
Nada Surf – Lucky (2008)
Nada Surf machen sanften amerikanischen Indie- und Alternative-Rock. Der erste Song der CD „See These Bones“ ist mitnehmend, atmosphärisch und auf sanfte Art und rockig. Mit dem Song sollte man eigentlich ein größeres Publikum erreichen. „Whose Authority“ erinnert mich an den lockeren Rock von Teenage Fanclub, gefällig, aber auch etwas langweilig – weil es von solchen Songs einfach viel zu viele gibt. Zu hart wollen Nada Surf wirklich nicht rocken, aber der sanfte Rock von „Beautiful Beat“ macht ziemlichen Spaß. Sie erinnern auch an Calexico. Schon mit den ersten drei Songs haben Nada Surf meine Erwartungen an sie überrascht. Ich dachte, wohl wegen falsch zugeordneter Beschreibungen, dass Nada Surf etwas mehr nach 90er-Jahre-Alternativrock mit Grunge- und Crossover-Einschlag klingen würden, dem ist ja überhaupt nicht so.
Singer/Songwriter-Material können sie auch, und da da klingen sie nicht anders als die kalifornischen Bands der 70er: „Here Goes Something“. „Weightless“ ist auch schön zeitlos gerockt. Es sind dann auch eher die sanften Töne, aus denen „Are You Lightning“ besteht. Ein wenig schwungvoller: „I Like What You Say“.
So ein wenig hört sich nach und nach aber ein Song dann doch leider wie der andere an, so ist „From On Now“ ein passabler Einzelsong – beim Durchhören langweilt er aber. Da hat, trotz gleichbleibenden Tempos (sanfter Rock), der Song „Ice on the Wing“ etwas mehr Power und macht nochmal Spaß. Dann doch mal etwas wuchtiger: „The Fox“. Ganz, ganz sanft ist das abschließende „The Film Did Not Go 'Round“.
Wer seinen Sunshine-Rock amerikanisch und etwas softer mag, wird von Nada Surf gut unterhalten. Wer es gerne etwas härter mag, sollte andere Alternativen vorziehen. (410)

Nap Eyes – Snapshot of a Beginner (2020)
Indie-Rock aus Kanada – recht bodenständig, einfach nett, sanft, unaufdringlich, zeitlos und sogar eingängig – mag ich sehr: „So Tired“. Ich mag ihn richtig gern – die Musik ist angenehm, gut gespielt und besticht durch diese gelassene Unaufgeregtheit, ohne dabei simpel zu wirken. Das macht Spaß. Dabei fällt mir der treffende Plattentitel „Simple doesn’t mean easy“ ein – genau so ist es bei „Primordial Soup“. Und einfach nur gut ist „Even though I can’t read your mind“ – wirklich hervorragender Singer-Songwriter-Rock. Eine richtig gute Entdeckung. Von Song zu Song wird es noch besser, etwa bei „Mark Zuckerberg“. Auch „Mysterie Calling“ bleibt sanft und ruhig, einfach gut.
Die Band zu beschreiben, fällt mir schwer, obwohl mir die Musik sehr vertraut ist. Was sie machen, umfasst alles, was ich an Musik mag: starke Songwriter-Elemente, die zugleich als sanfter Rock sehr gut funktionieren. Die Stimme von Nigel Chapman passt hervorragend dazu – leicht rau, dabei gefühlvoll, ohne zu übertreiben. Der Rock ist eher sanft, aber in wirklich tolle Melodien gehüllt, die niemals langweilig werden. So ist „Fool Thinking Ways“ auch wieder sehr schön gelungen, ohne zu lieblich zu sein – alles ist genau richtig. Ich bin verliebt.
Doch es wird auch mal richtig gerockt, zum Beispiel bei „If you were in Prison“. Der Song „Real Thoughts“ ist etwas länger und erinnert leicht an Folk und Psychedelic Rock. Ich glaube, an den Stil von The Go-Betweens und Robert Forster erinnert es, aber mit noch mehr Leichtigkeit und Finesse gespielt.
Ich könnte auch sagen, dass, wenn die vor kurzem von mir gehörte CD der Crash Test Dummies nicht so glatt poliert produziert wäre, Nap Eyes ähnlich klingen würden – aber eben viel besser. Hört euch dazu nur „Dark Link“ an. Gleiches gilt für „When I struck out on my own“. Auch der etwas temporeichere Abschlusssong „Though I wish I could“ ist großartig. Eine tolle Platte, eine großartige Band.(518)
Neu! - Neu! (1972)
Sowohl für die elektronische Musik als auch für den Krautrock ist dieses Album sicherlich ein früher Meilenstein. Das liegt vor allem am ersten Stück „Hallogallo“, das viele Merkmale elektronischer Musik und instrumentaler Rockmusik vereint. Das gleichmäßige Gitarrenspiel wirkt wie ein Sequenzer, und die darüber gelegten, nach Synthesizer klangenden Sounds schmiegen sich an die Musik und verleihen dem Song seinen sehr elektronischen Klang. Gleichzeitig sorgt die Gitarre für einen spürbaren Drive, der mitreißt. Mich nimmt „Hallogallo“ immer mit.
„Neu!“ bestand vor allem aus Klaus Dinger und Michael Rother, die gerade von Kraftwerk gekommen waren und gemeinsam schnell neue Musik aufnahmen. Die Aufnahmen des ersten „Neu!“-Albums fanden an vier Tagen in einem Hamburger Studio statt und wurden von Conny Plank produziert.
Für den elektronischen Klang der Stücke auf dem Album sind wahrscheinlich auch rückwärts abgespielte Tonspuren und der Einsatz eines sogenannten „Echoplex“ verantwortlich.
Laut Wikipedia wurden keine Synthesizer verwendet, sondern Gitarren, Bass und ein Instrument namens „Taishogoto“ (ein japanisches Banjo). Dieses Instrument brachte Dinger mit ins Studio und leitete die produktive Phase der Aufnahme ein. Elektronische Musik ist das Album natürlich auch deshalb, weil bei den E-Gitarren und dem E-Bass verstärkte und verfremdete Gitarrentöne gespielt wurden, die zu hören sind – schließlich stammt nicht alles elektronische Klangmaterial zwangsläufig von Tasteninstrumenten oder frühen Computern. Gerade bei Michael Rother und Manuel Göttsching sind diese Instrumente typisch für ihre häufig als „elektronisch“ bezeichneten Musikformen.
„Sonderangebot“ ist ein recht experimentelles kurzes Zwischenspiel. Das längere „Weissensee“ bleibt zu Beginn ebenfalls experimentell, entwickelt sich dann aber zu einer gemächlichen instrumentalen Rocknummer, die an Pink Floyd erinnert.
Seite zwei beginnt mit „Im Glück“, das sehr ruhig ist und auch als Ambient-Musik bezeichnet werden könnte.
Erst mit „Negativland“ erhält das Album einen zweiten Schub. Auch dieses Stück startet experimentell, doch bald setzt ein ruhiger Rockrhythmus ein, der wie bei „Hallogallo“ mit Effekten versehen ist. Es ist vor allem dieser Rockrhythmus, der trotz seiner Gleichmäßigkeit so fesselnd wirkt, dass man ihn über die Länge des Songs gerne akzeptiert. In der Mitte kommt der Song fast zum Erliegen, gewinnt dann aber wieder an Fahrt, und kurz vor Ende wird das Tempo noch einmal erhöht. Der Sound erinnert bei diesem Stück jedoch eher an die Krautrock-Kollegen von Can als an frühe elektronische Musik.
Abschließend gibt es mit „Lieber Honig“ eine Art Einschlaflied mit eher schrägem Gesang von Klaus Dinger; am Ende entwickelt sich der Song zu einer Geräuschsammlung.
Fazit: Natürlich ist der Sound von „Hallogallo“ und „Negativland“ ungebrochen aktuell, sodass man das Album durchaus als visionär betrachten kann. Klaus Dinger und Michael Rother haben sich damit einen festen Platz in den Chroniken des Krautrock und der elektronischen Musik gesichert. Um jedoch als Meisterwerk zu überzeugen, reicht der Rest des Albums aus meiner Sicht nicht ganz aus. 667


The Neville Brothers – Yellow Moon (1989)
Wer sich zwischen 1986 und 1992 für die Platte-des-Monats in verschiedenen Musikzeitschriften interessierte, kam an den von Daniel Lanois produzierten Alben kaum vorbei. Lanois hatte zuvor mit Brian Eno, Peter Gabriel und U2 zusammengearbeitet und auch Bob Dylan sowie das Solo-Debüt von Robbie Robertson produziert. So kaufte man sich auch das Album „Yellow Moon“ der Neville Brothers, die zwei Jahre zuvor ein erfolgreiches Comeback gestartet hatten und deren Erfolg sich mit diesem Album fortsetzen sollte.
Der bekannteste der Neville Brothers ist Aaron Neville, der in den 1960er Jahren mit dem Song „Tell Me Like It Is“ einen großen Hit landete, den wirklich fast jeder irgendwann einmal gehört hat. Insgesamt besteht die Gruppe aus vier Brüdern: Aaron, Cyril, Charles und Ivan Neville. Auf dem Album werden sie an der Gitarre von Brian Stolz, am Bass von Tony Hall und an den Drums von Willie Green unterstützt. Zudem wirkten die Produzenten Daniel Lanois und Brian Eno bei den Aufnahmen auch als Musiker mit, und die Dirty Dozen Brass Band trug ebenfalls zur Entstehung der Platte bei.
Die Songs sind sowohl Eigenkompositionen als auch Werke von Bob Dylan, Sam Cooke und A. P. Carter. Das Stück „Healing Chant“ wurde zudem als bester instrumentaler Song mit einem Grammy Award ausgezeichnet.
Das Album beginnt mit dem von Percussion, Bass und Gesang getragenen Song „My Blood“. Hier verschmelzen Soulgesang, Singer/Songwriter-Musik und einzelne afrikanische Klänge. Ein sehr gelungener Einstieg, der den Hörer sofort auf sanfte, unaufdringliche Art mitnimmt. Der Titelsong „Yellow Moon“ überzeugt durch seine funkige und soulige Atmosphäre.
Der Song „Fire and Brimstone“ wurde vom verstorbenen Gitarristen Link Wray geschrieben, der mit „Rumble“ einst einen Top-20-Hit in den US-Charts hatte. Bei den Neville Brothers klingt das Stück nach einer Nummer von Ry Cooder, was den Südstaaten-Bezug des Produzenten und den Aufnahmeort New Orleans erkennen lässt.
Der Soul-Klassiker „A Change Is Gonna Come“ wird samtweich und mit viel Seele interpretiert. „Sister Rosa“ bringt mit seinem wuchtigen Sound und Rap-Gesang eine abwechslungsreiche Note und funktioniert sehr gut. Etwas zu lang und pathetisch wirkt der Dylan-Song „With God on Our Side“. Zum Glück schließt „Wake Up“ wieder nahtlos an die Kraft von „Sister Rosa“ an und macht einfach Spaß.
„Voo Doo“ ist jazzig und lädt auf soulige Weise zum Mitswingen ein. Der Gesang ist, solange er nicht zu sanft und gottesfürchtig eingesetzt wird, wirklich gut. In späteren Jahren konnte sich Aaron Neville auch erfolgreich im Country-Genre behaupten – ein Beweis für seine Vielseitigkeit, auch wenn seine Stimme manchen mitunter zu schwülstig erscheint.
Passend zum Thema Country folgt mit „The Ballad of Hollis Brown“ ein zweiter Bob Dylan-Song, der mit seinem schönen Roots-Groove viel überzeugender ist als der göttlich anmutende „With God on Our Side“.
„Will the Circle Be Unbroken“ ist ein bekannter und sicher netter Song, der aber leider sehr nahe am Kitsch bleibt und mit etwas zu viel Pathos produziert wurde.
Hat „Healing Chant“ den Grammy Award verdient? Die Antwort lautet ja – es handelt sich um eine starke Jazzrock-Nummer.
Der letzte Song, „Wild Injuns“, zelebriert den Funk noch einmal richtig, wirkt jedoch insgesamt etwas zu simpel, ist aber gut gespielt.
Das gilt für das Album insgesamt nicht. Zusammenfassend könnte man sagen, dass drei Songs etwas überflüssig sind, der Rest aber sehr gelungen ist. Von Daniel Lanois produzierte Platten stehen für hohe Qualität, doch selbstverständlich wäre ein Produzent ohne die Fähigkeiten der Künstler nichts. (247)

The New Age Stepper – The New Age Steppers (1981)
The New Age Steppers waren ein Dub-/Reggae-Projekt rund um den Produzenten Adrian Sherwood. Dub-Reggae gehört zwar nicht zu meinen bevorzugten Musikrichtungen, doch um die Entwicklung der elektronischen Clubmusik und Genres wie Trip-Hop besser zu verstehen, ist dieses Genre keineswegs unbedeutend, sondern sogar von großer Bedeutung. Die Dub-Szene ist zudem eng mit der DJ-Kultur verbunden.
Der erste Song „Fade Away“ bietet entspannten Reggae mit Dub-Effekten, ist aber etwas düsterer als bei reinen Reggae-Acts üblich. Dabei spielt der Einfluss von Post-Punk-Musikern eine entscheidende Rolle, die Adrian Sherwood bei der Produktion des Albums unterstützt haben. Dies wird bei „Radial Drill“ noch deutlicher hörbar, was das Album für mich besonders interessant macht – es klingt fast wie „Public Image Ltd“ in instrumental.
Bei „State Assembly“ gefällt mir sehr, wie sich der Reggae langsam entfaltet und der Song sich mit seinen Sounds weiterentwickelt. So gefällt mir Dub-Reggae wirklich gut. Fast experimentell ist „Crazy Dreams and High Ideals“ gehalten.
Und es wird noch besser: „Abderhamane’s Demise“ besticht rhythmisch durch feine und außergewöhnliche Klänge. Für das Jahr 1981 sind das großartige Sounds, die den Hörer begeistern. Ein kleiner Diamant.
Die hohe Qualität bleibt durchgehend erhalten, was ich vorher nicht erwartet hatte. Die Musiker heben sich damit deutlich aus dem Dub-Reggae-Feld ab und lassen sich eher als Dub-Post-Punk beschreiben. Wer Post-Punk mag, sollte unbedingt mal „Animal Spase“ hören.
Nach dem ersten Stück dachte ich, es würde ein ganzes Album voller solider Dub-Reggae-Songs werden – doch es ist viel mehr als das. Eine wahre Wundertüte. Was Schlagwerk- und Rhythmusgeräte betrifft, ist das wirklich ein herausragendes Album.
Im Verlauf wechselt es dann wieder zum fast normalen Dub-Reggae. Das Album brauchte wohl auch Single-Material, und als solches funktioniert „Love Forever“ sicher gut.
Das Originalalbum endet mit „Private Army“, einem echten Highlight. Es ist einfach anders und bringt frischen Wind in den Post-Punk, den ich zurzeit sehr schätze. Gleichzeitig zeigt es der elektronischen Musik und dem Indie-Rock, welche Grenzen in Zukunft noch zu sprengen sind. Ganz großes Kino.
Die Bonus-Tracks bieten ebenfalls keinerlei Langeweile, vor allem „Izalize“ überzeugt dank seines hervorragenden Mixes. Das hätte ich bei Dub-Reggae wirklich nicht erwartet, denn ich dachte, ich müsste zwischendurch eine Pause einlegen, um nicht zu viele ähnliche Songs hintereinander zu hören – aber weit gefehlt. Eine sehr gute Entdeckung, wobei „Izalize“ bereits leichte Jazz-Elemente aufweist.
Man erkennt außerdem, wie viel im Bereich Mixing und Produktion mit Effekten möglich war. Das ist sicher ein Qualitätsmerkmal des Albums – es klingt überhaupt nicht veraltet, kaum nach den 80er-Jahren, sondern frisch und innovativ. Ein gutes Beispiel ist „May I Version“. Bei den Bonusstücken weiß ich allerdings nicht genau, wie sie für die Neuauflage aufgearbeitet wurden – aber egal, wenn es so oder so gut klingt.
Weniger ernst gemeint ist das Bonusstück „Avante Gadening“. Mit „Singlove“ wird das Grundthema von „Love Forever“ erneut aufgegriffen, diesmal mit männlichem Gesang.
Ein furioses Album und eine äußerst positive Überraschung. (552)

New Build – Pour it on (2014)
Mitglieder der Indie-Electronik-Synth-Pop-Band „Hot Chip“ gründeten das Nebenprojekt New Build. „Pour it on“ ist die zweite und bisher letzte Veröffentlichung dieses Projekts.
„The Sunlight“ ist ein schöner, sanfter Synth-Pop-Electronica-Song, der mich sofort an das Album „Morning Phase“ von Beck erinnert. In den letzten zwei Minuten nimmt das Stück noch etwas an Fahrt auf und lädt zum Mittanzen ein. Mehr im Club-Dance-Stil sind dann die Beats bei „Look in Vain“. Den Einsatz alter Synthesizerklänge, die stark an die 80er Jahre erinnern, finde ich sehr gelungen. Der Song wirkt insgesamt so, als sei ein 80er-Jahre-Synth-Pop-Stück in den 2010er Jahren neu aufgenommen worden. Großartig – ein wirklich toller Song. Die Verbindung aus Retro-Sounds und modernen elektronischen Stilelementen gelingt auch gut beim Stück „Strange Network“. Wer mit 80er-Jahre-Synth-Pop, New Wave und Post Punk etwas anfangen kann, dürfte die Platte jetzt schon mögen.
Etwas mehr im Disco-Stil präsentiert sich „Luminous Freedom“. Synth-Pop gibt es bei „Weightless“. Beim guten Synth-Pop bleiben New Build auch mit „White Sea“ konsequent, was besonders Spaß macht, da der Song auch im entspannten, langsameren Tempo sehr gut funktioniert. Besonders gelungen finde ich das folgende Lied „Different Kind“, das durch den Gesang und die Kombination mit der treibenden Melodie eine starke Spannung aufbaut und episch wirkt. Hier kommt vieles gut Gemachtes zusammen – ebenfalls eine großartige Nummer.
„Witness“ ist ruhiger und dürfte vor allem Fans von Depeche Mode ansprechen. Zum Schluss steht das Titelstück „Pour it on“, ein atmosphärischer und kraftvoller Synth-Pop-Song.
New Build beweisen, dass klassischer Synth-Pop auch heute noch sehr gut funktionieren kann. (431)

Randy Newman – Trouble in Paradise (1983)
Einige Songs von Randy Newman, selbst wenn sie von anderen Bands als Coverversionen gespielt werden, sind einfach unvergesslich: „Momma Told You Not to Come“, „You Can Leave Your Hat On“ und viele mehr. Lange Zeit war er einer von vielen, dessen Platten von Kollegen und Kritikern gefeiert wurden, der es aber nicht in die Charts schaffte. Doch zum Glück änderte sich das. Mit dem Album „Little Criminals“ schaffte er es 1977 erstmals in die Top Ten der Billboard 200.
Seine Songs sind manchmal einfache Singer/Songwriter-Stücke, die er nur selbst am Piano begleitet, dann wieder hochkomplexe Kompositionen, die in ein Musical oder auf eine Frank-Zappa-Platte passen würden. Sicherlich ist Randy Newman einer, bei dem die Texte der wichtigste Bestandteil eines Musikstücks sind. Dabei kann er zärtlich, bissig oder brüllend komisch sein, oder einfach die Zustände im Land, auf der Straße und im Haus beschreiben. Dafür erschafft er Alter Egos, bei denen man sich stets fragt, ob es sich bei dem Gesungenen um Randy Newmans eigene Meinung oder die seiner Charaktere handelt. Ein Songautor und Meister seines Fachs.
„Trouble in Paradise“ ist ein vielschichtiges Album. Manche Songs machen es dem Hörer besonders einfach, etwa „The Blues“, ein Duett mit Paul Simon. Andere Stücke drohen von bissiger Selbstironie dominiert zu werden, machen dadurch aber gerade auch viel Spaß, wie „I Love L.A.“ und „My Life Is Good“ eindrucksvoll zeigen.
In keinem amerikanischen Songbook darf der Name „Randy Newman“ fehlen. So einfach ist das. Seine Alben „Little Criminals“ und „Land of Dreams“ gehören für mich auf jeden Fall dazu. (146)
Randy Newman – Land of Dreams (1988)
Um Fan eines Musikers zu werden, braucht es manchmal nur zwei gute Lieder auf einer Platte. So war es auch bei diesem Album, wobei „Falling in Love“ und „Something Special“ nicht die einzigen gelungenen Songs auf „Land of Dreams“ sind. Da ich, wie bei vielen CDs, diese lange Zeit nicht mehr komplett gehört habe, bin ich gespannt, welche weiteren Stücke neben diesen beiden Lieblingsliedern sich erneut entdecken lassen.
Kindheitserinnerungen teilt Randy Newman in dem schönen Stück „Dixie Flyer“. Mit seinem schwungvollen Klavierspiel erinnert es auch an Bruce Hornsby und verbindet sein meisterhaftes Songwriting mit mitreißender Musik zu einem gelungenen Gesamtwerk.
Im Süden der USA bleibt das Album auch mit „New Orleans Wins the War“. Ein wunderbarer Singer-Songwriter-Song, der bei Randy Newman meist nach mehr klingt. Der Musiker, der sich nach diesem Album vor allem dem Komponieren von Filmsoundtracks widmete, hätte sicherlich auch ein großartiger Musicalautor sein können. Irgendwie sind die besten Lieder von Randy Newman immer großes Kino.
Mit kräftigem Sound bewegt sich „Four Eyes“ mehr in Richtung Art-Rock. Diese Vielfalt erinnert mich, und man kann wohl ohne Übertreibung von musikalischen Genies sprechen, an Frank Zappa. Während Zappa seine Kunst mit der Gitarre unterstreicht, arbeitet Newman mehr mit Worten. Beide zeichnen sich durch ihre Furchtlosigkeit aus. Auch an Kate Bush, ebenfalls ein Genie, erinnert „Four Eyes“. Es ist wirklich schön, diesen Song nach vielen Jahren wieder zu hören und neu zu schätzen.
Richtig lieben lernte ich Randy Newman vor allem durch die Lieder „Falling in Love“ – mit der Leichtigkeit eines guten Huey Lewis and the News-Songs – und „Something Special“ – einen tollen Lovesong. Bei „Falling in Love“ ist Jeff Lynnes Mitwirken gut herauszuhören. Viele der anderen Songs wurden von Mark Knopfler produziert, während „Something Special“ vom ebenfalls in der Filmmusikbranche tätigen James Newton Howard produziert wurde.
Ebenso großartig, aber wieder in einem ernsteren Modus, ist der Song „Bad News from Home“. Hier überträgt sich jeder Stimmungswechsel unmittelbar auf den Hörer.
Mit mehr Musicalcharme folgt „Roll with the Punches“. Man könnte es auch einfach Jazz nennen. Es wäre interessant, Randy Newman einmal zusammen mit Lyle Lovett spielen zu hören. Beide Musiker verbinden die Kunst, Musik zu etwas Besonderem zu machen und haben zudem Erfahrungen im Kino, Lovett sogar als Schauspieler.
Bei „Masterman und Baby J“ rappt Newman sogar. Das ist witzig, wirkt aber stellenweise ein wenig zu viel des Guten. Dennoch ist es einfach ein Spaß. Wie erwähnt, ist Newman furchtlos.
Danach folgt ein weiterer Art-Rock-Song im Zappa-Stil: „Red Bandana“. Dieser erinnert mich an die Zappa-Platte „Broadway the Hard Way“.
Eine schöne Ballade ist „Follow the Flag“. Danach kommt der Hit der Platte: „It’s Money That Matters“. Dieser Song funktioniert einfach immer und macht sehr viel Spaß. Die Gitarre von Mark Knopfler ist darin ebenfalls großartig und der Song klingt auch wie ein guter John Hiatt-Titel.
Das traurige, schöne Liebeslied am Ende heißt „I Want You to Hurt Like I Do“.
Insgesamt ist „Land of Dreams“ ein außergewöhnlich gutes Album, weil Randy Newman eben auch ein Ausnahmekünstler und etwas ganz Besonderes ist. Punkt.(657)


New Model Army – Thunder and Consolation (1989)
Zum Song „Vagabonds“ bin ich in meiner aktiven Discozeit immer gerne auf die Tanzfläche gegangen. Ein weiterer Track, den ich von der CD früher öfter gehört habe, war der etwas melancholische „Green and Grey“. An den Rest der CD kann ich mich kaum erinnern, daher lohnt sich ein Wiederhören nach langer Zeit wirklich.
„I Love the World“ ist eine Punk-Rock-Nummer mit etwas düsterem Post-Punk-Anteil, die mich allerdings nicht umhaut. Sie wirkt mir zu ungestüm. Mit Akustikgitarre beginnt „Stupid Questions“, und dieser Punk, der auch ein wenig an den Protest-Rock von Billy Bragg erinnert, gefällt mir gleich viel besser. Zwar ebenfalls Punk-Rock, aber diesmal gelungen: „225“. Bei „Inheritance“ hat erst das Schlagzeug die Oberhand, dann kommt ein Fast-Sprechgesang hinzu. Eine ganz tolle Nummer, die mir eigentlich schon früher hätte auffallen müssen. Das fast schon folkige „Green and Grey“ mochte ich auch immer. Ein schöner Song.
„Ballad of Bodmin Pill“ zieht nach einem kurzen ruhigen Part schnell im Tempo an. Den Punk-Rock mit einigen Akustikinstrumenten zu lockern, tut der Musik wirklich gut. Große Rocksongs sind „Family“ und die Ballade „Family Live“, die mit Violine zum verdienten Majorerfolg „Vagabonds“ führt. „125 MpH“ war auf der Originalplatte nicht dabei, ebenso vier weitere Songs auf der CD. Ein schneller Rocksong.
Wieder etwas düsterer ist der Song „Archway Towers“ gehalten. Ein Folk-Punk-Song ist „The Charge“. „Chinese Whispers“ ist dann doch noch ein Stück, das mich mit seiner „spaßigen Art“ nicht erreicht. Noch eine düster ruhige Ballade ist „Nothing Touches“. Am Ende gibt es mit „White Coats“ noch eine Post-Punk-Nummer.
Das Wiederhören nach so langer Zeit hat sich wirklich gelohnt. Ein gutes Album. (262)

New Music – Anywhere (1981)
Das zweite Album der Band um Frontmann Tony Mansfield präsentiert guten Synthpop, der heute problemlos als Indiepop durchgehen würde. Sehr elektronisch und fast wie ein YMO-Song klingt „They All Run After the Carving Knife“ an. Nach dem Intro entwickelt sich der Titel jedoch zu einem typischen New-Music-Song. Was ich an New Music besonders schätze, ist die unverwechselbare Pop-Note. Ein New-Music-Stück erkennt man an seinem Gesang und der elektronischen, aber leicht poppigen Grundstimmung. Zudem sind die Stücke für Popmusik recht anspruchsvoll und heben sich deutlich vom einfachen Pop-Einerlei ihrer Zeit ab.
„Areas“ ist ein geradezu zeitloses, ruhiges Indiepop-Stück, und auch „Churches“ funktioniert heute noch hervorragend. Es könnte genauso gut von einer aktuellen Band auf einem Festival live gespielt werden. Diesen Song fand ich schon immer richtig gut. Wirklich nur gute Songs. Auch „This Word of Walter“ mit Beatles-Einschlag ist einfach schön. Für mich ist die Platte, wie andere Werke der Band, eine absolute Zeitreise in die frühen 80er Jahre. Diese waren musikalisch viel besser, als man oft annimmt, und die Musik dieser Zeit hört man noch deutlich bei vielen aktuellen Bands und Künstlern heraus – unabhängig davon, ob sie damit aufgewachsen sind oder sie erst viel später entdeckt haben. Es ist großartig, dass heute auch Musiker Anfang 20 wieder neue Musik für die Genres Grunge und Post-Punk schaffen.
Deshalb gilt für mich nicht der Spruch „Die klingen ja wie die und die, sind deshalb total langweilig und machen nur nach, was andere bereits getan haben.“ Nein, diese neuen Bands führen fort, was andere begonnen haben – und das ist verdammt gut so.
„Luxury“ ist eine schöne Popnummer. Zwar ist sie typisch 80er-Synthpop, klingt aber immer noch frisch und mitreißend. Ganz besonders gefällt auch „While You Wait“, eine tolle Synthpop-Nummer, die sich mit wirklich guten Stücken von Heaven 17 und Human League messen kann. Dabei sind New Music viel leichter und heller als der manchmal schwermütige Sound anderer Synthpop-Bands ihrer Zeit.
Ich bin wirklich sehr zufrieden mit der Musik dieser Platte und bekomme bei Songs wie „Changing Minds“ kaum ein Lächeln aus dem Gesicht. Die Band und das Album sind leider wirklich sehr unterschätzt. Es ist gut, dass ich mir die Neuauflage zugelegt habe, denn die alte LP hat einige Gebrauchsspuren, die bei einem großartigen Stück wie „Changing Minds“ wirklich nicht sein müssen. Aber nach über 40 Jahren ständiger Nutzung darf die Platte auch ruhig so klingen.
„Peace“ ist eine anspruchsvollere Popnummer. Großartig leichtfüßig präsentiert sich der Elektropop in „Design“. Richtig gute Musik findet sich auch in „Traps“. Ein guter Song folgt dem nächsten, etwa „Division“. Den Abschluss bildet „Back to Room One“. Davor gibt es ein kurzes, unbenanntes Zwischenspiel. „Back to Room One“ reiht sich ein in eine Reihe wunderschöner Indiepop-Perlen. Eine ganz großartige Platte, die ab jetzt sicherlich wieder viel öfter gehört wird und eine absolute Empfehlung für alle ist, die sie noch nicht kennen. (350)

New Order – Power, Coruption & Lies (1983)
Mit diesem Album gewinnen die Synthesizer-Klänge im Vergleich zum Debütalbum noch mehr Raum in der Musik von New Order. Das Album beginnt mit einer geradezu schön fröhlichen Indie-Rock-Pop-Nummer: „Age of Consent“ – eine wirklich großartige Komposition. Den Bass von Peter Hook schätze ich besonders bei der Musik von New Order. Daher fallen mir seine späteren, stärker poporientierten Alben ohne ihn auch etwas schwerer. Der Bass ist auch sehr präsent bei „We All Stand“. Der Song ist typischer Post-Punk, zugleich aber sehr raffiniert gespielt und produziert. Die poppigen Indie-Rock-Nummern sind auf dem Album einfach großartig. Auch „The Village“ ist wirklich überzeugend.
„5 8 6“ bietet eine Mischung aus Synth-Pop und Post-Punk. Der Song klingt eingangs mit seinem Intro wie frühe Stücke von „Human League“, entwickelt sich dann aber zu einer Disco-Pop-Nummer, die stark an „Blue Monday“ erinnert („Blue Monday“ ist ja eigentlich ebenfalls Teil der Platte, wurde jedoch extra veröffentlicht und steht nicht auf dem Album). Es ist eigentlich schade, dass die Band sich in ihrer späteren Musik vermehrt für Disco-Pop-Nummern entschieden hat und nicht bei ihren großartigen Indie-Pop-Rock-Nummern geblieben ist.
„Your Silent Face“ erinnert an „Orchestral Manoeuvres in the Dark“ und ist eine schöne, ruhige Indie-Synth-Pop-Nummer. Mit „Ultraviolence“ können wir zudem Kraftwerk als elektronischen Einfluss auf den Synth-Sound der Band hinzuziehen. Dieser Song bewegt sich zwischen Post-Punk, Indie und Electronic Body Music. Depeche Mode haben ihn sicher stundenlang gehört und für sich das Beste daraus gezogen.
Bei diesem Album stimmt einfach das Zusammenspiel von Indie-Post-Punk und Synth-Pop, das sich in den Songs sehr schön die Waage hält. Das hört man besonders gut bei dem bereits sehr poppigen „Ecstasy“, das als Indie-Disco-Nummer hervorragend funktioniert. Noch einmal perfekter Indie-Pop zeigt sich am Ende mit „Leave Me Alone“. Ein brillantes Album! (225)

New Order - Low-Life (1985)
Das dritte Album der Band enthält noch Songs wie „Love Vigilantes“, mit denen sie sehr schönen Indie machen. Ab der Compilation „Substance“ (wir kennen dies als Tanzmusik-Sammlung) entwickeln sie sich mit Songs wie „True Faith“ meist eher zur Eurodance-Electro-Pop-Band. Dennoch wird vereinzelt auch in den späteren Alben der alte Indie-Charme bewahrt. Allerdings kann man sagen, dass das Kapitel „Von Joy Division zur Indiegröße“ damit abgeschlossen ist.
Songs wie „Love Vigilantes“ machen aber nach wie vor richtig viel Spaß. „Perfect Kiss“ ist in jeder Fassung mein absolutes New Order-Lieblingslied.
Das alte, secondhand erworbene Vinyl schreit gerade bei diesen Songs danach, gegen eine Neuauflage ausgetauscht zu werden. Trotzdem ist das ein großartiges Werk, das ich immer wieder gerne höre. Ich besitze auch die Maxisingle in alter und neuer Pressung.
Bei Songs wie „This Time of Night“ ist die Kombination aus Synthesizermusik und Indiesound noch sehr harmonisch und gut gelungen. Der Song klingt nicht fröhlich oder wie Partymusik, sondern einfach richtig gut.
„Sunrise“ ist noch einmal eine große Indierock-Nummer.
Die zweite Seite beginnt sehr leise. Doch die Lautstärke des Stücks „Elegia“ steigert sich nach und nach – der Song strahlt etwas Sakrales aus. Bei „Sooner than You Think“ hört man schon zu Beginn Elemente von „Blue Monday“. Dennoch ist auch dieser Song eine schöne Indie-Pop-Nummer mit einer gewissen Euphorie. Bei „Sub-Culture“ wird dann (leider) deutlich, wohin die Reise künftig gehen wird – willkommen im Eurodance-Zeitalter.
Warum aber als Indie-Star bleiben, wenn man die Welt erobern kann? Die Euphorie ist bei „Face Up“ noch größer zu spüren. Dabei hört man auch, dass Sänger Bernard Sumner nie ein richtig guter Sänger geworden ist. Doch man merkt, dass er beim Singen des Refrains sehr viel Spaß hat – man hört die Leidenschaft, und das ist mehr wert, als den richtigen Ton zu treffen. (354)

New Order – Substance 1987 (1987/2023 – 4 Disc-Edition)
Ehrlich gesagt interessiert mich am meisten die Live-CD, die jedoch Disc Nummer Vier ist. Deshalb werde ich zuerst die Originalsongs, Instrumentalfassungen, Dubs und Remixe hören. Einige Songs werde ich danach vermutlich jahrelang nicht mehr hören können, weil sie in bis zu vier unterschiedlichen Fassungen enthalten sind. Vielleicht ist das Jammern auf hohem Niveau, aber ich bin selbst schuld – ich hätte mich auch mit der alten Ausgabe zufrieden geben können. Immer diese unnötigen Käufe von Platten, die man schon lange hat, nur weil sie vielleicht besser klingen. Ich bin allerdings kein großer Audiophiler, dafür habe ich wohl zu viel laute Musik gehört und mein Gehör ist schon teilweise beschädigt. Mir geht es vor allem um gute Songs, nicht nur um guten Sound. Genug der Vorrede – auf zu Disc Nummer Eins.
Die erste Disc:
„Ceremony“ war die erste Single von New Order und erschien 1981. Es ist noch ein wirklich schöner Indie-Rock-Song, der zeigt, dass es bei New Order weniger düster zugeht als bei der Vorgängergruppe Joy Division. „Everything’s Gone Green“ war Single Nummer drei und erschien Ende 1981. Bei diesem Song hört man bereits die Tendenz zum Dancefloor-Indie. Das Problem ist, dass sich dieser Song von den Synthesizern her schon deutlich nach „Blue Monday“ anhört – und das gilt nicht nur für diesen Titel. Dieser Euro-Dance-Sound wird mir recht schnell langweilig. Ich liebe „Blue Monday“ in der Originalfassung, aber ich muss nicht jeden Song mögen, der irgendwie danach klingt – das ist einfach zu eintönig.
Zum Glück kommt dann „Temptation“. Der Song ist einfach zu fröhlich und nett und macht als Indie-Pop richtig viel Spaß. Die Single erschien 1982. „Blue Monday“ ist wohl die erfolgreichste Maxi aller Zeiten. Geld verdienen ließ sich damit allerdings nicht, da die Plattenhülle zu aufwendig gestaltet und dadurch die Herstellung sehr teuer war. Der Song ist ein Klassiker für die Ewigkeit – vielleicht der Indie-Dance-Song der 80er.
„Confusion“ wurde von Arthur Baker gemeinsam mit der Band in New York produziert. Baker war ein sehr guter Produzent. Zwar klingt der Song sehr nach den 80ern, aber er hat eine spannende Dynamik, die mitreißt. Er erschien 1983. „Thieves Like Us“ (1984) – eine weitere Co-Produktion mit Arthur Baker – ist ebenfalls ein sehr gelungener Song, vermutlich weil Indie-Gitarrenelemente vorkommen und der Titel nicht so sehr vom Dancefloor geprägt ist wie die vorherigen Stücke.
Danach folgt eines meiner absoluten Lieblingsstücke der Band, zu dem es auch ein tolles Musikvideo gibt. Man sieht darin einfach, wie die Band den Song spielt, und es wirkt sehr authentisch und live aufgenommen. Ob das tatsächlich so war, weiß ich nicht, aber auf jeden Fall ist „The Perfect Kiss“ meiner Meinung nach einer der besten Songs aller Zeiten. Die Mischung aus elektronischen Klängen und den Zutaten eines richtig guten Indie-Rocksongs stimmt hier einfach perfekt.
„Sub-Culture“ im Remix von John Robie ist der Euro-Dance, den ich leider nicht gut ertrage. Er klingt eher wie ein Pet-Shop-Boys-Song als wie New Order. Es gibt ja auch Verbindungen zwischen den Bands: Electronic. Nein, das ist nichts für mich.
„Shellshock (Substance Remix)“ funktioniert dagegen viel besser, weil er wieder sehr gut produziert ist und einfach passt. „State of the Nation“ klingt hingegen wie einer der langweiligen Songs der Supergroup Electronic. Alle Zutaten von New Order sind vorhanden, aber die Stücke sind langweilig zusammengewürfelt. Diese Mischung aus Indie- und Dancefloor-Elementen funktioniert eben nicht immer, und wenn man die Songs zu oft hört, wird es einfach langweilig. Noch schlimmer als „State of the Nation“ ist der Shep Pettibone-Mix von „Bizarre Love Triangle“. Die 80er waren manchmal wirklich furchtbar.
Bei „True Faith“ muss ich einfach sagen, dass ich den Song über habe. Ich kann nichts Neues mehr daran entdecken. Das geht mir ähnlich wie bei „Just Can’t Get Enough“ von Depeche Mode. Schön, sie eine Zeit lang gehört zu haben, aber jetzt brauche ich sie nicht mehr. (263)
New Order – Technique (1989)
Der Weg, der mit „Substance“ eingeschlagen wurde, setzt sich auf „Technique“ fort. New Order setzen weiterhin auf den damals angesagten Clubsound, den man als „Eurodance“ bezeichnet. New Order rules the „House“. Trotzdem bleiben sie so up to date und lassen ab und zu – wie zum Beispiel bei „Fine Time“ – erst ganz am Ende einen Indie-Rock-Bass erklingen.
Gleichzeitig bedienen New Order ihre alten Fans mit Indie-Rock-Perlen wie „All the Way“. Das passt zwar zeitlich, aber spricht ein anderes Publikum an. Hier versuchen New Order einen echten Spagat zwischen Clubsound und Indie. „Love Less“ zählt ebenfalls zu den gelungeneren Indie-Songs, die ich persönlich viel lieber mag als viele der Clubsongs.
Gerade wenn man sich an den schönen Post-Punk-Bass von Peter Hook erinnert, der auch immer an The Cure erinnert, folgt wieder etwas für die Elektro-Dance-Fraktion: „Round & Round“. Bemerkenswert ist, dass Bernard Sumner mit seinem Gesang den Song auf dem typischen New-Order-Niveau hält, und von Zeit zu Zeit begeistert mich auch der Sound.
Eine Indie-Nummer, die nicht ganz überzeugen will, ist „Guilty Partner“. Dabei merke ich, dass das Album doch nicht so stark von „House“- und „Eurodance“-Beats geprägt ist, wie ich es in Erinnerung hatte. Der Indiesound nimmt auf dem Album fast sogar die Oberhand ein. Außerdem wird deutlich, dass ich das Album wohl selten gehört habe.
Wieder in einem angenehm netten Indie-Sound gehüllt, sehr süß: „Run“. Eine sehr schöne Nummer.
Mit „Mr. Disco“ geht es zurück auf die Tanzfläche. Wie bei vielen Songs von „Substance“ hört man bei solchen Stücken das Alter der Platte. Zwar waren Sounds und Effekte bei Erscheinen auf dem neuesten Stand, doch wirken sie heute sehr aus der Zeit gefallen. Leider altern solche Songs nicht gut. Ein „Blue Monday“ ist nach wie vor ein Klassiker, aber Songs wie „Mr. Disco“ oder „True Faith“ klingen einfach zu sehr nach den 80ern. Das macht den feinen Unterschied aus, und hier sind die Indie-Stücke des Albums deutlich besser gealtert.
Bei manchen Songs sind die Sounds besser gewählt, sodass „Vanishing Point“ als guter Mix aus Dance- und Indie-Song deutlich besser funktioniert. Sicherlich hat „Vanishing Point“ auch Modellcharakter für spätere Hybrid- oder Crossover-Songs der Genres Indie/Alternative und Clubsounds.
Zum Abschluss gibt es noch einen ordentlichen Pop/Rock-Song: „Dream Attack“.
So sind New Order auf „Technique“ eher Pop als zuvor. Das ist akzeptabel, begeistert mich aber nicht mehr so sehr wie die Platten vor „Substance“. Dennoch finden sich auf „Technique“ mehr schöne Indie-Rock-Stücke als gedacht, und kein Song des Albums fällt für mich komplett durch. (658)

New Riders of the Purple Sage – New Riders of the Purple Sage (1971)
Bei New Riders of the Purple Sage spielten Jerry Garcia (der die Band nach dieser Platte wieder verließ) und Phil Lesh von The Grateful Dead mit. Der Sound der Band unterscheidet sich daher nur wenig von dem dieser Band: Country-Hippie-Singer-Songwriter-Rock mit viel kalifornischem Lebensgefühl. Das reicht eigentlich aus, um die ersten Songs der Platte zu beschreiben. Ein Stück wie „Portland Woman“ ist reine Singer-Songwriter-Musik.
Nur ein Lied ist etwas länger, die meisten dauern drei bis vier Minuten. Alles ist harmonisch und fein musiziert. Bei „Henry“ tritt der Country-Charakter etwas deutlicher hervor. Das sanfte „Dirty Business“ gefällt mir besonders gut, weil der Song etwas ganz Eigenes hat – zudem ist es der einzig richtig lange Titel auf der Platte.
Bei den Country-Roots-Stücken sei „Glendale Train“ genannt. „Garden of Eden“ überzeugt mit seinem leichten Rock und nimmt den Hörer sehr gut mit. Wer klassischen Rock der 70er Jahre mag, wird diesen Song schätzen.
Feine Singer-Songwriter-Stücke sind „All I Ever Wanted“ und „Last Lonely Eagle“, das stark an Bob Dylan und The Band erinnert, jedoch viel sanfter und harmonischer im Gesang ist. Mit „Louisiana Lady“ klingt das Album mit einem Beat-Gefühl aus.
Kein Must-have-Album, aber eine schöne Ergänzung für alle, die sich für die Musik der amerikanischen Westküste interessieren. (642)

Nine Inch Nails – The Fragile (Halo 14) (1999)
Dies ist zwar die vierzehnte Veröffentlichung von Nine Inch Nails, doch wird sie erst als drittes Studioalbum gezählt. Neben Trent Reznor, der für alle Stücke verantwortlich ist, unterstützten ihn bei den Aufnahmen auch musikalische Gäste wie die Gitarristen Adrian Belew und Danny Lohner, Charlie Clouser, The Buddha Boys Choir und weitere. Das Album ist erneut ein Konzeptalbum und soll laut Reznor die Geschichte des Vorgänger-Albums „The Downward Spiral“ weiterführen. Es geht um das Gefühl, „gebrochen zu sein und zu glauben, einen Weg aus diesem Zustand gefunden zu haben – was jedoch auch ein Irrglaube sein könnte“.
Musikalisch verbindet das Album weiterhin Industrial Rock mit Elektronik, ergänzt durch Elemente aus Alternative Rock und Electronica.
Lange Zeit dachte ich, die Musik von „Nine Inch Nails“ sei nichts für mich. Im letzten Sommer jedoch las ich ein Interview mit Trent Reznor, in dem es um seine Arbeit für David Lynch ging, und hörte daraufhin intensiver seine Musik. Natürlich mag ich das von Johnny Cash genial gecoverte „Hurt“ sehr gerne, finde aber, dass die Originalversion von Nine Inch Nails im Gesangspart einfach zu leise produziert ist. Dies stört mich auch bei den ruhigeren Stücken dieses Albums durchweg und mindert für mich den Hörgenuss, weshalb ich zuvor keinen richtigen Zugang zur Musik von Nine Inch Nails fand, zumal mich Industrial Rock als Genre nicht besonders interessiert.
„Somewhat Damaged“ ist ein düsterer, elektronisch verstärkter und härterer Rocksong, mit dem der Hörer direkt attackiert und aggressiv angesprochen wird. Er erinnert mich ein wenig an das, was ich von The Prodigy in Erinnerung habe. Zu diesem Song hätte ich Mitte der 90er durchaus auf der Tanzfläche meine Haare gut durchgeschüttelt. Also hart, aber gut – auch wenn er mich heute nicht mehr ganz so mitreißt wie in meinen 20ern.
Der Song „The Day the World Went Away“ war die erste Single der Platte. Wenn sich Nine Inch Nails dem Sound einer Band wie Soundgarden annähern und sich eher im Alternative Rock bewegen, gefällt mir das deutlich besser. Doch auch hier wundert mich, warum der Gesang wieder eher leise produziert ist – ansonsten ist es eine gute Nummer.
Ein kurzes Zwischenspiel und sogar sanftes Piano bietet „The Frail“. „The Wretched“ klingt sehr hart und reißerisch, erinnert aber wirklich an den perfekten Soundtrack zu Filmen mit coolen Cyberpunk-Helden wie „Matrix“ oder lässigen, in Latex gekleideten Vampiren wie „Underworld“. Gerade „The Wretched“ weckt genau diese Erinnerungen an solche Genre-Filme. Es funktioniert aber auch als harter Rocksong sehr gut und ist ein richtiger Knaller.
„We’re in This Together“ scheint zunächst ebenfalls nur ein Industrial-Rock-Stück zu sein. Durch den Gesangspart und vor allem den Refrain wird daraus ein ziemlich mitreißender Rocksong. Da der Rock bei der Musik auf dem Album nicht zu kurz kommt, gefällt mir das Album bisher durchaus überraschend gut. Das hatte ich auch gehofft, nachdem ich im Sommer reingehört hatte und den Eindruck bekam, das könnte Musik für mich sein. Man merkt dem Album an, dass sich der Musiker mehr dabei gedacht hat, als nur mit Härte zu beeindrucken. Am Ende gibt es bei den Songs doch auch sehr sanfte Passagen zu hören.
Das Titelstück „The Fragile“ würde ich als melancholischen Rocksong richtig lieben. Doch immer wenn Trent Reznor befürchtet, zu kommerziell zu klingen, unterwandert er das durch den etwas leiser aufgenommenen Gesangspart. Da scheint wirklich Absicht dahinterzustecken. Dreht man den Verstärker lauter, explodiert der Song bei den lauten Passagen geradezu. Trotzdem ist der Song sehr mitreißend und gefällt mir sehr gut.
Sehr stark und beeindruckend ist „Just Like You Imagined“. Ich bin jetzt wohl richtig drin im Sound des Albums. Es ist ein unglaublich starker instrumentaler Rocksong und der ultimative Soundtrack fürs Kopfkino.
Düsterer Rocksong mit stärkerem elektronischem Anteil ist „Even Deeper“. „Pilgrimage“ beginnt als Crossover-Mix, der Industrial-Sound mit einer orientalisch klingenden Melodie verbindet, um dann fast in ein reines Industrial-Rock-Stück überzugehen.
Es ist natürlich für jedes Album schwer, den Erwartungen über die gesamte Lauflänge gerecht zu werden, besonders wenn am Anfang schon mehrere Songs sehr gut sind. So schleicht sich bei den zuletzt gehörten Songs und dem härteren Rocksongs „No, You Don’t“ bereits eine leichte Langeweile ein, auch weil man solche Lieder schon zu oft gehört hat.
Ruhe kehrt mit „Le Mer“ ein. Als Komponist hat Reznor wirklich Talent, und dass er das Zeug zum Filmkomponisten hat, habe ich schon mehrfach anerkannt. Es überrascht deshalb auch nicht, dass er dies häufig – zuletzt bei „Tron: Legacy“ – ebenfalls getan hat. „Le Mer“ ist auch wieder sehr gelungen, schön komplex, ohne dabei zu kompliziert zu klingen. Post-Rock könnten Nine Inch Nails ebenfalls gut machen.
Atmosphärisch und relativ ruhig endet die erste Disc mit „The Great Below“. Als Doppelalbum ist das eine echte Herausforderung. Man kann vor dem Hören der zweiten Disc eine Erholungspause einlegen. Ich glaube, ein vollständiges Durchhören wäre etwas überfordernd und wahrscheinlich auch eine Reizüberflutung. Dennoch hat mich Disc 1 schon sehr begeistert.
Mit „The Way Out Is Through“ beginnt die zweite CD noch im Soundtrack-Modus. Anfangs instrumental und ruhig, wird der Sound im Verlauf kräftiger und geht in Rockmusik über. Ein guter Beginn für den zweiten Teil, der Lust auf mehr macht.
Manche bezeichnen das Album auch als Art-Rock-Album oder sogar als Album mit Progrock-Elementen. Das stimmt durchaus, aber da der Sound von Nine Inch Nails durch den Industrial-Anteil schon etwas ganz Eigenes hat, sehe ich das eher als geschickten Mix aus Alternative Rock und Elektro-Rock-Hybriden wie The Prodigy oder Chemical Brothers. Reznor macht das so gut, dass ihm eine ganz eigene Mischung gelingt. Das ist einfach großes Kino für die Ohren – ständig zwischen Action-Kino und Arthouse wechselnd. Da ich solche Musik eher selten höre, finde ich sie, etwa beim Song „Into the Void“, durchaus mitreißend, unterhaltsam und gut gemacht. Auch „Where Is Everybody?“ macht Laune. Der Song hat einen Funk-Touch.
Zu Beginn setzt „The Mark Has Been Made“ auf Atmosphäre statt Rock. Nach zwei Minuten wird der Rhythmus lauter, doch das Stück bleibt instrumental. Wie gesagt, großes Kino für die Ohren.
„Please“ wirkt mir allerdings etwas zu simpel. Dasselbe gilt für „Starfuckers, Inc.“. Irgendwann hat man sich an diesen Crossover-Rock ziemlich sattgehört, und die einfacheren Stücke fallen im Vergleich zu den wirklich starken Songs des Albums mehr auf. Bei einem Doppelalbum ist es natürlich noch schwerer, den Hörer über die gesamte Länge zu begeistern.
Das eher elektronische Stück „Complication“ finde ich im Vergleich zu den beiden zuvor gehörten härteren Rockstücken wieder besser. Es erinnert stark an den Sound des „Matrix“-Soundtracks.
Warum der Gesangspart bei den ruhigeren Stücken immer leise abgemischt ist, bleibt ein großes Rätsel – so auch bei „I’m Looking Forward to Joining You, Finally“.
Wieder Musik für einen Action-Film: „The Big Comedown“. Dennoch habe ich das Gefühl, solche Songs über die lange Lauflänge schon zu oft gehört zu haben. Wenn der Song aber instrumental gehalten ist, gefällt er mir ganz gut. Ich sollte mir vielleicht wirklich die instrumentale Fassung des Albums besorgen, die gibt es, glaube ich, sogar.
Ins Dramatische gehend und kurz gehalten ist „Underneath It All“. Mit „Ripe (With Decay)“ erreichen wir dann das Ende des Albums. Dieses Stück setzt noch einmal auf düstere Atmosphäre.
Solche Musik und Alben lasse ich mir wohldosiert gerne ab und zu gefallen. Ich brauche das nicht zu oft, weil ich davon schnell gesättigt werde. Aber auf jeden Fall ist klar, warum Trent Reznor und Atticus Ross auch als Filmmusikkomponisten tätig sind. Musik fürs (Kopf-)Kino können sie auf jeden Fall machen. (679)

06.02.26
Nirvana – Nevermind (1991)
Meilenstein – das Album hat sicherlich dazu beigetragen, dass Alternative Rock, auch dank der Verbreitung von Videos auf MTV, massentauglich wurde. Dazu kommt natürlich das Drumherum um Frontmann Kurt Cobain, den Antihelden des Grunge-Hypes, den es wahrscheinlich ohne ihn so nicht gegeben hätte. Da kam ganz viel zusammen. Doch „Smells Like Teen Spirit“, der Übersong des Albums, veränderte auch für mich die Wahrnehmung aggressiver Rockmusik. Ich kannte zwar schon die Musik der Pixies, deshalb war das Gehörte für mich nicht völlig neu, aber „Smells Like Teen Spirit“ war eben keine Musik aus der Nische eines Rockgenres. Der Song wurde zur Hymne einer Generation, die sich nicht in Boygroups verliebte, den Gangsterrappern nacheiferte oder anderen kurzlebigen Trends folgte. Headbanger und Punks konnten endlich gemeinsam den harten Gitarren und dem aggressiven Gesang etwas abgewinnen, und viele, die bisher weder Heavy Metal noch Punk mochten, wurden durch Nirvana für diese Musik begeistert und sprangen mit auf die Tanzfläche. Ein „Hype“ war geboren.
Natürlich erkennt man „Smells Like Teen Spirit“ von der ersten Sekunde an, und der Song erinnert mich stets an Werke der Pixies. Von der Produktionsweise und dem Sound ist das einfach sehr nahe dran. Die Klarheit dieser rotzigen Rockstücke macht viel von der Qualität des Albums aus – auch wenn die Musiker es selbst als zu glatt produziert empfanden. So klingt auch das Stück „In Bloom“ trotz seines Alternative-Rock-Charakters sehr eingängig. Und „In Bloom“ sowie das nachfolgende „Come as You Are“ sind keinesfalls schlechter als die Hitsingle „Smells Like Teen Spirit“. Dieser Reiz macht einen großen Teil des Albums aus. Nach diesen drei Songs ist man als Hörer so begeistert, dass die weiteren Stücke dem Album nichts von seiner Qualität nehmen können.
Produzent Butch Vig prägte mit diesem Album auch den Sound der 90er Jahre, obwohl die Musik nicht viel anders klingt als das 1989 von Gil Norton produzierte Pixies-Album „Doolittle“. Lange Zeit hatte ich das falsche Wissen, da ich annahm, Butch Vig wäre auch für die Pixies-Alben verantwortlich, doch das stimmt nicht.
Mit „Breed“ verlassen wir die bekannten Pfade des Albums. Dieses Stück habe ich deutlich seltener gehört als die drei vorherigen. Dabei macht es mir sehr viel Spaß mit seinen vorantreibenden Gitarren und dem Bass, der fast wie Stoner-Rock klingt.
Ganz anders ist „Lithium“, das mich mit seinem Sound an die Meat Puppets erinnert und ebenfalls zu den Hits der Platte zählt.
Gleiches gilt für „Polly“. Wenn man diese Songs hört, versteht man, warum dieses Album so besonders ist. Auch sie klingen nach den Meat Puppets. Mit den Brüdern Kirkwood haben Nirvana ja schließlich auch bei ihrem „Unplugged“-Konzert die Bühne geteilt. Es gab also offensichtlich eine echte Verbundenheit.
Ungestümer Punkrock prägt „Territorial Pissings“. Den Song habe ich ebenfalls noch gut im Ohr.
Nur Hits – dazu zählt auch „Drain You“. So klingen viele Songs im (Post-)Grunge-Outfit. Wenn ein Lied dieses Album den Grunge-Sound definieren kann, dann ist es eher dieser.
„Lounge Act“ zählt zu den etwas weniger gespielten Songs der Platte, ebenso wie „Stay Away“. Beide Stücke sind gute Punkrock-Songs.
Das Album wird, noch mehr als „In Utero“, neben seinem Sound vor allem von der Gesangsleistung Kurt Cobains getragen. Er ist jemand, dem man gerne beim Schreien zuhört, weil er immer genau weiß, welche Art von Aggressivität zu der jeweiligen Stelle im Song passt. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist „On a Plain“.
Der Rest ist Schweigen – oder eine lange Pause. Auch damit setzten Nirvana einen Trend, der mich bis heute immer wieder etwas nervt. Nach dem offiziellen letzten Song „Something in the Way“, den ich großartig finde und der fast wie ein Song der Smashing Pumpkins klingt, die zu dieser Zeit ebenfalls von Butch Vig produziert wurden, folgt eine etwa zehnminütige Pause. Danach erklingt noch das eigentliche letzte Stück der Platte „Endless, Nameless“. Es klingt, anders als der Rest der Platte, eher wie von Fugazi oder Sonic Youth.
Definitiv ist dieses Album ein Meilenstein für eine ganze neue Generation von Musikhörern, die vielleicht alle etwas zu jung waren, als Punk aus den Angeln gehoben wurde und die sich durch dieses Album neue und alte Krachmusik zurückeroberten. Für mich war das der Fall, und ich war da sicher nicht der Einzige. (660)


The Nits – Tend (1979)
Es handelt sich eigentlich um das zweite Album der Band, doch das erste Album, das den gleichen Namen wie die Band trägt, wird von den Mitgliedern selbst als nicht gelungen bezeichnet und nie wiederveröffentlicht. Somit beginnt die Discografie offiziell mit dem zweiten Album „Tend“. Der Stil dieser Platte wird als New Wave beschrieben, was mich besonders interessiert, da ich The Nits eher dem Art-Pop-Rock zuordnen würde.
Der Titeltrack „Tent“ ist ein verspielter, fast kindlicher Bubblegum-Pop mit einem New Wave-Einschlag. Stilistisch erinnert er tatsächlich an die Neue Deutsche (bzw. Holländische) Welle, allerdings auf Englisch. Der Song „A to B; C to D“ zeigt hingegen New Wave auf einem höheren Niveau und gefällt mir deutlich besser als das zuvor gehörte „Tend“. Eine nette Pop-Nummer ist „The Young Reporter“, die an Godley & Creme (10CC) erinnert. Das Album verspricht ein abwechslungsreiches Hörerlebnis, denn mit achtzehn Titeln gibt es viel zu entdecken. Obwohl die Stücke nicht besonders lang sind, überzeugt die Vielzahl der Songs.
„4 Ankles“ erinnert an die spielerische Leichtigkeit von Devo. „Hook of Holland“ würde ich als typisches „Nits“-Stück bezeichnen, denn mit diesem Song hat die Band ihren eigenen Stil gefunden. Er ist wirklich ein echter Hinhörer. Den Stil der Nits könnte man auch als Prog-Pop bezeichnen, und genau so klingt „Frozen Fred“. Man sollte bei diesem Album auch dessen Entstehungszeit bedenken: Die damals verfügbaren Synthesizer klangen meist noch recht einfach, besonders die bezahlbaren Modelle. Trotzdem ist der Sound von The Nits sehr gelungen und kann international mithalten.
Die Band „The Nits“ bestand zu diesem Zeitpunkt aus Henk Hofstede (Keyboards, Leadgesang), Rob Kloet (Schlagzeug, Gesang), Alex Roelofs (Bass, Gesang), Michiel Peters (Gitarre, Leadgesang), Paul Telman (Techniker) und Hans Schot (Logistik). Für das Songwriting waren Henk Hofstede und Michiel Peters zu gleichen Teilen verantwortlich.
„Ping Pong“ präsentiert sich als Art-Pop-Electronic mit Rockeinschlag – eine gewagte, aber spannende Mischung. „Tutti Ragazzi“ erreichte in den niederländischen Charts Platz 22 und ist ein fröhlicher Pop-Song im verspielten Rock’n’Roll/New-Wave-Mix. Er klingt fast wie eine Nummer aus einem Musical, erinnert etwas an „Grease“, und vielleicht ist das auch nicht ganz zufällig. In eine ähnliche Richtung geht auch „Out of Suburbia“.
Der außergewöhnliche End-70er-PopRock-Song „Bungalow“ überzeugt durch seinen verspielten Charakter und seine Qualität. Die Stücke „1:30“ und auch der Abschluss „Tent (Reprise)“ sind echte New-Wave-Songs, sehr einfühlsam und angenehm, was mir besonders gefällt.
Mit „Johnny Said: Silver“ zeigen die Nits verspielten Art-Pop. „Who’s That Killer“ erinnert erneut an Godley & Creme sowie 10CC. „Take a Piece“ ist ein großartiger Rock-Pop-Song, der auch von ABBA stammen könnte – falls ABBA jemals ein anspruchsvollerer Act gewesen wäre (da nehme ich eine bewusste Provokation in Kauf).
Als Zugaben gibt es wohl Stücke, die der Band etwas zu mainstreamig erschienen: „Umbrella“ ist Pop mit Hitpotenzial, während „Some Other Night“ eher kitschigen Schmalz-Pop darstellt. Dagegen überzeugt „Harrow Accident“ mit Art-Rock-Elementen und gehört zu den stärkeren Titeln.
Insgesamt bietet das Album eine schöne Mischung aus verspieltem Bubblegum-Pop-Rock und New Wave, wobei die Nits mit großer Leichtigkeit und Können ihre ganz eigene Handschrift einbringen. Außerdem kann man bereits in einigen Songs erahnen, wie sich die Band später entwickeln wird. Mir gefällt das sehr und der Wunsch, die gesamte Nits-Diskografie von Anfang bis Ende zu hören, wird dadurch mit Freude weitergeführt. (581)
The Nits – New Flat (1980)
Das Titelstück „New Flat“ klingt, als stamme es von Devo. Die New-Wave-Wundertüte geht also auch mit Album Nummer zwei in eine neue Runde, und bei vierzehn Stücken ist diese Wundertüte gut gefüllt.
Mit „Holiday on Ice“ gelangt ein besonderer Rocksong in den Mix. Dieser klingt eher nach Art-Rock, trägt aber einen starken New-Wave- und Post-Punk-Einschlag. Er erinnert fast an Gary Numan, ist jedoch eindeutig von den Nits geprägt.
Fast schon echter Postpunk ist „Saragossa“. Ebenso bleibt der Song „Office at Night“ schwer einzuordnen – teils Rock, teils Postpunk, teils Artrock. Gerade das macht für mich die Nits schon immer zu etwas Besonderem.
Die New-Wave-Nummer „Uncle on Mars“ klingt zudem ein wenig nach Punkrock. Ein gewisser „Clash“-Faktor ist in der Musik spürbar. Das liegt wohl auch an der für dieses Genre ungewöhnlichen Stimme von Henk Hofstede, die an Joe Strummer erinnert.
Als Postpunk-Nummer fällt „Statue“ auf. Sie klingt so, als träfen Gary Numan und Devo aufeinander. Frühe Folktronica findet sich in „His First Objekt“ – genau das, was ich von den Nits erwarte. Natürlich auch, weil ich sie durch den Song „In the Dutch Mountains“ kennengelernt habe und das Album „Ting“ von 1992 lange Zeit mein einziges Album der Band war.
Verrückt und reizvoll ist die New-Wave-Nummer „Different Kitchen“. New Wave im Police-Stil bietet „Safety in Numbers“. „Bobby Solo“ ist aufgedrehter Punkrock, „Zebra“ experimentell. „Rubber Gloves“ vereint New Wave mit Folktronica-Einschlag und ist richtig gut gelungen. Noch einmal postpunkige Düsternis hört man bei „Bite Better Bark“.
Zum Abschluss folgt „Aloha Drums“, eine leicht schräge Elektronika-Nummer.
Die Nits sind zweifellos schon immer außergewöhnlich gewesen, und das ist gut so. Diese frühen Alben zu entdecken, macht Freude, weil sie musikalische Wundertüten von sehr guter und verspielter Qualität bieten. (654)


Nits - Angst (2017)
Mein erstes und lange Zeit einziges Nits-Album war „Ting“ aus dem Jahr 1992, das ich immer sehr mochte. Eigentlich wollte ich immer weitere Musik der Nits erwerben, doch das hat gedauert. Ich besitze außerdem ihre bekannteste Single „In the Dutch Mountains“.
Nun komme ich zu „Angst“, von dem ich vermute, dass es ganz anders klingt als „Ting“, das ruhigen Art-Pop bot, sehr elektronisch war, aber auch viel Klavier enthielt und eine überragend schöne Sanftheit ausstrahlte. Schon allein die Songtitel finde ich teilweise großartig, etwa „Flowershop-Forget-Me-Not“, „Breitner on a Kreidler“ und „Zündapp nach Oberheim“. Doch wie mag wohl die Musik zu diesen Titeln klingen?
Bei „Yellow Socks & Angst“ erinnert die Gesangsdarbietung an CAN. Im Refrain ist der Gesang jedoch wieder sanfter, und nach diesem Teil wechselt das Stück zu einem eher zurückhaltenden Arrangement. Die Instrumentierung ist minimal, aber wie von „Ting“ gewohnt, gut eingesetzt. Anspruchsvoller Indie- und Artpop. Beim Dream-Indie-Pop-Stück „Flowershop Forget-Me-Not“ klingt der Sänger ebenfalls so, wie man es von „Ting“ kennt. Dabei ist Sänger Hank Hofstede seit „Ting“ 35 Jahre älter geworden, doch seine Stimme klingt immer noch sehr überzeugend. So könnte man sich vorstellen, dass eine Band wie Efterklang ähnlich klingt: reduziert in der Instrumentierung, aber dennoch schön gestaltete Musik.
„Radio Orange“ ist eine ganz sanfte Nummer, die allerdings etwas lang geraten ist. „Lits-Jumeaux“ ist ein Krautrock- und Indie-Hybrid, der mir ausgesprochen gut gefällt. Kammerpop – kann man das so nennen? Und dann noch auf hohem Niveau, wie bei „Two Sisters“. „Pockets of Rain“ wirkt etwas dramatischer, was gut ist, denn nicht jeder Song sollte nur ruhig und sanft sein. Die Abwechslung, die dieses Stück bietet, kommt also zur rechten Zeit.
Die Mischung aus Nits-Pop und Krautrock ist auch in „Along a German River“ gut zu hören, auch wenn im Text statt Krautrock von Elvis die Rede ist. „Cow with a Spleen“ baut auf einer sehr fein konstruierten Melodie auf und ist ebenso ein schöner Song. „Breitner on a Kreidler“ wirkt verträumt, im Stil von Jazzpop. Oberheim und andere Synthesizer bilden das Schlussthema in „Zündapp nach Oberheim“. Auch dieser Titel ist jedoch ein sehr gelungenes Beispiel für Indie-Pop.
Indie-Pop und Art-Pop von Meistern ihres Fachs: Die Nits müssen es nicht mehr beweisen, sie machen einfach, und das ist gut so. Zum Glück kann ich noch eine Menge ihrer Werke nachkaufen und nachhören. Schöne Aussichten. So anders als „Ting“ ist „Angst“ dann doch nicht, und das ist gut so. (347)
No Doubt – Rock Steady (2001)
Natürlich war ich großer Fan des Songs „Don’t Speak“. Ich besaß allerdings nur die Single-CD und nicht das dazugehörige Album. Die Band habe ich damals sogar live in der Arena Oberhausen gesehen und gehört und war überrascht, wie viele Ska-Punk-Elemente „No Doubt“ in ihrer Musik hatte. Irgendwann gefiel mir dann wieder eine Single. Ehrlich gesagt weiß ich heute nicht mehr genau, welcher Song es war, aber ich kaufte mir die CD trotzdem – die ich meiner Meinung nach nie richtig gehört habe. Es ist also kein Wiederhören, sondern eher ein Neuentdecken.
Nach einem kurzen Intro geht es mit „Hella Good“ auf modernen New-Wave-Pfaden zur Sache. Einen ähnlichen Sound haben sich beispielsweise „Pink“ oder andere Musikerinnen und Musiker angeeignet, die rockigen Pop machen. Der Song ist eher für die Tanzfläche gedacht als für Rockliebhaber. Er ist nicht schlecht, reißt mich aber auch nicht vom Hocker – typische Radiomusik.
Mit Rock oder Ska-Punk hat „Hey Baby“ herzlich wenig zu tun. Das ist vielmehr Pop-R&B und rückt vor allem Frontfrau Gwen Stefani ins rechte Licht. Ich nenne das gern Produzenten-Pop, weil die aufwendige Produktion die Musik zwar auf Hitparadentauglichkeit trimmt, dabei aber oft die Seele, die Emotionen und die Ehrlichkeit fehlen. Das ist reine Partymusik.
Dies zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Album: perfekt für die Charts produziert, klingt es wie die Musik von Pink, Katy Perry und Co. Lupenreiner Pop, neutral in der Ausstrahlung, so auch bei „Making Out“. Rock und Punk sind hier nicht mehr zu finden.
Dann lieber Reggae. „Underneath It All“ macht tatsächlich Laune. Der Song klingt zwar überhaupt nicht nach der rotzigen, coolen Gwen Stefani, ist dafür weniger aufdringlich und funktioniert als Pop-Reggae recht ordentlich. Vielleicht war das auch die Single, die mich damals zum Kauf des Albums veranlasst hat. Sicherlich wirkte Gwen im Video zu dem Song auch verführerisch.
Mit „Detective“ kehrt das Album zum Pop zurück. Typische Rockband-Elemente wurden hier vollständig entfernt. Das erinnert an denselben Weg, den Bands wie „Coldplay“ gegangen sind – was einst eine Band war, ist heute nur noch ein massenkompatibler Frontmann im überproduzierten Sound- und Bühnenkostüm. Kommerz nimmt der Musik die Seele. „Detective“ ist dennoch einer der besseren Songs auf der CD, klingt für mich aber immer noch nicht nach „No Doubt“.
Dann kommt eine positive Überraschung: Bei „Don’t Let Me Down“ wird wieder gerockt. Hey! Und das macht direkt mehr Spaß. Es klingt nach Rock der 2000er Jahre.
Bei „Start the Fire“ dominiert jedoch wieder der Popcharakter des Albums, wenn auch leicht mit Reggae-Anklängen – ein ganz annehmbarer, aber schon etwas zu vertrauter Sound.
Wäre dies ein Gwen-Stefani-Soloalbum, hätte ich weniger zu bemängeln. Dann hätte mich diese Ansammlung fein produzierter Popsongs nicht so sehr gestört. Doch bei einem „No Doubt“-Album habe ich etwas anderes, etwas mehr erwartet.
Als sanfter Popsong ist „Running“ sogar ziemlich hübsch, aber …
„In My Head“ sprüht zwar vor Leichtigkeit, wirkt wie so viele Songs auf dem Album leider sehr aufgesetzt. Musik, die gemacht wurde, um zu gefallen – und genau das gefällt mir nicht.
Bei „Platinum Blonde Life“ erklingen Gitarren zu Beginn – hier gibt es also doch noch einen zweiten Rocksong auf dem Album. Das passt mir sofort viel besser, weil ich genau diese Musik erwartet habe und kaum bekommen habe. Die Erwartungshaltung des Hörers sollte man nicht unterschätzen.
„Waiting Room“ ist wieder sehr elektronisch und letzten Endes doch nur ein weiterer Popsong, wenn auch etwas düsterer gehalten. Überraschenderweise ist das Album nicht, wie zu vermuten wäre, von Rap- und R&B-Produzenten ausschließlich auf Pop getrimmt. Stattdessen wirken einige versierte Künstler bei der Produktion mit, darunter Sly & Robbie, Orbital, Prince, Nellee Hooper und Ric Ocasek.
Der Titelsong „Rock Steady“ ist eine Mischung aus Reggae und Pop.
Fazit: Viel zu wenig „No Doubt“ und viel zu viel Popmusik. Das reicht mir nicht. Das Album bleibt nicht im Regal. (640)


Billy Nomates – Emergency Telephone EP (2020/Vinyl)
Inspiriert von den Sleaford Mods begann Tor Maries unter dem Künstlernamen Billy Nomates, Musik zu machen. Es handelt sich um Indie-Musik mit einem gehörigen Schuss No-Wave und Post-Punk. Die EP „Emergency Telephone“ erinnert mich bei den ersten zwei Stücken („Emergency Telephone“ und „Right Behind You“) eher an die Musik von „Joan as Policewoman“ mit etwas Soul im Gesang. Die dritte Nummer „Heels“ hat dagegen einen stärkeren Post-Punk-Sound mit sehr vorantreibenden Synthesizern. Beachtlich ist, dass Nomates alle Instrumente selbst gespielt hat. Während der Pandemie hatten Musiker kaum andere Möglichkeiten, als die Stücke selbst einzuspielen oder sich gegenseitig Songteile über das Internet zuzuschicken beziehungsweise sich im kleinen Kreis zusammenzufinden. Das vierte und letzte Stück „Patrol Fumes“ beginnt ruhig und entwickelt sich zu einer kleinen Powerpop-Hymne.
Vier Songs, die Lust auf mehr machen. Ziel erreicht. (88)

The Notwist – The Notwist (1990)
Am Anfang waren The Notwist noch eine regelrechte Metal-Band. Das hört man bei „Is it Fear“ sehr gut heraus, auch wenn es sich dabei nicht um einfachen Metal handelt, sondern um eine Mischung aus Metal, Punk, Hardcore und Alternativrock. Die Vorliebe der Archer-Brüder für Bands wie Sonic Youth ist ebenfalls kein Geheimnis. Zu Beginn gingen sie mit „Bad Religion“, „Therapy?“ und anderen Hardrock-Größen der späten 80er und 90er Jahre auf Tour. Das ist keineswegs schlecht, und da ich das zweite Album „Nook“ schon kannte, wusste ich auch, dass die Band erst ab dem dritten Album den heute bekannten und geliebten elektronischen sowie vielseitigen Sound entwickelte.
Das Album rockt einfach mal heftig, und das konnten The Notwist damals sehr gut. Allerdings gehörten sie damit zu vielen deutschen Gitarrenrock-Bands, und als solche war es schwer, sich wirklich zu etablieren.
Wer härteren Rock mag, der trotz kurzer Stücke viel Abwechslung bietet, dem sei dieses Debüt der noch richtig rockenden The Notwist empfohlen. Denn das alles ist nicht nur gut gespielt, sondern der Mix aus verschiedenen Rocksparten hat wirklich etwas. Und wer hätte heute noch gedacht, dass The Notwist auch auf Wacken eine gute Figur machen würden – was sie tun würden, wenn sie dieses Album noch einmal vor dem Festivalpublikum spielen würden. Auf einzelne Stücke muss man nicht eingehen, denn mit jedem Song wird ein guter Mix aus Heavy Metal und Punkrock geboten. Für Headbanger ist das ein Fest, für Punker ebenfalls, und mir gefällt es auch, weil es so kurzweilig ist und alles auf den Punkt gebracht wird. Dabei kommen einem sogar „The Minutemen“ in den Sinn.
Ab und zu rocken The Notwist auch auf ihren aktuellen Konzerten wenigstens für ein Stück richtig ab und stehen weiterhin zu ihren Wurzeln. Einmal Rocker – dann wohl immer Rocker. Oder so ähnlich. Besonders toll ist, wie gut das Album heute noch klingt, vielleicht gerade wegen der Neuausgabe zum 30-jährigen Jubiläum. Es macht wirklich viel Freude.
Ein entscheidendes Stück auf dem Debüt ist meiner Meinung nach „Seasons“, weil es ein schönes Alternativ-Indierock-Stück ist, das dennoch viel von dem zeigt, was The Notwist heute noch ausmacht, und dabei auch wie ein Stück von Dinosaur Jr. klingt. Für mich ist das der eindeutige Favorit des Albums. Auch beim kurzen Hardcore-Stück scheint etwas durch, das noch heute Teil von The Notwist ist. (497)

The Notwist – Nook (1992)
Die Band bestand zu dieser Zeit noch aus einem Trio, das aus Markus Acher (Gitarre, Gesang), Micha Acher (Bass) und Martin Messerschmid (Schlagzeug) bestand. „Nook“ ist, wie auch das erste Album der Band, ein reines Indie-Heavy-Rock-Album. Elektronische Musikelemente und der Einsatz von für Rockmusik untypischen Instrumenten treten erst in den späteren Alben auf.
Das erste The Notwist-Album, das denselben Namen wie die Band trug, war ein ziemlich hartes Rockalbum mit vielen Metal-Riffs. Es war jedoch sehr abwechslungsreich, und bereits beim Song „Seasons“ wurde der typische Charakter eines The Notwist-Songs erkennbar. Mal sehen, ob sich das auf dem zweiten Album fortsetzt.
Nach einem ruhigen Intro, „Belle de L’Ombre“, geht es mit „Walk On“ weiter, das heftige Heavy-Metal-Gitarren zeigt, wie man sie schon vom ersten Album kennt. Zu den kraftvollen Gitarren bildet der eher zurückhaltende Gesang von Markus Acher einen starken Kontrast. Es ist ein bisschen so, als würde bei Danzig einer von den Housemartins singen. Gleichzeitig klingt der Song auch wie einer von Dinosaur Jr., allerdings mit noch heftigeren Gitarren.
Im Punkrock-Modus überzeugt „Unsaid/Undone“ noch mehr, da es eher im Alternative-Rock angesiedelt ist als im Heavy Metal, was meiner Meinung nach besser zur Band passt.
Doch mit „Welcome back“ kehrt die Heavy-Metal-Musik der Marke Danzig zurück. Bei diesem Stück ist der Klang so „fett“, dass es tatsächlich Spaß macht; damit könnten The Notwist sogar auf Wacken Eindruck schinden. Für mich ist es am Ende allerdings schon fast wieder zu heftig.
Laut und intensiv bleibt es auch beim Titelstück „Nook“, das die Mischung aus sanftem Gesang und heftiger Rockmusik beibehält. Markus Acher ist ohne Zweifel ein sehr guter Heavy-Metal-Gitarrist, doch es ist gut, dass sich die Brüder Acher musikalisch später breiter aufgestellt haben.
Ähnlich verhielt es sich, glaube ich, auch bei den Psychrockmusikern von Motorpsycho. Ihre frühen Alben waren eher Hartrock oder sogar Hardcore, und nach ein oder zwei Alben entwickelten sie sich zu dem, was sie heute sind.
Das Album kombiniert Alternative-Rock mit Punkrock und Heavy Metal und schlägt dabei gelegentlich auch etwas sanftere Töne an, wenn auch nur kurz, wie zum Beispiel bei „No Love“, einem der besseren Songs der Platte.
Der Song mit Banjo-Gitarren, „The incredible Change of our Alien“, hat sich bei mir besonders eingeprägt. Zunächst prägen die Banjo-Klänge den Song, bevor sie von Heavy-Metal-Gitarren abgelöst werden und sich der Titel schließlich in einen guten Alternative-Rock-Song verwandelt. Mega.
Die Metal-Rock-Stücke werden für mich zwar zunehmend langweiliger und fangen an, ein wenig zu nerven, doch beim Refrain von „This Sorry Confession“ komme ich auf meine Kosten. Zudem sorgt ein Tempowechsel dafür, dass das Stück zu einer reizvollen Alternative-Rock-Nummer wird.
Der Hardcore-Charakter steigt bei „Another Year without me“ wieder an. Ich glaube, das erinnert sehr an frühe Nummern von Fugazi, wie übrigens vieles auf dem Album. Allerdings kenne ich von Fugazi nicht genug, um das mit Sicherheit sagen zu können.
Richtig gut gefällt mir „One Dark Love Poem“ – das ist sehr guter Alternative-Indie-Rock und wohl das typischste The Notwist-Stück der Platte.
Heftig und kurz, mit einem guten Basspart, ist „The only thing we own“. Ich finde es auch als instrumental gespielte Nummer gelungen.
Noch einmal richtig gut ist der Alternative-Rock-Song „I’m a Whale“. Hier merkt man wieder die Liebe der Acher-Brüder zu Sonic Youth.(503)

The Notwist – 12 (1995)
Das erste Stück „Torture Day“ fällt besonders auf, da die Band hier bereits ihren zukünftigen Stil gefunden hat. Weg vom Hardrock-Alternative-Rock-Mix handelt es sich bei diesem Song um einen, der eher dem Indie-Rock zuzuordnen ist und nur leicht mit kleineren elektronischen Effekten akzentuiert wurde. Leider habe ich dieses Album viel zu lange nicht gehört – bei „The Notwist“ bin ich immer irgendwie bei „Neon Golden“ und den späteren Alben hängen geblieben. Deshalb ist es auch gut, dass ich jetzt mal die ersten Platten wieder durchhöre, denn darauf verbergen sich viele großartige Songs, die ich bei Liveauftritten der Band immer besonders schätze.
Mit „My Phrasebook“ ist jedoch noch einmal ein Stück aus dem Hardrock-Segment im Stil der ersten beiden Alben zu hören. Demnach hat The Notwist ihren ursprünglichen Sound noch nicht vollständig abgelegt.
Darauf folgt ein echtes Highlight der Band, das ich sehr schätze: das Indierockstück „Puzzle“. Obwohl sie mit diesem Song bei einem Live-Auftritt einmal mein Gehör nachhaltig geschädigt haben, weiß ich jetzt zumindest wieder den Titel des eigentlich gar nicht so lauten „Gehörkillers“. Das zeigt auch, dass The Notwist keine Scheu haben, ihr Frühwerk live zu spielen. Als Trio gehen sie sogar wieder mit den „harten Sachen“ auf Tour.
Das ist auch gut so, denn Indie-Alternative-Rock beherrschen sie genauso gut wie ihre multiinstrumentalen oder elektronischen Stücke. Einen sehr guten Alternative-Rock-Song findet man in „M“. Man merkt vielleicht ein wenig, dass die Platte zur Blütezeit des „Crossover-Genres“ erschienen ist. Zum Glück hat die Band aber ihren ganz eigenen Mix gefunden, der weit entfernt ist von dem meist eher als Rap/Funk/Rock-Gemisch wahrgenommenen Stil, den ich heute nicht mehr so toll finde wie damals, als er aktuell war.
„Noah“ erinnert zu Beginn etwas an die Einstürzenden Neubauten, verwandelt sich dann aber in ein sanft-melancholisches Post-Indie-Rock-Stück.
Unter dem Stichwort Indierock sticht „My Faults“ hervor. Natürlich durch den Gesang von Markus Acher, aber auch einfach durch ihren Sound sind The Notwist mit solchen Songs unverwechselbar und sofort erkennbar.
Ebenso ein sehr guter Song ist „The String“, auch wenn der Gesang hier etwas zu sehr in den Hintergrund tritt. Instrumental besitzt das Stück einen starken Drive, der einen mitnimmt und nicht mehr loslässt.
Es folgt ein kurzes Stück mit dem Titel „Instr“, in dem The Notwist noch einmal dem Heavy Metal und dem Schlagzeug huldigen.
Den Abschluss bildet das Titelstück „12“, das mit über sechs Minuten Länge zwar kein kurzes, dafür aber sehr feines Indie-Rock-Stück ist.
Das Album ist zudem das erste, bei dem Martin Gretschmann (Console, Acid Pauli) einige elektronische Akzente beisteuert. Er ist allerdings noch Gast und kein festes Bandmitglied. Sein Beitrag ist auch auf der Bonus-CD der limitierten Ausgabe zu hören: Dort befindet sich ein Remix von „Torture Day“ mit dem Titel „Loup“, bei dem Cindy Dall als Sängerin zu hören ist. Dieser klingt wie eine Mischung aus Dub, Trip-Hop und Indie-Rock – sehr ambitioniert, aber noch nicht so gelungen wie spätere Arbeiten von Console und The Notwist. Besonders der gesäuselte Gesang passt für mich nicht ganz hinein, außerdem passiert im Remix nicht viel, sodass er beim Hören etwas zu lang wirkt.
Die Bonus-CD enthält außerdem eine weitere Version von „12“, die sich nur sehr wenig von der Originalfassung unterscheidet. (573)

The Notwist – Vertigo Days (2021)
Früher lagen Radiohead und The Notwist für mich gleichauf. Heute hat The Notwist Radiohead in meiner Wertschätzung längst überholt. Die Band bietet die beste Live-Darbietung und bleibt dabei abwechslungsreich, ohne ihre eigene Geschichte zu vernachlässigen. Ihre Musik ist einfach melodiöser und keineswegs anstrengend. Das Zuhören macht Spaß, ohne unterfordert zu sein. Auf dem neuen Album sind bei einigen Stücken musikalische Gäste zu hören, die sich jedoch nie in den Vordergrund spielen, sondern immer der Sache dienen.
„Vertigo Days“ steht dem eigenen Klassiker „Neo Golden“ in nichts nach. Man hört diesmal bei einigen Stücken deutliche Anklänge an „Can“ heraus, etwa bei „Into the Ice Age“ und „Ship“. „Can“ zählt für mich ohnehin zu den ersten echten Alternativ-Rockgruppen, weshalb diese Einflüsse hervorragend passen. Es passt auch, dass The Notwist live so etwas wie eine Mischung aus „Kraftwerk“ und „Sonic Youth“ sind, ergänzt durch Vibrafon- und Tuba-Einsatz. (31)
The Notwist – News from Planet Zombie (2026)
Sanft beginnt das Album mit den ersten Klängen des Songs „Teeth“. Ein ruhiger Alternativ-Rock-Song – aber sehr schön. Ich hatte eigentlich eher mit einem etwas schwungvolleren Stück zu Beginn gerechnet. Eigentlich dachte ich, die Band in ihrer Urform, so wie sie vor Kurzem als Trio wieder auf Tour waren, hätte Gefallen daran gefunden, wieder richtig guten Krach zu machen, und dass sich das auch auf der neuen Platte zeigen würde. Aber da habe ich mich getäuscht.
„X-Ray“ erinnert mit seiner Wucht zu Beginn an die frühen Tage der Band, entwickelt sich dann aber zu einer weiteren guten Indie-Rock-Nummer. Tatsächlich könnte die Dreier-Studio-Besetzung der Band – bestehend aus den beiden Archer-Brüdern und Schlagzeuger Andreas Haberl – den Song auch allein live spielen.
Der dritte Song „Propeller“, der in seiner Melodie an Werke von Kettcar erinnert, ist ein richtig schöner Indie-Rock-Instrumentalsong.
Schon fast so sanft und schön wie ein guter Efterklang-Song ist „Red Sun“.
Wieder rockiger, mit leichter – für die Songs von The Notwist typischer – Melancholie: „The Turning“. Auch das ist wieder sehr gelungen. Wer die Band sowieso schon mochte, so wie ich, wird sich mit diesem Album sehr gut anfreunden können. Irgendwie scheint die Band diesmal noch mehr in sich zu ruhen und spielt die Stücke mit einer gewissen Lockerheit.
Folktronika können The Notwist ebenfalls: „Snow“. Ihren Indierock mischen sie dann einfach in den Folktronika-Mix hinein: „Silver Lines“.
Verträumt und sehr, sehr schön ist „Who we used to be“ – das ist schon fast Folkmusik.
„How the Story Ends“ ist ein sehr ungewöhnlicher Indie-Rock-Song, weil seine Melodie anders ist als das, was man sonst von The Notwist gewohnt ist. Er bringt irgendwie wirklich etwas Neues in den Mix der Band und ist außergewöhnlich gut. Der Song bleibt auf jeden Fall länger im Gedächtnis. Er stammt im Original von der Band „Lovers“. Auch „Red Sun“ ist keine Eigenkomposition, sondern von Neil Young.
Eine Singer-Songwriter-Nummer ist „Projectors“. Zum Schluss wird es noch einmal sanft mit „Like this River“.
Alles wirkt so stimmig und rund – mit diesem Album haben The Notwist ihrer ohnehin starken Discographie ein weiteres sehr gutes Werk hinzugefügt. Sie bleiben eine meiner Lieblingsbands und auf jeden Fall meine absolute Lieblings-Liveband. Das Ticket für Düsseldorf ist auch schon gekauft. (694)


Gary Numan – The Pleasure Principle (1979)
Das selbstproduzierte Solo-Debütalbum von Gary Numan entstand kurz nach seinem größeren Erfolg mit „Replicas“, das er mit der Band Tubeway Army veröffentlichte.
Numans Musik gilt schon als eine Art Vorlage für düsteren Synth-Pop. Das instrumentale Stück „Airlane“ deutet darauf hin, dass Numan den Sound von „Replicas“ beibehält. Eingängige New-Wave-Nummern gelingen ihm weiterhin gut, wie zum Beispiel mit „Metal“. Dieser Song erinnert bassspieltechnisch auch an die Band Japan, ist stilistisch jedoch eher dem Post-Punk als dem New Romantic zuzuordnen. Am Bass ist, wie bei der Tubeway Army, weiterhin Paul Gardiner zu hören. Das Stück „Complex“, das zusammen mit der Tubeway Army entstand, ist eine eher ruhigere Post-Punk-Nummer mit positivem Klang. Das unterscheidet Numans Post-Punk deutlich von Bands wie Joy Division, denn bei ihm klingt alles mehr nach Rock und Pop und nie zu düster. Auch wenn man Songs wie „Films“ ihr Alter anhört, funktionieren sie trotzdem sehr gut. Das liegt daran, dass Numan seinen Stücken stets eine leichte Pop-Note verleiht, was die Musik weniger anstrengend macht und den Zuhörer besser mitnimmt.
Besonders interessant ist die Nummer „Me.“, da hier mehrere Musikgenres überschritten werden. Das Stück beginnt fast wie ein Prog-Rock-Song und entwickelt sich dann zu einer beschwingten Synth-Rock-Nummer.
„Tracks“ ist eine großartige Nummer, die das gesamte Spektrum von Synth-Pop und Rock nutzt. In diesem Song stecken alle Elemente der Synth-Pop-Ära der späten 70er und frühen 80er Jahre, die präzise auf den Punkt gebracht sind. „Observer“ besitzt wieder diesen tanzbaren Pop-Post-Punk-Sound. Das ist auch das, was ich an Gary Numans Musik besonders schätze: New Wave in etwas Besseres zu verwandeln, das als Einheit aus Elektronik und Rock klingt.
Auch „Conversation“ besticht durch den charakteristischen New-Romantic-Bass-Sound und macht mir wirklich viel Freude.
Das Album wirkt insgesamt aus einem Guss und langweilt trotz des stets ähnlichen Grundmusters nicht. Innerhalb der Songs passiert genug, um den Hörer immer wieder zu fesseln und zu begeistern. „Cars“ ist sicherlich der Klassiker des Albums. Die Leistung von Schlagzeuger Cedric Sharpley sollte ebenfalls gewürdigt werden, denn er überzeugt an den Drums durchgehend, wie zum Beispiel zu Beginn von „Engineers“.
Das Bonusmaterial enthält zwei instrumentale Stücke: „Random“ und „Oceans“. „Asylum“ ist ein sehr düsterer, instrumentaler Post-Punk-Song. Darauf folgen vier Live-Aufnahmen: „Me! I Disconnect from You“, „Bombers“, „Remember I Was Vapour“ und „On Broadway“. Bei den Live-Stücken erkennt man erneut, wie gut Numan damals darin war, Elemente aus Rock, Pop und Post-Punk zu verbinden. Dabei erinnert vieles an die Band Japan und – besonders in der Schlagzeugarbeit – an den Sound der frühen 80er Jahre von Peter Gabriel. Das ist wirklich beeindruckend, da wäre man gern dabei gewesen. Numans Interpretation von „On Broadway“ ist zudem etwas ganz Eigenes. (521)

Paolo Nutini – Last Night in the Bittersweet (2022)
Der schottische Singer/Songwriter Paolo Nutini hat sich für die sechzehn Songs seines vierten Albums acht Jahre Zeit genommen. Tatsächlich waren es aber nur fünf Jahre, da er zuvor ausgiebig den Erfolg seines dritten Albums mit Tourneen genutzt hat (drei Jahre). Das zweite Stück mit dem Titel „Radio“ ist so großartig zeitlos und eine tolle Rockpop-Nummer, als hätte sich Nutini das Beste von Ryan Adams und Fleetwood Mac genommen. Auch das anschließende traurigsüße und dennoch kraftvolle „Through the Echoes“ könnte von Ryan Adams stammen. Das stört mich nicht, denn ich mag Ryan Adams sehr.
„Acid Eyes“ zeigt, dass er auch feinen Indiepop beherrscht. Dieses Stück könnte fast von „The xx“ sein, ist aber mit typischer Rockband-Instrumentierung umgesetzt. Drei Lieder hintereinander, die wie für mich gemacht sind – und ich bin Fan. Die restlichen zwölf Stücke sind jetzt schon eine Zugabe.
Was ich hier schreibe, ist natürlich total „Fanzine“. Ich bin kein ernsthafter Musikkritiker, sondern ein Musikfan, der seine Eindrücke teilt. Da ich inzwischen über hundert Beiträge verfasst habe, habe ich auch begonnen, alle Texte noch einmal durchzusehen und bei Bedarf zu überarbeiten. Die meisten habe ich einfach während des Hörens spontan niedergeschrieben und mit einigen Wiki-Informationen ergänzt. Ich finde es inzwischen sehr gut, das so zu machen, denn ich habe viele Platten gehört und merke, wie schnell ich vergesse, was ich alles gehört habe. Daher sind einige Erinnerungsstützen durchaus wertvoll. Die Erinnerungsfunktion von Facebook finde ich dafür auch praktisch, weil man daran erinnert wird und denkt: „Ach ja, das war ja auch nett.“ Vielleicht liest das ja auch die eine oder der andere und lässt sich inspirieren, mal hineinzuhören, um sich eine eigene Meinung zu bilden – das wäre sehr schön. Außerdem habe ich viel zu viele CDs und Vinyls, die noch ungehört sind. Durch das Niederschreiben höre ich jetzt wieder viel mehr Alben als früher.
Weiter mit den Zugaben: „Lose It“ ist eine Rocknummer mit Sprechgesang und einem Soulchor. Langweilig wird es nicht. Mit Lo-Fi-Americana geht es weiter: „Petrified in Love“. „Everywhere“ ist eine schöne Singer-Songwriter-Nummer. So ist das etwas für den jung gebliebenen klassischen Rock-Fan, der auch Lo-Fi-Americana-Musik mag.
Michael Nyman – Live (1994)
Dieses Live-Album wurde überwiegend mit der Michael Nyman Band eingespielt. Allerdings ist Nyman auch allein am Klavier zu hören. Bei der Musik zum Film „Piano“ wird er von Streichern begleitet, und bei „Upside Down Violin“ unterstützt ihn das Orquesta Andaluzi de Tetouan.
Besonders durch seine Arbeit als Filmmusiker und Komponist ist Michael Nyman bekannt geworden. Zu seinen bekanntesten Werken zählen dabei sicherlich „Das Piano“ und die Filmmusiken zu den Werken von Peter Greenaway. Vor allem durch „Das Piano“ wurde ich auf Nyman aufmerksam, was sicherlich auch zum Kauf dieses Live-Albums beitrug.
Das Konzert beginnt mit einem Frühwerk von Nyman, „In Re Don Giovanni“, einer Bearbeitung eines Mozart-Stücks. Dieses Stück wird vor allem von den Streichern getragen und dient wohl als beschwingtes Intro für den Konzertabend. Ebenso mitreißend und vom Tempo sehr schnell ist „Bird List“, die Filmmusik zu Greenaways erstem Film „The Falls“. Dieses Stück ist ein schönes Beispiel dafür, wie Nyman zwischen klassischer Musik und Rockmusik pendelt, da sich der Song eher wie ein Rockstück als klassische Musik anhört.
Bei der Michael Nyman Band handelt es sich nicht um eine gewöhnliche Band, sondern um Musiker mit Streich- und Blasinstrumenten. Nur der Bass ist als typisches Bandinstrument vertreten.
Sehr dramatisch präsentiert sich „Queen of Night“ aus dem Film „Der Kontrakt des Zeichners“. Das Publikum zeigt sich am Ende des Stücks sichtlich begeistert.
Das zweiteilige „Waterdances“ stammt aus einem Kurz-Dokumentarfilm von Greenaway und beginnt als sehr ruhiges Pianostück. Danach kommen ebenfalls Streicher hinzu – ein sehr schönes Stück, das im zweiten Teil durch Bläser kraftvoller wird. Dies verleiht der Musik noch mehr Intensität, auch wenn sie am Ende etwas zu lang erscheint. Das Publikum reagiert erneut sehr begeistert. Nymans Musik ist maßgeblich von Steve Reich und Philip Glass beeinflusst, was immer wieder hörbar ist. Dass mindestens eines seiner Alben von Brian Eno produziert wurde, überrascht daher nicht.
Es folgt eine in acht Einzelteile unterteilte Bearbeitung der Filmmusik zu „Das Piano“. Dabei dreht es sich nicht nur um das bekannte und beliebte Hauptthema des Films. Das Werk funktioniert auch als großes musikalisches Epos und beeindruckt durch die Eleganz und Schönheit seiner Kompositionen – es wirkt auch ohne die Filmbilder eindrucksvoll. Diese Musik zählt eindeutig zu Nymans herausragendsten Kompositionen und ist etwas Besonderes.
Im zweiten Teil erklingt dann das vertraute Hauptthema, das bei mir ein starkes Kribbeln und beinahe Gänsehaut auslöst. Es ist etwas Besonderes, wenn ein außergewöhnlicher Film von ebenso großartiger Musik begleitet wird. So verbinden sich zwei Kunstformen zu einem einzigartigen Erlebnis.
Der dritte Teil „Here to There“ ist zunächst schöne Folkmusik, die sich im Verlauf zu großartiger Orchestermusik entwickelt.
Mit „Lost & Found“ wird die Musik ernster, ohne dabei ihre Schönheit einzubüßen. „All Imperfect Things“ – schon der Titel klingt wunderschön – ist schlichtweg Musik in ihrer schönsten Form.
Wieder mit mehr Schwung geht es weiter mit „Dreams of a Long Journey“. Hier zeigt sich, dass klassische Instrumentalmusik oft mehr Wirkung erzielt als andere instrumentale Genres – egal ob elektronisch, akustisch, Jazz, (Art)Rock oder Pop. Die geballte Kraft eines Orchesters und symphonische Klangwerke entfalten eine ganz besondere Wirkung auf den Hörer. Trotzdem höre ich solche Musik meist nur in Form von Filmmusik oder dann, wenn ein Orchester in einem anderen Musikgenre zum Einsatz kommt.
Vom Jubel des Publikums beflügelt, werden die Musiker mit einer Wiederholung von „Here to There“ belohnt.
Mit „The Upside Down Violin“, das aus drei Teilen besteht, bietet das Live-Album zudem eine Neukomposition, die bisher auf keinem Album von Nyman zu finden war.
Durch die Percussion und den Beginn des Stücks wird der Hörer in den Orient entführt, vielleicht sogar in die Welt von „1000 und einer Nacht“. Die Musik klingt sehr schön, sodass man sich gerne als Teil einer Karawane fühlt, die durch die Wüste zieht.
Dieses orientalische Gefühl bleibt auch im zweiten, schnelleren Teil „Faster“ erhalten. Wer gute Weltmusik schätzt, wird daran viel Freude haben. Besonders gefällt mir, dass Nymans Komposition weder kitschig noch anbiedernd klingt, sondern sehr authentisch wirkt. Die Musik fühlt sich echt an und ist ernst gemeint.
Im dritten Teil von „Upside Down Violin“ gewinnt der orchestrale Anteil wieder an Kraft und Dynamik, da die Streicher stärker hervorheben. So endet das Konzert nochmals sehr schwungvoll und mitreißend, was die Begeisterung für ein ganz besonderes Konzerterlebnis noch einmal steigert. Da wäre man gern live mit den Musikern in der Konzerthalle dabei gewesen. Hiermit verneige ich mich vor dem Ausnahmekünstler Michael Nyman.(659)
