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I break Horses – Warning (2020)

Verträumter Indie-Sound aus Schweden: „Turn“ ist ganz nett, mit neun Minuten Länge aber recht lang geraten. Viele der Klänge sind vermutlich elektronischer Natur, bei Bass und Schlagzeug ist das jedoch nicht immer eindeutig erkennbar. Da I Break Horses ein Duo aus Maria Lindén und Fredrik Balck ist, vermute ich, dass der Hauptanteil der Klänge von Computer und Synthesizern stammt. Wie gesagt, ist „Turn“ nett, aber etwas zu lang.

„Silence“ gefällt mir wegen seines außergewöhnlichen Grundrhythmus und der Synth-Sounds ganz gut. Das Überlagern und Verändern von Teilstrukturen gelingt ebenfalls ordentlich. Die Band wird aufgrund ihrer komplexen Songstruktur dem Shoegaze-Genre zugeordnet. Ich finde jedoch, dass dies auf dem Album sehr gelungen ist und man sich nicht durch Verzerrungen oder Übersteuern der Instrumente vom Hörgenuss ablenken lässt.

„larm“ ist nur ein kurzes Zwischenspiel. Bei „I´ll be the Death of You“ passen die einzelnen Bestandteile des Songs nicht so gut zusammen. Besonders der Gesang stört, da er sich nicht richtig mit den ansonsten gelungenen Synthesizer-Klängen und dem kraftvollen Schlagzeug verbinden will.

Es folgt ein unaussprechliches Zwischenspiel: „denlillapaseavlycke“. Der stets melancholisch gehaltene Gesang beeinträchtigt auch bei „The Prophet“ den Song. Verträumter Indie ist zwar schön, aber meiner Meinung nach würde der Band ein positiverer Pop-Touch besser stehen, zum Beispiel wie bei den „Shout out Louds“. So trübt mir der Gesang langfristig die Musik. Das erinnerte mich an ein Konzert einer jungen Shoegaze-Band im letzten Jahr, bei dem ich mit dem Gesang ebenfalls nicht warm wurde. Ich bin dann bis zur nächsten Band lieber etwas trinken gegangen.

Auch der Synthesizer-Sound des folgenden Stücks „Neon Lights“ gefällt mir zunächst gut. Allerdings komme ich mit dem Gesang weiterhin nicht klar. Ich habe ihn innerlich so negativ abgespeichert, dass sich das Weiterhören der Platte wohl für mich kaum noch lohnt. Also schnell in den nächsten Song reingehört: Bei „I Love at Night“ ist der Grundton etwas düsterer und ruhiger, hier passt alles wieder gut zusammen. Das anschließende „Baby You Have Travelled Miles Without Love in Your Eyes“ ist ebenfalls eher verträumter Pop und gefällt mir auch. Es ist also nicht alles schlecht auf der Platte – nur einige Songs sind wohl nicht für mich gemacht.

Tatsächlich bleibt das Album mit dem Song „Death Engine“ für mich durchaus hörenswert. Zum Glück habe ich nach „Neon Lights“ das Album nicht abgebrochen, sondern weitergehört. Zum Abschluss folgen noch zwei kürzere Stücke: „absolutamollpunkten“, eine einfache, schräge Synth-Chor-Kollage, und „Depression Tourist“, eine minimalistische Vocoder-Nummer. Auf diese beiden Stücke hätte ich verzichten können.

Ganz überzeugen konnte mich „I Break Horses“ mit diesem Album nicht. Aber sie ich auch nicht verschreckt, sodass ich mich vielleicht irgendwann noch einmal an eine Platte von ihnen wagen werde. (436)

Intergalactic Lovers – Exhale (2017)

Intergalactic Lovers aus Belgien machen Indiepop und laden mit ihrem Song „Between the Lines“ direkt zum Tanzen ein. Herzstück der Band ist Frontfrau und Sängerin Lara Chedraoui, die bei den Liveauftritten mit viel Energie das Publikum mitreißt. Auf jeden einzelnen Song muss man nicht unbedingt eingehen, denn der Sound der Band bleibt im Wesentlichen von Lied zu Lied ähnlich. Die meisten Titel auf der CD sind eher dazu gedacht, mitzutanzen und mitzugehen, und das gelingt sehr gut. Jeder Song könnte eigentlich als Single funktionieren, denn jeder hinterlässt eine besondere Note in der Playlist. Es handelt sich um Partymusik mit viel Indiecharme und weniger Pop-Appeal. In der Musik der Intergalactic Lovers klingt viel Britpop und Indiesound der frühen 2000er Jahre an. Einen kleinen Abzug gibt es für die große Ähnlichkeit der Songs beim Durchhören. Trotzdem bietet die Platte, wie bereits erwähnt, eine Menge guter Stücke. -206

Interzone – Interzone (1982)

Heiner Pudelko (Gesang), Leo Lehr (Gitarre), Bibi Schulz (Gitarre), Trotter Schmidt (Bass) und Hans Wallbaum (Schlagzeug) bilden die Band Interzone. Diese ist dem Umfeld der Neuen Deutschen Welle zuzuordnen, obwohl sie zu dieser Zeit keinen wirklich bekannten Hit beigesteuert hat. Wie viele Berliner Bands wurde Interzone von Jim Rakete gefördert, und der junge Udo Arndt hatte die Gelegenheit, das Album zu produzieren. Wer Interzone einmal gehört hat, erkennt die Band sofort an der markanten Stimme von Heiner Pudelko wieder.

Die Musik der Gruppe ist meist satter Rock, manchmal mit Blues-Elementen gemischt oder – wie beim Stück „Kinderlied“ – verspielt wie ein echtes Kinderlied. Manchmal zeigen sie auch punkige Einflüsse. Die Texte sind auf Deutsch und mit einer ehrlichen Berliner Schnauze verfasst. Ein wenig erinnert das Ganze an Pop, allerdings mit der kraftvollen Wucht eines deutschsprachigen Punksongs. Nicht jeder Song auf dem Album funktioniert dabei perfekt, doch „Rita & Klaus“ und „Kinderlied“ fallen besonders auf.

Der Song „Dilettanten des Wunders“, mit dem die zweite Seite des Albums beginnt, erinnert an die Band Ideal. Heiner Pudelko singt hier auf eine Art, die an eine männliche Nina Hagen erinnert: vieles wird überbetont, dabei gekonnt und mit Witz. Bei „Die Lebendigen + die Toten“ setzt sich dieser Stil fort. Die Songs auf der zweiten Seite wirken insgesamt deutlich stärker als viele auf der ersten Seite.

Sanfte Töne zeigen sie ebenfalls, was besonders zum Titel „Liebeslied“ passt, auch wenn der Text alles andere als lieblich ist. In „Glotze“ träumt der Sänger davon, ein (Serien-)Held zu sein – das Leben wäre damit einfacher. Dazu gibt es gut gerockte Musik. Am Ende zieht die Protagonistin und Erzählerin des Liedes zurück nach Hagen, weil um sie herum alles schiefgelaufen ist und viele Menschen gestorben sind. Nun ist sie schwanger in Hagen. Ob dies eine Verbesserung oder wirklich das Ende bedeutet, bleibt dem Hörer von „Karl“ überlassen.

Das Album wird sicherlich von Hörern positiv aufgenommen, die früher Ideal und die Nina Hagen Band geschätzt haben. Der durchschnittliche Hörer wie ich hat allerdings noch keinen echten Mitsing-Hit entdeckt, denn solche fehlen auf diesem Album. Sie sollten jedoch auf den späteren Alben kommen. Heiner Pudelko, der leider viel zu früh mit nur 46 Jahren verstarb, sollte unbedingt gehört werden – sonst verpasst man etwas Wichtiges.

INXS - Listen like Thieves (1985)

Ihr Ziel, ein Rock-/Pop-Phänomen zu werden, nähern sich INXS mit dieser Platte immer mehr an. Nach ausgedehnten Touren durch die USA und ersten Achtungserfolgen in ihrer Heimat Australien zeigt „What You Need“ als Song die Kraft, die Band weiter nach vorn zu katapultieren. Natürlich sind der Sexappeal von Frontmann Michael Hutchence und seine beeindruckende Gesangsstärke hilfreich. Besonders gelungen ist jedoch die Mischung aus kraftvollem Rocksound und eingängigen Popsounds, die auch zum Tanzen einladen. So klingen sie einfach dynamischer und mit mehr Spaß als viele andere Bands ihrer Zeit.  

Der gelungene Sound und die brillante Pop-/Rock-Mischung setzen sich auch im Titelstück „Listen Like Thieves“ fort.  

Anschließend folgt mein ewiger Lieblingssong der Platte, „Kiss the Dirt (Falling Down the Mountain)“. In diesen Song habe ich mich beim ersten Hören verliebt und habe ihn nie vergessen. Genau wegen solcher Songs grabe ich ältere Alben wieder aus. Beim erneuten Hören fühle ich ein großes Glücksgefühl – es ist wie ein Nachhausekommen, anders lässt sich das nicht beschreiben. Der Song ist etwas ruhiger, fängt einen aber mit dem Refrain komplett ein. So locker und leicht kann guter Poprock klingen, und am Ende wird die Musik auch hier noch etwas kraftvoller. Starkes Stück!  

Nun frage ich mich, ob der Rest der CD dieses Niveau halten kann. An einen weiteren Song erinnere ich mich ehrlich gesagt kaum.  

„Shine Like It Does“ ist tatsächlich eine Rockballade, die aber ebenfalls Spaß macht. Für eine Platte aus den 80ern klingt sie erstaunlich zeitlos, ohne die ausgelassene Stimmung dieser Zeit zu verlieren.  

Okay, bei „Good + Bad Times“ hört man deutlich die knapp vier Jahrzehnte, die das Album alt ist. Der Song klingt sehr 80er-Jahre, wirkt aber trotzdem besser und flotter als vieles, was ich von Duran Duran und Co. kenne. Vergleichbar ist er höchstens mit dem Sound von „Wild Boys“ oder dem Hit „Some Like It Hot (The Head Is On)“ von Power Station. Die Erfahrung von Produzent Chris Thomas zahlt sich hier aus – mit ihm werden INXS noch weitere Alben produzieren und Erfolge feiern.  

Nett, aber mehr auch nicht, ist der Partysong „Biting Bullets“. Besser gefällt mir „This Time“. Wäre das Album nicht mit drei so herausragenden Songs gestartet, wäre „This Time“ sicher auf anderen Platten ein Hit – es ist wirklich Single-Material. Ich muss gestehen, dass ich zunächst dachte, „What You Need“ sei erst ein Album später auf „Kick“ zu finden – da lag ich wohl falsch.  

„Three Sisters“ klingt tatsächlich stark nach dem europäischen Sound der 80er. Es erinnert eher an eine Instrumentalnummer von den bereits erwähnten Duran Duran. Dennoch tut die Abwechslung gut, und schlecht ist der Song wirklich nicht. Würde ich ihn jedoch einzeln hören, würde ich nie vermuten, dass er von INXS stammt.  

Der Sound von „Three Sisters“ verschmilzt bei „Same Direction“ mit typischen INXS-Rockklängen. Allerdings stören hier wieder die typische 80er-Jahre-Elemente. Der Song hätte auch als einfacher Rocksong gut funktionieren können, er klingt fast schon wie von New Order.  

„One X One“ ist dann leider eine Enttäuschung. Stark poprock-lastig und runterproduziert. Live mag der Song viel Spaß machen, doch so gehört, ist er mir viel zu niveaulos. Tatsächlich fällt die Qualität des Albums ab diesem Punkt stark ab.  

Mit „Red Red Sun“ rocken INXS noch einmal richtig los, und hier gefallen sie mir deutlich besser. Allerdings ist der Refrain leider etwas zu gefällig, was dem Rest des Songs etwas von seiner Kraft nimmt. So büßt der Song seine anfängliche Qualität ein, wird am Ende aber doch noch schön rockig.  

Das Album beginnt stark mit drei absoluten Knallern, die in der Playlist lange Bestand haben. Danach folgt viel Material, das meist durchschnittlich ist, aber selten richtig schlecht. Mit „This Time“ und dem ungewöhnlichen Instrumentalstück „Three Sisters“ lohnt es sich dennoch, die Platte in der Sammlung zu haben. Insgesamt definieren INXS mit dieser Veröffentlichung ihren charakteristischen Sound.(520)

Iron & Wine - Boy with a Coin - EP (2007) 
oder wie ich drei Alben von Iron & Wine hörte

Da wollte ich mir mal ein Iron-&-Wine-Album holen und hatte stattdessen eine EP erwischt. Das nehme ich zum Anlass, mir direkt die Alben des Singer/Songwriters Sam Beam, der sich hinter dem Namen Iron & Wine verbirgt, bis zum Jahr 2007 auf einem Streaming-Dienst anzuhören. Man muss eben die Aufgaben annehmen, die man sich (selbst) stellt.

Den Anfang macht das Album „The Creek Drank the Cradle“ aus dem Jahr 2002. Beam nahm es mit einem Vierspur-Mischpult auf; eigentlich sollte es nur ein Demo sein, zu dem die Musiker Joey Burns und John Convertino Rhythmusinstrumente hinzufügen sollten. Doch Beam entschied sich, die Aufnahmen so zu belassen, wie sie waren. Ein Lo-Fi-Album.  

Mit „Lions Mane“ beginnt das Album sehr sanft und mit einem schönen Song. Ich bin ja durch sein gemeinsames Album mit Jesca Hoop auf ihn aufmerksam geworden – das Album mag ich nämlich sehr gern. Und da auch der zweite Song „Bird Stealing Bread“ wunderbar ist, glaube ich jetzt einfach, dass der Mann ein großartiger Singer/Songwriter ist. Wer akustisch gehaltenen Singer/Songwriter-Folk mag, macht mit Iron & Wine nichts verkehrt. Auch der Song „Faded from the Water“ überzeugt.  

Songs wie „Promising Light“ und „The Rooster Moans“ sind sehr Lo-Fi und wirken eher wie Demo-Material als vollendete Aufnahmen für eine Albumveröffentlichung. Dafür besitzen sie den Charme eines Abends am Lagerfeuer, irgendwo in den Südstaaten der USA.  

Dafür ist „Upward over the Mountain“ wieder einfach nur schön. Ein ganz ruhiger Folksong. Leider finde ich keine Hinweise darauf, wer die Gastsängerin bei dem Stück „Southern Anthem“ ist. Americana ist vertreten mit „An Angry Blade“. „Weary Memory“ ist verträumter Folk, „Promise What You Will“ zeigt Roots im Demomodus. Sanftes, hingehauchtes Finale: „Muddy Hymnal“. Ein schönes Debüt.

Danach folgte das erste Album mit Bandbesetzung: „Our Endless Numbered Days“ (2004).  
Da das erste Album aus Homerecording-Aufnahmen bestand, fällt die Aufnahmequalität des diesmal im Studio entstandenen Albums sofort auf, bereits beim Einstieg mit dem Song „On Our Wings“, der als Indiefolk bezeichnet werden kann und am Ende die Qualität eines Artrockstücks erreicht.  

Sanfter Singer/Songwriter-Folk prägt „Naked as We Came“. Wie schön solche Songs sind, wenn sie als Akustiksong – nur Gitarre und Gesang – so gut funktionieren. Da braucht es keine Spielereien mit Stimmverzerrern oder das Aufputschen durch Elektronikklänge. Meiner Meinung nach sollte Folk und Blues so rudimentär wie möglich bleiben. Ich bin schnell vom Fan der Bon Iver/Aaron Dessner-Produktionsweise zum großen Kritiker dieser Herangehensweise geworden, da sie dem Folk eher schadet als hilft. Charttauglich ist nicht automatisch gute Musik. Bon Iver und Ed Sheeran können gerne allein dieses Feld beackern, die anderen sollten bei ihren schönen Akustiksongs bleiben.  

Da Iron & Wine alles richtig machen, gefällt mir der Folk bei „Cinder and Smoke“ richtig gut und erinnert mich an viele Songs von Stefan Honig oder an die noch akustischen Alben von Bear’s Den. Auch die Qualität der Songs lässt nicht nach, sodass mir „Sunset Soon Forgotten“ natürlich ebenfalls gefällt. Wieder Banjo-Folk bei „Teeth in the Grass“. Wieder sanfterer Folk bei „Love and Some Verses“. Nach sechs von zwölf Titeln, die alle zwar sehr gut, aber doch in einer ähnlichen Spielweise dargeboten sind, wünscht man sich eine kleine Überraschung. Die liefert zwar „Radio War“ auch nicht, dafür wird der Song aber auf das Allernötigste reduziert – und das funktioniert trotzdem (mir ist bewusst, dass ich gerne „funktioniert“ oder „treibend“, „nach vorne gehend“ in meinen Texten verwende. Aber ich wüsste nicht, warum ich dauernd neue Adjektive erfinden sollte.(371)

Jason Isbell – Southeastern – 10 Year Anniversary Edition (2013/2023)

Diese Ausgabe enthält das Originalalbum als Remaster, eine CD mit Demoaufnahmen und eine Live-CD, auf der Jason Isbell mit seiner Band The 400 Unit das Album live spielt. Ich war ja von seinem Cover-Album „Georgia Blue“ total begeistert, auf dem er Songs von Musikern aus dem Bundesstaat Georgia neu eingespielt hat. Selbst seine Version von „Nightswimming“ hat mich umgehauen. Also wollte ich natürlich mehr hören vom ehemaligen Mitglied der Drive-By-Truckers. Da das Album „Southeastern“ hochgelobt wird und nun mit zwei Bonus-CDs ausgestattet ist, begann ich hiermit. Kürzlich konnte Isbell Grammys gewinnen – mittlerweile hat er schon sechs davon.

2013, vor der Veröffentlichung der Platte, befand sich Jason Isbell in Rehabilitation wegen seiner Alkoholabhängigkeit. Vielleicht wurde „Southeastern“ deshalb auch eine Soloplatte, die er nicht mit seiner Band The 400 Unit aufgenommen hat, weil es bei diesem Album auch um seine persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen geht. Zunächst sollte Ryan Adams, mit dem er zusammen auf Tour war, die Platte produzieren. Dieser zog sich jedoch nach dem Anhören der Demos zurück – nicht, weil sie ihm nicht gefielen, sondern weil ihm Isbells Texte wohl zu nahe gingen. Ryan Adams hat sich erst einige Jahre später mit seiner eigenen Rehabilitation und seinen Süchten auseinandergesetzt. Deshalb sprang Dave Cobb als Produzent ein, der für seine Arbeit mittlerweile viele Preise erhalten hat.

Singer/Songwriter und Americana mit Country- und Roots-Einschlag sind die Genres, in denen sich die Songs bewegen. Direkt „Cover Me Up“ besticht durch seine einfache Instrumentierung und die Intensität, mit der Isbell den Song singt. So klingt selbst ein Country-Song sehr anspruchsvoll und besonders. „Stockholm“ erinnert an einen Song von The Band – und so dürfen Songs gerne klingen. Ja, ich glaube, ich bin ein echter Jason Isbell-Fan. Denn auch seine eigenen Songs haben ihre ganz eigene Qualität, und da ich nicht nur Ryan Adams das Americana-Feld überlassen möchte, ist Isbell eine schöne Entdeckung.

Wieder ein sanfter Singer/Songwriter-Song: „Travelling Alone“. Mit Roots-Blues-Einschlag: „Elephant“. Sanfter Heartland-Rock: „Flying Over Water“.  
„Different Days“ ist für mich ein perfekter Americana-Song. „Old Oak“ steht für feinste Singer/Songwriter-Musik. Der Grundton des Albums ist eher ruhig – ein richtiger Country- oder Heartland-Rock scheint bisher nicht durch. Sanfte Country-Musik bietet es aber in Hülle und Fülle, zum Beispiel bei „Songs That She Sang in the Shower“ und „New South Wales“. Dann folgt ganz überraschend ein echter Rocksong: „Super 8“, der ein wenig an Status Quo erinnert. Ruhig und dem Thema sexueller Missbrauch angemessen ist „Yvette“. Auch „Relatively Easy“ ist eine ruhige Country-Ballade.  

Ein sehr schönes Americana-Album.

Der Inhalt der zweiten CD mit den Demo-Versionen ist bis auf den Titel „Super 8“, der nicht enthalten ist, identisch – auch in der Reihenfolge. Deshalb liste ich hier nicht jeden Song noch einmal einzeln auf. Bei den Demoversionen handelt es sich um reine Akustikfassungen, bei denen Jason Isbell sich selbst an der Gitarre begleitet. Hier kommt das Singer/Songwriter-Talent des Künstlers noch einmal besonders zum Ausdruck. Songs wie „Stockholm“ und „Different Days“ gewinnen dadurch sogar noch an Intensität. Das Ganze erinnert natürlich an Springsteens „Nebraska“. Aber so klingt es nun einmal, wenn ein Musiker alleine singt und Gitarre spielt. Eine CD für intimen Musikgenuss.

Die dritte CD präsentiert das Album in der Live-Fassung, bei der Jason Isbell von seiner Band The 400 Unit unterstützt wird. Die Reihenfolge ist wieder genau dieselbe wie beim Studioalbum – am Anfang gibt es ein kurzes Intro (Begrüßung). Der größte Unterschied zu den zwei anderen CDs ist auf jeden Fall, dass Jason Isbell vor jedem Song gerne etwas über diesen und seine Entstehung erzählt. So entstehen die längeren Laufzeiten einiger Stücke nicht durch verlängerte Fassungen, sondern durch die vorher erzählten Geschichten. Außerdem merkt man, dass die Band live viel zu bieten hat. Ein Konzert von Jason Isbell and the 400 Unit ist sicherlich einen Besuch wert. Leider machen bekannte Americana-Musiker eher selten den Sprung über den Ozean.(268)

Jason Isbell and the 400 Unit - Reunions (2020)

Bei meinem letzten Text hatte ich über Jason Isbell vermutet, dass er in Deutschland zu wenig Fans hätte und hier wohl nur sehr selten oder gar nicht auftreten würde. Gestern (4.2.25) war ich dann bei einem Solo-Acoustic-Konzert von Jason Isbell in der Kölner Kulturkirche. So kann man sich täuschen. Was für ein begnadeter Songwriter, Gitarrist und Sänger er doch ist. Bald erscheint auch sein nächstes Album ohne die 400 Unit, doch ich höre mir jetzt erst einmal in Ruhe das Album „Reunions“ an.

Die Musik von Jason Isbell hatte schon immer Seele, und das erste Stück des Albums klingt wirklich recht soulig, fast schon wie NeoSoul: „What´ve I done to help“ – überraschend, aber auch ein richtig guter Song. Den Soultouch verdankt das Lied sicherlich auch Co-Autor Michael Kiwanuka. Die restlichen Songs stammen jedoch alle aus der Feder von Isbell. Dass das alles wieder so gut klingt, ist zum wiederholten Male Produzent Dave Cobb zu verdanken.  
Mit „Dreamsicle“ sind wir zurück im bekannten Americana-Stil, und wie immer gelingt es Isbell, eine schöne Ballade nach der anderen zu schreiben. Das kann er, und er schafft es sogar, das so gut zu machen, dass man sich als Fan und Hörer dabei nicht langweilt – die Songs sind einfach zu gut. So auch „Dreamsicle“. Sehr sanft und melancholisch, fast schon traurig klingt „Only Children“. Rockiger sind die Klänge bei „Overseas“.  
Der Anfang könnte auch von den Dire Straits stammen – das ist eines dieser ganz tollen Stücke im Repertoire von Isbell, so etwas wie ein Instant-Lieblingslied: „Running with our eyes closed“. Ein großartiges Stück.  
Im Heartland-Rock-Stil klingt „River“. Im Rockmodus ist der Song „Be Afraid“ wieder riesig. Eine weitere Ballade ist „St. Peter´s Autograph“. Folkig, aber zum Ende hin noch einmal richtig rockig, ist „It gets Easier“. Eine Country-Ballade findet sich am Ende mit „Letting you go“.

Im Americana-Bereich ist Jason Isbell sicherlich eine feste Größe, und seine Alben sind stets sehr gut produziert. Er ist ein Künstler, der viel von sich in seine Musik einfließen lässt, und das hört man. Sicherlich ist „Reunions“ nicht besser als das Meisterwerk „Southeastern“, doch dieses „Problem“ kennen auch andere Künstlerinnen und Künstler, die ein echtes Stück Musikgeschichte geschaffen haben. Man arbeitet sich dann weiter daran ab, lebt aber auch vom Kredit, den man für diese Leistung von den Fans bekommt – die einem meistens einfach treu bleiben. (484)

Jason Isbell and the 400 Unit - Georgia Blue (2021)

Nach der US-Wahl im Jahr 2020 war Jason Isbell, der früher Gitarrist und Songwriter bei den Drive-By Truckers war, so begeistert vom Ergebnis in seinem Heimatstaat Georgia, dass er beschloss, mit Freunden Songs aufzunehmen, die mit seiner Heimat verbunden sind oder dort entstanden sind. Den Gewinn wollte er einer gemeinnützigen Organisation spenden. Das Ergebnis ist das Album „Georgia Blue“. Schon das erste Stück „Nightswimming“, im Original natürlich von R.E.M., ist einfach wunderschön. Ich hatte gedacht, dass es kaum gelingen könnte, diesen Song gut zu covern, da das Original bereits unglaublich gelungen ist, aber die Interpretation lohnt den Kauf in jedem Fall.

Viele der Originalversionen waren mir zunächst unbekannt, doch beim Hören stellte ich fest, dass ich doch mehr davon kannte – abgesehen vom Klassiker „It’s a Man’s Man’s World“.

Nach „Nightswimming“ geht es mit klassischem amerikanischem Rocksound und „Honeysuckle Blue“ weiter. Die Songs sind alle sehr unterschiedlich. „It’s a Man’s World“ wird von Brittney Spencer gesungen und kommt als Rockblues richtig gut. Bei „Cross Bones Style“ (Cat Power) übernimmt Amanda Shires, Isbells Ehefrau, den Gesangspart. Der Song ist ein hervorragender Country-Rock mit kräftigen Geigenparten, die ebenfalls von Shires gespielt werden. Da muss ich unbedingt mal nachhören, was sie sonst noch gemacht hat. Der Song ist ein Vergnügen für Fans der Dave Matthews Band. Als dritte Gästin verleiht Adia Victoria dem folkigen „The Truth“ ihre Stimme. Das ist alles sehr amerikanisch mit starkem Country-Rock-Unterton. Americana/Roots- und Country-Rock-Fans werden hier vortrefflich bedient. Soul und Blues kommen aber ebenfalls nicht zu kurz, genauso wie gehobener Rock. Die CD ist sehr gut gefüllt, auf Vinyl sind es sogar zwei Scheiben.

So folgt „I’ve Been Loving You Too Long“ (Otis Redding), eine herzergreifende Bluesnummer. „Kid Fears“ (Indigo Girls) ist eine Rockballade, vorgetragen als Duett mit Brandi Carlile, und berührt sehr. Nach den ersten Takten von „Sometimes Salvation“ wurde mir klar, dass ich die beeindruckenden Gitarrenriffs bereits kannte. Im Original ist der Song von den Black Crowes, hier wird er sehr gut gespielt und bleibt dem Original treu. Ein guter Song bleibt eben ein guter Song.

Ein weiterer Klassiker ist „Midnight Train to Georgia“ (Gladys Knight). Der Soul in diesem Song macht ihn unverwechselbar. Eine kantige und härtere Rocknummer ist „Reverse“ (Now It’s Overhead) – die Band sollte ich mir auch unbedingt einmal anhören, um zu sehen, was sie sonst noch machen. Wenn es um Georgia geht, dürfen die Allman Brothers nicht fehlen, insbesondere für Gitarristen: „In Memory of Elizabeth Reed“ ist eine volle Rockdröhnung.

„I’ve Through“ (Vic Chesnutt) ist einfach nur schön. Das Album endet, wie es begann, mit R.E.M., nämlich mit „Driver 8“. So macht ein Coveralbum wirklich Spaß, und da der Erlös dem guten Zweck zugutekommt, macht man mit dem Kauf auf jeden Fall nichts falsch. (76)

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