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Lagwagon – Duh (1992)

Raues, stimmiges Punk-Rock-Album, aufgenommen in nur vier Tagen mit insgesamt 14 Stücken. Harter Punkrock, schnell gespielt und gesungen – doch die Songs haben mehr zu bieten. Sie sind nicht einfach nur runtergerockt, das Spiel der Band ist oft richtig ausgeklügelt, etwa bei dem Stück „Bury the Hatchet“. Dort fügt sich vieles harmonisch zusammen, und es entsteht mehr als nur Gleichklang im typischen Punk-Rock-Modus. Etwas melodiöser zeigen sie sich bei „Angry Days“.

Ob mir Punkrock zusagt, hängt oft auch stark von den Stimmen der Sänger ab, denn nur harte Gitarrenriffs und Tempo sind mir auf Dauer über eine ganze Plattenlänge zu wenig. Sänger Joey Cape ist jedoch ein beachtlicher Frontmann, der das Durchhören durchaus erleichtert. Die Gitarrenarbeit kommt immer wieder gut zur Geltung, so auch bei „Child Inside“. Fast verstörend wird es bei der Cover-Version von „Bad Moon Rising“. Besonders eindrucksvoll sind die wirklich guten Metal-Gitarrenriffs, die immer wieder aufleuchten, zum Beispiel bei „Beer Googles“.

„Parents Guide to Living“ ist einfach ein Hammer, wie hier verschiedene Song-Elemente zusammengesetzt werden. Schon nach einer Minute weiß man nicht, was einen in der nächsten erwartet. Und wenn man denkt, jetzt beginnt mit „Mr. Coffee“ ein ruhigerer Part, wird man schnell eines Besseren belehrt. Auch hier faszinieren sie mit ihrem Einfallsreichtum. Die Band rockt wirklich einfach gut, zum Beispiel bei „Of Mind and Matter“.

Mit dem Heavy-Song „Stop Whining“, dem punkigen „Lagwagon“ und zum Ende hin dem abwechslungsreichen „Demanded Rumors“ nehmen sie den Hörer gerne mit. Ein beachtliches Debüt, das mich zum Fan der Band macht. Was kann man mehr von einem Debüt erwarten?(472)

Greg Lake – Greg Lake (1981)

Greg Lake zählt sicherlich neben Jon Anderson und Peter Gabriel zu den großen Stimmen des klassischen Prog-Rocks. Dass ich diese Platte in jungen Jahren gekauft habe, liegt daran, dass ich „Emerson, Lake & Palmer“ früh mochte. Das Dreier-Live-Album hatte ich von älteren Geschwistern geerbt, das Best-of selbst gekauft, und darauf waren Songs, die ich sehr schätzte. Für „Lucky Man“ machte ich hauptsächlich Sänger Greg Lake verantwortlich. Also kaufte ich damals das erste echte Soloalbum – auf den zwei „Works“-Alben von ELP sind auch Solowerke zu finden – und gebe zu, dass ich es seitdem nicht oft auf den Plattenteller gelegt habe.  

Das Album beginnt mit einer Rocknummer aus der Feder von Gary Moore: „Nuclear Attack“. Der Song klingt wie ein charttauglicher Rocksong in der Qualität von „Eye of the Tiger“. Weiter geht es mit einem Stück, bei dem Bob Dylan als Co-Autor mitgewirkt hat: „Love You Too Much“. Dieser Song hat den Schwung von Status Quo, aber mit einem Hardrock-Feeling – ist jedoch auch nicht mein Ding. Selbst geschrieben ist „It Hurts“. Hier zeigt sich seine Qualität als Bluessänger (das hätte er öfters machen sollen). Eine sehr schöne Bluesballade, und vielleicht ist Steve Lukather an der Gitarre zu hören – als Gastmusiker ist er verzeichnet. Es könnte aber auch Gary Moore selbst sein, der auf der gesamten Platte an der Gitarre mitgewirkt hat. „Black and Blue“ hat ebenfalls Anklänge an den Blues, eignet sich aber auch als reine Rocknummer gut. „Retribution Drive“ hätte ebenso von einem 80er-Album von Gary Moore oder Eric Clapton stammen können.

Warum ich bei solcher Musik meist nur einige Einzelsongs mag, sie im Radio gerne höre, aber kaum einen davon in meine Top 500 aufnehmen würde, kann ich nur schwer erklären. Mir geht es so mit viel Rockmusik der 80er und Anfang der 90er Jahre, etwa mit Musik wie der von Joe Cocker. Alles wirkt irgendwie sehr glatt und ohne Ecken und Kanten produziert – wohl gut für die Billboardcharts und den Massengeschmack. Songs für die Ewigkeit sind das jedoch nicht.  

Das Manko von „Long Goodbye“ ist, dass von allem etwas zu viel vorhanden ist – man möchte mal wieder den amerikanischen Markt für sich gewinnen (was viele versuchen). Weiter geht es mit Mainstreamrock bei „The Lie“, der sich nicht zwischen Rocksong und Ballade entscheiden kann. „Someone“ funktioniert bei mir wieder gut, weil er etwas wuchtiger und nicht so glatt poliert daherkommt. „Let Me Love You Once Before You Go“ ist eine Dusty-Springfield-Nummer und eigentlich nicht zu ertragen. Der Whitney-Houston-Schmalzpathos will so gar nicht zu Lake passen, außerdem ist das eher etwas für Soulsängerinnen und Soulsänger. Man hat so etwas außerdem schon tausendmal gehört.  

Am Ende der Platte eröffnet „For Those Who Dare“ mit etwas Folk, und sofort denkt man, der Song hätte Rod Stewart gut gestanden. Ach ja, jetzt weiß ich, warum ich die Platte nicht so oft gehört habe. Letztlich bleiben aber drei Songs übrig, die es in meine Playlist geschafft haben. (125)

Kendrick Lamar – Mr. Morale & The Big Steppers (2022)

Ein Rap-Album kaufe ich mir sehr selten, denn mit Gangster- und Proleten-Rap kann ich nichts anfangen. Nur die freundlichen Hip-Hopper von Arrested Development, die Solo-Alben ihres Sängers Speech sowie einige Werke von The Roots und den Fugees sind bewusst in meiner Sammlung vertreten. Dazu kommen noch ein paar einzelne Songs auf diversen Samplern und Soundtracks sowie ein oder zwei Maxis. In der Regel bevorzuge ich eher moderne Soul-Platten – allerdings auch nicht allzu häufig.

Auf die neue Platte von Kendrick Lamar, die von vielen Seiten hochgelobt wird, war ich dennoch neugierig. Ich hörte die ersten Songs auf Spotify und entschied mich dann, das Album zu kaufen. Nun liegen 75 Minuten fast unbekanntes und für mich eigentlich herausforderndes musikalisches Terrain vor mir.

„United in Grief“ beginnt recht kunstvoll, mit Samples, eingestreutem Klavier, einem stürmischen Drumsound, guten Breaks und sehr temporeichem Sprechgesang. Bei „N95“ gewinnt weniger der Song an sich, sondern vielmehr die kunstvolle Produktion. Kendrick Lamar arbeitet oft mit drei bis vier Produzenten pro einzelner Nummer zusammen. „Worldwide Steppers“ ist schon fast ein geschickter Trip-Hop-Track, bei dem selbst Tricky vor Neid erblassen müsste.

„Die Heart“ gefällt mir richtig gut. Selbst bei Kendrick Lamar geht es hier mal poppig und soulig zu. „Father Time“ wird ziemlich kraftvoll heruntergerappt, doch auch hier holt die Produktion viel aus dem Stück heraus. „Rich Spirit“ ist nach dem eher holprigen „Rich (Interlude)“ wieder stark – Lamar und sein Team erwecken den Trip-Hop-Spirit und den smoothen Groove der 90er Jahre auf diesem Rap-Album wirklich neu, was großen Spaß macht, obwohl ich mich bei vielen alten Trip-Hop-Nummern mittlerweile schnell langweile. Das bestätigt auch „We Cry Together“, das jedoch als Beziehungsstreit mit möglichst vielen Kraftausdrücken schnell nervt. Warum Afroamerikaner sich in dieser Kultur mit rassistischen und beleidigenden Ausdrücken selbst ansprechen können, ohne dass es für sie seltsam oder befremdlich wirkt, ist ein Geheimnis der Rap- und Hip-Hop-Kultur, das auch Rapper hierzulande oft übernehmen. Gangster und Rapper zu sein ist so zum Klischee geworden, dass man kaum noch dagegen argumentieren kann.

Weiter mit den anderen Songs: „Purple Hearts“ ist wieder mehr Soul-Pop und sehr gelungen. „Count Me Out“ ist gut arrangiert und trotz seiner eher ruhigen Gangart recht abwechslungsreich, da er sich ständig in verschiedene Richtungen entwickelt. „Crown“ ist eine Art Art-Pop-Nummer, während „Silent Hill“ gut klingenden Hip-Hop bietet. Bei „Savior Interlude“ und „Savior“ merkt man, dass das Album recht lang ist und etwas an Spannung verliert. „Auntie Diaries“ ist musikalisch wieder interessant und steigert meine Aufmerksamkeit erneut. „Mr. Morale“ besticht durch Big Beats, die an Tricky erinnern. Wenn bei „Mother I Sober“ sogar Beth Gibbons mitsingt, bestätigt das, dass hier jemand den Trip-Hop bewusst modernisiert. Mit „Mirror“ folgt schließlich der perfekt groovende und entspannte Abschluss.

Ein sehr gutes Album. Dass Kendrick Lamar dem Trip-Hop neues Leben eingehaucht hat, hätte ich nicht erwartet. Ein Glanzstück des Genres – bitte mehr davon. (151)

Lambchop – I hope you´re sitting down (1994)

Jede Band hat einen Anfang – dieses Doppelalbum markiert den Beginn von „Lambchop“. Wechselnde Besetzungen und unterschiedliche Stilrichtungen sind bei der Band keine Seltenheit. Nur Kurt Wagner, Songwriter und Sänger mit markanter Stimme, ist seit inzwischen 30 Jahren die Konstante.

Der Alternative-Country-Stil, für den die Band bekannt ist, zeigt sich auch auf dem Debütalbum. Wagners Stimme klingt hier noch nicht ganz so rauchig; sie ist etwas säuselnder und zurückhaltend sanft.

Das Line-up der Band auf „I Hope You’re Sitting Down“ umfasst zehn Musiker: Hammond-Orgel, Cello, Saxophon, Percussion, Schlagzeug, Klarinette, Mandoline, Ukulele, Banjo, Synth-Streicher, open-end wrenches, auch bekannt als Schraubenschlüssel (!), Gitarre und Bass. Eine großartige Instrumentierung für eine Indie-Band, und dafür schreibt Kurt Wagner genau die passenden Songs.

Das ist Musik zum Genießen und zum intensiven Hineinhören, eignet sich aber auch hervorragend als Hintergrundmusik. Es ist einfach gute Musik – unaufdringlich, aber nicht zu gefällig, nicht beliebig, sondern fein gespielt.

Und das Beste an „Lambchop“ ist: Sie sind unverwechselbar und damit einzigartig – eine Eigenschaft, die nur wenige Bands von sich behaupten können. (83)

14.02.25

Mark Lanegan – Straight Songs of Sorrow (2020) 

„I wouldn´t want to say“ eröffnet das Album mit einem sanfteren Space-Rock-Klang und bleibt diesem Stil treu. Mark Lanegans letztes Soloalbum ist stark von der Arbeit an seiner Autobiografie beeinflusst.  
Kurz: „Apples from a Tree“ ist ein Singer/Songwriter-Song und sehr, sehr schön. Bei „The Game of Love“ zeigt Lanegan seine musikalische Vielfalt, die er bereits zuvor in seiner Karriere immer wieder bewiesen hat – sei es bei den Screaming Trees, Queens of the Stone Age, der Mark Lanegan Band oder in Zusammenarbeit mit Isobel Campbell.  

Die Songs wirken wie sanfte Beschreibungen von Skizzen und Szenen eines Lebens, atmosphärisch dicht und „Katemine“ erinnert an einen Nick-Cave-Song. Düster ist das Album nicht, höchstens in einzelnen Textpassagen. Musikalisch bricht Lanegan diese Stimmung jedoch mit einer spielerischen Leichtigkeit, zum Beispiel durch den sanft treibenden Rhythmus von „Bleed all over“. Meist handelt es sich eher um Songwriter-Musik als um Rock, dabei bleibt das Ganze weit entfernt vom Pop, etwa beim sanften „Churchbells, Ghosts“.  

Elektro-Elemente sind bei „Internal Hourglass Discussion“ zu hören, was mich an Mark Kozelek erinnert. „Stockholm City Blues“ ist ruhig, mit Ambient-Touch und ebenfalls sehr schön. Insgesamt bietet das Album gehobene Songunterhaltung, eher zum bewussten Hören geeignet, und verlangt eine gewisse Stimmung für anspruchsvollere Musik. Mir gefällt das Album sehr. Leider kenne ich Lanegans Gesamtwerk bisher nur wenig. Von den Screaming Trees besitze ich das bekannte Album „Sweet Oblivion“; ansonsten habe ich ihn wohl eher auf einigen Samplern mit seiner Musik wahrgenommen. Trotzdem erinnert mich „Skeleton Key“ auch nach über 30 Jahren an diese Band.  

Americana beherrscht er ebenfalls, beispielsweise in „Daylight in the Nocturnal House“, das bei ihm allerdings eher im Stil von Americana-Gothic gehalten ist.  
Downtempo-Wüstenrock gibt es bei „Ballad of a Dying Rover“, sanften Folk bei „Hanging on (For DRC)“.  

Bei „Burying Ground“ merkt man, dass die Platte inzwischen zwölf Titel umfasst und Song Nummer dreizehn ein wenig schwerfällt. Textlich ist er nicht schlecht, musikalisch jedoch etwas zu minimalistisch geraten. Da ist der Wüstenrock bei „At Zero Below“ schon besser, auch wenn dieser dem Album keine neue Farbe mehr verleiht. Zum Abschluss folgt „Eden Lost and Found“. Hoffen wir, dass Mark Lanegan am Ende seines, natürlich viel zu kurzen Lebens, doch noch so etwas wie den Garten Eden für sich gefunden hat. Mit einem Album, das sein eigenes Werk als „ein Menschenleben“ beschreibt, das Gesamtwerk abzuschließen, erscheint sehr passend. Ich weiß, dass ich noch viel mehr von Mark Lanegan in meiner verbleibenden Lebenszeit hören muss. (476)

Daniel Lanois – Acadie (1989)

Daniel Lanois hat unter anderen Platten von Peter Gabriel, U2, Robbie Robertson, Neville Brothers, Bob Dylan produziert und dies gefühlt alles gleichzeitig. 1989 hat Daniel Lanois sein erstes eigenes Album herausgebracht. Bei bekannten Musikern, die ihm im Studio unterstützen, hätte er sich sicherlich frei bedienen können, entschied sich aber für die Gäste Larry Mullen, jr und Adam Clayton (beide U2), Teile der Neville Brothers, Brian und Roger Eno, sowie weitere exzellente Studiomusiker mit denen Lanois auch schon in der Vergangenheit gearbeitet hat. 

Direkt bei „Still Water“ hört man heraus, dass Daniel Lanois sowohl mit Robbie Robertson als auch mit U2 gearbeitet hat, denn der Song hätte sowohl von der einen Band als von dem anderen großen kanadischen Musiker stammen können. Trotzdem klingt es jetzt nicht wie eine schlechte Kopie – sondern wie „ein Song im gleichen Stil von“. Wirklich schöner Song und auch eine gutes Eröffnungsstück für eine Platte. 
Vom Sound klingen die ersten zwei Stücke des Albums wirklich wie die von ihm produzierten U2 Alben und auch von der Instrumentierung und im Stil ist es diesen Alben wohl am nächsten und so auch der wundervolle Song Namens „The Maker“, der Gastgesang von Aaron Neville bringt dann noch den zusätzlichen A-Ha-Effekt.
In französisch gesungen und mit ganz viel Folk-Feeling „O Marie“ - sicherlich der Song, den ich am meisten von diesem Album gehört hab. Die Gitarrenarbeit erinnert hierbei sehr an den von Daniel Lanois mitgeförderten Chris Whitley.
Launiger Country-Folk im Cajun-Stil: „Jolie Louise“. Atmosphärisch dichter (fast) Instrumentalsong – mit eingesprochenen Text: „Fisherman´s Daughter“. 
„White Mustang II“ - Ebenso atmosphärisch und klingt wie ein Soundtrackstück – zusammen mit Brian Eno geschrieben und vielleicht auch deshalb ein Ambient-Americana-Song. 
Zurück im Folk-Rock-Modus: „Under a stormy Sky“. Bei „Where the Hawkwind kills“ mischt Daniel Lanois den Stil der ersten beiden Stücke der Platte mit dem Ambient-Americana Sound kurz zuvor. Das hat dann schon was ganz eigenes. Sanfter Folk: „Silium´s Hill“. Den Ambient-Americana-Stil hat Lanois aber wirklich mit dieser Platte sicherlich einen großen Anschub gegeben. Den Eindruck verstärkt auch der Track: „Ice“. „St. Ann´s Gold“ - auch noch ein sanfter Folk-Song. Am Ende dann ein sehr bekannter Traditional – neu gespielt und aufgenommen „Amazing Graze“. 

Was man dem Album oder dem Macher vorwerfen kann – ist das es zu oft zu Stilbrüchen kommt – teilweise weiß man nicht, ob er ein reines Folk-, oder ein Ambient-Americana – oder ein Album im Stil der vom ihm Produzierten Alben von U2 und Robbie Robertson machen will. Aber vielleicht ist auch gerade diese Uneinheitlichkeit – die das Durchhören der Platte noch recht spannend gestalten – trotz der vielen ruhigen Passagen. (458)

Larkin Poe – Kin (2014)

Keine Gefangenen nehmen, einfach zuschlagen. Die Schwestern Rebecca und Megan Lovell spielen Roots-Rock, gemischt mit Blues und Southern Rock. Das nimmt den Hörer sofort mit. Wer Cari Cari mag, wird den Eröffnungssong „Jailbreak“ lieben, und Gleiches gilt für die Riffs und die Rhythmusarbeit bei „Don’t“. Obwohl der Song im Refrain durchaus etwas Herzliches hat, ist das schon echter Killer-Rock. Gute Riffs, mitreißende Melodien – hier kommen viele Hörerguppen auf ihre Kosten.  
Im Indie-Rock-Bereich – weil deutlich sanfter als die vorherigen Songs, aber genauso gut – überzeugt „Stubborn Love“.  
Modernisierter Roots-Rock klingt „Dandelion“, denn er wirkt einfach nach etwas mehr als der „erdige Sound“ der White Stripes. Dabei übertreibt er es nicht, sondern erweitert geschickt die Möglichkeiten des Genres und überzeugt deshalb sehr.  
Im Lagerfeuermodus beginnt „Crown of Fire“, und auch hier ist alles musikalisch sehr wohldurchdacht. Das ist toller Folkrock, der einfach gut klingt.  
Das Album wurde hervorragend von Chris Seefried und Damien Lewis produziert, die bei ihrer Arbeit alles richtig machen.  
Langweilig wird es nicht, denn die beiden Schwestern überraschen immer wieder. „Elephant“ strahlt einen unglaublichen R&B- und Soul-Vibe aus. Da wird klar, warum Beyoncé auch einmal ein Country-Album machen wollte – die Mischung gelingt einfach gut. Allerdings waren Larkin Poe damit schon vor zehn Jahren am Start.  
Eher Popmusik ist „High Horse“. Die Produktion schreit danach, ein Charterfolg zu werden – und das zu Recht. Irgendwie ist der Indie-Spirit, der zu Beginn der Platte spürbar war, einem höheren Ziel in der Mitte des Albums gewichen. Doch der Killer-Rock-Pop funktioniert einfach sehr gut, wie etwa bei „Sugar High“.  
Dann zaubern die Schwestern mit „Jesse“ wieder einen echten Songdiamanten hervor, bei dem man schon nach den ersten Takten weiß: Das mag ich sehr. Leider verspielen sie jedoch den anfänglichen Bonus des Songs im Refrain, der zu simpel und nach bekannten Mustern verläuft. Schade, das hätte etwas Besonderes werden können. Am Ende ist es kein Diamant, aber trotz des Refrains auch kein wirklich schlechter Song.  
Ein guter, souliger Rocksong, der an einen James-Bond-Titelsong erinnert, ist „Banks of Allatoona“. Der Stadionrock-Hymne „We Intervine“ folgen die Schwestern mit einer kurzen, zarten Klavierballade als Rausschmeißer: „Overarchiver“.  

Larkin Poe können alles: Roots Rock, Pop – und das alles richtig gut. Vielleicht lohnt es sich, mal eine Konzertkarte zu sichern? Zurzeit (2.2.25) sind die Schwestern mit ihrer neuen Platte ganz aktuell in den Schlagzeilen, und im vergangenen Jahr haben sie sogar ihren ersten Grammy gewonnen. Nach dem Debütalbum kann ich sagen, dass sie sich das verdient haben. (470)

LCD Soundsystem – American Dream (2017)

2010 spielte das LCD Soundsystem um Mastermind James Murphy ihr letztes Konzert. Daraus entstand auch die großartige Dokumentation „Shut Up and Play the Hits“. Sieben Jahre später veröffentlichte die Band mit „American Dream“ doch noch ein weiteres Album.

Die Musik verbindet Elektro-Punk mit Disco und sogar Ambient-Elementen. Murphy hat schon einmal eine ideale Jogging-Musik produziert. Beim LCD Soundsystem geht es meist darum, mit der Musik richtig Dampf ablassen zu können.

Sanfter Synth-Pop eröffnet das Album mit „Oh Baby“. Das ist zwar nicht zum Dampfablassen geeignet, bietet aber schöne elektronische Popmusik. Das Tempo und der Rhythmus verstärken sich deutlich bei „Other Voices“. Sofort merkt man, warum ich LCD Soundsystem so schätze. Murphy und seine Mitstreiter beherrschen die treibenden, fetten Beats und Sounds einfach perfekt, dazu passt ihr markanter Sprechgesang sehr gut. Hinzu kommt eine ausgefeilte Produktion und ein Songdesign, wie man es sonst vielleicht nur vom Duo Eno/Byrne kennt. So klingt es wie ein modernes Update dessen, was die Talking Heads ganz am Anfang gemacht haben – tanzbaren Funkrock.

Den Elektro-Sound mit analogen, „echten“ Instrumenten zu kombinieren – auch wenn man heutzutage nie ganz sicher sein kann, ob die Sounds wirklich live eingespielt oder nur Samples sind – gelingt dem LCD Soundsystem auf Studioalben so gut wie anderen Elektro-Acts nur live. Den Bass, den ich am Anfang höre, nehme ich jedenfalls als echt wahr. Er nimmt einen mit in den ausdrucksstarken Art-Pop/Rock-Song „I Used To“. Eine ganz tolle Nummer.

Funk-Einsatz gibt es auch bei „Change Yr Mind“. Die Rhythmusgruppe leistet Großes, und ich werde sofort an David Byrne, Talking Heads und Brian Eno erinnert – und zwar auf eine sehr, sehr positive Weise. „Now Do You Sleep“ wirkt eher atmosphärisch und anspruchsvoller. Das LCD Soundsystem ist längst nicht mehr nur auf schweißtreibende Party-Beats angewiesen, was ich sehr begrüße.

Die Dancefloor-Musik „Tonite“ ist tanzbar und erinnert an die alten Stücke der Band, während „Call the Police“ deutlich rockiger klingt. Mit der Synth-Pop-Ballade „American Dream“ merkt man allerdings, dass Murphy manche Songs leider etwas zu sehr in die Länge zieht. Auch „Emotional Haircut“ ist eine typische LCD-Soundsystem-Nummer. Bei „Black Screen“ klingt es weniger nach Dance-Punk, sondern eher nach Synth-Pop – eine schöne, ruhige Nummer.

Meinetwegen muss dieses Album nicht das letzte von James Murphy oder dem LCD Soundsystem sein. Sie sind einfach zu gut, um nicht weiterzumachen. (409)

Jackie Leven – The Argyll Cycle Vol.1 (1996)

Okay, die ersten Klänge erinnern wirklich stark an Dire Straits und Mark Knopfler, doch Jackie Leven verleiht dem Song zum Refrain hin einen großartigen Folkeinschlag. Wenn ich von der Modernisierung des britischen, irischen und schottischen Folks spreche, meine ich genau das. Folk muss nicht immer wie aus dem Mittelalter klingen, sondern darf auch radiotauglich und poppig daherkommen. Von daher mag ich, was der Schotte macht, auch wenn die Musik klingt, als sei sie ein Jahrzehnt vor ihrer Veröffentlichung entstanden – und genau das ist der Fall. Die Songs entstanden in den Jahren 1985 bis 1990.

Wer Chris Rea und Mark Knopfler mag, wird den ersten Song auf jeden Fall lieben. Sanften Rock bietet auch „Walking in Argyll“. Schön akustisch und als Singer/Songwriter-Stück präsentiert sich „Honeymoon Hill“. Danach geht es wieder mit mehr Tempo und Rockdrive weiter bei „Looking for Love“. Das alles mag für manchen Kritiker zu weich produziert sein, aber für den Massengeschmack ist die Musik von Leven fast schon zu gut. Es ist entspannter Pop/Rock mit etwas Folk und Singer/Songwriter-Anteil, den man einfach genießen kann – und das reicht doch.

Sehr entspannt und gekonnt ist „Grievin at the Mish Nish“. „Ballad for a Simple Mind“ ist bereits großartig. Als Country-Ballade kommt „As we sailed into Skribbereen“ daher. Mit dieser Mischung geht es auch weiter. Zwar verliert das Album gegen Ende etwas an Tempo und es dominieren die reinen Singer/Songwriter-Nummern, doch es bleibt schöne, entspannte Musik – und genau das mag ich. -295

Led Zeppelin – Led Zeppelin (1969)

Noch mit einem großen Anteil an Psychedelic-Rock startet „Good Times Bad Times“. Dieser steigert sich bei „Babe I’m Gonna Leave You“ noch weiter. Dieser Song enthält schon alle Zutaten eines richtig guten Led-Zeppelin-Stücks – hervorragenden Gesang, großartiges Gitarrenspiel und einfach tollen Rock. Eine sehr starke Nummer, die einen bleibenden Eindruck beim Hörer hinterlässt. Weiter geht es mit dem Blues-Cover „You Shook Me“, das wie das später gespielte „I Can’t Quit You Baby“ ursprünglich vom Bluesmusiker Willie Dixon stammt und nun als Blues-Rock begeistert. Nahtlos anschließend folgt das psychedelische Monster „Dazed and Confused“, das als nächstes Meisterstück auf dem Debütalbum überzeugt.

Durch ihre Mischung aus hartem Psychedelic-Rock und Blues grenzten sich Led Zeppelin deutlich von anderen damals sehr populären Bands wie den Rolling Stones, The Who, den Beatles oder den zahlreichen Prog-Rock-Bands ab. Sie waren einfach eine Nummer rockiger, härter und durchaus virtuoser. Beachtlich ist auch, dass Jimmy Page gleichzeitig als Produzent der Platte fungierte. Das zeigt sein großes Selbstvertrauen in seine musikalischen Fähigkeiten.

Eine weniger bekannte, aber ebenso bemerkenswerte Nummer ist „Your Time Is Gonna Come“ – Hippie-Musik, die mir sehr gefällt. Dieser Song geht über in das sehr schöne instrumentale „Black Mountain Side“. Mit „Communication Breakdown“ folgt ein weiterer Rockknaller, der stellenweise an den Sound von The Who erinnert. Danach gibt es mit „I Can’t Quit You Baby“ den nächsten Beziehungsblues. Bei den Blues-Stücken treten auch die Fähigkeiten der weiteren Bandmitglieder John Bonham (Drums) und John Paul Jones (Bass, Orgel) deutlich hervor.

Am Ende folgt noch ein weiterer Rocksong, der zu Beginn einen Surf-Rock-Einschlag zeigt: „How Many More Times“.

Ein Rockklassiker – und wenn ich zwischen den Beatles, den Stones und The Who wählen müsste, würde meine Antwort „Led Zeppelin“ lauten. (280)

Live – Throwing Copper (1993)

Vorweggenommen: Dies ist eines meiner (vielen) Lieblingsalben der 90er Jahre. Die Rezeptur der Platte ist eigentlich ganz einfach, funktioniert aber hervorragend. Man nehme Songs in der Art, wie sie R.E.M. spielt, und füge etwas mehr Härte hinzu. Produziert wurde das Album vom Ex-Talking Head Jerry Harrison, und es ist vollgepackt mit großartigen Liedern.

Der Eröffnungstitel „The Dam at Bever Creek“ kommt fast wie Art-Rock daher, entwickelt sich aber zu einem kraftvollen Rocksongs. „Selling the Drama“ hingegen beginnt wirklich wie ein Alternativ-Folk-Rock-Stück von R.E.M. und wird nur im Refrain und zum Finale etwas lauter – der Song ist ein erstes Highlight. Direkt darauf folgt mein Lieblingssong des Albums: „I Alone“. Er trägt eine besondere Grunge-Emotionalität in sich. Die Balance zwischen Gefühlstiefe und Wucht hält auch ein Stück wie „Iris“ auf hohem Niveau. „Lightning Crashes“ funktioniert ebenfalls ausgezeichnet – ein weiterer wirklich toller Song.

Der konventionelle Rocksong „Top“ wird gefolgt vom nächsten Highlight, dem kraftvollen, zugleich sanften Zwitterstück „All Over You“. Die musikalische Verwandtschaft zu R.E.M. kann „Shit Towne“ zwar nicht abstreifen, aber warum auch, wenn das so gut funktioniert? Mit der sofort mitreißenden Bassmelodie fängt „T.B.D.“ einen direkt ein und lässt einen bis zum Ende nicht mehr los. Volle Härte bietet „Stage“. „Waitress“ versteht es hingegen besser, mich mitzunehmen. Allerdings, und das ist ein Nachteil von Alben mit vierzehn nicht gerade kurzen Songs, bin ich als Hörer jetzt schon fast übersättigt. Erst jetzt kommen zwei Songs mit einer Länge von über sechs Minuten. Den Anfang macht das atmosphärische „Pillar of Davidson“, das fast wie ein alter Genesis-Song klingt – wirklich etwas für Prog-Rock-Fans.

Guter Rock findet sich auch in „White Discussion“. Deshalb hat das Weiterhören dann doch noch richtig Spaß gemacht, und den Schluss setzt „Untitled“, der mittlerweile wohl den Titel „Horse“ erhalten hat.

Das Album bleibt ein wirklich gutes Werk, und ich muss unbedingt herausfinden, ob Live noch weitere ordentliche Platten veröffentlicht hat. In den letzten 30 Jahren ist es mir nämlich nicht gelungen, das herauszufinden, was wiederum ziemlich seltsam ist. (307)

Living Colour – Vivid (1988)

Wie ich ja schon mehrmals erwähnt habe, habe ich mit Hardrock, Heavy Metal und härterer Rockmusik eigentlich erst mit dem Aufkommen des Grunge so richtig angefangen, CDs zu kaufen und zu sammeln. Aber ein paar härtere Stücke gab es schon vorher. Meist waren es allerdings eher die discotauglichen Songs, die mich zum Kauf einer CD gebracht haben. Bei Living Colour waren das die Nummern „Solace of You“ und „Love Rears Its Ugly Head“. Das eine ist schon ein wenig am Reggae oder an afrikanischer Musik angelehnt, und das andere eigentlich eine Blues-Nummer. Aber natürlich können Living Colour auch ganz anders.

„Vivid“ ist das Debütalbum der Band. Mit „Cult of Personality“ beginnt die Platte direkt mit einem ziemlichen Knaller, und für Endachtziger-Rock klingt die Musik immer noch recht frisch. Das liegt auch an der Mischung und daran, dass die Band, von der ich glaube, dass sie damals immer noch recht selten war, aus ausschließlich afroamerikanischen Mitgliedern besteht – was eigentlich seltsam ist, da Jimi Hendrix bis heute als einer der besten Rockgitarristen aller Zeiten gilt und das Genre nachhaltig geprägt hat. Sänger Corey Glover sorgt gleichzeitig für sehr rockige, aber auch teils soulig-bluesige Momente mit seinem Gesang, während Vernon Reids Gitarrenspiel jede musikalische Grenze zwischen Rock, Funk und Blues sprengt. Fast schon eine Prince-Nummer, da poppig und rockig: „I Want to Know“. Vernon Reid ist auch der musikalische Kopf der Band, der beim Songwriting aller Originalsongs des Albums entweder federführend oder beteiligt war.

„Middle Man“ ist treibender Rock, und ich merke, dass mir die CD nach einer Phase langen Ignorierens richtig gut gefällt. Die Musik erinnert an das Dan Reed Network, das ungefähr zur gleichen Zeit bekannt wurde. Natürlich denkt man auch an Lenny Kravitz, doch dieser bewegt sich viel mehr auf der Retro-Welle und weniger auf der Crossover-Schiene. Als eine frühe Form des harten Crossovers kann man die Musik von Living Colour auf jeden Fall bezeichnen. Herrlich losgelöster Rock zeigt sich bei „Desperate People“. Immer schon mochte ich „Open Letter (To a Landlord)“ – sozialkritischer Crossover-Rock der Extraklasse. „Funny Vibe“ könnte auch „Funky Vibe“ heißen – Funk-Rock mit Sprechgesang (Rap). Was die Red Hot Chili Peppers können, können Living Colour natürlich auch, und die Nummer klingt eigentlich auch wie ein Song von Body Count. Damit haben wir schon die zweite bekannte Heavy-Gruppe mit afroamerikanischen Wurzeln genannt.

Den Talking Heads-Song „Memories Can’t Wait“ versieht die Band mit einer Heavy-Metal-Frischkur. Sanftere Töne gibt es zwischendurch mit „Broken Hearts“, und für richtig gute Laune sorgt auch heute noch „Glamour Boys“. Noch einmal mit Funk und Soul arbeitet „What’s Your Favorite Color? (Theme Song)“. Mit hartem Funk-Rock endet die Platte: „Which Way to America“.

Überraschend gut gealtert ist dieses Album – ich hatte fast erwartet, dass so mancher Song für mich heute nicht mehr funktioniert, doch eigentlich lässt sich jeder Song auch heute noch gut hören. Ein wirklich gutes Debütalbum. (278)

Logic System – Venus (1981)

Hideki Matsutake hat viel für japanische Musiker im Bereich der Sequenzer-Programmierung gearbeitet und ist solo unter dem Namen „Logic System“ aktiv. Sein zweites Album wurde im neu gebauten Yamaha-Studio in Los Angeles produziert. Amerikanische Songwriter bringen in Matsutakes Arbeit eine Art Mainstream-Jazz-Melodien ein – teilweise klingt es, als würde Frank Zappa Musik für einen Hersteller von Videospielen komponieren.

Natürlich handelt es sich um Retro-Computermusik aus den 80er Jahren, und so klingt sie auch. Zeitlos ist das nicht – doch die Pionierarbeit, die Matsutake damals gemeinsam mit anderen Musikern geleistet hat, ist heute noch bei Daft Punk und anderen hörbar. Einige Sounds wirken auch heute noch sehr gelungen, doch das Material ist nicht so gut gealtert wie auf seiner Debütplatte „Logic“ aus dem selben Jahr. Dabei fällt auf, dass die Stücke ohne amerikanische Co-Autoren mehr Spaß machen – vielleicht hätte er auf den westlichen Einfluss besser verzichten sollen.

Beachtlich ist das erste Stück der zweiten Seite, „Automatic Collect Automatic Collect“, das schon sehr nach Techno klingt und seiner Zeit wirklich voraus war. Mit „Be Yourself“ zeigt Hideki Matsutake, dass er auch Disco-Funk beherrscht. „Prophet“ ist nochmals schön abgedreht, vielleicht sogar etwas zu sehr. An diesem Punkt merke ich, dass ich die Platte bisher viel zu schnell gehört habe („Ha, ha – das kann nur einem Vinylhörer passieren“). Also starte ich nochmal von vorn, und natürlich wirkt die Musik jetzt viel gemächlicher – was auch bei den zuvor schneller abgespielten Stücken mit Mainstream-Einfluss nicht besser wird.

Einige der Sounds, die mit dem Moog III, Prophet 5, Roland MC-8 und TR 808 sowie dem Yamaha GS-1, einem Vorläufer des DX7, erzeugt wurden, klingen aber auch heute noch wirklich gut. In normaler Geschwindigkeit kommen die Stücke „Plan“ und „Take a Chance“ etwas besser zur Geltung als in der 45-RPM-Fassung. Leider fällt dadurch der Vergleich mit Frank Zappa weg – daher lohnt es sich für Zappa-Fans möglicherweise, die Platte mal mit erhöhter Geschwindigkeit gehört zu haben (ha ha).

Der positive Eindruck von „Automatic Collect Automatic Collect“ bleibt erhalten, nur klingt es jetzt weniger nach Techno, sondern mehr wie ein SF-Soundtrack. Es bleibt der Höhepunkt des Albums. Aus „Be Yourself“ wird bei 33 RPM ein Jazz-Funk-Stück, nun allerdings ohne Disco-Einfluss. Das Stück „Prophet“ ist auf jeden Fall das experimentierfreudigste Stück des Albums und erinnert mich an die frühen Platten von „Yello“. Es sticht hervor, weil darin bereits Elemente späterer Techno-Musik zu hören sind. Mit „Metamorphism“ gibt es noch eine schöne Fahrstuhl-Nummer. Das kurze „Equivalent“ ist leider zu kurz, um sich darüber eine klare Meinung zu bilden.

Auch in normaler Geschwindigkeit ist es kein herausragendes Album – ein bemerkenswertes Werk, aber auch vieles, das ich nicht noch einmal hören muss. Dafür ist es jedoch in zwei Geschwindigkeiten abspielbar. (168)

Lonelady – Nerve Up (2009)

Unter dem Namen Lonelady macht Julie Campbell Musik. Der frühe Post-Punk ist eine ihrer wichtigsten Inspirationsquellen. Ihre Songs sind jedoch auch sehr tanzbar und enthalten Elemente aus verschiedenen Stilrichtungen der elektronischen Musik. So ist der Track „If not now“ ein minimalistischer Elektronik-Tanzsong, der mich sofort fesselt. „Intuition“ hingegen weist einen starken New-Wave-Touch auf und enthält zugleich markante Gitarrenriffs. Für einen Song aus dem Jahr 2009 hat er viel 80er-Jahre-Charme. Der Titelsong „Nerve Up“ ist zudem sehr groovig. Campbell macht vieles richtig, denn die Songs sind abwechslungsreich und fangen einen von Anfang an ein. Das macht richtig Spaß und ist für Fans von New Wave, Post-Punk und Dance-Rhythmen ein echtes Fest. Auch „Early the Haste Comes“ funktioniert großartig. Hier wird das Tempo etwas reduziert, aber mit einer stimmigen Atmosphäre: „Marble“. 

Ebenfalls sehr empfehlenswert: „Immaterial“. Ganz im New-Wave-Gitarrenstil präsentiert sich „Cattletears“. So bleibt die Mischung auch bei „Have No Past“, „Army“ und dem ruhigen, melancholischen „Fear No More“ abwechslungsreich und fein abgestimmt. Eine wirklich gute Platte! (301)

LoudBomb – Long Playing Grooves (2003)

In den Jahren 2002 und 2003 hat sich Bob Mould mit elektronischer Musik beschäftigt. Dies zeigt sich beim Album „Modulate“ und auch bei seinem Projekt unter dem Anagramm „LoudBomb“ – eine sehr gute Wahl, wie ich finde.

Der Eröffnungstrack beweist sofort, dass er als Elektronikmusik-Künstler wirklich überzeugt. Tolle Soundideen und ein guter Groove sorgen dafür, dass der Track nicht von Anfang bis Ende stagniert. Das ist etwas, das mich bei dieser Musikrichtung oft stört, da viele Künstler meist nur eine gute Grundidee haben, die dann überlang durchgezogen wird. Wenn die Musik dann auch noch nicht tanzbar ist, vergeht mir schnell der Spaß.

„Theme (It’s a Perfect Day)“ ist, wie gesagt, richtig gut gelungen. „Guys like you“ setzt diesen positiven Eindruck nahtlos fort und ist eine richtig starke Nummer. Nach nur zwei Stücken bin ich wirklich überrascht und beeindruckt, wie sehr mich dieser Sound mitnimmt.

„Devil v. Angel“ schlägt einen aggressiveren Ton an, bleibt dabei aber tanzbar. Auch die folgenden Titel sind abwechslungsreich und niemals eintönig. Eine solche Musik hätte Bob Mould gern weiter verfolgen können. Als Fan von Hüsker Dü, Bob Mould und Sugar schreckt mich diese Entwicklung keineswegs ab. Im Gegenteil, ich zolle Respekt für die Weiterentwicklung und die neue Seite dieses großartigen Künstlers.

Als Oberhausener bin ich ohnehin für Vielfalt – den Satz versteht wohl nicht jeder, aber was soll’s.

Lyle Lovett – Lyle Lovett and his large Band (1989)

Jazz in Big-Band-Qualität, gemischt mit Country-, Blues- und Soul-Elementen – so lässt sich dieses Album insgesamt beschreiben. Die Qualität der Songs ist sowohl bei den Eigenkompositionen als auch bei den Coverversionen durchweg sehr hoch. Zwar hat mich das Album als Ganzes bisher nie vollständig begeistert, doch brillante Einzelstücke machen es unmöglich, Lyle Lovett und seine Musik nicht zu mögen und weiter zu verfolgen. Manchmal reicht ein Song aus, um einen fürs Leben an einen Künstler zu binden. So ist es bei mir mit „Nobody Knows Me“ geschehen.

Mit „The Blues Walk“ beginnt das Album instrumental und im Stil eines Bigband-Jazzstücks, das an die Erkennungsmelodie einer TV-Sendung erinnert – tatsächlich kommt mir dabei die Musik des „Aktuellen Sportstudios“ in den Sinn. Es folgt „Here I Am“, das meist gesprochen, aber im Refrain kraftvoll gesungen wird und einen starken Blues- und Soul-Einschlag besitzt. Jazz, Soul und Blues vereinen sich großartig und elegant in „Crying Shame“ und „Good Intentions“. Mit viel Gefühl überzeugt „I Know You Know“.

Die Produktion lässt sich als sehr glatt und poliert beschreiben, doch das wäre ein großer Fehler, denn es handelt sich um meisterliche, detailreiche Aufnahmen. Natürlich beherrschen alle beteiligten Musiker ihre Instrumente bis zur Perfektion. Lyle Lovett überlässt nichts dem Zufall, weshalb der Hörer bei seinen Platten stets mit höchster Qualität belohnt wird. Man muss nur die ursprünglichste und langlebigste Form der amerikanischen Musik mögen, dann macht Lovetts Musik viel Freude. Je älter ich werde, desto mehr schätze ich dieses Album. Wer eigentlich in anderen Musikgenres unterwegs ist, könnte viele Songs als „ganz nett, aber nicht mein Stil“ oder als Musik für ältere Hörer und Country-Fans abtun. Hört man aber genau hin, erkennt man perfekte Musik. „What Do You Do/The Glory of Love“ ist dafür ein sehr gutes Beispiel.

Sehr schön zeigt sich kitschiger Country in „I Married Her Just Because She Looks Like You“ – ursprünglicher kann Country-Musik kaum sein. Kein Cowboy bleibt dabei mit trockenen Augen, was sich noch bei „Stand By Your Man“ verstärkt.

Weniger Kitsch, dafür sehr gefühlvoll ist „Which Way Does That Old Pony Run“. Solche Songs kann Lyle Lovett richtig gut.

Ein Lovesong für die Ewigkeit, großartig und wunderschön, ist „Nobody Knows Me“. Diesen Song spüre ich am ganzen Körper.

Auch „If You Were to Wake Up“ ist sehr schön.

Am Ende gibt es noch einmal ein kraftvolles Stück mit viel Jazz- und Soul-Feingefühl: „Once Is Enough“.

Dieses Album bereitet mir jetzt wirklich viel Freude, und ich bin wohl endlich hineingewachsen. (527)

Lyle Lovett – Joshua judges Ruth (1992)

Da mir das Vorgängeralbum „and his large Band“ beim Wiederhören wieder sehr gut gefallen hat, freue ich mich auch auf das erneute Hören dieses direkten Nachfolgealbums. Die Mischung aus Country, Soul, Jazz, Swing, Gospel und Blues ist meines Wissens nach weiterhin präsent. Natürlich gibt es auch eine Ballade, „She´s already made up her Mind“, die für mich ein Song für die Ewigkeit ist. Unvergessen und fest verankert in meiner Musikwelt. Der Rest des Albums ist mir jedoch nicht so sehr im Gedächtnis geblieben, sodass das Wiederhören für mich zugleich ein richtiges Ersthören wird. Darauf freue ich mich sehr.

Erstaunlich ist, dass alle Songs Originalwerke von Lovett sind. Besonders „I´ve been to Memphis“ klingt wie ein echter „Standard“ – ein Lied, das seit Jahrzehnten von verschiedensten Musikern gespielt wird. Das beweist auf eindrucksvolle Weise, welch großartiger Songautor Lyle Lovett ist. Der Texaner liefert Klassiker am laufenden Band, und dieser Song swingt ohne Ende.

Bei den Aufnahmen wurde Lovett von siebenundzwanzig Musikern unterstützt, darunter als Backgroundsängerinnen Ricky Lee Jones und Emmylou Harris.

Es folgt der Gospel „Church“, der mich ebenfalls fesselt und einfach großartig ist. Wie gut hier musiziert und produziert wurde, macht das Hören zu einem wahren Vergnügen. Ich schäme mich fast, dass ich diese CD so lange nicht gehört habe, und frage mich, warum das so war.

Der Gospelgesang von Francine Reed ist zwar nur kurz solo zu hören, aber einfach großartig. Reed gehört zur festen Besetzung der Large Band.

Danach wird es ruhiger und sehr schön: die Ballade „She´s already made up her Mind“, ein Song für die Ewigkeit. So berührend.

Ebenfalls wunderbar ruhig ist „North Dakota“ mit Rickie Lee Jones.

Blues-Rock bietet „You´re been so good up to now“. Leicht swingend und ruhig ist „All my Love is gone“, ein Bluesstück. Gospel und Folk vereint „Since the last Time“ in sich. Diese flotte, hervorragend gespielte Gospelnummer ist genauso ein Highlight wie zuvor „Church“. Es macht einfach großen Spaß, diese Stücke zu hören.

Blues und Country sind kongenial verbunden in „Baltimore“ mit Leo Kottke an der Akustikgitarre. Die Country-Ballade „Family Reserve“ setzt einen ruhigen Kontrapunkt.

Der sehr kitschige Countrysong „She´s leaving me because she really wants to“ erinnert stark an den Klassiker „Stand by your Man“.

Als Americana-Ballade folgt „Flyswatter/Ice water Blues (Monty Trenckmann´s Blues)“, ebenfalls sehr schön.

Den flotten Abschluss der CD bildet „She makes me feel good“.

Lyle Lovett ist ein Ausnahmekünstler, der das Beste aus der traditionellen amerikanischen Musik für sich vereinnahmt und in wunderbar zeitlose Songs verwandelt. (607)

Love A – Meisenstaat (2022)

Am auffälligsten finde ich bei „Love A“ den Gesang von Frontmann Jörkk Mechenbier. Seine Stimme ist für eine Post-Punk-Rock-Band ungewöhnlich, doch sowohl die Texte als auch die Art seines Gesangs passen perfekt zum kantigen, wuchtigen Sound der Band. Produziert wurde das Album diesmal vom Schlagzeuger Karl Brausch.

Die Songs sind musikalisch hervorragend gerockte Nummern, bei denen das Zusammenspiel von Bassmann Dominik Mercier und Stefan Weyer begeistert. Die Texte blicken in den Abgrund und drücken viel von Aufgeben, Resignation und Hilflosigkeit aus. Bloßes Meckern ist dem Texter keine Zeile mehr wert. „Ich sing nicht mehr von der Wut im Bauch“, heißt es direkt im ersten Song. Gesellschaftskritisch ist das alles auf jeden Fall, nur hat der Sänger keine Lösung parat. Vielleicht ist das gerade wegen oder trotz fehlenden Optimismus die richtige Platte für diese Zeit. Einfache Lösungen für die echten Probleme dieser Welt gibt es gerade nicht (oder vielleicht gab es sie nie). So mag ich deutschsprachigen Punk-Rock. (138)

Lena Lovich – Stateless (Original Mix + Bonus Stücke) (1978/CD-Neuausgabe 2023 als Teil von „Toy Box – The Stiff Years“)

Dunkle Erinnerungen hatte ich an den Namen Lena Lovich – früher kannte ich ihre Titel von meiner großen Schwester. Ich würde ihre Musik aus der Erinnerung heraus als Düster-Pop oder New Wave einordnen. Neulich fiel mir ihr Name wieder ein, doch ich stellte fest, dass es kaum etwas von ihr zu kaufen gab – abgesehen von alten Vinylpressungen. Doch wie durch Zufall erschien dann die „Toy Box – The Stiff Years“, mit der ich meine Erinnerungen jetzt auffrischen kann.

„Lucky Numbers“ klingt, als hätten Patti Smith und Blondie zusammen Musik gemacht. Man könnte es als eine Mischung aus Disco-Punk und New Wave bezeichnen, und so klingt auch „Sleeping Beauty“. Richtig stark ist „Home“ – mit tollen Gitarrenriffs am Anfang, bevor es dann wieder in eine New Wave-Nummer übergeht. Fast wie eine Joe Jackson-Nummer klingt „Too Tender (to Touch)“. Punk kann sie ebenfalls: „Say When“. „Tonight“, geschrieben von Nick Lowe, erweitert das Spektrum der Songs hin zum Pub-Rock. Zurück zum Disco-New Wave geht es mit „Writing on the Wall“. „Telepathy“ könnte vom jungen Bob Geldorf stammen. Bei „Momentary Breakdown“ hat man das Gefühl, Nina Hagen würde einen Song von Blondie singen. „One in a Million“ ist eine überdrehte Pub-Pop-Nummer. Mit „I Think We’re Alone Now“ endet das Album mit einem New Wave-Pop-Song.

Ein beeindruckendes Debüt. Das Erinnern an Lena Lovich hat sich also gelohnt – es sollte in keiner New Wave- oder Post-Punk-Sammlung fehlen. Die Bonusstücke der CD sind meist alternative Versionen von Songs, die auf der normalen Platte nicht enthalten sind, oder frühere Fassungen. (223)

Low – Double Negative (2018)

Das Album beginnt mit verrauschten Dissonanzen und dem Song „Quorum“. Schon hier wirkt es mehr wie Kunst als Musik, was zunächst befremdlich sein kann. Es erinnert ein wenig daran, als hätten Low zu viel Radiohead und Thom Yorke-Solos gehört. Hinter der experimentellen Spielerei mit Sounds und Dissonanzen verbirgt sich zwar auch Musik, doch diese geht im zweiten Song wieder vorzeitig verloren. Erst mit „Fly“, dem dritten Stück, präsentiert das Album endlich ein richtiges Lied, das mir sehr gut gefällt – abgesehen von dem zu langgezogenen Ende.

Bei „Tempest“ beginne ich zu zweifeln, ob das Album nicht doch hauptsächlich aus schönen musikalischen Momenten besteht, die durch die Spielerei mit Störgeräuschen, Übersteuerungen und ähnlichen Effekten den Hörspaß mindern. In meinen bisherigen fast 300 Texten habe ich bereits öfter darüber philosophiert, wie schnell mich eine übertriebene Nutzung von Störgeräuschen nervt. Und genau das trifft bei dem eigentlich recht sanften „Tempest“ zu. Zum Glück klingt „Always Up“ wieder klar und angenehm, und dieses sanfte Indie-Stück erinnert mich an Efterklang – das ist wirklich schön, wenn auch etwas einschläfernd.

Die Stimmung des Albums ist insgesamt sehr ruhig und in sich gekehrt, fast schon meditativ etwa bei „Always Trying to Work It Out“. Dieses Album eignet sich nicht, um in Stimmung zu kommen, sondern eher, wenn man schon eine bestimmte Stimmung hat. Stücke wie „The Sun, the Sun“ erschweren das Hörerlebnis zwar eher, denn zu diesem Klangteppich bräuchte man passende Bilder, damit die Musik wirklich wirkt – so ist es mir zu wenig. Auch die Slowcore-Pioniere Low sollten vielleicht überdenken, ob ihre Musik den Hörer manchmal nicht unterfordert.

Das filigrane „Dancing and Fire“ könnte als Soundtrack-Stück durchaus funktionieren, ist aber erst das dritte Stück, das mir etwas besser gefällt – und dennoch habe ich das Gefühl, Ähnliches schon zu oft gehört zu haben. Dieses Empfinden bleibt auch bei „Poor Sucker“ bestehen. Die mit akustischen Instrumenten „live“ eingespielte Musik hat sicher ihren eigenen Charme, doch die auf Platte gepresste Version packt mich nicht.

Erst „Rome (Always in the Dark)“, das endlich ein wenig vorantreibt und „fetter“ klingt, reißt einen dann doch überraschend mit. Allerdings erfordert diese Entdeckung viel Geduld, schließlich ist es erst das vorletzte Stück. Bei „Disarry“ kann ich mir den Kommentar sparen. Fans von Slowdive, Dead Can Dance und ähnlichen Bands werden dieses Album lieben, und die Zeitschrift „Uncut“ hat es bei Erscheinen zur Platte des Monats gekürt. Für mich bleibt es jedoch bei diesem einen Hördurchgang. Ich weiß allerdings, dass mir andere Alben der Band wirklich gefallen.-296

Lùisa – New Woman (2021)

Zum ersten Mal habe ich Lùisa bei ihrem Auftritt beim Traumzeit-Festival gehört (mittlerweile war sie dort als spontane Krankheitsvertretung auch ein weiteres Mal zu sehen und zu hören). Damals klang sie mit Texten, die sowohl auf Englisch als auch auf Französisch gesungen wurden, wie eine gelungene Mischung aus Kat Frankie und Sophie Hunger. Ihre Songs haben mich sofort für sich gewonnen. Die ersten beiden Platten habe ich gerne gekauft und oft gehört. „New Woman“ ist nach einer längeren Pause nun ihr drittes Album.

Lùisas Stimme hat einen hohen Wiedererkennungswert: Hat man vor Jahren einmal den Song „More“ gehört, fällt es leicht, sie auch beim Eröffnungsstück „Deep Sea State of Mind“ wiederzuerkennen. Das ist ein schöner Indie-Pop-Song, der direkt ins Ohr geht. Auch „By Your Side“ bleibt sofort im Gedächtnis. Die Wahlhamburgerin macht wirklich schöne Musik. „New Woman“ hat einen angenehmen Groove und erinnert mich an die kürzlich gehörten Intergalactic Lovers. Das Tempo der Songs ist abwechslungsreich, sodass beim Hören der Platte keine Langeweile aufkommt.

„Late Summer Day“ ist ruhiger, überrascht aber mit einem sehr mitreißenden und schönen Refrain – ein ganz wunderbarer Song. Noch ruhiger wird es bei „I Forgive You“, das ganz klar den Singer-Songwriter-Stil trägt. Ein Uptempo-Song ist „Come Around“, während „Into the Void“ wieder ruhigen Indie-Pop bietet. Anspruchsvoller, wunderschöner Pop ist das alles. Jeder Song wäre eigentlich prädestiniert für einen Radiosender, der Wert auf eine gute Songauswahl legt. Die Musik spricht eine breite Hörerschaft an, denn alle Lieder erreichen sowohl Verstand als auch Gefühl und laden gleichzeitig zum Mitwippen ein.

Gerade bei soviel Pop-Appeal übersieht man möglicherweise, dass Lùisa in ihren Texten auch sehr persönliche Themen anspricht. Ebenfalls wunderbar ist „Walking with a Lover“ – so viel Leichtigkeit und Entspanntheit tut an einem verregneten Spätherbst- oder Frühwintertag gut. Noch ruhiger wird es bei „Long Lost Friend“. Lùisa hat wirklich ein ausgezeichnetes Gespür für eingängige Melodien, und „Burn Out“ ist wie die anderen Stücke der Platte ein hervorragendes Beispiel dafür.

Ein passender Song zum Schluss ist „To Let You Go“. Mit diesem Album hat Lùisa ihr bislang bestes Werk abgeliefert – und dabei waren bereits die beiden Vorgängeralben sehr gelungen. Einfach schöne Musik für zwischendurch, zum Genießen oder intensiven Hören – Musik zum Verlieben, und zwar nicht nur für Verliebte. Ich glaube, ich sollte jetzt aufhören zu schreiben. Danke, Lùisa, für dieses Album. (208)

Shelby Lynne – Shelby Lynne (2020)

Oh, manchmal ist es vielleicht gut, wenn man nie den ganz großen Durchbruch mit dem erreicht, was man am Anfang macht. Sonst wäre Shelby Lynne immer eine einfache Nashville-Country-Musikerin geblieben. Dann hätte sie nicht ständig nach neuen Wegen suchen müssen, um sich neu zu erfinden und mit ihrem fünften Album als beste Newcomerin ausgezeichnet zu werden. Doch auch das liegt schon viele Jahre zurück, und in Shelby Lynnes Karriere ging es immer wieder auf und ab. Mittlerweile hat sie sich bei den Kritikern jedoch zu einem echten Liebling gemausert und gilt als ausgesprochen gute Singer/Songwriterin. Das beweist sie gleich zu Beginn dieses Albums mit „Strange Things“, um danach mit einem echten Soul-Stück zu begeistern: „I got you“. Gefolgt wird dies von einem wunderschön sanften Song, „Love is coming“. Schon mit diesen drei Stücken bin ich begeistert, und damit hat sie mich endlich überzeugt. Bisher hatte ich nur vereinzelte Songs von ihr in meiner Playlist, meist von CDs aus Zeitschriftenbeilagen. Diese ließen mich zwar aufhorchen, doch nie den Schritt zum Albumkauf machen. Das hat sich jetzt geändert.

Schöner Roots-Folk erklingt in „Weather“. Anmutig, sanft und melancholisch präsentiert sich „Revolving broken Heart“. Die Mischung aus Singer/Songwriter-Roots-Folk und Soul ist etwas ganz Besonderes und funktioniert großartig. Noch mehr im Soul-Modus ist „Off my Mind“. Wieder im Genre-Mix-Modus und ebenfalls mit viel Soul: „Don’t even believe in Love“. Mit diesem Album wird das amerikanische Songbook schlichtweg erweitert. Akustisch schön ist „My Mind’s Riot“.

Am Piano oder von diesem begleitet, mit Blues in der Stimme, folgt „Here I am“. Alle Songs haben das Potenzial, als zeitlose Standards in die Musikgeschichte einzugehen. Shelby Lynne ist eine große Künstlerin, die hartnäckig an sich gearbeitet hat und wohl nie den Glauben an sich verloren hat. Ein Song wie „The Equation“ ist ein Geschenk einer Künstlerin an ihr Publikum. Danke dafür. Mit sanftem Soul endet dieses großartige Album schließlich mit „Lovefear“. Es gehört unbedingt in meine Sammlung und bekommt dort einen guten Platz. (477)

Lynyrd Skynyrd – The First....and Last (1978)

Kurz nach der Veröffentlichung ihres fünften Albums kamen bei einem Flugzeugabsturz mehrere Bandmitglieder ums Leben, während andere schwer verletzt wurden. Damit endete die erste Schaffensphase der Band. Aus diesem Grund veröffentlichte das Plattenlabel ein weiteres Album, auf dem Aufnahmen zu hören sind, die ursprünglich für das Debütalbum vorgesehen waren, jedoch bisher unveröffentlicht blieben. Die Aufnahmen stammen aus den Jahren 1971 und 1972 und sind heute unter dem Titel „The Complete Muscle Shoals Album“ bekannt.

„Down Souh Jukin'“ ist Südstaaten-Partyrock mit einem Hauch Blues. „Preacher’s Daughter“ ist eine Nummer mit mehr Härte, die an einen ZZ Top-Song erinnert. Mit „White Dove“ folgt eine Rockballade, denn auch die frühen Lynyrd Skynyrd beherrschten diese Stilrichtung. „Was I Right or Wrong“ ist ein weiterer solider Rocksong, der sich bis zum Ende nicht ganz so ernst nimmt und dabei die virtuose Gitarrenarbeit der Band zeigt. „Lend a Helpin Hand“ ist ein weiteres rockiges Stück. „Wino“ ist wieder härter und erinnert an Songs von Steppenwolf. „Comin’ Home“ ist sicherlich die schönste Nummer – sanft und zugleich rockig. „The Seasons“ ist eine weitere sanfte und recht folkige Nummer. „Things Goin’ On“ schließt das Frühwerk mit einer Southrock-Nummer ab.

Dieses Album ist auf jeden Fall ein weiterer Beweis dafür, dass eine Band nicht auf ihren einzigen Superhit reduziert werden sollte. Außerdem ist „Comin’ Home“ eine echte Song-Entdeckung. (157)

LYR – Call in the Crash Team (2020)

LYR ist eine Band, die aus dem Autor und Poeten Simon Armitage, dem Singer-Songwriter Richard Walters sowie dem Multiinstrumentalisten und Produzenten Patrick Pearson besteht. Ähnlich wie bei „Dry Cleaning“ wird hier der Großteil des Textes vorgetragen oder erzählt und nur gelegentlich durch Gesang von Richard Walters ergänzt. Mir gefällt das gesprochene Wort bei LYR besser, da es gefühlvoller dargeboten wird. Das ist ein weiterer Unterschied zu „Dry Cleaning“, bei dem die Musik nicht aus reinen Post-Punk-Melodien besteht, sondern eher von emotional gespielten Keyboard- und Pianoklängen sowie anderen elektronisch erzeugten Klängen und Instrumenten wie Violine, Cello, Bassgitarre und Schlagzeug geprägt ist. Gefühlvoll bedeutet dabei nicht lieblich, sondern eher emotional und spannend. Stellt euch die Musik von Grandbrothers und Nils Frahm vor, über die ein britischer Poet spricht – so funktioniert LYR ungefähr. Das gelingt sehr gut und ist für mich eine schöne Entdeckung für den Urlaub. (97)

LYR - The Ultraviolet Age (2023)

Das Trio LYR besteht aus dem Autor Simon Armitage, dem Singer-Songwriter Richard Walters und dem Multinstrumentalisten Patrick Pearson. Dies ist ihr zweites Album nach „Call in the Crash Team“, und inzwischen ist auch schon ein drittes Album mit dem Titel „Unnatural History“ erschienen.

Die Stücke bestehen meist aus gesprochenen, poetischen und lyrischen Texten sowie gesungenen Passagen, begleitet von Musik. Wie beim Vorgängeralbum „Call in the Crash Team“ bewegt sich die Musik im Genre des Art-Rock und Art-Pop.

Bei „Paradise Lost“ begegnet uns eine gelungene Mischung aus „Spoken Word“ mit Musik und einem echten Song. „The Song Thrush and the Mountain Ash“ setzt diesen Mix als sehr ruhiges Stück fort. Die Musik von LYR befindet sich auf wirklich hohem Niveau und erreicht bei diesem Song eine Qualität, die mit Efterklang vergleichbar ist. Diese Musik ist eher für das Wohnzimmer als für die Konzertarena geeignet – zum Zuhören und Genießen.

Einen Stilbruch stellt Song Nummer 3, „Living Legend“, dar. Hier übernehmen Synthesizer-Klänge das Kommando, während das gesprochene Wort über einen schnellen Beat gelegt wird. Meiner Meinung nach beißt sich das etwas und will nicht so recht zu einer Einheit verschmelzen. Das akustisch gehaltene „Season Out of Phase“ gefällt mir da deutlich besser. Auch wenn „The Bitter End“ keineswegs weniger schön ist, eignet sich das Konzept dieser Musik nicht so gut zum Durchhören, da es schnell ermüdet. Das „Gesprochene“ nimmt einfach einen zu großen Teil der Songs ein, und ich verfüge ehrlich gesagt nicht über so gute Kenntnisse im Englischen, um alles aufzunehmen. So lasse ich mich beim ersten Hören eher auf das Gesamtkonstrukt der Songs ein.

Zur rechten Zeit gehen bei „Presidentially Yours“ Worte und Musik wieder eine sehr gelungene Symbiose ein. Hier passt vieles zusammen, und der Song erhöht mit seiner Mischung aus Poesie und teilweise düsterer Musik die Aufmerksamkeit des Hörers deutlich.

Eine eher unausgegorene Mischung von Text und Musik ist hingegen „Fishing Flies“. „Hockney Red“ beginnt wieder als ruhiger Song mit Gesang und Piano, dann folgt erneut das gesprochene Wort. Es ist deshalb gut, dass die Texte in der CD-Hülle abgedruckt sind; ich werde sie noch einmal nachlesen, um besser zu verstehen, was dort gesprochen und gesungen wird. Der Songteil bei „Hockney Red“, um noch einmal darauf zurückzukommen, wird – wenn es vom gesprochenen Wort wieder zum Song übergeht – zu einem richtig guten Stück. Am Ende folgt nicht die Stille, sondern ein Stück mit dem Titel „To the Fashion Industrie in Crisis“.

Wortkunst trifft auf Art-Pop-Rock – LYR sind auf jeden Fall immer ein wenig mehr Kunst als nur Musik. Das macht sie besonders, aber auch etwas schwerer zugänglich. Die Poesie muss wohl für eine ehrliche Gesamteinschätzung der Songs und der CD genauer gehört oder gelesen werden, um sie wirklich zu verstehen.(361)

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