
Peter Gabriel – So (1986/Vinyl ReRelease 2016)
Ich weiß gar nicht mehr, in wie vielen Versionen ich dieses Album habe. Ist aber auch egal – ich höre die Songs des Albums seit der ersten Veröffentlichung so oft und immer wieder gerne, wie bei kaum einem anderen Album – ein absolutes Lieblingsalbum – eine Platte für die Ewigkeit, und Peter Gabriel wurde spätestens mit dieser Platte zu einem meiner Lieblingsmusiker, und auch live habe ich ihn mir oft angehört und gesehen.
Jeder Song hat was – die Stimmungen wechseln von Song zu Song – alles ist großartig produziert, und von Art-Pop-Meilensteinen wie „Red Rain“ und „Mercy Street“ bis hin zu den Hits „Sledgehammer“ und „Don´t give Up“ ist der Inhalt der Platte einfach herausragend. So viele Highlight-Songs auf einem Album in solcher Qualität, die einen immer wieder packen – und sie machen immer noch beim Hören einen riesigen Spaß und fangen einfach nicht an, mich zu langweilen.
„Red Rain“ eröffnet das Album mit Atmosphäre und Emotion, „Sledgehammer“ lädt zum Tanzen und Partymachen ein. „Don´t give Up“ – da spürt man die Liebe und Zuneigung und das Zueinanderstehen in den Stimmen von Peter Gabriel und Kate Bush wie bei kaum einem anderen Duett. Und Peter Gabriel beweist sein Talent als Gospel-Sänger.
„That Voice Again“ ist eine der eher unbekannteren Nummern des Albums. Der anfänglich etwas fröhliche und ausgelassene Rock-Song wandelt sich zum anspruchsvollen Art-Rock-Stück und passt einfach klanglich und stimmungsvoll wirklich sehr gut zu den vom Stil her anderen Songs der Platte, weil einfach alles auf der Platte trotz Stilwechsel wie aus einem Guss klingt – Peter Gabriel und sein Produzententeam haben da sehr gut aufgepasst, dass die Songs alle vom Sound her eine Einheit bilden – und genau dies vermisse ich heutzutage bei so mancher Platte – da scheint man von einem Studio ins nächste gewechselt zu haben – hat mit verschiedenen Künstlern und Produzenten gearbeitet – und so klingt das auch – die Songs eines Albums bilden dann keine Einheit, sondern klingen genauso unterschiedlich wie ihre Produktionsweisen und driften vom Sound und der Stimmung einfach viel zu sehr auseinander. Ein gutes Album hört sich an wie eine fein und mit Finesse aneinander gereihte Einheit von Songs.
Ein weiteres absolutes Highlight ist „Mercy Street“ – der Song hat so eine großartige Atmosphäre und schlägt mich immer wieder in seinen Bann. Da fällt auch der Detailreichtum des Klangs der Vinyl-Neuauflage sehr schön auf.
„Big Time“ hat mich früher immer etwas rausgehauen – war mir fast schon zu unsympathisch geraten – fast zu plump – weil alle anderen Songs zuvor so herausragend waren. Mittlerweile mag ich den Song wegen seiner Sounds und Ideen dann doch wieder ganz gerne hören. Aber er wird nie einer der Top-Songs der Platte werden.
Fast-Instrumental: „We Do What We´re Told (Milgram´s 37)“ – erinnert noch vom Sound her am meisten an die Solo-Alben davor.
Auch immer wieder gut – der Song mit/von Laurie Anderson: „This Is the Picture (Excellent Birds)“.
Und ich glaub das eigentlich immer nicht, dass „In Your Eyes“ auf der Original-Platte gar nicht mit drauf war – der gehört für mich einfach immer auf dieses Album dazu. Bei dem Song ist ja auch der World-Music-Anteil am größten, und in den auf das Album folgenden Jahren wurden die Real World Studios ja auch zum großen Förderer der Weltmusik und haben die Musik von so manchen Musikern für westliche Hörer zugänglich gemacht.
Viele „Songs für die Ewigkeit“ und damit auch ein „Album für die Ewigkeit“ und ein Teil des Soundtracks meines Lebens. (544)

Peter Gabriel – i/o (bright side-mix) (2023)
Schon mit dem ersten Song bist du drin in der Welt von Peter Gabriel. „Panopticom“ ist sowas wie die Quintessenz des Schaffens des Solokünstlers Peter Gabriel. Da sind all die Sounds, Instrumente, Rhythmen und diese Stimme, die dich in die Welt von Peter Gabriel holen. Das klingt nicht veraltet – weil Peter Gabriel immer einen eigenen Klang hatte – doch man merkt auch bei „The Court“, dass er seinen Progrock-Wurzeln einfach treu bleibt. „Playing for the Times“ mit Orchester im Hintergrund klingt sogar wie eine alte Genesis-Nummer (aber es ist schön zu hören, wie gut Peter Gabriel noch seine Stimme einzusetzen kann). Titelstück „i/o“ – und ich bin als Peter-Gabriel-Fan einfach im Siebten Himmel – ist das schön. „Four Kinds of Horses“ verändert die Stimmung wieder – ist wieder düsterer und so ein atmosphärischer musikalischer Epos – wie es auch nur ein Peter Gabriel kann. Jemand aus meinem näheren Umfeld hatte die Vorveröffentlichungen der Songs im Internet gehört und meinte „das wäre ja alles nichts“. Da bin ich ja vollkommen anderer Meinung. „Road to Joy“ = 100 % Peter Gabriel! – der Song klingt wie ein Song von der „So“, als ob 1987 gestern gewesen wäre. „So Much“ – ruhiges Stück. Peter Gabriel am Piano. „Olive Tree“ – eine optimistische Hymne. Ruhiger, besinnlich – „Love can heal“. Das Einzige, was man Peter Gabriel bei der Platte vorwerfen könnte, ist, dass er zu sehr noch sich selbst klingt – aber dann gibt es Stücke wie „This is Home“ und das ist einfach nur gut, und ich freue mich einfach über eine so richtig gute Platte. Die Tempowechsel machen das Hören auch sehr abwechslungsreich. „And still“ ist noch mal ein Stück für Fans der ersten Stunde. Das letzte Stück ist „Live and let Die“ – nochmal ein kleines Musikjuwel. Da hat mich Peter Gabriel ja richtig begeistert und ein sehr schönes Vorweihnachtsgeschenk gemacht. -205

Gang of Four – Entertainment! (1979/Wiederveröffentlichung auf CD 1995)
Wie dem Booklet zu entnehmen ist, finden Musiker wie Michael Stripe und Flea dieses Album als „wegweisend“. Und schon mit „Ether“ wird klar, wie es dazu kommen konnte. Das klingt authentisch und frisch und hat was ganz Eigenes und klingt wie vieles, das „End 80er Anfang/90er-Alternative Acts“ auf Platte gepresst haben. Peppers, Primus, Fugazi – alles drin. „Natural´s not in it“ rockt richtig gut. Um als Post-Punk zu gelten, ist das alles zu funkig und rockig meiner Meinung nach – auch „Not great men“ mit Funkbass. Daher ist die Platte eher eine Blaupause für guten Alternative Rock und Crossover. „Danaged goods“ geht mehr in Richtung „New Wave“, klingt aber wie geschrieben sehr frisch – könnte auch von „Arctic Monkeys“ und Co (IndieRock) sein. Nur ist diese Platte halt von 1979. „Return the gift“ ist New Wave mit etwas Punk-Attitüde.
(Irgendwo in einer ganz frühen Auslassung über Gehörtes steht, glaube ich, dass ich die Einordnung in Subgenres eigentlich total blöd finde und es nur „gute“ und „schlechte“ Musik gibt. Aber um verständlich einen Eindruck über das Gehörte zu schreiben, muss man sich wiederum den Subgenres bedienen, damit der Leser die Musik richtig verordnen kann. Schwierig.) „Guns before butter“ und „I found that essence rare“, „Glass“ sind Punkrock- und Indierock-Nummern. „Contact“ ist wieder funkiger und das sind auch meiner Meinung nach die besseren Nummern der Platte – die ein Mix aus Alternative Rock und New Wave sind (da gibt es bald Weiteres in der Art über „Prere Ubu“ zu berichten). „At home he´s a tourist“ – da hätte XTC vor der Aufnahme der zweiten Platte lernen können, wie man solche Songs richtig macht – aber die waren sicherlich zeitgleich im Studio. „5.45“ (Indierock) und „Anthrax“ beginnt mit verzerrten Gitarrenklängen und entwickelt sich zur einzigen echten Post-Punk-Nummer der Platte.
CD-Bonus-Stücke – „Outside the trains don´t run on time“ (New Wave/IndieRock), „He´d send in the army“ (Post-Punk), „it´s her factory“ (IndieRock)
Die Stärken liegen in den ersten vier, fünf Stücken des Albums – da stimmt alles.
Hab ich mal wieder viel zu spät entdeckt. Aber besser spät als nie und deshalb hört unermüdlich Musik, egal ob alt oder neu – es gibt immer noch so viel Gutes zu entdecken.

Garden State – Original Motion Picture Soundtrack (2004)
Den Film und den Soundtrack werde ich immer zu Gute halten, weil ich dadurch Frou Frou und somit Imogen Heap kennengelernt habe.
Als erstes Stück gibt es Coldplay, eine Band, die ich früher sehr mochte, die mir aber als Pop-Vehikel von Chris Martin mittlerweile nicht mehr so gefällt. Coldplay ist somit eine Band, die früher richtig gut war und die es immer noch irgendwie gibt. Damit reiht sie sich in viele andere ein, was es Fans manchmal schwer macht, sich weiterhin als solche zu bezeichnen. Doch „Don't Panic“ ist und bleibt ein richtig guter Song.
Guter Indie-Pop-Rock folgt mit „Caring is Creepy“ von den Shins, die auf der Platte gleich zweimal vertreten sind. Dazu kommt eine schöne Ambient-Electronic-Nummer vom Duo Zero 7: „In the Waiting Line“. Die Shins sind noch einmal mit „New Slang“ vertreten – eine feine Folk-Pop-Nummer.
Mit Men at Work wurde Colin Hay weltberühmt, als Singer/Songwriter-Solokünstler ist er leider total unterschätzt. Wie gut er ist, hört man am besten bei „I Just Don't Think I'll Ever Get Over You“.
Das ist alles sehr schön, was auf der Platte zu hören ist. So ist auch „Blue Eyes“ von den Singer-Songwritern Cray Brothers einfach nur schön, ebenso wie „Fair“ von der Band Remy Zero.
Zwei Song-Klassiker finden sich ebenfalls auf dem Soundtrack. Der erste ist „One of These Things First“ von Nick Drake. Für Abwechslung sorgt dann die Thievery Corporation mit ihrem Ethno-Chillzone-Beat-Track „Lebanese Blonde“. Der zweite Klassiker ist „The Only Living Boy in New York“ von Simon & Garfunkel.
Ruhiger Singer-Songwriter-Folk folgt mit „Such Great Heights“ von Iron & Wine. Danach kommt der wunderbare Indie-Pop-Song „Let Go“ von Frou Frou.
Den Abschluss bildet der Singer-Songwriter-Song „Winding Road“ von Bonnie Somerville.
Song-Sammlungen ohne schlechte Songs sind etwas sehr Schönes – ebenso wie dieser wunderbare Soundtrack. (305)

Genesis – Abacab (1981)
Das Album „Abacab“ von Genesis habe ich immer gerne gehört. Das liegt vor allem am rockigen Titeltrack „Abacab“, bei dem Tony Banks zeigt, wie bereichernd Tasteninstrumente für einen Rocksong sein können. Das Stück nimmt mich einfach immer mit, und das jetzt schon seit 22 Jahren. Ein weiterer Song, der zum Erfolg des Albums beiträgt, ist natürlich „Man on the Corner“ auf Seite 2 – ein Stück, das ich jahrelang vor mich hingesungen habe, genau wie einige Klassiker von The Police.
„No Reply at All“ klingt mit seinen Bläsern fast wie ein Phil Collins-Solostück, doch an den Tempowechseln erkennt man, dass es ein Genesis-Song ist.
„Me and Sarah Jane“ mochte ich immer sehr. Die Nummer ist eine ungewöhnliche Mischung aus Prog-Pop-Rock und Psychrock, die wirklich gut funktioniert.
„Keep in Dark“ hat sich bislang nicht richtig in meiner Erinnerung festgesetzt, aber auch bei diesem Stück finde ich die Synthesizer-Sounds als wertvolle Ergänzung zum rockigen Grundrhythmus. Die Schlagzeugpassagen sind ebenfalls großartig produziert von Hugh Padgham und Genesis. Das Album verfügt über einen eigenen Sound, der es aus dem Gesamtwerk von Genesis heraushebt – auch wenn die alten Anhänger von Steve Hackett und Peter Gabriel wahrscheinlich anderer Meinung sind.
„Dodo/Lurker“ eröffnen die zweite Seite ebenfalls sehr rockig. „Who Dunnit?“ ist zwar etwas nervig geraten, aber zum Glück recht kurz. Danach folgt der bereits erwähnte Lieblingssong „Man on the Corner“. „Like It or Not“ ist fast schon eine klassische Genesis-Nummer, packt mich aber genauso wenig wie „Another Record“. Irgendwann hat man sich dann auch an der Platte sattgehört.
Bei „Abacab“ ist es nicht die Menge der Songs, die begeistert, sondern vielmehr die wenigen Stücke, die dafür richtig begeistern. (159)

Get Shorty – Original Motion Picture Soundtrack (1995)
Die meiste Musik stammt von John Lurie, der die Songs für diesen Film komponiert hat. Zwei weitere Stücke stammen von Booker T. & the MG´s sowie von Morphine, jeweils ein Song stammt von Medeski Martin & Wood, Us3 und Greyboy.
Das Album beginnt mit „Chilli Hot“ von Us3. Dieser Song wurde speziell für den Filmsoundtrack aufgenommen und setzt mit seinem coolen, swingenden Soul-Jazz den Ton sowohl für den Film als auch für die weitere Musik. Das bekannteste Stück von Us3 ist „Cantaloop“, und diese Nummer erinnert stark daran, was als Lob zu verstehen ist. Aus dem Jahr 1962 stammt „Green Onions“ von Booker T. & the MG´s, ein instrumentaler Soulrock der Spitzenklasse, der auch heute noch hervorragend funktioniert.
Die Stücke von John Lurie verbinden Rock, Soul und Jazz zu einer peppigen Fusion, die genau wie der Film richtig gute Laune macht. Ich möchte die Titel hier nicht alle einzeln aufzählen. Außerdem sollte ich unbedingt einmal in die Alben der Lounge Lizards hineinhören. Die Independent-Band Morphine kombiniert ebenfalls Jazz und Rock, klingt mit dem Song „I Had My Chance“ aber wesentlich düsterer als das zuvor Gehörte – dennoch gut. Leider gibt es von der Band nur fünf Alben, aber ich werde auf jeden Fall mehr davon hören. Zum coolen Jazz von Lurie und Us3 passt auch der Song „Panacea“ von Greyboy, ein schöner, flotter Lounge-Jazz.
Der zweite Song von Morphine, „Bo’s Veranda“, klingt wieder etwas anders. Mit einer Mischung aus Flamencogitarre und düsterem Soul-Jazz ist er richtig gut. Ich werde definitiv mehr von Morphine hören. Der zweite Song von Booker T. & the MG´s, „Can’t Be Still“, ist swingender Rock’n’Roll, der die Stimmung sofort wieder auf Partylaune hebt. „Chubb Su“ von Medeski Martin & Wood fügt sich nahtlos in den Sound von John Lurie und Booker T. ein.
Insgesamt ein wirklich cooler Film mit ebenso cooler Musik – beides lohnt sich.(260)

Beth Gibbons - Lives outgrown (2024)
Ich liebe den Song „Tom the Model“ von dem Album, das Beth Gibbons gemeinsam mit Rustin Man (Paul Webb) aufgenommen hat. Über ihre Alben mit Portishead kann ich gerade nicht viel schreiben, da ich sie erst (wieder) richtig hören muss. Im Kopf habe ich vor allem noch den Song „Glory Box“. Doch da seit Erscheinen von „Tom the Model“ inzwischen zweiundzwanzig Jahre vergangen sind – unglaublich, wie die Zeit vergeht – war ich neugierig, welche Musik Beth Gibbons jetzt solo macht.
Nach Paul Webb unterstützt sie bei diesem Album ein weiteres ehemaliges Mitglied von Talk Talk: Neben James Ford, der den größten Teil der Musik beigetragen hat, ist diesmal auch Lee Harris, der Schlagzeuger von Talk Talk, mit dabei.
Der Musikstil des Albums wird als Chamber Pop bezeichnet, für mich ist es vielmehr eine Mischung aus (Psych)Folk und Art-Rock. Die Musik spricht besonders Fans des „Out of Season“-Albums sowie der letzten beiden Talk Talk-Platten an. Eine treffende Beschreibung wäre auch: als hätten sich Talk Talk und Kate Bush zu einem Album zusammengefunden. Trotz der Kunstfertigkeit und der sensiblen kammermusikalischen Instrumentierung sind die Songs keineswegs schwer oder komplex im Sinne von unzugänglich. Sie nehmen mich als Hörer mit, fangen mich ein und entführen mich für die Länge des Albums aus der Wirklichkeit, ohne dabei ihre Authentizität zu verlieren. Genau so ein Album ist dieses – und ein wirklich gutes dazu.
Ein großartiger Einstieg ist der Folk-Rock-Song „Tell Me Who You Are Today“. Hier stimmt alles, und der Song zieht den Hörer in eine andere musikalische Welt. Mit nur etwas ungewöhnlicher Instrumentierung schafft es Beth Gibbons bei „Floating on a Moment“ sogar, die Kunstfertigkeit einer Kate Bush zu erreichen. Auch das ist ein großartiger Song: geisterhafter Folk-Rock, dabei aber filigran und geheimnisvoll.
„Burden of Life“ ist Mystery-Orchestral-Folk und erinnert mich sehr an das Material vom „Out of Season“-Album. Aber auch das müsste ich zur Auffrischung bei Gelegenheit wieder hören – es gibt einfach zu viel Musik und zu wenig Zeit.
Prog-Rock-Fans dürften bei einem Stück wie „Lost Changes“ in Verzückung geraten. Das Album und diese Musik wirken vollkommen zeitlos und scheinen daher für lange Zeit hörbar und relevant zu bleiben. Der Begriff „zeitlos“ wurde für ein Album wie dieses erfunden.
Etwas treibender und aggressiver wird es dann mit „Rewind“. Wer Musik von „Dead Can Dance“ und ähnlichen Gruppen mag, wird auch an diesem Song Gefallen finden. Ich bin begeistert – so gut Anspruch, Kunst und Musik zusammenzubringen, ist wirklich ein Kunststück. Auch im Song „Reaching Out“ entdecke ich keine Schwachstellen.
Progressive Folk bietet „For Sale“. Den Ethno-Touch, den man von manchen „Dead Can Dance“-Stücken kennt, findet man auch bei „Beyond the Sun“. Zum Abschluss gibt es mit „Whispering Love“ noch ruhigen, melancholischen, schönen Folk.
Diese Platte ist große Kunst und bietet ganz wundervolle Musik. (389)

Rhiannon Giddens – You´re the One (2023)
Rhiannon Giddens wurde als Mitglied der „Carolina Chocolate Drops“ bekannt, hat aber auch seit 2015 als Solokünstlerin Alben veröffentlicht. Sie ist an Musikprojekten wie den „New Basement Tapes“ und der Band „Our Native Daughters“ beteiligt und hat gemeinsam mit ihrem Lebenspartner, dem italienischen Multiinstrumentalisten Francesco Turrisi, Alben aufgenommen. Außerdem erhielt sie einen Pulitzer-Preis für eine Oper über die Versklavung eines westafrikanischen Theologen. Ihre Musik ist anspruchsvoll, verbindet jedoch auch Elemente von Pop-Rock mit Country, Folk und Blues.
Das Anfangsstück „Too Little, Too Late, Too Bad“ ist ein direkt nach vorne gehendes Blues-Rock-Stück. Besonders hörenswert finde ich jedoch das Titelstück „You’re the One“, eine gelungene, zarte Pop-Rock-Nummer. Als Sängerin beherrscht Rhiannon Giddens Blues, Soul und Pop hervorragend. Sie könnte bestimmt auch Jazz-Standards souverän interpretieren.
Bei „Yet You Be“, einem Roots-Stück, wird sie von Jason Isbell unterstützt. Das ist sicherlich ein Grund, das Album noch mehr zu schätzen. Das Stück wirkt zwar fast wie klassischer Country-Folk-Rock, gewinnt aber an Würze und Schwung. Am Ende klingt es sogar zart folkig, bleibt jedoch kein zwingender Kaufgrund allein wegen Isbells Auftritt. Dennoch ist es eine schöne Überraschung.
Mit viel Seele überzeugt „Wrong Kind of Right“. Bei „Another Wasted Life“ erinnern mich Sound und Stimme an die Musik von „Cold Specks“, was mich ebenso für den Song einnimmt.
Eine ausgezeichnete und vielköpfige Band verleiht Stücken wie „You Louisiana Man“ zusätzliche Klasse, da sie Cajun und Blues wirkungsvoll vereint.
Süßer Country-Folk steckt bereits im Titel von „If You Don’t Know How Sweet It Is“. Für mich ist es klassischer Folk-Rock.
Gut gerockt wird „Hen in the Foxhouse“. Rhiannon Giddens schrieb die Songs über einen Zeitraum von vierzehn Jahren, was die Stilvielfalt des Albums erklärt. Die Lieder waren ursprünglich nicht als Einheit gedacht, sondern wurden zusammengetragen.
Was Jazz-Standards angeht, schafft sie sich diese mit „Who Are You Dreaming Of“ quasi selbst.
Etwas aus der Zeit gefallen wirkt der Song „You Put the Sugar in My Bowl“. Das Album verknüpft Gegenwart und Vergangenheit gut, ohne dabei zu nostalgisch zu sein. Vielmehr scheint Rhiannon Giddens Spaß daran zu haben, sich in unterschiedlichen Genres auszuprobieren – und das gelingt ihr meist sehr trefflich.
Mit ihrem Instrument, dem Banjo, zeigt sie schließlich noch einmal echten Roots-Country-Folk in „Way Over Yonder“.
Als Rausschmeißer dient das kurze „God Ol’ Cider“.
Nicht alle Songs auf dem Album sprechen mich an. Manches wirkt auch etwas überladen, da Rhiannon Giddens zu sehr zeigen will, wie gut sie singen kann. Etwas Understatement hätte manchen Liedern gutgetan. Andererseits ist es vielleicht nicht fair, von einer großartigen Sängerin zu verlangen, nicht immer mit voller Kraft zu singen. Schließlich kommt es doch auch auf die Nuancen an.
Am meisten packt mich das Songmaterial, wenn es etwas rockiger ist – davon gibt es zum Glück mehrere Stücke. Insgesamt ist das Album keine schlechte Entdeckung.(568)

Gilberto Gil – Um Banda Um (1982)
An Gilberto Gil gefällt mir, dass er als brasilianischer Musiker einen Gegenentwurf zu João Gilberto und dessen melancholischem Bossa Nova darstellt. Die Alben, die ich bisher von ihm gehört habe, sind meist voller fröhlicher, akustischer Lieder, die viel südamerikanische Lebensfreude widerspiegeln und zum Mitfeiern einladen.
Genau diese Erwartungen an seine Musik bestätigt Gilberto Gil mit dem Titeltrack „Banda Um“. Natürlich ist auch bei ihm der Bossa Nova zu hören, doch eher dezent im Hintergrund als Erkennungszeichen, dass hier ein Brasilianer musiziert. Bei diesem Album merkt man deutlich, dass es aus den frühen 1980er Jahren stammt. Die elektronischen Keyboards sind präsent, halten sich bei „Afoxé É“ aber im Hintergrund; das Stück macht mit seinem ausgelassenen Refrain viel Spaß. Manche halten Gilberto Gils Musik auch für Reggae – und so falsch liegt man damit nicht. Es ist brasilianischer Reggae.
„Metáfora“ ist ein ruhiger Song. Mein Portugiesisch reicht nicht aus, um etwas zum Textinhalt zu sagen, doch man spürt eine positive Grundstimmung, die sich auf den Hörer überträgt. „Deixar Você“ ist Soul-Pop. Die Produktion der Platte ähnelt der Qualität zahlreicher Jazz- und Soul-Alben der 1980er Jahre: elegant, etwas zu glatt. Um den Hörer mitzunehmen, muss der Song also überzeugen – und darauf kann sich Gilberto Gil als ausgezeichneter Songwriter problemlos verlassen. Das Album langweilt kaum, es nimmt einen mit.
Zugegeben, nicht jeder Song funktioniert. „Pula, Caminha“ wirkt einfach zu harmlos und belanglos.
Mit „Andar Com Fé“ haben wir einen wirklich schönen Gilberto-Gil-Song, bei dem schlechte Laune, falls vorhanden, weggesungen wird. „Dráo“ klingt eher nach Jazz als nach melancholischem Pop. Eine echte Reggae-Nummer ist „Esotérica“, eine ebenfalls gelungene Jazz-Nummer „Menina do Sonho“. Bei „É Menina“ überzeugt der gekonnt eingesetzte Gesang, sowohl von Gilberto Gil als auch von seinen Backgroundsänger:innen.
Mit „Nossa“ kommt schließlich doch noch eine richtige Bossa-Nova-Nummer zum Einsatz – ohne sie geht es in Brasilien wohl wirklich nicht. Dennoch hat Gilberto Gil mit diesem Album meine Erwartungen voll erfüllt: meist „Gute-Laune-Musik“ mit viel Lebensfreude, und das auf sehr hohem Niveau. (143)

Glass Museum – Reflet (2022/Vinyl)
Piano und Keyboards, gespielt von Antoine Flipo, sowie Drums und Percussions, gespielt von Martin Grégoire, bilden die Grundlage der Musik von Glass Museum. Ich weiß nicht genau, wie man diese Musikrichtung eigentlich nennen soll. Es ist eine Mischung aus Jazz und Rock. Es handelt sich um Instrumentalmusik, aber weder um Klassik noch um reine Elektronik. Als begeisterter Besucher des „Traumzeit“-Festivals würde ich sagen, es ist „Gebläsehallen-Musik“. Denn genau das ist es. Hören Sie sich die Musik von Grandbrothers, Mammal Hands, Martin Kohlstedt und Hauschka an – anspruchsvolle Instrumentalmusik, die in viele verschiedene Kategorien passt oder sich kaum eindeutig einordnen lässt.
„Glass Museum“ war eine solche Entdeckung bei den Gebläsehallen. Schlagzeug und Drums, eingebettet in eine Industrieumgebung mit Licht, erzeugten die beiden Musiker Klangwelten. Jeder Song öffnet neue Türen, lädt den Hörer zum Eintauchen ein und lässt ihn erst mit der letzten Note wieder los. Das ist zu schade, um nur als Hintergrundmusik einen Raum aufzuwerten – diese Musik will gehört und erlebt werden. Teilweise laden einige Songs sogar zum Tanzen ein. So lässt sich die Musik mit dem ganzen Körper erfahren. (87)

Godley & Creme – The History Mix Volume 1 (1985)
Wenn man, wie ich, erst durch „Cry“ und dieses Album in das Universum von Kevin Godley und Lol Creme eingetaucht ist und nicht weiß, was die beiden zuvor gemacht haben, erlebt man einen durchaus gewagten, aber lohnenden Mix aus Pop, Artpop und Entertainment. Beschäftigt man sich später näher mit dem Album, stellt man fest, dass der Plattentitel durchaus ernst gemeint ist und es sich bei den meisten Stücken um wiederverwertetes Songmaterial handelt, sowohl aus ihrer Solozeit als auch aus der Zeit, in der sie bei 10cc, Doctor Father und Hotlegs aktiv waren. Im Interview geben sie zu, dass sie das alte Material mithilfe eines Fairlight (CMI) und des Produzenten sowie Art-of-Noise-Mitglieds J.J. Jazcalik einfach für eine kleine Jubiläumsfeier aufgehübscht haben – das Album erschien zum Zeitpunkt der fünfundzwanzigjährigen Zusammenarbeit des Duos. Schön ist dabei, dass trotz dieses Mixes auch Neues entstanden ist, wie einer meiner Songs für die Ewigkeit namens „Cry“.
Das Medley „Wet Rubber Soup“ klingt stark nach den 80er-Jahren, denn die damals typischen Soundeffekte wurden beim Einstieg mit der Wiederverwertung von „Rubber Bullets“ bis zum Äußersten ausgereizt. Ich kann mich an diesen Part kaum erinnern, obwohl ich die Platte relativ oft gehört habe – vielleicht aber nur ausgewählte Stücke. Der Rap, den Godley & Creme hier mit Rockelementen und anderem mischen, ist sehr gewagt, bietet aber zeitweise auch wirklich tolle Momente, etwa durch die Passagen mit Streichersamplings. Damit sind wir dann schon beim 10cc-Hit „Minestrone“ angekommen. Ernsthaft oder wirklich gut nennen kann man das nicht, auch wenn man am Ende mit „I’m not in Love“ teilweise fürs Durchhören belohnt wird. Zuvor gibt es noch eine ganz ordentliche Elektronikmusik-Passage, doch im Mega-Mix-Gewand muss man sich eingestehen, dass die Macher des History-Mixes wohl mehr Spaß beim Erstellen hatten als ihre Hörer beim Zuhören. Was sie aus „I’m not in Love“ machen, bleibt jedoch ein sehr gutes Intro für den folgenden Hit „Cry“, der den Rest der ersten Plattenseite einnimmt.
Auf dem Originalalbum setzte sich die Wiederverwertung mit weiteren Collagen und älteren Nummern fort. Für die „Internationale Ausgabe“ der LP gab es jedoch vier eigenständige Stücke, darunter „An Englishman in New York“, das nichts mit dem Sting-Titel gemein hat, aber ebenfalls zu den bekannteren Stücken des Albums zählt.
„Light Me Up“ ist ebenfalls ein neuer Titel und ein recht guter Popsong mit Soul-Einschlag. Auch an diesen Titel erinnere ich mich kaum, und dabei fällt auf, dass Godley & Creme in dem Song ein Element verarbeitet haben, das sie zuvor für den Remix von „I’m not in Love“ verwendet hatten. Ansonsten klingt der Song wie eine gute George-Michael-Nummer.
Der Song „An Englishman in New York“ stammt eigentlich vom Album „Freeze Frame“ (1979) und ist eine Musikcal-Pop-Nummer, die teilweise sehr dramatisch, aber mit einigen charmanten Momenten versehen ist. Dagegen ist „Save a Mountain for Me“ vom Album „Birds of Prey“ (1983) eher zu seicht – was ich bei mehr als nur einem 10cc-Stück so sehe. Vielleicht verstehe ich einfach nicht den Humor, der in solchen Nummern steckt.
„Golden Boy“ bietet einen schönen Abschluss: Der Schlagerpop ist einfach ansprechend serviert, wenn auch sehr kitschig, doch irgendwie mag ich den Song.
Godley & Creme nehmen sich nicht allzu ernst und erwarten das auch von ihren Hörern über einen Großteil des Albums. Alle, die einen guten Popsong schätzen, werden mit „Cry“ und dem (wiederentdeckten) „Light Me Up“ fürs Durchhalten beim Hören belohnt. Einen beträchtlichen Teil der Musik auf dieser Platte kann man jedoch, so wie ich, auch schnell wieder vergessen. Da ich die Maxi von „Cry“ besitze, brauche ich das ganze Album eigentlich nicht mehr im Regal. (582)

„Gone in 60 Seconds“ (Motion Picture Soundtrack, 2000)
Den Film „Nur 60 Sekunden“ mochte ich nicht besonders, aber die Musik des Films gefiel mir dafür umso mehr. Auf der CD tummeln sich hauptsächlich Künstler aus den Bereichen Elektro, Groove, Dance und Rap.
Auch gerockt wird, wenn auch nur in einem Blues-Rock-Stück, nämlich beim Einstiegsstück „Painted on my Heart“ von The Cult. Der Song tut weder weh, noch erzeugt er richtige Begeisterung – Ähnliches gab es einfach schon zu oft. „Machism“ von Gomez ist dagegen ein besserer Song. Locker groovende Elektrosounds werden hier durch Rocksamples aufgefrischt. Gar nicht schlecht. „Flower“ von Moby ist natürlich richtig gut. Der groovende Südstaaten-Kindergesang-Sample wird mit Elektro-Klavier und einer Drum-Machine verbunden. So etwas kann Moby richtig gut. „Rap“ von Groove Armada zeichnet genau das aus, wofür Groove Armada bekannt ist – eine gelungene Mischung aus Rap und Trip-Hop. Der Superknaller von den Chemical Brothers, „Leave Home“, darf ebenfalls nicht fehlen. Noch mehr Rap gefällig? „Rockwilder“ von Method Man & Redman groovt angenehm und ist erfreulich kurz. „Roll all Day“ von Ice Cube ist Rap für Autofahrer – also passend zum Film, wenn auch nicht ganz mein Geschmack. Auch dieser Rap klingt noch groovig und fällt nicht unangenehm auf. „Sugarless“ von Caviar ist noch einmal ganz rockig und klingt teilweise sogar etwas punkig. Zusammen mit Mike Doughty, der dem Song seine Stimme leiht, ist das Stück „Never Gonna Come Back Down“ von BT ganz nett – als reiner Indie-Rocksong von Mike Doughty wäre es aber schöner, denn den ganzen elektronischen Firlefanz braucht der Song nicht. „Too Sick to Pray“ von Alabama 3 erinnert stark an die Titelmusik der „Sopranos“ – was nicht überraschend ist, da beide von derselben Band stammen. Zur Rap-Party ruft DMX mit „Party Up (Up Here)“ auf. In der Kategorie Knallersongs fällt auch „Stop the Rock“ von Apollo 440 auf. Danach folgt Citizen King mit „Better Days (And the Bottom Drops Out)“. Der groovt zwar ganz ordentlich, wirkt aber etwas langweilig und ist unnötig langgezogen. Vergleichbare Songs hat man zudem schon oft besser gehört. Zum Schluss kommt „Boost Me“ von Trevor Rabin. Rabin war früher Mitglied der Prog-Rock-Band Yes, ist aber eher für seine Filmmusik bekannt. Der aufdringliche Heavy-Metal-Part des Stücks ist wirklich misslungen.
Die reinen Elektro-Groove- und Tanznummern sowie die Rap-Stücke sind wirklich gut, nur die Rocksongs des Soundtracks konnten nicht überzeugen. Insgesamt aber ist es ein wirklich guter Soundtrack und eine musikalische Reise zurück zur Tanzmusik der frühen 2000er Jahre. (248)

José González – Veneer (2003)
Der schwedische Musiker José Gonzáles macht solo und mit der Band „Junip“ zurückhaltenden Indie-Singer/Songwriter-Rock, der durch seine musikalische Qualität lange im Gedächtnis bleibt. Hat man einen Song wie „Crosses“ einmal gehört, ist man diesem Sound verfallen. So ging es mir auf jeden Fall vor vielen Jahren. José Gonzáles macht unaufdringliche Musik, die sich dennoch auf eindrucksvolle Weise bemerkbar macht.
Zurzeit stehe ich ebenfalls sehr auf zurückhaltenden Indie-Folk. Nach „Hurray for the Riff Raff“ und dem Wieder- sowie Neuentdecken von „This is the Kid“ bin ich gerade besonders empfänglich für eher leise Singer/Songwriter-Songs – vorausgesetzt, sie sind gut gemacht und gespielt.
Direkt „Slow Moves“, das nur aus sanftem Saiteninstrumentenspiel und Gesang besteht, fängt mich auf ganz einfache Weise wieder ein. Ähnlich verhält es sich bei jedem Song auf der Platte – es braucht auch nicht mehr, um intensive und entspannte Musik zu schaffen, das höre ich beispielsweise auch bei „Remain“.
Das Album klingt insgesamt wie ein intimes Livekonzert. Vielleicht ist das der Grund, warum es so gefällt – weil es persönlich wirkt.
Das Gitarrenspiel ist einfach großartig und wird nur von leichten Percussion-Elementen und Klatschen begleitet. Da die Songs alle recht melancholisch geraten sind, sind sie trotz einfacher Gestaltung keine leichte Kost.
„Heartbeats“ ist deutlich zurückhaltender Pop und wunderschön. Das Stück stammt im Original von dem Duo „The Knife“.
Auch das selbst geschriebene „Crosses“ fasziniert mich immer wieder mit seiner Qualität. Dabei bin ich zunächst auf eine Remix-Version mit Beats hereingefallen.
Danach wird es wieder melancholisch: „Deadweight on Velveteen“ präsentiert akustischen, düsteren Singer/Songwriter-Folk. Ich vermute, dass José Gonzáles aufgrund seines einfachen, vielseitigen Sounds so erfolgreich ist. Er schenkt den Hörern eine intensive Ruhepause.
Da die Zutaten der Stücke inzwischen bekannt sind, stellt sich beim Durchhören – selbst bei der relativ kurzen Laufzeit – spätestens bei „All You Deliver“ ein gewisses Sättigungsgefühl ein. Es ist zwar schön, was ich höre, aber langsam wird es auch zum Hintergrundrauschen.
Die ersten Klänge von „Stay in the Shade“ wecken mich jedoch wieder auf, denn dieses Stück besitzt eine besondere Qualität. Ein wirklich schöner Song.
Auch „Hints“ lässt einen aufhorchen – die Gitarrenmelodien, die der Schwede dort spielt, sind einfach großartig.
Danach nehme ich noch das sanfte „Save Your Day“ und das kurze „Arrows“ mit.
Mit einem solchen Debüt zieht man auf jeden Fall Aufmerksamkeit auf sich, doch es dauerte zwei Jahre, bis das Album europaweit erschien, und weitere zwei Jahre, bis es die USA erreichte. Da ich vor diesem Hörgenuss bereits Alben von ihm und Junip kannte, fiel es mir als Hörer jetzt sehr leicht, Zugang zu José Gonzáles zu finden. Ich mag dieses intensive, unaufdringliche Klangbild sehr – denn es passt eigentlich in jede Lebenssituation und schenkt mir eine spannende Erholung. (570)

José González – Local Valley (2021)
Singer/Songwriter, die hauptsächlich die Akustikgitarre nutzen, kombiniert mit leicht halligem Gesang und einem einfach wirkenden, aber dennoch wunderschönen Klang – das klingt fast zu positiv, trifft jedoch genau auf die Musik von José González zu. Das zeigt direkt das Eröffnungsstück „El Invento“. Bei José González vermisst man weder Schlagzeug noch Bass oder einen Hintergrund aus Keyboardklängen. Für ihn genügen Gesang und Gitarre, um einen Song auszufüllen.
José González ist dabei etwas Besonderes, denn egal, ob als Solokünstler oder mit seiner Band Junip – seine Musik klingt immer unverwechselbar nach ihm. Hat man einen Song von ihm gehört, erkennt man ihn jederzeit wieder. Wenn man einen seiner Lieder ein zweites Mal hört, muss man nicht lange überlegen, wer der Interpret ist. Das gelingt nicht vielen Künstlern. Bei vielen der neueren Singer/Songwriter könnte ich beispielsweise nicht sofort sagen, ob ein Song von Noah Gundersen, Donovan Woods oder Joshua Hyslop stammt – alle drei finde ich ebenfalls sehr gut. Die Wiedererkennbarkeit ist dort jedoch deutlich schwieriger. (Diesen Satz habe ich nur eingefügt, um euch auf Noah Gundersen, Donovan Woods und Joshua Hyslop aufmerksam zu machen – die Aussage stimmt jedoch.)
Mit seiner neuen Platte erfindet sich der Musiker nicht neu – alles ist so wie immer, und das ist gut so. Er veröffentlicht auch nicht zu viel, sodass jeder neue Song gerne willkommen ist. Das lässt kaum Raum für Kritik an ihm oder der Platte. Wer gute Singer-Songwriter-Songs mag, die auch musikalisch viel zu bieten haben (hört euch nur einmal das großartige „Head On“ an), kommt hier voll auf seine Kosten.
In der zweiten Hälfte der Platte kommen ab und zu Rhythmusinstrumente und Bass zum Einsatz. Dort finden sich sogar recht fröhliche Melodien, die nach seinen südamerikanischen Wurzeln klingen. Diese zusätzliche Abwechslung steigert das Hörvergnügen noch einmal deutlich. (185)

Gossip – A Joyfull Noise (2012)
Die Band hieß früher auch The Gossip, und „A Joyful Noise“ ist bereits ihr fünftes Album. Mir ist sie allerdings erst mit diesem Werk aufgefallen – es gibt sicherlich auch noch vier weitere Alben, die man sich anhören sollte. Zu der Zeit von „A Joyful Noise“ bestand das Trio aus Beth Ditto, Nathan Howdeshell alias Brace Paine und Kathy Mendonca. Nach einer Auszeit besteht die Band bis heute unverändert in dieser Besetzung.
Die Musik der Band wird als tanzbarer Indie-Disco-Rock, Dance-Punk und Post-Punk beschrieben – ich würde sie eher als Power-Pop bezeichnen.
„Melody Emergency“ ist nicht nur der erste Titel der Platte, sondern auch das Stück, das mich dazu gebracht hat, das Album zu kaufen. Eine großartige Nummer mit einem tanzbaren Basssound und Rockgitarren im Refrain – eine starke Komposition und ein gelungener Mix aus Pop und Rock. Ein Song für die Ewigkeit. Beth Ditto wurde damit zum rockigen, rotzigen Gegenstück zu der sonst so aufgeräumt wirkenden Adele. Stimmlich waren die beiden Sängerinnen zu der Zeit jeweils eine Klasse für sich. Das Album mit einem Stück wie „Melody Emergency“ zu beginnen, ist schon eine mutige Entscheidung, denn man fragt sich, ob der Rest der Songs auch nur ansatzweise diesem Niveau gerecht werden kann.
Etwas stärker im Pop-Bereich und mit Disco-Anklängen ist „Perfect World“. Dieser Titel wurde auch häufig im Radio gespielt. Ist es also doch eher ein Album mit einem ausgeprägteren Pop- als Indie-Disco-Rock-Ansatz?
„Get a Job“ klingt wieder etwas frecher, ist aber von der Produktion her sehr glatt – ein Verdienst von Brian Higgins. Das stört mich nicht, da ich die Musik der Band nicht anders kenne. Insgesamt finde ich das in Ordnung, weil das Songmaterial einfach gut ist, und ich kann auch guter Popmusik durchaus etwas abgewinnen. „Get a Job“ ist ein gelungenes Pop-Stück, das auch heute, dreizehn Jahre nach seinem Erscheinen, noch frisch klingt.
Single-Material gibt es reichlich auf der Platte – zum Beispiel „Move in the Right Direction“, eine noch kraftvollere Power-Dance-Pop-Nummer.
Aufhorchen lässt „Casualties of War“, denn dieser Song ist neben dem typischen Single-Material ein wirklich guter Titel, bei dem mich Beth Ditos Gesang an Madonna erinnert.
Das Album steckt voller starker Hits. Dazu gehört auch „Into the Wild“. Neben Adeles „25“ zählt „A Joyful Noise“ sicherlich zu den besten Pop-Alben der 2010er Jahre.
Mit etwas House-Elementen versetzt ist „Get Lost“. Auch „Involved“ ist eine durchaus gute Nummer. Doch wenn man viele vergleichbare, auf Single-Niveau perfekt produzierte Stücke hintereinander hört, kann das ein wenig ermüden. Eine Ballade hier und da oder anspruchsvollere Songs wie „Casualties of War“ würden dem Album gut tun.
„Horns“ kommt da genau zur richtigen Zeit. Ich kenne viele Stücke, bei denen Madonna auf ihren letzten Alben einen ähnlichen Ansatz verfolgt hat, an dem sie jedoch kläglich gescheitert ist. Bei „Horns“ treffen Disco-Klänge aus vier Jahrzehnten großartig aufeinander.
„I Won’t Play“ klingt dann wieder ähnlich wie viele Madonna-Stücke ihrer letzten Alben, scheitert aber ebenso, weil ich das einfach schon zu oft gehört habe und es mir zu aufdringlich erscheint.
Mehr im Pop-Modus singt Beth Ditto auch bei „Love in a Foreign Place“. Auch hier erinnert die Stimme gelegentlich an Madonna, doch der Funke will nicht so recht überspringen.
Trotzdem ist „A Joyful Noise“ ein sehr gutes Power-Pop-Album, das nicht gealtert ist und dies auch in absehbarer Zeit nicht tun wird. Glück für die Band, dass der Sound der 2000er Jahre wohl das ganze Jahrtausend über gleich bleiben wird. (523)

Manuel Göttsching – E2-E4 (1981 aufgenommen, 1984 erstmalig erschienen). Aktuellste Fassung ist die „35th Anniversary Edition“
Manuel Göttsching zählt zweifellos zu den bedeutenden Persönlichkeiten der elektronischen Musik, des Krautrock und der Avantgarde. Gemeinsam mit Klaus Schulze schrieb er in den 1970er Jahren als Teil von Ash Ra Tempel frühe deutsche Musikgeschichte.
Später veröffentlichte er auch Soloalben und ging mit verschiedenen Musikern auf Tour. Nach einer Tour mit Klaus Schulze im Jahr 1981 hatte Manuel Göttsching erneut Lust, Musik zu machen. Er ging in sein eigenes Studio, drückte die Aufnahmetaste und legte los.
Er spielte einen einzigen langen Song mit Keyboards und Sequenzern. Die Grundmelodie des Stücks zieht den Hörer mit und das, ohne dass sich in den nächsten 30 Minuten viel verändert. Man ist gefesselt und mitgenommen von dieser Melodie. (Moment, war ich nicht gerade derjenige, der behauptet hat, dass elektronische Musikstücke, bei denen zu lange nichts Neues passiert, langweilig werden? Genau. Es gibt aber Ausnahmen – und diese Melodie ist eine davon. So kraftvoll, zeitlos – tatsächlich könnte die Aufnahme auch von heute oder gestern stammen – zieht sie einen mit, ähnlich wie bei einem guten Live-Track, bei dem man sich wünscht, dass das Solo niemals endet. Genau so ist es bei „E-2-E4“.)
Übrigens ist Göttsching gelernter Gitarrist, weshalb in dem Stück ab und zu, etwa ab Minute 30, eine wunderbar gespielte E-Gitarre zu hören ist.
Wer sich von zeitloser Elektronikmusik mitreißen lassen möchte, ist hier genau richtig. Unmelodischen Ambient-Sound finde ich persönlich sterbenslangweilig. Dieses Stück ist einfach mehr. Ich bin allerdings auch mit „Tangerine Dream“ aufgewachsen, was sicherlich meine Vorliebe prägt. 46

Jon Dee Graham – Garage Sale (2013)
Jon Dee Graham ist seit vielen Jahren ein fester Bestandteil der Musikszene von Austin, Texas. Dort hat er sowohl als Solokünstler, mit Bands als auch als Gastmusiker gearbeitet. Ich wurde durch einen Song auf einem Sampler auf ihn aufmerksam und mochte sein rockiges, kraftvolles, dabei aber auch sehr unterhaltsames Album „Full“ von 2006 sofort. Deshalb habe ich mir noch zwei weitere Alben von ihm zugelegt.
Für „Garage Sale“ erhielt Graham von einem befreundeten Tonstudiobesitzer geschenkte Aufnahmezeit, sodass er seiner Kreativität freien Lauf lassen konnte.
Die Kombination aus ruhigen und rauen Klängen zeigt sich bereits im Eröffnungsstück „Unafraid“, das zumindest größtenteils diesen Eindruck vermittelt. Als Einstieg ist es gelungen, denn es verrät kaum, wie es im weiteren Verlauf des Albums weitergeht. Der flotte Rock des erwähnten Albums „Full“ setzt sich auch im zweiten Stück nicht fort. Stattdessen klingt „Yes Yes“ wie ein melancholisches Stück von The National, wobei Graham den Text ähnlich wie Tom Waits vorträgt. Begleitet wird es von sanftem Klavier und einer sehr zurückhaltenden Gitarre. Ein sehr schönes Stück. Flotter und folkiger geht es mit „Orphans’s Song“ weiter, bei dem auch ein klarer Country-Einschlag zu hören ist. Traditioneller Folk bestimmt „O Dearest One“. Mit „Bobby Dunbar“ erinnert Graham erneut an Tom Waits. Ein guter, leichter Folk-Rocksong ist „Just like That“. Auf dem Album geht Jon Dee Graham spürbar ruhiger zu Werke, hier zeigt er sich mehr als Singer/Songwriter denn als Rockmusiker, was ihm ebenfalls gut gelingt.
„Codeine/Codine“ beweist, dass Blues sehr sanft sein kann, wenn er in diese Art von Song eingearbeitet wird. Das instrumentale Stück „#19“ klingt nach Südseeinselromantik und erinnert bereits an Jazz. Danach wird es mit „Collapse“ nochmal etwas schrammeliger und lauter – Garagenrock. Richtig kraftvoll wird es schließlich bei „Where were yr Friends?“, das dem Cow-Punk zuzuordnen ist. Verspielt, aber sehr überzeugend klingt auch „Radio Uxtmal (Venceremos)“. Dieses Stück hätte ich gerne öfter auf dem Album gehört.
„Garage Sale“ ist kein einfaches Album, sondern das Werk eines gereiften Musikers, der viel erlebt, gehört, gespielt und geschaffen hat – und dies auf dieser Platte zusammengefasst hat. (308)

Grandaddy – Sumday (2003)
Grandaddy bieten entspannten, lockeren Indie-Rock. Statt auf Aggressivität und Partylaune zu setzen, gehen sie es ruhiger an – der zweite Song heißt auch „I’m on Standby“ – dennoch sind es keine reinen Balladen. Man kann nahezu durchgehend mitwippen, fast so, als würden sich Burkini Beach und The Weakerthans zum gemeinsamen Musizieren treffen. Beim fünften Song beginne ich jedoch, mich zu langweilen. Die Stücke klingen recht ähnlich, und man hofft auf einen plötzlichen Tempowechsel, damit die Platte wenigstens kurz an Fahrt gewinnt. Tatsächlich legt der sechste Song „El Camino’s in the West“ etwas mehr Tempo zu; er war zudem eine von drei Single-Auskopplungen. Danach lässt das Tempo jedoch wieder nach. „Sray Dong and Chocolate Shake“ sticht dank des verspielten, einfachen Keyboard-Einsatzes erfreulicherweise hervor und sorgt für gute Stimmung – hier finde ich einen Höhepunkt auf der Platte.
Zur Arbeitsweise von Grandaddy lässt sich sagen, dass Jason Lytle die Alben fast im Alleingang produziert, während die Band live als Gruppe auftritt. So erkläre ich mir auch die Ähnlichkeit mit Burkini Beach. Auch das über sechs Minuten lange „O.K. with Decay“ ist gelungen. Nach acht Songs dachte ich bereits, die Platte bewerten zu können, doch gerade zum Schluss bekommt sie nochmal eine gute Wendung. Deshalb sollte man das Album immer vollständig hören, denn gerade am Ende können positive Überraschungen kommen. „The Warming Sun“ erinnert ein wenig an John Lennon und Paul McCartney. Das finale Stück „The Final Push to the Sum“ überzeugt mich leider nicht.
Als Fazit lässt sich sagen: Ein Album mit Höhen und Tiefen, dem jedoch etwas fehlt, um am Ende wirklich gut zu sein. Einige Songs machen auch bei späterem Hören Spaß, doch das Album wird aus meiner Erinnerung verschwinden, um Platz für andere zu schaffen.

Grant Lee Buffalo – Copperopolis (1996)
Es gibt Bands, um die man immer wieder herumirrt: Den Namen kennt man, die Musik jedoch kaum, obwohl man eigentlich gern einmal etwas von der Band hören möchte, es aber nie tut. So ging es mir bisher mit Grant Lee Buffalo. Eine alte Musikzeitschrift erinnerte mich nun an die Band, und jetzt höre ich zum ersten Mal ihr Album von 1996.
„Homespun“ verbindet Heartland-Rock mit einem Hauch von Alternativ-Rock. Eine solide Nummer, die klingt, als hätten Bruce Springsteen und Neil Youngs Crazy Horse gemeinsam etwas aufgenommen. Der Song funktioniert richtig gut. Sanften Rock bietet „The Bridge“. Americana-Rock, wie man ihn von Grant Lee Buffalo erwartet, klingt auf jeden Fall bei „Arousing Thunder“. Dieser Song überzeugt als sanfter Singer-Songwriter-Rock. Schon nach drei Liedern hat sich das Hineinhören gelohnt, denn mir gefällt sehr, was Grant Lee Phillips, Paul Kimble und Joey Peters da musizieren. Die Qualität der Songs bleibt hoch: „Even the Oxen“ ist eine sehr schöne Nummer, die auch Bob Dylan nicht besser hätte gestalten können. Singer-Songwriter-Rock auf hohem Niveau bietet außerdem „Crackdown“. Die Band habe ich leider viel zu lange ignoriert – verdammt. Den Americana-Sound beherrscht sie schon richtig gut, wie „Armchair“ zeigt. Ganz großartig ist „Bethlehem Steel“, ein hervorragender amerikanischer Alternativ-Folk-Rock-Song. Genau das ist es. Die restlichen Songs – „All That I Have“, „Two and Two“, „Better for Us“, „Hyperion and Sunset“, „Come to Blows“ und „The Only Way Down“ – muss ich mir nicht mehr einzeln vornehmen. Wer gute amerikanische Rockmusik mit Roots- und Americana-Einflüssen mag, kommt mit diesem Album voll auf seine Kosten. Zu lange habe ich die Band ignoriert, das gebe ich zu. (286)

Grauzone – Grauzone (1991/2021)
Wiederveröffentlichung mit neun Bonussongs
10 Konzerte, 4 Singles, 1 Album – das war Grauzone. Heute sind vor allem die Single „Eisbär“ und Gitarrist Stephan Eicher bekannt, der den Frontmann, seinen Bruder Martin Eicher, zunächst nur bei Liveauftritten unterstützte und später gemeinsam mit ihm und der Musikerin Ingrid Berney das einzige Album der Band aufnahm. Noch heute spielt Stephan Eicher den Song „Eisbär“ bei vielen seiner Liveauftritte.
Ich selbst besaß nur die Single „Eisbär“, die ich von meiner Schwester übernommen hatte. Da ich jedoch ein großer Fan von Stephan Eicher wurde, blieb mir Grauzone und „Eisbär“ stets gut in Erinnerung. Die Single wurde auch immer wieder gerne aufgelegt, und es freute mich, dass selbst junge Musiker wie Sam Vance-Law „Eisbär“ live spielten. Den Rest der Grauzone-Musik, die sich nicht als Synth-Band, sondern eher als Artband mit Punkattitüde verstand, kannte ich bis jetzt jedoch nicht. Umso besser, dass es diese Neuauflage gab.
Mit „Film 2“ beginnt das Album tatsächlich mit einer Elektro-Punk-Nummer. Es fehlt eigentlich nur der typische DAF-Gesang, sodass sich der Song auch als experimenteller früher EBM-Titel einordnen lässt. „Schlachtet!!“ ist eher eine Post-Punk-Nummer und als solche sehr gelungen. Die Songs müssen sich keineswegs hinter den englischen New-Wave- und Synth-Pop-Alben dieser Zeit verstecken – vielleicht liegt es nur an den teils einfachen Texten, wie bei „Hinter den Bergen“, dass das Album damals nicht mehr Anerkennung fand. Klanglich ist es nämlich sehr beeindruckend und für mich eine wirklich gute Neuentdeckung. Zu den Minimal- und Avantgarde-Stücken zählt „Maikäfer flieg“. Mit Gitarre geht es weiter, und als deutschsprachiger Indie-Pop/Punk ist „Marmelade und Himbeereis“ zu nennen.
Das war bis hierhin die erste Seite der Originalplatte.
Die zweite Seite beginnt mit „Wütendes Glas“, einer deutschsprachigen Post-Punk-Nummer. Elektro-Punk gibt es noch einmal mit „Kälte kricht“. Kurz und prägnant folgt „Kunstgewerbe“ als Minimal-Elektronik-Stück. Indie-Rock bietet „Der Weg zu zweit“, bei dem man fast glaubt, die Hamburger Schule sei in der Schweiz erfunden worden. Experimentell endet das Originalalbum mit „In der Nacht“.
Anschließend folgt die Hitsingle „Eisbär“. Grauzone haben es hier ähnlich gemacht wie New Order und ihren erfolgreichsten Song nicht auf das Album gepackt. „Ich liebe sie“, das ebenfalls an ein NDW-Stück erinnert, war die B-Seite von „Eisbär“. Zwischen NDW und EBM bewegt sich „Moskau“, das allerdings nicht meinen Geschmack trifft. Wütender und eher punkig klingt „Ein Tanz mit dem Tod“. EBM und NDW verbindet „Träume mit Mir“ – diese Nummer mag ich sehr gerne, wie eigentlich fast alle Titel dieser Neuveröffentlichung. Grauzone waren unterschätzt – vielleicht ist das aber auch gut so, weil Stephan Eicher sonst einen ganz anderen Weg eingeschlagen hätte, was ebenfalls schade gewesen wäre.
Sehr gut produziert und als Song recht kraftvoll ist „Ich und Du“. Danach folgt „Wütendes Glas“ in der Maxi-Fassung. „Raum“ ist noch einmal ein schönes Post-Punk-Stück. Die Wiederveröffentlichung begann mit „Film 2“ und endet mit „Film 1“, einem recht experimentellen Titel.
Eine sehr gelungene Neuentdeckung alter Musik und der Beweis, dass eine Band mehr ist als nur ihr bekanntester Song. (421)

Greatful Dead – Greatful Dead (1967)
Bei den Grateful Dead macht vor allem die Mischung aus Folk-Rock, Country, Americana, Rock ’n’ Roll und Psychedelic den besonderen Reiz der Band aus. Später kommt der legendäre Improvisationsanteil in ihrer Musik bei Live-Auftritten hinzu. Weil es zudem immer erlaubt war, Grateful Dead-Konzerte aufzunehmen, gibt es eine unfassbare Menge an Liveaufnahmen der Band. Allein die auf Spotify veröffentlichten würden schätzungsweise fast ausreichen, um sich ein halbes Leben lang nur damit zu beschäftigen. Trotzdem wollte ich auch hören, wie sie ganz am Anfang klangen.
Bei „The Golden Road“ ist, wie zu dieser Zeit üblich, im Folk-Rock ein großer Anteil Rock ’n’ Roll hinzugefügt. Bei „Beat It Down The Line“ paart sich dann Country-Rock mit Rock ’n’ Roll. Eine tolle Blues-Rock-Nummer ist „Good Morning Little School Girl“. Roots-Rock findet sich unter anderem in „Cold Rain and Snow“ – der Orgeleinsatz bei diesem Song ist für einen Roots-Rock-Titel aber ungewöhnlich, und das Gitarrensolo ist bemerkenswert gut. Country-Rock ’n’ Blues prägt „Sitting on Top of the World“. Mit Einflüssen aus Garage- und Surfrock präsentiert sich „Cream Puff War“. Dabei erinnern sie mich auch an eine Band namens The Doors. „Morning Dew“ ist ein Folk-Rock-Song, der sanft in Psychedelic abtaucht. Genau das verbinde ich mit dem Namen Grateful Dead und dem gesamten amerikanischen Folk-Rock der Westküste, dem sogenannten L.A.-Sound.
„New New Minglewood Blues“ ist ein weiteres Stück, das Surf, Blues und Westküsten-Rock vereint. Das zehnminütige Stück „Viola Lee Blues“ schließt das Album ab. Es vereint erneut Rock ’n’ Roll und Blues, wobei man besonders die Qualität der Gitarrenarbeit sowie das stimmige Zusammenspiel der Band insgesamt wahrnimmt. Das Album ist gut, weil die Band einfach gut ist und diese Qualität nicht nur im Studio, sondern auch auf der Bühne umzusetzen weiß. Deshalb gibt es den Kult um die Band und ihre Fans, die „Deadheads“. Rockmusikgeschichte. (447)

Herbert Grönemeyer – 4630 Bochum (1984/Vinyl)
Natürlich sind viele der Songs, besonders von Seite 1, im kollektiven Gedächtnis einer ganzen Generation im Ruhrpott für immer verankert. Lustig ist, dass bei mir „Mambo“ inzwischen von „Männer“ und „Bochum“ weit übertroffen wurde, wenn es darum geht, einen Song ab und zu vor mich hin zu singen. Das mache ich immer mal wieder. Die Parkplatzsuche ist eben ein zeitloses Thema.
Unser Herbert macht Musik fürs Bauchgefühl – das ist kein richtiger Rock und auch kein Pop, obwohl es letztlich irgendwie doch dazu gehört. Am ehesten lässt es sich als Pop bezeichnen, weil die Lieder viele Menschen ansprechen. Aber es ist kein reiner Pop, da es keine reine Tanz- oder Feiermusik ist. Die Liebesballade „Flugzeuge im Bauch“ kann jeder unglücklich Verliebte tausendmal hören – und auch jeder Verliebte.

Herbert Grönemeyer – Sprünge (1986)
Für viele ist vielleicht „Bochum“ das definitive Herbert-Grönemeyer-Album, möglicherweise gefolgt von „Mensch“. Für mich sind es vor allem die Platten „Sprünge“ und „Ö“, weil ich für „Bochum“ vielleicht noch ein kleines bisschen zu jung war, um sie als meine Musik zu betrachten, und weil ich die Songs von „Sprünge“ und „Ö“ als Heranwachsender eher als „meine Musik“ empfand.
Aber auch diese Alben habe ich lange nicht mehr richtig gehört, und deshalb wird es Zeit, das nachzuholen. Ich freue mich sogar, dass „Sprünge“ hoffentlich mal wieder ohne Knackgeräusche auf dem Plattenteller liegt (falls doch, habe ich noch die CD).
Bei „Kinder an die Macht“ stellt sich jedoch sofort das Gefühl ein, dass der Song die Zeit nicht ganz so gut überstanden hat – vielleicht, weil ich ihn zu oft gehört habe, oder weil die Botschaft des Liedes letztlich doch zu einfach ist – aber eigentlich noch die richtige.
Mit „Tanzen“ kehrt jedoch das alte Gefühl zurück. Den Song mag ich wieder sehr gern, und er hat leider nichts von seiner Aktualität verloren.
Gefühlvoll, ein wenig melancholisch und genau richtig für den passenden Moment – so muss ein Liebeslied sein: „Mehr geht leider nicht“. Der Song erfüllt all diese Kriterien, und bei Herzschmerz ist Herbert Grönemeyer ohnehin der richtige Lieferant – ich sage nur „Flugzeuge im Bauch“. Aber auch „Sprünge“ bietet einige Songs für diese Gefühlslage, etwa einen Liebesblues.
„Mass aller Dinge“ war für mich immer ein Lieblingslied auf der Platte. Ganz hervorragend musiziert – denn nicht nur die Texte machen die Alben von Grönemeyer so besonders. Natürlich enthält der Song auch eine sehr starke Botschaft.
Musikalisch wirkt „Nur noch so“ vielleicht, ähnlich wie „Kinder an die Macht“, etwas aus der Zeit gefallen, doch ich mag ihn weiterhin.
Für melancholisch Verliebte hat das Album ebenfalls sehr schöne Stücke zu bieten, beispielsweise „Unterwegs“. Dass es einem Mann außerhalb der Liedermacherszene gelingt, Gefühle von Liebe und Liebesfrust so eindrucksvoll in Songs zu verpacken, ist immer noch etwas Besonderes. Schließlich gab es zu dieser Zeit noch keinen Philipp Poisel. Darüber hinaus ist die Leistung des Schlagzeugers Armin Rühl bei diesem Song herausragend.
„Lächeln“ ist wieder so ein großartiger sozial- und politischer Song. Grönemeyer blickt auf die Gegenwart im Land, betrachtet nicht nur sich selbst und sein Inneres, sondern auch seine Umgebung. Das ist auch gut so, weil ihm viele zuhören.
„Viel zu viel“ klingt ebenfalls älter, als der Song tatsächlich ist. In meiner Erinnerung war der Sound des Albums doch etwas zeitloser, als er tatsächlich ist. Das gilt auch für „Einmal“. Dieses Lied bietet auch Gelegenheit, die Gitarristen Gaggy Mozzek und Jakob Hansonis für ihre gute Arbeit zu würdigen.
Noch einmal etwas gefühlvoller präsentiert sich „Angst“.
Vom Wiederhören der Platte hätte ich mir etwas mehr erwartet, doch Songs wie „Lächeln“, „Unterwegs“ und „Tanzen“ sind nach wie vor sehr gelungen und werden ab jetzt sicherlich wieder öfter gehört. Allerdings ist das Album insgesamt doch zur Hälfte recht schlecht gealtert. (564)

Group Listening – Clarinet & Piano: Selected Works, Vol.1 (2018)
Der Klarinettist Stephan Black und der Pianist Paul Jones bilden das Duo Group Listening. Die beiden Musiker spielen Ambient-Musik neu ein, unter anderem Werke von Brian Eno, Arthur Russell, Robert Wyatt und Rodelius.
Das Album beginnt mit „Wenn der Südwind weht“. Schon nach den ersten Klängen bin ich verzaubert. Wunderschöner Chamber-Jazz – einfach schön und zum Schwelgen. Die Klarinette klingt fast wie eine Flöte, die sich gemeinsam mit einem sanften Xylofonspiel über den klaren Rhythmus des Klaviers legt. Das wirkt leicht und schwerelos und gleichzeitig sehr einnehmend. My kind of Jazz.
„The Dog“ ist eine kleine, etwas rauere instrumentale Folk-Ballade. Musik für eine raue, aber schöne Landschaft, vielleicht mit einer leicht verfallenen Hütte und einem alten Hund davor.
Herzlich, leicht, sanft und schön präsentiert sich „Snow Cannon“. Auch bei „Happy Whistler“ muss ich einfach festhalten, dass die beiden Musiker genau die instrumentale Musik machen, die ich liebe: melodiös, emotional, rhythmisch und mit Geist sowie Herz gespielt. Für mich eine echte Entdeckung. Dieses Gefühl erinnert mich an das Hören meiner ersten Platte vom Tingvall Trio.
Etwas ruhiger, aber mit derselben Eleganz wie die vorherigen Stücke, folgt „Julie With“. Das nächste Lied „Maryan“ lädt zum Träumen oder zum Kopfkino ein. Man begibt sich auf eine Reise vorbei an Landschaften, Wolkentürmen und mehr. Die Musik ist sehr entspannt, zugleich spannend und weckt mit jeder kleinen Wendung der Melodie neue Bilder im Kopf.
Mit Leichtigkeit und Verve gelingt „A Little Lost“ der Weg ins Herz des Hörers. Den Abschluss bildet „Jay“ mit einem plötzlichen Ende, dafür hört man noch etwas Natur im Hintergrund.
Volle Begeisterung meinerseits! (264)

Grumbling Fur – Preternaturals (2014)
Grumbling Fur sind die Musiker Daniel O´Sullivan und Alexander Tucker. Die beiden machen elektronische Musik und singen jetzt auch dazu. Dadurch wird ihre Musik zwar poppiger, aber man hört weiterhin ihre Verbundenheit zur elektronischen Musik der 70er und 80er Jahre. Während „All the Rains“ noch wie ein folkiger Elektronika-Song klingt, der sie mit Gruppen wie Tuung verbindet, ist „Lightinsiters“ näher an der Musik der frühen Depeche Mode- und OMD-Alben. Auch das folgende „Feet of Clay“ funktioniert in dieser Hinsicht sehr gut, da die Songs eine gewisse Strahlkraft besitzen und als Synth-Pop einfach überzeugen. Zudem sind sie sehr gut produziert. Ein Intermission-Stück ist „White China Pencil“. Mit „Secrets of the Eahrt“ kehrt das Album zum Synth-Pop zurück, der bei Grumbling Fur gerne etwas verträumt und schön klingt, aber mit gut eingesetzten Elektroniksounds arbeitet und nicht in hallige Gitarren- oder Synthwände gepackt wird, wie es beim Dreampop üblich ist. Auch bei dem ausgezeichneten „Mister Skeleton“, das vermehrt akustische Sounds verwendet, muss ich sagen, dass das Album wirklich Spaß macht. „Materials Recording the Fibres of Time“ ist ein weiteres Zwischenspiel. Das letzte Stück „Pluriforms“ ist etwas düsterer angelegt und verbindet den Synth-Sound der 80er mit moderneren Elektrosounds von Gruppen wie Underworld. Leider ist nach 33 Minuten schon Schluss. - 203

Steve Gunn – Other You (2021)
Steve Gunn ist ein Künstler, der ungern untätig bleibt. Ob solo oder mit anderen Musikerinnen und Musikern, er veröffentlicht stetig neue Alben – und das ist auch gut so. Er zählt zu den Songwritern, die Americana mit Psychedelic verbinden. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass das Titelstück „Other You“ wie ein Song des ebenfalls in diesem Genre aktiven Ryley Walker klingt, mit dem er bereits 2019 an „Flops in New York“ zusammengearbeitet hat. Im selben Jahr konnte ich Steve Gunn auch live im Druckluft in Oberhausen erleben und war von seiner Musik sehr begeistert.
„Fulton“ klingt wie klassisches amerikanisches Singer-Songwriter-Material, ähnlich wie es bereits Crosby, Stills & Nash gespielt haben. Damit wirkt das Album entweder zeitlos oder ein wenig aus der Zeit gefallen. Auch „Morning River“ ändert daran nichts, der Song präsentiert sich gemächlich und elegant. Steve Gunn kommt mit „Good Wind“ dem Songwriting eines David Crosby sehr nahe. Bei „Circuit Rider“ hingegen werde ich als Zuhörer etwas unruhig, da die Lieder in ihrer entspannten Tiefe auf Dauer nach einem Tempowechsel oder zumindest nach einer musikalischen Überraschung verlangen. Als Einzelstücke funktioniert der klassische Folk-Rock zwar sehr gut, beim kompletten Durchhören des Albums wirkt er jedoch ein wenig ermüdend.
Tatsächlich startet „On the Way“ vielversprechend und entwickelt sich zu einem wirklich schönen Song. Neben dem Titelstück zählt es deshalb zu den weiteren Highlights. Die E-Gitarre sorgt bei „Protection“ für mehr Abwechslung, und das Stück erinnert an Bands wie The War on Drugs oder The Grateful Dead. Mit „The Painter“ kehrt Gunn zum Singer-Songwriter-Sound von Los Angeles zurück, wobei dieser Song in diesem Stil besonders gelungen ist. Auch „Protection“ beweist, dass Steve Gunn den Sound der 70er-Jahre tief verinnerlicht hat. Das instrumentale „Sugar Kiss“ ist mir allerdings etwas zu verträumt und erinnert an Dream-Pop und Shoegaze. Das verträumte Folk-Rock-Stück „Ever Feel That Way“ am Ende des Albums gefällt mir dagegen noch einmal sehr gut.
Insgesamt hinterlässt das Album einen positiven Eindruck. Obwohl ein gelegentlicher Tempowechsel wünschenswert gewesen wäre, überzeugt Steve Gunn als moderner Songwriter mit zeitlosem Folk-Rock aus den USA. - 202