
Kaiser Quartett – Empire (2023)
Adam Zolynski (Violine 1), Jansen Folkers (Violine 2), Ingmar Süberkrüb (Viola) und Martin Bentz (Violoncello) bilden das Kaiser Quartett. Bevor sie ihr erstes eigenes Album herausbrachten, unterstützten die Musiker als Studiomusiker zahlreiche andere Künstler mit ihren Instrumenten. Mit der Platte „Chambers“ gingen sie gemeinsam mit Chilly Gonzales auf Tour und veröffentlichten 2019 ihr erstes eigenes Album. Einige der Musiker, für deren Alben sie zuvor tätig waren, übernehmen diesmal bei vier Stücken den Gesangspart. Dabei handelt es sich um Valeska Stainer (Boy), Jarvis Cocker, L’aupaire und Joe Flory.
Schon bei den ersten Klängen von „N.N.“ stelle ich mir wieder die Frage: „Jörg, warum hörst du eigentlich nicht auch mal mehr Klassische Musik?“ Meine Antwort lautet: „Ich höre doch schon so viel andere Musik – meist Rock und Pop, aber auch Jazz und zeitgenössische Musik. Da bleibt für Klassische Musik leider kaum Zeit übrig.“ Deshalb bleiben meine Ausflüge in die Klassische Musik meist auf Grenzgänger wie das Kaiser Quartett oder orchestrale Filmmusik beschränkt – aber ich mag diese Streicher sehr gerne.
Beim Titelstück „Empire“ hört man endlich wieder die Stimme von Valeska Stainer (endlich, weil von Boy schon lange nichts Neues zu hören war). Mit „Empire“ setzt das Quartett zudem neue Akzente, denn ihre erste eigene CD war noch ein rein instrumentales Album. Dadurch unterstreichen sie einmal mehr ihren Grenzgänger-Status. „Schnell“ dürfte insbesondere Fans irischer Folkmusik oder Freunde von Riverdance ansprechen. Eine sehr schöne, ruhige Nummer ist „Open Strings“. Auch „Running the World“ mit dem sich sehr zurücknehmenden Jarvis Cocker ist eine feine Komposition. Eine kleine Salon-Nummer ist „Without a Trace“. Ebenfalls besonders gelungen ist das von L’aupaire gesungene „Take Hearts“.
Über die Zurückhaltung der Japaner bei Konzerten – die ihre Begeisterung oft erst ganz zum Schluss, nachdem die letzte Note gespielt wurde, zeigen – wurde schon von vielen Musikern berichtet. Vielleicht handelt „Lost in Kyoto“ aber auch vom Gefühl des Verlorenseins in der Fremde. Das ist letztlich egal, denn der Song ist wirklich hervorragend (ich wollte nicht schon wieder „schön“ schreiben, doch wirklich, der Begriff „schöne Musik“ wurde für Musik wie die des Kaiser Quartetts erfunden und ist keinesfalls abwertend gemeint). Unterstützt wird der Song durch den mir bisher unbekannten Sänger und Musiker Joe Flory: „Working with Light“ ist ebenfalls wieder sehr gelungen. Es folgen noch „Prefab“ und „Endcore“ – und dann ist das Album auch schon vorbei.
Schade, denn an einem verregneten Vormittag wie diesem kann man eigentlich nichts Besseres tun, als dieser tollen Musik von vier großartigen Musikern zu lauschen. Dabei geht zwar nicht automatisch die Sonne auf, aber auf jeden Fall das Herz. (267)

Katelin – Unsee it (2024)
Die Musikerin, die sich nur Katelin nennt, hat Glück gehabt. Denn ich war auf einem Konzert von Someday Jacob, fand es richtig gut und habe dann, wie es meine Art ist, begeistert erst einmal alles von der Band gekauft, was ich noch nicht hatte. Es gab einen Hinweis auf eine frisch erschienene Platte, an der der Frontmann von Someday Jacob, Jörn Schlüter, fleißig mitgewirkt hat. Also habe ich diese Platte gekauft. Und nun wird sie, etwas zeitversetzt, auch gehört.
Erleichterung stellt sich nach den ersten Klängen von „Rhino Skin“ ein. Es war wohl eine gute Entscheidung, die Platte zu kaufen, denn obwohl mir die Künstlerin vollkommen unbekannt war, wird man mit anspruchsvollem Indie-Folk belohnt. Sanfte Klänge, die im Verlauf des Stücks an Wucht zunehmen und wieder abnehmen. Die Produktion ist gut gelungen und klingt so, als hätte man sich trotz geringer Mittel Großes vorgenommen.
„Odds & Ends“ ist rockiger – mit guter Schlagwerk- und Gitarrenarbeit. Die Musik von Katelin gefällt mir da direkt sehr gut. „Hide and Seek“ erinnert mich an jemanden mit einer ähnlichen Stimme – wie Katelin – vielleicht Florence and the Machine oder jemand mehr aus dem Indie-Pop-Bereich, etwa Intergalactic Lovers. Ich habe ähnliche Songs schon öfter gehört – was aber kein Nachteil ist, denn auch dieser Song ist gut und bietet anspruchsvollen Pop-Rock, der sich im Radio gut machen würde.
Sanfter fällt da das Titelstück „Unsee It“ aus, das mir als ruhiger Indie-Rock ebenfalls gut gefällt. Die Musik von Katelin ist wirklich sehr massenkompatibel, ohne dabei zu aufdringlich zu sein – gefällig im besten Sinne. Die Frau muss bekannter werden. Charmanten Indie-Pop bietet „The Room“.
Bei „Down by the River“ ist vielleicht doch ein wenig von allem zu viel – das wirkt etwas gewollt, und dem Song fehlt dafür der Tiefgang. Wieder zurückhaltender und im guten Indie-Pop-Stil präsentiert sich „Orphaned by Grace“.
„Upwards We Fall“ ist ebenfalls sehr ruhig, zu Anfang als Pianoballade angelegt, doch auch hier wird das Klangspektrum noch erweitert – eine sehr feine Nummer. Als Einzelstücke machen sich die Songs in jeder Playlist bestimmt gut. Nach einem abrupten Ende folgt eine weitere Indie-Folk-Nummer mit Pop-Appeal: „Black Shoes“. Locker und leicht, wie es zu einem Titel wie „Summerwind“ passt, fällt dieser Song aus. Als Single oder fürs Radio ist eigentlich jeder Song der Platte geeignet – alles funktioniert sehr gut. Das gilt natürlich auch für den letzten Titel: „Rosy Butterflies“.
Tolle Songs – ich habe, glaube ich, kaum noch einen Grund, einen Song aus meiner Playlist jemals wieder zu entfernen. Das Einzige, was Katelin eigentlich fehlt, ist ein einzigartiges Erkennungsmerkmal. Denn obwohl alle Songs sehr gut sind, klingt doch alles ein wenig, als hätte man es schon einmal gehört. Deshalb muss sich Katelin ihr Publikum und ihre Fans wohl erst hart live erspielen und hoffen, dass irgendwann die Mundpropaganda Gutes über sie verbreitet. Vielleicht hilft auch ein Auftritt, der von TV Noir aufgezeichnet wurde. Haltet also Ausschau nach Konzerten von Katelin – es lohnt sich sicher. (455)
Sophia Kennedy – Sophia Kennedy (2017)
Oft treffe ich bei meinen Musikerkundungen auf den Namen Sophia Kennedy, was mich dazu veranlasst, mir das Debütalbum der in Berlin lebenden Amerikanerin einmal anzuhören. Ich bin neugierig und gespannt.
„Build me a House“ überzeugt mit elektronischen Rhythmen und einem Pop-Gefühl, in dem zugleich ein Indie-Rock-Flair mitschwingt. Das gewinnt mich als Hörer, denn der Song lädt sowohl zum Tanzen als auch zum genussvollen Zuhören ein.
Ein wenig anspruchsvoller klingt „Dizzy Izzy“, der eher in Richtung Indie-Pop geht. Produziert wurde der Titel von Mense Reents, Mitglied der Goldenen Zitronen, und aufgenommen im Studio der Band.
Leichtigkeit strahlt „William by the Widowsill“ aus. Das Album bietet mit jedem Stück Abwechslung, und das ist für mich immer ein großer Pluspunkt.
Der Hit der Platte ist, wenn man sich die Streamingzahlen auf Spotify ansieht, „Being Special“. Es handelt sich dabei um zurückgenommenen Pop, der dennoch das gewisse Etwas besitzt, weil er geschickt arrangiert ist. Wer die Musik von Dear Reader mag, wird diesen Song lieben – ein unaufdringlich eindringlicher Pop.
Die Sounds und Rhythmen sind insgesamt sehr gelungen. „Kimono Hill“ bietet kraftvollen Power-Pop, gepaart mit Finesse, wie es bei allen bisher gehörten Songs der Fall ist. Live bei einem Sommerfestival würde ich das als Zuhörer sehr genießen und begeistert feiern.
Mit Discobass und sanftem Rhythmus ist „3.05“ ein Song für die Tanzfläche, der an Moloko erinnert.
Bei den eher elektronisch geprägten Songs frage ich mich immer, wie sie wohl mit einer Band eingespielt klingen würden und ob das noch mitreißender wäre. Aber das sind nur Gedankenspiele, denn das Album funktioniert so, wie es ist, bisher sehr gut. Ich bin gespannt, wie die bereits veröffentlichten Nachfolgealben klingen.
Die Gesangsarrangements auf dem Album sind wirklich hervorragend. Ein schönes Beispiel dafür ist „Something is Coming My Way“. Schön verspielt gefällt mir dieser Indiepop besonders gut.
Ich habe gerade nachgesehen, ob Sophia Kennedy in der Nähe bald auftritt, und bin tatsächlich fündig geworden. Ein Konzertbesuch wäre wohl lohnenswert, und ich hoffe, dass es zeitlich passt.
Sanft kann sie auch: „A Bug on a Rug in a Building“ ist elektronische Musik, und das auf sehr schöne Weise.
Die sanfte Popballade „Foam“ erinnert fast an die Musik einer echten Pop-Diva, dabei aber auf sympathische Art, ähnlich wie bei Sophie Ellis-Bextor.
Auch ihr Geburtsort erhält ein Lied: Als wäre sie eine Doris Day, singt sie lieblich von „Baltimore“. Aufgewachsen ist sie allerdings in Deutschland, besuchte in Bielefeld das Gymnasium, zog später nach Hamburg und lebt jetzt wohl in Berlin.
„Hello, I found you“ beendet das Album ebenfalls sehr sanft und könnte sich sogar als Einschlaflied eignen.
Pop auf sympathische, gekonnte und zugleich gelassene Weise – davon bin ich einfach begeistert. Es war eine gute Entscheidung, dieses Album zu hören und mich mit der Künstlerin Sophia Kennedy zu beschäftigen. Eine Fortsetzung folgt bestimmt, sei es live oder beim Weiterhören ihrer weiteren Songs. Ihre neuesten Stücke sind übrigens sogar in deutscher Sprache gesungen, was wiederum für Abwechslung sorgt. Allerdings funktioniert der Sprachwechsel bei mir nicht immer gleichermaßen gut. (681)

Kettcar – Du und wieviel von Deinen Freunden (2002)
Das ist ein Lieblingsalbum mit einer perfekten ersten Plattenseite – nur großartige Songs. Es sind nicht die Texte allein, sondern die Kombination aus hervorragender Musik mit häufigen Rhythmuswechseln innerhalb eines Songs und die einfach großartige Grundstimmung des Albums. Dazu kommt noch die deutschsprachige Musik für Menschen, die das Teenageralter längst hinter sich gelassen haben, aber immer noch gerne auf Partys gehen und sich dem „echten“ Leben stellen. Irgendwie passt die Musik von Kettcar immer zu meinem Lebensgefühl und fühlt sich richtig an. Gleiches gilt auch für den Labelkollegen Thees Uhlmann und die Band, deren Frontmann er einmal war, namens Tomte. Zusammen mit Kettcar hauchten sie der deutschsprachigen Rockmusik eine Prise neue Kraft ein, nachdem die Hamburger Schule an Energie verloren hatte. Aber es blieb dabei, dass das Gute aus Norddeutschland beziehungsweise Hamburg kam – Musik direkt von den Landungsbrücken.
Schön und ruhig beginnt das Album mit „Volle Distanz“. Ich höre aber auch einfach gern die Stimme von Markus Wiebusch, und dazu passt diese ruhige Rockmusik – einfach schön.
Tempo auf Partylaune angehoben: „Ausgetrunken“ – toller deutscher Indie-Rock, ausgestattet mit großartigen Tempo- und Melodiewechseln. Da kommt sogar Punkrock-Stimmung auf, denn Kettcar entstand ja aus der Punkband namens „But Alive“.
Der nächste Knaller folgt mit „Money left to burn“ – Gitarrenriffs, die einen sofort einfangen, tolle Gesangsharmonien – super Song.
Danach eine Indie-Rock-Ballade: „Wäre er echt“. Einfach nur gute Songs – da stimmt alles. Diese Songs begeistern mich bei jedem Hören.
Ein Knallersong und Hamburg-Hymne ist „Landungsbrücken raus“. Bei „Balkon gegenüber“ vermisse ich immer die zweite Strophe, die Markus Wiebusch einmal auf seiner Solotour gesungen hat, aber dieser kurze Song ist auch so ein kleiner großer Diamant.
Dass die Platte 23 Jahre alt ist, hört man überhaupt nicht – sie klingt immer noch frisch, als wäre sie gestern aufgenommen worden.
Die zweite Seite habe ich tatsächlich viel seltener gehört als die erste, weil mich die erste Seite immer so umgehauen und begeistert hat. Nach dem Hören war ich so glücklich, dass ich die zweite Seite nicht mehr abgespielt habe – es konnte einfach nicht mehr besser werden (ja, ich bin manchmal komisch). Natürlich tue ich den Songs der zweiten Seite damit total unrecht und schreibe hier: Die zweite Seite ist genauso gut.
Sanfterer Indie-Rock: „Jenseits der Bikinigrenze“. Tatsächlich ist mir dieser Song aber viel weniger geläufig als die zuvor gehörten Stücke. Flotter gerockt wird mit „Lattenmessen“. Mitsingrefrains gibt es bei Wiebusch und der Band ebenfalls viele. Obwohl die Texte oft nur aus Satzfragmenten bestehen, sind diese schön stimmig aneinandergereiht. Eine richtige Handlung wie bei „Balkon gegenüber“ gibt es eher selten, eher Lebensphilosophie und Erfahrungen für mittelalte Menschen. Da kann jeder für sich herausziehen, was er möchte, und die Dichtung des Sängers passt auf vieles im Leben – von mittelalten Menschen, die auch stetig älter werden.
Rockballaden kann die Band aber auch wirklich gut: etwa „Im Taxi weinen“, dessen Refrain wunderschön ist.
Noch ein richtiger Hit ist „Hiersein“. Diesen anschmiegsamen Pop-Rock-Sound beherrschen Kettcar wirklich sehr gut. Man ist ab dem ersten Takt sofort im Lied, und der Rest wird nicht schlechter. Gleiches trifft auch auf „Ich danke der Academy“ zu, das zum Schluss mit einem etwas lauteren Stück abschließt.
Ein ganz tolles deutschsprachiges Rockalbum, ein Lieblingsalbum mit vielen Lieblingssongs. (645)

Kettcar – Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen (2005)
Dies ist das zweite Album der Hamburger Band um Frontmann Marcus Wiebusch. Eigentlich macht die Band genau dort weiter, wo sie mit ihrem Debütalbum aufgehört hat – sie bieten guten Indie-Pop-Rock, der melodiös ist und mit starken Texten überzeugt. Diese laden stellenweise auch gut zum Mitsingen ein und sorgen so bei Konzerten für viel gute Laune.
Kettcar besteht neben Marcus Wiebusch aus Erik Langer (Gitarre), Reiner Bustorff (Bass), Frank Tirado-Rosales (Schlagzeug) und Lars Wiebusch (Keyboards).
Power-Pop-Rock bietet „Deiche“ – ein Stück, das gleich zu Beginn richtig Spaß macht. Sanfter fällt „Die Ausfahrt zum Haus Deiner Eltern“ aus, bei dem neben der tollen Stimme von Marcus Wiebusch auch die Instrumente der Band überzeugen. Text und Musik funktionieren hier gleichermaßen gut. Es ist ein wirklich großartiger Song.
Ebenfalls eher ruhig und dennoch ein weiterer großartiger Song, den man auf Konzerten gerne mitsingt, ist „48 Stunden“.
Der flotte Song „Einer“ handelt von Musik und allem anderen.
Mit Songs wie „Tränengas im High-End-Leben“ zeigt Kettcar eine besondere Kunst: Es gelingt ihnen, sich mit eingängigen Melodien und Songs vom Mainstream-Pop im Radio abzusetzen. „Balu“ – der für Kettcar das ist, was „Wonderwall“ für Oasis bedeutet – verdient es eigentlich, im Radio rauf und runter gespielt zu werden. In meiner Playlist ist dieser Song schon eine gefühlte Ewigkeit und bleibt dort. Ein Song für die Ewigkeit, so schön.
Mit mehr Wums, aber trotzdem kein richtig lauter Song, zeigt die Band auch bei „Stockhausen, Bill Gates und ich“ wieder ihre Kunst.
Die Rhythmusgruppe der Band ist einfach hervorragend – sie fängt den Hörer mit den ersten Klängen sofort ein, wie auch bei „Anders als gedacht“.
„Die Wahrheit ist, man hat uns nichts getan“ senkt das Tempo, funktioniert aber ebenfalls gut. Kritisch betrachtet kopiert sich die Band dabei musikalisch fast schon ein wenig zu stark selbst, doch wie gesagt – es funktioniert. Kettcar klingt einfach nach Kettcar, und das ist großartig – bitte keine Stilwechsel.
Gerockt wird es bei „Handyfeuerzeug gratis dazu“, das mit einer ordentlichen Portion Rock ’n’ Roll aufwartet.
Ganz sanft endet das Album mit „Nacht“. Hier bin ich froh, dass Wiebusch kein Punk mehr ist, denn Balladen kann er ebenfalls gut – und das ist eine sehr gelungene.
Kettcar schafft es, nach einem furiosen Debütalbum ein weiteres sehr gutes Album vorzulegen. Zwar liebe ich das Debütalbum trotzdem am meisten, aber das ist bei vielen Bands so. 710


Kids in Glass Houses – Smart Casual (2008)
Klingt „Fistcuffs“ noch wie eine Indie-Alternativerock-Nummer, die durchaus nicht schlecht ist und sehr schön nach vorne losgeht, ist der Song „Easy Tiger“ ein Indie-Rock-Stück, das bereits schön ins Poppige übergeht, dabei aber weiterhin rockt. Das ist durchaus radiotauglich und macht einfach viel Spaß. Das Gefühl, wirklich guten Indie-Pop zu hören, der eigentlich in die Heavy Rotation jedes Radiosenders oder in die Playlist vieler Menschen gehört, führt „Give me what I want“ noch besser fort. Für solche Songs liebe ich „Kids in Glass Houses“, seit ich sie einmal zufällig in einer Rockpalast-Sendung entdeckt habe. Richtig gute Songs zum Abfeiern, gern Haben und Lieben – die aber auch durch ihre Qualität einfach begeistern.
Und in diesem poppigen Indie-Rock-Modus funktionieren viele der Songs auf diesem Album, weshalb ich es auch sehr mag. Denn selbst wenn ein Song mal etwas sanfter ausfällt, wie bei „Saturday“, funktioniert das. Gleiches gilt für „Lovely Bones“. Teilweise haben sich die Waliser meiner Meinung nach ein paar Sounds von Incubus abgeschaut, aber das ist gut, weil es passt und sie eigentlich eine andere Art von Alternative Rock machen als Incubus. Irgendwie hat die Musik auf ganz positive Weise auch durch die Art, wie Sänger und Frontmann Alled Phillips singt, etwas von Joe Jackson – finde ich. Deshalb ist diese Mischung auch so super. Der Song „Shameless“ ist einfach total riesig. Es gibt viele gute Songs, und auch „Girls“ gehört dazu. Als Indie-Pop-Rock sind „Kids in Glass Houses“ einfach richtig gut. „Good Boys Gone Rad“ ist etwas härter in den Riffs und schon Britpop.
Ein richtig richtiger Song für die Tanzfläche, was auch der Titel verspricht, ist „Dance All Night“. Mir gefällt wirklich jeder Song, auch „Pillow Talk“. Neben dem Debütalbum „Conditions“ von The Temper Trap ist das für mich sicherlich eines der besten Debütalben dieser Zeit (2008/2009).
Bei so vielen guten Songs geht ein Stück wie „Raise Hell“ fast schon unter, obwohl es auch nicht schlecht ist. Ein Konzert zu diesem Album hätte ich gerne live erlebt, denn das muss eine tolle Party gewesen sein – unendlich viele gute Songs, bei denen der Fan einfach mal ein Konzert lang durchfeiert. Der letzte Song „Church Tongue“ ist auch noch einmal so ein Stück zum Abfeiern. Wie gesagt: eine Lieblingsplatte. (433)

Killing Joke – Killing Joke (1980)
Mit „Requiem“ beginnt die Platte recht rockig, allerdings mit einem Hauch von Post-Punk- und New-Wave-Feeling. New Wave, begleitet von verzerrt gesprochenem Gesang, aber mit Tempo und gut gespieltem Gitarren- und Bass-Einsatz, sorgt bei „Wardance“ ebenfalls für gute Stimmung. Die Musik macht Spaß. Ungeschliffene Rocksongs mit einem New-Wave-Einschlag gefallen mir auch bei „Tomorrows World“ sehr gut. Auch das instrumentale Stück „Bloodsport“ überzeugt als gelungener Disco-Rock. „The Waint“ erinnert mit den ersten Takten an „Sabotage“ von den Beastie Boys und ist eine gelungene Punkrock-Nummer. „Complications“ klingt dagegen eher wie ein Stück von Fischer Z. „S.O.36“ ist ein längeres Stück, das eine Mischung aus Post-Punk und New Wave bietet. Mit seinem nach vorne gehenden Bassspiel nimmt „Primitive“ einen mit und entwickelt sich zu einem Rocksong. New-Wave-Rock bietet auch zum Abschluss „Change“. Ein abwechslungsreiches und für seine Zeit ziemlich gut klingendes Album. Vieles stimmt hier. Eine schöne, späte Neuentdeckung. (226)

27.08.25
Kings of Convencience - Peace or Love (2021)
Zwölf Jahre nach ihrem letzten Album haben sich Erlend Øye und Eirik Glambek Bøe wieder zusammengefunden und erneut gemeinsam Musik gemacht. Bei zwei Songs ist sogar Leslie Feist als Gast mit dabei, was die Freude über dieses Spätwerk noch ein wenig größer macht.
Das Duo ist bekannt für seine tiefenentspannte, aber auch sehr schöne Musik – Musik, die einen aus dem Alltag herausholt und wie ein kurzer Urlaub wirkt. Ich denke, daran hat sich auch bei diesem Album nicht viel geändert.
Bei den „Kings of Convenience“ muss man nicht jeden Song einzeln analysieren, denn die meisten Stücke folgen einem ähnlichen Muster: Gesang und Akustikgitarre werden charmant und entspannt vorgetragen, ein verträumter Indie-Bossa-Nova-Jazz-Pop-Mix. Auch nach zwölf langen Jahren hat sich am Stil des Duos zum Glück nichts verändert. Solche Musik braucht man zwischendurch unbedingt – sie lässt einen durchatmen, träumen und vermittelt ein Gefühl von Urlaub. Musik, um einfach die Seele baumeln zu lassen. Sonntagmorgenmusik, damit sich jeder Tag im Jahr wie ein Sonntag anfühlen kann.
Dieser Sonntagmorgen-Singer/Songwriter-Jazz besticht zudem durch eine unglaubliche Qualität. Es klingt leicht und einfach, was die Kings of Convenience auf ihren Alben machen. Doch wie heißt es so treffend in einem Albumtitel von Georg Dybowski: „Simple don’t mean easy“. Denn etwas mit Leichtigkeit zu spielen, ist keineswegs einfach.
Natürlich sind die Songs nicht alle gleich, sie unterscheiden sich durchaus in Stimmung und Tempo. Das eine Stück wirkt mal leichter, das andere eher zart melancholisch, doch das entspannte Gefühl beim Hören bleibt durchweg erhalten.
Und hatte ich schon erwähnt, dass Leslie Feist bei zwei Stücken mitspielt und singt? Okay, das habe ich, doch dieses kleine I-Tüpfelchen der Platte möchte ich hier am Ende des Textes noch einmal hervorheben. (578)

Kitchens of Distinction – Folly (2013)
Nach 19 Jahren veröffentlichte die Alternative-Rock-Band Kitchens of Distinction ein neues Album. „Oak Tree“ beginnt ruhig: Verzerrte Hintergrundklänge, ein sanfter Gitarrenrhythmus sowie fast wie Glockenspiel klingende Töne und Gesang sind die wichtigsten Elemente des Songs. Der Stil von Kitchens of Distinction lässt sich als Shoegaze mit Dream-Pop-Elementen beschreiben. Der Gesang von Patrick Fitzgerald klingt jedoch eher nach Rockmusik – allerdings nach ruhiger Rockmusik. Ein gutes Beispiel dafür ist „Extravagance“. Hier treffen Düsternis und Zuversicht aufeinander. Ein solches Zusammenspiel gelingt sonst meist nur „The Cure“, bei „Extravagance“ funktioniert es ebenfalls sehr gut.
„Disappeared“ erinnert fast an einen Song aus der späten, düster-melancholischen Phase von David Bowie. Sowohl bei Bowie als auch bei diesem Stück ist mir diese Musik allerdings nicht so zusagend – ich empfinde sie eher als anstrengend. Dagegen war „Photographic Rain“ der Song, der mich zum Kauf der CD bewegt hat: ein Stück mit dichter Atmosphäre, das wie ein schöner Prog-Rock-Song aufgebaut ist (man hört hier wieder, wie fließend die Grenzen zwischen verschiedenen Rock-Genres sind). Im Song passiert zwar nicht sehr viel, doch was passiert, finde ich sehr gelungen.
Mehr Kraft bringt „Japan to Jupiter“. Auch hier klingt es nach Bowie, allerdings eher nach dem Künstler der frühen 70er Jahre. „Wolves / Crows“ ist richtig kraftvoll – so mag ich den düsteren Sound. Zurück zum Shoegaze geht es mit „No Longer Elastic“. Dream-Pop-Rock, wie ich ihn mag: „I Wish It Would Snow“. Gleiches gilt für „Tiny Moments, Tiny Omens“. Vom Gesang erinnert mich Patrick Fitzgerald an Peter Murphy, und auch die Musik von Kitchens of Distinction hat viel von Murphys großen Hits wie „Cuts You Up“. Ein Song mit dem Titel „The Most Beautiful Day“ kann kaum etwas anderes sein als verträumter Shoegaze.
Das Album ist eine runde Sache. Da höre ich gerne auch in das frühere Material von Kitchens of Distinction hinein, das fast zwanzig Jahre zurückliegt. Sie hätten ruhig noch mehr veröffentlichen können. (184)

Klez.e - Erregung (2024)
Die klingen doch wie „The Cure“. Genau das tun sie. Sie klingen wie The Cure, und das ist gut so. Ihr Sound erinnert an das Album „Disintegration“, und genau so, nur eben auf Deutsch, heißt auch das erste Album von Klez.e, das sie 2017 herausgebracht hat. Ein Unterschied zu The Cure sind die deutschen Texte, und sie covern deren Songs nicht einfach. Ihre Stücke klingen einfach wie Songs von „Disintegration“, und das ist doch gut, denn das ist ein großartiges Album.
Da ist er wieder, mein Musikspruch: „Die kopieren nicht und machen nicht nach, sie machen weiter.“ Genau deshalb mag ich die Songs von Klez.e so sehr, weil sie klingen, wie sie klingen, und der Sänger vielleicht nur etwas trauriger singt. Dieses Erfolgsrezept funktioniert bei mir und anderen total. Vielleicht wäre es ja schön, wenn es mal wieder eine Band gäbe, die wie „Japan“ oder die frühen „Talking Heads“ klingt – das wäre doch schön, oder nicht?
Wie die Platte und die Songs klingen – auch die des neuen Albums – ist damit geklärt. Doch nicht alle Songs klingen genau wie bei „Disintegration“. Der erste Song „Erregung“ auf jeden Fall, ebenso „Düster“. Im Post-Punk und Alternativ-Rock der späten 70er und frühen 80er Jahre sind Stücke wie „Verpassen“ und „Herbstherz“ verwurzelt. Die Texte thematisieren Verzweiflung, Vergessen, Unverständnis, Triebe und Ähnliches. Ganz meins sind die Texte zwar nicht, aber die Musik finde ich einfach total klasse. Richtig stark ist auch „Wie schön du bist“. Das könnte auf jeder Düsterrockparty laufen.
„Tortur“ könnte ein düsteres Liebeslied für die „Letzte Generation“ sein: „Weil er weiß, dass ich mich an dich klebe... Wir sind wie die Welt nicht mehr zu retten...“ Musikalisch ist das Stück super – der Sound, die Instrumentierung, die Melodiengeflechte. Ein großartiges Stück zum Schluss: „Nachtflug“. Melancholischer Düsterrock, schön, wenn Traurigkeit auf Schönheit trifft. Klez.e.(351)

Kraftwerk – Autobahn (1974)
Sicherlich zählt „Autobahn“ zu den Meilensteinen der deutschen Elektronikmusik und der Elektronikmusik allgemein. Das liegt zum großen Teil an dem Klang der Musik, der ein fast schon natürliches Klangspektrum aufweist und akustischen Instrumenten nahekommt. Damit ist es auch ein frühes Beispiel für die „Folktronica“. Hinzu kommt bei „Autobahn“ ein einfacher Text, der lange im Gedächtnis bleibt, sowie damals bahnbrechende Elektrosounds.
Die beiden Teile von „Kometenmelodie“ und die kurzen Stücke „Mitternacht“ und „Morgenspaziergang“ gehören noch zur typischen deutschen elektronischen Musik der 1970er Jahre, deren Ursprung im Krautrock liegt. Charakteristisch sind langsam sich entwickelnde Klangbilder und Melodien, die gelegentlich einen kleinen Höhepunkt erreichen oder auch nicht.
Wie bereits erwähnt, ist das vor allem der ersten Seite mit dem Stück „Autobahn“ zu verdanken, das einen Meilenstein der elektronischen Musik darstellt. Dabei ist „Kometenmelodie“ nicht zu unterschätzen, denn viele frühe Versuche britischer Synthesizer-Bands klangen nicht anders oder besser, obwohl bereits vier weitere Jahre vergangen waren. Bands wie Ultravox fuhren sogar noch später gerne zu Conny Plank ins Studio, um von seinem Wissen und seiner Erfahrung als Soundexperte zu profitieren. Deshalb sind Kraftwerk diejenigen, die der elektronischen Musik für alle Zeit ihren Stempel aufgedrückt haben. (326)

Kraftwerk – 3-D/Der Katalog/2017
In Museen aufgenommene Liveeinspielungen der acht bekannten Kraftwerk-Alben:
„Autobahn“
Kraftwerk reduzieren das Album um fast 20 Minuten. „Autobahn“ bleibt dabei das stärkste Stück, das übrige Material kann nicht daran anknüpfen.
„Radioaktivität“
Nur leicht gekürzt. Herausragen „Radioaktivität“ und „Ätherwellen“ (mit kleinen Schwächen). Von den kürzeren Stücken sticht „Antenne“ hervor.
„Trans Europa Express“
Die Live-Darbietung ist stark gekürzt. Dennoch passt hier alles sehr gut zusammen und bildet eine rundum gelungene Einheit.
„Die Mensch-Maschine“
Die Reihenfolge der Stücke wurde im Vergleich zur Originalplatte verändert. Ab diesem Album gelten Kraftwerk als Väter des modernen Elektrosounds, eine Rolle, die sie bis heute behalten haben. Sie langweilen nicht und verbinden Klangkunst mit großartigen Melodien.
„Computerwelt“
Auch hier wurde die Reihenfolge geändert. Diese Variante ist etwa acht Minuten kürzer als das Original und enthält eine japanische Version von „Taschenrechner“. Die Neuinterpretationen von „Computerliebe“ und „Taschenrechner“ machen Spaß, obwohl es insgesamt eine schwächere Fassung des Materials ist. Vielleicht bin ich hier eigen, denn dieses Album war immer mein persönlicher Favorit.
„Techno Pop“
Ohne Text wird „Der Telefonanruf“ zu einer kleinen Elektro-Pop-Melodie, die sehr nett klingt. Und „Boing Boom Tschak“ bekommt man seitdem nicht mehr aus dem Kopf – zu einfach oder zu genial?
„The Mix“
Im Gegensatz zur Originalplatte wurde „Planet der Visionen“ hinzugefügt. Die Abmischung ist für Kopfhörer mit Surround-Funktion optimiert. Bei diesem Zusammenschnitt bereits veröffentlichter Stücke in neuem Gewand wird deutlich, dass Kraftwerk immer auf dem neuesten Stand ihrer Zeit produziert haben. Visionär!
„Tour de France“
Auf die Stücke „Etape 3“ und „Titanium“ wird verzichtet. Ein gefälliges Elektroalbum, bei dem Kraftwerk zeigen, dass sie mit den aktuellen Musikern ihrer Zeit mithalten können. Es fehlen jedoch Höhepunkte im Vergleich zu den vorherigen Alben.
Abschließend: Kraftwerk sind und bleiben die maßgebliche Band der elektronischen Musik. Auch nach 50 Jahren verstehen sie es, mit ihrem Werk Akzente zu setzen. (18)

Kreidler – Tank (2011)
In fünf Tagen haben Kreidler in einem Studio in Hamburg sechs Songs aufgenommen. Gemischt und gemastert wurde in den folgenden zwei Monaten – somit kann man das Album als recht spontan entwickelt bezeichnen. Kreidler orientierten sich seit jeher an der elektronischen Musik aus Düsseldorf. Obwohl mittlerweile mehrere Mitglieder in Berlin leben, sind die Wurzeln des Düsseldorfer Elektrosounds ein wesentlicher Bestandteil der Band. Wie klingt das auf „Tank“?
Alle vier Mitglieder spielen sowohl am Computer als auch akustische Instrumente.
„New Earth“ bietet einen wuchtigen Ambient-Sound. Der einfache, aber sehr kraftvolle Rhythmus nimmt einen sofort mit, und wie sich der Song langsam weiterentwickelt, ist sehr gut gelungen. Er klingt tatsächlich wie eine Erneuerung des Sounds von Klaus Schulze. Bei „Evil Love“ ist es vor allem das Schlagzeug, das mich mitnimmt – ansonsten finde ich die durchgehend gehaltene Grundstruktur des Songs zu simpel. „Jaguar“ hält dagegen die Spannung über die gesamte Länge aufrecht. Es ist spannend zu hören, wie sich die einzelnen Soundfragmente nacheinander im Song zusammenfügen.
Die Klangwelt, in die „Gas Giants“ einen hineinführt, wirkt sehr dystopisch und bedrohlich. So ist auch der gesamte Grundton der Musik auf „Tank“ eher düster und dunkel. Als Soundtrack für einen Science-Fiction-Thriller wäre diese Musik sehr gut geeignet, denn Spannung wird die ganze Zeit aufgebaut und gehalten. Beim Durchhören des Albums nutzt sich dieser Effekt bei nur vier Songs jedoch etwas ab. Die Sounds sind zwar sehr gut gewählt und die Rhythmen nicht einfach gehalten, doch nacheinander abgespielt wird es doch etwas eintönig. Zum Glück sorgt „Saal“ für Abwechslung – hier klingt der Sound etwas heller, und der Bass ist sogar recht funkig. Die Atmosphäre bleibt jedoch angespannt, sodass „Saal“ zur rechten Zeit eine willkommene Abwechslung bietet.
Beim Stück „Kremlin Rules“ kommt tatsächlich noch ein deutlicherer Pop-Rock-Sound hinzu, überzeugt mich persönlich jedoch nicht ganz.
Trotzdem sehe ich die Musik von Kreidler als eine gelungene und notwendige Modernisierung der vor allem in den 70er- und frühen 80er-Jahren in Deutschland entwickelten elektronischen Musik. Sie ergänzen neben Brandt Brauer Frick und Moderat die Indie-Elektronik-Ecke meiner Playlist. (181)

Philip Kroonenberg – Natural Causes (1995)
Manchmal ist es purer Zufall, wie man einen seiner Lieblingsmusiker und dessen Musik kennenlernt. Ich war auf einem Konzert einer befreundeten Band namens „Catch 22“ in einer kleinen Veranstaltungshalle in Oberhausen (Eisenheim). Nach dieser Band spielte „Kroonenberg“. Deren Schlagzeuger war wohl bekannt geworden, weil er schon mit Sting zusammengearbeitet hatte. Da der Gitarrist von Catch 22 einen der Musiker von Kroonenberg als Lehrer an der Universität in Arnhem kannte, kam es wohl zu diesem Konzert. Und was soll ich sagen? Die ganze Musik von „Kroonenberg“ hat mir sehr gut gefallen. Ich kaufte die CD und habe sie immer geliebt, wenn ich sie hörte. Erst Jahre später kaufte ich weitere Platten von Philip Kroonenberg, lockte ihn persönlich wieder für ein kleines Konzert nach Oberhausen und wurde einfach großer Fan von ihm – ein toller Songschreiber, ein großartiger Sänger, wunderbare Musik. Durch dieses Konzert ist also meine Liebe zu dieser Platte entstanden. Dabei möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass ich auch die einzige veröffentlichte Platte von „Catch 22“ nach wie vor sehr gern mag und die Projekte und Solosachen von Gitarrist und Sänger Georg Dybowski stets weiter verfolgt habe.
Kommen wir nun zur Platte „Natural Causes“. Philip Kroonenberg nahm sie mit folgenden Musikern auf: Bart-Jan Baartmans (elektrische Gitarre), Jan Hendriks (Bass- und akustische Gitarre), Louis Debij (Schlagzeug) und Rens van der Zalm (Violine, Bandoline, Gitarre und Akkordeon).
Dies war das erste echte Soloalbum von Philip Kroonenberg. Zuvor war er mit den Gruppen „Freelance Band“ aktiv und bildete nach deren Auflösung mit dem Sänger und Gitarristen Ad Vanderveen das Duo „Personnal“.
Die Musik von Philip Kroonenberg wird als Roots, Singer/Songwriter-Folk beschrieben und oft mit J.J. Cale verglichen. Für mich ist sie aber noch viel mehr, weil sie durch verdammt eingängige, tolle Melodien fast schon Pop-Song-Qualität erreicht. Zudem ist die Musik auf diesem Soloalbum weniger dem Blues zuzuordnen, was bei J.J. Cale anders ist. Hinzu kommt die großartige Stimme. Es klingt fast so, als hätte Philip Kroonenberg es geschafft, Folk mit der Eingängigkeit eines guten Cat-Stevens-Songs zu verbinden. Auf jeden Fall funktioniert seine Musik bei mir wunderbar als mit Leichtigkeit und Finesse ausgestatteter Singer/Songwriter-Folkrock. Deshalb werde ich nicht darum herumreden, wie sehr ich dieses Album mag. Dessen Songs begleiten mich nun schon gut 30 Jahre und oft habe ich das Gefühl, der einzige Mensch in meinem Umfeld zu sein, der dieses Album und den Musiker überhaupt kennt. Das ist immer wieder merkwürdig, aber es gibt das eben auch.
Der Vergleich mit Cat Stevens kommt nicht von ungefähr. Bei „Midnight Express“ klingt es fast so, als würde dieser einen Harry-Belafonte-Song mit akustischen Pop-Rock-Elementen und etwas kitschig klingenden Mandolinen ausstatten. Doch die Kraft der Melodie und des Gesangs ist einfach mitreißend – Partytime. Beim temporeichen Finale des Songs hört man wunderbar, wie großartig die ganze Band ihre Instrumente beherrscht. Nichts ist dem Zufall überlassen.
Wunderbar schön, sanft und kaum in Worte zu fassen ist die Qualität des Songs „Rocket“. Dieser Titel ist so freundlich und so gut. Wenn Countrymusik immer so wäre, würde ich sie sehr lieben. So gut und schön – wirklich.
Mit Bluesrock kennt sich die Band ebenfalls aus. Schon vom ersten Takt an bin ich stets von der Melodie und der Musik gefangen. J.J. Cale- und Dire-Straits-Fans kann ich diese Musik nur wärmstens empfehlen. Was die Rhythmusgruppe bei diesem Song leistet, ist ganz große Kunst.
Der Hörspaß endet nicht, denn mit „Up on the Roof again“ folgt der nächste Knaller. Das ist so gut, und wer akustisch gespielten Rock mag, muss das einfach lieben. Ich liebe es.
Kraftvoll gerockt, aber immer noch voll akustisch präsentiert sich „Time and again“. Das, was die Band an mitreißendem Sound bietet, ist wirklich beachtenswert und begeistert.
Das hört man bei jedem Song. Was für eine wunderbare Hymne ist „Bring it out“ – mehr als nur gut!
Mir bereiten alle Stücke Freude und machen Spaß beim Hören. Auch die sanften Titel wie „Two Wounded Souls“ werden perfekt von der Musik getragen. Diese Musik im Genre zwischen Country, Roots und amerikanischer Folkmusik ist nie kitschig, sondern immer stimmig. So wie bei „Straight from the Heart“, das einfach nur wunderschön ist. Was für ein tolles Lied.
Immer wieder beeindruckt mich auch der fantastische akustische Rock wie bei „Wandering in the Dark“. Selbst der Country-Roots-Rock bekommt von Philip Kroonenberg seine ganz persönliche Note, zum Beispiel bei „Party Zone“. Den Cowboys spendiert er zudem einen eigenen Song: „Cowboy’s Dream“.
Der ausgebildete Psychotherapeut Philip Kroonenberg schreibt sogar Country-Rock für die Psychoanalyse – „Love on Analytic Lives“.
Nochmal akustischer Bluesrock und wieder so gut: „The People Were Sending Me a Long Way“.
Und mit einem Liebeslied endet dieses mich immer wieder total begeisternde Album: „Give Room to Love“. Ja, ich liebe es! (539)

Philip Kroonenberg – The Therapist (2022/Vinyl)
Philip Kroonenberg ist Songwriter und verarbeitet gerne Persönliches in seinen Liedern. Seine letzte Platte „Somme more Time“ behandelt die Krebserkrankung seiner Ehefrau. Beim Hören seiner Songs begeistert immer wieder die Leichtigkeit sowie die schönen, eingängigen, aber keineswegs simplen Melodien. Es sind Americana-Songs, wie sie ein Europäer kaum besser machen kann. Zu seinen Melodien kommt noch diese tolle Stimme, die alles perfekt abrundet.
Die Lebenserfahrung, die der Musiker, der im echten Leben auch als Psychotherapeut arbeitet, auf diese Weise verarbeitet, ist für die Zuhörer ein echtes Geschenk. Eine Wiederentdeckung dieses Musikers ist daher sehr zu empfehlen. (3)

Philip Kroonenberg - Wherever you are (2024)
Americana, Roots oder einfach Singer/Songwriter – so lässt sich die wunderschöne Musik von Philip Kroonenberg beschreiben. In den Niederlanden war er früher mit der „Freelance Band“ einigermaßen bekannt. Seit Anfang der 1990er Jahre ist er solo oder gelegentlich als Mitglied eines Trios unterwegs. Bei Live-Auftritten hat er meist ein oder zwei ausgezeichnete Musiker als Unterstützung dabei, und auch seine beiden Töchter begleiten ihn gelegentlich auf der Bühne.
Seine Lieder sind meist kleine Alltagsbeschreibungen, oft handelt es sich um seinen eigenen Alltag und sein Umfeld. Das macht er hervorragend, denn seine Songs sind in wunderschöne, mitreißende Melodien verpackt. Selbst wenn das Thema traurig ist, klingt es nicht immer traurig.
Bislang kenne ich kein einziges schlechtes Lied von ihm, obwohl ich viel von seiner Musik höre. Wie bereits erwähnt, singt er von persönlichen Erlebnissen. So handelte sein vorletztes Album von der Krebserkrankung seiner Ehefrau und den Herausforderungen, die diese Krankheit mit sich bringt: das Sitzen im Krankenhaus, das Warten und das Weitermachen im Leben.
Sein letztes Album hat der Musiker, der auch als Psychotherapeut tätig ist, „The Therapist“ genannt. Das neueste Album behandelt den Tod seiner Ehefrau und das Leben danach. Vielleicht wurde es mit Traurigkeit geschrieben, doch Philip Kroonenberg nutzt die Musik als Selbsttherapie. Dass er, obwohl nie wirklich berühmt geworden, weiterhin Musik macht und gern live auftritt, ist ein Glücksfall für alle, die seine Songs schätzen.
Seine musikalischen Alltagserfahrungen sind auf diesem Album eher kurz gehalten, die meisten Songs dauern nicht länger als drei Minuten. Aber wir wissen ja alle, dass die Länge nichts über die Qualität aussagt.
Schon die ersten Klänge holen einen hinein in diese faszinierende Mischung aus Singer/Songwriter-Folk, Roots und Americana. (Und bitte keine Diskussion darüber, dass ein Holländer kein Americana machen könne, weil er kein Amerikaner sei – das ist Unsinn.) Der Song „Again“ ist einfach wunderschön. Die Beschreibung des Wiederauftretens der Krebserkrankung seiner Frau klingt wie ein irischer Folksong, und genau das passt hier sehr gut.
Obwohl man meint, Songs wie „Final Flowers“ schon tausendmal gehört zu haben, gehört dieses Stück zu den besten dieser Vielzahl von Liedern. Beim Hören bekomme ich eine Gänsehaut – so berührt mich seine Musik. Wenn man bedenkt, aus welcher Situation heraus diese Songs entstanden sind, hat der Sänger seinen Optimismus nie ganz verloren. Die Lieder handeln vom Umgang mit dem Tod eines geliebten Menschen und dem Neuanfang danach. Doch die leichten Melodien und die Musik insgesamt sind einfach großartig. Wer da nicht mitgeht, dem fehlt das Herz und er versteht sicher nichts von guter Musik.
Auch wenn der Grundton der Songs ähnlich bleibt und an andere Werke von Philip Kroonenberg erinnert, ist das egal. Ein Stück wie „Quietness“ möchte man nicht missen – das gilt auch für die weiteren Lieder. Er findet stets neue Worte und Melodien für seine Trauerbewältigung, die nie kitschig klingen, sondern ehrliche Beschreibungen des Ist-Zustands sind. Titel wie „Angel“, „To You“, „The Wrong Door“ und „Act as If“ stammen von der ersten Albumseite und handeln vom unmittelbaren Verlust und der Liebe zum verstorbenen Menschen. Musikalisch bestehen die meisten Stücke aus Gitarre, Gesang, Backgroundgesang (sehr schön gesungen von einer seiner Töchter) sowie Bass, gespielt von Reyer Zwart.
Die Songs auf der zweiten Seite sind Betrachtungen aus der Zeit danach. „Day by Day“ etwa löst eine solche Freude in mir aus, dass sie nicht enden will – so schön ist das Lied. Weitere Stücke wie „Today“, „Broken Down“, „Goodbye“ (klanglich mehr Roots und Americana als Folk), „Alone“ – pure Songschönheit –, „Wherever You Are“ und „New Life“ runden das Album ab.
Noch immer gelingt es ihm nicht, einen schlechten Song zu schreiben. Ich bin wirklich ein absoluter Fan von Philip Kroonenberg. (359)

Kruder + Dorfmeister – 1995 (2020)
Die beiden Remixer haben alte DAT-Tapes wiedergefunden, auf denen sie Stücke aufgenommen hatten, die zwischen 1993 und 1995 entstanden sind und damals an ausgewählte Personen verschickt wurden. Danach gerieten die DAT-Tapes in Vergessenheit und sind nun neu entdeckt worden. So kommen die Inhalte der „Lost Tapes“ jetzt doch noch auf den Markt und klingen wie eine Zeitreise zurück in die 90er Jahre, als Trip-Hop noch aktuell war und entspannte elektronische Musik weder beim Sportworkout noch als Hintergrundbegleitung in Modeboutiquen oder bei Friseuren genutzt wurde.
Die Stücke lassen sich gut mit dem aus der gleichen Zeit stammenden Album „Smokers Delight“ von Nightmares on Wax vergleichen. Wer es eher ruhig mag und seine Umgebung mit unaufdringlicher Musik füllen möchte, ist hier genau richtig.
Zum kompletten Durchhören ist das Tempo allerdings stellenweise etwas zu langsam, und die Abwechslung hält sich in Grenzen. Als einzelne Stücke sind diese Songs jedoch eine willkommene Bereicherung für jede Playlist. (29)