
Raconteurs – Broken Boy Soldiers (2006)
Prominentestes Mitglied der Raconteurs ist Jack White (White Stripes). Die Band besteht außerdem aus zwei Mitgliedern der Greenhorns und dem Solokünstler Brendan Benson. Zehn Titel in nur 34 Minuten versprechen ein recht kurzweiliges Vergnügen – doch ob das tatsächlich der Fall ist, muss sich zeigen.
„Steady as she goes“ ist gleich zu Beginn ein echter Knaller und legt die Messlatte sehr hoch. Das ist einfach eine großartige kleine Rocknummer. „Hands“ ist eine klassische Rocknummer. Das Titelstück „Broken Boy Soldier“ erreicht fast die Intensität von Stoner-Rock. Die Raconteurs machen Musik für Fans guter, alter Rockmusik. „Intimate Secretary“ klingt, als käme es direkt aus den 70ern und erinnert stark an Led Zeppelin.
Auch die Rockballade fehlt bei den Raconteurs nicht: „Together“. Eine weitere tolle Nummer ist „Level“. Doch die Band verleiht der Rockmusik zugleich einen eigenen Stempel, wie „Store Bought Bones“ zeigt. Etwas leichter geht es mit „Yellow Me“ weiter, einer Akustiknummer. Noch ruhiger wird es bei „Call it a Day“, einem sehr schönen Stück. Das letzte Lied „Blue Veins“ ist eine echte Bluesnummer, die auch gut in einen David-Lynch-Film passen würde.
Ich habe nichts gegen gute Rockmusik. Und ich habe nichts gegen die Raconteurs. (212)

Radiohead – OK Computer (1997)
Die ersten beiden Radiohead-Alben liebe ich sehr. Es ist wunderbarer Indierock mit wirklich großartigen Songs, die einen ein Leben lang begleiten. Dann kam „OK Computer“ und es veränderte sich etwas, oder habe ich das falsch in Erinnerung? Ich habe das Album nicht oft gehört, deshalb lohnt sich ein Wiederhören und vielleicht ein positives Neuentdecken. Für viele Fans ist „OK Computer“ ein Kultalbum. Die Bandmitglieder wollten auf jeden Fall ihren Stil verändern, da sie keinesfalls ein zweites „The Bends“ aufnehmen wollten. Das Innenleben der Band sollte verschlossen bleiben, und etwas Neues sollte entstehen. Der Stilwechsel war also eine bewusste Entscheidung, und das muss man als Fan der ersten beiden Alben wohl respektieren.
Fett und immer noch sehr rockig beginnt das Album mit „Airbag“ – nach meinem aktuellen Hörgeschmack ein absolut guter Song. So mag ich Radiohead auch. Ich mochte schon immer einzelne Songs von späteren Alben, allerdings vor allem dann, wenn sie typische Rock-Elemente enthielten. Das elektronische Songgefrickel empfand ich auf Dauer eher als anstrengend bis langweilig. Das gilt auch für die Soloarbeiten von Thom Yorke. Vielleicht sollte ich all diese Sachen noch einmal neu hören. Abwerten ist schließlich immer leichter, als einen ersten Eindruck zu revidieren oder neu zu bewerten. Auf jeden Fall gefällt mir „Airbag“ richtig gut. Radiohead und Produzent Nigel Godrich machen hier alles richtig. Eigentlich definieren sie nichts anderes als den Sound der 2000er-Jahre schon drei Jahre zuvor. Wenn man als Alternativrock-Band mit Verstand gelten will, muss man so klingen, wie Radiohead auf diesem Album. Besonders „Paranoid Android“ prägt diesen Sound. Alternativrock mischt sich hier mit Artrock, und das funktioniert außerordentlich gut. Der Song bietet so viel, dass er besondere Beachtung verdient. An solchen Stücken kann man sich ein Leben lang abarbeiten. Sicherlich ist „Paranoid Android“ ein Meisterwerk – das gebe ich jetzt gerne, wenn auch etwas verspätet, zu.
Ein großartiges Rockstück mit einigen elektronischen Klängen ist „Subterranean Homesick Alien“. Auch hier öffnen sie sich schon dem Progrock, denn der Song klingt nach mehr als einem typischen Classic-Rock-Stück. Akustisch und melancholisch präsentiert sich „Exit Music (for a Film)“. Ob Damon Albarn sich bei Thom Yorke etwas abgeschaut hat oder ob die beiden Songwriter einfach eine ähnliche Entwicklung durchgemacht haben – wer kann das schon genau beantworten? Ich weiß nicht, wie sie diese Frage vielleicht selbst beantwortet hätten.
Mal zeigen sich richtig optimistische musikalische Klänge in „Let Down“. Eine sehr schöne Nummer und vielleicht das Stück, das am meisten an den Sound der Vorgängeralben erinnert. Keine Frage, auch „Karma Police“ ist ein Riesensong. Das Zwischenstück „Fitter Happier“ folgt darauf, und „Electioneering“ rockt ebenfalls richtig gut. Atmosphärisch und im Artrock verortet ist „Climbing up the Walls“, ein weiteres Stück, das überzeugt. Noch ein Highlight und ein Song für die Ewigkeit ist „No Surprises“ – eine ganz große Nummer. „Lucky“ zeigt melancholischen, modernen Psychedelic-Rock. Den Abschluss bildet „The Tourist“ mit purer Melancholie. Hier klingt es wieder eher nach Progrock und Psychmusik als nach Britpop. Allerdings ist der Song etwas anstrengend zu hören, und das werde ich bei späteren Alben und Stücken wohl öfter anmerken müssen.
Dieses Album hat die letzten 27 Jahre tatsächlich unbeschadet überstanden. Das liegt vor allem am Stilmix und dem Sound, die heute in Rock- und Popmusik viel üblicher sind. Natürlich legen Radiohead mit „OK Computer“ auch eine Art Blaupause für anspruchsvolle Rockmusik der nächsten Jahre vor. Ein wirklich großer Wurf einer zuvor schon großartigen Band – eine tolle Wiederentdeckung. (487)

Radiohead – Kid A (2000)
Die Band wächst ständig, wird selbstständiger und tourt inzwischen im eigenen Zelt. Sie nutzt das Internet, teilt Songs vorab mit der Öffentlichkeit, begeistert weiterhin Kritiker und gewann den Grammy für das beste Alternative-Album – und das mit einem Werk, das die Regeln der Rockmusik außer Kraft setzt und noch stärker als das Vorgängeralbum durch seinen Stilmix als musikalische Kunst überzeugt. Danach standen sie eigentlich über jeder Kritik und konnten tun und lassen, was sie wollten. Die Fans, mich eingeschlossen, folgten ihnen, denn Radiohead waren etwas ganz Besonderes. So viel dazu, wie „Kid A“ seinerzeit aufgenommen wurde. Obwohl das Album erst 2000 erschien, gilt es sofort als das beste des ganzen Jahrzehnts und fehlt auf kaum einer „Best Album“-Liste.
Wie finde ich das? Genau so überraschend gut wie zuvor „OK Computer“. Sollte man immer erst das erste „The Smile“-Album hören und sich danach mit Radiohead ab dem dritten Album beschäftigen?
Warum die Stücke von Radiohead so gern als Soundtrack für Filme verwendet werden, hört man gleich in den ersten Takten von „Everything in the Right Place“. Diese Musik erzeugt sofort eine unglaublich atmosphärische Stimmung, die den Hörer förmlich einsaugt. Es ist jedoch keine klassische Rockmusik mehr, denn auf Gitarrenriffs wird verzichtet, und viele Klänge scheinen elektronischen Ursprungs zu sein. Trotzdem funktioniert der Song hervorragend. Eine großartige Einstiegsnummer.
Das Titelstück „Kid A“ ist elektronisch, experimentell und eher eine Ambient-Nummer. Auch hier überzeugt das Ergebnis. Radiohead entfernen sich damit deutlich von ihrem gewohnten Sound, nur am Ende weckt der kurz einsetzende Bass Erinnerungen an ihre früheren Werke.
Gemonteert wird jedoch immer noch: „The National Anthem“ ist vom Rock geprägt, doch dieser Ansatz wird mit experimentellen Klängen durchsetzt. Ein traditioneller Gesangspart fehlt, dafür setzen später mächtige Bläser ein – Fusion-Rock! Es ist faszinierend, wie Radiohead den Wandel vom Rock zu einem experimentellen Schmelztiegel anspruchsvoller Alternativmusik meisterten – ohne Single-Material, vielleicht abgesehen von „Everything in the Right Place“ als Hit. Dennoch beeindruckte das Album sowohl Kritiker als auch Fans. Radiohead waren zu einer Kultband geworden.
Ein typischer Song, diesmal mit sanften Gitarren, die fast wie läutende Glocken klingen, und zurückhaltendem Gesang, ist „How to Disappear Completely“ – sanfter Postrock. Bei „Treefingers“ gleitet die Musik sogar ins Drone-Genre ab.
„Optimistic“ gefällt mir mit seinem treibenden Rockrhythmus wieder besser. Das tut dem Album gut, denn inzwischen litt es etwas unter zu großer Experimentierfreude. So tut ein richtiger Song mit ordentlich Wumms richtig gut. Das anschließende „In Limbo“ mag ich ebenfalls in Aufbau und Stimmung. Den modernen, düsteren Psychrock beherrschen Radiohead wirklich sehr gut.
Mit „Idioteque“ gibt es dann noch einen zweiten „Hit“ auf dem Album. Fans elektronischer Musik freuen sich ebenso wie die Indierockfraktion. Diese Musik definierte eine ganze Ära. Sie ist einfach nur gut. Das Wunderbare an Radiohead ist, dass sie solche Songs von außergewöhnlicher Qualität auf jedem ihrer Alben haben. Deshalb haben sie auch wirklich alles richtig gemacht.
Das darauf folgende „Morning Bell“ ist etwas anstrengender, was, so glaube ich, an Thom Yorkes Gesang liegt. Die Melodie und der instrumentale Hintergrund gefallen mir, doch die Art des Gesangs trübt beim Hören die Stimmung etwas. Ich glaube, solche Songs von Yorke und Radiohead hindern mich bei späteren Werken daran, sie öfter zu hören, weil mich die Atmosphäre mittlerweile mehr belastet als früher.
Der letzte Track, „Motion Picture Soundtrack“, beginnt mit sanfter Instrumentierung und Gesang und steigert sich zu einer ebenso sanften Hymne mit Choreinsatz. Dann endet das Stück, obwohl die Spielzeit noch nicht vorbei ist. Nach einer Pause gönnt man dem Hörer noch einen Moment geräuschvoller Erhabenheit, aber nur kurz, darauf folgt Stille. Der Rest ist Schweigen.
Nach wie vor behaupte ich, Radiohead gefallen mir besonders, wenn sie in irgendeiner Form rocken. Allerdings möchte ich auf Songs wie „Everything in the Right Place“ und „Idioteque“ nicht verzichten. Es ist schwierig, wenn eine Band so vielschichtig ist und auch andere Genres bedient, der Fan sie aber am liebsten beim Rock hört. Dennoch ist auch dieses Album ohne Frage großartig. (488)

Radiohead – Amnesiac (2001)
Das Material von „Amnesiac“ stammt aus derselben Aufnahmesession wie das Vorgängeralbum „Kid A“. Dadurch erklärt sich auch, warum der Grundklang des Albums dem des Vorgängers sehr ähnelt. Gleichzeitig ist „Amnesiac“ jedoch ein weiterer Schritt weg vom Mainstream-Pop und Rock. Die Musik von Radiohead entwickelt sich immer mehr zu einer kunstvollen Verbindung von Klangideen aus unterschiedlichen Musikgenres. Das Durchhören eines Radiohead-Albums wird allmählich anstrengend, da die Musiker keine „einfachen“ Songs mehr schaffen wollen. Dank des kommerziellen Erfolgs ihrer beiden zuvor veröffentlichten Alben haben sie sich diesen künstlerischen Freiraum jedoch selbst geschaffen. Kritiker schätzen ihre musikalische Kunst, und die Fans entnehmen aus den Alben, was sie brauchen.
Warum ich diese Phase der Band und die damit verbundenen Alben bisher eher selten gehört habe, wird mir nun klar: Radiohead gelingt immer wieder ein paar echte „Kunststücke“, aber das häufige Anhören einer gesamten Platte ist auf Dauer recht anstrengend. Dennoch haben „Ok Computer“ und „Kid A“ auch für mich gut funktioniert, und auf dem darauffolgenden Studioalbum „Hail to the Thief“ befindet sich eines meiner absoluten Lieblingsstücke der Band. Deshalb sollte „Amnesiac“ ebenfalls einige Highlights bieten.
Experimentelle elektronische Klänge vermischen sich auf dem Album zu einfacheren Melodien, und Gesang kommt hinzu – ein echter Song ist zum Beispiel „Packt like Sardines in a Crushed Tiny Tin Box“. Dieser Song gefällt mir gut, und hier erkenne ich auch sofort, warum ich Radiohead und The Notwist musikalisch gelegentlich in einen Topf werfe. Beide Bands haben einiges gemeinsam, dennoch ist The Notwist inzwischen das „einfachere und zugänglichere“ Musikprojekt.
Die melancholischen Klavierklänge von „Pyramid Song“ ziehen sofort in den Bann, doch für einen echten Hit ist der Song etwas zu anstrengend. Aber wer braucht schon einen Hit, wenn er einen so guten Song bekommt? Psychrock im Jahr 2001.
Trip-Hop-Electronica beschreibt gut Teile der Musik von Radiohead zu dieser Zeit, etwa in „Pulk/Pull Revolving Doors“.
Eine Indie-Jazz-Ballade findet sich in „You and Whose Army?“.
Mit Rock-Gitarren und einem tollen Klang präsentiert sich „I Might Be Wrong“. Diesen Song hatte ich nicht so auf dem Schirm; er wandert nun auf meine Liste der absoluten Highlights der Band. Auch das Album bietet somit echte Höhepunkte, wie zum Beispiel das melancholisch gefärbte „Knives Out“, das unverkennbar nach Radiohead klingt.
„Morning Bell/Amnesiac“ ist dreampoppig im Radiohead-Stil gehalten.
Der düstere Song „Dollars and Cents“ würde auch zu einem dystopischen Agentenfilm passen, klingt aber ebenfalls sehr gut.
„Hunting Bears“ erinnert an Filmmusik und klingt wie „Ambient American“. Der Stilmix auf Radiohead-Alben bleibt unvorhersehbar.
Electronica-Klänge mit etwas Gesang finden sich in „Like Spinning Plates“. Dieser Song ist etwas anstrengend, und solche Stücke gibt es im Radiohead-Repertoire einfach zu viele.
Das Album schließt Radiohead mit „Life in a Glasshouse“ ab, einem düsteren Jazzsong. Offenbar muss Thom Yorke „My Funny Valentine“ oft gehört haben.
Jedes Radiohead-Album hat seine besonderen Qualitäten, und immer lassen sich einige echte Songs für die Ewigkeit entdecken. Am Ende sind Radiohead nicht immer so elektronisch und eintönig, wie ich es mir lange vorgestellt hatte. (491)

Radiohead – I might be wrong: Live Recordings (2001)
Ein recht kurzes Livealbum mit 41 Minuten Spielzeit, das beweisen soll, dass die verkopften Melodien und Songs der letzten beiden Alben auch live durchaus funktionieren. Außerdem enthält das Album einen Song, der erst viel später als Studiofassung auf Platte veröffentlicht wird.
Zu hören sind: „The National Anthem (Kid A)“, „I Might Be Wrong (Amnesiac)“, „Morning Bell (Kid A)“, „Like Spinning Plates (Amnesiac)“, „Idioteque (Kid A)“, „Everything in Its Right Place (Kid A)“, „Dollars and Cents (Amnesiac)“ und „True Love Waits“.
„The National Anthem“ rockt mit seinen Gitarrenriffs sehr gut, während die Keyboardklänge eine düstere Atmosphäre schaffen. Thom Yorkes Gesang verleiht dem Ganzen eine Mischung aus Art-Rock und Trip-Hop. So wird dem Hörer sofort klar, dass dies kein gewöhnliches Rockkonzert ist. Mitsinghymnen und Schunkelstücke wird es wohl nicht geben, dafür aber einen klugen Mix aus vielen Genres und Subgenres der Rockmusik.
„I Might Be Wrong“ funktioniert schon durch sein markantes Gitarrenriff am Anfang sehr gut. Der Song ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich die Musik von Radiohead weiterentwickelt hat. Sie nimmt mit, packt einen und entfernt sich deutlich vom klassischen Rock sowie vom sonst eher eingängigen Indierock der 2000er Jahre.
Etwas sanfter und emotionaler präsentiert sich „Morning Bell“, das mir in dieser Livefassung sogar etwas besser gefällt. Die Liveversionen sind im Grundton sehr nah an den Plattenaufnahmen, was das Zuhören zu einem schnellen Nochmalhören macht, da ich „Kid A“ und „Amnesiac“ erst vor Kurzem gehört habe. Dadurch gibt es wenig wirklich Überraschendes oder Neues zu entdecken.
Ich finde die Songauswahl recht gelungen, da sie die Stücke umfasst, die mir von „Kid A“ und „Amnesiac“ am besten gefallen.
Als Klaviernummer beeindruckt „Like Spinning Plates“, bei dem Thom Yorkes Gesangsleistung besonders gut zur Geltung kommt und Beifall verdient. Seine gesungenen Wortreihen wirken nie wie einfaches Herumgejammer, sondern eher klagend und Ausdruck verleihend.
„Idioteque“ ist eine großartige Elektronik-Indie-Rock-Nummer, die live ebenfalls hervorragend funktioniert. Die Schlagzeug-Gesangs-Duett-Passage trifft direkt ins musikalische Herz – super!
„Everything in Its Right Place“ erklingt live etwas zurückhaltender, dennoch sehr schön. Am Ende ziehen sie den Song allerdings etwas zu lang in die Länge. „Dollars and Cents“ gelingt ihnen ebenfalls live sehr gut.
Mit Akustikgitarre wird die verträumte Ballade „True Love Waits“ zum Lagerfeuer-Song – das ist etwas Besonderes und wunderschön. Schon dafür hat sich der Kauf des Albums gelohnt.
Insgesamt ist es ein gutes Livealbum, das jedoch einige ältere Highlights vermissen lässt. Es muss nicht unbedingt kurz nach dem Hören von „Kid A“ und „Amnesiac“ gehört werden. Ich habe es auch „nur“ aus chronologischen Gründen angehört. (496)

Radiohead – Hail to the Thief (2003)
Album Nummer sechs, mit einem meiner absoluten Lieblingssongs. Bis auf diesen einen Titel ist vom Album bei mir nicht viel haften geblieben, deshalb lohnt sich hier ein erneutes Hören. Es ist ja schon fast schade, dass man manche Alben durch jahrelanges Hören von Playlists fast nie am Stück gehört hat – so geht es mir bei vielen Alben nach 2000, ein Jammer. Aber das habe ich seit einiger Zeit geändert, und das ist gut so. Sonst gäbe es ja gar nicht all meine Texte, die ich vor allem für mich selbst brauche. Denn wer kann bei so viel Musik schon den Überblick behalten oder eine neu entdeckte Band nicht schnell wieder vergessen? Macht Notizen – das Gehirn ist nicht perfekt. Meins schon gar nicht.
Im fast schon für Radiohead typischen melancholischen Indie-Art-Rockgewand beginnt das Album mit „2+2=5“ auf bekannten Pfaden. Schön ist, dass sie dabei auch wieder richtig rockig klingen, und ich glaube, deshalb ist mir das ganze Album trotz meiner verschwommenen Erinnerung so gut in Erinnerung geblieben.
„Sit down. Stand Up.“ – super. Ich mag es, wenn es so klingt, als ob Radiohead Musik für einen Arthouse-Film machen. Atmosphäre, kunstvolle Produktion und gleichzeitig mitreißende Musik – das trifft auf diesen Song absolut zu. Den werde ich ab jetzt in guter Erinnerung behalten. Und im Bereich einzigartig guter Klangwelten leisten Radiohead sowieso immer hervorragende Arbeit.
Sanfte Melancholie bei „Sail to the Moon“. Wenn sie wollten, könnten Radiohead auch eine richtig gute Progrock-Band sein – damit würden sie alle Konkurrenten vom Thron stoßen. Wer da noch glaubt, Steven Wilson wäre ein ausgezeichneter Songtüftler, hat Radiohead wohl nie richtig gehört.
Bei „Backdrifts“ merkt man jedoch, dass Radiohead seit „Kid A“ irgendwie auf der Stelle treten. Das ist keineswegs schlimm, denn die Songs haben trotzdem alle ihre Qualität. Als Einzelstück ist „Backdrifts“ etwas Besonderes. Doch die langsam immer gleichen Soundideen hinterlassen beim schnellen Hören ihres Werks das Gefühl, dass sie kaum Fortschritte machen. Das passiert natürlich vielen Bands und ist auch nicht schlimm, denn die Fans wissen dann, was sie mit jeder neuen Platte erwarten können – solange die Qualität erhalten bleibt. Und diese Qualität kann man Radiohead bei diesem Album auf jeden Fall bescheinigen. Bislang gibt es keine Ausfälle, also keine Songs, die nur als Kunststücke oder Zwischenspiele funktionieren.
Echter Gitarrensound begrüßt einen bei „Go to Sleep“. Das ist eine wirklich gute Alternative-Rock-Nummer, die auf ihre einfache Art richtig Spaß macht – da erinnert man sich wieder an die alten Zeiten der Band. Und das Album gewinnt zunehmend an Reiz, weil wieder mehr Rockband-Ambitionen zu hören sind. So mag ich zum Beispiel „Where I End and You Begin“ sehr.
Tragischer Gospel im Radiohead-Stil: „We Suck Your Blood“ – das ist eine echte Gothic-Ballade, aber ohne Gothic- oder Düsterrock zu sein. Vielmehr erinnert sie stärker an klassische zeitgenössische Musik und hat mit dem typischen Lack-und-Leder- beziehungsweise Verkleidungs-Ding wenig zu tun. Es ist düstere Kammermusik.
„The Gloaming“ arbeitet mit Glitches und elektronischen Sounds. Davon hatte ich mir seit drei Alben mehr erwartet, aber vielleicht habe ich das auch zu sehr mit den anderen Nebenprojekten und Thom Yorkes Soloarbeiten in Verbindung gebracht. So klingt das Stück für mich wie viele andere von Thom Yorke: düster und melancholisch. Ist der Mann eigentlich niemals glücklich?
Danach folgt ein weiterer Song mit Schlagzeug, Bass und Rockgitarre: „There There“ – auch diesen mag ich. Die Arthouse-Rock-Stücke von Radiohead ähneln sich zwar oft, doch sie sind immer gut. So gut. Im späteren Verlauf des Songs rocken sie richtig stark.
Kurz und knapp: „I Will“ kann man vielleicht als modernen Canterbury-Folk verstehen. Trotzdem ist der Song trotz seiner Kürze irgendwie auch anstrengend.
Danach folgt mein absoluter Lieblingssong – von Anfang bis Ende einfach spannend, mitreißend und großartig: „A Punch at the Wedding“. Ein Song für die Ewigkeit.
„Myxomatosis“ ist ein ungestümer Elektro-Rock-Song. Nicht ganz mein Geschmack, aber als Einzelstück hat er sicherlich seinen Wert.
Sanft und natürlich wieder melancholisch präsentiert sich „Scatterbrain“. Am Ende steht „A Wolf at the Door“, eine Mischung aus Psychrock und Indierock – und das können in dieser Klasse wohl nur Radiohead.
Insgesamt ein wirklich sehr gutes Radiohead-Album, sogar besser als die beiden Vorgängeralben „Kid A“ und „Amnesiac“, weil es einfach mehr Highlights bietet und wieder mehr gute Songs enthält. Dabei verliert die Band jedoch nichts von ihrem Anspruch, mehr zu sein als die typische Rockband von nebenan. Art-Rock, aber glücklicherweise diesmal mit mehr Rock als Kunst.(502)

Radiohead – In Rainbow (2007)
Album Nummer 7. Stark beginnt es mit Schlagzeugklängen und Stimme, dann gesellt sich eine Gitarre dazu, und schließlich setzt der Bass ein. Die Band spielt zusammen, wobei der Song „15 Steps“ am Anfang fast wie eine reine elektronische Nummer klingt – doch Radiohead machen das tatsächlich viel seltener, als ich es mir ursprünglich eingeprägt hatte. „15 Steps“ passt gut zu dem Weg, den die Band seit dem Album „OK Computer“ eingeschlagen hat. Bei „Bodysnatchers“ rockt die Band großartig, scheut sich dabei aber nicht, auch ungewöhnliche Passagen einzubauen. Radiohead ist, glaube ich, eine der wenigen Rockbands, die die Rockmusik wirklich weiterentwickelt haben – besonders im Bereich des Artrock. Das liegt daran, dass es sich hier um progressiv gespielten Rock für die Neuzeit handelt. Natürlich haben auch andere Bands durch ihre Stilvielfalt dazu beigetragen, doch Radiohead haben Maßstäbe gesetzt und kaum Konkurrenz in dieser Qualität. Trotzdem bleibt es am Ende reine Rockmusik, und ich schätze es sehr, dass die Band trotz ihrer Experimentierfreude nie aufgehört hat zu rocken. Auch bei diesem Album überrascht mich, wie gut ich es finde – vielleicht bin ich seit dem Erscheinen der Platte einfach offener für diese Art von Musik geworden. So wie Radiohead ihren Sound weiterentwickelt haben, habe ich mich hoffentlich auch als Hörer weiterentwickelt. Stillstand sollte man nie akzeptieren. Bleibt immer offen für Neues – auch wenn ihr denkt, ihr habt schon alles gehört. Lasst euch überraschen und überwältigen, denn ihr habt nie alles gehört. Das ist schlicht unmöglich – das schafft keiner.
Radiohead beherrschen auch ruhige, experimentelle Melancholie sehr gut, wie in „Nude“. „Weird Fisher/Arpeggi“ ist ruhiger und in einer leichteren Tonart, wodurch bei Radiohead auch etwas Hoffnung mitschwingt. Die Gefühlswelt wirkt positiver. Tatsächlich ist das Album fast schon recht zugänglich geworden. „All I Need“ könnte man sogar gut im Radio spielen. Das ist wirklich ein toller Song.
Eine Psych-Folk-Nummer darf auf einem Radiohead-Album natürlich nicht fehlen: „Faust Arp“. Die Band hat ihren eigenen Stil gefunden und mit Nigel Godrich den passenden Produzenten an ihrer Seite. Auf diesem Album trifft das besonders auf „Reckoner“ zu. Die Musik ist nicht unbedingt etwas, das man nur im Hintergrund hört oder auf Partys abspielt. Doch wer sich auf Radiohead einlässt, wird reich belohnt – mit mehr als „nur“ normaler Rockmusik. Das ist Musik als Kunstform, die zum Glück nicht vergisst, dass sie als Song einfach gut funktionieren muss.
Ebenfalls ruhig und gelungen ist „House of Cards“. Ein etwas rockigerer Song ist „Jigsaw Falling into Pieces“, der sehr, sehr gut ist.
Am Ende der Originalplatte steht „Videotape“ – eine dieser großartigen Balladen im typischen Radiohead-Stil, die ich besonders mag.
Doch damit ist das Album nicht zu Ende, denn als Download ist noch „Disc 2“ verfügbar.
„MK 1“ ist ein kurzes Intro, das den melancholischen Faden von „Videotape“ noch einmal aufgreift. Wer den Indierock-Sound von Radiohead mag, wird hier erneut mit großartigen Songs belohnt. Denn wenn die Band echte Songs macht und sich nicht in Sounds und Effekten verliert, ist Radiohead einfach herausragend und verfügt über einen beeindruckenden Songkatalog. Dazu gehört auf jeden Fall „Down Is the New Up“. Progressiver Indie-Art-Rock – das spielt Radiohead besser als jeder andere.
Sehr verträumt klingt „Go Slowly“, das fast an Shoegaze erinnert. Als Zwischenspiel folgt „MK 2“. Mit „Last Flowers“ gibt es noch einmal einen ruhigen Song. „Up on the Ladder“ ist ein weiterer starker Rocksong, der auch gut auf das Vorgängeralbum „Hail to the Thief“ gepasst hätte. Von der Qualität her erreicht das Material von „In Rainbows“ problemlos die sehr guten Alben „OK Computer“ und „Hail to the Thief“. Bis hierhin habe ich also noch kein schlechtes Radiohead-Album gefunden. Eine wirklich großartige Band mit großartiger Musik.
Heftiger wird es dann mit „Bangers + Mash“, das viel Energie ins Album bringt – ganz großartig. Dazu darf ich gerne mitkopfnicken. Mit „4 Minute Warning“ endet das Album dann sanft und schön. Ein gelungener Abschluss. (551)

13.10.25
Radiohead - King of Limbs (2011)
Das ist das achte Album der experimentellen Alternativerocker. In meiner Erinnerung hatte ich das Album, genauso wie kurz vor dem erneuten Hören der drei vorherigen Alben, als mehr als nur „anstrengend“ abgespeichert und als stellenweise zu elektronisch – damals wurde mir einfach zu wenig gerockt. Nun will ich hören, ob ich es jetzt ganz anders empfinde und die Begeisterung, die mich beim Hören der Radiohead-Alben bisher erfasst hat, weiterhin anhält.
Experimenteller, teils elektronisch klingender Psych-Rock prägt „Bloom“. Das wirkt bereits leicht überfordernd, weil über dem Song eine zusätzliche Klangebene liegt. Als moderner Psychrock funktioniert es dennoch, denn die Band und ihr langjähriger Produzent Nigel Godrich haben es einfach zu gut umgesetzt.
„Morning Mr Magpie“ trifft meinen Geschmack mehr, weil der Sound wieder ein bisschen rockiger ist. Ich verliebe mich sofort in den Gitarren- und Bassrhythmus. So liebe ich Radiohead. Gleiches gilt für „Little by Little“ – das ist Radiohead pur: mysteriös, melancholisch, anders, aber großartig, weil es alle Spielarten von Alternative- bis Prog-Rock gekonnt vereint.
„Feral“ wirkt hingegen etwas zu wenig wie ein Song, eher wie ein verlängertes Zwischenspiel. Es ist eine Mischung aus Trip-Hop und Dub, aber ganz typisch Radiohead.
Der Mix aus experimentellen Klängen und Melodie bei „Lotus Flower“ ist erneut großartig – schlichtweg zu gut.
Eine Klavierballade gibt es ebenfalls: „Codex“. Fast schon ein „leichter“ Song. Im Bereich des experimentellen Folk bewegt sich „Give up the Ghost“.
Man kann dem letzten Stück „Separator“ nicht allein vorwerfen, dass Radiohead dem Hörer nichts Neues mehr bietet. Mit dem relativ kurzen Album bewegen sie sich auf bekannten Pfaden, und das tun sie gekonnt. Deshalb finde ich das auch gut, denn das Album enthält Songs wie „Morning Mr Magpie“, „Little by Little“ und „Lotus Flower“, die einfach nur überzeugen. Allerdings ist der Spannungsbogen bei diesem Album etwas geradliniger als bei den Vorgängeralben. (603)
Radiohead – A Moon Shaped Pool (2016)
Streicher und Keyboardsound setzen ein, dazu Gesang, Schlagzeug und mehr – so beginnt „Burn the Witch“. Der Song wirkt erneut wie ein Stück aus einem Hollywoodfilm – großes Kino, dramatisch, elegant und fesselnd. Allerdings konnte ich bisher keinen Song des Albums wirklich im Gedächtnis behalten. So ist auch dieses Hören eher eine Neuentdeckung, obwohl die Platte schon lange in meiner Playlist ist. Im Laufe der Jahre sind davon aber nur noch drei Stücke übriggeblieben.
„Daydreaming“ nimmt das Tempo heraus und startet sehr entspannt und ruhig, fast wie ein Ambient-Song. Der einsetzende Gesang von Thome Yorke ist zerbrechlich und zart, leicht melancholisch. Gegen Ende nimmt die Spannung langsam zu und wird mit Streichern effektvoll verziert. Auch dieser Song funktioniert sehr gut.
Im ruhigen Fahrwasser bleibt „Decks Dark“. Der Song entwickelt jedoch ein fast gespenstisches Soundgeflecht. Radiohead-Songs sind verspielt; einfach nur Songs spielen können andere, bei Radiohead muss immer etwas mehr passieren. Gewöhnlichkeit ist nicht ihr Ding. Dabei verlieren sie sich aber nicht in Kunst – und genau das ist die Kunst von Radiohead und ihres langjährigen Produzenten Nigel Godrich.
Mit jedem Album entwickelt sich ihr Musikmix weiter: Von ehemals Brit-Indie- und Alternative-Rock ist die Musik von Radiohead heute Psych-Rock-Melancholie mit Elementen aus Progrock, Krautrock und Electronica. Ein besonders schönes Beispiel dafür ist „Desert Island Disk“. Genau so liebe ich diese Band und ihren Sound.
Düsternis und Mystik finden sich klanglich in „The Ful“ wieder. Das Ganze wird dann zu einem einfach unheimlich guten (Artrock- und Alternative-)Rocksong. Auffällig ist, dass die Songs auf diesem Album weniger mit elektronischen Elementen angereichert sind als auf den Vorgängeralben. Der Sound wirkt sehr real und authentisch.
Man könnte das auch Arthouse-Rock nennen, denn von der einfachen Erzählweise Hollywoods haben Radiohead-Songs nichts. Ihre Musik ist zu verspielt und kunstvoll, wie etwa bei der Ballade „Glass Eye“, zu der eher elegische Bilder passen würden.
„Identikit“ überzeugt mit einer raffiniert komponierten Melodie, die zeigt, warum so viele Menschen die Band so schätzen und lieben. Das ist schlichtweg großartig.
„The Numbers“ wirkt erneut magisch, ähnlich wie das erste Stück des Albums „Burn the Witch“. Hier entsteht das Arthouse-Audiokino in großem Stil.
Psych- oder Chamberfolkrock beschreibt „Present Tense“ gut. Der sehr lange Titel „Tinker Tailor Soldier Sailor Rich Man Poor Man Beggar Man Thief“ ist ein experimenteller Prog- und Psych-Rock-Song mit Ambient-Touch und besonderem Feeling. Mit „True Love Waits“ endet das Album verträumt und mit einem Hauch Optimismus.
Seit ich begonnen habe, nach dem ersten „The Smile“-Album die Alben ab „OK Computer“ wieder bewusst zu hören, bin ich ein großer Fan der Band geworden. Das vielschichtige Soundgeflecht der Alben, das ich früher als „zu viel“ empfand, schätze ich heute sehr. Meist finde ich es sogar großartig – das gilt auch für dieses bisher letzte Studioalbum der Band. (690)


Rage against the Machine – Rage against the Machine (1992)
Der Mix stimmt bei diesem Album wirklich hundertprozentig. Aggression und Härte vereinen sich in wütendem Sprechgesang und kraftvollen Gitarrenriffs. Trotz dieser Crossover-Wirkung ist für mich das Album von Rage Against the Machine einfach ein geniales Heavy-Rock-Album, das 1992 die Strömungen der härteren Rockrichtungen dieser Zeit in einem grandiosen Mix mit Rapgesang zu großartigen Songs verband. Zu „Bombtrack“, „Wake Up“ und „Killing in the Name“ konnte man seine Aggressionen freien Lauf lassen, dabei headbangen und gleichzeitig ausgelassen abtanzen. Mein Nacken leidet noch heute unter meinem Ausdruckstanz aus den 90er Jahren. Aber wie sehr habe ich diese Musik gefeiert, und ich tue dies auch heute noch bei jedem Hören dieser genialen Tracks. Sie sind, wie nur wenige Stücke des Crossover-Genres, gut gealtert, funktionieren immer wieder und machen deshalb auch dieses Album zu einem meiner Favoriten.
Mit „Bombtrack“ und „Killing in the Name“ kommen gleich zu Beginn zwei der populärsten Tracks der Band, die mit Wucht, Kraft und Power überzeugen – tolle Gitarrenriffs und dazu zorniger Gesang im Rap-Punk-Stil. „Killing in the Name“ ist einfach immer ein absoluter Hammertrack, großartig und ein Song für die Ewigkeit. „Take the Power Back“ beginnt mit einem Funkbass, der aber schnell von harten Gitarrenriffs abgelöst wird. Gegen Ende wird es für einen kurzen Moment ruhiger, doch zum Schluss übernimmt wieder die gewohnte Aggressivität – der Protestsong-Stil von Rage Against the Machine funktioniert einfach nicht leise. „Settle for Nothing“ setzt die zornige Spielweise des Albums in etwas langsamerem Tempo fort und wirkt dadurch noch dramatischer und bedrohlicher. Im Gegensatz dazu ist „Bullets in the Head“ wieder rhythmischer, mit mehr Rapgrooves, endet jedoch mit einem metallischen Sound. Neben den beiden ersten Stücken gehört es sicherlich zu den bekanntesten der Platte. „Know Your Enemy“ hat einen hervorragenden Sound, der Metal-Fans begeistert – bei diesem Titel wirkten sogar Tool-Frontmann Maynard James Keenan mit. Zu den bekannteren Stücken gehört auch das folgende „Wake Up“, was zeigt, dass das Album voller Highlights steckt. Metal-Fans, Alternative-Rock- und Rap-Fans gleichermaßen schätzen den Sound. Wie auf der Rückseite des Covers zu lesen ist, wurde alles ohne Samples, Keyboards und Synthesizer eingespielt. Gerade bei „Wake Up“ klingt der Sound fast schon göttlich – ein weiterer Song für die Ewigkeit.
Richtige Schwachstellen enthält das Album nicht, dazu ist die gesamte Rhythmusgruppe mit Tim Commerford (Bass), Tom Morello (Gitarre) und Brad Wilk einfach zu stark. Natürlich steuert auch Polit-Aktivist und Sänger Zack de la Rocha mit seinen Lyrics und seinem Gesang einen wichtigen Beitrag bei. Zwar nervt mich der Rap-Part bei „Township Rebellion“ manchmal mehr, als dass er gefällt, doch der Metal-Anteil ist so gut, dass ich den Song trotzdem nicht aus meiner Playlist streichen möchte. Wenn man überhaupt einen schwächeren Titel auf dem Album finden will, dann ist es dieser. Das mächtige Heavy-Metal-Gitarrenbrett zu Beginn von „Freedom“ zeigt erneut, dass Rage Against the Machine einen verdammt großartigen Sound geschaffen haben. An diesem und den anderen Songs ihres Debütalbums haben sie sich auch später immer wieder die Zähne ausgebissen – denn dieses Hammeralbum zu übertreffen, ist nahezu unmöglich. (413)
Rainbirds – Rainbirds (1987)
Nach fast vierzig Jahren standen die Rainbirds 2025 wieder in der ursprünglichen Besetzung auf der Konzertbühne des Düsseldorfer Zakk. Nach langer Zeit feierten sie gemeinsam mit ihren treuen Fans – von denen sich manche vielleicht nur noch an ihren Hit von damals namens „Blueprint“ erinnern konnten. Allen Beteiligten – vor allem Bassmann Beckmann und Katharina Franck – merkte man Anspannung und Freude an. Bei Beckmann überwog die Freude, bei Franck eher die Anspannung. Am Ende wurde der Liveauftritt zu einem Fest für alle Beteiligten. Da waren sie wieder – die Rainbirds von früher.
Das Debüt-Album beginnt direkt mit „Boy on the Beach“, bei dem wie auch bei „Blueprint“ Spliff-Keyboarder Reihold Heil zu hören ist. Man kann der Band zu Recht gratulieren, dass sie mehr als nur einen respektablen, die Zeit überdauernden Hit geschaffen hat. Denn „Boy on the Beach“ ist mindestens genauso gut – wenn nicht sogar noch mitreißender, versierter komponiert und gut gesungen. Das ist mehr als Pop oder Rock – man würde es heute wohl Indie oder zumindest Art-Pop nennen. Die großartige E-Gitarren-Arbeit und die starke Rhythmusgruppe verdienen dabei besondere Anerkennung.
Den Schwung von „Boy on the Beach“ nimmt „Blueprint“ bekanntlich auf. Hier hört man eine unverwüstliche Pop-Rock-Hymne, zu der man gern laut mitsingt. Ein Hit und Song für die Ewigkeit.
Wie anspruchsvolle Musik klingen kann und dass die Rainbirds sie beherrschen, beweist „7 Compartments“ – feinster Art-Pop. Davon gibt es auf dem zweiten Album noch viel mehr. Auch dieser Song bleibt lange im Kopf und verschwindet nicht schnell wieder, genau wie die beiden zuvor genannten Stücke.
Danach wird wieder Tempo gemacht: „Apparently“ rockt flott. Zwischen 1987 und 1990 hat sich in Deutschland musikalisch viel positiv weiterentwickelt. Bands wie die Rainbirds und Jeremy Days brachten zumindest für eine kurze Zeit den Pop-Rock voran. M. Walking on the Water zeigten, dass man auch als unabhängige Band und mit eigenem Label weit kommen kann. Und natürlich sind das nicht die einzigen Bands dieser Zeit. Doch alle drei existieren wieder oder noch immer und haben irgendwie die Zeit überdauert – was sehr erfreulich ist, da ihre Musik einfach zu gut ist, um in Vergessenheit zu geraten.
Sanft, aber sehr mitreißend ist „On the Balcony“, einer der wirklich großartigen Songs der Platte, der sogar etwas Jazz in den Musikmix einbringt.
Bisher gibt es keinen schlechten Song auf der Platte, und „No Greater Love“ ist ebenfalls gelungen – eine etwas andere Rock-Ballade. Udo Arndt hat als Produzent sehr feine Arbeit geleistet und die Platte wirklich gut produziert. Dabei hat er zwar auch viel Schlager gemacht, aber ebenso TonSteineScherben, Rio Reiser, Spliff und andere.
Eine schöne Ballade ist „We Make Love Falling“. Das Stück ist einfach mit dem gewissen Etwas gemacht und gespielt – immer etwas besser als das Übliche. Nur „Dancer“ tanzt bei mir im Refrain aus der Reihe und will nicht so recht zünden.
Locker, leicht, mit Schwung und einfach schön präsentiert sich „Fireworks“. Auf der Platte gibt es immer wieder Songs, in die man sich neu verlieben kann – dies ist einer davon. Ebenso folgt „The Bird Upthere Is Really You“. Der Platte gehen die guten Songs also nicht aus. Ich hatte gedacht, das zweite Album hätte deutlich mehr gute Songs, aber das stimmt wohl nicht. Beide Alben sind so gut und haben die Zeit gut überdauert.
Nach so viel guter Musik erscheint „I Could Be You (Could Be Me)“ eher als ein gewöhnlicher Song. Er nimmt zwar mit, ist aber nichts Besonderes – Rock-Pop, wie es ihn sehr oft gibt.
Auch „It’s All Right“ ist ein Stück, das am Ende der Platte einfach nicht so recht in Schwung kommt und enttäuscht, weil es zwar Spannung bietet, diese aber nicht wirklich nutzt.
Trotz der Schwäche, dass das Album am Ende zwei Songs zu viel hat, ist es eine Sammlung sehr guter Musik mit teils herausragenden Songs, die mich nach all den Jahren immer noch fesseln. Dabei wird klar, warum ich seit so langer Zeit Fan dieser Band bin, obwohl sie eigentlich nur zwei Alben dieser Art veröffentlicht haben – und diese Alben überdauern die Zeit. 704

The Raincoats – The Raincoats (1979)
Nachdem sie „The Slits“ live erlebt hatten, wollten die Gründungsmitglieder Ana da Silva und Gina Birch eine eigene Band gründen. Zusammen mit Ross Crighton und Nick Turner spielten sie ihr erstes Konzert unter dem Namen The Raincoats. Es folgten zahlreiche Umbesetzungen, doch Ana da Silva und Gina Birch blieben die Konstanten. Nachdem sie von Rough Trade unter Vertrag genommen wurden, nahmen sie zusammen mit Palmolive (The Slits) und der Violinistin Vicky Aspinal dieses Debütalbum auf.
„Fairytale in the Supermarket“ ist eine Nummer, die so klingt, als hätten Sonic Youth und viele andere Alternative-Rock-Bands nach dem Hören dieses Albums gesagt: So will ich auch Musik machen. So wie The Slits als Vorbild für The Raincoats gelten, sind The Raincoats sicherlich Vorbilder für viele Bands – besonders, wenn es um Alternative-Rock-Girlgroups geht.
Ganz großartig ist „No Side to Fall In“ – wie großartig der Song ist und wie oft er kopiert wurde. Einfach super!
Auch mit „Adventures Close to Home“ geht es so weiter: verspielter Schrammelrock gepaart mit einer Prise Psychfolk.
Was die Band mit „Off Duty Trip“ anbietet, ist schon Krautpunk. Ich weiß, „Kraut“ steht für „deutsch“ und The Raincoats sind das nicht, dennoch ist das die beste Beschreibung für ihren Sound.
Ich habe die Band fast zeitgleich mit Pere Ubu kennengelernt. Bei beiden Bands findet sich dieselbe verrückte Verspieltheit – ein wenig Punk-Anarchismus, aber ohne die Aggression in den Vordergrund zu stellen, wie bei „Black and White“.
So klingt auch die Coverversion von „Lola“ – als hätte eine Band aus den 90er-Jahren, die zu viel Nirvana gehört hat, den Song aufgenommen. Tatsächlich entstand die Aufnahme jedoch 1979. Kurt Cobain, der Frontmann von Nirvana, wird dieses Album später als Jugendlicher hören, wenn er mal wieder unglücklich war. Später ist er mitverantwortlich dafür, dass die Platte neu veröffentlicht wird.
Es ist großartig, wie ein Song wie „The Void“ zur Blaupause für viele nachfolgende Lieder wurde. Sicherlich ist es so, dass viele heutige Bands Songs ähnlich spielen wie Bands vor vielen Jahren – trotzdem höre ich solche Stücke gern und finde sie noch immer gut. Das Argument „Die neuen Bands machen es doch genauso wie die alten“ ist für mich nicht nachvollziehbar, weil ich gute Songs einfach liebe. Es ist egal, ob es das Original ist oder ein von einem anderen Song beeinflusster Titel – Hauptsache, der Song ist gut.
„Life on the Line“ ist schön chaotisch und mit einem wunderbaren Instrumentalteil versehen, es kann mit frühen Songs der Talking Heads mithalten.
Bei „You’re a Million“ erkennt man, warum die Band auch dem Post-Punk zugeordnet wird. Außerdem klingt es sehr nach Patti Smith und damit auch nach PJ Harvey, die diesen Sound einige Jahre später wieder aufnimmt und weiterentwickelt. Auch deswegen lässt sich diese Platte kaum hoch genug bewerten.
„In Love“ ist fast sanft, aber doch wieder nicht. Es ist typisch für den Stil der Raincoats, hat allerdings auch etwas von Lou Reed und könnte als verrückte Hommage an The Velvet Underground verstanden werden.
Wer frühen Alternative-Rock hören möchte, sollte diese Platte unbedingt kennenlernen und dankbar dafür sein, dass manche Musikerinnen verrückt genug sind, Musik neu und ausgelassen in andere Bahnen zu lenken. Ob den Raincoats damals bewusst war, was sie da geschaffen haben, glaube ich nicht – aber so ist es. (593)


Ramones - Hey Ho Let´s Go: Greatest Hits (2006)
Ich bin ja kein ausgesprochener Kenner der Punk-Szene. Aber natürlich weiß ich, welchen Einfluss die Ramones auf die Punk-Musik hatten und haben. Neben den Stooges und MC5 (über die weiß ich noch viel weniger) sind sie wohl die wichtigsten US-Vertreter dieses Musikgenres. Und ich weiß, dass es auch noch Black Flag, Misfits, Minutemen, Minor Threat und Bad Brains gibt. Bei Punk traue ich mich allerdings nur nach und nach an die einzelnen Bands heran.
Natürlich kenne ich die Ramones schon lange – allein wegen des Films „Rock´n´ Roll High School“ und dem Stück zum Stephen-King-Film „Pet Sematary“ sowie weil die Ramones schon als Personen auf Bildern etwas Besonderes waren. Aber so richtig viel kenne ich von ihnen trotzdem nicht. Also erst einmal ein Best-of und dann noch mehr auf gutem alten Vinyl (da steht auch schon etwas in der Warteschleife).
Das mit 20 Titeln gut gefüllte Best-of-Album beginnt mit „Blitzkrieg Bop“. Die Hauptzutat für den Sound der Ramones sind die an „Rock ’n’ Roll“ orientierten Melodien, die dann mit der Kraft einer Rockband gespielt werden. Da muss ich jetzt nicht jeden Song einzeln textlich vornehmen, da das Grundmuster doch oft sehr ähnlich ist. Aber die Ausnahmen sollen dennoch erwähnt werden. „I Wanna Be Your Boyfriend“ ist schon eine wirklich süße Rocknummer mit Rock-’n’-Roll-Elementen und nimmt sich im Tempo etwas zurück. „Pinhead“ zeichnet sich durch mehr Härte aus und funktioniert als Punk ohne Rock-’n’-Roll. Gleiches gilt auch für Songs wie „Commando“ und andere. Aber der Rock ’n’ Roll sticht immer wieder deutlich hervor – wie bei „Rockaway Beach“. Man muss schon sagen, dass vieles, was alte und neue Punk- oder Alternative-Musiker und -Bands heute noch an Punkrock-Nummern spielen oder zuvor gespielt haben, nach dem gleichen Muster funktioniert und nicht viel anders klingt, als es die Ramones schon recht früh getan haben. Das ist aber auch teilweise Schuld an meiner Kritik an der Punk-Musik, denn vieles klingt sehr ähnlich und auch nicht besonders originell. Zwar fallen die gut gelungenen Nummern immer besonders auf, aber vieles ist für mich einfach nur Punk-Einerlei und langweilt mich eher. Ich bin zugegebenermaßen auch ein Fan von Teilen des Prog-Rocks, Art-Rocks und Ähnlichem, gegen die die Ramones und die Punks ja anspielen. Trotzdem bin ich für jedes Genre offen und versuche, das Beste aus allen Musikwelten für mich herauszuhören.
Wo ich gerade von herausragenden Nummern sprach: „I Wanna Be Sedated“ ist natürlich so eine. Ein guter Punkrock-Song ist auch „I Just Want to Have Something to Do“. Nach wie vor ein schöner Spaß. „Rock ’n’ Roll High School“ darf da natürlich nicht fehlen. Aus dem Rahmen fällt auch die reine Rock-’n’-Roll-Nummer „Baby, I Love You“. Politisch waren die Ramones in ihren Texten selbstverständlich auch präsent: „The KKK Took My Girlfriend Away“. „Pet Sematary“ bleibt aber am Ende wieder mein Lieblingsstück der Band. Einfach ein toller Song. (224)

Razorlight – Razorlight (2006)
Razorlight wurde von Johnny Borrell gegründet, der zuvor als Bassist bei The Libertines ausgestiegen war. Nach dem erfolgreichen Debütalbum „Up All Night“ (2004) ist dies das zweite Album der Band.
Die CD beginnt mit dem poppigen Indie-Rock-Stück „In the Morning“, das direkt als gutes Single-Material und als Stadionhymne am Anfang überzeugt. „Who Needs Love?“ ist ebenfalls ein gelungener Popsong. Flotter geht es weiter mit „Hold On“. Die Songs erinnern mich stark an das, was Richard Ashcroft macht, ohne jedoch zu sehr im Britpop zu versinken. Der größte Hit des Albums ist die eindrucksvolle Rockballade „America“. „Before I Fall into Pieces“ gefällt mir als flotter Pop-Rock-Song mit Folk-Flair sehr gut. Das ist so ein Lied, bei dem man beim Konzert richtig mitfeiern kann.
Wenn ich hier von Pop-Song spreche, ist das keineswegs abwertend gemeint, sondern eher ein Lob dafür, dass es auch wirklich gute, massentaugliche Songs gibt. Natürlich ist nicht alles, was Popmusik ist, gut – das gilt aber für alle Musikrichtungen, denn es ist auch ganz normal, dass einem nicht immer alles gefällt. Was Razorlight machen, sind einfach gute Songs, die beim Indie-Publikum genauso gut ankommen wie bei Pop-Hörern. Das Album ist radiotauglich (auch keine Schimpfbezeichnung) und sollte im Radio öfter gespielt werden. Das gilt etwa für „I Can't Stop the Feeling I Got“ und noch mehr für „Popsong 2006“, der tolle Indie-Gitarrenriffs bietet.
Das ist alles wirklich gut, ebenso wie die Singer-Songwriter-Rocknummer „Kirby's House“. Die Stimme von Borrell erinnert allerdings teilweise sehr stark an Richard Ashcroft, sodass die Ähnlichkeit zu ihm der Band wohl nicht abhandenkommt.
Ein bisschen New Wave-Elemente bringt „Back to Start“ mit. Alles sind gute Songs, alles potenzielles Single-Material, durchweg hörbar und macht Spaß. Vielleicht fehlen ein paar Ecken und Kanten, um wirklich vollends zu begeistern, aber gute Musik und gelungene Songs liefern Razorlight auf diesem Album auf jeden Fall.(213)

Real Estate – Atlas (2014)
Mit sanften Gitarrenklängen und ebenso zurückhaltendem Gesang beginnt das dritte Album von Real Estate, „Atlas“, mit verträumtem Folkpop. Die meisten Songs stammen aus der Feder von Martin Courtney, ein Stück von Alex Bleeker und eines vom mittlerweile aus der Band ausgestiegenen Matt Mondanile. Auch bei „Past Lives“ bleibt das Tempo niedrig. Dream-Pop scheint das zugrunde liegende Genre zu sein, jedoch wird hier mit echten Instrumenten gespielt, weshalb die Beschreibung als Folkpop gut passt. Wenn es nur verträumte Stimmen zu Keyboard- und Prozessorklängen gibt, ist mir Dream-Pop meist zu simpel.
„Talking Backwards“ ist der Song, der mich auf das Album aufmerksam gemacht hat. Er ist etwas schwungvoller und erinnert an „The War on Drugs“, verliert dabei aber nichts von seinem Folkpop-Charme. Ein wirklich guter Song. Danach wird es wieder ruhiger, allerdings mit interessanten Gitarrensounds, und „April’s Song“ bleibt instrumental. Ein schöner Titel ist „The Bend“, der nach West-Coast-Rock der 70er Jahre klingt. Die Melodien haben ihren Reiz, ebenso bei „Crime“. Doch wie es bei verträumter Musik typisch ist, wirkt das Hören über die Dauer etwas eintönig. Als einzelne Songs in der Playlist – und hier kommt mein üblicher Hinweis für solche Gelegenheiten – machen sich allerdings einige Stücke der CD sehr gut.
Bei „Primitive“ fällt allerdings auf, dass sich die Lieder stark ähneln. „How Might I Live“ ist hingegen wieder gut gelungen, und „Horizon“ steht „Talking Backwards“ kaum nach, was den Gesamteindruck des Albums zum Ende hin deutlich verbessert. Am Schluss wird es noch einmal ganz entspannt mit „Navigator“. „Atlas“ ist zwar keine Platte, die mich umhaut, aber es sind dennoch einige richtig gute Songs darauf zu finden. Ein bisschen mehr Tempo würde der Band ab und zu allerdings gut tun. (188)

Reality Bites – Original Motion Picture Soundtrack (1994)
Der Soundtrack beginnt direkt mit einem Song, der sich gnadenlos ins Hirn des Hörers einprägt und sofort für gute Stimmung sorgt: „My Sharona“ von The Knacks aus dem Jahr 1979. Danach folgt Indie-Rock-Charme mit The Juliana Hatfield 3 und „Spin the Bottle“ (wobei ich mir erneut notiere, mich intensiver mit Juliana Hatfield auseinanderzusetzen). Nicht viel härter, aber mit einem stärkeren Grunge-Touch klingt „Bed of Roses“ von The Indians. Immer gut sind World Party, hier vertreten mit „When You Come Back to Me“. Die Songs sind alle gelungen, so auch „Going, Going, Gone“ von The Posies. Es folgt die wunderschöne Pop-Ballade „Stay“ von Lisa Loeb & Nine Stories, die wirklich bezaubert. Danach kommt „All I Want Is You“ von U2, der natürlich auch heute noch überzeugt. So schwungvoll können The Crowded House sein mit „Locked Out“. Retro-Rock von Lenny Kravitz präsentiert sich mit „Spinning Around Over“. Ethan Hawke zeigt sich als alternativer Heartland-Rocker bei „I’m Nothing“. Wie man richtig alternativ rockt, demonstrieren Dinosaur Jr. gleich danach mit „Turnip Farm“. Akustikrap von Me Phi Me gibt es ebenfalls, nämlich „Revival“. Squeeze legen einen Klassiker neu auf: „Tempted (94)“, der immer noch gut ins Ohr geht. Den Abschluss bildet der Pop-Reggae von Big Mountain mit „Baby I Love You So“.
Ein toller Soundtrack, ein großartiges Mixtape, das auch 30 Jahre später noch genauso gut funktioniert wie am Tag des Erscheinens. Beim Anschauen des Films fühle ich mich noch einmal ganz jung – eine positive Zeitmaschine.(341)

Red City Radio – Paradise (2020)
Die Punkrock-Band Red City Radio kannte ich durch den Song „Joy Comes with the Morning“ von ihrem 2013 erschienenen Album „Titles“, das mir auch als Ganzes sehr gefallen hat. Die Band zeichnet sich durch gut gelaunten und kraftvollen Punkrock aus, der beim Hören einfach Spaß macht. 2014 verließ einer der beiden Sänger die Band, und deshalb bin ich nun gespannt, wie ihr Album von 2020 klingt.
Sentimental und ruhig beginnt „Where Does the Time Go?“, nimmt dann aber schnell Fahrt auf, und der sich ständig wiederholende Songtitel wird fast zur Stadionhymne erhoben. Ein ziemlich großartiger Anfang. Auf jeden Fall klingt Red City Radio jetzt so, als würden sie auch gerne in den Charts und im Radio gespielt werden, und das wäre für Charts und Radio durchaus eine Bereicherung. Der dritte Song „Did You Know“ knüpft wieder an den Sound des Albums von 2013 an. Auch die weiteren Songs machen Spaß. Schöner Rock – der Punkanteil ist jedoch deutlich zurückgegangen. Es fehlt mir etwas von der rauen Kantigkeit des Albums „Titles“. Trotzdem ist das ein sehr gutes Album voller Songperlen, wie zum Beispiel „100.000 Candles“. Vergleichen möchte ich sie höchstens mit den von mir sehr vermissten Augustines. Und mit Größen wie Foo Fighters und Green Day können sie es jederzeit aufnehmen. Nicht immer sind die bekannteren Bands schließlich die besseren. (190)

Red Snapper – Our Aim is to Satisfy (2000)
Das dritte Album des Trios Ali Friend (Kontrabass), Richard Thair (Schlagzeug) und David Ayers (Gitarre) zeigt eine vielfältige musikalische Mischung. Die Musik der Red Snappar verbindet Elemente aus Jazz, Trip-Hop, Hip-Hop und Elektronik.
„Keeping Pigs together“ klingt wie eine Mischung aus Tangerine Dream und The Chemical Brothers, wobei der Anteil der Chemical Brothers deutlich überwiegt. Diese Verbindung zur Musik der Chemical Brothers bleibt auch bei „Some Kind of Kink“ erhalten. Da drei Musiker mit Instrumenten arbeiten, wäre es sicherlich sehr interessant gewesen, sie bei der Arbeit im Studio zu erleben. Der Sound des Albums erinnert jedoch eher an elektronische Musik als an experimentellen Jazz oder Trip-Hop. Bei genauem Hinhören sind Bass und Schlagzeug gut auszumachen, während die Gitarre von David Ayers eher im Hintergrund bleibt. Vielleicht ist das Meiste stark verfremdet und nicht direkt am Keyboard oder Computer erzeugt.
„Shellbeck“ lässt sich durch seinen treibenden, aber nicht zu schnellen Rhythmus und die weiblichen Gesangspassagen als Trip-Hop mit einer experimentellen Note einstufen. „Don’t go Nowhere“ funktioniert mit seinem schönen Soul- und Jazzgroove ebenfalls gut und erinnert an Kruder & Dorfmeister. „The Rake“ nimmt wieder Fahrt auf: Bass dröhnt, Drums scheppern, im Hintergrund rappt eine Stimme, die Tempowechsel sorgen für Abwechslung. Allerdings ist mir dieser Song zu einfach gehalten. Würde ich „The Rough and the Quick“ in einer Playlist hören, würde ich ebenfalls sofort auf die Chemical Brothers tippen, da es hier deutliche Gemeinsamkeiten gibt. Nach „The Rake“ und dem ähnlich gehaltenen Song droht die CD allerdings etwas langweilig zu werden. „Bussing“ drosselt das Tempo wieder und mischt Jazz und Trip-Hop auf geschickte Weise.
Im Ragga-Hip-Hop-Stil präsentiert sich „I stole your Car“. Mit dem Einsatz von Streichern bringt „Alaska Street“ noch einmal Ruhe und Erhabenheit in die Musik; im Verlauf wird dies jedoch von elektronischen Klängen abgelöst. Der Song bleibt trotz steigenden Tempos atmosphärisch dicht und entwickelt sich sehr überzeugend – ein Glanzpunkt des Albums. Auch „Belladonna“ setzt zu Beginn auf ruhigere Töne und ist richtig schön: sanfte elektronische Klänge verbinden sich mit einem verhaltenen Bassspiel. Selbst wenn das Schlagzeug etwas unruhiger wird, bleibt die angenehme, ruhige Stimmung erhalten. Zum Schluss erinnert „They are hanging me tonight“ an Jean Michel Jarre.
Insgesamt ist es ein Elektronik-Album, das glücklicherweise viel Abwechslung bietet, teilweise stark an die Chemical Brothers und ähnliche Künstler erinnert, aber auch mit jazzigen und ruhigeren elektro-geprägten Stücken arbeitet. Hatte ich eher düsteren Trip-Hop-Jazz erwartet, hat mich das Album somit auch in gewissem Maße überrascht. (218)

Lou Reed – Lou Reed (1972)
Das erste Soloalbum von Lou Reed wurde in London aufgenommen, unter anderem mit den Musikern Steve Howe und Rick Wakeman von Yes. Es beginnt mit einer Nummer, die an die Rolling Stones erinnert: „I can´t stand it“. Das Stück „Going Down“ trägt noch den Charme des Velvet Underground, doch ich glaube, es hätte besser zu einer Nico am Mikrofon gepasst. Zurück zum Rock im Stil der Rolling Stones geht es mit „Walk and Talk“. „Lisa Says“ gefällt mir richtig gut – so mag ich Lou Reed. Tolles Songwriting, bei dem Musik und Text stimmen und einfach Spaß machen.
Bei „Berlin“ kann man im Instrumentalteil den Sound der Yes-Musiker hören. Vielleicht ist Lou Reed einfach der Meistersongschreiber, der besser zu mir passt als zum Beispiel Bob Dylan. Natürlich habe ich Respekt vor Dylan und seiner Leistung. Aber ich finde ihn weder musikalisch besonders herausragend noch als Sänger überzeugend. Als rockiger Geschichtenerzähler ist mir Lou Reed viel lieber, und mit dem Velvet Underground hat er mit Sicherheit mindestens genauso viel für Pop- und Rockmusik geleistet wie Dylan. Auf jeden Fall gefällt mir das eher folkige „I love you“ sehr, und ich liebe es, wenn Lou Reed auf seine Weise rockt, wie bei „Wild Child“. Um das gleich vorwegzunehmen: Das Album „New York“ von ihm gehört zu meinen Lieblingsalben, und auch seine letzte Zusammenarbeit mit John Cale, „Songs for Drella“, finde ich sehr gut. Deshalb fiel es mir auch etwas leichter, Lou Reed zu schätzen als manch anderen Künstler.
„Love makes you feel“ klingt erneut sehr nach Velvet Underground. Bei „Ride into the Sun“ höre ich David Bowie heraus, was auch gut passt. Vor einigen Jahren hatte ich das Album schon einmal im Hintergrund laufen, damals gefiel es mir nicht ansatzweise so gut wie heute. Manche Musik will eben richtig gehört werden, oder der Zeitpunkt und die Erwartungshaltung müssen einfach stimmen. Heute hatte ich eigentlich nicht viel erwartet und höre nun ein durchweg stimmiges Album. Abgerundet wird es, obwohl es sich damals nicht erfolgreich verkaufen ließ, mit dem stimmungsvollen Song „Ocean“. (171)

R.E.M. - Murmur (1983)
Das Debütalbum erschien nach einer zuvor veröffentlichten EP. „Radio Free Europe“ setzt den musikalischen Ton. Es handelt sich um Pop-Rock mit einem New-Wave-Einschlag. R.E.M. sind mir persönlich für echten Alternative Rock meist etwas zu sanft und ruhig. Dennoch kann man die Musik gut hören, auch wenn man kein Mainstream-Hörer ist, denn sie klingt nicht nach typischer Popmusik. Besonders prägnant ist der Basssound von Mike Mills, der an Post-Punk erinnert, sowie die Songstrukturen, die sich deutlich von der amerikanischen Singer/Songwriter-Musik abheben.
Diese Zutaten hatten sicher großen Einfluss auf andere Alternative-Rock-Bands. Laut Michael Stipe ließen sich R.E.M. wiederum von englischen Post-Punk-Bands inspirieren. Dadurch finden sich zwischen sehr aggressiven Stücken auch immer wieder ruhiger gespielte Passagen. Besonders schön finde ich „Laughing“ und den daran anschließenden Song „Talk about the Passion“. Faszinierend ist, wie der Sound schon damals dem späteren Stil von R.E.M. ähnelte: harmonischer Gesang, schöne Melodien, aber dennoch eigenständig.
Im Album verbinden sich Klänge und Songstrukturen aus verschiedenen Genres der Pop- und Rockmusik, ohne dem typischen Sound jener Zeit zu entsprechen. Viele Bands heute klingen so wie R.E.M. im Jahr 1983. Teilweise entspricht das sicherlich dem Alternative Rock, wie beispielsweise bei „Moral Kiosk“. Diese Band klingt allerdings eher wie britische Alternative-Acts als wie amerikanische Musik ihrer Zeit.
Der Verzicht auf Synthesizer zahlt sich aus, da das Album so zeitlos bleibt – die Songs hätten auch alle auf „Out of Time“ stehen können. Dies trifft auch auf die übrigen Stücke zu, wobei „Sitting Still“ etwas rockiger wirkt und „9-9“ fast schon punkrockige Züge trägt und einen ganz eigenen Sound zeigt. Die Bonus-Liveaufnahmen beweisen, dass die Band auch einen richtig kraftvollen Sound liefern konnte.
Es ist gut, dass R.E.M. anschließend fast jedes Jahr ein neues Album veröffentlichten. So gibt es bis heute eine große Auswahl an Musik von ihnen zu entdecken. (177)

R.E.O Speedwagon – R.E.O. Speedwagon (1971)
Genau wie die Schmuse-Rocker von Chicago haben auch die als Schmuse-Rocker bekannten R.E.O. Speedwagon zu Anfang noch ganz andere Musik gemacht. Handfester Bluesrock – so klingt „Gypsy’s Woman Passion“ und was für ein großartiges Gitarrenspiel gibt es bei diesem Song. Gary Richrath war ein verdammt guter Gitarrist, und deshalb ist der Vergleich mit den Anfängen von Chicago mehr als passend. Beide Bands haben sich wohl bis Ende der 70er Jahre auf ähnliche Weise entwickelt. Natürlich mag ich diese Rockmusik viel lieber als die Schmuseballaden der späteren Jahre. Den Bluesrock behält die Band mit „157 Riverside Avenue“ weiterhin bei. Dass sie damals anders klang, liegt natürlich auch am ersten Leadsänger Terry Luttrell, der die Band ein Jahr nach der Veröffentlichung des Albums verließ.
Doch was sind die guten Songs auf dem Album? „Anti Established Man“ rockt richtig gut, hat so ein Dixie-Blues-Feeling und ist ein großartiger Song. „Lay Me Down“ funktioniert ebenso gut. Schade, dass die Platte kommerziell ein Misserfolg war. Eine Zeit lang hatte ich den Eindruck, dass die meisten Debütalben große Erfolge sind und es eher die zweiten Alben sind, bei denen es schwerfällt, den Erfolg zu wiederholen. Tatsächlich ist das aber nicht immer so. Viele Bands und Musiker müssen ihren Erfolg hart erarbeiten und erspielen, und selbst dann gibt es keine Garantie für kommerziellen Erfolg.
Auch „Sophisticated Lady“ rockt ordentlich und ist trotz der Mischung aus Rock und Rock ’n’ Roll eine richtig gute Nummer.
Dann folgt doch noch etwas Sanftes im Hippie-Stil: „Five Man Where Killed Today“.
Danach geht es wieder frisch und locker weiter mit „Prison Woman“, bevor eine richtig tolle und lange Rocknummer namens „Dead at Last“ folgt. Danach bleiben keine Fragen mehr offen, nur die Antwort: Ja, das ist ein gutes Album. Wer R.E.O. Speedwagon kennt, nur weil er „Hard to Say I’m Sorry“ kennt, kennt die Anfänge der Band auf keinen Fall. So erging es mir, und zum Glück ist mir dieses Album nicht entgangen. (464)

Freya Ridings (2019)
Da strotzt wohl eine junge Künstlerin vor Selbstbewusstsein. Erst zwei Live-Alben zu veröffentlichen und dann erst das Studioalbum zu bringen, ist eine sehr ungewöhnliche Herangehensweise. Doch der Erfolg und das Vertrauen in die Wirkung ihrer herausragenden Stimme geben Freya Ridings recht. Mit „Castles“ eroberte sie auch mein Radiohörerherz, und da wollte ich natürlich wissen, wie der Rest der Platte klingt. Gut, bis zum Hören hat es fast fünf Jahre gedauert, aber alles braucht eben seine Zeit.
Auf Spotify habe ich mir vor dem Studioalbum einfach vorab die Live-Aufnahme des Konzerts in der St. Pancras Old Church angehört. Dort hört man sie am Klavier spielen und singen – und ja, direkt „Poison“ beeindruckt durch eine außergewöhnliche Intensität, mit der eine noch unbekannte Künstlerin gut auf sich aufmerksam machen kann. Auch bei den anderen Stücken gibt es einige Gänsehautmomente. Das Konzert habe ich mir dann als digitalen Download gekauft, denn die limitierte Vinyl-Ausgabe war zum Glück schon wieder vergriffen. Und genau aus diesem Grund wächst meine Musiksammlung ins Unendliche: Du hörst etwas, es inspiriert dich zu Neuem, oder du merkst, dass dir von einem Künstler noch eine wichtige Platte fehlt, oder du entdeckst einen bestimmten Song wieder, den du unbedingt haben möchtest – es ist ein Elend, aber ein schönes Elend.
Von der Stimme erinnert mich Freya Ridings stark an Florence Welch. Musikalisch klingt sie zwar nicht unbedingt genau wie „Florence + the Machine“, aber beim Hören fühlt man sich auf ähnliche Weise angesprochen. Stimmlich sind die Unterschiede weniger groß als musikalisch. Beim Liveauftritt zeigt sie eine Intensität wie Adele, und bei der mir bereits bekannten Single „Castles“ hat sie auch etwas von Sophie Ellis Bextor.
Jetzt bin ich gespannt, wie das Studioalbum klingt. Ich vermute, es ist eine Mischung aus stimmgewaltigen Herzschmerz-Balladen und etwas Party-Power-Pop.
Das Studiodebüt beginnt, wie die Live-Aufnahme mit „Poison“. Zunächst ähnelt alles der Liveversion, doch kurz nach Beginn wird die Studiofassung durch Rhythmusinstrumente aufgepeppt. Dadurch entsteht tatsächlich ein echtes Florence+The Machine-Gefühl. Der Song verliert nicht an Qualität, sondern gewinnt sogar an Kraft gegenüber der Liveversion. Die Singleauskopplung „Lost Without You“ funktioniert gut und bleibt eine wunderschöne, ruhige Klavierballade von Anfang bis Ende. Der Hörer weiß dann, wie sich das Live-Album größtenteils anhört.
Die nächste Gelegenheit, ein Konzert von ihr zu besuchen, werde ich mir wohl nicht entgehen lassen.
„Castles“ ist und bleibt wirklich großartig – eine tolle Popnummer. Schon der Titel „You Mean the World to Me“ lässt erahnen, dass es eine ruhige Nummer ist, und genau so ist es. Das kann sie sehr gut, und ihre Stimme macht aus der Klavier-Gesangsnummer etwas Besonderes. Poppiger geht es bei „Love Is Fire“ zu, das Power-Pop in der Art von Adeles „Water Under the Bridge“ zeigt – allerdings mit der für Freya Ridings typischen Note, die ich bereits beschrieben habe.
Den Pop-Soul von Adele beherrscht sie auch sehr gut bei „Holy Water“. Alles macht Spaß, so mag ich Popmusik. Das Tempo wird bei „Blackout“ wieder gedrosselt. Eigentlich gefallen mir die ruhigen Stücke fast besser als die Popnummern, weil Freya Ridings Stimme dabei noch besser zur Geltung kommt.
Aber Indie-Pop kann sie ebenfalls, wie sie mit „Ultraviolet“ sehr schön beweist. Diese Nummer ist ebenfalls sehr stark. Der Wechsel zwischen ruhigen und poppigen Stücken hält die CD abwechslungsreich. Und mit dieser Stimme kann man eigentlich nichts falsch machen – deshalb kann ich Adele auch nicht ignorieren. Wer will schon Superstars nicht toll finden? In meinem Herzen bin ich zwar Subkultur, aber ich mag alles – alles, was gut ist.
So wird es mit „Still Have You“ wieder ruhig, und mit „Unconditional“ fast schon folkig. Vom Live-Album haben es sieben Stücke auf diese CD geschafft, darunter auch „Unconditional“ und das folgende „Elephant“. Freya Ridings ist nicht nur eine herausragende Sängerin, sondern auch immer Mitautorin ihrer Songs. Und mit einer Klavierballade, so wie ich sie kennengelernt habe, schließt Freya Ridings ihr Album ab: „Wishbone“.
Eine tolle Künstlerin mit einer einzigartigen Stimme. (356)

Rising Sons – Rising Sons featuring Taj Mahal & Ry Cooder (1965/66/92)
Erst 1992 wurde das Album veröffentlicht, das den Beginn der Karriere von Taj Mahal und Ry Cooder markiert. Die Aufnahmen entstanden in den Jahren 1965 und 1966. Rock ’n’ Roll wurde mit Country-Rock und Blues vermischt, wie zum Beispiel bei „Statesboro Blues“. Diesen Stilmix, jedoch ohne Rock ’n’ Roll, hört man auch bei „If the River Where Whisky (Divin Duck Blues)“. Obwohl die „Rising Sons“ während ihrer aktiven Zeit kein Album herausbringen konnten, beeinflusste ihre Musik, die sie live in verschiedenen Clubs in Los Angeles spielten, viele Bands, die später deutlich bekannter wurden als sie. Dazu zählen unter anderem The Grateful Dead, Buffalo Springfield, Allman Brothers und The Byrds.
Die Songs sind musikalisch hervorragend umgesetzt, beispielsweise der sanfte Blues „By and By (Poor Me)“. Ry Cooder hätte Taj Mahal gern als Sänger für sein erstes Soloprojekt wählen sollen, denn Taj Mahal verfügt über eine beeindruckende Stimme – Cooder ist in erster Linie vermutlich ein besserer Gitarrist.
Verspielter Country-Rock findet sich in „Candy Man“, während „2:10 Train“ sanften Americana mit einem noch zarteren Bluesanteil bietet. „Let the Good Times Roll“ kombiniert Country, Rock ’n’ Roll und eine mitreißende Stimmung. Ebenso gelungen sind die Blues-Nummer „.44 Blues“ und der Rocksong „11th Street Overcrossing“.
Im Vergleich zum kurz zuvor erschienen Ry Cooder-Solodebütalbum von 1970 passt hier einfach vieles perfekt zusammen. Dabei stellt sich die Frage, ob und inwieweit die Originalaufnahmen technisch beim Mastern nachbearbeitet wurden. Falls es sich um die Rohaufnahmen handelt, ist dieses Album eine beachtliche Leistung, die damals längst veröffentlicht sein hätte müssen. Besonders die Countryrock-Stücke waren wegweisend und prägten später viele Bands. Ry Cooder hatte seinen Stil zu diesem Zeitpunkt bereits gefunden, denn den Stilmix der „Rising Sons“ setzte er fort, während Taj Mahal sich eher dem Blues zuwandte.
Die weiteren Songs bestätigen den guten Eindruck der ersten Stücke: „Corrina, Corrina“, „Tulsa Country“ und der gesamte Rest, bestehend aus „Walkin’ down the Line“, „The Girl with Green Eyes“ (sehr schön, könnte auch ein Beatles-Stück sein), „Sunny’s Dream“ (eine tolle Folk-Rock-Ballade), sowie Country-Pop mit „Spanish Lace Blues“. „The Devil’s Got My Woman“ bringt Dixie-Rock ins Spiel, während „Take a Giant Step“ Country-Rock auf hohem Niveau zeigt. Auch hier ist der Beatles-Vibe deutlich hörbar – sie hätten den Beatles wirklich Konkurrenz machen können. Dies gilt ebenso für „Flyin’ so High“. Der Blues findet sich in „Dust My Broom“ wieder, der Folk-Rock in „Last Fair Deal Goin’ Down“ und Blues-Rock in „Baby, What You Want Me To Do?“. Zudem gibt es eine zweite Version von „Statesboro Blues“ und zum Abschluss Folk-Rock’n’Blues mit „I Got a Little“.
Das Album ist eine echte Herausforderung, weil unverständlich bleibt, warum diese großartige Musik so lange brauchte, um veröffentlicht zu werden – 27 Jahre! Ebenso erstaunt es, dass ich es erst jetzt entdeckt habe. Es ist zweifellos ein bedeutendes Stück Rock-Geschichte. (446)
Riverside – Out of Myself (2003)
Melodiöser Rock muss nicht unbedingt sanft sein. Guter, melodischer Rock, wie ich ihn mag, kann durchaus hart sein oder mit kraftvollen Passagen ergänzt werden. Genau das trifft auf Riverside, die Band aus Warschau, Polen, zu. Hört man den über zwölf Minuten langen Opener ihres Debütalbums „The Same River“, kann man der Band ihr Können als Rockmusiker nicht absprechen. Die einzelnen Songteile sind hervorragend gelungen, die Produktion überzeugt und nimmt den Hörer direkt mit. Der Mix aus Prog-Rock und Metal macht einfach Spaß. Mit solch einem Stück Musik findet man Beachtung und Anerkennung. Allein dieses erste Stück weckt meine Neugier auf mehr von der Band, die seit diesem Debüt sieben weitere Studioalben veröffentlicht hat.
Egal, ob man eher Post-Rock wie Elder oder klassische Bands mit Progrock-Elementen wie Saga oder Rush hört – oder guten, melodischen Metal bevorzugt – das Titelstück „Out of Myself“ wird man auf jeden Fall mögen. Diese Band begeistert viele Rock-Fans, aber auch Post-Grunge-Hörer.
„I Believe“ beginnt mit einem langen Intro und entwickelt sich danach zu einer melodiösen Rockballade. Mit „Reality Dream“ wird die Musik wieder deutlich härter. Nach dem Heavy-Metal-Einstieg wird das Stück atmosphärischer, und die Band zeigt, was sie instrumental zu leisten vermag. Live dürfte das instrumental geprägte Stück ein Highlight sein, auf CD klingt es jedoch etwas zu gewollt und fast schon altmodisch. Trotzdem verdient das technisch sehr gut gespielte Stück großen Respekt.
„Loose Heart“ entspricht genau dem, was ich von modernem Prog-Rock erwarte oder daran liebe – ein dichter, leicht melancholischer und melodiöser Rocksong mit einer langen instrumentalen Passage. Ganz großes Kino. Nur am Ende wird mir der Song wieder etwas zu heavy, deshalb gibt es einen kleinen Abzug in der B-Note.
Dem Stück „Reality Dream“ wird noch ein zweiter Teil angehängt, sodass man nochmal feinen, instrumentalen Rock hört.
Atmosphärischer Prog-Rock zeigt sich bei „In Two Minds“ – auch das ist sehr gelungen. Gleiches gilt für „The Curtain Falls“, der mit zunehmender Spieldauer rockiger wird, dabei aber die tolle Stimmung des Songs durchgängig beibehält. Ein weiteres sehr gutes Stück Musik.
Das letzte Stück der Platte, „OK“, beginnt melancholisch und ruhig und hält diese Stimmung bis zum Ende durch.
Das Plattencover wirkt so, als würden Riverside das Thema „Depression“ auf Albumlänge vertonen – dazu passt besonders das letzte Stück. Zwar sind auch viele der Rockballaden etwas düster im Unterton, doch die fein austarierten Melodien sorgen dafür, dass das Hören mehr Freude bereitet, als dass es über die ganze Albumlänge hinweg Unbehagen auslöst.
Für mich ist das vor allem gute Rockmusik, und Riverside bewegen sich dabei gekonnt in vielen Genres dieser Musikrichtung. 711


Roachford – Get Ready! (1991)
Das ist eines meiner Lieblingsalben aus dem frühen Soulpop der 90er Jahre. Andrew Roachford bringt den Soul in die Popmusik – allein durch seine Stimme. Es sind alles gute Popsongs, die zum Teil auch Singer/Songwriter-Qualität besitzen.
Der Überhit, der Roachford bekannt machte, ist gleich der Soul-Rock-Titelsong „Get Ready!“. Entscheidend ist, wie beim Rest der Platte, die Mischung. Eingängige, aber zugleich mitreißende, groovende Melodien, der Soul im Gesang und ein wenig Rock im Schlagzeugspiel sowie der Gitarre. Der Soul-Rock setzt sich auch im etwas kräftigeren „Survival“ mit Funk-Elementen fort. Ein Hauch von Prince steckt ebenfalls in Roachford, was sich bei „Funee Chile“ fortsetzt. Beim Rock-Pop-Song „Stone City“ funktioniert das nicht mehr ganz so gut. Wenn Popmusiker versuchen, amerikanischen Mainstreamrock zu kopieren, gelingt das selten. Meiner Meinung nach ist sogar Robert Palmer daran gescheitert.
Viel besser ist es, wenn Roachford dem Prince-Stil treu bleibt, wie bei dem tollen Song „Wannabee Loved Bayou“. Eine schöne Folk-Rock-Nummer ist „Innocent Eyes“. Richtig gut wird es auch mit „Hands of Fate“, bei dem die Rock-Pop-Mischung stimmig ist. Anders sieht es bei dem raueren „Takin´it Easy“ aus. Diesen Song fand ich früher glaube ich gar nicht schlecht, doch seit dem Erscheinen der Platte sind viele großartige Songs dazugekommen, die um einiges besser sind. Ich glaube, der Pop-Rock der späten 80er und frühen 90er Jahre ist heute nicht mehr mein Favorit. Er ist meist sehr auf Mainstreamhits ausgerichtet, mit dem Ziel, in den amerikanischen Charts zu landen, und klingt dadurch oft sehr glatt poliert.
Unter diesem Aspekt leidet auch „Higher“ etwas, obwohl mich dieser Song am Ende doch eher mitnimmt. „Visions of the Future“ ist wieder reiner Soulpop, und vor dem „Get Ready (Reprise)“ steht eine schöne Soul-Pop-Ballade am Ende. Insgesamt bietet die Platte immer noch sehr gute Songs. Beim Rock-Pop hat sie jedoch teilweise schlecht gealtert – aber nicht jeder Song kann die Zeit mühelos überdauern. (219)

Robbie Robertson – Sinematic (2019)
Das leider letzte Studioalbum des 2022 verstorbenen Musikers Robbie Robertson – der eine treibende Kraft bei „The Band“ war und mit dieser ein bedeutendes Kapitel der Musikgeschichte schrieb – könnte man als Mitbegründer des Americana-Genres bezeichnen.
Nachdem sich The Band zum ersten Mal aufgelöst hatte, dauerte es bis 1987, bis er sein erstes Soloalbum veröffentlichte. In der Zwischenzeit hatte er sich bereits als Filmmusik-Komponist einen Namen gemacht, vor allem durch die Zusammenarbeit mit seinem Freund Martin Scorsese, der auch das letzte offizielle Livekonzert von The Band als „The Last Waltz“ für die große Leinwand dokumentierte.
Ich liebe all diese Platten – die frühen Alben von The Band mit Songklassikern wie „The Weight“ und „The Night They Drove Old Dixie Down“ sowie viele weitere. Auch seine Soloalben, besonders „Storyville“, gehören zu meinen Lieblingsalben und haben mich stets begeistert.
Sein letztes Album beginnt mit einem Duett, das sich Robbie Robertson mit Van Morrison teilt.
Die Alben von Robbie Robertson sind durchweg hervorragend produziert, wofür er selbst verantwortlich zeichnet. Seine Veröffentlichungen klingen immer etwas besser als der Durchschnitt, da er im Laufe seiner langen Karriere viel von den Toningenieuren an den Mischpulten gelernt hat. Der besondere Sound seiner Alben macht einen großen Teil der Qualität seiner Songs aus.
Das Duett mit Van Morrison, „I Hear You Paint Houses“, ist mitreißend, macht Freude beim Hören, und zwei große Musiker gemeinsam singen zu hören, bereitet einfach viel Vergnügen.
„Once Were Brothers“ ist eine Hymne auf seine Zeit mit The Band. So hat er auch den dazugehörigen Dokumentarfilm betitelt, der sehr sehenswert ist. Der Refrain geht direkt ans Herz und zeigt die herausragende Qualität eines außergewöhnlichen Songwriters.
Man spürt auch bei Robbie Robertson eine gewisse Nähe zu Daniel Lanois, doch das ist vermutlich vor allem eine geistige Verbundenheit zwischen den beiden kanadischen Ausnahmemusikern. Ein Rocksong wie „Dead End Skit“ klingt für mich jedoch nach mehr. Er ist wirklich stark geschrieben, gespielt und produziert – genau aus diesem Grund schätze ich die Musik von Robbie Robertson seit vielen Jahren.
Auch für Peter-Gabriel-Fans oder Liebhaber anspruchsvoller Rockmusik ist das Album interessant. „Hardwired“ ist ein tolles Stück, und ich verstehe bis heute nicht, warum das Album damals teilweise nur mittelmäßige Kritiken erhielt. Allein die ersten drei Songs rechtfertigen für mich eine überdurchschnittliche Bewertung.
Bei „Walk in Beauty Way“ singt Felicity Williams mit. Es ist eine herzliche Rockballade, die vielleicht etwas zu lang geraten ist, aber auch diese klingt einfach gut.
„Let Love Reign“ zeigt, dass der Blues in Robertsons Musik immer präsent ist, wenn auch oft eher dezent verborgen. Das Ergebnis ist ein gelungener Blues-Rock-Song.
„Shanghai Blues“ verdeutlicht das Können Robertsons als Musiker: Jeder Song funktioniert für mich als anspruchsvoller, ruhiger Rock.
„Wandering Souls“ bietet ein wundervolles, kurzes, instrumentales, sanftes Zwischenspiel – einfach nur schön.
Die Platte enthält viele sanfte Rock-Stücke mit bluesspuren, und vielleicht klingen die Songs hintereinander gehört etwas ähnlich. Doch in dieser Qualität, mit so viel Liebe zum Detail und mit spürbarem Gefühl gespielt, machen Stücke wie „Street Serenade“ mir große Freude. Als Einzelstücke sind die Songs wirklich herausragend.
Viel vom Klang des Albums erinnert mich auch an die zweite Schaffenshälfte von Peter Gabriel. Ich glaube, Gabriel-Fans werden an Songs wie „The Shadow“ viel Freude haben, denn die Produktion ist schlichtweg unbeschreiblich gut.
Sanfter Rock zeigt sich bei „Praying for Rain“. Den Abschluss bildet „Remembrance“ – die Abspannmusik einer großen Musikerkarriere. Der Plattentitel „Sinematic“ weist ja darauf hin, welchen Einfluss Filme auf Robertsons Musik hatten, und auch als Schlusspunkt passt das hervorragend zum Album und zum Künstler.
An Robbie Robertson lasse ich nichts heranreichen. Er war ein Gigant und wird von mir als solcher würdig behandelt – nicht durch Vergötterung, sondern durch das wertschätzende Anerkennen seines gesamten Schaffens, das ich immer wieder gerne höre. Denn es sind Musiker wie Robbie Robertson, die aus einem Hörer eine Musiksucht machen. (597)

Rocket from the Crypt – Circa: Now! (1992)
Rocket from the Crypt sind eine Punkrock-Band aus San Diego und eines von mehreren Bandprojekten des sehr umtriebigen Sängers, Gitarristen und Labelbesitzers John Reis, der auch unter den Namen Speedo, The Swami und The Slasher bekannt ist. Mit ihrem zweiten Album wurde die Band bekannter und erhielt anschließend einen Vertrag bei einem Major-Label.
Damals hatte ich einen Song im Radio gehört und wollte die dazugehörige Platte unbedingt haben. Ich besorgte sie mir schließlich, das war in Köln, als meine damalige Freundin – heute meine Frau – sie für mich suchte und kaufte. Ich wusste damals nicht genau, ob die Band nun Riders, Rocket oder so ähnlich hieß, was die Suche ziemlich erschwerte. Danach blieb die CD lange Zeit im Regal liegen, und ich kann mich an keinen Song mehr erinnern. Deshalb ist das für mich keine Wiederentdeckung, sondern eine Neuentdeckung mit einer Verspätung von etwas über dreißig Jahren.
Das erste Stück „Short Lip Fuser“ ist mehr im Grunge als im Punkrock verankert. Es klingt wie eine Mischung aus Alice in Chains und Nirvana. „Hippy Dippi Do“ ist eine Rock-’n’-Roll-Alternative-Punkrock-Nummer. Eine schöne, ruhigere Schrammel-Nummer ist „Ditch Digger“, so mag ich Alternative Rock besonders gern. Das könnte der Song gewesen sein, den sie damals im Radio gespielt hatten. Später wird „Ditch Digger“ dann auch krachiger und bekommt doch ein Punk-Feeling – aber alles ist sehr melodiös umgesetzt, wirklich eine super Nummer. „Don’t Darlene“ ist eine kurze Punkrock-Nummer, „Killy Kill“ noch punkigere Punkrock-Musik. Etwas mehr im Rock verwurzelt ist „Hairball Alley“. Sehr gute Punkrock-Nummern sind außerdem „Sturdy Wrist“ und „March of Dimes“. Etwas sanfter und dafür etwas schräger geht es beim Song „Little Arm“ zu. Kräftigen Punkrock bietet „Dollar“. Den Abschluss macht das Album mit der rockigen Nummer „Glazed“, die die Band ziemlich in die Länge zieht. Dabei hilft auch der Bläsersatz, der immer mal wieder bei den Songs mitspielt und von mir keinesfalls unerwähnt bleiben soll.
Insgesamt ist das ein sehr gelungenes Punkrock-Album mit ausreichend Rock-Anteil, das mich bei Laune hält. Dazu kommen zwei sehr gelungene Alternativrock-Songs, sodass das Album etwas für Punkrock-Fans sowie für Freunde von Grunge und Ähnlichem bietet. (216)

Roedelius/Czjzek – Weites Land (1987/Neuausgabe 2021)
Die CD entstand in Zusammenarbeit zwischen dem Krautrock- und Elektronikpionier Hans Joachim Roedelius und dem Saxophonisten Alexander Czjzek. Das Introstück „Einklang“ besteht aus einem Saxophon, das mit viel Hall versehen ist. „Sonniger Morgen“ überzeugt durch die Saxophon-Harmonien und den Gitarrenuntergrund. Genau so mag ich Saxophon: harmonisch und schön. Die Musik passt gut zum Titel. Auch „Berührung“ ist gelungen, und das Album ist insgesamt eher im Jazz verwurzelt als in der Elektronik, denn elektronische Klänge spielen bisher kaum eine Rolle. Das Klavier bei „Berührung“ erinnert eher an klassische Pianomusik. Bei „Ballade“ steht das Klavier im Vordergrund, während im Hintergrund Klänge zu hören sind, die an die osteuropäische Heimat von Alexander Czjzek erinnern und sich allmählich in den Vordergrund spielen. „Weißt Du noch?“ ist eine sanfte Ambient-Nummer. So wie dieses Stück hatte ich zunächst gedacht, könnte das gesamte Album funktionieren: Auf einer kleinen Melodieidee von Roedelius spielt Czjzek sein Saxophon. Dass dies bisher eher nicht der Fall war, finde ich sehr positiv, da ich eher Songs als Ambient-Harmonien mag, die sich in scheinbar endloser Länge nur langsam entwickeln. „Nähe“ ist wieder eine schöne Jazz-Melodie und ein richtiger Song. Das längste Stück ist das Titelstück „Weites Land“ mit über 12 Minuten Länge. Für mich ist es wirklich ein Glück, dass nicht die gesamte CD so lang ist, denn solche Stücke sind mir oft zu lang. Deshalb traue ich mich auch nicht wirklich an ältere Arbeiten von Cluster, Harmonia und anderen deutschen Elektronik-Gruppen der 70er Jahre heran, weil ich befürchte, sie zu langweilig zu finden. Am Ende schließt „Hoffnung“ das Album noch einmal schön und kurz ab.
Insgesamt hinterlässt die CD bei mir einen sehr positiven Eindruck, weil die meisten Stücke voller Schönheit und Wohlklang sind. (175)

Rolling Blackouts Costal Fever – Hope Downs (2018)
Nach zwei EP-Veröffentlichungen und ausgedehnten Touren veröffentlichte die Band ihren ersten Longplayer. Die Rolling Blackouts C.F. spielen kraftvollen Indie-Rock mit großartiger Gitarrenarbeit und schaffen es, Elemente des Psychrocks, die sonst eher typisch sind, in ein poppiges Kleinformat zu verwandeln. Wer The War on Drugs mit mehr Tempo und Frische hören möchte, wird von den Australiern bestens bedient. Sie verleihen klassischer Rockmusik ein frisches Indie-Feeling, das an Bands wie „Shout Out Louds“ erinnert und neben guter Rockmusik auch die Tanzlust weckt. Eine wirklich gelungene Mischung. (324)

Rolling Stone presents: New Voices Vol.1 (1995)
Die erste Magazin-CD der deutschen Rolling Stone-Ausgabe würdigt nochmals den Zeitschriftensampler, den ich als Quelle für Neuentdeckungen sehr schätze.
Die CD war die Beilage zur Ausgabe vom Juni 1995. Außerdem finde ich es sehr schön, direkt über einige Bands und Musiker etwas schreiben zu können. Diese Sampler sind auch heute noch gebraucht für kleines Geld zu haben.
Die Compilation beginnt gleich mit einem Knaller: „You Oughta Know“ von Alanis Morissette, dem man wohl Hymnen-Status zuerkennen muss. So ein Song, den eine ganze Generation gehört und mit dem sie sich identifiziert hat. Es folgt eine schöne Entdeckung: „Nautical Disaster“ von The Tragically Hip, die ich erst viel später durch den Titelsong der Serie „Anne with an E“ lieben gelernt habe. Der Song klingt wie einer von Live oder R.E.M., also gut.
„Tuetensuppe“ von Nationalgalerie versucht es mit einer alternativ-rockigen Kantigkeit, die eigentlich gar nicht so schlecht klingt. Über den Sänger Nils Frevert wird es bald noch mehr zu schreiben geben. „Big Train“ von Ex-Minuteman Mike Watt macht viel Laune, ist aber nicht zu harter Punkrock. Sicherlich ein Musiker, dem ich noch mehr Zeit widmen sollte. Die Band The Brandos rockt im Stil vieler 70er-Jahre-Rockbands. „The Light of Day“ würde daher auch auf jedem Oldie-Festival für Stimmung sorgen.
Mir seit langer Zeit bekannt ist „In the Blood“ von Better than Ezra. Da bin ich Fan von. Indie-Pop-Rock mit Südstaaten-Flair, der ins Ohr geht und nachhaltig in Erinnerung bleibt. Ezio ist eine Band, von der ich immer mal mehr hören wollte, es aber nie wirklich umgesetzt habe. Das vor Leichtigkeit und Können strotzende Pop-Rock-Stück „30 and Confused“ beweist, dass ich den Gedanken auch mal in die Tat umsetzen sollte.
„Happier“ von Jennifer Trynin ist Indie-Alternative-Rock und klingt gar nicht schlecht, aber Ähnliches gab es in den 90ern in großer Menge. Vielleicht ist der Name Jennifer Trynin deshalb bei mir untergegangen. „Pass Me By“ ist Oldschool-Rock von A. J. Croce, nett und harmlos, aber macht irgendwie auch ein wenig Spaß – amerikanische Jukebox-Musik.
Die Dave Matthews Band mag ich sowieso, und der Song „Typical Situation“ ist keine Ausnahme. Diese Musik vereint Jazzrock-Elemente, tolles Songwriting und Lust am Improvisieren. Auch bei der Dave Matthews Band ist nicht jeder Song ein Treffer, aber es gibt viele tolle Songs zu entdecken, und ein Live-Konzert ist dringend zu empfehlen.
Nacho Cano kannte ich zuvor nicht. Das Stück „Der Tanzmeister“ ist zwar ziemlich experimentierfreudig und klingt, als wolle da jemand dem Krautrock neues Leben einhauchen. Der Musiker kommt aber aus Spanien. Caroline Lavelle spielte Cello auf Alben von Peter Gabriel und Massive Attack. Dass William Orbit den Song und das erste Soloalbum der Musikerin produziert hat, hört man „Moorlough Shore“ an. Der Song klingt wie moderner irischer Folk, der mit viel Schnickschnack aufgemotzt wurde. Gerade bei Folk-Musik finde ich meist, dass weniger mehr ist.
Als letzter Interpret der CD ist Jeff Buckley mit dem fast neunminütigen Stück „Dream Brother“ in einer Live-Aufnahme zu hören. Das ist mir ein wenig zu anstrengend – bei Jeff Buckley ist das bei mir öfter der Fall. Genie und Wahnsinn waren bei ihm sehr schön in einer Person vereint.
Insgesamt ist es ein sehr guter Mix und ein hervorragendes Beispiel dafür, wie die 90er klangen: viel Gutes dabei, wenig Schlechtes. (176)

The Rolling Stones – Sticky Fingers (1971)
Nur mal vorweg: Ich war nie ein richtiger Stones-Fan. Einzelne Songs finde ich zwar richtig gut, und die Herren Richards und Jagger als Rock-Urgesteine sind für mich interessant, aber ich habe ihre Alben nie komplett durchgehört und war auch nie auf einem Konzert. Ich habe eher Respekt vor ihrer Leistung. Ähnlich sehe ich das bei „The Who“, den „Beatles“, dem frühen Bruce Springsteen und vielen anderen mehr. Überraschend fand ich zum Beispiel, als ich las, dass „Sticky Fingers“ von 1971 bereits das neunte Album der Rolling Stones war. Das Gute daran ist, dass ich das Album so hören kann, als wäre es das erste Mal – was sehr wahrscheinlich auch der Fall ist –, obwohl ich sicher den einen oder anderen Song schon kenne.
Das Album markiert einen Wendepunkt, denn die Band hat ihr Label gewechselt und verwendet zum ersten Mal ihr berühmtes Lippen- und Zungen-Logo.
Platte auflegen, Nadel aufsetzen und… über den Wiedererkennungswert der Rolling Stones muss ich hier nichts sagen. Der Anfang von „Brown Sugar“ lässt keinen Zweifel: Das sind die Stones. Unwiderstehliche Gitarrenarbeit von Keith Richards und angenehm rockig. Allerdings ist „Brown Sugar“ auch ein gutes Beispiel dafür, warum ich die Stones nicht in den Olymp erhebe. Es macht Spaß, hat einen eigenen Sound, klingt für mich aber nach einfachem Partyrock. Als gesamte Nummer überzeugt mich das nicht. „Sway“ ist eine nette 70er-Jahre-Country-Rock-Nummer. Genauso „Wild Horses“. Schön sanft und eine ganz tolle Nummer. Solche Einzelstücke machen den Songkatalog der Stones so wertvoll. Dafür muss man kein großer Fan sein, sondern einfach jemand, der einen guten Song zu schätzen weiß.
„Can’t You Hear Me Knocking“ glänzt wieder durch den Gitarreneinsatz. Guter 70er-Rock, der zum Ende richtig abhebt. Mit so einem Song hätten mich auch die „Black Crowes“ noch 35 Jahre später begeistern können. Man hört daran, dass gute Musik einfach nie aus der Mode kommt. Ein richtig guter Song bleibt ein richtig guter Song. Mit „You Gotta Move“, einem kleinen Blues, endet die erste Seite.
Die zweite Seite startet rockig mit „Bitch“ (die braven und netten Jungs wollten die Stones ja nie sein). Sehr viel ruhiger geht es mit „I Got the Blues“ weiter. Die Begleitung durch Bläser und Orgel kommt bei dem Song richtig gut zur Geltung. Bei „Sister Morphine“ teilen sich Richards, Jagger und Marianne Faithfull die Songwriter-Rechte. Der zunehmende Country-Rock-Einfluss, wie er bei „Dead Flowers“ hörbar ist, wird der Freundschaft von Keith Richards mit Gram Parsons (The Byrds, The Flying Burrito Brothers) zugeschrieben. Das tut der Musik der Stones gut, denn dadurch behalten sie neben den Blues-Nummern zwar ihren uramerikanischen Sound, doch ihre Musik klingt vielseitiger. Die Platte endet mit dem leicht psychedelisch angehauchten „Moonlight Mile“. Insgesamt ist „Sticky Fingers“ ein gutes Beispiel für Rockmusik der 70er Jahre und ein gelungenes Album. (137)

The Rolling Stones – Goats Head Soup (1973)
„Dancing with Mr. D“ ist eine überzeugende Rocknummer. Irgendwie klingen die Stones immer amerikanischer, doch da sie den Blues schon immer liebten, ist das nicht verwunderlich. „100 Years Ago“ hätte auch von The Band stammen können. Jagger und Richards sind als Songautoren deutlich gewachsen. Eine gelungene Rockballade aus den 70ern ist „Coming Down Again“. „Doo Doo Doo Doo Doo (Heartbreaker)“ verbindet Rock und Soul auf gelungene Weise. Ein großer Hit ist „Angie“.
Heartland-Rock hören wir bei „Silver Train“, Blues-Rock bei „Hide Your Love“. Die Country-Ballade „Winter“ ist besonders schön, weil sie zum Ende hin hervorragend produziert und arrangiert ist. Mit einem Hauch von Psych-Rock präsentiert sich „Can You Hear the Music“. Zum Schluss gibt es noch Rock ’n’ Roll mit „Star Star“.
Insgesamt ist es ein gutes Rockalbum der 70er Jahre, wobei die erste Hälfte musikalisch deutlich stärker ist als die zweite. (330)

Caroline Rose - The Art of Forgetting (2023)
Dies ist das fünfte Album der Singer/Songwriterin, die jedoch auch Pop im besten Taylor-Swift-Stil beherrscht. Wer sie, wie ich, beim Traumzeitfestival 2023 live gesehen und gehört hat, kennt die Szene, in der sie zunächst entnervt über den Lärm von der Nachbarbühne war und ihren Auftritt beinahe abgebrochen hätte. Dann wechselte sie aber einfach in den Popstar-Modus und machte als Pop-Entertainerin weiter. Diese Wandlungsfähigkeit der Künstlerin beeindruckte sehr, und auch in ihrer Karriere hat sie diesen Wandel bereits mehrfach vollzogen. Sie begann mit Countrysongs, veröffentlichte dann nach einem Labelwechsel ein Popalbum, sodass man gespannt auf die Mischung auf diesem Album sein kann.
Mit „Love/Lover/Friend“ beginnt das Album sehr ruhig, obwohl der später einsetzende Streichersatz dem Stück einen Art-Rock-Charakter verleiht. Mit viel Indie-Charme folgt „Rebirth“. Caroline Rose präsentiert sich hier weder als Popstar noch als Country-Folk-Sängerin, sondern als Indie-Art-Rock-Musikerin. So viel zur Wandlungsfähigkeit. Damit hat sie meine Erwartungen, die sich nach dem Liveauftritt gebildet hatten, sofort übertroffen.
„Miami“ ist zunächst ein sanfter, entspannter Singer/Songwriter-Song, der im Verlauf jedoch deutlich an Wucht gewinnt, dabei aber leichtfüßig bleibt. Ein Zwischenspiel folgt mit „Better. Than Gold“ – lässiger Indie-Poprock: „Everywhere I go I bring Rain“. Mit merklich weniger Pep, dafür mehr künstlerischem Anspruch kommt „The Doldrums“, das im Verlauf eine recht spannende Dramaturgie aufbaut. Einen Stimmungswechsel bringt „The Kiss“, ein zärtliches, zerbrechliches Musikstück. Dann folgen zwei kurze Stücke: „Cornbread“ (ein Zwischenspiel) und „Stockholme Syndrome“ (lockerer, leichter Dreampop). Kraftvollen, mitreißenden Pop-Rock liefert „Tell me what you want“, ein Song, der mir besonders gut gefällt. Noch ein Zwischenspiel mit „Florida Room“. „Love Song for Myself“ erscheint wieder melancholisch und verträumt. Art-Pop bietet „Jill says“. Zum Schluss fragt Caroline Rose in „Where do I go from here?“ nach ihrem weiteren Weg. Darauf darf man gespannt sein, denn mit diesem Album erweitert sie ihr Schaffen um ein Indie-Art-Pop-Werk. Nach dem ersten Hören würde ich es als überambitioniert bezeichnen. (367)

Diana Ross – Diana (1980)
Produziert wurde das Album von Nile Rodgers und Bernard Edwards, die jedoch den endgültigen Mix und Sound nicht bestimmen konnten, da dieser von Motown und Diana Ross selbst den letzten Schliff erhielt. Der Erfolg gab ihnen wahrscheinlich recht. Mit dem Album wollte Diana Ross ein Discopublikum erobern und sich wohl gegen ihr Image als Soul-Diva weiter behaupten.
„Upside Down“ klingt genau so, wie ein Tanzflächen-Song klingen muss. Er vereint Soul, Rhythmus und Partyfeeling – alles gleichzeitig. Zwar wirkt der Sound heute etwas veraltet, ist aber dennoch zeitlos robust. Das folgende „Tenderness“ ist mir dagegen zu flach geraten. Es gibt hunderte ähnliche Songs aus der Disco-Ära. Auch die Ballade „Friend to Friend“ trifft nicht meinen Geschmack – sie ist etwas zu kitschig.
Es folgt jedoch ein weiterer sehr schöner, besser gesagt richtig guter Song: „I’m Coming Out“. Er ist der zweite Klassiker des Albums, aber leider auch der letzte wirklich überzeugende Titel. „Have Fun (Again)“ ist ganz nett, aber nichts Besonderes. Auch „My Old Piano“ ist nicht wirklich gut und hat den Sprung in die Gegenwart nicht gut überstanden. „Now That You Are Gone“ mit den Disco-Streichern am Anfang klingt verführerisch, verspielt jedoch nach dem Intro alles, da er dann zu schnulzig wird. Der Disco-Fox „Give Up“ schreckt mich ebenfalls ab.
Zwei Klassiker, die man vielleicht schon auf Samplern oder in Playlists gehört hat – mehr bietet das Album nicht. Schade. Keine Kaufempfehlung. (434)
Marlon Roudette – Electric Soul (2014)
Marlon Roudette und Preetesh Hirji waren als Produzenten-Duo Mattafix erfolgreich. Da ich das Album „Rhythm and Hymns“ wirklich sehr mag, wollte ich auch wissen, was Roudette als Solokünstler gemacht hat. Eine Single seines zweiten Albums schaffte es sogar auf Platz 1 der deutschen Single-Charts – diese habe ich also wohl schon einmal gehört. Mal sehen, ob das wirklich so ist.
Ich bin gespannt, ob Roudette als Solokünstler weiterhin diese Mischung aus Popmusik, Weltmusik, Soul und Big-City-Sound fortführt. Vor allem ist die Musik auf dieser CD eine Sammlung von Songs, die alle Radiotauglichkeit besitzen und auf WDR 2 rauf und runter gespielt werden könnten. So klingen die Topproduktionen der letzten fünfundzwanzig Jahre. Musik wie die von Marlon Roudette bringt mich beim Spielen von „Hitster“ leicht durcheinander, weil sie Hörerinnen und Hörer auf der ganzen Welt im Sturm erobert. Trotzdem weiß man am Ende nicht genau, von wem sie stammt, denn solche Musik gibt es in großer Menge. Songs von Popkünstlern der letzten fünfundzwanzig Jahre klingen in ihrer Art irgendwo immer ähnlich: Sie funktionieren, doch ein besonderes Merkmal, das einen Song mit einem Namen verbindet, fehlt oft.
Natürlich erkennt man einen Song aus der Masse, wenn er Hitpotenzial hat. Das ist bei „When the Beats Got Out“ der Fall – den erkennt man definitiv, doch den Namen des Künstlers, der den Song gemacht hat, eher nicht. Das wird Marlon Roudette egal sein: Er lebt jetzt dank dieses und anderer Hits gemütlich in seinem Haus in der Schweiz und genießt vielleicht sein Leben.
Da es sich hier um Musik handelt, die wie gemacht fürs Radio klingt – einfache Hits, Popmusik irgendwo zwischen Dancefloor, Alex Clare, Ed Sheeran, Shawn Mendes und Co – ist jeder Song treffsicher produziert und spricht Menschen an, die sich von moderner Popmusik begeistern lassen. Weil das alles dennoch austauschbar ist, muss ich nicht jeden Song einzeln hervorheben. Es handelt sich um gute Popmusik mit erheblichem Hitpotenzial. Songs wie „Come Along“ und „When the Beats Got Out“ machen aus dem eher unbekannten Marlon Roudette, der anspruchsvollen Pop mit Mattafix machte, einen Popmusiker mit Ausrufezeichen, dessen Musik viele Menschen lange im Ohr behalten – ob sie wollen oder nicht.
Deshalb ist dies weniger eine ausführliche Besprechung dieser CD, sondern eher meine Betrachtung moderner Popmusik. Denn Musikername und CD-Titel sind austauschbar, und dieser Text trifft auf viele Platten mit moderner Popmusik zu.
Fans von Alex Clare werden „Your Only Love“ und „Too Much to Lose“ sehr mögen. „Bodylanguage“ und „These Three Harts“ bieten starke Electro-Big-Beats. Vor Popsongs wie „Flicker“ muss man ebenfalls Respekt haben – er ist fast so gut wie ein Ed Sheeran-Song. Erst ganz am Ende erinnert „Nice Things“ mit Electro-Reggae an sein Frühwerk mit Mattafix. Weil das Album insgesamt jedoch nur wenig mit seiner Arbeit bei Mattafix zu tun hat, ist es für mich eher eine CD für meine Tochter als für mich selbst. 703


RPWL - Beyond Man and Time (2012)
Aus einer Pink-Floyd-Coverband ist eine der erfolgreichsten deutschen Prog-Rock-Bands entstanden. Diese CD bekam ich von einem echten Mega-Prog-Rock-Fan geschenkt und höre sie nun mit erheblicher Verzögerung erstmals an.
Das Album beginnt klanglich recht eindrucksvoll mit dem Introstück „Transformend“. „We are what we are“ überzeugt sofort durch den starken Gitarreneinsatz, entwickelt sich im weiteren Verlauf zu einem schönen, sanften Rocksong. Vom Sound her macht das auf jeden Fall bereits richtig Spaß. Mit 75 Minuten ist die CD prall gefüllt mit Musik, und ich hoffe einfach, dass die Qualität über die gesamte Spielzeit erhalten bleibt. Die Mischung aus Synthesizerklängen und den typischen Instrumenten einer Rockband – Gitarre, Bass, Schlagzeug – bereitet vor allem im langen Instrumentalteil des Stücks großen Hörgenuss. Doch kann das Niveau über die gesamte Länge der CD gehalten werden?
Mit Bluesgitarreneinsatz startet „Beyond Man and Time“, gefolgt vom sanften Einstieg des Sängers und Keyboarders Yogi Lang. Begleitet wird Lang von Gitarrist Kalle Wallner, Marcus Jehle (ebenfalls an den Keyboards), Werner Taus am Bass und Marc Turiaux am Schlagzeug. Musikalisch erreicht das Niveau eine Qualität, die mit den späten Alben von Pink Floyd, geprägt von David Gilmour, vergleichbar ist – und das soll durchaus ein Lob sein.
Auch der Einstieg in „Unchain the Earth“ gefällt mir sofort. Die Gitarren legen schneller los als beim Vorgängerstück – tolle Rockmusik. Dennoch folgt erneut der sanfte Gesang. Kommt nun etwas Langeweile auf? Nicht wirklich, denn der Song entwickelt sich im Refrain wieder kraftvoller. Ich bin außerdem erfreut, dass der Prog-Rock hier nicht zu experimentell oder verkopft klingt. Bei den Werken von Porcupine Tree fühle ich mich meist überfordert. Das ist mir oft zu anstrengend, denn ich möchte beim Hören Spaß haben, von der Musik mitgenommen werden und nicht überfordert sein.
Die Songanfänge sind stets kraftvoll, da scheint der Gitarrist das Heft in der Hand zu haben – und dieses kraftvolle Element reißt mich mit, auch bei „The Ugliest Man in the World“. Doch wird die Energie immer wieder gebremst. Diesmal wechseln sich sanfte und kraftvolle Passagen etwas ausgeprägter ab. Ehrlich gesagt wäre aber auch ein Stück, das komplett durchbrettert, mal wieder ganz schön. Dennoch ist das Stück ein klassischer Prog-Song, der zur Mitte hin im Instrumentalteil an Stärke gewinnt. Sogar genretypische Orgelklänge kommen hier zum Einsatz. Der Gitarrist überzeugt auf ganzer Linie, vielleicht sollte ich doch das in meiner Stadt angekündigte Konzert von „Blind Ego“ besuchen. Eine schnellere Nummer wäre bestimmt auch mal reizvoll. „The Road to Creation“ hat dieses Potenzial und hält, was es verspricht.
Das kürzere Zwischenspiel „Somewhere in Between“ erinnert mich an Genesis mit Peter Gabriel.
Wieder kraftvoller wird es mit „The Shadow“. Die Gesangspassagen wirken allerdings recht ähnlich – aber das ist bei David Gilmour nicht anders. Bei „The Wise in the Desert“ fällt das besonders auf, da mich der Song musikalisch zu Beginn nicht ganz abholt. Dennoch schafft er es im weiteren Verlauf doch noch, meinen Geschmack zu treffen. Schwach gestartet, gut gelandet.
Das abschließende Highlight der Platte ist mit „The Fisherman“ das Opus Magnum. Mit einer Spielzeit von 16:19 Minuten füllt dieses Stück bereits nahezu eine ganze Plattenseite. Es ist eine Hommage an das Prog-Rock-Genre und seine typischen Stilelemente. Dabei klingt es vertraut, wird aber von RPWL mit einer meisterlichen Darbietung präsentiert, die den Geist und die Songs der Urväter des Genres wie Yes, Emerson, Lake & Palmer und andere lebendig werden lässt. Dem Hörer wird bewusst, dass diese Pioniere unauslöschliche Spuren in der Musik hinterlassen haben. Eine solche Verbeugung nehme ich gerne an. Wie ich immer schreibe: Die Stafette aufnehmen und weitertragen, damit diese Musik hoffentlich noch von vielen weiteren Generationen gehört und gespielt wird. Zum Glück nehmen die Väter oft ihre älter gewordenen Kinder mit zu Konzerten, sodass ein generationenübergreifendes Erlebnis entsteht (ich schweife ab). „The Fisherman“ klingt eben so, wie Prog klingen muss.
Das letzte Stück „The Noon“ kommt schneller als gedacht und bietet noch einmal einen ganz entspannten Ausklang.
Danke, Peter, für diese Reise in dein Lieblingsgenre. Ich bin selbst mit ELP groß geworden und immer noch davon geprägt. Das Geschenk behalte ich gerne.

Ruby – Salt Peter (1996)
Die Sängerin Lesley Rankine und der Multiinstrumentalist Mark Walk bilden das Trip-Hop-Projekt Ruby. Die Platte beginnt mit Drum-Beats, hineingemixtem Gesang und entwickelt sich dann zu einer souligen Indie-Elektro-Rock-Nummer namens „Flippin’ the Bird“. So klang Trip-Hop in der Mitte der 90er Jahre. Das Besondere an Ruby ist die soulige Stimme von Lesley Rankine, die das Projekt auch auf den weiteren Alben, von denen es allerdings nicht mehr viele gab, alleine fortführte.
„Salt Water Fish“ wird ebenfalls von den Drums angetrieben, bietet zwar nicht viel Abwechslung, hat aber eine gewisse Sogwirkung, die einen mitzieht. „Heidi“ erinnert an Songs von Björk und zeigt, wie sehr Trip-Hop-Musik mit Stimmungen arbeitet, meist düster oder melancholisch. Wenn die Musik es schafft, den oder die Hörer/in in eine bestimmte Stimmung zu versetzen, funktioniert das sehr gut. Andernfalls kann Trip-Hop schnell langweilig und anstrengend werden. „Heidi“ ist jedoch ein sehr gelungener Song, mit sanftem Gesang, mehr Percussion als Drums und einer eher traurig-ruhigen Grundstimmung.
Das eher rockige Indiestück „Tiny Meat“ gilt als erfolgreichstes Stück der Band. Hier hört man auch, warum der Instrumentalist später nach Seattle zog und Mitglied der Band Skinny Puppy wurde. Mein persönliches Lieblingsstück von Ruby ist das folgende „Paraffin“, eine großartige Indie-Trip-Hop-Nummer: ein wenig sanft, sehr treibend und einfach mitreißend. „Hoops“ ist Indie-Pop. In letzter Zeit behaupte ich in Gesprächen oft, dass ich Trip-Hop-Songs mittlerweile eher langweilig finde und die Musik mich heute nicht mehr so anspricht wie damals, als Trip-Hop noch aktuell war. Häufig empfinde ich die Musik als zu monoton, manchmal zu kopflastig und ab und zu einfach als „nichts für mich“, etwa wegen zu viel Rap, zu wenig musikalischer Einfälle oder schlicht zu viel Disharmonie.
Bei diesem Album jedoch stimmt die Mischung einfach. Nicht alle Songs sind mein Geschmack, aber da die Stücke viel Abwechslung bieten und die Stimmungen auf und ab wechseln, mag ich das sehr. „Pine“ ist richtig gut, überraschend aggressiv und ein sehr spannend aufgebauter Song. Bei „Swallow Baby“ habe ich das Gefühl, dass Mark Walk einfach musikalisch die richtigen Knöpfe drückt. Deshalb hebt sich das Album auch positiv ab: Es rockt, arbeitet aber trotzdem mit interessanten Elektro-Sounds und guten Drum-Rhythmen. Ich bin jetzt schon gespannt, wie ich heute die weiteren Trip-Hop-Alben meiner Sammlung wahrnehme.
Ja, das mag ich alles – auch „The Whole is Equal to Sum of its Parts“ funktioniert. Bei „Bud“ kommt sogar etwas ausgelassenes Swing-Feeling auf. Musiker, die eher verkopft sind – und ich will keine Namen nennen –, die mehr Kunst als Songs schaffen, sollten sich an diesem Album wirklich ein Beispiel nehmen. Denn so funktioniert das, was bei ihnen oft an meinen Gehörgängen scheitert. Den Abschluss macht das fast achtminütige „Carondelet“, das als Absacker und Epilog der Platte sehr gut wirkt. (217)

Gavilán Rayna Russom – The Envoy (2019)
Gavilán Rayna Russom verwendet Synthsounds und elektronisch erzeugte Klänge nicht für Tanzbeats. Vielmehr geht es ihr um Atmosphäre und Stimmung in ihrer elektronischen Musik. Sie war bereits für die analogen Synthklänge des LCD Soundsystem verantwortlich. So erinnert der zweite Song „Kemmer“ auch an ein Stück von Laurie Anderson. Es verwundert daher nicht, dass man die Künstlerin eher in Kunstmuseen und Ausstellungsräumen als in Clubs und Konzerthallen antreffen kann. Die Klangteppiche, die Menschen wie mir aus den frühen Jahren der elektronischen Musik bekannt vorkommen, verbinden sich bei „Envoy“ mit Drone-Musik – bei letzterer werde ich allerdings schnell ungeduldig. Um solche Musik wirklich zu genießen, müsste ich mich schon in einer Kirche oder auf einer verlassenen Industriebrache befinden.
Ganz anders gefallen mir die stürmischen Sequenzer-Passagen bei „Place inside the Blizzard“ – auch wenn diese nur recht kurz stürmisch sind und sich dann im Hall auflösen. Aggressiver klingen die Klänge bei „Strength out of the Dark“.
Die Töne können bei „Center of Time“ einfach fließen und sich frei entfalten. Sofort Spannung baut sich bei „I Bleed, I Weep, I Sweat“ mit den Sequenzerklängen des Stücks auf.
Die Loops und Sequenzer werden bei „Discipline of Presence“ noch verstärkt. Leider passiert, wie auch bei den meisten anderen Stücken der Platte, wenig mehr als zu Beginn des Klangprodukts. Das ist ein Nachteil.
Mit einer Länge von 10:22 Minuten ist der Abschluss „Winter“ zugleich das längste Stück. Man könnte es vielleicht auch als Klanginstallation bezeichnen. Da die Klänge hier allerdings auch hell und ein wenig optimistisch stimmen, lasse ich mir das sogar gern gefallen.
Bis auf das Stück „Kemmer“ bietet das Album vor allem Kunst und richtet sich wohl eher an Fans zeitgenössischer Kunst oder an diejenigen, die elektronische Musik schon kannten, bevor sie zur Tanzmusik wurde. Es eignet sich als Ambient- und Soundtrack für Kunsthallen. (538)

Rustin Man – Clockdust (2020)
Paul Webb war der Bassist der Band „Talk Talk“, Mitglied der Band `O`Rang und hat gemeinsam mit Beth Gibbons das Album „Out of Season“ veröffentlicht. Seit 2019 ist er als Solokünstler aktiv und hat mit „Clockdust“ sein zweites Soloalbum vorgelegt. Das Material stammt aus derselben Aufnahmesession wie das ein Jahr zuvor erschienene Vorgängeralbum „Drift Code“. Eigentlich waren auch Live-Konzerte zu den Platten geplant, die jedoch aufgrund der Corona-Pandemie ausfallen mussten.
Die Songs erinnern mich an den Canterbury-Folk der späten 1960er Jahre, der von Musikern wie Robert Wyatt geprägt wurde. Sanfte Klänge, die gelegentlich eine psychedelische Schrägheit annehmen, treffen hier auf harmonischen Indierock, wie ihn Bands wie „Elbow“ spielen. Die Songs sind ansprechend produziert und musiziert, doch eine breite Hörerschaft wird Paul Webb damit vermutlich nicht erreichen. Seine Musik richtet sich eher an Liebhaber und Kenner, ist aber keineswegs massentauglich, denn sie ist zu sperrig. Live hätte ich seine Musik sehr gern erlebt – zum Glück war ich damals auf einem der Konzerte, die er zusammen mit Beth Gibbons gab. Das liegt allerdings wohl bereits mehr als 20 Jahre zurück.
Besonders wünsche ich mir, dass sanfte Folk-Progrock-Songs wie „Love Turns Her On“ von möglichst vielen gehört werden, denn dieses Stück ist wirklich gelungen. Wer Folk, etwas von Tom Waits, psychedelischen und teils verkopften Jazzrock sowie Progrock mag, wird auf diesem Album einige sehr gute Songs entdecken. Man könnte die Musik auch als experimentellen Indierock bezeichnen, der stellenweise sogar nach David Bowie klingt. Das muss man mögen – ich mag es. (331)