
Fad Gadget – Gag (1984)
„Gag“ ist das vierte und letzte Album, das Frank Tovey unter seiner Kunstfigur „Fad Gadget“ aufgenommen hat. Trotz Anerkennung in der Elektronik- und New-Wave-Szene war die Musik von Fad Gadget zwar schon fast Kult, doch der kommerzielle Erfolg blieb aus.
Die Musik von Fad Gadget verbindet elektronische Klänge mit düsterem New Wave. Damit konnte er ähnlich wie Anne Clark sowohl Freunde elektronischer Musik als auch Fans von düsterem Pop und Gothic überzeugen. Heute würde man das wahrscheinlich einfach unter dem Label Post-Punk vermarkten.
An dem Album „Gag“ hätten aber sicher auch Freunde der Einstürzenden Neubauten und von Nick Cave ihre Freude. So bietet der Song „Ideal World“ düsteren Punkrock, bei dem elektronische Elemente höchstens auf der Effektebene präsent sind. Der Song ist sehr gut gealtert – ebenso wie der Hit und bekannteste Titel der Platte „Collapsing New People“. Für mich ist das einer dieser „Songs für die Ewigkeit“, der in keiner Playlist fehlen darf. Auf der Maxi-Version dieses Songs wirkten auch die Neubauten mit.
„Sleep“ ist ein beeindruckendes Wiegenlied – und man wundert sich, warum dieser Song nicht schon längst zum Begleiter vieler geworden ist. Fad Gadget ist aber ein typisches Beispiel für gute Singles, die bei den Fans Kultstatus besitzen und bekannt sind, wie „Back to Nature“ und „Ricky’s Hand“, während der Rest seiner Musik weitgehend unbekannt bleibt. Ähnlich geht es mir auch bei Anne Clark. Dabei macht mir gerade das gesamte Album wirklich viel Spaß. Daran ändert auch das im Synthpop angesiedelte „Stand Up“ nichts – ein toller Song. „Speak to Me“ erinnert an die Musik von Heaven 17 und The Human League, die leider immer viel bekannter waren als Fad Gadget. Warum das so ist, lässt sich angesichts der Qualität dieses Albums kaum noch erklären. Leider verstarb Frank Tovey recht früh, weshalb er den späteren Kultstatus seiner Musik nicht mehr richtig erleben konnte.
„One Man’s Meat“ ist nochmal etwas düsterer, aber immer mit einem frechen Augenzwinkern. Tatsächlich versuchte Fad Gadget anscheinend, sein düsteres Post-Punk-Image durch charttauglichere Stücke aufzuwerten – was der Qualität der Songs nicht schadet. Vielleicht ist das auch der Grund, warum das Album für ein Werk aus den 80er-Jahren vergleichsweise gut gealtert ist. Mit viel Anspruch und Ernsthaftigkeit versehen ist „The Ring“. Das abwechslungsreiche Spektrum dieses Albums ist ein weiterer großer Pluspunkt.
Ich bin wirklich überrascht, wie viel Spaß dieses Album macht und wie sehr es mir heute im Vergleich zu manch anderer Platte mit ähnlicher Musik gefällt. „Jump“ steht dafür gut Pate.
Die ganze Kreativität und verrückte Genialität von Frank Tovey alias Fad Gadget kommt nochmal bei „Ad Nauseam“ deutlich zum Ausdruck. Vielleicht hätten manchen zu ernst genommenen Musikern solche verrückten Einfälle gutgetan. Der Song klingt ein wenig wie „Dead Can Dance“ auf Speed – und das macht richtig Spaß.
Ein ganz tolles Album – für mich eine erfreuliche Neuentdeckung. Fad Gadget ist eben viel mehr als nur „Collapsing New People“. (526)
Marianne Faithfull – Marianne Faithfull (1965)
Das ist das zweite Album der Sängerin und eine Mischung aus Chansons (in englischer Sprache), Schlagerpop, frühem Pop und sogar klassischer Musik. Die Songs stammen von bekannten Musikern wie Jackie DeShannon, Lennon & McCartney sowie Jagger, Richards und Loog Oldham.
Das Album wurde mehrfach veröffentlicht, teilweise mit unterschiedlicher Songreihenfolge oder mit einigen hinzugefügten Liedern. Ich orientiere mich an dem Remaster von 2025. Marianne Faithfull hatte 1965 noch zwei weitere Alben veröffentlicht: Zuvor die Platte „Come My Way“ und nach diesem zweiten Album „Go Away from My World“.
Die bekanntesten Stücke wie „Down Town“ und „Plaisir D´Amour“ fallen beim Durchhören der vierzehn kurzen Lieder am meisten auf. Es gibt aber auch einige nette Überraschungen, zum Beispiel das etwas folkige „Time Takes Time“ und das flotte „Can’t You Hear My Heart Beat“.
Die meisten Stücke vergehen eher schnell und sind einfach kleine Sixties-Popsongs, die von zarter Stimme gesungen werden.
Doch auch das kammermusikalisch gehaltene „Paris Belle“ bleibt im Ohr, weil es etwas Eigenes hat. Zuckersüß und sehr nett ist „They Never Will Leave You“. Es kann aber auch sein, dass ich mich nach zehn Liedern schon in diesen Sechziger-Sound eingegroovt habe.
Typischer könnten die Sechziger kaum klingen als beim Stück „In My Time of Sorrow“. Allerdings hört man am Sound, dass es nicht zur ursprünglichen Veröffentlichung des Albums gehörte.
Schlager und Rock vereint das Stück „I’m a Loser“, das einen netten Abschluss der Veröffentlichung bildet.
Kein Album, das lange nach dem Hören nachwirkt. Es ist nicht unbedingt etwas für meine Sammlung, aber als kleine musikalische Geschichtsstunde durchaus ganz nett anzuhören. (617)


Marianne Faithfull – Broken English (1979)
„Broken English“ eröffnet das Album mit einem bitterdüsteren Popsong, der wirklich großartig ist. Faithfulls rauchige Stimme passt hervorragend zu den elektronischen Klängen dieses Songs. Dabei bleibt es jedoch der einzige Electro-Pop-Titel des Albums, der Rest bewegt sich eher im Rockbereich. „Witches’ Song“ beruhigt die ältere Fangemeinde mit einer sanften Popnummer, die von einer folkigen Basslinie getragen wird. Bluesrock-Elemente finden sich in „Brain Drain“. „Guild“ setzt die Stimmung von „Brain Drain“ fort, ergänzt sie jedoch um einen Disco-Bass, wodurch aus dem Bluesrock tanzbarer Rock-Disco wird. „The Ballad of Lucy Jordan“ hielt sich elf Wochen in den deutschen Top 10 und ist musikalisch recht einfach gehalten. Nach vier teilweise richtig starken Songs wirkt es für mich als ein eher schwaches Stück. „What’s the Hurry“ bringt das Album wieder in Schwung und knüpft an die Atmosphäre der ersten Titel an. Neben „Broken English“ ist ein weiterer wirklich gelungener Song die John-Lennon-Komposition „Working Class Hero“. Den Abschluss bildet der Rocksong mit New-Wave-Rhythmus „Why’d You Do It“, der zeigt, dass sie auch Stimmen wie Patti Smith annehmen kann. Zusammenfassend lässt sich sagen: ein sehr gut gealtertes Album, zeitlos wie „Broken English“.(110)

The Fall – Grotesque (1980)
Okay, auch „The Fall“ waren, wie „The Psychedelic Furs“, mit ihrer Mischung aus Post-Punk, Alternative Rock und Punkrock schon gut dabei. Das Album klingt so, als sei es live eingespielt worden: ziemlich rau und mit der ungestümen Art einer Live-Show. Ansonsten drücken die Bands ziemlich auf Tempo und Härte. Bei all den Gruppen dieser Art sei natürlich auch erwähnt, dass es Iggy Pop and The Stooges, die Ramones, Sex Pistols, The Clash und andere, sicherlich von mir übersehene wichtige Bands dieser Richtung gab. (Ich kenne da sicherlich nicht alles – ich kann Punkrock der Frühzeit eher mit Musik aus den frühen 90ern vergleichen, da ich damals anfing, mich für alternativen Rock zu interessieren – ich sage nur „Grunge“.) Ich bin also erst relativ spät zu härteren Sachen gekommen – den ganzen klassischen Heavy-Metal-Kram konnte ich nichts abgewinnen, und auch klassischer Punk erschien mir lange Zeit ziemlich nervig. Meine musikalischen Anfänge waren vielmehr Progrock, Pop, Rock und Elektropop. Für mich machen „The Fall“ Punk mit Post-Punk-Einschlag, der besonders bei dem eigenwilligen Stück „C'n'C-S Mithering“ am stärksten ausgeprägt ist, das mit über sieben Minuten Länge aber auch die Geduld des Hörers herausfordert. „The Container Drivers“ – mit leichtem Country-Groove – erhöht das Tempo bald wieder. Auf Dauer ermüdet mich die Platte allerdings etwas, da es keine wirklich herausragenden Nummern gibt. Zum Komplettieren des Musikwissens kann man ruhig einmal reinhören, aber besitzen muss ich die CD nicht unbedingt. (113)

Fazer - Plex (2022)
Fazer aus München sind nicht nur eine Jazzband. Die Musiker lieben verschiedenste Stile, die von experimentellem Pop à la Talk Talk über Afrobeat von Fela Kuti und Krautrockbeats von Can bis hin zu modernem Drum-&-Bass-Techno reichen. Grenzgänger zu sein, gefällt mir besonders gut.
Besonders ist auch, dass die Band neben Gitarre, Bass und Trompete gleich zwei Schlagzeuger umfasst. So ist die Rhythmusgruppe sehr gut aufgestellt.
In „Ghazai“ dominiert der Afrobeat stärker, während „Thea“ eher eine konventionelle Jazznummer ist. Die Trompete von Matthias Lindermayr, dem bekanntesten Musiker der Gruppe, steht trotz der zwei Schlagzeuger bei Fazer meist im Vordergrund der Songs. Seine Mitmusiker sind nicht minder versiert: Paul Brändle (Gitarre), Martin Brugger (Bass) sowie Simon Popp und Sebastian Wolfgruber (Schlagzeug) ergänzen das Ensemble. Das Stück „Dezember“ steigert das Tempo nicht, ist aber schön konstruiert und zeigt Fazer als Band von ihrer besten Seite, da jedes Instrument seinen Raum erhält.
Bei den bisher gehörten drei Nummern fällt auf, dass es sich wirklich um reinen Jazz handelt. Fusion entsteht nur durch die Einbindung der Afrobeats, die bei „Grenandier“ in einem schnelleren Tempo erklingen. „Morning“ hingegen drosselt das Tempo wieder.
Seite zwei beginnt mit „Prague“. Hier wird der Rhythmus komplexer, und der Song macht mir sofort wieder mehr Spaß. Immer wenn die Musik von Fazer etwas tanzbarer wird und den Chill-Modus verlässt, gefällt mir das deutlich besser. „Curento“ ist ebenfalls spannend und könnte mit seinem treibenden Bass und den dazu gespielten Drums mein Lieblingsstück der CD werden. Das Trompetenspiel von Lindermayr überschlägt sich dabei teilweise geradezu.
Auf jeden Fall gefallen mir die Stücke der zweiten Hälfte des Albums zunächst viel besser. So bereitet auch das komplexere „Jaculysses“ beim Hören großen Vergnügen. „Fannie´s Theme“ ist kurz und lässt die Gitarre einmal in den Vordergrund treten. „Cycle“ zählt ebenfalls zu den besseren Stücken der Platte.
Ob das letzte Stück mit dem Titel „Nago“ einfach verspielt und lässig sein soll und damit einen kleinen Spaß am Ende bietet oder ob es schlicht müde heruntergespielt wird, überlasse ich jedem Hörer selbst zu entscheiden.
Wer sich als Grenzgänger versteht, dies auf der CD aber nicht vermittelt, geht meiner Meinung nach zu lässig mit den Erwartungen der Hörer um. Der Band hat es dennoch nicht geschadet, denn ihre Songs werden millionenfach gestreamt.(368)
Feeder – Comfort in Sound (2002)
Ob leichter Punkrock oder Emocore – Feeder präsentieren melodischen, emotionalen Rock. Der Grund für diese Emotionalität liegt wohl auch darin, was vor den Aufnahmen der Platte passiert ist: Schlagzeuger Jon Lee hatte Selbstmord begangen. Der Rest der Band machte weiter, spielte Festivalgigs und brachte schnell dieses Album heraus, das ihr erfolgreichstes wurde.
Wer melodiösen und emotionalen Rock mag, schätzt Stücke wie „Just the Way I’m Feeling“. Etwas rockiger ist „Come Back Around“. Ich wollte schon seit Langem hören, wie Feeder klingen, und jetzt weiß ich es – und ich mag es. Seltsam, dass ich ihre Musik, die wie für mich gemacht scheint, nicht früher wahrgenommen habe, obwohl mir der Name der Band schon lange bekannt war.
Für eine britische Band klingt der Rock von Feeder auffallend amerikanisch. Doch so, wie das Trio aus Grant Nicholas, Taka Hirose und Mark Richardson spielt, macht das wirklich viel Spaß. Es ist Rock mit einem leichten Punkrock-Feeling, dabei immer nah an der Hitparadentauglichkeit. Ein bisschen wie Green Day. Die Produktion von Gil Norton verleiht dem Ganzen einen klaren, dynamischen Klang. Auch „Helium“ funktioniert so.
„Child in You“ ist dagegen eher eine Rockballade.
Alle Songs sind Hits, auch das Titelstück „Comfort in Sound“. Kritiker mögen es als zu weich oder als „ohne Ecken und Kanten“ bezeichnen. Doch so viele Songs mit Hitpotenzial herauszubringen und dabei auch noch richtig gute Musik zu liefern, ist beachtlich und lobenswert.
Schöne Gesangsharmonien sind zum Beispiel bei „Forget About Tomorrow“ zu hören.
Leicht melancholischer, aber trotzdem sehr melodischer Rock ist „Summer’s Gone“ – ein sicherer Kandidat für eine Single. Solche Songs gibt es auf dem Album viele, und sie funktionieren bei mir immer.
Härter rocken können Feeder mit „Godzilla“. Sanfter mag ich sie dagegen lieber, wie bei „Quick Fade“. Pop-Rock-Balladen beherrschen Feeder ebenfalls perfekt.
Flotter und sehr radiotauglich klingt „Find the Colour“. Das ist zwar sehr massenkompatibel, aber genau das ist Popmusik. Und wenn sie so rockig und gut ist, macht mir das gar nichts aus.
Ein Hit folgt auf den nächsten – das Album könnte als Best-of-Compilation durchgehen, so hitparadentauglich klingt alles, zum Beispiel „Love Pollution“.
Das Ende der Platte klingt mit „Moonshine“ sanft aus. Wer seinen Emocore mit etwas Popfeeling mag, macht mit diesem Album nichts falsch. Viele Songs klingen zwar ähnlich, aber fast jeder einzelne könnte ein Hit gewesen sein. (633)


Feist – Metals (2011)
Nach einer längeren kreativen Pause meldete sich Leslie Feist mit diesem Album zurück. Aus leichtfüßigem Indie-Pop entwickelt sich bei Feist immer mehr anspruchsvoller Art-Rock/Pop. Als Songwriterin hat sie sich perfektioniert und beweist das eindrucksvoll mit dem großartigen Stück „The Bad in Each Other“.
Als Solo-Nummer wäre das ein überzeugender Folk-Song. Mit Band und Studiosound entsteht daraus einfach großartige Musik, ein wunderbarer Auftakt, der den Hörer gleich vom ersten Titel an mitreißt.
„Graveyard“ ist ruhiger und melancholischer, entwickelt im Verlauf aber auch stellenweise einen schönen Schwung. In diesem Stil – anspruchsvoller, melancholischer Singer/Songwriter-Musik – geht es auch mit „Caught a Long Wind“ weiter. Das beherrscht sie sehr gut, bevor sie diesen Weg mit ihrem bisher letzten Album „Multitudes“ fast zur reinen Singer/Songwriterin vollendet.
Blues-Indie-Pop beherrscht sie ebenso, wie „How Come You Never Go There“ zeigt. Im direkten Vergleich mit anderen Künstlerinnen fällt sie zwar nicht auf den ersten Blick auf Ähnlichkeiten mit „Joan as Police Woman“, doch beim genauen Hinhören werden Parallelen deutlich. Genau deshalb schätze ich die Musik von Leslie Feist und Joan Wasser sehr – beide verstehen es meisterhaft, ihr Publikum zu begeistern, ohne zu langweilen.
Art-Rock bietet zum Beispiel „A Commotion“, das ebenfalls richtig gut ist. Besonders liebe ich das ruhigere „The Circle Married the Line“. Das gesamte Album ist mit all seinen Liedern wirklich herausragend. Indie-Folk zeigt sich in „Bittersweet Melodies“, das ebenfalls einfach nur gut ist. Ich höre das alles mit großer Begeisterung – das merkt man dem Text hoffentlich auch an.
Meisterhaft geht es weiter mit Downtempo-Rock-Folk wie „Anti-Pioneer“, Art-Rock bei „Undiscovered First“, der hier zum Teil sogar mit deutlicher Härte gespielt wird. Danach kehrt das Album zurück zum sanft-schönen Singer/Songwriter-Stil mit „Cicadas and Gulls“ und Folk bei „Comfort Me“. Ich frage mich dabei, warum sich nicht mehr Folkmusiker wünschen, so zu klingen wie Leslie Feist auf diesem Album. Stattdessen orientieren sie sich am kommerziellen Pop-Folk von Dessner oder Bon Iver. Das ist für mich kaum nachvollziehbar, doch vermutlich ist der kommerzielle Erfolg von Ed Sheeran oder Bon Iver dafür verantwortlich. Tatsächlich zeigt Feist hier den Weg zu zeitlosem Singer/Songwriter-Folk.
Am Ende beschenkt Feist die Hörer noch mit dem wunderschönen Abschlussstück „Get It Wrong, Get It Right“. Was für eine Meisterleistung dieses Album doch ist. Nicht nur wegen dieses Albums, sondern auch aufgrund eines unvergesslich tollen Livekonzerts zähle ich die Musik von Leslie Feist zu den ganz großen Werken der Musikwelt. Musik, die wie für mich gemacht ist. (457)

Feist – Multitudes (2023)
Das Eröffnungsstück „In Lightning“ ist ein sehr schönes Beispiel für Art-Power-Pop. Für solche Musik mag ich Leslie Feist besonders gern. Verspielt, schön, klug konstruiert und mitreißend. Mit dem zweiten Stück „Forever Before“ lernen wir die Singer-Songwriterin Feist kennen, wie wir sie auch auf den Vorgängeralben schätzen gelernt haben. Man kann sich gut vorstellen, wie sie ganz intim am Lagerfeuer sitzt und spielt. Stimme und Gitarre sind auf diesem Album die Hauptinstrumente. Alles andere wurde nur dann ergänzt, wenn es wirklich notwendig erschien.
Die Songs entstanden bei mehreren Liveauftritten, die sie als „Artist in Residence“ in Hamburg entwickelt hat. Die dort gespielten Stücke wurden weiter ausgearbeitet. Dann kam eine Pandemie, und so ist das Ergebnis wohl sehr ausgefeilt geworden. Persönliche Ereignisse – wie die Adoption ihrer Tochter und der Tod ihres Vaters – spielen in den Songs eine Rolle, weshalb das Album insgesamt eher ruhig gehalten ist.
„Love who we are meant to“ ist ebenfalls sehr schön und ruhig, getragen vom klaren Gitarrenspiel und unterlegt mit Streichern. Hier merkt man, dass eine gereifte Künstlerin zu hören ist. „Hiding Out in the Open“ ist einfach nur schön. Der Ton bleibt ruhig, was auch für „The Redwing“ gilt. „I took all of my Rings off“ beginnt schlicht mit Gesang und Gitarre, zeigt in der zweiten Songhälfte aber eindrucksvoll, welche Meisterschaft Feist als Songwriterin erreicht hat und welch hohe Qualität ihre Musik besitzt. Dabei verlässt sie sich auf ein seit langer Zeit eingespieltes Musiker- und Produktionsteam.
„Of Womankind“ ist eine teils verspielte Nummer, die an die früheren Alben erinnert. Ich finde es gut, wenn Künstlerinnen und Künstler sich ihrer Vergangenheit bewusst sind und sich nicht bei jedem Album zwanghaft neu erfinden müssen. Traurig, aber schön ist „Become the Earth“. Bei „Borrow Trouble“ höre ich gleich zu Beginn Anklänge an Bowies „Heroes“. Mit „Martyr Moves“ wird das Album wieder ruhig und sehr folkig. Einfach schön ist „Calling all the Gods“. Mit „Song for Sad Friends“ endet dieses wunderschöne Album. Da freut man sich direkt auf das nächste Hören. (75)

Christine Fellows – The Last and Standing (2002)
Die kanadische Sängerin und Songwriterin Christine Fellows produziert neben ihren Soloplatten Musik für Kunst- und Tanzprojekte und unterrichtet „Kreatives Schreiben“. Gemeinsam mit ihrem Mann John K. Samson, dem ehemaligen Frontmann der Band The Weakerthans, betreibt sie die Online-Seite „Vivat Virtute“, auf der sie ihre Musik und andere Projekte vermarkten. Unter dem Namen „Vivat Virtute“ haben Fellows und Samson außerdem ein gemeinsames Album mit dem Titel „Hold Music“ veröffentlicht.
Ein schönes Beispiel für Singer-Songwriter-Folk ist der Titel „Regrets“. Der Einsatz von Klavier anstelle von Gitarre und der leicht nach Proberaum klingende Sound verleihen dem Stück einen charmanten, einfachen und schönen Charakter – man könnte es vielleicht als Alternativ-Folk bezeichnen. „Roadkill“ sorgt für Spannung und Atmosphäre und überrascht im Refrain und zwischendurch mit verblüffender Leichtigkeit. Ein sehr gelungenes Musikstück, das begeistert.
Mit Kammerorchesterbegleitung ist „Veda’s Waltz“ ein weiteres Highlight. Dass Christine Fellows und John K. Samson ihr Leben teilen, hört man auch in ihrer Musik: Stimmung und Harmonien sind sehr ähnlich und passen ausgezeichnet zusammen. Auch auf diesem Album hat Samson bereits als Musiker mitgewirkt.
Die Klavierballade „Seconds After“, der Art-Folk von „Lost Overtures“, die verspielte Nummer „2 for 1 (Part 2)“ sowie das wieder in Richtung Art-Folk gehende „Blueprints“ zeigen die vielfältigen Facetten ihres Schaffens. Ich schätze besonders die meist positiv klingende folkige Popmusik, die vielfach vor allem von Musikerinnen anspruchsvoll und mitreißend gestaltet wird. Namen wie Dear Reader oder Feist (zu Beginn ihrer Karriere) fallen einem da ein – diese Musik verbindet gekonntes Handwerk mit großer Faszination und bringt sowohl auf Platte als auch live viel Freude beim Zuhören.
Ich kann nicht anders, als das einfach zu mögen und hier besonders hervorzuheben – etwa den Song „Trust“ mit Streichern und allem Drum und Dran: Da ist wirklich alles dran, drin und gut (und das darf ruhig großgeschrieben werden). Die liebevolle Klavier-Streicher-Nummer „A Day in the Road“ sowie die großartige Indie-Folk-Komposition „Surgery“ zählen ebenfalls zu den schönen Songs, ebenso wie „Bird as Prophet“. Ganz schlicht schön ist „Colourblind“. Sehr kurz ist der Titelsong „The Last and Standing“. Der Abschluss gelingt mit „Surprise!“, der sogar mal rockt.
Christine Fellows macht schönen und richtig guten Indie-Folk – was will man mehr? Ihre Musik ist sehr zu empfehlen.

Christine Fellows – Paper Anniversary (2005)
Christine Fellows spielte in zwei relativ kurzlebigen Bands („Helen“ und „Special Fancy“), bevor sie ab 2000 als Solokünstlerin Platten veröffentlichte. „Paper Anniversary“ ist ihr drittes Album, an dem auch ihr Ehemann, der ehemalige Weakerthans-Frontmann John K. Samson, mitwirkte. Zusammen haben die beiden nach längerer Pause 2023 wieder als „Vivat Virtute“ Musik veröffentlicht. Doch nun zurück ins Jahr 2005: Hören wir etwas Singer-Songwriter:in-Folk-Pop. „Paper Anniversary“ ist mit einer Laufzeit von 33 Minuten auf 14 Stücke gut gefüllt. Wie bei einem Buch beginnt das Album mit einem „Foreword“ und endet mit einem als „Afterword“ betitelten Song. Die kurzen Stücke sind kleine Song- und Soundminiaturen, von denen es sechs gibt. Manchmal erweitern diese die Stimmung der Platte, doch gelegentlich unterbrechen sie auch das Hörvergnügen, das die Folk-Pop-Stücke von Christine Fellows bieten.
„Vertebrae“ ist ein sehr schöner Folk-Song mit einem effektvollen Streichereinsatz. Auch bei „Migration“ kommen Streicher zum Einsatz, und dieser Song schmückt sich sanft und lieblich im Ohr des Hörers. Wenn Sie „Admiral Fallow“ kennen und mögen, ähnelt die Stimmung diesem Stück und bereitet ebenso viel Freude. Folkig, aber auf hohem Niveau gespielt und ausgearbeitet. „Face Down, Feet First“ setzt den guten Eindruck fort. Das Ehepaar Fellows/Samson vereint die Fähigkeit, sehr schöne Musik zu erschaffen. Nach einem erlebten Live-Auftritt der beiden vor einigen Jahren kann ich nur sagen, dass beide sehr sympathisch wirken, sich in ihrer Heimat für die lokale Kultur einsetzen (unter anderem für den Erhalt der lokalen Bibliothek) und ihr Umfeld kritisch begleiten. Dass sie soziale Medien ablehnen und diese nicht für sich nutzen, macht sie umso sympathischer. Sie betreiben jedoch einen eigenen Online-Shop und sind auf Bandcamp präsent. Vegetarische, linke Quäker – Kanadier sind mir nicht umsonst irgendwie sehr sympathisch. (135)

Neil Finn & Friends - 7 Worlds Collide - Live at St. James (2001)
An fünf Abenden trat Neil Finn mit „Freunden“ für wohltätige Zwecke auf. Zu diesen Freunden gehörten Lisa Germano, Johnny Marr, Eddie Vedder, Tim Finn, Sebastian Steinberg (Soul Coughing), Phil Selway und Ed O´Brien (Radiohead) sowie Betchadupa, die Band seines Sohnes Liam.
„Anytime“ ist ein Stück von Neil Finns zweitem Soloalbum „One Nil“ – eine teils sanfte, teils rockige Singer-Songwriter-Nummer. „Take a Walk“ wurde für dieses Album geschrieben, und mit Sänger Eddie Vedder klingt es sogar wie eine Pearl Jam-Nummer. Es ist ein etwas ruhiger, leicht melancholischer Rocksongs.
Auch das ruhige Lied „The Climber“ stammt vom Album „One Nil“, das wie dieses Livealbum 2001 erschienen ist. Vom ersten Soloalbum „Try Whistling This“ kommt der Song „Loose Tongue“. Er ist eine Rocknummer, aber mit den für Neil Finn typischen sanften, melancholischen Songzutaten und einigen überraschenden Melodiewechseln.
Anschließend ist Johnny Marrs Stück „Down on the Corner“ zu hören. Diesen Song mag ich sehr gerne, vor allem wegen der Gitarren am Anfang und den schönen Gesangsharmonien im Britpop-Stil – besser lässt sich eine Britpop-Nummer kaum spielen. Darauf folgt direkt ein Smiths-Klassiker: „There Is a Light That Never Goes Out“, gesungen von Neil Finn. In dieser Livefassung klingt der Song unglaublich schön und sorgt für Gänsehaut.
Das ebenfalls sehr sanft-schöne „Paper Doll“ stammt von Lisa Germano, die den Song auch selbst singt. Eine Studiofassung ist auf ihrem Album „Concentrated“ zu finden. Ein weiterer Song von „One Nil“ ist „Turn and Run“. Das ist typischer, schöner Singer-Songwriter-Folk von Neil Finn.
Danach spielen die Brüder Neil und Tim Finn zwei Songs zusammen: „Angel Heap“ stammt vom Finn Brothers-Album „Finn“ und ist eine wunderbare Folk-Nummer. Das melancholisch und etwas traurig-düstere (und dadurch sehr schöne) „Edible Flowers“ ist ein Song aus der Zeit mit „Split Enz“ – der Band, in der die Finn-Brüder gemeinsam vor Crowded House spielten und mit der sie ihre Musikerkarriere begonnen hatten. Split Enz existierte von 1975 bis 1984. Ein weiterer Song von Split Enz ist „Stuff and Nonsense“, der sogar von Belinda Carlisle gecovert wurde. Hier wird er von Eddie Vedder und Tim Finn gesungen und lediglich von einem Klavier begleitet – auch das sehr schön. Diese Platte steckt voller Highlights.
Richtig punkig konnten Split Enz ebenfalls sein, und mit Eddie Vedder wird „I See Red“ zu einem tollen Punkrock-Song.
Anschließend wird mit einem weiteren Titel vom Album „Try Whistling This“ weitergerockt: „She Has Her Way“. Es folgt eine Pearl Jam-Nummer, „Parting Ways“ – eigentlich eine eher ruhige Nummer, aber mit kräftigem Gitarreneinsatz.
Zum Abschluss gibt es die beiden Crowded House-Überhits „Weather with You“ (in einer überragend guten Livefassung) und „Don´t Dream It´s Over“ sowie dazwischen ein harmonisch-süßes Stück vom Finn Brothers-Album „Paradise (Wherever You Are)“. Der Song lädt fast zum Schunkeln ein. (376)

Fischer Z – Going Deaf for a Living (1980)
Die frühen Fischer-Z-Alben gehören für mich immer zusammen mit den ersten Platten von The Police und Joe Jackson. Für mich steht diese Musik für eine bestimmte Zeit und einen besonderen Stil. Die Ähnlichkeit besteht vor allem im Vergleich zu The Police. New Wave, Rock und Reggae werden hier gekonnt miteinander kombiniert. Auf jeden Fall entstehen so viele gute Songs.
Das Album beginnt gleich flott mit „Room Service“ und setzt sich großartig mit „So Long“ fort. Auch der Rhythmus von „Crazy Girl“ ist wirklich mitreißend. John Watts ist ein großartiger Songschreiber. Flotter Rock mit einem Hauch von New Wave findet sich in „No Right“. Der Titelsong „Going Deaf for a Living“ überzeugt mit einem spaßigen Country-Rock-Boogie-Rhythmus.
Dank eines gelegentlich auftauchenden Reggae-Grooves rettet sich „Pick Up Slip Up“ von einem eingängigen, aber etwas zu gefälligen Rocksong zu einer durchaus ordentlichen Nummer. Die wilde, fast schon punkige Nummer „The Crank“ macht hingegen viel mehr Freude. Fischer-Z zusammen mit „The Clash“ live erlebt zu haben, wäre damals ein tolles Erlebnis gewesen.
John Watts habe ich einmal solo als Vorgruppe von Fury in the Slaughterhouse erlebt. Das ist schon seltsam, wenn man darüber nachdenkt: John Watts als Vorgruppe von Fury – eine verrückte Welt. Eine ganz große Nummer, die man nie wieder richtig aus dem Kopf bekommt, ist „Haters“. „Four Minutes in Durham (with you)“ rockt zwar gut, ist aber nicht ganz mein Geschmack.
Das Album endet mit einem ziemlich rasanten Abschluss: „Limbo“.(302)

Fischer Z – Fish´s Head (1989)
Das fünfte Fischer-Z-Album beginnt mit der Single „Say No“. Politisch geprägt, wie die meisten Songs auf dem Album, spiegeln diese Stücke noch die Thatcher-Zeit wider und klingen etwas seichter als der typische New-Wave-Sound der Band aus früheren Tagen. Mit dem zweiten Song bekommen wir jedoch einen typischen Fischer-Z-Song zu hören, während „It Could Be You“ sehr zuckersüß daherkommt und eine wirklich schöne Nummer ist. „Sticky Business“ präsentiert sich als cooler Disco-Sound und ist selbst für diese Band absolut ungewöhnlich. Die erste Seite endet mit einer eher ruhigen, folkigen Nummer. Insgesamt ist das Ganze abwechslungsreich, und die unverwechselbare Stimme von John Watts bleibt das Markenzeichen.
„Oh Mother“ besitzt ein leichtes Post-Punk-Feeling, „Just Words“ ist eingängiger Pop-Rock, und „It’s Only a Hurricane“ klingt wie eine Rockhymne. „She Said“ entfernt sich deutlich von alten Songs wie „Marlies“ oder „Berlin“, ist aber trotzdem eine weitere wunderschöne Nummer zum Liebhaben. „Ho Ho Ho“ bildet einen sehr gemächlichen Abschluss. Das Album ist auf jeden Fall eines: niemals langweilig. Manchmal kommt es vielleicht nah an Popkitsch heran, schafft es aber immer noch, diesem zu entkommen. Da John Watts, wie wir wissen, bis heute nicht das Interesse am Musizieren verloren hat, ist auch dieses Album nur eine weitere Station in seiner langen musikalischen Laufbahn. Genau wie bei Billy Bragg ist das gut so.(81)

Flag Day (Original Soundtrack) (2021) – Songs von Eddie Vedder, Glen Hansard, Cat Power
Dass ich von einem neuen Film von Sean Penn noch nichts gehört hatte, kann passieren, ist aber schon außergewöhnlich. Dass der Soundtrack jedoch zum großen Teil mit Songs von Eddie Vedder, Glen Hansard und Cat Power gefüllt ist und ich davon noch nichts wusste, erstaunt mich umso mehr, da ich Fan von Vedder und Hansard bin. Das gilt auch, obwohl ich Vedders letztes Soloalbum „Earthling“, das er zusammen mit Hansard eingespielt hat, sagen wir mal, sehr enttäuschend fand. Da es im Film um eine Vater-Tochter-Beziehung geht, durfte auch Eddie Vedders Tochter Olivia passenderweise mitwirken. Sie entpuppt sich als gute Sängerin, deren Stimme hervorragend zu den Americana-Folk-Rock-Songs passt.
Auf das Album bin ich gestoßen, als ich die Diskografie von Cat Power durchgesehen habe, weil ich in ihr letztes Cover-Album hineinhören wollte. Cat Power kannte ich bisher nur von einem Live-Auftritt während des Traumzeit-Festivals. Dort machte sie auf mich einen so unglücklichen Eindruck, dass ich den Anblick dieser hilflos wirkenden Person nicht ertragen konnte und nach ein paar Songs gegangen bin. Solche Auftritte vergisst man nicht so schnell. Mittlerweile scheint sie wieder in der Spur zu sein und geht wohl recht erfolgreich mit Dylan-Songs auf Tour.
Mit vier Songs – schönen, warmen Singer-Songwriter-Stücken – ist sie auf dem Soundtrack vertreten. Im Gegensatz zu „Earthling“ liefern Hansard und Vedder richtig gute Songs ab. Eine schöne Zufallsentdeckung an einem Sonntagmorgen. (92)

Mick Flannery & Susan O´Neill – In the Game (2022)
Eine Liebesbeziehung, von ihrem Ende aus erzählt, als Folk-Rock mit viel Gefühl für starke Melodien und Emotionen und von Anfang an mit packenden Songs. Die beiden Iren setzen ihre Lieder eher in einem amerikanisch weit klingenden Rockstil um als in irischer Folkromantik. Jeder Song geht runter wie ein guter Schluck Whisky – ganz gleich, auf welchem Kontinent er gebrannt wurde. (Hier merke ich gerade, dass mich meine Fantasie beim Schreiben ansteckt. Tatsächlich glaube ich, dass ein Schluck Whisky gut zu dieser rauen Americana-Musik passt, weil in passenden Filmen und Serien die Leute immer Whisky dazu trinken. Selbst habe ich bisher allerdings nur wenig Whisky probiert.) Die Songs sind durchweg gelungen, und die ungewöhnlich raue, kratzige Stimme von Susan O’Neill harmoniert großartig mit ihrem männlichen Gegenüber. Ein tolles Album. (93)

Flat Worms – Flat Worms (2017
Bei Flat Worms begegnen wir auf jeden Fall bei „Motorbike“ einer Mischung aus Garagen-Rock, der leicht mit Stoner Rock vermischt ist. Eine tolle Nummer, mit der Flat Worms gleich zu Beginn Aufmerksamkeit erregen. Auch Punk-Rock-Fans könnten daran Gefallen finden.
Im zweiten Stück steigt der Punkrock-Anteil, der sich erneut mit Stoner-Rock-Gitarren mischt. Besonders beeindruckend finde ich, dass die Musik so klingt, als stünde ich direkt vor der Bühne – sie strahlt eine unglaubliche Live-Dynamik aus (vielleicht wurde sie auch tatsächlich live eingespielt). Ein sehr kraftvoller Rocksong ist „Pearl“. Seltsam ist allerdings, dass der Download des Albums bei Amazon günstiger ist als bei Bandcamp, wo die Band mindestens 15 US-Dollar verlangt – nur mal so am Rande.
Das Genre lässt sich als Garagen-Stoner-Rock beschreiben, der gelegentlich mit Rock ’n’ Roll kombiniert wird, zum Beispiel bei „Acellerated“. Das Besondere an der Musik sind die fetten Gitarrenriffs, die einen mitreißen – der Rest wirkt eher als Ergänzung. Bei „White Roses“ wird es noch etwas ungestümer. Vom Sound her sind sie auf diesem Stück nicht weit entfernt von aktuellen britischen Rockbands wie The Raytons oder Deathletter. Auf einem Festival, das einen lauten Höhepunkt setzen möchte, wären Flat Worms auf jeden Fall eine Bereicherung, und bei Festivals mit härterer Gangart sowieso.
„11816“ ist ein toller, wuchtiger Rocksong, was für alle Stücke gilt, etwa auch für „Follows“. Dort klingt es einfach wie krachiger, moderner Indie-Rock.
Zur Mitte der Platte hin vollzieht sich ein deutlicher Schwenk zum Indie-Rock, der mir sogar besser gefällt als der Garagen-Rock zu Beginn. „Fault Line“ ist daher auch eine echte Entdeckung. Etwas verspielter, aber nicht weniger kraftvoll sind „Question“ und das abschließende „Red Hot Sand“.
Eine insgesamt sehr gelungene Entdeckung. (416)
B. Fleischmann – I´m not ready for the grave yet (2012)
Durch eine CD-Beilage der Zeitschrift Spex hatte ich das Glück, einen Song von dem 2006 erschienenen Album „The Humbucking Coil“ zu hören (zugegeben, erst Jahre später). Nach dem Anhören der CD war ich sofort Fan der elektronischen, dabei aber sehr lebendig und authentisch klingenden Musik von B. Fleischmann. Der Österreicher hatte mich verzaubert, sodass ich mir anschließend aktuelle CDs von ihm besorgte – was ich auch tat. Hier nun sein Album von 2012.
„Don’t follow“ ist ein gelungener Einstieg – großartige Elektroklänge, vermischt mit Gesang, und es klingt sofort nach mehr als nur Elektro. Das Stück besitzt eine emotionale Tiefe, die bei Elektromusik oft fehlt. Dort stehen meist Soundideen und Rhythmen im Vordergrund, die unterhalten, jedoch selten das Herz erreichen. Auch bei „Tomorrow“ setzt B. Fleischmann Gesangspassagen ein, die an die Platten erinnern, die Brian Eno gemeinsam mit David Byrne und John Cale aufgenommen hat. Dieses Stück steht näher an Folktronik-Musik von Tuung und Efterklang als an Acts wie den Chemical Brothers oder Underworld.
„Beat Us“ besticht durch gesampelte Dialogpassagen und erinnert ein wenig an den Sound von Art of Noise. Die Klänge sind zeitlos gestaltet und funktionieren heute genauso gut wie vor über zehn Jahren, als das Album entstand. „Lemminge“ klingt nach The Notwist und Console – nur die besten Vertreter ihres Genres fallen mir ein, wenn ich das mit B. Fleischmanns Musik vergleiche. Die Rhythmen, die er findet, sind überzeugend, und wie sich die einzelnen Songteile zu einem stimmigen Ganzen entwickeln, ist beeindruckend. Ein schönes Beispiel dafür ist „Who Emptied the River“. Voll elektronisch ist das Album nicht, denn bei vielen Stücken unterstützen die Gitarre von Markus Schneider und bei drei Songs das Saxophon von Karin Waldburger den Künstler.
„I’m not ready for the grave yet“ zeigt, wie leichtfüßig elektronische Musik sein kann. Das Album ist abwechslungsreich – eine Seltenheit bei Elektroalben. Es handelt sich durchweg um echte Songs, in denen sich stets genug Ideen finden, um gut zu funktionieren und zu keiner Zeit Langeweile aufkommen zu lassen. Auch die weiteren Stücke wie „This Bar“, „Some/other7my husband“, „At night the fox comes“ und „Your Bible is printed on dollars“ sind mehr als gelungen.
B. Fleischmann kann es. Ein Künstler von den richtig Guten.


Floyd George – Teenage Radio (1995)
Floyd George hat 1995 ihre Debüt-CD veröffentlicht, nachdem zuvor bereits ein Mini-Album erschienen war. Die Aufnahme fand im CAN-Studio in Weilerswist statt. So wurde Floyd George zu einer Band, deren erste Platte ich sehr mochte, die sich jedoch leider recht schnell wieder aufgelöst hatte und in der Versenkung verschwand.
Im Jahr 2020, also 25 Jahre nach dem Erscheinen der CD, versuchte der Gitarrist Marco Dragojlovic, an die Platte und die Band zu erinnern, indem er eine Webseite erstellte. Während dieses Prozesses hatte ich gerade zum x-ten Mal die CD bei mir laufen und nahm sogar Kontakt zu Marco auf. Er freute sich sehr über meine Erinnerung an das Konzert von Michel van Dyke, bei dem Floyd George als Vorgruppe im „Jägerhof“ in Dinslaken auftraten, und schickte mir sogar eine Neuaufnahme des Songs „Kiss me like a Dandy“, die er zum Jubiläum erstellt hatte. Schaut ruhig mal bei floydgeorge.de vorbei – dort könnt ihr alle Songs anhören und zwei Video-Clips sehen.
Michel van Dyke ist auch ein gutes Stichwort, denn so wie er, als er noch auf Englisch sang, klang auch der etwas melancholische Indie-Pop von Floyd George. Dass auch die Jeremy Days zu den Vorbildern der Band zählten, spricht für ihren Sound.
Die Zusammenfassung „leicht verträumt und melancholisch“ trifft besonders auf die beiden ersten Titel der CD, „Perfect Day“ und „Your Love is All Around“, sehr schön zu. Es handelt sich um sanften Indie-Pop, der ins Ohr geht. Auch die sanfte Pop-Rock-Nummer „Drive“ ist sehr gelungen. Danach folgt der radiotaugliche Single-Hit „Kiss you like a Dandy“. Ich weiß nicht, wie Dandys küssen, aber ich weiß, dass der Song mich trotz eines etwas vagen Textes immer wieder einfängt und mitnimmt. Bei manchen Songs stimmt einfach alles: Die Kombination aus Text und Musik fesselt, wobei es manchmal wenig darauf ankommt, ob der Text wirklich tiefgründig ist. Bei „Kiss you like a Dandy“ gelingt das bei mir immer. Ein Hit.
Ein wenig härter können Floyd George auch: „Something“ hätte, wenn noch etwas elektronische Frickelmusik eingemischt wäre, durchaus das Zeug zu einer The-Notwist-Nummer. Folkig klingt „Fortune“ – hier merkt man, dass die Band auch „Fury“ mochte.
Wer sich auf den Sound der Band einlässt, findet die Songs insgesamt sehr gelungen – ein echter Pluspunkt für das Album. Es gibt keine Schwäche. Das flotte „All I Wanted“ macht Spaß, was auch am feinen Indie-Sound der Band liegt. Vieles davon mag man als Indie-Rock/Pop-Fan besonders gerne. Etwas kitschig, aber passend zum Sound und zur Band, ist „Baby Doll“. „Let Me Feel the Groove“ und „17“ schließen diese wirklich nette und gute Indie-Pop-CD ab.
Vielleicht ist die Musik von Floyd George etwas zu sanft und nah am Kitsch, doch wie es anderswo heißt: „Nenn es meinetwegen Kitsch, aber ich mag es.“ Schade, dass die Band sich nicht mehr Zeit für eine längere Karriere gegeben hat. So bleibt mir nur, diese Platte immer wieder zu hören. Und ehrlich: Von wie vielen Bands hören wir die CD, mit der wir sie richtig mögen gelernt haben, tatsächlich am häufigsten? Die später oder vorher veröffentlichten haben wir zwar brav gekauft, doch kaum gehört – das ist doch meist so, oder?
Übrigens ist die 25-Jahre-später-Version von „Kiss me like a Dandy“ ebenfalls sehr gelungen. Vielleicht könnte man Marco Dragojlovic ja überreden, noch einmal auf Tour zu gehen, damit man den Song wieder „live“ erleben kann. (319)

Four Tet – Sixteen Oceans (2020)
Elektronische Musik, die durchaus zum Tanzen verführt, präsentiert sich hier recht minimalistisch mit einem einfachen Grundrhythmus und darauf gespielten, harmonischen, melodiösen Synthesizerklängen. Ich finde die Kombination beim Eröffnungsstück „School“ durchaus gelungen.
Hinter dem Projektnamen Four Tet verbirgt sich der Musiker Kieran Hebden, der zum Zeitpunkt der Aufnahmen dieses Albums bereits seit 21 Jahren Musik macht. Ausgefallener als das erste Stück sind die Sounds und Samples im Titel „Baby“, der mir ebenfalls ausgesprochen gut gefällt. Was ich an den Elektronikklängen von Four Tet besonders schätze, ist die Leichtigkeit guter Elektronica-Musik. Gute elektronische Musik muss nicht unbedingt mit harten Bassbeats arbeiten, das gelingt auch mit geschickt arrangierten Sounds, Melodien, Glitches und Stimmen – genau das hört man bei Four Tet. Mit den Songs dieser CD reiht sich Four Tet bei mir direkt in die Liste meiner Lieblings-Elektroniker wie B. Fleischmann und Console ein. Die Songs auf dem Album machen viel Spaß, und ich möchte unbedingt noch mehr von ihm hören. So gefällt mir auch „Teenage Birdsong“ richtig gut.
Bei dieser Musik merkt man, wie sehr sich elektronische Musik seit ihren Anfangszeiten weiterentwickelt hat und wie homogen, also eigentlich recht analog und natürlich, digitale Sounds klingen können. Four Tet ist dafür bekannt, akustische und digitale Klänge zu verbinden. Er arbeitet mit Samples, die er weiterverarbeitet, und das hört man auch bei Stücken wie „Romantics“ – feinste Elektronica-Musik. Wie die Musik von Four Tet über 20 Jahre von mir unentdeckt bleiben konnte, ist mir unbegreiflich. Sicher liegt das an der großen Anzahl guter Musikerinnen und Musiker, denen man einfach nicht alle folgen kann, weil es zu viele gibt. Aber gut, dass ich ihn jetzt entdeckt habe.
Bei „Love Salad“ hört man, dass Four Tet durchaus auf die neuesten Entwicklungen der elektronischen Musik reagiert – denn seine Musik klingt dort äußerst aktuell und dennoch viel unaggressiver als bei vielen anderen. Etwas druckvoller kann er seine Beats mit „Insect near Phia Beach“ erscheinen lassen. Besonders positiv an dem Album ist auch seine große Abwechslung, was bei einem elektronischen Album sehr lobenswert und außergewöhnlich ist. Viele Elektroalben klingen oft recht ähnlich und verlieren beim Durchhören schnell an Reiz, bei diesem Album ist das keinesfalls der Fall.
Nach zwei kurzen Zwischenspielen geht es schön elektronisch weiter mit „Something in the Sadness“. Dieses Stück wird sowohl klassische Synthesizer-Fans als auch jüngere Hörer begeistern – Tangerine Dream on Speed. Ein bisschen im Ambient-Stil gehalten ist „Green“. Nochmals feine, sanfte und harmonische Elektronica-Klänge wie auf den frühen Alben von Efterklang sind bei „4T Recordings“ und „This is for you“ zu hören. Ganz sanft wird es zum Abschluss bei „Mama teaches Sanskrit“.
Eine großartige Entdeckung – und auch hier heißt es wieder: mehr davon. (417)

The Frames – The Cost (2006)
Bevor Glen Hansard als Schauspieler bei The Commitments als Gitarrist der Band in Erscheinung trat und an der Seite von Markéta Irglová in „Once“ zu sehen war, war er schon der Frontmann der Band „The Frames“ und auch Songs von The Frames wurden in „Once“ verwendet. Und nach dem ich vom Film „Once“ und dessen Soundtrack so begeistert war, wollte ich natürlich auch mehr haben von diesen Musiker und seiner Band und so legte ich mir dieses Album zu – auf dem auch der Song „Falling Slowly“ nochmal zu finden ist, genauso auch das Lied „When your Mind´s made Up“. Stört aber auch nicht – weil es auch andere Fassungen sind.
Wer schon die Musik von Glen Hansard späteren Soloalben kennt und wer „Once“ gesehen und gehört hat – der wird mit der Platte vertrautes Terrain betreten. Den Glen Hansard hat auch mit The Frames genau dieselbe erdige und ehrliche Rockmusik mit Singer/Songwriter-Einschlag gemacht. „Song for Someone“ irritiert am Anfang vielleicht noch durch die Zärtlichkeit und die Stimmlage mit der Hansard denn Song singt – da klingt er fast wie Adam Levine – der ja auch in einem anderen Film vom „Once“ Regisseur mitspielte – aber die Intensität und die Qualität ist typisch Glen Hansard.
Natürlich ist The Frames aber auch eine Band – weitere Mitglieder sind: Dave Odlum (Gitarre), Colm Mac Com (Geige/Keyboards), Joe Doyle (Bass) – den Platz hatte bis 1996 John Carney inne, der der Filmemacher von „Once“, „Can a Song safe your Live?“ und „Sing Street“ und dem leider auf Apple TV+ versteckten „Flora and Son“ ist, Graham Hopkins (Schlagzeug). Der Besetzung der Band gehörten vor und nach diesem Album aber auch noch teilweise weitere andere Musiker an.
Als zweites – mit sehr kraftvollen Gitarrenintro – dann doch bekannt zärtlich „Falling Slowly“ - was für ein Song! Song für die Ewigkeit – egal in welcher Fassung. Wenn ich den Film sehe, bekomme ich an der Stelle, wenn das Lied gespielt wird, noch immer regelmäßig Gänsehaut. Was Musik doch bewirken kann.
Singer/Songwriter-Musik mit sanften und zeitlos emotionalen Rock zu verbinden, dass ist die Stärke von Glen Hansard und auch von The Frames - „People get Ready“ auch einfach wunderbar – das ist mal richtig guter moderner Folkrock. Und sie klingen mit ihren Folk eher amerikanisch/international dabei und von ihren irischen Wurzeln hört man da wenig – das liegt aber auch an der großen Intensität, die die Stücke alle miteinander verbindet – was meist als sanfter Song beginnt, steigert sich in kraftvolle Emotionalität – gekonnt und ganz großartig. Man höre nur „Rise“.
Wurde auch in „Once“ gespielt und gesungen: „When your Mind´s made Up“. Alles ganz wunderbare Songs. Gilt auch für „Sad Songs“ und dem schon fast ins Alternative-Rock Genre gehende Titelstück „The Coast“. Dem melancholischen Stil des Titelsongs behält auch „True“ bei – setzt dabei aber weniger auf harte Gitarren. Erdiger und im Singer/Songwriter-Folk-Modus – aber auch etwas traurig: „The Side you never get to see“ - bei dem Song stellen sich bei mir dann doch etwas Ermüdungserscheinungen ein – dafür war das Material am Anfang der Platte einfach viel zu gut, um dies bis hier hin über die Zielgrade zu bringen – da will dieser doch etwas ins kitschige geratene Song, dann mal nicht ganz so funktionieren – die Streicher sind es – die den Song ruinieren.
Letztes Stück „Bad Bone“ - schöner Country-Folk-Song. Das Album hat am Anfang sechs ganz großartige Songs – da kann der Rest der Songs nichts dran ändern – das dies kein großartiges Album ist und Glen Hansard versteht es einfach zeitlose Songs zu machen. (533)

Kat Frankie – Pocketknife (2007)
Eine Australierin zieht nach Berlin, um sich dort musikalisch zu entfalten und ihre Karriere ins Rollen zu bringen. Das hat funktioniert, denn sie macht immer noch Musik und geht auf Tour – zurzeit wieder mit ihrer brillanten siebenköpfigen A-Capella-Truppe „Bodies“. Auf ihrem Debütalbum steckt schon alles drin, was ein Kat-Frankie-Album ausmacht: anspruchsvoller Indie-Pop einer Singer/Songwriterin mit viel Gefühl und Soul in der Stimme. „Everything, Everything“ ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie Sanftes und Kraftvolles in einem Song zusammengebracht werden kann. „Fake“ ist Indiefolk und zeigt, wie durch durchaus sparsame Instrumentierung ein Maximum an Ausdruckskraft erzeugt wird. Dass Kat Frankie auf akustische Instrumentierung setzt, ist eine gute Entscheidung. Dadurch wirkt alles sehr ehrlich, erdig und intim – auch bei dem folkigen „The Tops“ und dem kraftvollen, kurzen „Blameless“. Sanft ist „The Wrong Side of Midnight“.
Das alles gefällt mir gut – auch „Going Away“ ist wunderschön. Schade eigentlich, dass sie danach eher versucht, mit popigen Nummern zu punkten, anstatt weiterhin diesen sehr intimen und anspruchsvollen Indie-Folk zu machen. Aber eine Künstlerin muss sich weiterentwickeln können, und da ist es für den Hörer, der mit dem Debüt so voll zufrieden ist, schwer zu verstehen, warum man sich ständig neu erfinden muss. Bei Kat Frankie ist das jedoch kein Fehler, denn ihre Loopstation-Songs live hauen mich einfach um, und Gleiches gilt für ihre „Bodies“-Auftritte. Auf ihren weiteren Alben hätte ich mir allerdings mehr Musik wie diese gewünscht – die ich beim Schreiben gerade erst für mich entdecke, da sie mich hier mit der ganzen Bandbreite der Songs mitreißt. Auf den späteren Platten sind es eher einzelne Höhepunkte, die mich bewegen. Hier sei der Song „Frauen verlassen“ als mein absoluter Kat-Frankie-Lieblingssong hervorgehoben – das Live-Video auf YouTube sollte man gesehen haben. Auch die weiteren hier nicht einzeln genannten Songs auf „Pocketknife“ nehmen mich mit. Wer die Musik von Feist mag und Kat Frankie bisher nicht kennt, sollte dieses Album auf jeden Fall hören und lieben. Für mich, der ich Kat Frankie zwar schon kannte, dieses Album aber nicht, ist diese CD nun ein echter Schatz in meiner Sammlung. (164)

Kat Frankie – The Dance of a Stranger Heart (2010)
Nur mit E-Gitarre singt Kat Frankie gefühlvoll, und das ist wundervoll intim. Gesanglich trägt sie ihre Lieder, wie meist bei ihr, sehr stark vor. So beginnt das Album mit „The Saint“. Zu Beginn klingt ein trauriges Keyboard, und bei „Happy“ wird sehr sentimental über Gefühle nachgegrübelt. Das Spiel wird kurz etwas schwungvoller, nur um danach wieder in tiefe Traurigkeit zu versinken. Ein gefühlvolles Auf und Ab. Die Melancholie bleibt auch im Song „Love Me“ erhalten, doch bringt dieser ein gehobenes Indiemusik-Feeling auf die Platte. Etwas positiver gestimmt klingt das teilweise dahin gehauchte und minimalistische „Death of Me“, das auch an ihr Vorgängeralbum und Debüt erinnert. Mit mehr Schwung wird das wundervolle „San Antonio“ vorgetragen. Wie ein guter A-Cappella-Song klingt „Bodies“, womit Kat Frankie auch auf reine A-Cappella-Konzerttouren geht. „Born Clever“ ist ebenfalls ein schönes A-Cappella-Stück. Ihre Stimme – wo immer sie diese auch in ihrem nicht gerade voluminösen Körper hervorholt – ist Kat Frankies größtes Kapital. Wenn sie diese so inbrünstig einsetzt wie bei „People“, verstehe ich, warum mich ihre Musik immer wieder in ihren Bann zieht. Das ist Eintauchen in tiefe Gefühle. Intimität strahlt eigentlich jeder Song der Platte aus. So ist „Cards“ wiederum ein zurückhaltend instrumentierter Song. Mit etwas Rockgitarre klingt „The Wild One“. Noch einmal nach folkiger und Lagerfeueratmosphäre klingt „The Faint-Hearted Ones“.
Musik mit Anspruch, die große Gefühle nicht scheut und alles ignoriert, was kommerziellen Erfolg bringen könnte. Dafür wird man mit Intimität und Kunstfertigkeit belohnt. Was will ich mehr? Wem das letzte „Feist“-Album gefallen hat, wird dieses Album sicherlich lieben. (215)

Niels Frevert – Seltsam öffne dich (2003)
Als Sänger der Band Nationalgalerie konnte Niels Frevert mit dem Song „Evelyn“ die Charts stürmen und seinen Bekanntheitsgrad deutlich steigern. Doch die Zeit mit Nationalgalerie war bald vorbei, und Frevert setzte seine Karriere als Solokünstler fort. Regelmäßig legt er neue Alben vor, die sich als Dauerläufer erweisen – allerdings meist unter meinem Radar als Musikhörer. Zufällig entdeckte ich auf einem alten Sampler einen Song, der sich in meiner Playlist gehalten hatte: „Tag ohne Namen“. Beim letzten Hören dieses Stücks beschloss ich, mir die zugehörige CD zu besorgen, und so höre ich nun „Seltsam öffne Dich“.
„H-Milch“ ist ein kurzer Track mit einem typischen Indiesound aus Deutschland. Der Titelsong „Seltsam öffne dich“ steigert das Tempo und bietet schöne, dröhnende Gitarrenklänge. Da werden Erinnerungen an die Band Selig wach – nicht zuletzt, weil Niels Frevert stimmlich an Jan Plewka erinnert. Wieder etwas sanfter kommt „wann kommst du vorbei“ daher. Schmuserock beherrscht er ebenfalls sehr gut, und die Musik wirkt keineswegs kitschig, wie es leider bei Jochen Diestelmeier in den letzten Jahren oft der Fall war. Die CD erschien bei Tapete Records, was sehr gut passt. Musikalisch erinnert das Album auch an Dirk Darmstaedter. Gerade eben notiert, fällt mir auf: „Glückskecks“ klingt fast wie ein Diestelmeier-Song, allerdings nur vom Text her. Mit „7“ wird noch einmal richtig gerockt – das beherrscht er zusammen mit seinen Studiomusikern ausgezeichnet. „Einwegzeugfeuerzeugstichflamme“ ist wieder sanfter, entwickelt sich jedoch zu einer stadiontauglichen Hymne. Die Tempowechsel sorgen für Abwechslung, und die musikalische Qualität des Albums finde ich wirklich bemerkenswert. Man kann es mit Kopfhörern optimal genießen, es ist toll produziert.
Es ist eigentlich erstaunlich, dass Frevert so selten im Mainstreamradio zu hören ist. Einige seiner Songs würden die deutschsprachige Musikauswahl in Sachen Qualität bereichern. Dabei fällt mir ein, dass auch Kettcar kaum auf WDR 2 gespielt wird – das sagt einiges über die Musikauswahl dieses Senders aus. Deshalb höre ich inzwischen hauptsächlich „Radio Eins“ vom RBB, dort macht die Vielfalt der Songs richtig Spaß. „Gemeinsame Sache“ besticht durch eine außergewöhnliche Bass- und Gitarrenmelodie. Auch die Songtitel sind bemerkenswert, zum Beispiel „Tiefkühltruhe“, bei dem leicht mit Sprechgesang gerappt wird. Der atmosphärische und mitreißende Track „Tag ohne Namen“ erinnert erneut an den Sound von Selig, was dem Song jedoch keinen Abbruch tut. Ebenfalls schön ist „Jetzt für immer“, während „Für immer jetzt“ eher als kurzes Outro fungiert.
Mir gefällt das Album überraschend gut. Da werde ich wohl mal hören, wie Niels Frevert heute klingt.
Ich habe gerade ins neue Album „Pseudopoesie“ (2023) reingehört, und es klingt ebenfalls sehr ordentlich. Allerdings erinnere ich mich, dass ich 2019 bei seinem Auftritt bei der „Traumzeit“ nicht lange geblieben bin, weil mir die Eingangssongs damals zu schmalzig erschienen. Heute wäre ich vielleicht anders darauf eingestimmt. Jeder verdient schließlich eine zweite Chance. (178)

Frittenbude - Apocalypse Wow (2023)
Linke Punkparolen in poppige Electrobeats gepackt – das ist Frittenbude. Dass nicht jede linke oder Punk-Attitüde funktioniert, ist nun mal so. Der „Stoli“ (Wodka) auf die Solidarität am Anfang hat einen seltsamen Beigeschmack, obwohl der Rest des Textes, die Fassungslosigkeit über den großen Konflikt der Gegenwart, gar nicht so falsch formuliert ist. Vielleicht verstehe ich auch nur die Ironie dahinter nicht, aber da es durchaus viele Linke gibt, die noch zu Russland halten – wer weiß. Solche Musikkommentare entstehen eben, wenn sich Musiker mit Gegenwartspolitik beschäftigen.
Ich bin mir aber eigentlich sicher, dass die Jungs von Frittenbude es gut gemeint haben. Bei „Suchen/Finden“ finde ich die Musik richtig gut, den Text allerdings, wie auch bei den nächsten Songs, zu simpel. „Wir wollen eine linke Welt und saufen und rauchen“ – das ist nämlich das Hauptthema der Platte. „Marx + Biggie“ (ne Leute, wer will denn wissen, dass ihr jeden Morgen noch miteinander schlaft? Ich nicht). Nach dem Sex geht es bei „Das Glas“ ums Saufen – auch nicht mein Fall. Dazu passt auch die Musik zum Text nicht, ich bin da wohl voll konservativ geworden (shit). Bei „Vorbei“ werden sie dann doch mal ernst, und die Musik klingt sogar etwas mehr nach Post-Punk-Pop. Ein schöner Song – vielleicht findet die Platte doch noch ihre Kurve. Das klingt nach einem verständlichen Wunschtraum: „Neue Welt“.
Gut finde ich, dass die Songs nicht alle gleich klingen. Tempo- und Stilwechsel sorgen für Abwechslung beim Hören. „Sandradome“ rockt richtig gut, doch beim Text ziehe ich wieder nicht ganz mit. Wenn man nur Probleme aufzählt und keine Lösung bietet, ist man mit Parolen leider nicht besser als diejenigen, die politisch rechts stehen. Auch hier findet keine Diskussion statt – die Lösung ist Alkohol und Tabak, na danke. Noch schlimmer ist „Schlagstock“, in dem der Hass auf die Polizei mal in Electrobeats gehüllt wird. Geht es noch platter?
Hey, ich finde linke Themen gut, sehe mich als links-konservativ (bin halt Vater und Kulturbetreiber – da möchte man sich und die Menschen, die man liebt, irgendwie sicher und abgesichert wissen). Aber muss so ein Thema so platt in Text und Musik verpackt werden? Auch bei „Lass uns tanzen“ ist die Botschaft wieder dieselbe: Spaß haben, dicht sein – das genügt für ein gutes Punkleben. Für mich ist das zu wenig. Die Musik dazu erinnert fast schon an die Neue Deutsche Welle – passt ja, „Ich will Spaß, ich geb Gas“.
Und dann kommt plötzlich ein Song wie „Orchidee“, und der Hörer denkt: Scheiße, die können richtig gut sein, wenn sie wollen. „Halte Dich ganz kurz fest“ mag ich auch. So ganz der Fehlkauf ist die Platte dann doch nicht. Wenn sie textlich kryptisch bleiben, sind die Songs viel besser, so auch der letzte „Tiefseetauchen“.
Mixed Emotions bei einer Platte, die ich mir irgendwie etwas spaßiger vorgestellt hätte. Aber wir leben halt nicht in wirklich spaßigen Zeiten, und Zudröhnen ist auch keine Lösung. (353)