
Steve Earle & The Dukes – Ghosts of West Virgina (2020)
Mit dem Gospel „Heaven ain’t going nowhere“ beginnt das Album. Danach folgt eine reine Country-Nummer: „Union, God and Country“. Das Album beziehungsweise große Teile davon wurden für ein Musical geschrieben, das den Hergang eines Grubenunglücks und das harte Leben eines Minenarbeiters beleuchtet. Deshalb kommt das Wort „Kohle“ sehr häufig vor. Nach dem reinen Countrysong folgt das großartige Roots-Stück „The Devil put the Coal in the Ground“, das ich bereits von einem Sampler kenne und sehr schätze. Außerdem ist mir Steve Earle vor allem durch seine gelungenen Beiträge zum Soundtrack von „Dead Man Walking“ bekannt.
Die Stücke sind nicht unnötig in die Länge gezogen, sodass die Platte mit zehn Titeln und einer Gesamtlaufzeit von knapp 30 Minuten recht schnell durchgehört ist. Mittlerweile mag ich solche kurzen Alben gerne, da mir viele überflüssig lange Platten begegnet sind. Dieses Problem habe ich manchmal auch bei Filmen.
Man sollte schon etwas für Country-Musik übrig haben – das ist bei mir ansatzweise der Fall. Den ganz typischen Countrysong, wie beispielsweise „John Henry was a Steel drivin’ Man“, finde ich oft zu simpel und zu stark reduziert, egal wie gut der Text ist. Country-Musik im Balladenstil höre ich dagegen sehr gern, weshalb mir „Time is never on our Side“ besonders gefällt. Ich scheine wohl traurige Cowboys zu mögen.
„It’s about Blood“ ist eine tolle Roots-Rock-Nummer – ebenfalls sehr gelungen. Eleanor Whitmore übernimmt den Gesangspart bei dem ruhigen und lieblichen Schmachtsong „If I could see your face again“. Auch die Witwen der Cowboys oder in diesem Fall wohl eher der Bergleute sind traurig.
Im Roots-Rock-Modus ist die Band einfach unschlagbar: „Black Lung“ (Arbeiter-Country). Der Arbeiter-Soul hat sein Zuhause ja in Dublin, während der Bergarbeiter-Country ganz sicher in West Virginia beheimatet ist. Rock ’n’ Country folgt mit „The fastest Man alive“.
Sehr schön und zugleich traurig ist „The Mine“.
Ein gelungener, wenn auch trauriger, kurzer musikalischer Ausflug nach West Virginia, zu dem ich mit dieser Platte sicher noch öfter zurückkehren werde.

Echo and the Bunnymen - Crocodiles (1980)
Genau wie bei „Siouxsie and the Banshees“ bin ich auch „Echo and the Bunnymen“ lange aus dem Weg gegangen. Durch das gestiegene Interesse an frühen Post-Punk-Bands komme ich aber auch an ihnen nicht mehr vorbei. „Going Up“ beginnt wie eine Rocknummer, wandelt sich jedoch durch das für den Post-Punk typische Bassspiel — welches meiner Meinung nach wirklich das Erkennungsmerkmal des Genres ist — zu einer Nummer des Genres.
Als Rocknummer kann ich „Stars are Stars“ gut akzeptieren. „Pride“ finde ich ebenfalls gelungen. Der Song macht mit seinen gelungenen Tempowechseln und dem kraftvollen Schlag auf das Schlagzeug Spaß.
Das ist gute Musik mit viel alternativem Rocksound — die Psychedelic Furs lassen grüßen. Der Gesang erinnert mich auch noch an etwas anderes, aber ich komme einfach noch nicht drauf. Die weiteren Songs funktionieren ebenfalls gut, und da das Material abwechslungsreich ist, kommt keine Langeweile auf. Als früher Alternative Rock gefällt mir das sehr — eine schöne Spätentdeckung, die ruhig so weitergehen kann. „Villiers Terrace“ hat das Potenzial, ein neuer Evergreen für mich zu werden. „All That Jazz“ gefällt mir ebenfalls richtig gut. (126)

Editors – In Dream (2015) (Deluxe – Mit „Phase Two-CD“)
Das fünfte und erste selbstproduzierte Album der Band präsentiert Indie-Rock für Freunde düsterer Klänge mit Hang zum Mainstream. Das positive Ausrufezeichen der Band ist Sänger Tom Smith mit seiner großartigen Stimme. Diese Platte ist elektronischer geraten als die frühen Werke der Band, als sie noch eine hervorragende Indie-Rock-Band waren (seufz). Die Songs bieten melancholisch-düstere Klangbilder mit viel Pathos, zeigen aber am Ende auch eine kraftvolle Note, die nach Hoffnung klingt.
Durch die Bonus-CD mit alternativen Versionen einiger Songs, die teilweise zeigen, dass weniger mehr ist, sowie zwei zusätzlichen Titeln, gewinnt das Gesamtwerk erheblich an Wert. Rachel Goswell von „Slowdrive“ unterstützt die Band als Gastmusikerin. (6)

Editors – EBM (2022)
Aus der Albumgrafik den Titel „EBM“ zu erkennen, ist schon ein kleines Rätsel – ich hätte eher „EEE“ gelesen. Dennoch erregt der Titel Aufmerksamkeit. Er gibt auch einen Hinweis darauf, was den Hörer erwartet: „Electronic Body Music“.
Beim ersten Song „Heart Attack“ würde ich ohne Kenntnis nicht vermuten, dass es sich um die Editors handelt. Die Stimme klingt zwar entfernt nach Sänger Tom Smith, doch der Rest des Songs erinnert zu sehr an den Einheitsbrei aus dem Radio. Mit „Picturesque“ wird es nicht besser – laut hämmernde Elektrobeats und ein Songwriting, das wirkt, als wollten sie beim nächsten „Eurovision Song Contest“ teilnehmen (Düsterpop für die Masse). Als sie mit der Platte beim Traumzeit-Festival 2022 auftraten, habe ich solche Totalausfälle wohlwollend überhört, weil sie viel älteres Material spielten, oder ich war einfach zu sehr im Festivalsrausch.
Endlich wird es mit „Karma Climb“ besser: Die Gitarren klingen am Anfang zumindest nach New Wave und Post Punk. Leider sind sie nur am Anfang und kurz nach dem Refrain präsent. Die ganzen nach Eurodance klingenden Synthesizer sind einfach albern und zerstören jedes Rockfeeling. Was ist nur aus dieser richtig guten Indie-Rock-Band geworden? Ich hätte die Band, wie Gitarrist und Gründer Chris Urbanowicz, wohl 2013 als Fan verlassen müssen. Die elektronischen Sequencer machen mich auch bei „Kiss“ sofort wieder raus. Wenn das „Electronic Body Music“ sein soll, ist das nichts anderes als Eurodance mit einem Hauch Düsterrock. „Silence“ funktioniert als ruhiges Stück noch am besten.
Doch wenn ich daran denke, wie gut die Band auf ihren ersten drei Alben war, dann ist dieses Album ein echter Tiefpunkt. Hoffentlich ist es nur eine Phase, aus der die Band wieder herausfindet. Dafür bräuchte es jedoch Selbsterkenntnis, die vielen Musiker-Egos fehlt, und sie müssten sich von ihrem Produzenten und Bandmitglied Blanck Mass trennen. An dieser Stelle sehe ich wenig Hoffnung. „Strawberry Lemonades“ mit fetten Elektrobeats könnte so manche Disco aufmischen. Das folgende „Vibe“ ist dagegen kaum zu ertragen.
„Educate“ klingt am Anfang nicht schlecht. Doch bei einer Länge von fast sieben Minuten darf man sich nicht zu früh freuen. Bleibt allerdings – insgesamt – ganz passabel. „Strange Intimacy“ – noch so ein düsterer Disco-Electro-Track – beendet das Album und hätte es besser eröffnet. Der Song klingt so, wie der Titel vermuten lässt, und zerstört jede Indie-Rock-Hoffnung. (111)

Efterklang – Plexiglass EP (2022)
Mit fünf Songs kehren die drei Dänen relativ kurz nach der Veröffentlichung von „Windflowers“ auf den Plattenteller zurück. Die EP ist nur auf einer Seite mit Songs bespielt, auf der anderen Seite befindet sich ein Bandportrait. Die transparente Plastikhülle wurde sogar von den drei Mitgliedern signiert. Die EP ist limitiert und bereits ausverkauft, die Songs können jedoch zum Beispiel bei Bandcamp gekauft und heruntergeladen werden. Es handelt sich um ruhige, kleine Indie-Pop-Songs von typischer Efterklang-Schönheit. Efterklang haben sich in ihren über zwanzig Jahren Bestehen zu einer echten Marke entwickelt. Das ist nicht negativ gemeint, sondern als großes Lob zu verstehen, denn ich halte die Musik von Efterklang für etwas ganz Besonderes und freue mich auf jeden neuen Song.
Was ich hier immer schreibe, sind übrigens keine echten Musikkritiken, sondern eher musikbegeistertes Geschreibsel.(85)

Efterklang – Things we have in Common (2024)
Für Efterklang breche ich sogar meinen selbst auferlegten Kaufstopp für physische Tonträger, und schon kurz nach Erscheinen wird das Album der drei Dänen gehört. Sie waren 2010 meine erste Entdeckung beim Traumzeit-Festival, und seitdem folge ich der Band und besuche jedes Konzert in meiner Nähe. 2025 spielen sie sogar direkt in meiner Heimatstadt.
Die Band selbst hält ihr neues Werk für eines ihrer besten. Für mich bleibt allerdings das Album „Magic Chairs“ weiterhin unangefochten an der Spitze. So ist das eben: Die Musik, mit der man eine Band lieben gelernt hat, bleibt meist diejenige, die man am häufigsten hört. Als Pre-Order-Käufer habe ich außerdem ein signiertes Bandfoto in Albumgröße erhalten. Bei einigen dieser Alben hat die Band zusätzliche „Goodies“ beigelegt, so konnte man mit etwas Glück sogar vom Sänger bekocht werden.
Sanfte Folktronica ist mittlerweile das Markenzeichen von Efterklang – eine Mischung aus symphonischem, akustischem und elektronischem Indie-Folk-Pop. Genau so klingt zu Beginn das Stück „Balancing Stones“. Es erinnert mich an die frühen Werke der Band. Danach singt Sänger Casper Clausen mit sehr hoher Stimme den wunderbaren Indie-Popsong „Plant“. Bei diesem Stück hört man erneut, wie zeitlos die Songs von Efterklang sind.
Das akustisch klingende „Getting Reminders“ ist wunderbarer moderner Folk und erinnert gleichzeitig an einen Song von Vampire Weekend. Big Beats und Sounds, aber trotzdem nicht wirklich düster – das können die drei Dänen nicht – stattdessen wird bei „Ambulance“ mal etwas lauter gerockt und gespielt.
Einen Song, der an Bon Iver erinnert, finden sie ebenfalls. Abgesehen vom für mich stets nervigen Stimmverzerrer (Autotune) ist „Leave it all Behind“ ein sehr feiner Song. Dieser Effekt darf bei mir nur Jonas David verwenden, da er ihn von Anfang an für sich genutzt hat – ansonsten finde ich diesen Trend eher lästig. Damit ist das Material auf Seite 1 schon recht abwechslungsreich geworden. Das ist ein schöner Unterschied zu manch anderer zwar sehr schönen Efterklang-Platte, auf denen die Songs in der Studiofassung meistens sehr ähnlich klangen. Deshalb ist die Band für mich live auch immer besser als von Platte. Doch ich besitze jede Veröffentlichung von Efterklang und höre sie sehr gern – Jammern auf hohem Niveau. Zurück zur aktuellen Platte und gespannt, ob auch Seite 2 abwechslungsreich bleibt.
Efterklang arbeitet auch gern mit Chorgesang, so zum Beispiel zu Beginn von „Animated Heart“. Dieser Song bietet sanften Indie-Pop, ebenso wie die folgenden Stücke „Shelf Break“. Ein ganz großer Song ist der sanfte und bezaubernde „Sentiment“. Hier hört man, wie gut die aktuellen Songs von Coldplay sein könnten, wenn sie nicht so sehr auf den Hit ausgelegt wären.
Sanfter Indie-Pop – das ist bei Efterklang immer auf sehr hohem Niveau zu finden. Die neun Songs von „Things We Have in Common“ halten dieses Niveau problemlos. So gut wie „Magic Chairs“ ist auch dieses Album zwar nicht, aber es macht viel Freude, und die Songs werden bestimmt mit der Zeit immer besser in meiner Playlist klingen. Im Januar höre ich die Band wieder live, und die Vorfreude ist seit der Terminbekanntgabe schon riesig. Immer wieder hören: Efterklang. (400)

Stephan Eicher – Ode (2022)
Die meisten Texte auf diesem Album stammen diesmal wieder von Philippe Dejan, nur einer wurde von Martin Sutter verfasst. Außerdem gibt es eine Adaption von „Das leichteste der Welt“, ursprünglich geschrieben von Gisberts zu Knyphausen und dem viel zu früh verstorbenen Nils Koppruch.
Der Einstieg mit „Sans Contact“ ist ein typischer Stephan Eicher-Song, bei dem sich langjährige Fans sofort wohlfühlen. „Das leichteste der Welt“ erhält von Eicher eine neue Dramaturgie, wirkt dabei aber ein wenig zu schwermütig. Ganz anders präsentiert sich „Ne Me Dites pas non Pt2“, das sehr leicht und beschwingt daherkommt.
Auch einen Titel auf Schwizerdütsch hat der Schweizer wieder dabei: „Lieblingläbe“. Früher gab es auf seinen Alben meist auch einen deutschsprachigen Song, doch darauf verzichtet er inzwischen offenbar, möglicherweise weil er in Deutschland nie richtig Erfolg hatte. Seinen größten Hit in Deutschland hatte Eicher, als er zusammen mit seinem Bruder unter dem Namen „Grauzone“ den Song „Eisbär“ zur Neuen Deutschen Welle beisteuerte – diesen Song spielt er auch heute noch gerne live.
„Doux Dos“ klingt etwas rockiger und zieht mitreißend mit. „Où Sont Les Clés?“ ist musikalisch ebenfalls großartig, mit Sprechgesang von Yunko Sings und Orchesterbegleitung. „À Nos Cœurs Solitaires“ ist ein wunderbarer, leichter Popsong. Wie Eicher es immer wieder schafft, dass sich all diese Lieder anspruchsvoller und besser anhören als andere Songs in ähnlichem Stil, bleibt ein Rätsel.
„Je te mentirais distant“ ist etwas ruhiger, „Réverie“ ein sanfter Chanson. Gemeinsam mit Akkordeonspieler Mario Barkovic folgt das gefühlsschwere „Orage“. Den Abschluss macht „Éclaircie“, das einen Ausbruch überwältigender Emotionen in einem Song vereint.
Insgesamt ist dies wieder ein sehr gutes Album mit vielen Höhepunkten, bei dem der Hörer ganz Stephan Eicher erlebt. Anscheinend hat auch sein Label das verstanden und stellt ihm erneut die nötigen Mittel zur Umsetzung seiner musikalischen Ziele zur Verfügung. Vor einigen Jahren gab es nämlich einen Streit, der dazu führte, dass Eicher für einige Zeit nichts mehr veröffentlichte – was wirklich bedauerlich war, wie dieses Album einmal mehr beweist. 37

Billie Eilish – Happier then ever (2021)
Promis haben es schwer und singen auch mal darüber. In den Pandemie-Jahren und nach ersten negativen Erlebnissen als Promi tut sich Billie Eilish schon sehr schwer damit, ihren Minimal-Ambient-Pop anders als melancholisch, verträumt und traurig klingen zu lassen. Das klingt beim ersten Reinhören, etwa im Hintergrund beim Kochen, einfach total langweilig. Vielleicht gibt sie in den Texten selbstlos viel von sich preis, doch muss denn wirklich alles so gleich klingen? Ich höre aber noch einmal genau hin, bevor ich mich zu denen zähle, die dieses Album langweilig finden. Ich weiß ja, dass sie auch Songs kann, die mir im Radio gar nicht so schlecht gefallen. Deshalb habe ich dieses Album ja gekauft.
Dahingesäuselt singt Billie Eilish „Getting Older“ mit minimalistischer elektronischer Begleitmusik. Das ist angenehm zu hören, weil es einfach ein Song ist und keine auf Single getrimmte Radionummer. Knurrende Hunde leiten den zweiten Song „I Didn’t Change My Number“ ein, und da merke ich, dass es einen Unterschied macht, die Songs des Albums nur nebenbei über Boxen laufen zu lassen oder sie konzentriert mit Kopfhörern zu hören. Auch diese Minimal-Soul-Nummer macht so richtig Laune. Entspannt und mit Gitarre, relaxt klingt „Billie Bossa Nova“. Jazzgesang beherrscht sie ebenfalls, zum Beispiel in „My Future“. Elektronik – ich glaube im Dubstep-Modus – prägt „Oxytocin“. Sagen wir mal, das Einzige, was bei dem Album bisher nicht so abwechslungsreich ist, ist das Gesangstempo von Billie Eilish. Sie klingt immer ein bisschen, als wäre sie unter Beruhigungsmitteln. Bei diesem Stück darf sie aber auch mal aus sich herausgehen und fast schreien. Danach folgt etwas im Musical-Chor-Bereich, das durch Elektro-Beats gebrochen wird: „Goldwing“. Auch das ist eigentlich gut, doch auf Dauer beginnen mich Billies Gesangsart und ihr gleichbleibender Stil doch etwas zu nerven.
Mit „Lost Cause“ gibt es dann doch noch weiteres Single-Material, bei dem ihr Gesang sehr gekonnt eingesetzt wird. Die nächste Jazz-Pop-Ballade ist „Hailey’s Comet“. Damit hat man allerdings auch erst die Hälfte der CD hinter sich. Atmosphärisch wirkt „Not My Responsibility“. Selbst beim Titel „Overheated“, der wieder im R&B- und Soul-Modus angesiedelt ist, hält Billie Eilish ihre Stimme ruhig und klingt dabei keineswegs überhitzt, sondern eher unterkühlt. Sogar ein Song mit dem Titel „Everybody Dies“ klingt bei ihr wie eine dahingehauchte Liebesgeschichte. Vielleicht stirbt dort nur die Liebe oder die Beziehung, und es ist alles ganz schrecklich. Billie Eilishs Stimme bleibt trotz Gefühl und Ausdruck durch ihren Gleichklang während des gesamten Albums auf dem Niveau einer neutralen Beobachterin, die hinnimmt, was ihr passiert – vielleicht sogar daran zerbricht – aber ihre Gefühle nach außen hin immer gleich erscheinen lässt.
Akustikgitarren heben bei „Your Power“ die Stimmung, und hier kommt Billie Eilish nicht darum herum, wenigstens ab und zu etwas höher zu singen und das Tempo sogar minimal zu erhöhen. Dadurch wird der Song direkt zu einem Highlight des Albums. Club-Soul prägt „NDA“. Das gefällt auch ganz gut, weil es, ähnlich wie „Oxytocin“, die Grundstimmung des Albums aufbricht und den Hörer mehr auf die Tanzfläche zieht. Das ist Musik, von der man nach ihrem Debüt gehofft hatte, mehr auf diesem Album zu hören.
Zurück zu den Jazz-Balladen: „Happier Than Ever“ – von diesen dahingesäuselten Balladen gibt es einfach zu viele auf dieser Platte. Hier wäre weniger mehr gewesen. Dabei hilft es auch nicht, dass der Song zum Ende hin in den Pop-Modus übergeht. Hier merkt man erst recht, was für eine gute Popmusikerin Billie Eilish ist und welches Können und welche Vielfältigkeit sie uns auf dieser Platte vorenthält. Plötzlich klingt sie auch noch wie eine echte Popsängerin – vom Dahingesäuselt keine Spur mehr.
Nach dieser Erkenntnis endet das Album mit „Male Fantasy“, einer wirklich süßen Akustiknummer.
Das Album ist keineswegs durchgehend langweilig, wie zunächst gedacht, da es durchaus schöne Songs enthält. Trotzdem wäre es mit weniger Songs besser gewesen. (437)
Einstürzende Neubauten – Perpetuum Mobile (2004)
Ich kenne Stücke des Albums aus meiner Playlist schon lange, habe das Album aber nie komplett durchgehört. Im Vergleich zu den frühen Werken der Einstürzenden Neubauten fand ich die Musik diesmal überraschend hörerfreundlich. Es sind gute Songs, und zur gleichen Zeit hatte ich damals auch das neue Album von Blixa Bargeld zusammen mit dem italienischen Filmkomponisten Theo Teardo, „Still Smiling“, gehört, das mir ebenfalls sehr gut gefiel. Für mich ist Blixa Bargeld damit genauso zur gehobenen musikalischen Persönlichkeit gereift, wie es zuvor Nick Cave gelungen ist. Zwei unverwechselbare Musiker, vereint in einer Qualität, wie sie Musik zusammen schaffen.
Von den Neubauten kenne ich allerdings nicht wirklich viel – eher Stücke aus den frühen Werken wie den Werksammlungen „Strategies Against Architecture I und II“. Ich müsste ehrlich sagen, dass mir davon nicht besonders viel gefallen hat. Ich glaube einfach, die frühen Neubauten muss man sowohl gehört als auch gesehen haben – nur hören reicht für mich nicht aus. Obwohl, ich habe im Vorfeld kurz in die Alben „Haus der Lüge“ und „Tabula Rasa“ reingehört. Dort finden sich neben dem Industrie-Rock auch Stücke, die mehr Avantgarde und Kunst sind und sich für Hörer mit Anspruch durchaus eignen. Da ich gerade anfange, mich mit „Nine Inch Nails“ zu beschäftigen, fügt sich vieles passend zusammen, und ich weiß, dass ich noch mehr von den Einstürzenden Neubauten hören werde. Man sollte eine Band niemals vollständig bewerten, bevor man nicht das Gesamtwerk kennt.
Art-Pop-Rock, ziemlich genial und großes Kino für die Ohren. Obwohl „Ich gehe jetzt“ recht einfach gehalten ist, klingt es dank der Neubauten und Blixa Bargeld am Mikrofon einfach nach mehr. Damit haben mich die Neubauten als Hörer dann doch gewonnen.
Das Titelstück „Perpetuum Mobile“ fungiert ein wenig als Bindeglied zwischen den frühen Neubauten und der heutigen Band, die inzwischen in Philharmonien als große Künstler auftreten darf. Avantgarde-Industrie-Art-Rock, und trotz einer Länge von fast vierzehn Minuten überhaupt nicht langweilig. Die Sounds und Klänge sind schlicht groß – fast schon vergleichbar mit „Kraftwerk“ und erinnern stark an „Computerwelt“. Vielleicht erfinden die Neubauten hier sogar den neuen Krautrock.
Eine Ballade wie „Ein leichtes Säuseln“ ist sehr gelungen, ebenso das Stück „Selbstportrait mit Kater“, das mit Industrie-Percussion verfeinert ist. Theater-Rock – Brecht trifft Rock – Kunst. Wer jemandem mit Interesse an Kultur die Einstürzenden Neubauten näherbringen möchte, dem ist dieses Album sehr zu empfehlen.
Wahrscheinlich muss man beim Hören auch in der richtigen Stimmung sein. Einige Songs habe ich zum Beispiel auch schon einmal aus meiner Playlist entfernt – das heißt aber nichts, denn über die Jahre habe ich viele Regeln dafür aufgestellt, welche Songs darin bleiben und welche nicht. Diese Regeln habe ich teilweise wieder verworfen und neue entwickelt – das kennt vielleicht der ein oder andere. Dazu gehört auch das kunstvolle „Boreas“, das mir beim ersten Hören zu viel Kunst und zu wenig Song war. Momentan mag ich es aber sehr.
„Ein seltener Vogel“ ist hingegen immer in der Playlist geblieben – vollkommen zu Recht. Welch großartiges Stück Art-Rock das doch ist. Hier erhebt sich der Underground zum großen Theater.
„Ozean und Brandung“ empfinde ich dagegen als zu wenig Song und zu viel Klanginstallation. Als solche ist es allerdings durchaus gelungen.
Dafür ist „Paradiesseits“ wieder richtig gut und verzaubert die Hörer.
Ein englischer Titel ist ebenfalls dabei: „Youme & Meyou“. Auch hier stimmt das perfekte Soundkostüm der gesamten Platte.
Das Wunderbare an den Einstürzenden Neubauten ist, dass sie sich nicht in die Hochkultur einschmeicheln, sondern mit ihrer Musik zur Kunst werden, ohne dabei Frechheit, Verspieltheit und Eigenwilligkeit zu verlieren. So ist zum Beispiel „Der Weg ins Freie“ frech und gelungen.
Im Gegensatz dazu ist „Dear Friends (Around the Corner)“ ein Stück, das in jedem Kulturpalast gut gespielt werden kann.
Das industrielle Glockenspiel zu Beginn von „Grundstück“ rundet ein begeisterndes Hörerlebnis ab.
„Perpetuum Mobile“ ist großes Theater, ohne besonders kompliziert zu sein. Der Underground ist endgültig für die Hochkultur tauglich geworden, und es macht großen Spaß, dies zu hören. Ganz großartig. (595)


Elder - Innate Passage (2022)
Wie „Motorpsycho“, meine absolute Lieblings-Psych-Rockband, werden auch „Elder“ vom Stickman Records vertrieben. Wie Motorpsycho lieben die US-Amerikaner längere Stücke. Ich schätze Elder besonders für ihre Mischung aus Metal- und Stoner-Härte sowie den unglaublich rhythmischen Melodien, die sich immer weiter ausdehnen und neu gestalten. Früher klang das auch einmal nach Emocore, inzwischen ist daraus eher harter Prog-Rock geworden. Für mich ist das einfach die beste Art von Rockmusik. Viel Instrumentales ist im Werk von Elder zu finden, aber auch Gesang gehört zur Musik dazu. Die erste Plattenseite des Doppelalbums ist ein einziger Song: „Catastasis“ ist zehn Minuten langer Prog-Rock. Kurz können sie auf diesem Album wirklich nicht. Die vier Plattenseiten werden mit sechs Stücken gefüllt, in denen klassische Rockwelten mit einigen härteren Riffs zum Ausdruck kommen. Elder sind und bleiben Könner auf ihrem Gebiet. (84)

Hazel English – Wake Up! (2020)
Als Indie-Dream-Pop würde ich wohl den ersten Song „Born Like“ bezeichnen. Mein Problem mit diesem Genre ist, dass sich die Stücke oft sehr ähnlich anhören. Verträumte, sanfte und angenehme Beats, ebenso verträumte Vocals, die leicht oder stärker mit Hall versehen sind, sowie Musik mit Anleihen aus dem Shoegaze-Genre. Trotzdem ist der Song „nett“ und würde live bei einem Festival sicherlich gut funktionieren.
Das etwas rockigere „Shaking“ entspricht eher meinem Geschmack. Die Sängerin, die sich selbst „Hazel English“ nennt und deren Band denselben Namen trägt, heißt mit Geburtsnamen Eleisha Caripis. Auch bei den schnelleren Stücken, wozu das Titelstück „Wake Up!“ gehört, bleibt ihr Gesang hallverhangen. Dies ist das einzige Element im Sound von Hazel English, das mich stört, da ich den Hall als völlig unnötig empfinde. Trotzdem ist auch „Wake Up!“ ein durchaus ansprechender Song.
In der Musik der Band finden sich außerdem Einflüsse aus den Sechzigerjahren, was besonders bei „Off My Mind“ gut zu hören ist. Die Rockballade „Combat“ ergänzt das Album gelungen. Die Songs sind insgesamt gut und ansprechend, ebenso das schöne, poppige „Five and Dime“. Allerdings habe ich alle diese Stücke schon sehr ähnlich von anderen Künstlern gehört. Das ist der einzige Kritikpunkt, der dazu führt, dass ich mir die Platte zwar beim Streamingdienst meiner Wahl einmal ganz anhören werde, danach aber wahrscheinlich schnell wieder vergesse. Das ist für die Künstlerin und ihre Band natürlich schade. Wer jedoch verträumten Indiepop mag und davon nicht genug bekommt, dem sei dieses eigentlich gute Album empfohlen. Auch der nächste Song „Like a Drug“ gefällt mir gut. Bei „Waiting“ klingt es ein wenig nach „Belle and Sebastian“.
Nein, schlecht ist dieses Album wirklich nicht, und „Milk and Honey“ nimmt mich noch einmal richtig mit. Ein wenig zu verträumt endet das Album mit „Work It Out“.
Gute Musik, der leider das herausstechende Merkmal fehlt. So sind es gute Songs unter vielen ähnlichen guten Songs. (406)

Eurythmics - Touch (1983)
(oder wie ich drei Alben von Eurythmics hörte)
Als Nächstes steht bei meiner Aufarbeitung von Alben, die ich in der ersten Hälfte der 80er Jahre gerne gehört habe, das Album „Touch“ von Eurythmics an. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich keine Ahnung hatte, wie das Duo auf seinem Debüt „In the Garden“ drei Jahre zuvor geklungen hat. Also habe ich dort mal bei einem Streamingdienst meiner Wahl reingehört. Ich kann ja nicht alles selbst in meiner Sammlung haben, und selbst das zweite Album mit „Sweet Dreams“ befindet sich nicht in meinem Besitz – die Eurythmics-Alben hatte meine Schwester, und ich habe sie nur mitgehört.
Wie klangen Eurythmics auf „In the Garden“?
Die ersten Klänge von „English Summer“ erinnern an New Wave und New Romantic, aber irgendwie mit einem Mix aus Art-Pop-Rock. Der Gesang ist sehr zurückhaltend, und irgendwie ist das Stück richtig gut, klingt aber nicht nach den Eurythmics, die ich kenne. Das Album wurde übrigens von Conny Plank mitproduziert, und Holger Czukay sowie Jaki Liebezeit von CAN haben mitgewirkt.
Mit dem zweiten Song „Belinda“ ertönen poppige Rockgitarren, der Stil wechselt also komplett. Der Gesang von Annie Lennox klingt noch ganz anders. Bei diesem Stück wirkt sie, als würde sie in einer Düsterpop-Band jener Zeit mitsingen. Das beißt sich ein wenig mit der flotten Melodie.
„Take Me to Your Heart“ hat tatsächlich einen New-Wave-Rhythmus, und der Gesang wird etwas gefühlvoller vorgetragen – es klingt ein wenig wie eine sanfte Grace Jones. Auch der Song würde gut zu Grace Jones passen. Bei „She’s Invisible Now“ klingt sie wie die Sängerin einer Prog-Rock-Band und erinnert an einen verträumten, weiblichen David Bowie. Die Platte ist so eine Art Art-Pop-Mix verschiedener Stimmungen – was etwas seltsam wirkt. Dafür funktioniert sie aber gut als Überraschungspaket, da man als Hörer nicht genau weiß, was als Nächstes kommt.
Flotter, zumindest teilweise, ist „Your Time Will Come“, das in Art und Klang an den Vorgängersong anknüpft. Es ist jedoch kein wirklich guter Song, auch wenn er heute an Shoegazing-Stücke erinnert. Mit „Caveman Head“ wird es nicht besser. Das klingt fast nach Neuer Deutscher Welle, nur eben auf Englisch.
Der Art-Pop-New-Wave-Song „Never Gonna Cry Again“ funktioniert viel besser. Würde man ihn jemandem vorspielen, käme kaum jemand darauf, dass er von Eurythmics stammt. Vielleicht waren sie ihrer Zeit einfach voraus. Der Song macht jedenfalls viel Spaß. „All the Young (People of Today)“ ist ebenfalls Art-Pop. Annie Lennox singt darin ein wenig wie Nico. Wäre das Album ein Erfolg gewesen, hätte das Duo vielleicht einen ganz anderen Weg eingeschlagen. Doch nicht bei jeder Band ist das Debüt auch das erfolgreichste Album. „Sing Sing“ könnte man am Anfang für einen Song von Japan halten. Die Sängerin klingt hier wohl wie in einer japanischen Sprache – zumindest hört es sich so an. Vielleicht hofften sie darauf, „Big in Japan“ zu werden. Es könnte aber auch Französisch sein – beim genaueren Hinhören bin ich etwas verwirrt, so wie mich auch die ganze Platte etwas verwirrt. „Revenge“ klingt wieder nach einer Grace-Jones-Nummer, und vielleicht weil Clem Burke an den Drums sitzt (Drummer von Blondie), klingt es auch nach einem Blondie-Song. Das war’s. Eine seltsame Platte, aber mit ein paar Überraschungen. Wirklich überzeugend ist sie jedoch nicht.
Dann erfanden sie sich mit „Sweet Dreams (Are Made of This)“ ein Jahr später noch einmal neu. Auch dort hören wir jetzt einfach mal rein.
Es ist schon erstaunlich, dass sie plötzlich mit den ersten Klängen von „Love Is a Stranger“ wie die Eurythmics klingen. Annie Lennox klingt plötzlich wie sie selbst, und der Song klingt direkt nach einem Radiohit. Obwohl sehr elektronisch, klangen die Eurythmics nie wie eine reine Synthpopband, sondern immer wie eine Popband. „I’ve Got an Angel“ ist eine ganz starke Nummer, die ich früher wohl immer überhört habe. Sie klingt wie ein Song von The Gossip – tolle Nummer. Gleiches gilt für „Wrap It Up“ – Soul-Pop-Synth-Power. Der Art-Pop taucht am Anfang von „I Could Give You (A Mirror)“ ganz kurz auf, doch dann wird es sofort wieder tanzbar, soulig und poppig. Annie Lennox klingt nun, als hätte sie bei Aretha Franklin kurz gelernt, was sie für den Rest ihrer Karriere an Gesangskunst brauchen könnte. Kein Vergleich zu ihrem Gesang auf dem Vorgängeralbum – hier singt Annie Lennox in Bestform. Auch „The Walk“ könnte genauso von The Gossip gecovert werden, und niemand würde es merken.
Dann folgt der erste Superhit und Titelsong „Sweet Dreams (Are Made of This)“. Dazu muss man nichts sagen, außer: „Pop für die Ewigkeit“. Und ja, das Album werde ich mir auch noch zulegen. Gehört doch unbedingt in die Sammlung (zunächst als Download erworben).
„Jennifer“ ist eindeutig eine Synthpop-Nummer, aber durch den Gesang von Annie Lennox wird daraus Pop, und das ist ja heute fast bei jedem Soul- und Dancestück so. Pop entsteht aus Elektronik und menschlichem Gesang. Das funktioniert auch gut. Trotzdem möchte ich „echte“ Instrumente nicht missen, und wir wissen ja, wie gut die „Unplugged“-Versionen solcher Songs klingen.
Seltsam ist, dass mir außer „Sweet Dreams“ und „Love Is a Stranger“ kein anderer Song aus dem Kopf bleibt – obwohl viele davon richtig gut sind. Man merkt hier wieder, welche Wirkung Singleauskopplungen auf Hörer haben. Das Abspielen in Heavy Rotation funktioniert ja auch heute noch, zumindest bei denjenigen, die noch Radio hören.
Ein Song für die japanische Hörerschaft ist auch auf diesem Album, und dort ist wieder dieser Grace-Jones-Touch zu spüren. War Grace Jones 1981/82 eigentlich schon aktiv? Ich weiß es nicht. Vielleicht gehört der Song auch noch von der Entstehungszeit her in den Zeitraum zwischen den Alben. Aber „This Is the House“ funktioniert auch besser als jeder Song auf „English Summer“. Wirklich gutes Album, hier gefällt mir jeder Song, auch „Somebody Told Me“. Und The Gossip sollten sich schämen, denn eigentlich sind sie nichts anderes als eine Eurythmics-Kopie – was jedoch bis heute niemand bemerkt hat.
Ein grooviger Abschluss mit „This City Never Sleeps“. Weitere tolle Nummer. Synthpop, richtig gut.
Jetzt bin ich auf „Touch“ sehr gespannt, ob das Album das Niveau tatsächlich halten kann. Aber zwei gute Songs sind mit „Here Comes the Rain Again“ und „Who’s That Girl“ auf jeden Fall dabei. Doch gibt es noch mehr als diese Gassenhauer?
Und jetzt (Trommelwirbel): „Touch“.
Besser als mit „Here Comes the Rain Again“ kann ein Album kaum beginnen. Die Streicher sind super und legen sich über den Synthesizer-Sound, was daraus ein unvergessliches Stück Popgeschichte macht. Bisher habe ich Dave Stewart noch nicht erwähnt. Jetzt habe ich es getan. Es ist schon schade, dass Komponisten und Produzenten oft viel zu wenig Aufmerksamkeit erhalten und hinter der Frontfrau ein Schattendasein führen müssen. Aber bei ihm ist es nicht ganz so schlimm. Er war immer irgendwie bekannt – auch, weil er mit einer von „Bananarama“ liiert war.
Eine weitere Gossip-Nummer findet sich mit „Regrets“. Schöner Pop-Soul mit dem gewissen Etwas. Gute Laune, 80er-Jahre-Pop, das können sie jetzt auch: „Right by Your Side“. Man will sich ja stilistisch nicht festlegen lassen – bei den Eurythmics ist eigentlich weiterhin alles möglich. Wie beim Vorgängeralbum kenne ich auch bei diesem eigentlich nur die Hits. Den Rest entdecke ich gerade ganz neu (wieder).
Bei „Cool Blue“ sind wir wieder beim Dancefloor-Pop, doch der Song ist nicht so meins. Aber „Who’s That Girl“ werde ich immer mögen. Einfach ein super Refrain und so gut gesungen.
LP-Seite 2 beginnt mit „The First Cut“. Das ist nochmals eine Power-Pop-Nummer, die auch heute noch gut ankommen würde, wenn sie von einer aktuellen Band gespielt wird. Auch die unheimlich coole Disconummer „Aqua“ überzeugt. „No Fear, No Hate, No Pain (No Broken Hearts)“ bleibt der etwas düsteren Stimmung des Vorgängersongs treu, und auch „Paint a Rumour“ bringt wieder den verstärkten Grace-Jones-Touch mit. Damit ist die zweite Seite für The-Gossip-Fans sehr zu empfehlen. Also die Alben 2 und 3 von Eurythmics möchte ich in meiner Playlist nicht mehr missen. Gute Songs, die die 80er gut überdauert haben.
(357)

Eva & Manu – Eva & Manu (2012)
Eva & Manu waren ein Singer/Songwriter-Indie-Folk-Duo und zusammen sangen und spielten sie ganz ganz schöne Lieder, die meist sehr ruhige und emotionale Songs sind, die mich als Hörer begeistert haben. Nach drei CD-Veröffentlichungen war es dann Zeit neue Wege zu gehen – aber dass was bleibt, sind drei wundervolle Platten mit den Ausnahmesongs von Eva & Manu, die es verdient gehabt hätten, viel viel bekannter gewesen zu sein. Dies ist ihre erste CD gewesen.
Bei Eva & Manu macht es die Mischung. Akustisch gehaltene Indie-Songs wie das wunderbare „Feet in the the Water“, gefolgt von der lockeren Folk-Pop-Ballade „If Only“ - und immer teilen sich Eva und Manu den Gesangspart oder singen einfach zusammen. Und schon die zwei Songs will man nie wieder missen. Aber das Niveau lässt nicht nach, die Rezeptur der Songs bleibt dabei gleich – aber es langweilt trotzdem nicht – einfach weil die Songs so gut sind. „All I can see“ klingt nach nordamerikanischer Weite: Highways, Wüste. Dabei kommt Eva aus Finnland und Manu aus Frankreich. Singer/Songwriter-Musik mit Folk gepaart – in schönen Melodien gepackt und mit Gefühl gesungen – das ist „Stars“ und gilt eigentlich für den Rest der Songs. Der Song „Hold On“, auf einen Sampler zum ersten Mal gehört – hatte mich zum Kauf damals gebracht und wie Ihr hier lest – nicht enttäuscht. Was aber wirklich schade ist, dass ich sie nie live erlebt habe – das wäre glaube ich ganz ganz toll gewesen. So bleiben mir noch die zwei weiteren Veröffentlichungen und zumindest Eva Louhivuori macht wohl als Solokünstlerin weiter. Was Emmanuel Laudic macht oder noch machen wird, darüber findet man derzeit noch nichts. Tolles Duo (gewesen). (337)
Update: In ihrer Heimat touren die beiden aktuell wieder!

Everything but the Girl – Walking Wounded (1996)
Sanfte, aber tanzbare Beats und souliger, gefühlvoller Gesang – diese Mischung hat den Song „Missing“ zum Überhit gemacht. Mit derselben Kombination überzeugt mich auch der erste Song des Albums „Before Today“ sehr schnell. Er ist schön, entschleunigend und groovt dennoch gut. „Wrong“ erinnert stark an „Missing“ und funktioniert deshalb besonders gut. Zudem ruft er Assoziationen zu Sade hervor. Everything but the Girl haben mit dieser Ausnahmekünstlerin viel gemeinsam, da sie etwa zur gleichen Zeit ihre ersten Alben veröffentlichten und sich vom Jazz- und Gitarren-Club-Pop zum Elektronik-Art-Pop entwickelten.
So geht es stimmungsvoll, ruhig und gekonnt weiter mit „Single“. „The Heart Remains a Child“ ist etwas poppiger und erinnert an die Leichtigkeit eines Dido-Songs. Der Titelsong „Walking Wounded“ klingt wie eine Mischung aus Trip-Hop und Faithless. Dagegen wirkt „Filipside“ wie eine Nummer von Massive Attack oder Kruder & Dorfmeister, bleibt dabei aber schön poppig und entspannt. Manchmal wird mir Trip-Hop auf Dauer nämlich zu anstrengend. Songs mit elektronischen Beats, die dabei trotzdem soulig klingen, nenne ich gerne „Smooth Pop“. Das trifft sowohl auf Sade zu als auch auf eine entspannte Nummer von Warren G oder Songs wie „Big Deal“.
Wenn ich mich selbst an meinem kleinen MPK-Midi-Keyboard an musikalischen Miniaturen versuche, klingt das manchmal ähnlich. Zwar bin ich noch nicht lange dabei und werde wohl nie die Zeit finden, eine gewisse Meisterschaft oder ein Können zu erlangen. Doch wenn ich es ausprobiere, erfüllt es für mich genau den Zweck, den Musik immer haben sollte: Spaß zu machen. Und darauf kommt es am Ende an. Wenn man aus einem Song nichts für sich gewinnen kann, sollte man schnell zum nächsten wechseln.
Auch der nächste Song der Platte bereitet mir als sanfter Popsong viel Freude: „Mirrorball“. Sanft geht die CD schließlich mit „Good Cop Bad Cop“ zu Ende. (290)

Explosions in the Sky – Those who tell the Truth shall Die, Those who tell the Truth shall live Forever (2001)
Kennengelernt habe ich die Band erst mit ihrem letzten Album „The End“ (2023) und war sofort begeistert davon, welcher tolle Postrock von der Band besteht aus Schlagzeuger Chris Hrasky und den drei Gitarristen Michael James, Muaf Rayani und Mark Smith gemacht wird. Ich fand das sogar noch besser als das, was ich bisher von Mogwai kenne. Daher entstand schnell mein Interesse an weiteren Alben der Band, und so höre ich nun das zweite Album mit dem recht lang geratenen Titel. Die Gitarristen setzen ab und an auch Bass und Keyboards für zusätzliche Songelemente ein, doch der Hauptteil der Musik besteht aus Schlagzeug und Gitarren.
„Greet Death“ eröffnet das Album mit sehr ruhigen Ambient-Klängen, doch schon kurze Zeit später kommen die Rockgitarren und das Schlagzeug zum Einsatz, und wie toll ist wieder dieser instrumentale Rock. Das mag ich sehr, deswegen steht Elder bei mir ebenfalls hoch im Kurs. Von manchem Rockalbum wäre eine Instrumentalvariante eigentlich keine schlechte Idee. Das Stück entwickelt sich aber auch immer wieder zu einem gemäßigten, ruhigeren Teil – das ist so elegant gespielt, einfach gut.
„Yasmin the Light“ beginnt mit verträumtem Gitarrenspiel, doch die „Explosions“ meinen die vier Musiker auch immer ernst, denn ganz plötzlich wird wieder sehr kraftvoll das Schlagzeug bearbeitet und heftig an den Gitarrensaiten gespielt. Doch genauso schnell wechselt der Song wieder zum sanften Part. Licht zeigt sich immer wieder am Ende des Gewitters. Ganz toll ist auch, wie das klingt und wie melodiös das ist.
Das Niveau bleibt hoch, und wegen der Qualität des Spiels wird es nicht langweilig, obwohl die Songs alle nach einem ähnlichen Schema funktionieren. Sanftmut und Härte passen gut zusammen. Sanft beginnt auch wieder „The Moon is Down“, doch wie gut ist auch das – diesmal wird das Tempo zunächst nur in Teilen leicht angehoben, und wenn es dann lauter wird, klingt selbst das nicht aggressiv oder hart. Wer Mogwai kennt, wird lieben, was „Explosions in the Sky“ machen, und wer gute Rockmusik mag, ebenfalls. Bei diesem Stück kommt sogar ganz ohne Härte aus.
Mit etwas Text – eher gesprochen als gesungen – ist „Have you passed through this Night?“ ausgestattet. Auch liegen einige andere Effekte über dem Gitarren- und Bassspiel. Das Schlagzeug setzt nach der Hälfte des Stücks ein und dann wird wieder kraftvoller gerockt.
„A poor Man's Memory“ beginnt mit fast militärischem Trommelspiel und sanften E-Gitarren – vielleicht ist damit auch die Salvation Army gemeint. Die Musik strahlt etwas Hoffnungsvolles aus, trotz der Armee-Trommeln.
„With tired Eyes, tired Minds, tired Soul, We slept“ ist mit knapp über 12 Minuten Länge das längste und letzte Stück des Albums. Bei diesem Song zeigen Explosions in the Sky ein breiteres Spektrum ihrer Musik – so ein Stück, das alle Schattierungen ihrer Soundwände gut präsentiert. Postrock, wie ich ihn mag und gerne noch öfter höre. (541)

Explosions in the Sky – The End (2023)
Explosions in the Sky sind vier Musiker aus Austin, Texas. Die Band gibt es seit 2000, und sie spielen Post-Rock. Natürlich ist das nicht nur reiner Post-Rock. In ihrer instrumentalen Rock-Musik finden sich ebenso Elemente von Kraut-Rock, Prog-Rock und zeitgenössischer Elektronikmusik, wobei hier weniger Synthesizer, sondern mehr Gitarren zum Einsatz kommen.
„Ten Billion People“ zeigt die außergewöhnliche Qualität dieser Band. Der Song ist kraftvoll und melodisch, manchmal explodiert die Musik auch – passend zum Bandnamen. Gleichzeitig vermittelt das Stück eine geradezu positive Energie. Auch „Moving On“ besitzt diese Melodie und Stimmung, die dem Hörer – in meinem Fall – einen positiven Schub verpasst. Die Musiker kämpfen mit ihren tollen Melodien und Songs eher gegen das „The End“ im Albumtitel an, als es musikalisch darzustellen.
„Loved Ones“ verbindet die Kraft und Wärme der Synthesizermusik, wie man sie zum Beispiel bei Tangerine Dream in den besten Momenten findet, mit dem Rock von Mogwai. Die vier Musiker meistern das sehr gut und verfallen keineswegs in Kitsch oder langweilige, minutenlange Wiederholungen einer einzigen Songidee.
Wer instrumentale Musik mag und auch harmonischen Songstrukturen im Rock etwas abgewinnen kann, wird an der Musik von Explosions in the Sky viel Freude haben.
„Peace or Quite“ hält das Niveau von Anfang an hoch. Die Melodie ist sehr schön und geht fast schon ins Folkige. Doch auch hier wird die Schönheit durch ein paar laute Töne gebrochen, aber nicht zerstört. Bei „All Mountains“ wird es wieder rockiger, allerdings ohne jegliche Aggressivität. Aggressivität findet sich auf diesem Album nicht, stattdessen gibt es eine steigende und fallende Intensität im Einsatz der Rockinstrumente, was bei jedem Song für Spannung sorgt.
Bei „The Fight“ übernehmen zwar zunächst verzerrte Klänge die Oberhand, doch schon bald setzt wieder eine gut gespielte Melodie ein. Auch dieser Song besticht durch seine hohe Qualität. Vermutlich wird dadurch „Mogwai“ für mich vom Post-Rock-Thron eine Stufe herabfallen – wobei ich ehrlich zugebe, bisher nur wenig reine Post-Rock-Bands gehört zu haben.
Diese CD macht auf jeden Fall Lust auf mehr und zeigt, dass es nicht immer nur instrumentale Synthesizermusik aus längst vergangenen Zeiten sein muss.
Mit „It’s Never Going to Stop“ geht es wieder atmosphärischer zu. Dadurch sind Explosions in the Sky auch für Leute interessant, die sonst Nils Frahm oder Künstler der „zeitgenössischen“ Elektronikmusik hören. Dieses Album sollte man sich unbedingt anhören – es ist wirklich sehr gelungen. (254)

Ezio - Higher (2000)
Ezio besteht hauptsächlich als Duo, und zwar aus den Musikern Ezio Lunedei und Mark „Booga“ Fowell. Live treten sie sowohl als Duo als auch mit größerer Besetzung als Band auf. Bekannt sind sie vor allem für ihr Spiel auf der akustischen Gitarre.
Irgendwie wollte ich schon immer mal eine CD von Ezio haben, ohne genau zu wissen, welche Musik sie machen. Nach dem Hören eines Songs auf einem Sampler aus der Mitte der 90er Jahre wurde dieser Wunsch stärker – und wurde schließlich umgesetzt. Einige Zeit später beginnt jetzt das Hören.
„Still Ice Cold“ ist gefälliger Pop-Rock, Musik zwischen Gut und Böse. Zum Mitnehmen – Radiomusik, die nicht stört, aber auch nicht lange nachwirkt. Ruhig und nach amerikanischem Folk-Rock klingend ist „At that Moment“. So etwas habe ich aber auch schon zu oft gehört. Der Song könnte live jedoch sehr gut funktionieren. „You’re Strange“ ist ein weiterer netter Pop-Rock-Song, doch auch damit können sie mich noch nicht richtig begeistern. Das gefühlvollere und rauere „Perfect“ ist dann der erste Lichtblick. Der Song sticht hervor. Im eher Singer/Songwriter-Stil funktionieren auch der Titeltrack „Higher“ und die sanfte Ballade „Meet me in the Gods“ ganz gut. Es dauerte eine Weile, doch nun haben Ezio doch Zugang zu meinem Gehör gefunden. Ja, bei der Musik von Ezio gilt: Weniger ist mehr. Ich würde ihre Musik nicht als „Folk“ bezeichnen – wie es Wikipedia tut –, sondern als Singer/Songwriter-Pop-Rock. Sympathisch, leicht verdaulich, aber auch mitreißend und unterhaltsam. Man sollte allerdings richtig in Stimmung dafür sein – sonst könnte man die Musik auch nur als nettes Hintergrundrauschen wahrnehmen, was dem guten Songwriting, das bei manchen Stücken wirklich gelungen ist, ungerecht würde. Und „Oranges“ macht wirklich Spaß zu hören. Wenn sich die Songs nach und nach in den Ohren einschmeicheln, findet man „Anymore“ richtig gut. Man merkt aber auch, dass Ezio eher eine Band für ein Live-Erlebnis sind. Ich glaube, da könnten sie ihr Publikum leicht begeistern und beseelt zurücklassen.
Etwas zu einfach machen sie es sich bei „Freedom“ – ein Song, den man tausendmal gehört hat, wie gesagt, irgendwo zwischen Gut und Böse –, der für mich eher die Qualität einer guten Cover-Rockband erreicht. Am Ende wird es noch einmal ganz sanft mit „Sometime Silence“.
Lässt man die ersten Songs weg, bei denen Ezio vielleicht ein wenig zu sehr auf Radiotauglichkeit geschielt haben, ist „Higher“ ein nettes Singer/Songwriter-Album, das allerdings zu sehr nach Mainstreampop klingt, um noch als Folk-Album durchzugehen. Ein paar gute Songs sind definitiv dabei. Kein Knaller, aber nett. (Ich weiß, das reicht jetzt nicht, um sich in eine Band zu verlieben; kein Mädchen würde einem Jungen sagen, sie fände ihn nur „nett“. Aber vielleicht finden Band und Hörer ja noch beim nächsten Versuch zueinander. Wer weiß.)
Der Song vom Sampler, den ich gehört habe – mit dem Titel „30 and Confused“ – ist jedoch wirklich besser als alle Songs, die ich auf „Higher“ gefunden habe. Er lief direkt im Anschluss an das Album in meiner Playlist und ist großartig. Vielleicht sollte ich besser das Album „Black Boots on Latin Feet“ anhören. Das werde ich tun, und vielleicht klappt es dann ja mit dem Verlieben. (388)