt das allerdings mit seinen Heavy-Metal-Sänger-Allüren und dem letztlich wieder zum Metal tendierenden Sound.

Das Titelstück „Dreamtime“ ist geradezu fürchterlich – reiner Rockkitsch. Ohne ihren Sänger würden The Cult eher nach New Wave und Post Punk klingen, denn allein sein Gesang macht die Songs zu Heavy-Metal-Stücken, obwohl sie musikalisch teilweise gar nicht in diese Richtung gehen. Das wird besonders bei „Rider in the Snow“ deutlich.

„Bad Medicine Waltz“ bestätigt noch einmal, dass Astbury, wenn er etwas ruhiger singt, Glenn Danzig erstaunlich nahekommt. In dieser langsameren Rocksong-Variante gefallen sie mir sogar besser.

Das Tempo bleibt auch bei „Bonebag“ gedrosselt, fast wie Wüstenrock. Kurz vor Schluss überrascht „Sea and Sky“, denn Astbury und die Band können zu Beginn sogar ganz gefühlvoll rocken. Leider zerstört ein schnelleres instrumentales Zwischenspiel den guten Eindruck. Sehr schade.

Wie gut die Band New Wave-Rock spielen konnte, hört man auch zu Beginn von „Resurrection Joe“. Vielleicht wollten sie allerdings nicht wie Simple Minds oder Big Country klingen. So bleibt das Album ein eigentümlicher Mix aus New Wave und Heavy Metal, den ich weder richtig schlecht noch richtig gut finde. Was man „The Cult“ aber zugutehalten muss, ist, dass sie anders klangen und viele Musiker zum Nachahmen inspirierten. (524)

Cut Worms – Transmitter (2026)

Nach dem Erlebnis mit der Platte von Sunn O))) und der gleichnamigen Scheibe macht mich die akustische Gitarre und der positiv gestimmte Gesang von Max Clarke, alias Cut Worms, beim ersten Stück „World Unknows“ einfach nur glücklich. Dieses vierte Album von Cut Worms wurde von Jeff Tweedy produziert.

Akustisch gehaltener Folkrock, zeitlos und auf das Wesentliche in der Produktion reduziert – so entsteht Roots-Singer/Songwriter-Folk irgendwo zwischen Bob Dylan und der leichten Melancholie eines Neil Finn (Crowded House).

„Long Weekend“ erinnert mich sogar an Belle & Sebastian – das ist einfach mit so viel Leichtigkeit vorgetragen und macht dadurch richtig viel Spaß. Mit gleichem Schwung wird auch „Barfly“ zum Vergnügen. Die Platte, die ich gerade als Stream höre, muss ich besitzen.

Besonders liebe ich „Windows on the World“. Gute Musik kann so einfach klingen, sie muss nicht überkompliziert oder zu künstlerisch herausragend sein, sondern einfach mit Herz und Leidenschaft gemacht – und ich glaube, genau das trifft auf die Musik von Max Clarke zu.

Singer/Songwriter-Musik sogar mit der Schönheit eines Paul Simon-Songs: „Walk in an absent Mind“.

Roots-Rock gibt es aber auch: „Don’t look down“. Danach folgt wieder sanfter Folk: „Shut in“. Verträumt klingt „Out of Touch“. Den melancholischen Abschluss bildet „Dream“.

Schöne Musik. Ein schönes Album. 707

Cymbals eat Guitars - Lose (2014)

Das dritte Album der vierköpfigen Band aus New York, bestehend aus Gitarre/Gesang, Bass, Keyboards und Schlagzeug, beginnt mit dem Stück „Jackson“. Dieses Lied ist ein gutes Beispiel für die Mischung verschiedener Stilrichtungen des Alternativrocks, die Cymbals Eat Guitars bedienen. Der Song ist direkt guter Alternativrock, mit einem kurzen Shoegaze-Intro und einem starken Emocore-Vibe. Genau damit überzeugt mich eine Alternativband besonders. Emocore finde ich persönlich sehr gelungen: punkiger Rock, aber mit viel Herz und einem feinen Gespür für melodische Elemente – so klingt „Jackson“.

Ein wenig mehr New Wave, kombiniert mit Alternative Rock, hört man bei „Warning“. Punkrock bietet „XR“, was wenig verwundert, da Pavement zu den Vorbildern der Band zählen. „Place Names“ fügt der Mischung Prog- und Postrock-Elemente hinzu, und gesanglich erinnert Joseph D’Agostino an Bob Mould in seiner besten Hüsker-Dü-Zeit. Das Stück „Child Bride“ ist ein wunderbarer Indie-Rock-Song, und genau dieser Titel hat mich, als ich ihn auf einem Sampler hörte, auf die Band aufmerksam gemacht. Eine sehr gelungene Nummer, die in jede gute Playlist gehört und dort auch bleiben sollte.

Mit der hohen Stimme eines Glam-Rock-Sängers überrascht „Laramie“ dann erneut mit einer ganz anderen Facette der Musik. Hier zeigt das Album seine Stärke, da es durch seinen vielfältigen Stil sehr gut durchhörbar bleibt. Der Song wandelt sich zur Mitte hin in einen Hüsker-Dü-Punkrock-Modus mit Postrock-Elementen.

„Chambers“ überzeugt mit feinem Indie-Pop-Charme. Die Band überrascht mit jedem neuen Lied, und ich bin erneut begeistert beim Hören. „LifeNet“ klingt leicht nach Buffalo Tom, wird aber mit mehr Euphorie gesungen. Das Album endet mit „2 Hip Soul“, das eigentlich viel zu schnell vorbei ist. Dieser Song ist epischer und länger gestaltet, ein sanfter Indie-Rock mit einem emotionalen, stimmgewaltigen Finale.

Ein großartiges Alternativrock-Album, das leider kaum bekannt ist – mit knapp 8000 monatlichen Hörern auf Spotify, und die Band hat sich nach vier Alben aufgelöst. Die übrigen drei Alben werde ich mir auf jeden Fall anhören und sie jedem empfehlen, der guten Alternativrock schätzt. (372)


 

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